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Full text of "Zeitschrift fur Naturwissenschaften"

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HARVARD   UNIVERSITY 


LIBRARY 


OF  THE 

MUSEUM   OF  COMPARATIVE  ZOÖLOGY 


:^  VC:)' 


FtB    8  '  1927 
ZeitscliLrift 

für 


Naturwissenschaften 


Im  Auftrage  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  für  Sachsen 
und  Thüringen  und  unter  Mitwirkung  von 

Geh.  Bergrath  Dunker,  Prof.  Dr.  Freih.  TOn  Fritsch,  Prof.  Dr.  Garcke, 

Geh.  Rath   Prof.   Dr.   Knoblauch,    Geh.  Rath  Prof.  Dr.  Lenckart, 

Prof.  Dr.  E.  Schmidt  und  Prof.  Dr.  Zopf 

herausgegeben  von 

Dr.  O.  Luedecke, 

Professor  an  der  Universität  Halle. 


63.    Band. 

CFnnfte  Polge.    Erster  Band.) 


[it  fünf  Tafeln. 


-<-*^ — ♦ — ^-v- 


Halle- Saale. 

C.  E.  M.  Pfeffer  (Robert  Stricker). 

1890. 


Inhalt  des  63.  Bandes. 


Autorenregister. 

Abhandlungen. 

Seite 

Dr.  Leopold  B  öttger,  Geschichtliche  Darstellung  unserer  Kennt- 

niss  und  Meinungen  von  den  Korallenbauten 241 

Geh.  Bergrath  E.  D  unk  er  in  Halle,  üeber  ein  Vorkommen  von 

Kry stallen  in  der  Formation  des  Keupers     ...  .    125 

Prof.  Dr.  A.  Garcke,  Wie  viel  Arten  von  Wissadula  giebt  es?     113 

Georg  Koenig,  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  aus  den 
Wurzeln  von  Sanguinaria  canadensis  und  Chelidonium 
majus 369 

Prof.  Dr.  0.  Luedecke,  Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype      42 

Dr.  Hugo  Naue  aus  Oranienbaum,  Ueber  Bau  und  Entwicklung 

der  Kiemen  der  Froschlarven  mit  Tafel  II  u.  III      ...    129 

Privatdocent  Dr.  Schmidt  in  Halle,  Die  Einwirkung  des  Blitz- 
schlages auf  verschiedene  Baumarten 818 

Dr.  Erwin  Schulze,  Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen, 

Anhalt,  Braunschweig,  Hannover  und  Thüringen  ....      97 

Dr.  Wohltmannin  Göttingen,  Ein  Beitrag  zu  den  Muschelbergen, 

Sambaquis,  an  der  Ostküste  Brasiliens.  Mit  Tafel  IV  u.  V    305 

Dr.  E.  Zache,  Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der 
diluvialen  Moraene  in  den  Ländern  Teltow  und  Barnim- 
Lebus.    Mit  Tafel  1 1 


U.  Sächsisch-Thüringische  Literatur. 

Dr.  F.  Bey schlag.  Die  Erzlagerstätten  von  Kamsdorf     ...      62 

Dr.  J,  G.  Bornemann,  Ueber  den  Buntsandstein  in  Deutsch- 
land, seine  Bedeutung  für  die  Trias  nebst  Untersuchungen 
über  Sand  und  Sandsteinbildungen  im  Allgemeinen  ...      67 

Dr.  L.  G.  Bornemann,  Ueber  einige  neue  Vorkommnisse  basal- 
tischer Gesteine  zwischen  Gerstungen  und  Eisenach     .     .    194 

Prof.  Dr.  H.  Bücking,  Mittheilungen  über  Eruptivgesteine  der 

Section  Schmalkalden 192 

Prof.    Dr.    Bücking,    Glaserit,    Bloedit,    Kainit,    Boracit    von 

Douglashall  . 57 

Cesaro,  Ueber  das  ditetragonale  Prisma   am   Apophyllit   von 

St.  Andreasberg 327 

Prof.  Dr.  W.  Dam  es,  Anarosaurus  pumilio  nov.  gen.  nov.  spee.    327 
—    Cervus  euryceros  von  Rixdorf  bei  Berlin 435 


IV  Inhalt. 

Seite 

P.  Dietel,  Die  Uredineen  bei  Leipzig 198 

Geh.  Ober-Bergrath  E.  D unk  er,  Temperaturbeobachtungen  im 

Bohrloch  von  Schladebach 68 

P.  Ehrmann,  Zusammenstellung  der  Leipziger  Schnecken    .     .    198 
W.  Frantzen  in  Meiningen,  Untersuchungen  über   die    Gliede- 
rung des  unteren  Muschelkalks  in  Westfalen  u.  Hannover    18(> 
W.  Frantzen  u,  A.  v.  Koenen,  Ueber  die  Gliederung  des  Wel- 
lenkalks im  mittleren  und  nordwestlichen  Deutschland     .    184 
Prof.  Dr.  K.  von  Fritach,  Die  Tertiärformation  Mittel-Deutsch- 
lands     180 

C.  G.  Friederich,  Naturgeschichte  der  deutschen  Vögel  69  u.  328 
Dr.  H.  Keilhack  in  Berlin,  Ueber   einen   Damhirsch   aus   dem 

märkischen  Diluvium  bei  Beizig 195 

Dr.  Koch  in  Berlin,    Geologische   Aufnahmen   im   N.  0.  Theile 

des  Blattes  Zellerfeld 321 

G.  Latte  rmann  in  Berlin,  Die  Lautenthaler  Soolquelle  und  ihre 

Absätze lT7 

E.  Liebe  trau  in  Gotha,  Beiträge    zur  Kenntniss    des    unteren 

Muschelk.'ilks  bei  Jena 429 

Dr.  H.  Loretz  in  Berlin,    Der   Zechstein   in    der    Gegend  von 

Blankenburg  und  Königsee  am  Thiiringerwalde     ....    435 

—  Ueber  einige  Eruptivgesteine  des  Eothliegenden  im  S.  0. 
Thüringer  Walde 189 

—  Ueber  dfis  Vorkommen  von  Kersantit  und  Glimmerpor- 
phyrit  in  derselben  Gangspalte  bei  Unterneubrunn  .     .    .     191 

Prof.  Dr.  K.  A.  Lossen,  Geologische  Aufnahmen   im  Brocken- 
Massiv  und  bei  Harzburg 317 

Mügge   und    Müller,    Ein   neuer    Orthoklaszwilling    aus    dem 

Fichtelgebirge 427 

Dr.  Arth.  Petry,    Vegetations  -  Verhältnisse     des    Kyffhäuser- 

gebirges • 72 

Prof.  Picard  in  Sondershausen,    Ueber    einige    seltene    Petre- 

faeten  aus  dem  Muschelkalk 325 

Prof.  Dr.  Eeidemeister,  Mineralogische  Notizen 67 

Ders.,  Eine  mineralogische  Wanderung  durch  den  östlichen  Harz  67 
Dr.  Rinne  und  Prof.  Jannasch,  Ueber  Heulandit  .....  58 
Carl  R  u  s  s ,  Das  heimische  Naturleben  im  Kreislauf  des  Jahres  71  u.  329 
A.  Sauer  und  N.  V.  Ussing,  Ueber    einfachen    Mikroklin   aus 

dem  Pegmatit  von  Gasern  unterhalb  Meissen 427 

Dr.  R.  Scheibe  und  Dr.  Zimmermann  in    Berlin,    Geognosie 
der  Gegend  des  Hmthales  zwischen   Schneidemüllerskopf 

und  Ilmenau 187 

Leop.  Scheidt,  Vögel  unserer  Heimath 327 

Hans  Schillbach  in  Jena,  Mikroskopische   Untersuchung    des 

Wellenkalks  bei  Jena 431 

Prof.   Dr.  Schreiber  in   Magdeburg,   Glacialerscheinungen   in 

Magdeburg 326 

—  Die  Bodenverhältnisse  im  Bereiche  des  Ringstrassen-  und 
Nordfront-Canals  in  Magdeburg 65 

—  Der  Grundwasserstand  in  Magdeburg 65 

—  Die  Hafenanlage  bei  Neustadt-Magdeburg 66 

—  Die  Bodenverhältnisse  von  Magdeburg-Neustadt  und  deren 
Einfluss  auf  die  Bevölkerung.  Mit  einer  geologischen 
Karte 66 

Dir.  Dr.  Schroeder,  Unio  Koesteri  n.  sp.  v.  Möckern     ...  72 

H.  Schucht,  Geologie  des  Ockerthals      327 

Dr.  Erwin  Schulze  in  Potsdam,  Fauna  piscium  Germaniae  .  .  196 
Dr.  H.  Simroth,    Privatdocent   in    Leipzig.     Verbreitung   von 

Emys  europaea 197 


Inhalt. 


Seite 

Derselbe,  Ueber  Verbreitung  des  Sperlings 197 

M.  Voll  er  t,   Der  Braunkohlenbergbau.     Festschrift   zum    IV. 

Allgem.  Bergmannstag  in  Halle  a.  S .    184 

Dr.   Zimmermann,    Geologisches    vom   nördlichen   Thüringer 

Walde:  Aufnahmen  auf  Blatt  Crawinkel 323 


III.  Aligemeine  Literatur. 

Dr.  C.  Arnold,  Repetitorium  der  Chemie 207 

Bessel,  Untersuchungen  über  die  Länge  des    Sekundenpeudels  387 

Dr.  Boas,  Lehrbuch  der  Zoologie       223 

W.  Büchner,  Zwei  Materien  mit  3  Fundamentalgesetzen      .     .  346 
Bütschli,  Ueber  den  Bau  der  Bacterien  und  verwandter  Orga- 
nismen        213 

Dr.  E.  J.  Doliarius,  Janus,  ein  immerwährender  Datumweiser 

für  alle  Jahrhunderte 347 

Dr.  Eug,  Dreher,  Der  Hypnotismus,  seine  Stellung  zum  Aber- 
glauben und  zur  Wissenschaft 199 

Dr.  Eb.  Fr  aas,  Geologie  in  kurzem  Auszuge    für  Schulen   und 

zur  Selbstbelehrung 354 

Dr.  A.  B.  Frank,  Prof.  an  der  Königl.  Landwirthschaftl.  Hoch- 
schule, Lehrbuch  der  Pflanzenphysiologie   mit  besonderer 

Berücksichtigung  der  Cultuvpflanzen 357 

Dr.  H.  G.  Francke,  Die  Kreuzotter  etc 80 

Prof.  Dr.  Anton  Fritsch,  Fauna  der  Gaskohle   und  Kalksteine 

der  Permformation  Böhmens 211 

Gauss,  Allgemeine  Flächentheorie 338 

Gay-Lussac,  Untersuchungen  über  das  Jod 204 

Oecon.-Rath    E.  Göthe,   Bericht  der   Königl.   Lehr- Anstalt   für 

Obst-  und  Weinbau  zu  Geisenheim  1888/89       229 

Prof.  Dr.  F.  Götte,  Entwickelung  des  Flussneunauges  ....  215 

Prof.  Dr.  Fr.  Goppelsdorf  er,  Ueber  Capillar- Analyse     ...  83 
Prof.  Dr.   Siegmund    Günther,   Handbuch  der    mathematischen 

Geographie 334 

Dr.  F.  Hantschel,   Botanischer    Wegweiser    im    Gebiete    des 

nordböhmischen  Excursionsciubs 447 

Hat  sc  hei,  Lehrbuch  der  Zoologie 220 

G.  V.  Hayek,  Handbuch  der  Zoologie 217 

Prof.  Dr.  Ilelmholtz,  Ueber  Erhaltung  der  Kraft 336 

F.  Hoeck,  Die  2^ährpflanzen  Mittel-Europas 348 

J.  C.  Houzeau    u.    A.  Lancaster,  Bibliographie  generale  de 

Tastronomie 213 

Igelström,  Pyrrhoarsenit 210 

John,  Bohrende  Seeigel    ., 224 

Dr.  Fr.  Katzer,  Geologie  Böhmens,  II.  Abtheilung 75 

H.  Kays  er,  Lehrbuch  der  Physik  für  Studirende 340 

Prof.  Kirchhoff,  Forschungen  zur  deutschen  Landeskunde  .  _.  348 
Ludwig  Klein,  Vergleichende  Untersuchungen  über  Morphologie 

und  Biologie  der  Fortpflanzung    beider  Gattungen  Volvox  356 

Dr.  J.  Klein,  Elemente  der  forensisch-chemischen  Analyse       .  205 

L.  Kny,  Ueber  Laubfärbungen 82 

H.  J.  Kolbe,  Einführung  in  die  Kenntniss  der  Insekten    .     78  u.  446 
Dr.  M.  Krass  und  Prof.  Dr.  Landois,  Lehrbuch   der  Botanik 

für  den  Unterricht  in  Gymnasien 87 

Curd  Lasswitz,  Geschichte  der  Atomistik   vom  Mittelalter  bis 

Newton.    2  Bände 330 

Dr.  S.  Levy,  Anleitung   zur  Darstellung  organischer  Präparate  441 


YI  Inhalt. 

,  Seite 

Lieb  enmjinB,   Die   Schiinnielmycosen  des  menschlichen  Ohres  226 

Prof.  Dr.  Loew,  Anleitung  zu  blüthenbiologischen  Beobachtungen  86 
Ferd.  Maack,  Zur  Eir.führung  in  das  Studium  des  Hypnotismus 

und  thierischen  Magnetismus 19& 

X:t.  Markt  anner-Turner  etscher,   Die  Mikrophotographie  als 

Hilfsmittel  naturwissenschaftlicher  Forschung 444 

—  Die  Hydroiden  des  k.  k.  naturhistorischen  Hofmuseums    .  447 
A.  B.  Meyer,    Der    Knochenentfettungsapparat    des    königlichen 

zoologischen  Museums  zu  Dresden 446 

M.  Mo  hl  er,  Report  of  the  Kansas  State   Board  of  Agriculture      82 
Albert  K.  v.  Müller -Hauenfels,  Richtigstellung  der  in  bisheriger 
Fassung    unrichtigen    mechanischen    Wärmetheorie    und 
Grundzüge  eJnerallgemeinen  Theorie  der  Aetherbewegungen    345 
Prof,   Julian   >;  iedz  wiedz  ki,    Beitrag   zur   Salzformation   von 

Wieliczka  und  Bochnia 349 

Ober-Appellations-Rath  Dr.  phil.  C.  Nöldecke  in  Celle,  Flora 

des  Fürstenthums  Lüneburg 358 

Heinrich  Ohrt,  Die  grossherzoglichen   Gärten  und  Parkanlagen 

in  Oldenburg 359 

Prof.  Ostwald,  Classiker  der  exacten  Wissenschaften  203.    335 

Dr.  B.  Plüss,  Leitfaden  der  Naturgeschichte 440 

Dr.  H.  D,  Potonie,  Die  systematische  Zugehörigkeit  der  Hölzer 

vom  Typus  Araucarioxylon  i.  d.  palaeolithischenFormationen  77 
Die  Projectionskunst  für  Schulen,  öffentl.  Vorstellungen  etc.  75 
Otto  von  Rath,  Ueber  Fortpflanzung  der  Chilopoden  ....  355 
Prof.  Ira  Rem  sen,  Grundzüge  der  theoretischen  Chemie  .  .  205 
Roscoe  und  Schorlemmer,  Ausführliches  Lehrbuch  II.     .     .    206 

Th.  Rümplcr,  Ilhistrivtes  Gartenbaulexikon 360 

Prof.  v.  Sandberger,  Uebersicht  der  Versteinerungen  derTrias- 

formation  Unterfrankens 354 

Carl  Schaedler,  Untersuchungen  der  Fette,  Oele  etc.  .  .  .  209 
Dr.  G.  Seh  n  ei  de  mü  hl,  Thiermedicinische  Vorträge     ....    225 

Dr.  K.  Schumann,  Die  Ameisenpflanzen 81 

A.  Sprockhoff,  Grundzüge  der  Physik 339 

Prof.  Dr.  G.  Steinmann    und   Dr.   L.  Doederlein,   Elemente 

der  Palaeontologie 77 

J.  J.  Thomson,  Anwendung  der  Dynamik  auf  Physik  u.  Chemie    243 
Dr.  W.  Ule,  Die  Tiefenverhältnisse  der  Masurischen  Seeen   .    .      75 
Prof.  Dr.  H.  W.  Vogel,  Handbuch   der  Photographie.    I.  Theil 
Photochemie  und  Beschreibung  der  photographischen  Che- 
mikalien    443 

J.  G.  Voigt,  Die  Geistesthätigkeit  des  Menschen  und  die  me- 
chanischen Bedingungen  der  bewussten  Empfindungs- 
äusserung  auf  Grund  einer   einheitlichen  Weltanschauung    200 

—  Das  Empfindungsprincip  und  die  Entstehung   des  Lebens 

auf  Grund  eines  einheitlichen  Substanzbegriffs      ....  200 

H.  Weber,  Electrodynaniik 342 

Dr.  M.  Wildermann,  Jahrbuch  der  Naturwissenschaften  1889/90  440 

Dr.  Robert  Wittmann,  Bacterien  und  die  Art  ihrer  Untersuchung  80 
Dr.    Otto  Zacharias,    Zur   Kenntniss   der   niederen    Thierwelt 

des  Riesengebirges 348 


Neu  erschienene  Werke  Seite  81,  233,  361,  451. 


Druckfehler:  S.  51  vorletzte  Zeile muss  es  heissen  elliptisch 
polarisirtes,  nicht  circular  polarisirtes  Licht,  u.  Seite  345  Haumfels 
Btatt  Hannfeld. 


ZeitscliLrift 

für 

Naturwissenschaften, 


Im  Auftrage  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  für  Sachsen 
und  Thüringen  und  unter  Mitwirlcung  von 

Geh.  Bergrath  Dunker,  Prof.  Dr.  Freih.  TOn  Fritsch,  Prof.  Dr.  Garcke, 

Geh.  Rath   Prof.   Dr.   Knoblauch,    Geh.  Rath  Prof.  Dr.  leuckai't, 

Prof.  Dr.  E.  Scliuiidt  und  Prof.  Dr.  Zopf 

herausgegeben  von 

Dr.  O.  Luedecke, 

Professor  an  der  Universität  Halle. 


63.    B  a  IX  tl. 

i.Fünfte  Folge.    Erster  Band.' 

Erstes  Heft. 


Ausgabe  für  Vereinsmitglieder. 


-^tS    Mit    einer    Tafel.    Ssc^ 


Halle -Saale. 

C.  E.  M.  Pfeffer  (Robert  Stricker). 

1890. 


I  n  h.  a  1 1. 


I.  Abhandlungen.  seite 

Prof.  Dr.  0.  Liie de ck e ,  Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype  42 
Dr.  E.  Zacl^e.  Ueber  den  Verlauf  und   die  Herausbildung  der 
d^iluviaien  Moraöne   in  den  Ländern  Teltow  und  Barnim- 

Lebus.    Mit  Tafel  I .  1 

IL  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

Dr.  F.  Beyschlag,  Die  Erzlagerstätten  von  Kamsdorf     ...  62 
Dr.  J.  G.  Bornemann,   Ueber   den   Buntsandstein  in  Deutscli- 
land,  seine  Bedeutung  für  die  Trias  nebst  Untersuchungen 

über  Sand  und  Sandsteinbildungen  im  Allgemeinen     .     .  67 
Prof.   Dr.    Bückin g,   Glaserit,   Bloedit,    Kainit,    Boracit   von 

Douglashall 57 

Gell.   Ober-Bergrath    E.    D  unk  er,    Temperaturbeobachtungen  . 

im  Bohrloch  von  Schladebach 68 

C.  G.  Friederich,  Naturgeschichte  der  deutschen  Vögel     .     .  •     69 
Dr.   Arth.  Petry,   Vegetations- Verhältnisse    des    Kyffhäuser- 

sebirges 72 

Prof.  Dr.  Reidemeister,  Mineralogische  Notizen    .....  67 

—    Eine  mineralogische  Wanderung  durch  den  östlichen  Harz.  67 

Dr.  Rinne  und  Prof.  Jannasch,  Ueber  Heulandit 58 

Carl  Russ,  Das  heimische  Naturleben  im  Kreislauf  des  Jahres  71 
Prof  Dr.  Schreiber,  Die  Bodenverhältnisse  im  Bereiche   des 

Ringstrassen-  und  Nordfront- Canals  in  Magdeburg  ...  65 

Derselbe,   Der  Grundwasserstand  in  Magdeburg 65 

„             Die  Hafenanlage  bei  Neustadt -Magdeburg     ...  66 
„             Die    Bodenverhältnisse    von    Magdeburg- Neustadt 
und   deren   Einfluss    auf   die  Bevölkerung.    Mit 

einer  geologischen  Karte 66 

Dir.  Dr.  Schroeder,  Unio  Koesteri  n.  sp.  v.  Muckern    ...  72 

III.  Allgemeine  Literatur. 

Dr.  H.  G.  Francke,  Die  Kreuzotter  etc 80 

Prof.  Dr.  Fr.  Gopp elsdorfer,  Ueber  Capillar- Analyse   ...  83 

Dr.  Fr.  K  atz  er,  Geologie  Böhmens.    II.  Abtheilung     ....  75 

L.  Kny,  Ueber  Laubfärbungen 82 

H.  J.  Kolbe,  Einführung;  in  die  Kenntniss  der  Insecten  ...  78 
Dr.  M.  Krass  und  Prof.  Dr.  Landois,  Lehrbuch  der  Botanik 

für  den  Unterriclit  in  Gymnasien  . 87 

Prof.   Dr.    Loew,   Anleitung    zu   blüthenbiologischen  Beobach- 
tungen   86 

M.  Mo  hier,   Report  of  the  Kansas  State  Board  of  Agriculture  82 
Dr.  H.  D.Potonie,  Die  systematische  Zugehörigkeit  der  Hölzer 

vom  Typus  Araucarioxylon  i.  d.  palaeolithischenFormationen  77 

Die  Projectionskunst  für  Schulen,  öffentl.  Vorstellungen  etc.  75 

Dr.  K.  Schumann,  Die  Ameisenpflanzen .  81 

Prof.  Dr.   G.   Steinmann  und  Dr.  L.  Doederlein,  Elemente 

der  Palaeontologie 77 

Dr.  W.  Ule,  Die  Tiefenverhältnisse  der  Masurischen  Seeen.     .  75 

Dr.  Rob.  Wittmann,  Bacterien  und  die  Art  ihrer  Untersuchung  80 

Neu  erschienene  Werke 88 


Druckfehler:   S.  51  vorletzte  Zeile  muss  es  heissen  elliptisch 
polarisirtes,  nicht  circular  polarisirtes  Licht. 


Ankündigung. 

Seit  dem  Jalii-e  1853  erscheint  in  Halle  die  Zeitsclu^ift 
für  Naturwissenschaften*),  deren  Herausgabe  vom  jeweiligen 
Vorstände  des  natiu'wissenschaftKchen  Vereins  für  Sachsen  imd 
Thüringen  besorgt  wii'd.  In  derselben  ist  seither  eine  grosse 
Reihe  wichtiger,  die  NaturgescMchte  Mitteldeutschlands  be- 
treffender Abhandlungen  veröffentlicht. 

Gleich  im  ersten  Bande  finden  sich  höchst  bemerkens- 
werthe  Abhandlungen:  so  die  fiir  die  Meteorologie  so  wich- 
tigen über  die  Luftelekiricität  uticl  die  Windrichtimg  hei  Halle 
und  im  mittleren  Europa  —  auf  dem  Gebiete  der  Mineralogie 
und  Geologie:  Bischofs  Abhildungen  der  hei  Bernhur g  vor- 
kommenden Sigillaria  Sternhergi^  Giehel^  Entdeckung  des 
Ammonites  Dux  im  Muschelkalke  von  Schraplau  und  Mit- 
theüung  Hier  tertiäre  Pßanzen  von  Bernhurg^  Ulrich^  Voltait 
vom  Rammelsherge  hei  Goslar  und  Deike^  Roggenstein  hei 
Bernhur g  —  die  Zoologie  wird  vertreten  durch  Giehel, 
Munter  und  Schmidt,  welche  über  Anatomie  der  Wirbel- 
thiere  und  Schnecken  berichten  —  die  Botanik  diu-ch  Garcke 
füher  MalvaceenJ. 


*)  Zeitschrift  für  Naturwissenschaften.  Im  Auftrage 
des  naturwissenschaftlichen  Vereins  für  Sachsen  und  Thüringen  in 
Halle  und  unter  Mitwirkung  von  Geh.  Bergrath  Dunker,  Prof.  Dr. 
Freih.  v.  F ritsch,  Prof.  Dr.  Garcke,  Geh.  Rath  Prof.  Dr.  Knob- 
lauch, Geh.  Rath  Prof.  Dr.  Leuckart,  Prof.  Dr.  E.  Schmidt  und 
Prof.  Dr.  Zopf.  Herausgegeben  von  Prof.  Dr.  0.  Lue  decke.  Verlag 
von  C.  E.  M.  Pfeffer  (Robert  Stricker)  in  Halle. 

Vom  63.  Bande  an  beträgt  der  Abonnementspreis  jedes  Bandes 
von  sechs  Heften  12  Mark. 


Zeitschrift  für  Naturwissenschaften. 


Neben  diesen  für  die  Naturgeschichte  unseres  mittel- 
deutschen Vaterlandes  bedeutsamen  Original -Abhandlungen 
brachte  der  Band  eine  Menge  ausfülirücher  Auszüge  und  Be- 
richte, die  den  Leser  in  der  Natui-geschichte  auf  dem  Laufen- 
den erhielten. 

Aehnlich  ist  der  Inhalt  der  folgenden  61  Bände,  welche 
unter  der  sorglichen  Redaktion  der  Professoren  an  der  Univer- 
sität Halle:  Griebel,  Heintz,  Siewert,  von  Fritsch, 
Schmidt,  Knoblauch,  Zopf  und  Luedecke  erschienen 
sind. 

Ein  ungehem'es  Material,  auf  dessen  zahli-eichen  und  ge- 
diegenen Inhalt  wü'  hier  leider  nicht  näher  eingehen  können, 
ist  in  dieser  grossen  Anzahl  Bände  niedergelegt,  so  dass  die 
Zeitschi'ift  die 

werthvollste  Quelle  für  die  Naturgeschichte 
Mitteldeutschlands 

darstellt,  welche  jedem  Forscher  zm*  Hand  sein  muss,  wenn  er 
sich  mit  Erfolg  auf  dem  Grebiete  der  Natui-geschichte  bethä- 
tigen  wül. 

Vom  63.  Bande  ab  besorgt  Herr  Prof.  Dr.  Luedecke  die 
Herausgabe,  welchem  es  gelungen  ist,  neben  den  bewährten 
Kräften,  welche  bisher  die  Redaktion  unterstützten,  eine  Eeüie 
jüngerer  akademischer  Herren  zur  Mitwü^kung  heranzuziehen. 

Enthielten  die  früheren  Bände  gleichzeitig  die  Sitzungs- 
berichte des  naturwissenschafthchen  Vereins  füi'  Sachsen  und 
Thüringen,  welche  für  die  Mtgiieder  dieses  Vereins  wichtig 
sind,  so  werden  dieselben  künftig  nicht  weiter  in  der  Zeit- 
schi ift  erschemen,  vielmehr  als  selbstständiger  Monatsbericht 
herausgegeben  werden.  So  wü'd  es  möglich  sein  fiir  die 
Referate  über  einheimische  Naturgeschichte  unter  der  Rubrik 

Sächsisch-  Thüringische  Litteratur 

einen  gi-össeren  Raum  zu  gewinnen  und  sämmtliche  Er- 
scheinungen —  eingeschlossen  die  in  Blättern  zerstreuten 
—  welche  Provinz  Sachsen  und  Thüringen  betreffen,  aus- 
führlich zu  besprechen.    Es  bleibt  somit  der  Leser  stets 


Verlag  von  0.  E.  M.  Pfeffer  (Robert  Stricker)  in  Halle -Saale. 


^:- 


C6 


Zeitschrift  für  Naturwissenschaften. 


orientii't  und  es  gestaltet  sich  so  die  Zeitsclu'ift  zu  einem 
Organ,  welches  Vielen  unentbehi'hch  werden  wü^d.  Bei 
der  gi'ossen  Bedeutung,  die  gerade  Thtii'iugen  auf  dem  Gebiete 
der  Geschichte  der  Geologie  imd  der  Harz  in  der  Entwicke- 
lung  der  Mineralogie  erlangt  haben,  düifte  diese  wichtige 
Quelle  auch  füi'  weitere  Kreise  von  höchstem  Interesse  seiu. 
Die  Originalaufsätze,  denen  zur  Illustration  eine 
Eeihe  von  Tafeln  beigegeben  sind,  erscheinen  in  der  bisherigen 
Weise  weiter,  neben  diesen  soU  der  Leser  durch  zahlreiche 
Berichte  auf  dem  Gebiete  der  allgemeinen  Litteratur 
unterrichtet  werden;  eine  ausführliche  Bibliographie  der 
neu  erschienenen  Bücher  des  In-  und  Auslandes  wü'd  den 
Schluss  bilden. 

Die  Zeitschi'ift  füi-  Natm^wissenschaften  erscheint  jährlich 
IQ  6  Heften,  welche  etuen  Band  büden.  Der  Preis  eines 
solchen  Bandes  beträgt  12  Mark. 

Jede  gute  Buchhandlung  des  In-  und  Auslandes  nimmt 
Bestellungen  entgegen;  bei  directer  Einsendung  des  Betrages 
bewirkt  auch  die  Verlagsbuchhandlung  directe  Zusendung  der 
erscheinenden  Hefte. 

Halle -Saale. 

Redaktion  und  Verlag. 


An  die  Buchhandlung 


Unterzeichneter  subscribirt  hierdurch  auf  die 

Zeitschrift  für  Naturwissenschaften.  Band  63  und  Folge. 
(Verlag  von  C.  E.  M.  Pfeffer  —  Robert  Stricker  — 
in  Halle -Saale.) 

Ort  und  Datum:  Name: 


TJeber  den  Verlauf  und  die  Heransbildung 

der  diluYialen  Moräne  in  den  Ländern  Teltow  und 

Barnim -Lebus. 

Mit  einer  Karte  und  einem  Höhenprofil. 

Von 

Dr.  E.  Zache. 


In  einem  früheren  Aufsätze  dieser  Zeitschrift  (Bd.  61 
S.  39)  habe  ich  den  Südrand  der  neumärkischen  Hochebene 
beschrieben;  die  folgenden  Zeilen  sollen  eine  geologische 
Darstellung  der  Plateaus  bringen,  welche  den  wesentlich- 
sten Theil  der  Kreise  Teltow,  Ober-,  Nieder- Barnim  und 
Lebus  ausmachen. 

Es  handelt  sich  daher  hier  um  ein  Gebiet,  das  begrenzt 
ist,  im  Norden  von  dem  Thale  des  Finow-Canales,  im 
ganzen  Westen  von  dem  Thale  der  Havel,  im  Süden  sowohl 
von  dem  zusammenhängenden  System  von  Niederungen, 
welche  durch  die  Nuthe  zur  Havel  und  durch  die  Notte 
zur  Spree  entwässern ,  als  auch  von  dem  unteren  Theile 
der  Dahme  in  Verbindung  mit  der  mittleren  Spree  und  im 
Nordosten  endlich  von  dem  breiten  Thale  der  Oder;  es 
umfasst  die  Mitte  der  Mark  und  liegt  zwischen  30*^51' 
und  320  15'  ö.  L.  und  52  0  15'  und  52  0  51'  n.  Br. 

Die  alte  Bezeichnung  „Land"  begreift  nur  die  Hoch- 
flächen, während  die  heutige  Kreiseintheilung  über  diesel- 
ben hinausreieht.  Nach  Berghaus  ^)  beträgt  die  Grösse  des 
Landes  Teltow  15  Quadratmeilen  und  die  des  Barnim - 
Lebus  6Q  Quadratmeilen. 


1)  Bergbaus,    Landbuch    der   Mark    Brandenburg.     Berlin  1854. 
Bd.  I.  S.  469  u.  Bd.  II.  S.  161. 

Zeitschrift  f.  Natuiwiss.  Bd.  LXIII  1890.  1 


2  E.  Zache: 

Da  die  grossen  Geschiebe  das  erste  waren,  wodurch 
die  Aufmerksamkeit  der  alten  Schriftsteller  auf  die  Geo- 
logie dieses  Gebietes  hingelenkt  wurde,  so  habe  ich  zu- 
nächst gesucht  in  der  älteren  Litteratur  sichere  Angaben 
über  den  Steinreichthum  zu  finden.  Wo  eine  bestimmte 
Stelle  angeführt  ist,  werde  ich  die  Notiz  in  der  Arbeit 
selbst  bringen;  im  allgemeinen  kommen  in  Betracht:  Leh- 
mann i):  „Ich  komme  Berlin  näher,  ich  finde  auf  den  Fel- 
dern da  herum  schöne  Versteinerungen,  besonders  zeigen 
die  Leimgruben  daselbst  deren  sehr  viele,  welche  eine 
schöne  Politur  annehmen.'^  Borgstede^):  „Es  giebt  bei  uns 
überall  zerstreute  Bruchstücke  von  Steinen  von  vielerlei 
Gebirgsarten ,  welche  durch  die  Fluten  unter  den  Sand  zu- 
sammengeschwemmt sind.  Wenn  sie  durch  Regen  und 
Stürme  vom  Sande  entblösst  werden,  findet  man  sie  oft  so 
dicht  und  in  solcher  Menge  beisammen,  dass  sie  ganze 
Flächen  und  tiefe  Steinbrüche  ausmachen.^'  Schultz  ■■^): 
„Wie  in  der  Lüneburger  Heide,  so  auch  in  den  Marken 
finden  sich  mehr  in  einzelnen  Distrikten  vorwaltend,  z.  B. 
zwischen  Leuenberg  und  Dannenberg  auf  der  zweiten  Hälfte 
des  Weges  von  Berlin  nach  Freienwalde,  bei  Bücke  unweit 
Müncheberg,  im  Ganzen  aber  mehr  gruppenweis  als  regel- 
los zerstreut,  äusserst  zahlreich  z.  Th.  ansehnliche  Geschiebe 
von  Ur-  und  Uebergangsgebirgsarten  am  Tage.^' 

Wenn  man  mit  diesen  Angaben  die  heutigen  Beobach- 
tungen vergleicht,  so  darf  man  wohl  annehmen,  dass  die 
Geschiebe  einst  überall  dort,  wo  sie  gemäss  der  Inlandeis- 
Theorie  hingehören,  sich  auch  faktisch  gefunden  haben  wer- 
den. Aus  meiner  Darstellung  wird  hervorgehen,  dass 
einzelne  Stellen  nach  den  Berichten  älterer  Leute  besonders 
reich  an  grossen  Blöcken  waren,  während  sie  heute  auch 
dort  schon  zurücktreten.  Soviel  ist  indessen  wohl  sicher, 
dass  man  aus  einem  Fehlen  der  Steine,  wenn  nicht  andere 


1)  J.  G.  Lehmann,   Versuch  einer  Geschichte  der  Flötzg-ebirge, 
Berlin  1756,  8,  die  Vorrede. 

2)  Borgstede,  Statistisch -topographische  Beschreibung  der  Chur- 
mark  Brandenburg,  Berlin  1788  1.  Theil  S.  191. 

3)  Schultz,  Beiträge   zur  Geognosie  und  Bergbaukunde.     Berlin 
1821.    S.  11. 


Ueber  den  Verlauf  und   die  Kerausbildung  der  Moräne  etc.       6 

Thatsacben  dazukommen,  keine  Schlüsse  ziehen  darf,  denn 
überall  bat  in  dieser  Gegend  durch  die  praktische  Ver- 
wendung dieses  Materiales  die  Steinbestreuung  abgenqpimen 
resp.  ist  gänzlich  verschwunden.  Das  ausgedehnte  Chaussee- 
netz erfordert  noch  heute  zu  seiner  Erhaltung  eine  grosse 
Menge  von  Geschieben,  die  am  bequemsten  durch  Ablesen 
von  den  benachbarten  Feldern  erhalten  werden.  Dazu 
kommt,  dass  in  der  jüngsten  Zeit  durch  den  hohen  Preis 
der  Ziegelsteine  die  Feldsteine  d.  h.  die  grossen  Blöcke 
ein  begehrtes  Baumaterial  geworden  sind.  Man  kann  z.  B. 
wohl  behaupten,  dass  es  im  Lande  Barnim  kaum  eine  Kirche 
giebt,  die  nicht  aus  diesem  Material  hergestellt  wäre,  und 
dass  wohl  die  Hälfte  aller  Gebäude  dort  aus  Feldsteinen 
aufgeführt  worden  ist. 

Die  Grundlage  für  einen  Theil  meiner  Arbeit  bilden 
natürlich  die  Aufnahmen  der  geologischen  Landesanstalt 
nebst  den  dazu  gehörigen  Erläuterungen.  Die  Kartierung 
erstreckt  sich  bis  ol^  30'  ö.  L.  Ich  führe  diese  Thatsache 
hier  an,  weil  ich  es  vermieden  habe,  in  der  Arbeit  jedes- 
mal auf  die  betreffende  Section  hinzuweisen,  und  weil  ich 
keine  Geognosie  dieses  Theiles  der  Mark  schreiben  wollte, 
so  dass  oft  das  Material  mehrerer  Sectionen  zu  einem  be- 
stimmten Abschnitt  verarbeitet  worden  ist. 


Das  Land  Teltow. 

Der  Teltow  ist  ein  Plateau,  das  inselartig  aus  den 
umgebenden  Niederungen  hervorragt.  Keferstein  i)  sagt  von 
ihm:  „Der  nordwestliche  Theil  zeigt  sich  als  viel  flacher, 
der  Boden  meist  sandig,  wenig  fruchtbar,  trägt  viel  Wald- 
ung."  Berghaus-)  giebt  eine  Beschreibung  desselben.  Die 
mittlere  absolute  Höhe  ist  49  m,  darüber  hinaus  ragen  der 
Schäferberg  auf  dem  Stolpeschen  Werder  mit  102  m,  er  ist 
der  westlichste  Punkt,  während  der  Windmühlenberg  mit 
66  m  bei  Königs -Wusterhausen   die   östliche  Spitze   bildet. 


1)  Keferstein,  Teutschland,  geognost.  u.  geolog.  dargestellt  mit 
Karten  etc.,  Berlin  1821-28.    Bd.  V.  S.  4  u.  5. 

2)  Berghaus  a.  a.  0.  Bd,  I.  S.  469. 

1* 


4  E.  Zache: 

„Ueberhaupt,"  ßchliesst  Berghaus,  „liegen  die  höchsten 
Punkte  fast  ausschliesslich  an  den  Rändern  der  Plateau- 
Insel  ,  80  dass  diese  im  Innern  gleichsam  eine  Mulde  bildet.'* 
Berendt^)  kommt  auf  diese  Erscheinung  bei  der  Darstell- 
ung der  grossen  Abschmelzrinnen  zurück. 

Am  nördlichen  Rande  überragt  nur  der  Kreuzberg  mit 
62  m  die  allgemeine  Erhebung,  am.  südlichen  treten  mehrere 
hervorragende  Höhen  auf:  der  Weinberg  76  m  zwischen 
Mittenwalde  und  Gr.  Machnow,  der  Langeberg  63  m  zwischen 
Gr.  Machnow  und  Rangsdorf,  der  Thyrowerberg  61  m,  der 
Wilmersdorferberg  76  m,  letzterer  ist  allerdings  durch  eine 
schmale  Schlucht,  in  welcher  die  Geleise  der  Anhalter 
Bahn  gehen,  vom  Plateau  getrennt.  Den  Westrand  bilden 
die  Erhebungen  des  Grunewaldes,  es  sind  an  der  Havel 
der  Murellenberg  63  m,  der  Havelberg  98  m,  daneben  sind 
noch  andere  Höhen  mit  70  und  71m  am  Rande  angegeben. 
Der  Ostrand  dagegen  hat  keine  hervorragenden  Punkte 
aufzuweisen,  er  flacht  sich  vielmehr  überall  ganz  allmählich 
zum  Spreethal  ab.  Ebenso  unmerklich  ist  der  Uebergang 
vom  Plateau  zur  Niederung  in  dem  südwestlichen  Rande 
zwischen  Kohlhasenbrück  und  Thyrow  und  feruer  in  dem 
buchtenförmigen  Einschnitt 2),  der  von  Thyrow  über  Löwen- 
bruch, Gr.  Beeren,  Diedersdorf  und  Jühnsdorf  den  Südrand 
unterbricht. 

Das  Plateau  des  Teltow  darf  deshalb  auch  nicht  als 
eine  Mulde  angesehen  werden,  um  so  viel  weniger,  da  in 
seinem  Inneren  ein  Strich  von  Erhebungen  auftritt,  die  mit 
66,  62  und  54  m  von  Britz  über  Marien dorf  nach  Steglitz 
verlaufen  und  sich  von  hier  nach  allen  Richtungen  gleich- 
massig  abdachen.  Dabei  wird  allerdings  der  Havelrand 
mit  dem  Grunewald  durch  seine  Seeenkette  isolirt,  so  dass 
er  infolgedessen  nicht  zum  Plateau  des  Teltow  gehört  und 
daher  in  dieser  Arbeit  nicht  berücksichtigt  werden  wird. 
Die  hervorragenden  Randpunkte  sind  die  stehengebliebenen 
Vorgebirge  zwischen  zwei  benachbarten  Abschmelzrinnen. 
Solche  deutlichen  Abschmelzrinnen  sind  vor  allen  die  Reihe 


1)  Berendt,    G-eognostische    Beschreibung    der    Uoigegend    von 
Berlin.    Berlin  1885,  S.  23. 

2)  Berendt  a.  a.  0.  S.  16. 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.       5 

der  Grunewaldseeen,  ferner  das  Telte-Fliess  mit  dem  Tel- 
tow-See, das  kurze  Thal,  welches  sich  von  Glasow  in  den 
Eangsdorfer  See  senkt,  jene  oben  erwähnte  Bucht  und  dann 
noch  mehrere  kleinere  Rinnen,  welche  zwischen  Kangsdorf 
und  Königs -Wusterhausen  zur  Niederung  führen.  Die 
grosse  Ebenheit  im  Osten  und  Südwesten  stammt  daher,  dass 
die  Abschmelzwasser  überall  in  breitem  Strome  über  den 
Rand  zum  Thale  fluteten.  Bevor  daher  das  grosse  System 
künstlicher  Abflussgräben  angelegt  war,  hatten  namentlich 
die  Fluren  von  Marienfelde,  Lichtenrade,  Birkholz,  Mahlow 
von  den  regelmässigen  periodischen  Ueberschwemmungen 
bei  der  Schneeschmelze  und  den  Gewitterregen  zu  leiden. \) 

Die  Moränenlandschaft. 

Schölleberg,  Wilmersdorf,  Schmargendorf,  Dahlem, 
Steglitz,  Mariendorf,  Marienfelde,  Lichtenrade,  Gr.  Ziethen, 
Wassmannsdorf,  Schönefeld,  Bohnsdorf,  Rudow,  Buckow, 
Britz,  Rixdorf,  Tempelhof. 

Dieser  Abschnitt  ist  ungefähr  10  km  lang  und  5  km 
breit.  So  eben  das  Tempelhofer  Feld,  der  Uebungsplatz 
der  Berliner  Garnison,  ist,  um  so  coupirter  ist  das  Terrain 
südlich  der  Verbindungsbahn  in  der  Gegend  zwischen  Britz, 
Tempelhof,  Mariendorf  und  Steglitz.  Es  ist  das  Gebiet 
der  eigentlichen  Moränenlandschaft.  Zwar  sind  die  Thäler 
und  Hügel  nicht  so  grossartig  ausgebildet  als  es  nordöst- 
lich der  Oder  bei  Schmarfendorf  oder  in  der  Uckermark  bei 
Golzow  der  Fall  ist,  dennoch  documentiren  der  bunte 
Wechsel  von  Berg  und  Thal,  die  zahlreichen  eingestreuten 
Pfühle ,  Seeen  und  Solle  deutlich  die  Bedeutung.  Westlich 
dicht  neben  Britz,  sind  auf  einem  Räume  von  1  qkm  16 
Pfühle  auf  der  Sect.  Tempelhof  (1 :  25000)  eingezeichnet. 
In  der  Villen -Colonie  Steglitz  besitzt  fast  eine  jede  Villa 
in  dem  dazu  gehörigen  Garten  einen  kleinen  Teich.  Berendt^) 
hat  zuerst  auf  diese  Erscheinung  aufmerksam  gemacht  und 
ihre  allgemeine  Bedeutung  erkannt.     Obgleich  die  meisten 


1)  Berghaus  a.  a.  0.    Bd.  I.  S.  469  ff. 

2)  Berendt,  Ueber  Riesentöpfe  und  ihre  allgemeine  Verbreitung 
in  Korddeutachland.    Zeitschr.  d.  deut.  g.  Ges.  Bd.  XXXII  S.  56. 


6  E.  Zache: 

Höhen  50  m  nicht  überschreiten,  so  finden  sich  doch  im 
westlichen  Theile  einige  Punkte,  welche  bedeutendere 
Maasse  aufzuweisen  haben,  so  der  Schetzel-Berg  56  m,  die 
Rauhen  Berge  61  m,  die  Steglitzer  Fichten  62  m  und  end- 
lich der  westliche  Vorsprung  von  Steglitz  gegen  den  Grune- 
wald 66  m. 

Am  deutlichsten  erscheint  dem  geübten  Auge  die  Be- 
deutung der  Landschaft  bei  einem  Rundblick  von  den  Steg- 
litzer Fichten.  Hier  erkennt  man  den  Gegensatz  zwischen 
diesem  Abschnitt  und  der  Umgebung,  in  jenem  das  durch- 
brochene Gelände  und  nördlich  und  südlich  davor  gelagert 
eine  fast  ebene  Fläche. 

In  engem  Zusammenhange  damit  steht  auch  die  geo- 
logische Bildung,  es  ist  vornehmlich  die  Sect.  Tempelhof 
und  diese  wird  charakterisirt  durch  die  deckenartige  Aus- 
bildung des  oberen  Geschiebelehms.  Dieser  überlagert 
regelmässig  den  unteren  Sand,  der  überall  am  Nordrande 
des  Teltow  als  ein  schmales  Band  zu  Tage  tritt,  unter 
diesem  folgt  der  untere  Geschiebelehm.  In  den  Sandgruben 
hinter  Rixdorf  befindet  sich  das  klassische  Profil:  Zu  oberst 
oberer  Geschiebelehm  2  m  mächtig,  darunter  unterer  Sand 
8  m  mächtig  und  in  der  Sohle  der  Grube  der  untere  Ge- 
schiebelehm ^).  Südlich  von  Britz  in  einer  Schlucht,  die 
von  Buckow  zum  Thale  führt,  lagert  der  obere  Geschiebe- 
lehm direct  auf  dem  unteren,  ohne  dass  beide  durch  eine 
Zwischenschicht  von  unterem  Sande  getrennt  sind.  Im 
Westen  verliert  sich  in  der  Linie  Schmargendorf,  Dahlem, 
Zehlendorf  der  obere  Geschiebelehm,  so  dass  im  Gebiete 
des  Grunewald  allein  der  untere  Sand  herrscht.  Nur  im 
nordöstlichen  Theile  desselben,  dem  Westendplateau,  zeigt 
der  untere  Sand  sich  bedeckt  mit  Geröll  und  Steinbestreu- 
ung.  In  dem  Spreethal  tritt  der  untere  Geschiebeiehm  inner- 
halb von  Charlottenburg  als  drei  Inseln  zu  Tage.  Die  Ab- 
schmelzwässer  jener  nordöstlichen  Spitze  des  Grunewaldes 
flössen  nicht  durch  die  Hauptseeenkette  ab,  sondern  durch 
eine  selbständige  Rinne,  welche  heute  über  den  Teufels- 
See,  den  Pech -See  und  die  Saubucht  zur  Havel  führt. 


1)  Peack,  Die   Geschiebeformation  Norddeutschlands.     Zeitschr. 
d.  deut.  geoi.  Ges.  Bd.  XXXI.  Jahrg.  1879. 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.        ' 


Die  Geschiebe  sind  nicht  sehr  häufig,  obwohl  sie  nir- 
gends fehlen,  auch  die  grossartigen  Aufschlüsse  bei  Rix- 
dorf  liefern  in  ihrem  oberen  Geschiebelehm  nur  eine  massige 
Quantität  von  Geschieben;  auf  dem  Wege  Rixdorf- Marien- 
dorf und  Mariendorf-  Steglitz  wurden  bei  dem  Ausschachten 
der  Chausseen  von  den  Arbeitern  ab  und  zu  auch  grössere 
Blöcke  „ausgebuddelt^.  Am  Fusse  der  Rauhen  Berge  war 
die  Moränenlandschaft  gut  ausgebildet,  es  findet  sich  hier 
auch  eine  reichlichere  Steinbestreuung.  Von  der  Oberfläche 
sind  die  Geschiebe  fast  gänzlich  verschwunden .  sobald  man 
aber  Gelegenheit  hat,  tiefere  Aufschlüsse  zu  machen,  als 
die  Pflugschaar,  so  kann  man  oft  auf  eine  förmliche  Stein- 
packung von  kleinen  Geschieben  stossen,  z.B.  in  dem  Ab- 
schnitt zwischen  Schönefeld  und  Woltersdorf,  wo  der  Ver- 
fasser dies  bei  dem  Ausheben  eines  Schützengrabens  beob- 
achten konnte.  Dies  Lager  wird  auch  von  Klöden^) 
erwähnt. 

Wenn  auch  das  eben  beschriebene  kurze  Stück  zwischen 
Steglitz  und  Britz  allein  deutlich  die  Kriterien  der  Moränen- 
landschaft trägt,  so  habe  ich  diesen  Abschnitt  doch  soweit 
zu  erweitern  gewagt,  als  die  ununterbrochene  Bedeckung 
des  oberen  Geschiebelehmes  sich  erstreckt.  Nach  Süden 
und  Westen  verlieren  sich  die  Kriterien  der  Moränenland- 
schaft ganz  allmählich;  das  Gelände  wird  ebener,  es  stellen 
sich  längere  Schluchten  ein ,  die  Seeen  treten  mehr  zurück, 
auch  die  Ausbildung  des  Geschiebelehmes  zeigt  eine  Ver- 
änderung, aus  dem  sandigen  Lehm  wird  allmählich  ein 
lehmiger  Sand.  Die  Grenze  ist  nicht  bestimmt  festzustellen, 
und  je  nach  der  Bodengestaltung  schwankt  die  Ausbildung. 

Die  Abschmelzzone. 
Sie  umfasst  den  ganzen  Rand  des  Teltow  sowohl  süd- 
lich als  auch  westlich  jenes  Striches.  Besonders  gut  er- 
kennt man  die  Art  und  Weise  der  Wirkung  der  Abschmelz- 
wasser  in  der  Gestaltung  des  Südrandes;  derselbe  endet 
in  zwei  grossen  Zungen,  von  denen  die  eine  die  Thyrower 


1)  Klöden,  Beiträge  zur  mineral.  und  geogn.  Kenntniss  der  Mark 
Brandenburg;  in  den  Jahren  1827—1837.     Stück  IL  S.  46  if. 


^  E.  Zacho: 

Spitze  bildet,  während  die  andere  in  einem  flachen  Bogen 
von  Rangsdorf  über  Mittenwalde  nach  Königs -Wusterhausen 
streicht;  die  erste,  die  schmalere,  ist  ein  deutlich  ausge- 
sprochenes Vorgebirge  mit  steilem  Abfall  an  seiner  Spitze, 
während  die  Ränder  eingeebnet  sind.  Ganz  ähnlich  ist  die 
Spitze  über  Königs-Wusterhausen  gebildet,  nur  ist  der 
Rand  hier  etwas  zerrissener.  Offenbar  ist  die  Hauptmasse 
der  Abschmelzwasser  zu  beiden  Seiten  dieser  Zungen  herab- 
geflossen, so  dass  nur  ein  geringer  Theil  von  ihnen  für  die 
Spitze  übrig  blieb. 

Es  müssen  die  Randpunkte  daher  angesehen  werden 
als  die  stehengebliebenen  Reste  des  überall  eingeebneten 
Plateaus,  eine  Erklärung,  die  auch  durch  die  geologische 
Zusammensetzung  bewiesen  wird. 

Die  Mächtigkeit  des  oberen  Geschiebelehms  nimmt  nach 
dem  Rande  zu  ganz  allmählich  ab,  und  seine  Ausbildung 
wird  dabei  immer  sandiger;  die  Karte  kann  hier  nicht  alle 
denkbaren  Umwandlungsprodukte  des  oberen  Geschiebe- 
lehmes vom  deutlich  ausgebildeten  Lehm  durch  sandigen 
Lehm  und  lehmigen  Sand  zur  Steinbestreuung  und  zum 
reinen  Flugsand  zur  Ausbildung  bringen,  zwischen  denen 
dann  gegen  den  Rand  zu  der  untere  Sand  hinzukommt. 
Am  besten  ist  dieses  Phänomen  zwischen  Sputendorf  und 
Schenkendorf  zu  studieren.  Im  auffallenden  Gegensatz 
dazu  steht  der  wohlerhaltene  Geschiebelehm  im  Thyrower 
Berge,  wo  er  in  der  Südspitze  4  m  Mächtigkeit  erreicht, 
während  weiter  rückwärts  nur  noch  seine  Reste  auf  dem 
unteren  Sande  erhalten  sind. 

Der  untere  Sand  erscheint  fiächenhaft  in  der  Stahns- 
dorfer  und  Parforce  -  Heide ,  wo  die  Auszeichnung  für  Stein- 
bestreuung oft  fehlt,  sonst  tritt  er  derartig  nur  in 
kleinen  Partien  auf,  z.  B.  in  der  Damsdorfer  Heide.  Sein 
charakteristisches  Auftreten  ist  das  bandartige  unter  dem 
oberen  Geschiebelehm,  so  zwischen  Gr.  Beuthen  und  Thy- 
row;  hier  ist  er  wahrscheinlich  in  grosser  Mächtigkeit  vor- 
handen, denn  der  untere  Geschiebelehm  fehlt  in  dem  Profil 
gänzlich,  obwohl  er  in  Thyrow  erbohrt  ist. 

Nur  an  dem  Ostrande  nördlich  von  Königs -Wuster- 
hausen tritt  der    untere   Geschiebelehm  in   dem   zerrissenen 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.       9 

Rande  auf  einer  etwas  längeren  Strecke  zu  Tage ,  während 
er  sonst  nur  in  kleinen  Partien  aber  ziemlich  häufig  sich 
zeigt  z.  B.  bei  Neu-Diedersdorf,  am  Siethener  See,  am 
Teltower  See,  bei  Heinersdorf,  bei  der  Försterei  Stein- 
stücken. 

Wichtig  ist  die  Beobachtung,  dass  im  unteren  Sande 
der  Abschmelzzone  sich  Bänke  von  Geröll,  Kies,  Mergel- 
sand, Thonmergel  und  unterem  Geschiebelehm  finden,  oft 
mehrere  übereinander.  So  ergab  eine  Bohrung  bei  Mahlow 
14  dem  lehmigen  Sand  (Reste  des  oberen  Geschiebelehmes), 
darunter  6  m  unteren  Sand,  dann  3  dem  Mergelsand,  dann 
wieder  2  m  unteren  Sand  und  darunter  thonige  Bildungen. 
In  der  Sect.  Lichtenrade  werden  in  fast  allen  Gruben 
2 — 5  dem  starke  Bänkchen  von  unterem  Geschiebelehm  an- 
getroffen. Der  diluviale  Thonmergel  findet  sich  nur  als 
dünne  Bank  in  allen  grossen  Saud-  und  Kiesgruben  z,  B. 
5  dem  stark  bei  Neu-Diedersdorf,  solche  Bänke  treten  auch 
im  unteren  Geschiebelehm  auf,  wie  bei  Glasow,  Selchow, 
Wassmannsdorf.  Dieser  Thonmergel  gehört  einem  höberen 
Niveau  an  als  der  aus  der  Gegend  von  Glindow -Werder. 
Wahnschaffe-^)  sagt  von  diesen  geschichteten  Bildungen, 
dass  es  die  secundären  Schlemmprodukte  der  grossen 
Grundmoräne  des  Inlandeises  seien,  weshalb  sich  auch  für 
dieselben  kein  bestimmtes  Niveau  auf  grössere  Erstreckungen 
festhalten  lässt. 

Mit  der  oben  angegebenen  Grenze  hat  sich  im  Westen 
der  obere  Geschiebelehm  ganz  allmählich  verloren  und  es 
tritt  an  seine  Stelle  der  untere  Sand,  bedeckt  mit  Resten 
desselben,  eine  Ausbildung,  welche  bis  in  die  Rinne  der 
Grunewald  -  Seeen  hinabreicht  und  westlich  des  Grunewald- 
Sees,  auf  dem  anderen  Ufer  noch  ein  Stück  in  die  Höhe 
steigt.  Mithin  erstrecken  sich  die  Rückstände  des  oberen 
Geschiebelehmes  bis  in  die  Rinne  hinab ,  so  dass  diese  wahr- 
scheinlich schon  vor  der  zweiten  Eisbedeckung  angedeutet 


1)  Wahnschaffe ,  Ueber  das  Vorkommen  des  geschiebefreien 
Thones  in  den  obersten  Schichten  des  Unter-Diluviums  der  Umgegend 
von  Berlin,  Jahrbuch  der  Königl.  preuss.  geologischen  Landesanstalt 
für  1881.    S.  45. 


10  E.  Zache  : 

war^).  Die  Rinne  beginnt  ini  Norden  nait  dem  Halen-See, 
während  zwischen  diesem  und  dem  Lietzen-See  die  Wasser- 
scheide zur  höchsten  Stelle  des  Grunewaldes  nach  Westen 
läuft. 

Bas  Land  Barnim -Lebus. 

Das  Land  Barnim -Lebus  bildet  einen  von  !NW  nach 
SO  verlaufenden  75  km  langen  Höhenrücken,  der  gegen 
Finow,  Havel  und  Spree  eine  flache  und  weite,  gegen  die 
Oder  dagegen  eine  kurze  und  steile  Böschung  besitzt.  Am 
höchsten  erhebt  sich  der  Rücken  an  seiner  NW- Ecke,  wo 
auf  der  hohen  Fläche  über  Freienwalde  153  m  gefunden 
wurden,  nach  SO  dacht  er  sich  allmählich  ab,  bewahrt 
aber  durchweg  eine  Höhe  von  80 — 90  m.  Genau  senkrecht 
zu  seiner  Längserstreckung  bildet  die  Spalte  des  Rothen 
Luches,  des  Schermützel  -  Sees  und  des  Stobber  von  alters 
her  die  Grenze  zwischen  Barnim  und  Lebus. 

Das  Land  Barnim, 
Man  hat  die  physikalische  Erscheinung,  dass  die  Ab- 
dachung zur  Oder  höher  liegt,  als  die  zur  Spree  resp. 
Havel,  schon  im  15.  Jahrhundert  beobachtet,  indem  man 
damals  das  Land  zuerst  in  einen  hohen  und  niederen  Bar- 
nim gliederte,  aus  dem  hohen  Barnim  ist  heute  der  obere 
geworden.  Keferstein^)  sagt  vom  Niederbarnimschen  Kreise: 
„nur  der  südliche  Theil  erhebt  sich,  wie  bei  Rüdersdorf, 
der  übrige  ist  flach,  meist  sandig,  wenig  fruchtbar  und 
trägt  viel  Waldungen"  und  vom  Oberbarnimschen:  ,,er  ist 
in  seinen  südwestlichen  Theilen  wellig,  erhöht,  wo  auch 
die  Braunkohlen -Formation  in  bedeutender  Verbreitung 
auftritt." 

Die  Moränenlandschaft. 
Freienwalde,  Wölsickendorf,  Steinbeck,  Biesow,  Hasel- 
berg,  Sternebeck,    Harnekopf,     Prötzel,    Herzhorn,    Mög- 

1)  Wabüschaffe,  Zur  Frage  der  Oberfläehengestaltung  im  Gebiete 
der  "baltischen  Seeenplatte.  Jahrb.  d.  kgl.  pr.  geol.  Landesanstalt  für 
1887.     S.  150. 

2)  Keferstein,  Teutschland  etc.  Bd.  V.  S.  416. 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.      H 

lin,  Reichnow,  Batzlow,  Reichenberg,  Prädikow,  Ihlow, 
Pritzhagen. 

Die  Hochfläche  hebt  sich  mit  scharfem  Anstieg  bei  Freien- 
walde aus  dem  Oderbruche  heraus.  Auf  einer  Linie  von 
8  km  ist  ein  Höhenunterschied  von  150  m  vorhanden.  Auf 
der  Strecke  von  Freienwalde  bis  Falkenberg  bleibt  der 
Rand  steil,  nur  wenige,  aber  dafür  tiefe  und  steile  Schluch- 
ten führen  von  der  Höhe  zum  Thale,  zu  den  längsten  ge- 
hört diejenige,  welche  in  der  Freienwalder  Brunnenstrasse 
endet  und  diejenige,  in  welcher  die  Chaussee  Freienwalde- 
Berlin  zur  Höhe  führt.  Weiter  nach  SO  sowohl  als  auch 
nach  NW  ändert  sich  der  Charakter  des  Randes  bedeutend. 
Schon  bei  Falkenberg  hört  allmählich  die  scharfe  Ausbil- 
dung auf,  es  treten  regelmässige  parallele  Schluchten  auf, 
welche  zwischen  sich  schmale  Vorsprünge  des  Plateaus 
stehen  lassen. 

Gegen  Wriezen  und  südlich  dieses  Ortes  ist  die  Form 
des  Randes  eine  besonders  auffallende.  Hinter  Alt -Ranft 
beginnt  ein  System  von  Schluchten,  die  in  mannigfacher 
Weise  verzweigt  sind,  zum  Theil  sogar  Stücke  des  Plateaus 
inselartig  abtrennen;  vor  allem  aber  flacht  sich  der  Rand 
immer  mehr  ab,  so  dass  er  hinter  Wriezen  vor  dem  eigent- 
lichen Plateau  eine  niedrige  Bank  bildet,  welche  in  einem 
flachen  Kreisbogen  in  das:3elbe  einschneidet.  Auf  dieser 
untersten  Stufe  in  dem  Niveau  von  59 — 69  m  liegen  die 
Güter  Landhof  und  Münchhof.^) 

Hierüber  erhebt  sich  eine  zweite  Stufe  mit  den  Dörfern 
Lüdersdorf ,  Schulzendorf  und  Frankenfelde.  Die  Höhe  ist 
hier  sehr  wechselnd  und  beträgt  durchschnittlich  70 — 80  m; 
die  Grenze  gegen  Westen  und  Süden  bildet  die  Biesdorfer 
Heide,  in  der  sich  127  m  finden. 

Die  Plateauhöhe  selber  wird  erst  mit  den  oben  ange- 
führten Dörfern  erreicht,  auf  derselben  herrschen  folgende 
Zahlen:  Haselberg  121  m,  Harnekopf  110  m,  Sternebeck 
116  m,  Herzhorn  102,  Prötzel  113;  in  der  Gegend  Reich- 
now,  Ihlow,  Reichenberg  hat  das  Gelände  sich  bis  auf 
86—88  m  gesenkt  und  erst  der  Krugberg  weist  wieder 
130  m  auf. 


1)  Berghaus  a.  a.  0.  Bd.  II.  S.  161  ff. 


12  E.  Zache: 

Oberhalb  dieses  terrassenförmigen  Einschnittes  in  das 
Plateau  ist  die  Randbildung  wieder  die  alte,  sie  beginnt 
südlich  von  Wriezen,  dort,  wo  der  Rand  sich  schärfer 
gegen  Süden  wendet  und  geht  bis  zur  Mündung  des  Stobber. 
Es  sind  Schluchten,  welche  in  massiger  Weite  im  Plateau 
entstehen  und  genau  parallel  mit  einander  zum  Thale  füh- 
ren, die  Kante  ist  eingeebnet  und  zeigt  nirgends  eine  steile 
Böschung.  — 

Mit  Haselberg,  Harnekopf  und  Herzhora  ist  die  Höhe 
erreicht.  Beim  Vorwerk  Räsow  beginnt  die  oben  erwähnte 
Schlucht,  in  welcher  der  Gesundbrunnen  von  Freienwalde 
liegt.  Dieser  Abschnitt  wird  charakterisirt  durch  die  zahl- 
losen, einzelgeiegenen,  gänzlich  abflusslosen  Wasserbehälter; 
es  sind  dies  zum  Theii  grössere  Seeen,  wie  der  bei  Harne- 
kopf und  der  Sternebecker  See,  in  überwiegender  Mehrzahl 
aber  sog.  Pfühle  oder  jene  namenlosen  aber  doch  so  deut- 
lich gekennzeichneten  Bildungen,  die  Solle. 

Mit  der  Wasservertheilung  in  engem  Zusammenhange 
steht  die  Ausbildung  des  Geländes.  Ein  bunter  Wechsel 
von  Berg  und  Thal,  beide  kurz  und  von  jener  eigenthüm- 
lichen  Form,  welche  es  nirgends  zu  einer  deutlichen  Thal- 
bildung kommen  lassen  kann.  Die  Erhöhungen  sind  flache 
Kegel,  welche  mehr  oder  weniger  dicht  um  einen  Soll  liegen, 
Nicht  immer  ist  der  Soll  vorhanden,  oft  ist  er  auch  schon 
durch  die  Thätigkeit  des  Menschen  beseitigt. 

Im  Nordosten  wird  der  Abschnitt  begrenzt  durch  die 
längste  ßinnenbildung,  welche  bei  Gersdorf  ihren  Anfang 
nimmt  und  im  Bötz-See  bei  Strausberg  endigt.  Westlich 
dieser  Rinne  liegt  ein  Gebiet,  das  wir  später  zu  beschreiben 
haben  werden,  und  das  in  vieler  Hinsicht  nicht  minder 
interessant  ist,  als  das  der  eigentlichen  Moräne.  — 

Die  südliche  Grenze  ist  sehr  unregelmässig,  besonders 
in  dem  südwestlichen  Theile,  weil  hier  noch  mehrere  Rin- 
nen aus  demselben  ihren  Anfang  nehmen.  Erst  zwischen 
Prötzel,  Prädikow,  Grunow  und  Bollersdorf  wird  sie  ganz 
scharf  durch  das  Boilersdorfer  Fliess  gebildet,  weiches  von 
NW  nach  SO  in  den  Schermütael  See  abfliesst. 

Der  Abfall  des  Plateaus  zum  Thal  des  Stobber  ist 
hoch  und  steil,  dabei  sehr  schluchtenreich,  und  erst  gegen 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung:  der  Moräne  etc.      13 

den   Ausgang   zu  wird   er  Diedriger  und  etwas  mehr  ein- 
geebnet. 

Die  herrschende  geologische  Bildung  ist  durchweg  der 
obere  Geschiebelehm;  er  bildet  den  Boden  der  Sonnen- 
burger  Heide.  Zahlreiche  grosse  Blöcke  liegen  in  diesem 
Walde  zerstreut  oder  sind  durch  die  Tagewässer  in  den 
Abhängen  und  Schluchten  freigesptilt  worden.  Der  roman- 
tische Baa-See  liegt  tief  eingesenkt  in  einem  Kessel,  dessen 
Wände  aus  oberem  Geschiebelehm  gebildet  werden.  Auf 
der  anderen  Seite  der  Berlin  -  Freienwalder  Chaussee  än- 
dern sich  die  Verhältnisse.  In  der  Köthener  Heide  wird 
die  Ausbildung  des  oberen  Geschiebelehmes  sandartig,  und 
es  treten  die  Eigenschaften  der  Abschmelzzone  auf.  —  Aber 
auch  die  Ränder  des  Hammer -Thaies  und  des  Mühlen- 
grundes zeigen  nicht  den  oberen  Geschiebelehm,  sondern 
das  Tertiär  in  ihrer  Oberfläche.  Zum  Theil  ist  es  der 
Septarienthon,  der  hier  ganze  Steilwände  bildet,  zum  Theil 
der  Glimmersand.  Ueberall  aber  finden  sich  die  Spuren 
der  ehemaligen  Bedeckung  durch  oberen  Geschiebelehm, 
indem  zerstreut  grosse  Blöcke  und  kleinere  Geschiebe  in 
den  Schluchten  und  den  Gehängen  liegen.  In  der  Nord- 
spitze des  Akazienberges  und  auf  dem  Nordostrücken  des 
Kaninchen -Berges  liegt  geschichteter  gelber  scharfer  Kies 
auf  dem  Tertiär.  Auffallend  ist,  dass  der  senkrechte  Ab- 
fall des  Marienberges  gegen  die  Chaussee  Freienwalde - 
Falkenberg  in  seiner  ganzen  Böschung  (8 — 10  m)  bis  zur 
Thalsohle  aus  gelbem  oberem  Geschiebelehm  besteht;  es 
ist  der  einzige  unter  den  zahlreichen  Aufschlüssen,  die 
hier  gegen  das  Oderthal  liegen,  der  das  Diluvium  zeigt, 
alle  übrigen  sind  im  Tertiär  vorhanden. 

Die  nordwestliche  Aufhügelung  des  Rückens  zwischen 
Wollenberg,  Wölsickendorf  und  Steinbeck  stellt  eine  zu- 
sammenhängende ebene  Fläche  aus  oberem  Geschiebelehm 
dar,  derselbe  erstreckt  sich  bis  an  die  Rinne  bei  Leuen- 
berg und  bildet  beide  Ränder  derselben;  es  ist  ein  Boden, 
der  in  regenloser  Zeit  hart  wie  Fels  ist.  Die  Steinbestreu- 
ung  ist  zahlreich,  grosse  Blöcke  fassen  die  Landstrasse  ein. 
Fischbach  1)  sagt  von  Steinbeck:  „Unter  den  auf  dem  Felde 

1)  Fischbach,  Statistisch-topographische  Städtebeschreibung  der 
Mark  Brandenburg,  Berlin  1786.    S.  356. 


14  E.  Zache: 

befindlichen  Steinen  werden  häufig  ganz  artige  Petrefacten 
gefunden  ^'  und  weiter  „  die  Heide  von  Steinbeck,  besteht 
durchweg  aus  alten  Schedlingen  und  Steinhaufen" ;  auch  in 
allen  umliegenden  Heiden  werden  nach  ihm  derartige 
Schedlinge  und  Steinhaufen  angetroffen.  Er  erwähnt  auch 
den  Blumenthal,  von  dem  auch  Beckmann^)  und  Klöden^) 
berichten,  dass  noch  im  Jahre  1689  die  Geschiebe  dort 
förmliche  Mauern  von  Mannshöhe  gebildet  haben.  Jetzt  ist 
davon  nichts  mehr  vorhanden.  Der  Blumenthal  hat  durch 
seinen  schönen  Buchenwald,  durch  einige  abflusslose  Seeen 
und  durch  die  Durchbildung  der  Moräuenlandschaft  eine 
ähnliche  Berühmtheit  erlangt  als  Freienwalde.  Der  obere 
Geschiebelehm  ist  hier  schon  von  geringerer  Mächtigkeit, 
so  dass  an  den  Wegeeinschnitten  gelegentlich  der  untere 
Sand  zum  Vorschein  kommt.  Nördlich  von  Biesow  liegen 
in  einer  von  NO  nach  SW  erstreckten  längeren  Falte  mit 
steilen  Bändern  aus  oberem  Geschiebelehm  eine  Reihe  ab- 
flussloser Seeen.  Zwei  weitere,  aber  grössere,  abflusslose 
Seeen  sind  der  Blumenthal -See  und  der  Faule  See.  Der 
erstere  ist  in  seiner  Nachbarschaft  reich  an  grossen  Ge- 
schieben, die  zum  Theil  an  seinem  Rande  einen  dichten 
Kranz  bilden,  auch  im  Walde  zerstreute  Blöcke  sind  häufig. 
Von  der  Haselberger  Feldmark  schreibt  Berghaus 3):  „sie 
besteht  aus  kleinen  Wölbungen  und  kleinen  Thalsenkungen" 
und  von  der  von  Harnekopf,  dass  sie  aus  sanften  Hügeln 
besteht  und  dass  „der  Mergel  fast  überall  unter  einer 
1 — 2  Fuss  starken  Lehmschicht  ansteht  und  2  bis  10  Fuss 
mächtig  ist.'' 

Das  Gelände  bewahrt  auch  in  der  Gegend  von  Frötzel 
durchaus  diesen  Charakter;  gerade  hier  finden  sieh  zu 
beiden  Seiten  der  Chaussee  mehrere  typische  Solle.  Die 
Landschaft  zeigt  einen  bunten  Wechsel  von  Berg  und  Thal, 
die  Berge  haben  die  Form  flacher  abgestumpfter  Kegel. 
Silberschlag  ^)    beschreibt   dieses    Gebiet    folgendermassen : 

1)  Beckmann,  Histor.  Beschreibung  der  Chur-  und  Mark  Bran- 
denburg, Berlin  1751,  I.  Theil,  S.  446. 

2)  Klöden  a.  a.  0.    Stück  II.  S.  46. 

3)  Berghaus  a.  a.  0.  Bd.  II,  S.  161  und  Bd.  I.  S.  100. 

4)  Silberschlag,  Geogenie  oder  Erklärung  der  mosaischen  Erd- 
erschaffung  etc.    Berlin  1789.    Bd.  I.  S.  10. 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.     15 

„Es  sind  wahre  Krateres,  nur  nicht  von  Vulkanen,  rings 
um  denselben  lagen  zunächst  Steinklumpen,  mehr  denn 
300  Ctr.  schwer,  diese  waren  wieder  umringt  mit  Kiesel- 
steinen, und  immer  folgten  kleinere  Steine  auf  grössere, 
endlich  verlor  sich  dieses  Steintheater  in  gemeinen  Sand; 
und  aller  Orten,  wo  ich  damals  hingekommen  bin,  fand 
ich  diese  Lagerung  sowohl  in  den  Feldern  als  in  den 
Wäldern.'' 

Die  Anhäufung  der  Blöcke  und  Geschiebe  in  der  Nähe 
der  Solle  ist  kein  Naturprozess,  sondern  stammt  daher,  dass 
die  Menschen  der  besseren  Beackerung  wegen  die  Steine 
hierher  zusammenschafPten ,  weil  sie  durch  den  Soll  ohne- 
dies Störung  in  der  regelmässigen  Beackerung  erfuhren. 
Aber  sie  ist  ein  historisches  Beispiel,  wie  sehr  die  Steine 
durch  die  menschliche  Betriebsamkeit  abgenommen  haben, 
denn  heute  sind  wohl  die  Solle  noch  vorhanden,  aber  die 
Steine  sind  zum  grössten  Theil  gänzlich  verschwunden  oder 
doch  auf  einige  wenige  grosse  Blöcke  zusammengeschrumpft, 
diese  Reste  sind  aber  alsdann  grau  vor  Alter.  An  einigen 
Punkten  liegen  die  Geschiebe  auch  auf  den  Kuppen. 

Das  Vorwerk  Herzhorn  bezeichnet  ungefähr  die  Höhe 
des  Rückens,  die  Chaussee  fällt  von  hier  sowohl  nach 
Wriezen  zu  als  auch  nach  Prötzel.  Es  ist  in  der  Nachbar- 
schaft dieses  Vorwerks  eine  Braunkohlengrube  im  Betriebe, 
auf  der  ich  Aufschlüsse  über  das  Diluvium  erhalten  habe. 
Dasselbe  besteht  hier  aus  3  m  oberen  Geschiebelehm  unter- 
lagert von  6,5  m  unteren  Sand ,  darunter  folgt  der  Form- 
sand mit  den  Flötzen,  von  denen  das  erste  fehlt.  Auch 
bei  dem  Dorfe  Sternebeck  1)  hat  man  durch  Bohrungen  die 
Braunkohle  nachgewiesen,  ebenso  nordwestlich  von  Hasel- 
berg. An  letzterem  Orte  2)  wurde  das  Tertiär  an  einigen 
Punkten  unter  ca.  11  m  sandigem  Lehm,  und  an  einem 
anderen  wurde  folgende  Reihenfolge  im  Diluvium  gefunden: 
zu    oberst  6  m  Sand   und  Lehm,    darunter   0,5  m    unterer 


1)  Plettner,  Die  Braunkohle   in   der  Mark  Brandenburg.    Berlin 
1852.    S.  156. 

2)  Nach  gütigen  Angaben  des  Herrn  Berginspector  Mielecke  zu 
Freienwalde  a.  0. 


16  E.  Zache: 

Sand  und  darunter  o  m  Lehm  mit  einer  Einlagerung  von 
12  cm  Sand. 

Hier  beginnt  das  eigentbümliebe  terrassenförmige  Ab- 
fallen, welches  durch  den  Verlauf  der  Chaussee  besonders 
gut  zur  Anschauung  kommt.  Geologisch  verhalten  sich  die 
Terrassen  folgendermassen :  Während  die  oberste  Terrasse 
überall  aus  gutem  lehmigen  oberen  Geschiebelehm  besteht, 
zeigt  die  mittelste  Stufe  wohl  noch  überall  den  oberen  Ge- 
schiebelehm aber  vorwiegend  schon  in  sandiger  Ausbildung; 
an  den  Abhängen  der  grossen  Schluchten,  die  hier  ihren 
Anfang  nehmen  und  in  ihren  Sohlen  selbst,  herrscht  schon 
vollständig  der  Sand,  solche  Schluchten  sind  z.  B.  der 
üpstall  südlich  von  Schulzendorf  bis  Vevay.  Steinbestreu- 
ung  ist  überall  vorhanden,  eifrig  wird  aber  an  ihrer  Be- 
seitigung gearbeitet,  denn  es  finden  sich  überall  auf  den 
Feldern  Pyramiden  aus  kleinen  Geschieben,  die  dann  ab- 
gefahren werden.  Es  fehlen  die  abflusslosen  Seeen  und 
die  Solle;  die  ausgesprochen  höckerartige  Form  des  Ge- 
ländes ist  gänzlich  verschwunden,  dafür  haben  sich  hier 
die  langgezogenen  Thäler  und  die  deutlich  ausgeprägten 
Schluchten,  begleitet  von  flachen  Wällen,  herausbilden 
können. 

Die  unterste  Stufe,  hinter  Wriezen,  ist  ganz  einge- 
ebnet, der  Boden  ist  unterer  Sand  mit  zahlreicher  Stein- 
bestreuung.  Der  untere  Sand  zeigt  eine  scharfe  Ausbildung 
und  ist  sehr  mächtig.  Einige  Gruben  bei  Wriezen  haben 
ihn  8 — 10  m  tief  aufgeschlossen.  Dieselbe  Mächtigkeit  lehrt 
auch  eine  Muthung  auf  Braunkohle,  welche  dicht  hinter 
den  letzten  Häusern  von  Wriezen  gegen  Freienwalde  zu 
gemacht  worden  ist. 

Die  Aenderung  in  der  Form  des  Randes  südöstlich  des 
üpstall  habe  ich  schon  oben  angedeutet.  Tbaer^)  charak- 
terisirt  den  Boden  des  Gutes  Möglin ,  der  sich  bis  in  das 
Oderbruch  hinabsenkt,  folgendermassen:  ,,Was  ich  aber 
nicht  bemerkte,  waren  die  im  guten  Acker  liegenden 
Schrindstellen,    die  sich  bei  feuchter  Witterung  nicht  be- 


1)  Thaer,  Die  Geschichte  meiner  Wirthschaft  zu  Möglin.    Ber- 
lin 1815.  S.  11. 


Ueber  den  Verlauf  uud  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.      17 

merklich  machen,  aber  bei  trockner  um  so  mehr  hervor- 
treten. Es  giebt  in  dieser  Gegend  sehr  wenige  Fluren, 
die  davon  frei  sind,  der  Untergrund,  wovon  sie  herrühren, 
wechselt  zu  mannigfaltig."  Diese  Erscheinung  rührt  weniger 
vom  Untergrunde  her  als  vielmehr  von  der  Oberfläche, 
denn  durch  das  mehr  oder  weniger  tiefe  Wegwaschen  des 
oberen  Geschiebelehms  hier  am  Kande,  werden  die  Wurzeln 
an  verschiedenen  Stellen  verschieden  schnell  auf  den  un- 
teren Sand  kommen.  Auch  über  den  Steinreichthum  macht 
er  eine  Bemerkung ') ;  er  hatte  zwei  Reichnower  wüstge- 
wordene Bauernhöfe  erworben,  deren  „Land  voll  war  von 
grossen  und  kleinen  Steinen,  deren  gänzliche  Entfernung 
noch  mehrere  Jahre  erfordern  wird." 

Weiter  nach  dem  Inneren  zu  herrscht  wieder  der  obere 
Geschiebelehm,  und  die  Form  des  Geländes  trägt  ganz  den 
Charakter  der  Moränenlandschaft.  Zwischen  Batzlow,  Rei- 
chenberg und  Ringenwalde  sind  auf  einem  Räume  von 
2,5  qkm  auf  der  Karte  (1:50000)  40  Depressionen  einge- 
zeichnet. Es  findet  sich  auch  hier  keine  grössere  Rinne, 
welche  zum  Thale  führt,  dafür  ist  der  ganze  Rand  mehr 
oder  minder  sandig  ausgebildet,  ganz  in  der  Weise,  wie 
Thaer  es  für  Möglin  beschreibt.  Im  Pritzhagener  Busch  ist 
der  Geschiebelehm  ein  festerer,  das  Terrain  ist  hier  sehr 
durch  Schluchten  und  Einschnitte  zerrissen,  und  doch  reicht 
der  obere  Geschiebelehm  bis  in  ihre  Tiefen  hinab.  An  dem 
Abfall  zur  Pritzhagener  Mühle  findet  sich  in  einem  Bruche 
dicht  unter  der  Oberfläche  der  scharfe  untere  Sand,  wäh- 
rend die  Wegeeinsehnitte  bis  zum  Thale  aus  oberem  Ge- 
schiebelehm bestehen.  Das  Hinabsteigen  des  Geschiebe- 
lehmes an  den  Gehängen  bis  ins  Thal  ist  auch  unter- 
halb der  Mühle  zu  beobachten.  Dieser,  der  nördliche 
Abhang  des  Stobber- Thaies,  ist  steil,  die  Kante  in  der 
Regel  scharf,  während  der  gegenüberliegende,  der  bedeu- 
tend niedriger  ist,  vollständig  eingeebnet  ist.  —  Erst  gegen 
den  Ausgang  zum  Oderbruch  werden  beide  Thalränder 
gleich  hoch  und  flachen  sieh  ab. 


1)  Tl^aer  a.  a.  0.    S.  181. 

äeitschrift  f.  Natiirwiss.  Bd.  LSIII  1890. 


18  E.  Zache: 

Abschmelzzone. 

Wir  haben  schon  kurz  eines  Abschnittes  Erwähnung 
gethan,  welcher  nach  W  hin,  über  den  Gamengrund  weg, 
den  Beginn  der  Abdachung  des  Rückens  gegen  Finow  und 
Havel  darstellt.  Es  ist  die  Gegend  zwischen  Heckelberg, 
Gersdorf ,  Sydow  -  Grünthal ,  Tempelfelde  ,  Wilmersdorf, 
Schönfeld,  Beiersdorf,  Freudenberg  und  Brunow.  Das 
Terrain  ist  80 — 90  m  hoch,  es  stellt  eine  vollkommen  ebene 
Fläche  mit  leiser  Neigung  gegen  Nord,  West  und  Süd  dar. 
Auch  dieser  Strich  wird  dadurch  charakterisirt,  dass  er 
nicht  durch  eine  Abschmelzrinne  durchbrochen  wird;  in- 
dessen erlauben  die  Einebnung  des  Bodens,  die  geringe 
Mächtigkeit  des  oberen  Geschiebelehmes,  in  dem  schon 
einzelne  grössere  Gebiete  unteren  Sandes  auftreten  z.  B. 
nördlich  Tempeifelde,  es  nicht  mehr,  ihn  zur  eigentlichen 
Moräne  hinzuzurechnen.  Der  obere  Geschiebelehm  zeigt 
durchweg  schon  eine  sandige  Ausbildung,  nur  wenn  er  in 
Erhebungen  etwas  mächtiger  wird,  z.  B.  in  dem  Wind- 
mühlen-Berge westlich  von  Sydow,  dann  ist  seine  Be- 
schaffenheit eine  fettere.  An  der  angeführten  Stelle  war 
ein  Aufschluss ,  in  dem  der  obere  Geschiebelehm  an  einigen 
Stellen  3  m  mächtig  war,  während  er  in  geringer  Entfer- 
nung davon  nur  wenige  Decimeter  erreichte,  unter  dem- 
selben lagerte  Kies  und  Sand  in  mannigfachen  Nestern  und 
Strahlen.  Auf  dem  Acker  von  Tempelfelde  wurden  eifrig 
Steine  „gebuddelt",  und  es  herrscht  der  Feldstein  als  Bau- 
material vor. 

An  der  Grenze  dieses  Abschnittes  entstehen  die  Rinnen, 
welche  zu  den  drei  Hauptthälern  hinabführen ;  es  sind:  das 
Nonnenfliess  bei  Tuchen ,  das  Finowfliess  in  der  Gegend 
von  Rüdnitz,  die  Panke  nördlich  von  Bernau  und  das 
Stienitzfliess  südlich  von  Schönfeld. 

Die  Abdachung  gegen  das  Thal  der  Finow  ist  die 
kürzeste,  sie  wird  begrenzt  im  Osten  von  der  Berlin-Freien - 
walder -Chaussee,  im  Süden  von  der  Linie:  Gersdorf, 
Klobbicke,  Sydow,  Biesenthal,  Prenden.  Bei  Dannenberg 
ist  der  Boden  noch  oberer  Geschiebelehm,  wenn  auch  in 
sandiger  Ausbildung.  Er  muss  ehemals  sehr  reich  an  Ge- 
schieben gewesen  sein,  denn  heute  ist  die  Steinbestreuung 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Heran shildutisr  der  Moräne  etc.      19 

noch  gut.    und    am   Wege    sind    zahlreiche  grosse  Blöcke 
niedergelegt   oder   die  kleineren  Geschiebe   zu  Haufen   zu- 
sammengetragen.    Oestlich    von   Dannenberg    wurde    beim 
Chauseebau   das  liegende  Flötz   der   Braunkohle   gefunden, 
es  stand  frei  zu  Tage ,  während   es  in   der  Nachbarschaft, 
im    Formsand    eingebettet,    vom    Diluvium    bedeckt    wird. 
Am  Rande  zwischen  Falkenberg  und  Hohen -Finow    durch- 
bricht an  mehreren  Stellen  der  tertiäre  Sand  das  Diluvium. 
Vor  Hohen -Finow  liegt  der  untere   Geschiebelehm   direkt 
auf  dem  Flötz.     Isördlich   der  Linie  Gersdorf- Trampe   ist 
der  obere  Geschiebelehm  nur  noch   inselartig  auf  dem  un- 
teren Sande  vorhanden,  denn  dieser  bildet,  mit  Dünenzügen 
bedeckt,  den  Boden  der  zusammenhängenden  Forsten  süd- 
lich der  Finow.     In  dem  Uebergangsstreifen ,  bis  zur  Höhe 
von  Spechthausen ,  trifft  man  noch  die  Steinbestreuung  und 
die  übrigen  Reste  des  oberen  Geschiebelehmes;  darüber  hinaus 
herrscht  direkt  der  untere  Sand.     Der  Rand  zur  Finow  bis 
Eberswalde  ist  überall  von  der  typischen   Form,  je   mehr 
er  sich   dem  letzteren  Orte   nähert,    desto   weniger   ausge- 
waschen zeigt  er  sich  und  desto  niedriger  wird  er,   er  be- 
steht dann  gänzlich  aus  oberem  Geschiebelehm.    Erst  kurz 
vor  Eberswalde  gehen  die  Einschnitte  der  Eisenbahn  durch 
unteren  Sand,    der  alsdann  bei  Eberswalde  das  breite  alte 
Bett  der  Finow  ausmacht.     Der  Bahnhof  von  Eberswalde 
und  der  grösste  Theil  des  neuen  Stadttheiles  sind  im  unteren 
Sande  angelegt. 

Das  Thal  der  Finow  zwischen  Eberswalde  und  Schöp- 
furth  ist  der  Sitz  einer  grossartigen  Ziegelfabrikation,  es 
wird  unterdiluvialer  Thon  verarbeitet,  welcher  unter  dem 
unteren  Sande,  wenige  Meter  über  dem  Spiegel  der  Finow 
angetroffen  wird.  Dieses  Vorkommen  lehrt,  dass  hier  zur 
Interglazialzeit  eine  abgeschlossene  Mulde  bestanden  haben 
muss. 

Merkwürdig  ist  die  Ausbildung  der  begleitenden  Ränder 
dieser  grossen  Rinne;  während  der  südliche  Rand  vollständig 
eingeebnet  ist,  bildet  der  nördliche  hinter  Lichtenberg  einen 
scharfen  von  ^Y  nach  0  sich  erstreckenden  Absturz,  so 
dass  zwischen  dem  Thal  und  dem  südlichen  Uckermärkischen 
Plateau  eine  Höhendifferenz  von  24  m  entsteht.     Das  Ucker- 


20  E.  Zache: 

märkische   Plateau    setzt    sogleich    am  Rande    mit    oberem 
Geschiebelehm  ein. 

Der  untere  Sand  des  Finowthales  zeigt  verschiedene 
Ausbildung,  in  der  Regel  ist  es  ein  scharfer  bis  kiesiger 
Sand,  in  der  Gegend  von  Steinfurth  findet  sich  Steinbe- 
streuung,  während  er  an  anderer  Stelle  Anlass  zur  Dünen- 
bildung gegeben  hat. 

Die  heutigen  Entwässerungsadern  in  der  Randzone 
fliessen  genau  parallel  zu  einander  und  münden  in  einem 
Abstände  von  11  km  in  den  Finow-Canal.  Es  sind  die 
Schwärze,  die  in  ihrem  oberen  Lauf  von  W  nach  0  fliesst 
und  die  Finow,  letztere  entwässert  den  Liepnitz-See  und 
eine  Reihe  kleinerer  Seeen.  Der  Wasserspiegel  des  Liepnitz- 
Sees  liegt  51  m  hoch  und  der  des  Samith-Sees  33  m. 
Eine  dritte  Rinne,  ebenfalls  rechtwinklig  zur  Hauptrinne, 
entsteht  aus  einer  Reihe  kleinerer  Seeen,  in  deren  Mitte  der 
Mittel  -  Prenden  mit  34  m  Höhe  liegt.  Die  ganze  Fläche 
der  Königlich  Biesenthalschen  Forst  liegt  nur  circa  40  m 
über  NN. 

Die  Wasserscheide  zwischen  der  Havel  und  der  Finow 
geht  zwischen  dem  Liepnitz-See  und  dem  Wandlitz-See 
hindurch,  so  dass  die  drei  heiligen  Pfühle  abflusslos  auf 
der  Wasserscheide  zu  liegen  kommen.  Gerade  die  Um- 
gebung der  Wasserscheide  zeichnet  sich  durch  eine  kompli- 
zirte  und  scharfe  Rinnenbildung  aus,  so  sind  die  Ufer  des 
Liepnitz-Sees  10  m  hoch  und  fallen  steil  ein,  ohne  dass 
Schluchten  hinabführen. 

Auf  der  Abdachung  gegen  die  Havel  treten  uns  ganz 
ähnliche  Erscheinungen  entgegen,  es  sind  hier  ebenfalls 
zwei  Rinnen  vorhanden,  die  Briese  und  das  Hermsdorfer 
Fliess,  welche  in  einem  Abstände  von  11  km,  die  eine 
direkt  in  die  Havel  und  die  andere  in  den  Tegeler  See 
mündet.  Das  Quellgebiet  beider  liegt  nahe  der  Wasser- 
scheide; das  Hermsdorfer  Fliess  entspringt  nördlich  Basdorf 
und  die  Niederungen  bei  Basdorf  sind  durch  einen  Graben 
mit  dem  Wandlitz-See  verbunden. 

Es  ist  in  der  Fortsetzung  der  Wasserscheide  in  dem 
Winkel  zwischen  Finow-Canal  und  Havel  bis  zur  Bloss- 
legung  des  unteren  Geschiebelehmes  gekommen.     Er  bildet 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.     21 


in  dem  Alluvium  zwischen  Finow  und  Havel  zahlreiche 
breite  Eücken  z.  B.  in  der  Gegend  von  Zehlendorf  und 
Klosterfeld  und  wurde  bisher  durch  Bohrungen  nirgends 
durchsunken ,  dazwischen  stehen  auch  noch  oberer  Geschiebe- 
lehm, unterer  Sand,  der  bei  Zehlendorf  jedoch  ohne  Stein- 
bestreuung  ist,  und  Thalsand  an. 

Südöstlich  der  Linie  Stolzenhagen-Wensickendorf  be- 
ginnt der  untere  Sand,  er  erreicht  allmählich  eine  Mächtig- 
keit von  ly^  bis  2^1-2  m.  Der  obere  Geschiebelehm  ist 
hier  überall  noch  durch  die  Steinbestreuung  angedeutet, 
und  zwar  erstreckt  sich  diese  nach  Westen  noch  bis  zur 
Chaussee  Wandlitz -Mühlenbeck,  so  dass  in  dem  schmalen 
Kande  bis  zur  Havel  nur  der  untere  Sand  ausgebildet  ist. 
Besonders  grosse  Blöcke  finden  sich  vereinzelt  in  der 
Wensickendorfer  Heide.  Am  Ufer  des  Wandlitz -Sees 
lagerte  in  früheren  Zeiten  ein  auffallend  grosser  Block,  der 
es  durch  diese  Eigenschaft  zu  einer  Berühmtheit  gebracht 
hatte.  1) 

Nach  Osten  erstreckt  sich  der  untere  Sand  ungefähr 
bis  an  die  Geleise  der  Berlin -Stettiner  Eisenbahn;  es  ist 
hier  dieselbe  Erscheinung  in  Bezug  auf  die  Auswaschung 
des  oberen  Diluviums  wie  am  Rande  des  Teltow,  die  Karte 
giebt  neun  Formen  derselben  an. 

Merkwürdig  in  diesem  Abschnitte  ist,  dass  ungefähr 
auf  der  Hälfte  zwischen  der  Einmündung  der  Briese  und 
des  Hermsdorfer  Fliesses  am  Eande  ein  Vorsprung  aus 
oberem  Geschiebelehm  und  zwar  in  vorzüglicher  Erhaltung 
stehen  geblieben  ist.  Mit  dem  Aufhören  der  Biesel- Heide, 
die  sich  hier  als  ein  schmaler  Streifen  Dünensand  einge- 
schoben hat,  beginnt  nach  Westen  zu  ganz  allmählich  der 
Boden  lehmiger  zu  werden  und  das  Terrain  zu  steigen,  so 
dass  am  Rande  60  m  Höhe  erreicht  werden.  Bei  Vorwerk 
Zerndorf  fängt  der  thonige  Gehalt  an  vorzuherrschen.  Die 
Oberfläche  nimmt  allmählich  den  Charakter  der  Moränen- 
landschaft an ,  es  finden  sich  einige  gut  ausgebildete  Solle, 
dazu  kommen  kurze  Thäler  und  kuppige  Hügel,   kurz  die 


1)  V.  Ledebour:  Die  heidnischen   Alterthümer   des  Regierungs- 
bezirkes Potsdam,  Berlin  1852.     S.  83. 


22  E.  Zache: 

Einebnurig  fehlt  gänzlich.  Bei  Stolpe  selber  ist  die  Aus- 
bildung des  oberen  Geschiebelehmes  am  besten,  er  steht 
hier  am  Rande  in  zwei  grossen  Gruben  an,  in  denen  er 
ohne  Zwischenschicht  von  Sand  direkt  auf  dem  unteren 
Geschiebelehm  lagert.  Der  Geschiebereichthum,  sowohl  in 
den  Brüchen  als  auf  den  Feldern,  ist  sehr  gering. 

Während  das  Thal  der  Briese  10  m  breit  und  flach 
aber  doch  scharf  eingerissen  ist,  fliesst  der  Hermsdorfer 
Fliess  im  Grunde  eines  weitausgewaschenen  —  bei  Lübars 
700  m  breiten  Thaies,  das  von  auffallenden  Hügeln  be- 
gleitet wird.  Es  sind  dies  am  südlichen  Rande  die  Arken- 
berge  70  m,  die  Mühlenberge  66  m,  die  Rollberge  63  m, 
welche  die  Wasserscheide  gegen  die  Panke  bilden. 

Offenbar  ist  die  Herausbildung  der  Briese  zu  einer 
Zeit  erfolgt,  als  die  Einebnung  schon  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  beendet  war,  jedenfalls  war  das  Hermsdorfer  Fliess 
schon  durch  die  grössere  Wassermenge  ausgewaschen.  Die 
Briese  ist  nur  ein  einfacher  Abflusskanal  des  Wandlitzer 
Sees  ,  während  das  Hermsdorfer  Fliess  zeigt,  in  welcher 
Richtung  hauptsächlich  die  Abschmelzung  vor  sich  gegangen 
sein  muss.  Es  wird  daher  hier  die  Richtung  der  Gletscher- 
bäche vornehmlich  eine  zweifache  gewesen  sein,  einmal 
eine  nordwestliche  gegen  das  Kreuzbruch  hin,  und  dann 
eine  südwestliche  gegen  den  Tegeler  See  auf  Spandau. 
In  der  letzten  Richtung  war  aber  die  Masse  des  Wassers 
derart,  dass  sie  ein  eigenes  Bett  schuf  und  zwar  so  tief, 
dass  es  für  die  spätere  grosse  Abflussrinne  der  Havel  hier 
richtungsbestimmend  wurde.  Durch  die  strahlenförmige 
Vertheilung  der  Schmelzwässer  erklärt  sich  allein  das 
Stehenbleiben  des  Vorgebirges  aus  intaktem  oberen  Ge- 
schiebelehm bei  Stolpe. 

Hieran  schliesst  sich,  durchweg  scharf  nach  Südwesten 
geneigt,  der  grösste  Abschmelzrand,  der  gegen  die  Spree. 

Was  zunächst  den  Abschnitt  bis  zur  grossen  Nordsüd- 
rinne anbelangt,  so  sind  hier  die  wichtigsten  Rinnen:  die 
Panke,  die  Wühle,  der  Zochen- Graben,  das  Neuenhagener 
Fliess  und  das  Fredersdorfer  Fliess.  Die  VertheiluDg  über 
den  Rand  ist  aber  keine  gleichmässige;  die  Wühle  bildet 
ungefähr  die  Mitte,  so  dass  die  drei  letzten  sich  fast  genau 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.     23 

in  die  östliche  Hälfte  theilen,  während  die  westliche  keine 
namhafte  Rinne  beherbergt,  es  entsteht  hier  ein  Dreieck 
zwischen  der  Wühle  und  der  Panke,  mit  Weissensee  als 
Mittelpunkt  und  dem  Plateaurand  in  der  Hochstadt  von 
Berlin  als  Basis,  das  dadurch  einige  Aehnlichkeit  mit  dem 
Vorgebirge  bei  Stolpe  erlangt  hat.  — 

Es  ist  hier  nicht  nöthig,  Zahlen  anzuführen,  da  das 
Profil  durch  diesen  Strich  läuft  und  daher  am  besten  das 
ungemein  gleichmässige  Fallen  beweist. 

Der  schmale  Streif  zwischen  Hermsdorfer  Fliess  und 
Panke  besteht  aus  oberem  Geschiebelehm,  dieser  beginnt 
im  Norden  bei  Buchhorst  und  geht  bis  zum  Rande  bei 
Rosenthal.  Im  Osten  schiebt  sich  noch  westlich  der  Panke 
von  Norden  her  eine  Zunge  unteren  Sandes  und  Alluviums 
in  der  ßuch'schen  Heide  ein,  so  dass  nur  die  Umgebung 
von  Blankenfelde  und  das  Gebiet  zwischen  Woltersdorf  und 
Schönwalde -Schönerlinde  übrig  bleibt.  Dieser  obere  Ge- 
schiebelehm ist  allerdings  ebenfalls  von  den  Abschmelz- 
wässern  überfiuthet  worden,  so  dass  er  nur  als  ein  sandiger 
Lehm  an  der  Oberfläche  erhalten  ist  und  von  kleinen  Allu- 
vialrinnen durchzogen  ist. 

Erst  östlich  der  Eisenbahn  tritt  der  obere  Geschiebe- 
lehm als  herrschendes  Gebilde  der  Oberfläche  auf,  seine 
Farbe  ist  in  der  Gegend  von  Börnicke  ein  helles  Gelbbraun 
und  seine  Ausbildungsform  ein  lehmiger  Sand.  Ich  habe 
keine  Aufschlüsse  gefunden ,  die  ihn  ganz  durchteufen, 
dennoch  kann  er  nicht  sehr  mächtig  sein,  wenn  dieser 
Sehluss  aus  der  Vegetation  erlaubt  ist.  In  dem  Parke  von 
Börnicke  gedeihen  in  erster  Linie  Akazien  und  Schwarz- 
pappeln, während  andere  Laubhölzer  gänzlich  zurücktreten. 
Charakteristisch  in  ihm  ist  der  Reichthum  an  Geschieben, 
die  Wege  Birkholz- Börnicke  und  Schwanebeck -Birkholz 
sind  garnirt  mit  grossen  Blöcken,  und  auf  den  Feldern 
fehlen  die  kleinen  Steine  ebenfalls  nicht.  Auch  Klöden  •) 
führt  an :  ,,da88  sich  zwischen  Bernau  und  Werneuchen, 
bei  dem  Dorfe  Börnicke  ein  reiches  und  bedeutendes  Ge- 
schiebelager auf   eine   ansehnliche   Strecke    hin   fortsetzt". 


1)  Klöden  a.  n.  0.    Stück  II.     S.  4G. 


24  E.  Zache: 

Auf  den  Feldern  wechselt  die  Steinbestreuung  mannigfach, 
da  hier  in  der  jüngsten  Zeit  sehr  viele  Chausseen  gebaut 
worden  sind. 

Vereinzelt  wird  hier  nur  noch  der  untere  Sand  ange- 
troffen. In  der  Regel  sind  es  kleine  Hügel,  in  denen  er, 
allerdings  seltener,  zu  Tage  tritt,  in  der  Regel  liegt  er 
unter  einer  dünnen  Decke  von  oberem  Geschiebelehm;  in 
den  Steuer-  und  Gehren -Bergen  bildet  er  grössere  Flächen. 
Südlich  des  Dorfes  Birkholz  tritt  er  in  einigen  Aufschlüssen 
in  grandiger  Ausbildung  auf. 

Das  Terrain  nähert  sich  durch  seine  Ebenheit  schon 
mehr  dem  nördlich  vorgelagerten  Sammelgebiet;  nach  Süden 
indessen  nimmt  es  einen  ausgesprochen  welligen  Charakter 
an.  Die  Gegend  zwischen  Lindenberg -Birkholz  und  Löhme 
einerseits  und  Malchow,  Ahrensfelde,  Mehrow  andererseits 
wird  gekennzeichnet  durch  einen  Horizont,  an  dem  ein 
beständiges  Auf-  und  Absteigen  von  sanften  Linien  statthat, 
während  nur  ab  und  zu  ein  isolirter  Kegel  dasteht,  welcher 
dann  in  der  Regel  das  trigonometrische  Signal  trägt. 

Auch  die  Ausbildung  des  oberen  Geschiebelehmes  ist 
eine  andere  geworden;  er  hat  eine  hellgraue  Farbe  mit 
einem  Stich  ins  Weisse,  ein  Zeichen  eines  grösseren  Sand- 
gehaltes, so  dass  in  diesem  Striche  während  einer  kurzen 
Zeit  jedenfalls  ein  Hin-  und  Herfluthen  der  Gletscherwässer 
ohne  eine  bestimmte  Bahn  stattgefunden  hat.  Die  Steine 
fehlen  nirgends  auf  dem  Acker,  wenn  es  auch  nur  ganz 
gelegentlich  zu  einer  förmlichen  Steinbestreuung  kommt, 
wie  neben  dem  Fliessgraben  nordöstlich  von  Lindenberg. 
Die  Ziegeleien  sind  sämmtlieh  im  oberen  Geschiebelehm 
angelegt  und  fördern  in  den  Gruben  ab  und  zu  auch  grössere 
Blöcke  zu  Tage. 

Dieser  Streif  der  Abschmelzzone  hält  ungefähr  die 
Mitte  zwischen  einer  ausgeprägten  Moränenlandschaft  und 
dem  vollständig  eingeebneten  Randgebiet;  dies  gilt  sowohl 
in  Bezug  auf  die  äussere  Configuration  als  auch  in  Bezug 
auf  die  Constitution  des  oberen  Geschiebelehmes. 

Die  Gegend  von  Werneuchen  besteht  fast  nur  aus  oberem 
Geschiebelehm,  selbst  der  obere  Sand  fehlt  hier,  sie  gehört 
zu  den   fruchtbarsten   des  Barnim;    ähnlieh   verhält   es  sich 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.     2ü 

Doch  mit  dem  Boden  des  südlich  gelegenen  Alt -Landsberg, 
obgleich  das  Neuenhagener  Fliess  hier  schon  in  den  unteren 
Sand  einschneidet,  so  wird  es  rechts  nnd  links  noch  von 
zwei  grossen  zusammenhängenden  Flächen  oberen  Geschiebe- 
lehmes eingefasst.  Nach  Osten  verliert  sich  der  obere  Ge- 
schiebelehm, es  tritt  der  untere  Sand  mit  Geschiebesand 
auf  als  ein  breiter  Strich  parallel  mit  der  grossen  Eordsüd- 
rinne  bis  zum  Rande  des  Hauptthaies  hinab.  Auch  dieses 
Randgebiet  zeichnet  sich  durch  grosse  Ebenheit  aus. 

Ganz  dasselbe  gilt  von  der  Abflachung  gegen  die  Spree. 
Der  ganze  Rand  südlich  der  grossen  Chaussee  Berlin -Küstrin 
bildet  eine  vollkommen  nach  Süden  abfallende  Ebene;  diesen 
Charakter  bewahrt  das  Gelände  bis  zum  Bahnhof  Strausberg. 
Die  oben  aufgeführten  Rinnen  und  die  kleinen,  welche 
keinen  Namen  führen,  sind  sehr  flache,  ganz  allmählich 
einfallende  Vertiefungen,  das  Fredersdorfer  Fliess  zeigt 
sogar  nicht  die  geringste  Spur  einer  Rinne,  es  fliesst  auf 
der  Oberfläche  in  einem  breiten  Wiesenstreifen.  Erst  gegen 
Norden  wird  bei  allen  die  Rinnenbildung  eine  ausge- 
sprochene. 

Am  Rande  zeigt  der  obere  Geschiebelehm  die  gewöhn- 
liche sandige  Ausbildung.  Nur  gleich  nördlich  von  Berlin 
in  der  Gegend  des  städtischen  Centralviehhofes  und  des 
flumboldthaines  scheint  er  eine  fettere  Cousistenz  zu  haben. 
Er  lagert  hier  in  der  Regel  ohne  eine  Trennung  von  unterem 
Sand  auf  dem  unteren  Geschiebelehm,  letzterer  tritt  in  dem 
Thale  der  Panke  in  grösseren  Flächen  zu  Tage,  ferner 
geringer  unter  dem  Kirchhofe  von  Alt -Landsberg  und  in 
dem  Thale  des  Fredersdorfer  Fliesses  bei  Petershagen,  in 
den  letzten  drei  Fällen  in  Begleitung  des  unteren  Sandes. 
Ausser  in  den  Rinnen  findet  sich  der  untere  Sand 
noch  in  einigen  kleinen  isolirten  Punkten,  z.  B.  in  dem 
Rücken  südlich  der  Falkenberger  Heide. 

Charakteristisch  für  dieses  Dreieck  nordöstlich  von 
Berlin  (Weissensee,  Hohen -Schönhausen)  ist  neben  der 
guten  Ausbildung  des  oberen  Geschiebelehmes  auch  der 
grosse  Reichthum  an  Sollen,  Pfühlen  und  anderen  Wasser- 
behältern.    Auf  der  Karte   von  Berendti)    ist    auch   diese 

1)  Berendt  a.  a.  0.    Tafel  VII. 


26  E.  Zache: 

Gegend  berücksichtigt.  Durch  beide  Eigenschaften  dürfte 
es  als  ein  von  den  Gletscherwässern  mehr  verschontes  Vor- 
gebirge aufgefasst  werden;  um  so  mehr,  da  diese  Stelle 
am  weitesten  von  dem  Ursprungsgebiet  der  Rinnen  ent- 
fernt ist. 

Den  Abschluss  des  Barnim  nach  Osten  bildet  ein 
schmaler  Strich,  der  besonders  durch  Spuren  strömenden 
Wassers  ausgezeichnet  ist.  Es  ist  das  Stück  zwischen  der 
grossen  Nordsüdrinne  und  dem   Stobber-LrJcknitzthal. 

Es  laufen  hier  eine  Anzahl  Rinnen  parallel  zu  einander 
nach  Süden,  von  denen  die  westliche  die  längste  ist,  sie 
beginnt  mit  dem  See  bei  Neu-Gersdorf  und  verläuft  in  der 
Nordsüdrichtung  mit  einer  geringen  Abweichung  gegen 
West  in  dem  langen  Gamen- Grunde  über  den  Langen-, 
Mittel-  und  Gamen -See  zum  Kessel-,  Fänger-  und  Bötz- 
See.  Am  See  bei  Neu -Gersdorf  sind  die  Ufer  nicht  sehr 
hoch  und  steil,  südlich  von  Leuenberg,  im  Langen  See 
dagegen  fallen  sie  fast  senkrecht  ein;  der  Gamen -See  bei 
Köthen  ist  31  m  tief  und  der  Lange  See  und  Gamen -See 
bei  Leuenberg  25  m.  Diese  Rinne  erwähnt  auch  Fischbach  ^), 
indem  er  sagt,  dass  „diese  Tiefe  von  Alters  ein  Kanal  ge- 
wesen sei,  wodurch  die  Oder  mit  der  Spree  verbunden 
war". 

Weiter  nach  Süden  nehmen  die  Seeen  zwar  an  Ober- 
fläche zu,  an  Tiefe  aber  ab,  obgleich  die  Rinnenform  noch 
ausgesprochen  bleibt:  so  ist  der  Fänger -See  nur  6  m  tief 
und  49  ha  gross,  der  Bötz-See  14  m  tief  und  96  ha  gross. 2) 
Am  Bötz-See  finden  sich  schon  ganz  flache  Ufer. 

Parallel  zu  dieser  Rinne  in  einem  Abstände  von  4  km 
läuft  eine  zweite,  welche  im  südlichen  Blumenthal  beginnt 
und  durch  den  Latt-See,  Herren-  und  Bauern-See  mit  dem 
Straussee  in  Verbindung  steht,  der  benachbarte  Ihland-See 
ist  nach  Süden  hin  abflusslos,  steht  aber  nach  Norden  hin 
mit  dieser  Kette  in  Verbindung.  Die  Form  der  Rinne  ist 
durchaus  die  gleiche,  nur  dass  der  Straussee  noch  von 
verhältnissmässig  hohen  und  steilen  Ufern  eingefasst  wird. 


1)  Fischbach  a.  a.  0.     S.  356. 

2)  V.  cl.  Borne:  Die  Fischereiverhältnisse  d.  deutschen  Keiches 
S.  224. 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.      27 

er  ist  ebenfalls  nur  16  m  tief  und  hat  140  ha  Oberfläche. 
Er  nimmt  noch  eine  zweite  bedeutend  kleinere  Rinne  auf, 
weiche  westlich  von  der  Chaussee  Wriezen- Strausberg  mit 
dieser  parallel  läuft.  Der  Straussee  ist  heute  abflusslos, 
es  führt  aber  am  Südende  des  Sees  um  den  Marienberg 
herum  eine  Schlucht  zum  Bötz-See,  die  wahrscheinlich  als 
Fortsetzung  der  Rinne  angesehen  werden  darf.  Ueberhaupt 
ist  die  Terrainbildung  an  dieser  Stelle  für  ein  complizirtes 
Zusammenströmen  von  Wasser  sehr  günstig.  Ein  Soll, 
welcher  in  der  Gabel  der  Chausseen  zum  Bahnhof  Straus- 
berg und  nach  Alt -Landsberg  liegt,  ist  noch  heute  das 
Reservoir  für  die  Tagewässer.  Es  muss  daher  die  Ent- 
wässerung beider  Rinnen  von  Bötz-See  aus  stattgefunden 
haben.  Das  heutige  Fredersdorfer  Fliess  ist  aber  nicht 
als  die  Ableitungsrinne  anzusehen ,  denn  es  ist  kaum  merk- 
lich in  das  Plateau  eingeschnitten.  Wie  die  ganze  Terrain- 
bildung lehrt,  wird  wahrscheinlich  von  hier  aus  ein  breites 
Ueberfluthen  zumStienitzsee  und  zum  Rande  hin  stattgefunden 
haben ,  als  deren  letzte  Spur  in  der  Eggersdorfer  Forst  noch 
eine  Rinne  zum  Stienitz-See  erhalten  ist,  welche  über 
Eggersdorf  auf  das  heutige  Fliess  führt.  Es  ist  hier  die 
merkwürdige  Erscheinung  zu  verzeichnen ,  dass  das  Mühlen- 
Fliess  zwischen  der  Neuen  Mühle  und  der  Busch -Mühle 
von  SO  nach  NW  fliesst. 

Auf  der  Ostseite  von  Strausberg,  dicht  neben  der 
Stadt  entsteht  in  den  Wiesen  ein  Wasser ,  welches  in  einem 
Wiesenthal  mit  hohen  und  steilen  Rändern  durch  den 
Herren-See  in  den  Stienitz-See  fällt;  in  diesen  mündet  von 
Norden  her  noch  ein  zweites,  mit  dem  ersten  vollständig 
paralleles  Thal,  so  dass  zwischen  beiden  eine  Landzunge 
stehen  bleibt.  Die  Nordseite  des  Stienitz-Sees  ist  auch 
dadurch  auffällig,  dass  durch  den  kleinen  Stienitz-See  und 
die  Depression  mit  dem  Dorfe  Hennickendorf  eine  diluviale 
Insel  im  Alluvium  hergestellt  wird;  kurz,  der  Nordrand  des 
Stienitz-Sees  verräth  deutlich  die  Spuren  von  bedeutenden 
Mengen  strömenden  Wassers. 

Eine  Reihe  von  Seeen  aus  der  Gegend  von  Ruhlsdorf 
und  Garzau  werden  durch  das  Mühlenfliess  zum  Elsen-See 
entwässert. 


28  E.  Zache: 

Nach  Osten  findet  das  Rinnensystem  durch  die  grosse 
1  km  breite  und  10  km  lange  Einsattlung  des  Rothen 
Luches  seine  Grenze.  Dasselbe  entsteht  bei  Wüste  Sievers- 
dorf und  streicht  in  südwestlicher  Richtung  bis  in  die 
Gegend  von  Kagel,  wo  es  sich  allmählich  verliert.  Es  ist 
auch  dadurch  merkwürdig,  dass  es  die  in  der  Mark  aller- 
dings nicht  allzu  seltene  Erscheinung  zeigt,  dass  auf  seiner 
Scheitelfläche  die  Quellen  zweier  Bäche  dicht  nebeneinander 
liegen,  welche  verschiedenen  grossen  Flusssystemen  ange- 
hören. Die  Rinne  wird  durch  den  Müller-  und  Werl -See 
fortgesetzt,  während  die  Löcknitz  nur  ein  sekundärer  Ab- 
fluss  ist. 

Dieses  Stück  der  Abschm.elzzone  bildet  eine  merkwür- 
dige Ausnahme  gegenüber  den  bisher  betrachteten,  während 
diese  als  Dreiecke  anzusehen  waren,  deren  Basis  am  Rande 
und  deren  Spitzen  in  der  Hochfläche  lagen,  ist  es  hier  um- 
gekehrt: als  Basis  muss  ungefähr  ein  Stück  der  Chaussee 
Tiefensee -Prötzel-Müncheberg  von  15  km  Läoge  und  als 
endliche  Spitze  der  Dämeritz  angesehen  werden.  Unter 
diesem  Gesichtspunkt  wird  die  einzige  Art  der  Herausbil- 
dung vollständig  verständlich.  Und  nicht  nur  die  äussere 
Form  der  Rinnen  sondern  auch  die  geologische  Zusammen- 
setzung des  Bodens  ist  dadurch  begründet.  Doch  nicht 
blos  das  hierdurch  bedingte  Zusammenströmen  ist  es  ge- 
wesen, welches  gerade  hier  die  tiefen  Rinnen  ausgehöhlt 
hat;  das  Gefälle  jeder  Rinne  kommt  als  zweiter  Faktor 
dazu,  wie  die  Höhe  der  Wasserspiegel  lehrt.  In  der  läng- 
sten Rinne  hat  der  Kessel -See  66  m,  derBötz-See  61m, 
der  Straussee  64  m  Höhe,  während  der  Stienitzsee  36  m 
und  der  Kalksee  35  m  hoch  liegen.  Es  ist  also  auf  der 
kurzen  Strecke  von  6  km  zwischen  Straussee  und  Stienitz- 
see eine  Differenz  in  der  Wasserhöhe  von  28  m  vorhanden. 

Indessen  soll  nun  die  geologische  Betrachtung  eben- 
falls zeigen ,  wie  bedeutend  dieser  Abschnitt  unter  dem  Ein- 
fluss  strömenden  Wassers  gestanden  hat. 

Dort,  wo,  wie  im  Rinnensystem  oberhalb  des  Stienitz- 
Sees ,  die  Wasserbewegung  und  die  Wassermenge  besonders 
grosse  waren,  ist  der  obere  Geschiebelehm  nicht  vertreten. 
Die   Oberfläche    der  Landzunge    und    die    Einschnitte    der 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.     29 

Ostbahn  in  dieselbe  zeigen  nur  den  unteren  Sand  in  gran- 
diger und  kiesiger  Ausbildung,  in  derselben  Weise  setzt 
sich  die  Bildung  fort  rings  um  Strausberg  und  in  dem 
Strich  zwischen  den  beiden  parallelen  Hauptrinnen,  also 
auf  der  Feldmark  von  Eggersdorf  und  in  der  Strausberger 
Stadtforst. 

Nach  Norden  ändert  sich  die  geologische  Bildung 
etwas.  In  der  Gegend  von  Wilkendorf  (107  m)  wechselt 
der  untere  Sand  mit  Inseln  von  oberem  Geschiebelehm, 
oder,  wo  er  nicht  selbst  mehr  vorhanden  ist,  da  findet  sich 
doch  eiue  zahlreiche  Steinbestreuung. 

Merkwürdig  ist,  dass  in  dem  Ihland-See  der  obere 
Geschiebelehm  mit  seinen  Blöcken  bis  zum  Seespiegel 
herabreicht,  während  in  dem  Langen  See  und  seinen  steilen 
Ufern  scharfer  unterer  Sand  zu  Tage  tritt.  Südlich  von 
Prötzel  in  der  kgl.  Kahnsdorfer  Heide  herrscht  der  untere 
Sand,  nur  in  den  höher  gelegenen  Gebieten  bei  Kloster- 
dorf  (117  m)  ist  der  obere  Gescbiebelehm  erhalten.  Hier 
sind  in  früherer  Zeit  dicht  unter  der  Oberfläche  Blöcke  ge- 
graben worden,  die  dann  so  dicht  lagen,  dass  sie  von 
weitem  den  Eindruck  einer  weidenden  Herde  von  Schafen 
gemacht  haben  sollen.  Von  Klosterdorf  bemerkt  Klöden  ^), 
dass  man  bei  einem  Brunnenbau  30  Fuss  Lehm  durchsun- 
ken  habe  und  dann  auf  einen  schwarzen  Kohlenletten  mit 
Braunkohlenresten  getroffen  sei,  darunter  folgte  bis  70 
Fuss  Tiefe  reiner  grober  Kiessand,  den  er  zum  Tertiär 
rechnet. 

Auch  der  Boden  von  Grunow  und  von  Ernsthof 
(80 — 90  ra)  ist  ein  sandiger  oberer  Geschiebelehm  mit  zahl- 
reicher Steinbestreuung,  die  grossen  Blöcke  sind  an  den 
Weg  geschafft  oder  markieren  die  Grenze.  Die  Gegend 
von  Hohenstein  unterscheidet  sich  beute  wenig  von  ihrer 
Umgebung,  höchstens  zeichnet  sie  sich  durch  etwas  grössere 
Coupirtheit  aus,  in  früherer  Zeit  soll  nach  dem  Bericht 
eines  Einheimischen  der  Steinreichthum  so  gewaltig  gewesen 
sein,  dass  die  Leute  häuserhohe  Haufen  von  Steinen  auf- 
gethürmt   hatten,    um    dadurch    einiges   Ackerland   zu  ge- 


1)  Klöden  a.  a.  0.,  Stück  II.     S.  35. 


30  E.  Zache: 

winnen.  Jetzt  sind  die  Steine  zu  Wagen  fortgeschafft 
worden.  Jedenfalls  bietet  der  Name  ebenfalls  einen  Hin- 
weis. Auf  der  Feldmark  von  Strausberg  soll  in  der  Tiefe 
oft  eine  förmliche  Steinpackung  vorhanden  sein. 

An  der  nördlichen  Grenze  der  Abschmelzzone  setzt  sich 
der  obere  Geschiebelehm  fort  bis  an  den  Spiegel  des  Scher- 
mützel-Sees,  gegen  Bollersdorf  hin  in  etwas  fetterer  Aus- 
bildung und  mit  guter  Steinbestreuuug.  Er  ist  an  dem 
Westabhange  des  Schermützel-Sees  in  dem  Steilufer  und 
in  den  Schluchten  bis  in  den  See  hinab  überall  zu  beob- 
achten; die  Tagewässer  haben  grosse  Blöcke  freigespült, 
und  an  haldenförmigen  Absätzen  ist  der  Boden  oft  mit 
kleinen  Geschieben  gepflastert.  Der  obere  Geschiebelehm 
bedeckt  in  den  natürlichen  Aufschlüssen  überall  den  tertiä- 
ren Glimmersand  i).  Es  ist  dies  ebenfalls  ein  Zeichen, 
dass  die  Spalte  bei  Buckow  schon  zur  Tertiärzeit  entstan- 
den war  und  bestätigt  die  Theorie  Wahnschaäes  auch  für 
diesen  Theil  des  Balticums.  2) 

Auf  diesem  scharfen  VorspruDg  mit  einer  Höhe  von 
90  m  ist  bei  Boilersdorf  das  Diluvium  zum  Zweck  der 
Braunkohlengewinnung  durchteuft.  In  der  Grube  Willen- 
bücher sind  folgende  Schichten  durchteuft:  3,5  m  oberer 
Geschiebelehm,  1  m  unterer  Sand  und  fm  unterer  Ge- 
schiebelehm ,  dann  folgte  der  Formsand  und  600  m  nord- 
westlich hiervon:  3,5  m  oberer  Geschiebelehm,  7  m  unterer 
Geschiebelehm  und  26  m  unterer  Sand,  darunter  folgte 
direct  das  erste  Flötz.^) 

Am  Südrande  des  Schermützel-Sees  baut  eine  Ziegelei 
Septarienthon  ab,  über  welchem  auch  der  obere  Geschiebe- 
lehm lagert. 

Durch  die  Einschnitte  der  Ostbahn  am  Westrande  des 
ßothen  Luches  wurde  ein  Profil  erhalten,  das  von  Konen  *) 
folgendermassen  angiebt:  rothbrauner  zersetzter  unterer  Ge- 


1)  Wahnschaffe ,  Zur  Frage  der  Oberfläch exigestaitung  etc. 

2)  Girard  a.  a.  0.  S.  198. 

3)  Nach  freundlichen  Angaben  des  Herrn  Obersteiger  Schülke. 

4)  V.  Konen:  Ueber  einige  Aufschlüsse  im  Diluvium  südlich  und 
östlich  von  Berlin.  Zeitschr.  d.  deutsch,  geol.  Gesellsch.  Bd.  XVIII. 
1866.     S.  38. 


lieber  den  Verlauf  und  die  Herausbilduns:  der  Moräne  etc.     31 

schiebelebm  4  Fuss,  graubrauner  fester  unterer  Geschiebe- 
lehm 8  Fuss,  magerer  desgl.  5  Fuss,  feiner  Sand  5  Fuss, 
gelber  Schluff  1 — 2  Fuss,  schwach  kiesiger  Sand  12  bis  15 
Fuss  stand  in  der  Sohle  an.  Weiter  in  das  Plateau  hinein 
führen  die  Eisenbahneinschnitte  durch  den  unteren  Sand. 
Interessant  ist,  dass  Fischbach i)  einige  Notizen  über  die 
Oertlichkeiten  hier  bringt;  in  der  Regel  sagt  er  von  dem 
Boden  der  Dörfer  nur:  „Boden  mittelmässig,  oder  Boden 
sandig,  Roggen  Hauptprodukt" ;  von  Prädikow,  Hohenstein 
und  Ruhlsdorf  dagegen  führt  er  ausdrücklich  an,  dass  die 
Feldmarken  steinreich  sind. 

Erst  gegen  Herzfelde  und  Rüdersdorf  wird  der  Boden 
ein  saudiger  oberer  Geschiebelehm  mit  Steinbestreuung. 
Ueber  den  Ziegeleigruben  von  Herzfelde  ist  er  im  Durch- 
schnitt 2— 3  m  mächtig,  gegen  den  Stienitz-See  verliert  er 
sich,  und  es  lagert  hier  über  dem  Diluvial -Thon  der  untere 
Sand  bedeckt  mit  wechselnden  Mengen  von  Grand;  wo  in 
Herzfelde  unter  dem  oberen  Geschiebelehm  der  untere 
Sand  auftritt,  ist  er  immer  sehr  feinkörnig  ausgebildet. 
Der  Kranichberg,  der  stehengebliebene  Vorsprung  des 
Plateaus  mit  77  m ,  ist  in  seinen  Gehängen  aus  unterem 
Sande  aufgebaut,  so  dass  erst,  wie  schon  angedeutet,  bei 
Col.  Hortwinkel  der  obere  Geschiebelehm  auftritt.  Der 
Plateaurand  zwischen  Schönebeck  und  Woltersdorf  ist  un- 
terer Sand,  bedeckt  mit  den  mannigfachen  Derivaten  des 
oberen  Geschiebelehmes. 


Das  Land  Lelbus. 

Das  Plateau  des  Lebus  ist  eine  Hochfläche,  welche  in 
ihren  allgemeinen  Erhebungen  80 — 90  m  erreicht;  es  bildet 
dadurch  einen  merkwürdigen  Gegensatz  zum  Barnim,  dass 
es  nicht  eine  zusammenhängende  Fläche  bildet,  sondern, 
dass  es  durch  zwei  tief  eingeschnittene  Thäler  in  drei  Ab- 
schnitte getheilt  wird,  Abschnitte,  welche  ihrer  geologischen 
Ausbildung  nach  zu  schliessen,  schon  vor  der  Ablagerung 
des  oberen  Geschiebelehmes  durch  jene  Rinnen  angedeutet 


1)  Fischbach  a.  a.  0.  S.  466. 


32  E.  Zache: 

waren.  Keferstein  ^)  cbarakterisirt  den  Kreis  Lebus  als 
„ein  erhöhtes  Geestland,  das  zum  preussischen  Höhenzuge 
gehört,  wellig,  meist  sandig,  nicht  unbedeutende  Waldungen, 
die  Braunkohienformation  kommt  an  mehreren  Punkten 
zwischen  Mtincheberg  und  Frankfurt  zu  Tage,  wie  bei 
Petershagen  und  Bossen." 

Der  umfangreichste  unter  jenen  drei  Abschnitten  ist 
die  hohe  Fläche  um  Müncheberg;  sie  wird  im  Osten  be- 
grenzt durch  die  Nord -Südrinne,  welche  von  Georgenthal 
über  Falkenhagen,  Comt.  Lietzen,  Diedersdorf,  Ober- und 
Nieder-Görlsdorf  in  die  Bucht  des  Oderbruches  südlich  von 
Neu -Hardenberg  mündet,  ihre  südliche  Fortsetzung  bildet 
der  Madlitzer  Mühlenteich  und  der  Petershagener  See.  Die 
höchste  Erhebung  liegt  südlich  von  Müncheberg  mit  93  m, 
es  wird  diese  Höhe  bis  Gölsdorf  beibehalten,  und  von  hier 
beginnt  nach  Süden  eine  allmähliche  Abdachung,  doch  nur 
soweit,  dass  der  Rand  neben  dem  Trebuser  See  noch  74  m 
über  NN  aufweist.  Nach  Westen  geht  der  Hang  zum 
Rothen  Luch  und  flacht  sich  bis  auf  64,54  und  40  m  ab. 
Nördlich  der  Ostbahn  beginnt  die  Abdachung  gegen  den 
Stobber,  sie  ist  sehr  unregelmässig  und  durch  zahlreiche 
zum  Theil  tiefe  und  steilrandige  Seeen  durchbrochen,  so 
dass  die  Höhen  zwischen  60  und  70  m  liegen.  Nach  Osten 
werden  bis  zur  Rinne  Höhe  von  80  m  beibehalten  und  nach 
Süden  mit  Heinersdorf  und  Tempelfelde  flacht  sich  das 
Terrain  zu  einem  Halbkreise  ab,  der  im  Westen  von  Buch- 
holz, im  Osten  von  Arensdorf  begrenzt  wird  und  in  seinem 
Inneren  60  m  hoch  liegt,  während  nach  Süden  gegen  den 
Abhang  zur  Spree  57  m  erreicht  werden. 

Die  besten  Aufschlüsse  über  das  Diluvium  erhält  man 
auch  hier,  dort  wo  es  zum  Zwecke  der  Braunkohlengewinn- 
ung bis  auf  das  Tertiär  durchsunken  ist.  Das  ist  ungefähr 
in  dem  Centrum  dieses  Abschnittes  in  den  Gruben  Waldeck, 
es  wird  dort  aus  folgenden  Schichten  aufgebaut  2): 
4,00  m  oberer  Geschiebelehm, 
2,15    „    scharfer  Sand  (unterer  Sand)^ 


1)  Keferstein  a.  a.  0.  Bd.  V.  S.  341. 

2)  Gemäss  den  freundliclaen  Angaben  des  Herrn  Obersteiger  Hake. 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung:  der  Moräne  etc.      33 

3,80  m  weicher  Sand  ]   .     ^  ^      ,^ 

20,00   „   scharfer     „      [  '■'"'*''"  S*""^)- 
Ein  zweiter  Aufschluss  in  kurzer  Entfernung  von  dem  ersten 
zeigte  folgende  Zusammensetzung: 

5,75  m  oberer  Geschiebelehm  (Lehm  mit  Steinen), 
40,58    „    scharfer  Sand  (unterer  Sand), 

0,54   „    schwarzer  Letten, 
24,52   „   unterer  Geschiebelehm  (grauer  sandiger  Thon  mit 

Steinen). 
39,88   „    scharfer  Sand. 

Der  obere  Geschiebelehm  ist  die  herrschende  Bodenart 
der  Höhe,  seiner  Ausbildung  verdankt  die  Gegend  ihre 
charakteristischen  Eigenschaften. 

Das  Gelände  stellt  sich  dar  als  eine  weite  Ebene, 
welche  von  flachen  und  wellenförmigen  Hügeln  durchzogen 
wird.  Die  Unterschiede  in  den  Erhebungen  schwanken  nur 
um  wenige  Meter  zwischen  80  und  90.  Einen  guten  Ueber- 
blick  über  das  Terrain  erhält  man  von  der  Chaussee  Münche- 
berg  -  Heinersdorf,  dieselbe  führt  über  die  Erhöhungen 
84 — 88  m  hin.  Von  hier  aus  blickt  man  in  südwestlicher 
Kichtung  in  eine  flache  Depression  mit  zahllosen  Pfühlen, 
von  denen  keiner  die  für  einen  Soll  charakteristische  Form 
besitzt.  Der  Strich  zwischen  Behlendorf,  Marxdorf  und 
Diedersdorf  zeigt  ein  etwas  koupiertes  Terrain.  Der  obere 
Geschiebelehm  trägt  durchweg  Steinbestreuung,  er  wechselt 
hier  etwas  in  seiner  mehr  oder  weniger  fetten  Ausbildung, 
indem  er  gelegentlich  eine  sandige  Constitution  an  der 
Oberfläche  zeigt.  Im  Süden  hört  er  in  der  Gegend  von 
Tempelfelde  und  Heinersdorf  auf ,  um  einer  ausgesprochenen 
Sandbildung  Platz  zu  machen.  Durchweg  gut  ausgebildet 
ist   er  zwischen   Jahnsfelde  und  Marxdorf,   er   bildet  hier 

einen  hellbraunen  Lehmboden  mit  Steinbestreuung  und  er- 
streckt sich  bis  in  die  Rinne  hinab,  so  dass  nirgends  der 
untere  Sand  dieselbe  begleitet  und  nur  dort  ansteht,  wo 
die  Tagewässer  Schluchten  ausgehöhlt  haben.  Dadurch  ist 
natürlich  nicht  ausgeschlossen ,  dass  der  Geschiebelehm  der 
Gehänge  nicht  gelegentlich  eine  sandige  Beschaffenheit  er- 
hält. Zwischen  Arensdorf  und  Falkenhagen  gewinnt  eine 
Ziegelei  einen  Thon ,  der  unter  zwei  Spaten  Abraum  direkt 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII  ISüO.  3 


34  E.  Zache: 

ansteht,  es  ist  ein  blaugrauer  fetter  Thon,  er  lagert  in  einer 
flachen  Mulde,  deren  Ränder  einen  guten  Geschiebelehro 
zeigen,  in  dem  die  Steine  nicht  fehlen. 

Der  Steinreichthum  des  oberen  Geschiebelehmes  verräth 
sich  schon  in  dem  Baumaterial;  die  Ortschaften  Marxdorf, 
Behlendorf  und  Heinersdorf  haben  für  ihre  Gebäude  (Kir- 
chen und  Scheunen)  vor  allem  die  Geschiebe  verwandt. 
In  dem  Laubwalde  zwischen  dem  Heinersdorfer  See  und 
dem  Krummen  See  lagern  grosse  Blöcke,  und  die  Ein- 
schnitte des  Weges  führen  durch  oberen  Geschiebelehm. 
Der  Steinberg  östlich  von  Heinersdorf  zeigt  gute  Steinbe- 
streuung.  Auf  den  Kleeschlägen  westlich  neben  Behlendorf 
sind  die  kleinen  Geschiebe  zu  einzelnen  Pyramiden  aufge- 
häuft. Dort,  wo  die  Steine  zurücktreten,  sind  sie  durch 
Ablesen  entfernt.  Von  der  Strecke  Müncheberg- Fürsten- 
walde erwähnt  Klöden  i)  unter  den  Geschieben  einen  rothen 
Sandstein,  von  dem  ich  aber  keine  Reste  mehr  gefun- 
den habe. 

Der  Abschmelzrand  nach  Westen  beginnt  mit  dem  Wege 
MUncheberg-Fürstenwalde ;  der  Abhang  ist  vollständig  eben. 
Der  obere  Geschiebelehm  nimmt  ganz  allmählich  eine 
immer  sandigere  Form  an,  so  dass  von  ihm  in  der 
Hangelsberger  Heide  nur  die  Grand-  und  GeröUbestreuung 
auf  dem  unteren  Sande  übrig  bleibt. 

Aehnlich  ist  die  AbdachuLg  nach  Osten  über  Buchholz, 
während  auf  dem  Wege  Gölsdorf- Buchholz  noch  guter 
oberer  Geschiebelehm  ansteht,  wird  er  weiter  südlich  und 
östlich  immer  saudiger.  Steine  sind  noch  vorhanden.  Auch 
diese  Zunge  ist  ein  Vorgebirge,  das  mit  seinem  südlichen 
Bande  scharf  neben  dem  Trebuser  See  endigt,  in  seinen 
östlichen  und  westlichen  Abhängen  aber  eingeebnet  ist. 

Der  Kreisausschnitt  südlich  Tempelfelde -Heinersdorf 
ist  das  Sammelgebiet  für  die  Abschmelzwasser  des  ganzen 
nördlich  davon  gelagerten  Höhenzuges  geworden,  er  ist 
dadurch  vollständig  eingeebnet  und  versandet  worden.  Die 
Grenzen  zwischen  oberem  Saud  und  unterem  Sand  sind  hier 
sehr  schwer  festzustellen.    Nirgends  ist  die  Steinbestreuung, 


1)  Klöden  a.  a.  0.  Stück  V.    S.  35. 


lieber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.      35 

wenn  sie  überhaupt  vorhanden  ist,  sehr  deutlich.  In  dem 
Tempelberger  Walde  liegen  einige  Blöcke,  westlich  dieses 
Waldes  hat  der  sandige  Boden  stellenweise  eine  schwarz- 
braune Farbe,  als  ob  hier  eine  sumpfige  Wiese  in  Acker- 
land umgewandelt  worden  wäre.  In  einer  grossen  Sand- 
grube westlich  von  Hasenfelde  wird  scharfer  gelber  unterer 
Sand  gewonnen,  ebenso  in  einer  solchen  westlich  von 
Arensdorf,  in  beiden  begann  der  Sand  direkt  unter  der 
Oberfläche. 

Oestlich  von  Arensdorf  mit  der  Höhe  77  m  und  dem 
ausgesprochenen  oberen  Geschiebelehm  ist  der  Rand  der 
Hochebene  wieder  erreicht.  —  üeber  Arensdorf  bringt 
Beckmann  i)  eine  Notiz,  welche  gleich  hier  eingefügt  werden 
mag:  „Anno  1713  lagen  auf  dem  Felde  vier  Kreise  von 
Steinen,  davon  zwei  wegen  der  eingesunkenen  und  ver- 
worfenen Steine  schon  ziemlich  unkennbar,  zwei  aber  noch 
ganz  kennbar.  Zwischen  und  um  diesen  Kreisen  hat  eine 
grosse  Menge  Steine  gelegen ,  als  ob  ein  Gebäude  daselbst 
gestanden." 

Am  ausgesprochensten  ist  indessen  der  Charakter  der 
Abschmelzzone  in  dem  Theile  nördlich  der  Ostbahn  bis  in 
das  Thal  des  Stobber  ausgebildet.  Die  Landschaft  erhält 
durch  die  zahlreichen  eingestreuten  Seeen  einen  sehr  durch- 
brochenen Charakter,  dazwischen  liegen  die  unregel- 
mässigen, aber  immer  abgeflachten  und  deutliche  Spuren 
der  Einebnung  zeigende  Kuppen.  Namentlich  ausgezeich- 
net durch  grosse  Coupiertheit  ist  der  Strich  zwischen  der 
Ostbahn  und  dem  Schermützel-See.  Es  ist  hier  die  grösste 
Anzahl  kleiner  Seeen  angehäuft,  und  der  Boden  besteht 
aus  unterem   Sande  mit  grossartiger  Steinbestreuung.^) 

Neben  der  Chaussee  Dahmsdorf-Prötzel  2  km  nördlich 
des  Bahnhofes  zeigt  ein  Aufschluss  von  der  Oberfläche  an 
den  scharfen  unteren  Sand,  an  einigen  Stellen  festgebacken 
wie  Sandstein,  dazwischen  wieder  Sandstrahlen  von  weichem 
Sand  und  Nester  von  Geröll.  Es  herrschen  die  Feuerstein- 
geschiebe vor.     Ein  ganz   ähnliches  Vorkommen  beschreibt 


1)  Beckmannn  a.  a.  0.  I.  Th.  S.  365. 

2)  V.  Konen  a.  a.  0. 

3* 


36  E.  Zache: 

Klöden ')    in    einer  Kiesgrube    auf   dem    Kahlenberge    bei 
MüDcheberg. 

In  der  Landenge  zwischen  dem  Rothen  Luch  und  dem 
Schermützel-See  bildet  ein  feiner  unterer  Sand  ohne  Stein- 
bestreuung  den  Boden.  Kurz  vor  Buckow  steht  oberer 
Geschiebelehm  in  den  Wegeeinschnitten  zu  Tage;  das  Kothe 
Luch  selber  trägt  auf  seiner  Oberfläche  eine  3 — 4  m  starke 
Torfschicht,  welche  auf  feinem  unteren  Sande  ruht.  Die 
Gegend  um  Münchehofe  ist  sandig,  es  wechselt  hier  oberer 
und  unterer  Sand;  auch  bei  Obersdorf  herrseht  schon  eine 
sandige  Ausbildung  des  oberen  Geschiebelehmes. 

Wie  schon  angedeutet,  zeigen  die  Uferränder  des 
Stobber- Thaies  unterhalb  der  Pritzhagener  Mühle  einen 
merkwürdigen  Gegensatz;  sowohl  in  ihrer  Oberflächengestal- 
tung als  auch  in  ihrer  geologischen  Durchbildung.  Wäh- 
rend das  nordwestliche  Ufer  durchweg  steil  einfällt,  einen 
scharf  ausgeprägten  Rand  besitzt  und  bis  zu  seiner  Basis 
aus  oberem  Geschiebelehm  besteht,  zeigt  das  gegenüber- 
liegende deutlich  die  Wirkung  der  Abschmelzwasser:  sein 
Rand  ist  rund,  in  zahlreiche  flache  Kuppen  und  Schluchten 
ausgewaschen ,  welche  sich  in  mannigfachen  Verzweigungen 
weit  in  den  Hang  hineinziehen;  der  allgemeine  Absturz 
zum  Thal  ist  daher  ein  ganz  allmählicher,  so  dass  er 
zwischen  der  Pritzhagener  Mühle  und  der  Eichendorfer 
Mühle  überall  die  Beackerung  zulässt. 

Er  besteht  allein  aus  unterem  Sande,  der  manchmal 
Steinbestreuung  zeigt;  in  einer  Grube  zwischen  Hermsdorf 
und  Eichendorfer  Mühle  findet  man  ihn  bis  an  die  Ober- 
fläche in  scharfer  Ausbildung,  während  dicht  daneben  der 
Weg  durch  den  oberen  Geschiebelehm  gelegt  worden  ist. 
Erst  südlich  Hermsdorf  hört  dieser  Wechsel  in  der  Aus- 
bildung auf,  und  der  obere  Geschiebelehm  bildet  allein  die 
Oberfläche,  allein  immer  noch  wechselnd  in  bald  mehr 
lehmiger,  bald  mehr  sandiger  Ausbildung,  je  nach  der 
Form  der  Oberfläche,  und  erst  zwischen  Trebnitz- Jahns- 
felde-Müncheberg  nimmt  er  eine  gleichförmige  Beschaffen- 
heit an  mit  reichlicher  Steinbestreuung.    Lehrreich  sind  die 


1)  Klöden  a.  a.  0.  Stück  V.  S.  34 


Uebev  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moriine  etc.       37 

Profile,  welche  v.  Konen  \)  aus  den  Bahneinschnitten  der 
kgl.  Ostbahn  beschrieben  hat.  Danach  setzt  sich  die  Sand- 
facies  bis  Alt-Eosenthal  am  Kande  fort,  der  untere  Sand 
der  Abschmel/zone  wird  überall  von  unterem  Geschiebe- 
lehm unterlagert.  Am  Ostrande  des  Rothen  Luches  be- 
schreibt er  folgende  Lagerung:  kiesiger  Saud  15  Fuss, 
darunter  graublauer  unterer  Greschiebethou  12  Fuss,  darun- 
ter feiner  weisser  Sand.  Die  Einebuung  nach  dem  Bruche 
ist  eine  fast  vollständige;  zwisclien  der  Seeenkette  des 
Dolgen-,  Kessel-  und  Lettin- Sees  einerseits  und  dem 
Stobber  andererseits  ist  ein  schmaler  niedriger  Rücken  von 
feinem  unteren  Sande  stehen  geblieben ,  so  dass  der  Kloster- 
See  und  der  Kietzer  See,  zwischen  denen  das  Dorf  Alt- 
Friedland  sich  angesiedelt  hat,  die  Fortsetzung  dieser 
beiden  angedeuteten  Abflussrinnen  sind,  obgleich  beide 
schon  im  Bruche  liegen. 

Ueber  die  Böschung  des  Plateaus  gegen  die  Oder  und 
Spree  haben  wir  durch  das  Projekt  eines  Oder -Spree - 
Canales  interessante  Daten  erhalten. 2)  Die  Scheitelfläche 
des  Rothen  Luches  liegt  49  m  über  NN  des  Amsterdamer 
Pegels,  die  WegeUberführung  bei  Wüste  Sieversdorf  47  m, 
der  Weg  über  den  Birkenbach  (zwischen  Eichendorfer  Mühle 
und  Hermsdorf)  46  m,  der  Rand  südlich  der  Dammmühle 
11  m  und  das  Terrain  am  Südende  des  Kloster-Sees  6,5  m. 
Auf  der  südlichen  Abdachung  liegt  das  Amtsbruch  an  dem 
Wege  Zinndorf- Kienbaum  43  m,  der  niedrigste  Wasser- 
stand des  Werl-  und  Peetz-Sees  beträgt  32  m  und  die 
Terrainhöhe  bei  Erkner  33  m.  Die  Steigungen  sollten  über- 
wunden werden:  gegen  die  Spree  durch  eine  10  m  hohe 
hydraulische  Hebung  bei  Kagel  und  gegen  die  Oder  durch 
eine  geneigte  Ebene  von  1,22  km  Basis  und  38  m  Hebung 
bei  der  Dammmühle.  Es  darf  uns  daher  nicht  Wunder 
nehmen,  wenn  wir  bei  einem  solchen  Gefälle  vor  diesen 
Spalten  zwei  grosse  Seeen  antreffen.  Der  Anfang  mit 
diesen   Seeen    wurde    aber    wahrscheinlich  schon  gemacht. 


1)  V.  Konen  a,  a   0. 

2)  Der  Oder  -  Spree  -  Kanal  mit  seinen  Abzweigungen  nach 
Schwedt,  Darlegung  und  Motivirung  u.  s.  w.  Im  Auftrage  des  Mini- 
sters der  öffentlichen  Arbeiten.    Berlin  1880.  4^. 


38  E.  Zache: 

als  sich  der  Plateaurand  noch  bis  hierher  erstreckte,  denn 
verfolgt  man  die  Linie  des  Plateaurandes  Freienwalde- 
Wriezen  nach  SO  weiter,  so  trifft  sie  genau  auf  die  Nord- 
spitze des  Vorgebirges  von  Seelow  und  geht  nördlich  jener 
beiden  Seeen  vorbei.  Hierfür  würde  auch  die  Ausbildung 
des  Bodens  sprechen,  denn  ausserhalb  jener  Linie  treffen 
wir  erst  den  thonigen  fetten  Bruchboden,  während  inner- 
halb derselben  ein  scharfer  Sand  den  Boden  bildet. 

Es  gilt  nun,  den  östlichen  Streifen  des  Lebus,  von  der 
Spalte  bis  zum  Rande  des  Oderbruches  zu  betrachten. 
Auch  dieser  wird  noch  durch  ein  kurzes  Qnerthal  in  zwei 
ungleiche  Theile  zerschnitten ;  dasselbe  beginnt  im  Gr. 
Treplin  -  See  3  km  südöstlich  der  Wasserscheide  der  ersten 
grossen  Spalte  und  verläuft  in  nordöstlicher  Richtung  durch 
den  See  von  Hohen-Jesar  auf  den  Zeschdorfer  See,  Hier- 
mit erreicht  der  Spalt  sein  Ende,  und  es  fliesst  aus  dem 
See  unter  rechtem  Winkel  ein  Bach  über  Schönfliess  und 
Wüst-Kunersdorf  zum  Oderthal.  Der  Einschnitt  dieses 
Baches  ist  zuerst  gering,  er  vertieft  und  erweitert  sich  aber 
bis  Wüst-Kunersdorf  zu  einer  tiefen  und  breiten  Kluft. 

Dieser  Rinne  nach  Norden  vorgelagert  ist  das  schmale 
Randgebiet  zwischen  Seelow  und  Lebus,  in  welches  hinein 
bei  Malnow  ein  tiefer  Busen  ausgehöhlt  ist,  so  dass  das 
Vorgebirge  von  Reitwein  einen  10  km  langen  Vorspruug 
nach  ISIO  bildet.  Der  Hang  zum  Oderbruch  ist  schroff,  ob- 
gleich der  Rand  zwischen  Seelow  und  Reitwein  eingeebnet 
ist,  gehen  die  Schluchten  doch  selten  weit  in  die  Hochfläche 
hinein ,  die  eine  durchschnittliche  Höhe  von  70  m  behält. 
Deutlichere  und  schärfer  ausgeprägte  Schluchten  werden  in 
dem  Winkel  bei  Malnow  getroffen,  bis  endlich  über  Reit- 
wein das  Vorgebirge  scharf  und  fast  senkrecht  in  das  Oder- 
bruch fällt. 

Die  Fortsetzung  nach  Süden  läuft  über  Wuhden,  Cles- 
sin,  Lebus  und  Frankfurt  in  einem  flachen,  gegen  Osten 
offenen  Bogen  bis  Brieskow.  Die  Böschung  ist  steil,  die 
Schluchten  gehen  selten  bis  zur  Thalsohle  hinab,  da  sie 
auf  den  längsten  Strecken  durch  einen  steilen  Absturz 
unterbrochen  werden.  Die  Form  und  Ausbildung  des  Rand- 
absturzes   ist  ähnlich    der    an    der   unteren  Oder  zwischen 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.     39 

Raduhn  ,  Nieder-Saathen  iiüd  Islieder- Kränich,  sie  deuten 
darauf,  dass  auch  hier  die  unterspülten  Wände  eingestürzt 
sind.  Sehr  gut  ist  der  Rand  bei  Lebus  zu  studiren.  Der 
Ort  ist  förmlich  in  die  Hochfläche  hineingegraben.  Von 
dem  Amtsgarten  aus  ist  der  Absturz  gegen  die  Oder  fast 
senkrecht,  ebenso  an  einigen  Stellen  unterhalb  Lebus.  Es 
führen  hier  zwei  tief  eingeschnittene  steile  und  sehr  kurze 
Schluchten  von  der  Hochfläche  zur  Niederung  hinab. 

In  dem  ganzen  Randgebiet  ist  das  Gelände  eine  Ebene, 
auf  welche  einzelne  Hügel  in  nicht  allzu  grosser  Zahl  auf- 
gesetzt sind.  Es  fehlen  die  Solle  und  der  bunte  Wechsel 
von  kurzen  Kuppen  und  runden  Thälern.  Die  Ausbildung 
der  Moränenlandschaft  ist  hier  eine  einförmigere. 

Der  Boden  ist  dagegen  guter,  fruchtbarer  oberer  Ge- 
schiebelehm •,  die  grossen  Dörfer  Dolgelin,  Libbenichen  liegen 
dicht  am  Rande,  es  fehlt  eine  Abschmelzzone  gänzlich  und 
nur  ab  und  zu  ist  der  Sand  in  den  Randschluchten  aus- 
gebildet. Die  Wand  oberhalb  und  unterhalb  von  Lebus, 
die  hier  vollständig  unbewachsen  ist,  zeigt  den  hellgelben 
oberen  Geschiebelehm  und  zwar  ohne  Geschiebe.  Obgleich 
die  Aufschlüsse  bis  an  den  Oderspiegel  hinabgehen,  kann 
ich  doch  nicht  mit  Sicherheit  sagen ,  dass  ich  an  der  Basis 
derselben  den  unteren  Geschiebelehm  wahrgenommen  hätte. 
Allerdings  hatte  der  Lehm  an  einzelnen  Stellen  in  den  tie- 
feren Theilen  des  Profils  wohl  eine  dunklere  Farbe ,  doch  Hess 
sich  die  Erscheinung  nicht  weit  genug  verfolgen  und  sicher 
abgrenzen.  Das  Zurücktreten  der  Steine  auf  der  Hochfläche 
muss  konstatirt  werden,  die  kleinen  fehlen  wohl  nirgends 
gänzlich,  doch  habe  ich  die  grossen  Blöcke  namentlich 
auch  an  den  Wegen  vollständig  vermisst. 

Die  Seeen  östlich  neben  Falkenhagen  sind  tief  einge- 
schnitten ,  der  obere  Geschiebelehm  steht  neben  dem  Dorfe 
Falkenhagen  in  dem  Abstieg  zum  See  2  m  hoch  an.  In 
der  Nachbarschaft  ist  der  Boden  sandiger,  zahlreiche 
Schluchten  führen  zum  See  hinab.  In  der  Falkenhagener 
Heide  lagern  einige  Blöcke,  die  flachen  Wegeeinschnitte 
führen  durch  oberen  Geschiebelehm,  ich  fand  hier  unter 
demselben  an   einer  Stelle   zu   Tage  tretend  den   tertiären 


40  ■  E.  Zache: 

Glimmersand.  Girard  i)  führt  an ,  dass  in  dem  Thale  von 
Treplin  nach  Hohen -Jesar  an  den  Gehängen  die  Kohle  mit 
dem  Formsande  unter  einer  Bedeckung  von  gelbem  Sand 
mit  Geschieben  an  vielen  Stellen  zu  Tage  steht;  offenbar 
ist  der  gelbe  Sand  verwitterter  oberer  Geschiebelehm.  In 
der  Gegend  des  Neuen  Vorwerks  und  von  Petershagen  ist 
die  Steinbestreuung  reichlicher.  An  beiden  Ufern  des 
grossen  Treplin -Sees  steht  der  obere  Geschiebelehm  bis  an 
den  Seespiegel  hinab  zu  Tage,  unter  ihm  wird  Septarien- 
thon  für  zwei  Ziegeleien  gewonnen. 

In  den  Karlsgruben  bei  Petershagen  östlich  des  Treplin- 
Sees  ist  mau  schon  nach  14  m  gelben  scharfen  Diluvial- 
Sand  auf  tertiären  Quarzsand  gestossen,  dieser  steht  auch 
unweit  der  Grube  neben  der  Chaussee  Petershagen -Treplin 
im  Walde  zu  Tage. 

Das  Abflussthal  des  Zeschdorfer  Sees  ist  überall  bis 
in  die  Sohle  aus  oberem  Geschiebelehm  gebildet,  sowohl, 
wo  es  flach  ist,  wie  bei  Schönfliess,  als  auch  gegen  den 
Ausgang  zu,  wo  die  Chaussee  Lebus- Frankfurt  mit  einem 
hohen  Damm  durch  dasselbe  hindurchführt.  Etwas  sandiger 
ist  die  Ausbildung  des  oberen  Geschiebelehmes  westlich 
der  Linie  Treplin-Schönfliess  gegen  die  grossen  Seeen  hin. 
Ueberhaupt  ist  der  Geschiebelehm  zu  beiden  Seiten  der 
grossen  Chaussee,  also  mehr  gegen  den  Rand  hin  am  besten 
erhalten. 

Der  südöstliche  Zipfel  von  Lebus  erhält  sich  auf  der 
Höhe  von  80  —  95  m,  ja  er  erreicht  in  der  Gegend  von 
Lichtenberg  111  m.  Das  ungefähre  Centrum  dieser  Fläche 
ist  ebenfalls  wieder  eine  Braunkohlengrube,  nämlich  die 
von  Cliestow,  Girard 2)  beschreibt  die  Oberfläche  folgender- 
massen,  sie  sei  aus  grauem  geschiebereichen  Lehm  und 
Sand  gebildet,  die  im  Durchschnitt  25  Fuss  Mächtigkeit 
haben  m.ögen.  In  der  That  schwankt  die  Decke  des  Tertiärs, 
die  nur  aus  oberem  Geschiebelehm  gebildet  wird,  über  den 
Gruben  bei  Cliestow  zwischen  2  und  8  m.  Bergbaus^)  sagt: 
„die  Gegend  von  Cliestow  ist  höckrig,  in  kurzen  Absätzen 


1)  Girai-d  a.  a.  0.  S.  227. 
2}  Girard  a.  a.  0.  S.  227. 
3    Bergbaus  a.  a.  0.    Bd.  IL     S.  1:31  ff, 


Ueber  den  Verlauf  und  die  Herausbildung  der  Moräne  etc.     41 


steigend  und  fallend  unter  etwas  steiler  Böschung,  mit 
vielen  und  zwar  grossen  Geschieben  bedeckt,  welche  der 
Mehrzahl  nach  dem  Basalte  anzugehören  scheinen."  Damit 
ist  der  Charakter  der  Moränenlandschaft  angedeutet,  der 
hier  noch  einmal  ziemlich  gut  ausgeprägt  ist,  obgleich  auch 
hier  die  Solle  fehlen.  Das  Fehleu  der  Solle  und  anderer 
abflusslosen  Wasserbehälter  in  dem  östlichen  Theile  von 
Lebus  hat  seinen  Grund  wahrscheinlich  darin,  dass  dem 
Gletscherwasser  durch  die  vorhandenen  Kinnen  schon  der 
Weg  vorgezeichnet  war,  so  führen  z.  B.  von  Rosengarten 
mehrere  Schluchten  zur  Niederung  hinab.  Der  Rand  süd- 
lich Lebus  zeigt,  gerade  in  der  Mitte  des  Bogens  eine 
weniger  steile  Böschung,  er  ist  mehr  eingeebnet  und  nähert 
sich  mehr  dem  herrschenden  Typus,  während  er  südlich 
von  Frankfurt  wieder  eine  steile  Wand  bildet. 

Die  Einebnung  des  Vorsprunges  ist  nach  den  übrigen 
freien  Seiten,  also  gegen  die  Spree  hin,  eine  vollständige. 

Die  Ausbildung  des  oberen  Geschiebelehmes  ist  durch- 
weg eine  mehr  sandige,  nur  in  den  höchsten  Stellen  zwischen 
Lichtenberg  und  Markendorf  ist  er  fetter.  Geschiebe  sind 
vorhanden ,  das  Vorwerk  zwischen  Lichtenberg  und  Rosen- 
garten und  die  Ruine  eines  alten  Thurmes  vor  Lichtenberg 
sprechen  dafür.  Beckmann^)  führt  aus  der  Gegend  von 
Boosen  und  Lichtenberg  mehrere  sogenannte  Näpfchensteine 
an.  Gegen  den  Rand  geht  der  obere  Sand  unmerklich  in 
den  Thalsand  der  Niederung  über,  so  dass  nur  noch  ab 
und  zu  Zungen  von  oberem  Geschiebelehm  erhalten  sind. 

Die  Eisenbahn  Cottbus  -  Frankfurt  schneidet  in  der 
Gegend  von  Tzschetzschnow  tiefer  in  den  unteren  Sand  ein, 
und  gerade  der  Abstieg  gegen  Frankfurt  ist  wegen  seiner 
zahlreichen  Schluchten  arg  versandet,  so  dass  es  südöstlich 
von  Tzschetzschnow  zu  Dünenbildungen  kommt. 


1)  Beckmann  a.  a.  0.    Theil  II.     S.  370. 


Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype. 

Von 

Prof.  Dr.  Otto  Luedecke 

in 
Halle  (Saale). 


Als  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype  bezeichne  ich 
die  Gresammtheit  der  Mineralien  Natrolith,  Skolezit  und 
Mesolith ;  schon  Haliy  vereinigte  unter  diesem  Namen  die  ge- 
nannten Minerale  und  den  Apophyllit  (Mesotype  epointee 
Fig.  175  Tafel  58  seines  Atlas  vom  Traite  de  mineralogie 
I.  Auflage,  Paris  1801).  Der  berühmte  Chemiker  Fuchs,  ein 
Schüler  Haüy's,  trennte  von  dem  Mesotype  den  Apophyllit 
als  besondere  Mineral-Gattung  ab;  auch  den  Rest  der  übrig 
bleibenden  Gattung  Mesotype  löste  er  in  3  Mineralgattungen 
auf;  er  wies  zuerst  nach,  dass  der  Natrolith  vor  dem  Löth- 
rohr  ruhig  zu  einem  farblosen  Glase  schmelze  und  nicht  wie 
der  Skolezit  sich  krümme:  durch  sorgfältige  Analysen  zeigte 
er  sodann,  dass  im  Skolezit  Kalk  neben  geringen  Spuren  von 
Alkali  vorhanden  sei,  während  der  Natrolith  (Werner)  eben 
nur  letzteres  (Na)  enthalte.  In  einer  folgenden  Publication 
weist  er  sodann  den  Versuch  Haüy's,  seine  Untersuchung 
als  unbegründet  darzustellen,  im  Verein  mit  Gehlen  zurück 
und  trennt  von  der  Haüyschen  Mesotypgattung  noch  den 
Mesolith,  welcher  sowohl  Natrium  als  Calcium  enthält,  ab. 
Auch  letztere  Gattung  ist  woblbegrüudet,  wie  spätere 
chemische  Untersuchungen  von  Sartorius  von  Waltershausen, 
Breidenstein,  Berzelius,  Heddle,  How,  Thomson,  Riegel, 
Marsh,  E.  Schmid  und  Luedecke  bewiesen  haben. 


Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype.  43 

Da  der  Mesolith  sowohl  Natrium  als  Calcium  enthält, 
so  meinte  Fuchs,  dass  er  „mitten  inne"  zwischen  Natrolith 
(Werner)  und  Skolezit  (Fuchs)  stehe;  er  weist  ferner  darauf 
hin,  ..dass  diese  Mischung,  wie  aus  den  von  ihm  angege- 
benen quantitativen  Verhältnissen  der  Bestandtheile  zu  er- 
sehen ist,  sehr  gut  mit  den  Gesetzen  der  bestimmten  Mengen- 
verhältnisse übereinstimme",  und  „dass  der  Wassergehalt  sich 
nach  dem  Natron  und  Kalk  richte,  während  das  Thonerde- 
silicat  constant  bleibt."  Von  chemischen  Gesichtspunkten 
ausgehend,  hatte  also  Fuchs  bereits  die  drei  Species  als 
solche  vollkommen  richtig  erkannt.  Die  Form  hielt  er  bei 
allen  dreien  für  übereinstimmend. 

Erst  Haidinger  maass  die  Gestalten  des  Natroliths  aus 
der  Auvergue  und  publicirte  sein  Ergebniss  in  der  eng- 
lischen Ausgabe  der  Mineralogie  von  Mohs;  hatte  derselbe 
gefunden ,  dass  der  Natrolith  dem  rhombischen  Krystall- 
system  zuzuzählen  sei,  so  wies  bald  der  berühmte  G. 
Kose  an  den  Krystallen  des  Skolezits  von  Island  nach, 
dass  derselbe  dem  monosymmetrischen  Systeme  zuge- 
rechnet werden  müsse.  Aus  Rose's  Messungen  berechnet 
sich  das  Axenverhältniss  a  :  b  :  c  =  0,9729  :  1  :  0,3390, 
ß  —  SQ<>  5,4';  an  dem  gleichen  Materiale,  welches  Rose  zu 
seinen  Messungen  benutzte,  fand  der  Autor  a :  b :  c  =  0,9769  :  1 : 
0,3439,  /i  =  89  0  30,3'  und  die  Flächen:  g  110  ooP,  b  010 
ogPoc,  —0  111  — P,  0  111  P,  p  131  — 3P3,  p  331  —  3P; 
die  Krystalle  sind  grösstentheils  Zwillinge  nach  coPco  100; 
auf  dem  Klinopinakoid  stosseu  an  dieser  Zwillingsgrenze 
feine  Streifen  unter  24 — 26  ^  zusammen. 

Die  Auslöschungen  in  010  machen  mit  einander  einen 
Winkel  von  ca.  34*';  in  den  beiden  Zwillingshälften  sind 
von  verschiedenen  Autoren  die  Neigungen  dieser  Auslösch- 
ungen gegen  die  Verticalaxe  verschieden  gefunden  worden. 

Neuerlich  haben  Wyrouboff  und  Flink  gezeigt,  dass  bei 
gut  ausgebildeten  Krystallen  und  wohl  orientirten  Schliffen 
sowie  gut  eingestellten  Instrumenten,  die  Auslöschung  sym- 
metrisch zur  Zwillingsnaht  17,4  ^  beträgt.  Anormale  Aus- 
bildung der  Krystalle  oder  schlecht  orientirte  Präparate 
mögen  jene  von  der  Symmetrielage  abweichenden  Resultate 


44  0.  Lue  decke: 


früherer    Forscher,    Luedecke,    Zepharovich    und  Schmidt 
hervorgerufen  haben. 

Nachdem  der  Autor  behauptet  hatte,  da3s  sein  auf 
Grund  der  an  den  Rose'schen  Krystallen  angestellten  Mess- 
ungen angenommenes  Axenverhältniss  das  genauere  sei, 
weil  die  Uebereinstimmung  der  aus  letzteren  berechneten 
Winkel  und  der  gemessenen  eine  grössere  sei  als  bei  Rose, 
welcher  nur  wenige  Winkel  gemessen  hat,  unterwarf 
V.  V.  Zepharovich  die  Krystalle  von  Island  einer  genauen 
Messung  und  fand  a  :  b  :  c  =  0,9753  :  1  :  0,3435,  ß  = 
89'^  0'  'I'o"  \  dies  ist  also  eine  nähere  Uebereinstimmung  mit 
dem  Axensystem  Luedecke's  als  mit  dem  von  G.  Rose. 
Neuestens  hat  nun  Gust.  Flink  in  Stockholm  diese  Verhält- 
nisse einer  abermaligen  Revision  unterzogen  und  aus  den 
Fundamental-Winkeln 

110  :  110  =  880  37^5^ 

111  :  111  =  35    46 

100  :  101  =  70  das  Axenverhältniss 
a  :  b  :  c  =  0,9764  :  1  :  0,3434,  ß  =  89»  17,7' 

gefunden;  der  Unterschied  gegen  die  früheren  liegt  hier 
im  Winkel  ß;  Flink's  Werth  liegt  bezeichnender  Weise  in 
der  Mitte  zwischen  den  von  Luedecke  und  v.  Zepharovich 
gefundenen  Zahlen.  Flink  beobachtete  als  die  häufigsten 
Flächen  an  seinem  prächtigen  Materiale  110  <xP und  111  — P; 
die  Prismeuflächen  sind  immer  eben  und  glänzend,  nur  selten 
durch  Streifung  parallel  111,  welche  durch  40  .  40  . 1  nach 
Y.  Zepharovich  hervorgerufen  wird,  entstellt;  (alle  Krystalle 
stammten  vom  Theigarhorn  bei  Berufjord  auf  Island,  wie 
Herr  Flink  durch  eigene  Begehungen  auf  dieser  Insel  fest- 
stellte.) Neben  der  Streifung  finden  sich  auf  111  noch  Aetz- 
hügel.  Die  Fläche  111  ist  immer  glänzend,  manchmal  uneben 
und  in  zwei  um  51'  von  einander  abstehende  Flächen  ge- 
theilt;  die  Symmetrieebene  010  findet  sich  auch  an  zahlreichen 
Krystallen;  über  dieselbe  verläuft  die  Zwillingsgrenze;  die 
auf  den  beiden  Theilen  von  010  sich  findende  federartige 
Streifung  verläuft  nicht  symmetrisch  zu  100,  sondern  un- 
symmetrisch; seltener  als  diese  Flächen  ist  d  101  und  noch 
seltener  011. 


Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype. 


45 


Es  sind  am  isläudischen  Skolezit  folgende  Flächen 
sicher  durch  Flink  bestimmt  worden,  a  =  xPco  100, 
b  odPoo  010,  m  ,ccP  .  110,  1  ooP2  .  210,  n  ocP5  510*), 
k  ocP2  120,  h  c^i'ji  47C*,  d  --Poo  101,  o  —  P  111, 
X  —4P  441*,  z— 3/2  P  332*,  y— i2/.p  12  .  12  .  5*,  v 
—  3P  331,  p  — 3P3  131,  q  —  ^4? '/i  474*,  e  P  111,  r  5P  551*; 
ferner  als  Prärosionsflächen ,  also  nicht  primäre  Krystall- 
flächen:  a  -  3PV4  15  .  12  .  5,  ß—  '/-,?  Vc  672,  y  —  ^^k^^h, 
15.18.5,  d  — '°/4PV4  12.15.4. 


Winl 

iel. 

I. 

Gemessen  F. 

Ber.  Fl. 

HO 

:  HO 

= 

88" 

37,7' 

88^ 

37,5' 

:  010 

= 

45 

40,1 

45 

41,2 

:  100 

= 

44 

18,8 

44 

18,8 

111 

:  111 

= 

35 

46 

35 

46 

010 

= 

72 

07,1 

72 

07 

101 

= 

17 

54,8 

17 

53 

101 

010 

r= 

90 

00,3 

90 

00 

100 

= 

69 

59,8 

70 

00 

111 

.  HO 

= 

63 

22,6 

63 

25,3 

111 

III 

= 

36 

01,5 

36 

01,4 

111 

111 

36 
11 

44,8 

[. 

36 

47,6 

331  • 

331 

= 

70 

20,4 

70 

18,8 

111 

=: 

33 

50,1 

33 

59,2 

010 

= 

54 

55 

54 

50,6 

15 

12.5  : 

331 

= 

5 

43,5 

5 

45,5 

6. 

7.2 

331 

= 

4 

25 

4 

15,2 

15 

18.5 

= 

4 

59 

5 

02,7 

12. 

15.4 

= 

6 

08 

6 

12,2 

4. 

4.1 

= 

6 

42,5 

6 

47,5 

12 

12.5 

= 

6 

04 

6 

05,6 

332  : 

111 

== 

13 

08 

13 

08,8. 

Die  besternten  Ziffern  sind  neu  am  Skolezit. 


46 

0.  Luedecke: 

riL 

Gemessen  F. 

Ber.  FI. 

131 

010  =  45  *> 

56' 

450  56,0' 

111  =  26 

09,3' 

26  10,8 

101  =  44 

03 

44  04 

474 

101  =  29 

11 

29  27 

An  einfachen  Krystallen: 

551 

551  =  80 

55 

80  56,3 

010  =  49 

33,5 

49  31,8 

111  =  41 

59,5 

42  01,4 

110  =  22 

15 

22  12,5 

120 

010  =  27 

09,5 

27  07,4 

110  =  18 

32 

18  34,1 

210 

.  110  =  18 

11 

18  17,6 

510 

110  =  33 

37 

33  40 

470 

110  =  15 

16 

15  20,8 

Die  Kry stalle  unter  I.  sind  Combinationen  von  010  .  110 
111  und  111 ;  die  unter  IL  haben  neben  den  obenerwähn- 
ten Flächen  noch  101,  331,  a  15  .  12  .  5,  /?  672,  y  15  .  18  .  5, 
(J  12  .  15  .  4,  X  441,  y  12  .  12  .  5,  z  332;  die  zuletzt  genann- 
ten Flächen  sind  schmal  und  umgeben  331  kranzförmig;  an- 
dere Krystalle  zeigen  ähnliche  Combinationen  aber  ohne 
dass  331  von  den  eben  angezogenen  Flächen  umgeben 
wird;  unter  III.  stehen  Messungen,  welche  sich  auf  die  Com- 
bination  110,  010,  101,  131,  331,  111,  474  beziehen.  Die 
Combination  an  den  einfachen  Krystallen  umschloss  die 
Flächen  110,  010,  111,  551,  111,  331,  131  und  101,  120, 
210,   510,   470. 

Flink  machte  Dünnschliffe  nach  dem  Orthopinakoide 
100  und  fand,  dass  die  Symmetrieaxe  die  Axe  der  kleinsten 
Elasticität  ist;  da  sie  den  stumpfen  optischen  Axenwinkel  hal- 
birt,  ist  das  Mineral  optisch  negativ.  Ferner  machte  er  einen 
auf  der  Axe  c  senkrecht  stehenden  Schliff  aus  einem  ein- 
fachen Krystalle  und  zeigte,  dass  die  Maxima  der  Aus- 
löschungen vollkommen  mit  der  monoklinen  Symmetrie 
übereinstimmen. 


Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype.  47 

Schon  früher  hatte  Des  Cloizeaux  festgestellt,  dass  der 
Mesolith  im  triklinen  Krystallsystem  krystallisire  und  zwar 
sind  die  scheinbar  einfachen  Krystalle  der  Combination  110, 
110,  in,  111, 111, 111  Zwilling-e  nach  010  mit  den  Flächen 
110,  110,  111,  111.  Man  kannte  also  nun  die  Thatsache: 
es  giebt  rhombisch  krjstallisirende  Natrolithe  (Werner), 
monokline  Skolezite  (Fuchs)  und  trikline  Mesolithe 
(Fuchs  —  Des  Cloizeaux). 

Im  Jahre  1860  hatte  Heinrich  Credner  unter  den  Mine- 
ralien der  Pflasterkaute  bei  Eisenach  auch  Skolezit  aufge- 
führt; durch  Ankauf  seiner  Sammlung  gelangte  sein  Ori- 
ginal-Material in  das  Museum  der  Universität  Halle -S.; 
der  Autor  untersuchte  dieses  näher  und  fand,  dass  das 
Mineral  neben  Calcium  auch  Natrium  enthielt: 

Procente     Elemente 

SiOo     =  43,83  20,45 

AloÖs  =  29,04  15,45 

Gab     =     7,84  5,60 

NaoO   =     7,80  5,80 

H2Ö     =   11,75  1,3 

woraus  also   die  Formel  Na2CaAl4Si50ig  H- öHjO   folgt;   es 
lag  also  ein  typischer  Mesolith  vor. 

Die  optische  Untersuchung  ergab,  dass  vollkommen 
einfache  Krystalle  vorlagen,  welche  auf  den  Säulenflächen 
eine  Auslöschung  von  4''  zeigen;  dieselbe  liegt  in  beiden 
110  und  110  symmetrisch  und  entgegengesetzt,  eine  Lage, 
welche  auch  von  v.  Lasaulx  an  andern  einfachen  Meso- 
lithen  nach  einer  mündlichen  Mittheilung  beobachtet  wurde. 
Die  Krystalle  sind  sehr  dünn  und  stellen  Combinationen 
von  ooP  110  mit  ooP  is/^^  15  .  14  .  0  mit  111  —  P  und  111  P 
dar.  Aus  den  Messungen  111  :  lll  =  34«  22,7',  111  :  111 
=  38  0  6^2'  und  111  :  111  =  52«  47'  folgt  das  Axenver- 
hältniss  a  :  b  :  c  =  0,9241  :  1  :  0,3375,  ß  =  Sö^  57,8'. 
Berechnet  Gemessen 

15  .  14  .  0  :  15  .  14  .  0  =  89o  18,8'  89»  20'  Ldk. 

Schon  früher  hatte  E.  Schmid  in  Jena  Mesolithkrystalle 
kennen  gelehrt,  welche  nach  der  Formel 


Quotient 

Atome 

0,73 

5 

0,56 

4 

0,14 

1 

0,25 

2 

1,3 

10 

48  0.  Liiedecke: 


JNa2APSi30^"  +  2H,0 
]2CaA12Si30ii+  SHjO 
zusammengesetzt  waren. 

Die  Original-Krystalle  E.  Schmids  zeigten  sich  eben- 
falls als  vollkommen  einfache  Individuen,  bei  welchen  das 
Maximum  der  Auslöschung  in  010  um  8— 9^  nach  oben 
hinten  im  spitzen  Winkel  ß  liegt;  Schliffe  parallel  100 
zeigen  die  dem  mono  symmetrischen  Charakter  ent- 
sprechende gerade  Auslöschung. 

Die  Krystalle  zeigten  nach  den  Untersuchungen  des 
Autors  die  Combination 

—  0  111  —  P,  0  111  P,  g  110   ooP,  b  010   ccPco. 
G,  13  .  14  .  0    ooPi4/^^;  aus  den  Winkeln: 

111  :  iil  =  340  10^  111  :  111  =  370  2V  und  111  ; 
lil  =  51^  14,8'  folgt  das  Axenverhältniss 

a  :  b  :  c  =  0,9079  :  1  :  0,3226,  /^  =  87  0  53,6' 


Berechnet 

Gem. 

111 

010      =  730  17' 

730  15,7' 

111  • 

0.10      =  „   „ 

73  14,3 

14.0 

13  .  14  .  0  =  88  40,8 

88  50 

n          n 

88  35 

14.0 

010      =  45  39,6 

45  34 

13 


Um  dieses  Axenverhältniss  des  Mesolith  dem  des  Sko- 
lezit  von  Flink  a  :  b  :  c  =  0,9764  :  1  :  0,343i,  ß  =  89''  18, 
ähnlicher  zu  machen,  macht  Groth  coP  14/^3  zu  coP  und  so 
erhält  man  dann  a  :  b  :  c  =  0,9777  :  1 :  0,3226,  ß  =  87o  53,6.i) 
Die  Pyramiden  +  P  verwandeln  sich  dann  in  Brachy- 
pyramiden. 

Durch  diese  Untersuchung  ist  also  nachgewiesen,  dass 
es  monokline  Mesolithe  giebt,  eine  Thatsache,  welche  bis 
zur  Veröffentlichung  der  Arbeit  des  Autors  über  Mesolith 
und  Skolezit^)  in  der  Wissenschaft  unbekannt  war. 


1)  S.  145  bei  Groth:  Tabellarische  Uebersicht  der  Mineralien 
III.  Auflage,  oben  soll  es  heissen:  dass  die  Symmetrieebene  bei  den 
monosymmetrischen  Natrolithen  den  spitzen,  bei  dem  Skolezit  den 
stumpfen  Säulen-,  nicht  Axenwinkel  halbirt. 

2)  Neues  Jahrbuch  f.  Mineralogie,  Geol.  u.  Pal.  1881.  II.  S.  1. 


Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype.  49 

Nahm  man  hierzu  noch  das,  was  schon  längst  bekannt 
war,  dass  es  nämlich  typische  rhombische  Natrolithe  giebt, 
wie  solche  besonders  durch  die  Messungen  von  Haidinger, 
Maskelyne  und  von  Lang,  vom  ßath,  Zepharovich,  ßrögger 
und  Palla,  sowie  durch  die  optischen  Untersuchungen  von 
Brögger,  Palla  und  dem  Autor  nachgewiesen  worden  sind; 
dabei  hatte  der  Autor  und  v.  Lasaulx  bereits  darauf  hin- 
gewiesen, dass  gewisse  Natrolithe  von  Salesel,  Aetna 
und  Aussig  auf  110  schiefe  Auslöschung  zeigen,  also  wahr- 
scheinlich dem  monoklinen  Systeme  angehören. 

Neuerdings  hat  Brögger  neben  sehr  reichflächigen 
rhombischen  Krystallen  mit  dem  Axenverhältniss  a  :  b  :  c 
=  0,9819  :  1  :  0,3535  und  den  Flächen  ooPoo  010,  coPoo 
100,  OP  001,  ooP  110,  a)P2  120,  oopo/^  590,  a."P7/4  740, 
odP6  610,  PoD  011,  3PoD  031,  SPx)  301,  P  111,  2P  221, 
3P  331,  5P_551,  3P3  131,  9P3  391,  36P%7  34.36.1, 
3P3  311,  5P5  511,  P2V20  21  .  20  .  21,  "Pii/io  H  •  10  •  H 
auch  monosymmetrische  Krystalle  auf  den  stidnorwegischen 
Syenitpegmatitgängen  aufgefunden.  Das  Axenverhältniss 
derselben  ist  a  :  b  :  c  =  1,0165  :  1  :  0,3599,  ß  89^  54'  52"; 
es  sollen  an  denselben  ähnliche  Flächen  wie  an  den  rhom- 
bischen vorkommen.  Da  die  Angaben  von  diesem  Autor 
sich  immer  bewahrheitet  haben,  so  müssen  wir  wohl  an- 
nehmen, dass  auch  seine  optischen  Untersuchungen ,  welche  die 
monosymmetrische  Symmetrie  ergeben  haben,  sich  bestätigen 
werden,  und  wir  dürfen  daher  wohl  mit  Fug  und  Recht  an- 
nehmen, dass  es  wirklich  monosymmetrische  Natrolithe, 
auf  welche  der  Autor  schon  vor  9  Jahren  hingewiesen  hatte, 
giebt. 

Neben  den  monoklinen  Skoleziten  von  Island  und  Kan- 
dallah  fand  der  Autor  damals  Skolezit  vom  schattigen 
Wichel,  bei  welchem  die  Elasticitätsaxen  nicht  mehr  in  der 
Symmetrieebene  lagen,  welche  also  dem  triklinen  Sj^stem 
zugerechnet  werden  mussten;  in  gleicher  Weise  hatte  Des- 
Cloizeaux  schon  früher  trikline  Mesolithe  aufgefunden, 
welche  in  jeder  Beziehung  den  triklinen  Skoleziten  ent- 
sprachen. 

Au  den  Krystallen  vom  schattigen  Wichel  wurden  zu- 
erst die  Kanten  gemessen,  dieselben  durch  farbige  Zeichen 

Zeitsehritt  f.  Naturwiss,  Bd.  LXIII.  WM.  4 


50  0.  Luedecke: 


SO  bezeiclinet,  dass  man  sie  jederzeit  wieder  herausfinden 
konnte  und  dann  an  den  gemessenen  Krystallen  in  den 
Richtungen  der  Pinakoide  Schlifife  gemacht,  welche  zeigten, 
dass  die  Auslöschungen  nicht  mit  der  eventuellen  mono- 
symmetrischen Symmetrie  in  Uebereinstimmung  gebracht 
werden  konnten,  und  dass  daher  die  Annahme  des  asym- 
metrischen Systems  angezeigt  war.  Im  vorderen  rechten 
oberen  Octanten  waren  die  Axenwinkel  «  =  88*^  30,1  ^ 
/S  =  900  41^3^^  j,  ^  ggo  49^2'  und  die  Axenlängen  a  :  b  : 
c  =  0,9712  :  1  :  0,3576. 

Herr  C.  Schmidt  hat  die  Untersuchungen  an  diesem 
Vorkommen  wiederholt  und  gefunden,  dass  in  Schliffen 
parallel  100  die  Auslöschung  vollständig  parallel  der 
Verticalaxe  ist,  also  vollständig  der  monosymmetrischen 
Symmetrie  entspricht;  in  Schliffen  senkrecht  zur  Auslöschung 
in  010  und  zu  dieser  Fläche  fand  er  geringe  Auslöschungs- 
schiefen in  dem  in  3  Felder  getheilten  Schliffe;  er  schliesst 
daraus,  dass  die  Skolezite  vom  schattigen  Wichel  dem 
monosymmetrischen  Systeme  angehören. 

Von  den  Skoleziten  vom  Etzlithale  und  dem  Viescher 
Gletscher^)  zeigt  er  dasselbe.  Nun  behauptet  er,  dass  auch 
meine  Krystalle  bei  richtiger  Behandlung  das  gleiche  zeigen 
würden;  dem  gegenüber  kann  ich  nur  meine  Beobachtungen 
aufrecht  erhalten;  wenn  unser  beiderseitiges  Material  ver- 
schiedenes erkennen  Hess  —  was  sich  besonders  darin  zeigt, 
dass  nicht  100  wie  bei  den  monoklinen  Skoleziten,  sondern 
010  Zwillingsebene  ist,  und  dass  die  Ebenen  der  optischen 
Axen  nicht  bloss  nach  oben  divergiren,  sondern  dass  sie 
gleichzeitig  in  der  Richtung  der  Ebene  100  auseinander 
klaffen;  es  ist  also  die  Lage  der  optischen  Constanten  eine 
ganz  andere  als  bei  den  von  S.  untersuchten  Skoleziten  — 
so  hängt  dies  eben  damit  zusammen  —  nicht  wie  der  Herr 


1)  Auch  von  den  Färoer  habe  ich  Abweichungen  von  der  mono- 
klinen Symmetrie  beschrieben;  Herr  Schmidt  wirft  mir  vor  „diese 
Fundortsangabe  scheint  nicht  correct  zu  sein";  es  sollen  insbeson- 
dere das  Material  nicht  aus  der  Sammlung  Bergmann,  sondern  aus 
der  Coli.  Klapproth  stammen.  Herr  Websky  hat  eigenhändig  das 
mir  übergebene  Material  etiquettirt  und  stehen  diese  Etiquetten  jedem 
zur  Einsicht  offen. 


Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype.  51 

Schmidt  schliesst,  dass  ich  mich  geirrt,  —  sondern  dass  es 
eben  an  demselben  Fundorte  Skolezite  von  verschiedener 
optischer  Structur  giebt;  übrigens  zeigten  ja  auch  S's. 
Präparate  ^)  in  den  zur  verticalen  Elasticitätsaxe  senkrechten 
Schliffen  Abweichungen  von  der  normalen  monosymmetrischen 
Symmetrie.  Flink  hat  darauf  hingewiesen,  dass  S.'s  Auffassung 
derPenetrationszwillinge  am  Skolezit  von  Island  etc.  durchaus 
irrig  ist,  dass  die  Zwillingsbildung  und  Feldertheil- 
nng  in  Schliffen  senkrecht  zur  Verticalaxe  vielfach  zwei 
ganz  verschiedene  Erscheinungen  sind,  von  denen  die 
letztere  wohl  erst  secundären  Einflüssen  zu  verdanken  ist.^) 

Nachdem  Flink  dies  ziemlich  sicher  nachgewiesen  hat, 
bleibt  es  allerdings  fraglich,  wie  weit  die  Abweichungen 
von  der  monoklinen  Symmetrie  überhaupt  noch  als  maass- 
gebend  betrachtet  werden  dürfen.  Experimentelle  Unter- 
suchungen der  Schliffe  in  heissen  Wasserdämpfen,  bei  er- 
höhter Temperatur  etc.  liegen  überhaupt  noch  nicht  vor. 

Schon  früher  hatte  Des  Cloizeaux  Krystalle  von  trikli- 
nemMesolith  erkannt,  welche  ganz  ähnliche  optische  Erschein- 
ungen wie  die  vom  Autor  beobachteten  triklinen  nach  010 
verzwillingten  Skolezite  zeigten.  Auch  die  für  trikline 
Zwillinge  so  charakteristische  geometrische  Erscheinung, 
dass  wenn  man  die  beiden  Pyramidenflächen  111  und  111 
auf  dem  Goniometer  einstellt,  die  zugehörigen  110  und  110 
nicht  in  derselben  Zone  erscheinen,  hat  Des  Cloizeaux 
ibereits  treffend  hervorgehoben;  auch  bei  den  Skoleziten  ist 
dies  der  Fall;  im  monosymmetrischen  System  kommen  der- 
artige grössere  Abweichungen  wie  hier  kaum,  kleinere 
nur  selten  vor;  auch  diese  geometrische  Erscheinung 
würde  sehr  für  das  trikline  System  sprechen. 

Jedenfalls  weist  auch  diese  Analogie  zwischen  den 
-friklinen  Skoleziten  und  Mesolithen  oder  —  falls  man  die 


1)  An  einfachen  Krystallen  von  Island  kommt  dieses  nicht  vor. 

2)  Wyrouboff  hat  bereits  die  mehr  merkwürdige  als  richtige  An- 
sicht S.'s  zurückgewiesen,  dass  wenn  man  zwei  Lamellen  von  einem 
Mineral  aufeinander  legt,  ohne  dass  die  Elasticitätsaxen  coindiciren, 
eine  intermediaere  Auslöschung  entstehe.  W.  weist  darauf  hin, 
■dass  vielmehr  dann,  wie  schon  längst  bekannt,  circular  polarisirtes 
Licht  entstehe. 

4.* 


52 


0.  Luedecke: 


optischen  Abweichungen  von  der  monoklinen  Symmetrie 
nur  als  solche  auffassen  will  —  die  anormalen  Skolezite 
und  Mesolithe  ebenfalls  auf  die  Isopleomorphie  dieser  Kör- 
per hin. 

Was  die  chemische  Abweichung  der  Formel  der 
Skolezite  von  der  der  Natrolithe  anbelangt,  so  nimmt  Groth 
gegenwärtig  an,  dass  auch  beim  Skolezit  wie  beim  Natro- 
lith  nur  zwei  Krystallwasser  vorhanden  sind,  während  er 
das  dritte  Molekül  als  Constitutionswasser  betrachtet. 


Natrolith 
Skolezit 

Mesolith 


Natrolithe 

Aro,    Salesel, 

Auvergne. 

a  :  b  :  c  = 

0,9786  :  1 :  0,3536 

sudnorwegische 

0,9819:1:0,3535. 


(SiO:5)''Al(A10)Na2  +  2H2O 
(Si03)3AlAl(OH)2Ca  +  2H,0 
f  (Si03)3Al(Al(A10)Na2  +  2H2O 
I  (Si03)3AlAl(OH)2Ca  +  2H2O.O 

Rhombische  Mesotype. 
Skolezite 


Mesolithe 

Galactit  von 

Bishoptown 


von  den  südnorweg- 
ischen Syenit-Peg- 

matitgängen 

a  :  b  :  c  = 
1,0165  : 1  :  0,3599 

ß  89°  54,9^ 


Monokline  Mesotype. 
Island, 
Kandallah 

etc. 
a  :  b  :  c  = 
0,9764  :  1  :  0,3434 

ß  890  17,7' 
Trikline  Mesotype. 
—  vom  schattigen 

Wiche]  etc. 

Man  kennt  also  jetzt  eine  hinreichende  Anzahl  Glieder 
dieser  Körper,  welche  uns  zu  dem  Schlüsse  veranlasst,  dass 
die  Natrolithe,  Skolezite  und  Mesolithe  eine  wohlbegrüudete 
isopleomorphe  Gruppe  bilden  wie  die  Augite  und  Horn- 
blenden etc.,  eine  Ansicht,  welche  der  Autor  bereits  1881 
ausgesprochen  und  begründet  hatte. 


Pflasterkaute, 
Island 

a  :  b  :  c  = 

0,9777  :  1  :  0,3226 

ß  86  0  54/^ 

Vorkommen  nach 
Des-Cloizeaux. 


1)  Vergl.  auch  Doelter,  N.  Jahrb.  1890,  I.  131.     S.  134. 


Literatur. 


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Credner:  Neues  Jahrbuch  für  Min.,  Geol.  u.  Pal.  1860.  p.  60: 
Ueber  den  Dolerit  der  Pflasterkaute  und  die  in  demselben  vorkom- 
menden Mineralien. 

Damour:  Annales  des  mines  t.  XIII.  1858.  p.  20.  Sources  ther- 
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Wassergehalt  und  -Aufnahme  von  Natr.  u.  Skol. 

Des-Cloizeaux:  Annales  des  mioes.  V.  Ser.  XVI.  Bd.  p.  389: 
Memoire  sur  l'emploi  des  proprietes  optiques  birefringentes  pour  la 
determination  des  especes  cristallisees. 

Derselbe :  Manuel  de  Min.  1862.  p.  386  Skolezit,  p.  388  Mesolith 
Nachtrag. 

Nouvelles  recherches  s.  1.  prop.  opt.  d.  cristaux,  Savants  etrangers 
XVIII.  p.  679.    Abnahme  d.  Winkels  d.  opt.  Axen  mit  d.  Temperatur. 


54  0,  Luedecke: 


Domeyko:  Annales  des  mines.  Ser.  IV.  t.  IX.  pg.  9:  Sur  la 
geologie  de  Chili  etc.    (Skolezit  von  Cachapual.) 

Dufrenoy.  Traite  de  min.  III.  429. 

C.  Eckenbrecher:  Z.  f.  Kryst.  7.  91. 

Flink:  Bihang  t.  k.  Svenska  Vet.  Akad.  Handlingar  Bd.  13,  Afd. 
II.  N.  8.  =  Z.  f.  Kryst.  XV.  93. 

Frankenheim:  Neues  Jahrbuch  für  Min.,  Geol.  und  Pal.  1842. 
637.    Mesotyp. 

Friedel  und  Grammont:  Bull.  soc.  franc.  d.  Min.  VIII.  75, 

Frossard:  Bull.  soc.  franc.  d.  Min.  VI.  86. 

Gehlen  und  Fuchs:  Schweigger' s  Journal  für  Physik  und  Chemie. 
Bd.  VIII.  1813.  353:  Ueber  Werner' s  Zeolithe;  Hatiy's  Mesotyp  und 
Stilbit  (auch  im  Journ.  de  Phys.  t.  78.  p.  444—451). 

Fuchs:  Schweigger  s  Journ.  f.  Phys.  u.  Chem.  Bd.  XVIII.  1816. 
p.  1.    Ueber  Zeolith. 

Daselbst  Bd.  VIII.  353. 

Gibbs:  Fogg.  Ann.  LXXI.    565:  Skolezit  aus  Island. 

Gmelin:  Fogg.  Ann.  XLIX.  538.  Chem.  Unters,  des  Poonalith 
und  Thulit. 

Goldschmidt:  Zeit.  f.  Kryst.  9.  572. 

Gonnard:  Bull.  soc.  franc.  d.  Min.  X.  295. 

Groth:  Tabell.  Uebers.  d.  Min.  1889.    III.  Aufl.  144. 

Gülich:  Fogg.  Annal.  LIX.  373;  im  Aufsatz  von  Riess  und  Rose 
über  die  Pyroelectricität  der  Mineralien:  Analyse  des  Skolezits  von 
Island. 

Guillemin:  Annal.  d.  mines.  I.  Serie.    XIII.  Bd.  p.  390. 

Haidinger:  Englische  Uebersetzung  der  ilfoAs'schen  Mineralogie. 
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Munkel:  Abhandig.  d.  kgl.  sächs.  Ak.  der  Wissenschaften.  XII. 
Bd.  No.  I.  p.  33.  Electrische  Untersuchungen:  XIII.  Abhandlung: 
Natrolith  und  Skolezit. 

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Jlauy:  Leonhard.  Taschenb.  f.  Min.  IX.  612;  Ueber  Mesotyp, 

Derselbe:  Traite  d.  min.  III.  1  1.  Tfl.  58.  174,  175. 

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Derselbe:  Kenngott,  Mineralog.  Forschung.     1858.  S.  73. 

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Faeröelite.  IV.  Ser.  XI.  Bd.  p.  273:  Han-ingtonite  v.  Glenfarg; 
XIII.  Bd.  148:  On  the  Antrimolite  of  Thomson. 

Derselbe:  Kenngott,  Uebers.  d.  Min.  Forsch.  1858.  S.  73. 

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von  Stolpen. 

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Derselbe:  Berzelius  Jahrb.  V.  217.    XX.  227. 


Die  isopleomorphe  Gruppe   der  Mesotype.  55 

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How:  Amer.  Journ.  of  Science  a.  art.  IL  Ser.  t.  26:  MesoUth 
von  Anapolis,  p,  32:  Chemical  analysis  of  Faeiöelite  a.  some  other 
Zeolites  occurring  in  Nova  Scotia.  pg.  30. 

Igelström;  Neues  Jahrbuch  f.  Min.,  Geol.  und  Pal.  1871.  p.  361: 
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Issel:  Sollet,  geologic.  d'Italia.   1879,  p.  541:  Skolezit  v.  Casarza. 

Kenngott;  Neues  Jahrbuch  für  Min.,  Geol.  und  Pal.  1870.  p.  998_ 
(Auszug  aus  der  Züricher  Vierteljahrsschrift.  1870.  p.  287):  Ueber 
Skolezit.  1873.  p.  725:  Ueber  das  Vorkommen  des  Skolezits  am 
schattigen  Wiche),  Fellinen-Alp.) 

Derselbe:  Galaktit  v.  Fassa,  Analyse  Hlasiwetz  Ueber  d.  Min. 
Forsch.  1858.  S.  71.     1856/57.  91. 

Derselbe:  Wiener  Sitzber.    1852.  IX. 

Derselbe:  Uebersicht  der  mineralogischen  Forschungen.  1854. 
p.  87:  Ueber  Poonalith. 

Derselbe:  Sitzungsberichte  der  Wiener  Akademie  der  Wissen- 
schaften. Mathematisch-naturwissenschaftliche  Classe.  V.  240:  Ueber 
Harringtoiiit. 

Derselbe:  ibid.  234:  Antrimoüth. 

Lacroix:  Bull.  soc.  franc.  d.  Min.  VIII.  123  u.  311. 

V.  Lang:  Brevicit  Phil.  Mg.  XXV.  43.  =  Kgt.  Min,  Forschg. 
1865.  S.  141. 

Lasaulx:  Zeits.  f.  Kryst.  5.  334  u.  1880.  Geolog,  intern.  Congress 
Privat-Mittheilung. 

Zemherg:  Zeits.  d.  deutsch  geol.  Gesellschaft.  28.  B.  550. 

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schaft, 8.  Febr.  1879.  =  Z.  f.  Kryst.  3.  487.  =  Z.  f.  Nat.  1879.  S,  145. 

Derselbe:  N.  Jahrbuch  f.  Min.  Geol.  1880,  II.  200  u.  1881.  II.  1. 

Mallard',  Bull,  de  la  societe  mineralogique  de  France.  I.  109: 
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Falla :  Zeit.  f.  Kryst.  IX.  386.  Salesel,  rhomb. 

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Rammelsherg .  Handbuch  der  Mineralchemie.  1860.799.  Mineral- 
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56      0.  Luedecke:    Die  isopleomorphe  Gruppe  der  Mesotype. 

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Wien.  Math.-naturwissenschaftl.  Classe.  27.  Bd.  .%3.  1857.  Bildung 
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Seligmann:  Natrolith  v.  Salesel.  Z.  f.  Kryst.  1.  S.  388. 

Stephan:  Rammeisberg' s  Mineralchemie.  1875.  II.  Aufl.  II.  Bd. 
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Derselbe:  Outlines.    I.  p.  329.  339. 

Tohler:  Annal.  d.  Chim.  et  d.  Pharm.  91.  229. 

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Vauqtielin:  Journal  des  mines.  No.  14.  p.  87.  Analyse  des 
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Wiser:  Neues  Jahrb.  1860.  p.  786:  Skolezit  v.  Viescher  Gletscher. 

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V.  Zepharovich:    Z.    f.    Kryst.    VIII.    577.    Sk.  v.  Island,   9.  30S. 

V.  Zillerthal. 

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Mineralogisches  Institut  zu  Halle-S. 


I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 


Bücking,  Glaserit,  Bloedit,  Kainit,  Boracit  von  Douglas- 
hall bei  Westeregeln.  Zeitschrift  für  Krystallographie. 
1889.  XV.  561. 

Glaserit  hat  sich  im  Bloeditgestein  zwischen  dem 
Kainit  und  Steinsalz  zu  Douglashall  gefunden;  das  spec. 
Gewicht  war  gleich  2,650 — 2,656  (in  Methylenjodid  bestimmt), 
die  Härte  2^/2  —  3;  Spaltbarkeit  noch  lOlO;  die  Krystalle 
sind  rhomboedrisch-hexagonal  theils  einfache,  theils  Zwil- 
linge ,  wie  sie  früher  von  v.  Eath  in  Pogg.  Ann.  1873. 
Ergzbd.  6.  359  beschrieben  sind.  Das  Axenverhältniss  a  :  c 
ist  gleich  1 : 1,2879  (vergl.  Mitscherlich ,  Pogg.  Ann.  1843. 
58.  S.  468).  Es  treten  in  Combination  e  x  (1012)  V2  ß? 
c  0001  OE,  m  1010  ccR,  e  x(01i2)  —  V2  R,  r  ^  lOli^  ^^ 
■r'  X  Olli.— R,  n  a  1120  ccP2,  g  x  0114  —  1/4  R-  Manche 
Krystalle  zeigen  von  m  e  e'  c  begrenzt  scheinbar  rhom- 
bische Formen;  dem  rhombischen  System  nähern  sich  die 
Krystalle  auch  noch  durch  die  aragonitähnliche  Zwillings- 
bildung nach  ooP;  es  sind  dicktafelige  (nach  0001)  Combi- 
nationen  von  0001  .  1010,  x  0112,  x  1012.  Sie  zeigen  deut- 
lich das  Interferenz  -  Kreuz  optisch  einaxiger  Krystalle. 
(Vergl.  hierüber  Mallard,  Bull.  soc.  franc.  d.  Min.  5.  226, 
Wyrouboff  ebd.  2.  100).  Die  Doppelbrechung  ist  negativ 
(vergl.  Schrauf,  Sitzber.  d.  Wien.  Ak.  40.  598  u.  Journ.  f. 
prakt.  Chem.  1861.  83.  S.  11);  w  =  1,4907,  £  1,4993  für 
Natriumlicht.  Die  chemische  Zusammensetzung  entsprach 
z.  Th.  der  Formel  5K2SO4,  2Na2S04  z.  Th.  3 K.SO,,  ^2.^^^^ ; 
die  ersteren   entsprechen    den    von  Penny  (Journ.  f.  prakt» 


58  T.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 


Chem.  67.  216)  und  Mitsclierlich  untersuchten  platten  Kry- 
stallen  aus  der  Kelplauge. 

Bloedit  mit  vorigen  zusammen  vorkommend:  121, 
021,  111,  110,  210,  120,  111,  211,  201,  101  zeigend. 
(z.  Th.  50  X  40  X  20  mm  Grösse). 

Kainit.  In  der  Kieseritregion  von  Douglashall  findet 
sich  ein  Lager  von  derbem  Kainit,  in  welchem  sich  auch 
viele  3 — 4  mm  grosse  Krjstalle  finden:  001,  010,  100, 
111,  111,  201,  110,  980;  die  Analyse  zeigt,  dass 
auch  diese  Krystalle  der  Formel  MgSO^,  KCl,  0H2O  ent- 
sprechen. 

Boracit  findet  sich  regelmässig  zu  Douglashall  im 
Carnallit;  1885  fand  man  kleine  gelbliche,  1887  prachtvolle 
wasserhelle  bis  lichtgrüne  Krystalle.  Würfel  100,  Rhom- 
bendodecaeder  110  und  Tetraeder  x  111  begrenzen  die 
letzteren;  daneben  seltener:  die  Pyramidenwürfel  013,  014, 
0  .  1  .  11,  0  . 1  .12;  auch  das  Pyramidentetraeder  x  211,  und 
die  Dectoiddodecaeder  x  144,  x  188,  x  1 .  16  .  16  kommen  vor. 

Die  grüne  Farbe  dieser  merkwürdigen  Krystalle  ist 
durch  einen  Gehalt  von  7,9%  Eisenoxydul  bedingt. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 

Rinne  und  Jannasch,  Ueber  Heulandit,  besonders  den 
von  St.  Andreasberg,  Neues  Jahrbuch  f.  Min.  1887.  II.  25. 
Die  Krystallform  dieses  Minerals  (H2CaAl2SicO,7+5H20 
Jannasch)  wurde  theils  als  monoklin,  theils  als  triklin  von 
verschiedenen  Autoren  aufgefasst;  die  optischen  Unter- 
suchungen von  Des  Cloizeaux  (Man.  d.  Min.  I.  1862.  425.), 
Mallard  (nouv.  recherche  s.  1.  propri^tes  optiques  des  cri- 
staux  1867.  136)  und  W.  Klein  (Zeitschr.  f.  Krystallographie 
IX  S.  38)  stimmen  im  wesentlichen  mit  der  monoklinen  Sym- 
metrie tiberein.  Später  hatten  allerdings  C.  Klein  und  Tenne 
Feldertheilung  an  Blättchen  parallel  010  wahrgenommen; 
Verfasser  hat  nun  diese  Erscheinung  näher  studirt.  Dünne 
Blättchen  parallel  der  genannten  Fläche  zeigten  einheitliche 
Auslöschung  und  zwar  lag  dieselbe  nicht  ungefähr  parallel 
001 ,  sondern  bildete  damit  im  stumpfen  Winkel  ß  ca.  34 »,  bei 
anderen  (Viesch)  6^,  bei  denen  von  Bernfjord  8  0  und  von  Fassa 


I.  Sächsiscb  -  Thüringische  Literatur.  59 

32  0,  Anders  verhält  sich  schon  das  zweite  von  demselben 
Krystall  abgespaltene  Blättchen;  der  innere  Theil  zeigt 
noch  dieselbe  Erscheinung  wie  das  zuerst  besprochene  Blätt- 
chen, aber  die  Randpartie  ist  in  Felder  derart  getheilt, 
dass  an  jede  äussere  Fläche  sich  ein  Feld  mit  verschieden 
gerichteter  Auslöschung  anschliesst,  eine  Erscheinung,  welche 
also  ohne  Weiteres  darauf  hinweist,  dass  diese  optische  That- 
sache  in  Verbindung  mit  der  äusseren  Form  zu  bringen  ist. 
Machte  in  dem  an  001  sich  anschliessenden  Felde  die  Aus- 
löschung mit  001  25*^  mit  der  Axe  a,  so  machte  sie  in  dem 
anlOOsich  anschliessendenöO^  mit  derselben  Linie.  Aehnliche 
Erscheinungen  zeigen  Andreasberger  Heulandite.  Nimmt 
man  Spaltblättchen,  welche  noch  weiter  der  Mitte  zu  ent- 
nommen sind,  80  verschwindet  das  mittlere  Feld  allmählich, 
und  die  gesondert  auslöschenden  Randfelder  breiten  sich 
bis  zur  Mitte  aus;  nimmt  man  die  Spaltblättchen,  welche 
OIO  allmählich  näher  rücken,  so  nimmt  man  in  symmetrisch 
zur  Symmetrieebene  gelegenen  Platten  dasselbe  wahr  wie 
an  den  schon  beobachteten  Platten  nach  010  zu. 

An  An  dreasberger  Krystallen  beobachtet  man,  dass 
die  Grenzlinien  der  Blättchen  parallel  zu  den  Kanten  010:100 
und  010  :  hol  verlaufen;  man  glaubt  dann  Durchkreuzungs- 
zwillinge nach  100  vor  sich  zu  sehen. 

Auch  Platten  nach  100,  001  und  101 ,  welche  wegen 
der  vollkommenen  Spaltbarkeit  nach  010  schwieriger  her- 
zustellen waren ,  wurden  von  Krystallen  vom  Berufjord, 
Andreasberg  und  Viesch  angefertigt  und  wunderbarer  Weise 
zeigten  dieselben  alle  die  von  der  monoklinen  Symmetrie 
erforderte  Auslöschung  ganz  normal  parallel  der  Orthodia- 
gonale  b.  „Es  ist  mithin  an  dem  monoklinen  Charakter 
der  Kry stalle  nicht  zu  zweifeln." 

Im  convergenten  Lichte  zeigt  sich,  trotzdem  die  optische 
Mittellinie  senkrecht  zu  010  in  allen  Theilen  ist,  eine 
Verschiedenheit  des  optischen  Axenwinkels  in  verschiedenen 
Theilen  der  Platte;  derselbe  verändert  sich  auch  mit  der 
Temperatur;  bei  100^  ist  er  0*^  und  bei  noch  höherer  Temperatur 
gehen  die  optischen  Axen  in  einer  Ebene  senkrecht  zur  ersten 
Richtung  auseinander.  Kittet  man  die  so  erhitzten  Platten  so  ein, 
dass  wasserhaltige  Luft  nicht  dazu  kann,  so  bleibt  der  Zustand 


60  Sächsisch -Tliiirlngische  Literatur. 

der  Platte  auch  nach  der  Abkühlung  erhalten,  ein  Beweis, 
dass  die  Wärme  die  Aenderung  allein  nicht  hervorbringt- 
Bringt  man  die  Blättchen  in  kochendes  Wasser,  so  bleiben 
die  optischen  Verhältnisse  der  Platte  unverändert;  es  ist 
also  nur  das  entweichende  Krystallwasser,  mit  welchem  die 
optische  Aenderung  iu  Beziehung  steht.  Erwärmt  man  die 
Platten  in  Oel,  so  beobachtet  man  dasselbe  wie  in  der 
Luft.  Schon  Des  Cloizeaux  hatte  am  H.  eine  leichte  Deut- 
ung der  optischen  Axeuebene  wahrgenommen.  Piinne  fin- 
det, dass  in  allen  Theilen  desselben  eine  Drehung  so  statt- 
findet, dass  bei  150  "^  die  verschiedene  Richtung  der  optischen 
Axenebene  in  den  sonst  verschieden  orientirten  Platten- 
theilen  von  010  dieselbe  wird.  Erhitzt  man  die  Platte 
weiter,  so  findet  kein  weiteres  Wandern  der  Auslöschungen 
statt,  sondern  sie  sind  constant  geworden;  und  die 
Difi^erenzirung  aller  Felder  hat  aufgehört,  die  Platte  löscht 
einheitlich  aus. 

Diese  Auslöschung  liegt  bei  Krystallen  von  Island  und 
Vieseh  parallel  zur  Kante  (010  :  221),  bei  Krystallen  von 
Andreasberg  dagegen  parallel  (001 :  010),  wenn  man  das  Axen- 
verbältniss  a :  b :  c  =  0,4035 : 1 :  0,47788,  /?  =  63  HO'  zu  Grunde 
legt  und  also  die  gewöhnliche  Combination  als  M  010.  N  100, 
T  001,  P  101,  z  221  auffasst.  Die  beiden  Kanten  (010:221) 
und  (001  :  010)  stehen  beinahe  senkrecht  zu  einander. 
Diese  merkwürdige  Verschiedenheit  zwischen  dem  Andreas- 
berger  H.  und  den  übrigen  liess  eine  chemische  Verschie- 
denheit vermutheu,  welche  Jannasch  durch  eine  genaue 
Analyse  auch  bestätigt  :  es  fand  sich  hier  nicht  wie  sonst 
0,5%  SrO  neben  7%  CaO,  sondern  3,62  SrO  neben 
4,25  CaO.     (Vergl.  S.  61.) 

Auch  die  Temperatur  von  150°  entspricht  nach  Jan- 
nasch genau  dem  Verlust  von  2  Molekülen  Wasser.  Bei 
150*^  hat  also  der  einheitliche  auslöschende  [parallel  der  Kante 
(001  :  001)1  H.  nur  noch  o  Krystallwasser  und  ist  aus  dem 
monokiinen  in  das  rhombische  System  übergegangen.  So 
interessant  auch  diese  Thatsache  ist,  so  können  wir  hier 
mit  der  Erklärung  des  Autors  nicht  vollkommen  überein- 
stimmen. Er  hat  gezeigt,  dass  die  andern  H.  von  Island 
und  Vieseh  bei  150'-  parallel  der  Kante  (010:221)  einheit- 


Sächsisch- Thüringische  Literatur.  61 

lieh  auslöschen ;  beide  Richtungen  der  Auslöschungen  in 
den  beiden  Varietäteü  liegen  also  nicht  gleich,  sondern 
haben  eine  verschiedene  Lage  in  den  geometrisch  gleichen 
Krystalleu,  woraus  also  im  allgemeinen  nicht  geschlossen 
werden  darf,  dass  beide  Varietäten  rhombisch  seien.  Ob 
letzterer  Schluss  auch  noch  richtig  wäre,  selbst  wenn  bei 
allen  Varietäten  die  Auslöschung  parallel  der  Vertikalaxe 
wäre,  will  uns  ebenfalls  noch  einigermassen  zweifelhaft  er- 
scheinen. Selbst  wenn  nachgewiesen  ist,  dass  die  Aus- 
löschung eines  Minerals  symmetrisch  zur  m.onoklinen  Sym- 
metrieebene und  in  dieser  parallel  der  Vertikalaxe  sei, 
ist  dasselbe  noch  nicht  dem  rhombischen  System  zuzu- 
rechnen, ehe  nicht  nachgewiesen  ist,  dass  die  Vertbeilung 
der  übrigen  Constanten  in  geometrischer  und  optischer  Be- 
ziehung der  rhombischen  Symmetrie  entspricht.  Wenn  nur 
nachgewiesen  ist,  dass  die  Auslöschung  parallel  der  Verti- 
kalaxe ist,  so  genügt  dies  durchaus  nicht,  um  die  rhom- 
bische Symmetrie  zu  erweisen;  denn  die  Vertikalaxe  ist 
nicht  eine  durch  die  monokline  Symmetrie  bedingte  Linie, 
sondern  nur  eine  Richtung  innerhalb  der  Symmetrieebene, 
welche  vom  Autor  angenommen  wird,  welche  also  nicht 
wie  im  hexagonalen,  tetragonalen  etc.  Systeme  durch  die 
Gesammtsymmetrie  des  Krystalls  ohne  Weiteres  gegeben 
ist.  Ehe  also  nicht  nachgewiesen  ist,  dass  diese  Richtung 
Symmetrieaxe  in  optischer  und  geometrischer  Beziehung 
ist,  hält  Referent  den  Beweis  dafür,  dass  bei  150^  der  H. 
rhombisch  sei,  für  noch  nicht  sicher  erbracht.  Mit  sorg- 
fältig ausgelesenem  Material  von  Andreasberg,  welches 
durch  Eintauchen  in  Cadmiumborwolframiat  und  durch 
optische  Untersuchung  rein  erhalten  wurde,  hat  Prof.  Jan- 
nasch Analysen  ausgeführt,  welche  ergaben: 


Andreasberg 

Fassathal 

Teigarh( 

Si02 

= 

56,11 

56,10 

60,07 

58,43 

AI2O3 

= 

17,07 

17,24 

14,75 

16;44 

F2O3 

= 

Spuren 

Spuren 

0,62 

— 

CaO 

= 

4,25 

4,27 

4,89 

7,00 

SrO 

= 

3,62 

3,65 

1,60 

0,35 

MgO   =     Spuren       Spuren 


62  I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 


Andreasberg 

Fassathal 
0,44 
2,36 
Spuren 

15,89 

Teigarhoru 

K2O      =     0,36 
Na20    =     3,49 
Si20     =  Spuren 
H2O      =  16,19 

0,18 

3,14 
Spuren 
16,37 

0,21 

1,40 

Spuren 

16,45 

101,09 
Halle  a.  S. 

100,95 

100,62 

100,28 
Luedecke. 

Beyschlag,  F.,  Die  Erzlagerstätten  der  Umgebung  von 
Kamsdorf  in  Thüringen.  Jahrbuch  d.  geolog.  Landes- 
Anstalt  1888.     S.  329. 

An  der  Hand  älterer  Publikationen  und  Manuscripte  sowie 
eigener  Beobachtungen  giebt  der  Autor  eine  Zusammenstellung 
der  Lagerungsverhältnisse  und  Erzvorkommen  von  Kamsdorf 
in  Thüringen ,  wofür  ihm  die  geologischen  Interessenten  dank- 
bar sein  müssen.  Nach  einer  Literatur-Uebersicht  folgt  die  Be- 
schreibung der  Schichtenfolge,  Gesteinsbeschaffenheit  und 
des  Baues  der  Lagerstätte. 

Das  älteste  in  Betracht  kommende  Gebirgsglied  ist  der 
Culm,  „das  rotbe  Gebirge"  der  Bergleute;  er  stellt  einen 
Wechsel  von  gröberen  und  feineren  Grauwacken  mit  san- 
digen und  z.  Th.  glimmerreichen  Schiefern  dar;  schwache 
Eöthelschichten  wurden  früher  bei  Tauschnitz  ausgebeutet; 
nach  oben  zu  ist  der  Culm  ausgebleicht -„weisses  Gebirge". 
Auf  den  unteren  klippigen  Culmschichten  liegt  die  Zech- 
steinformation söhlig  auf.  Unten  als  Conglomerate,  welche 
stellenweise  als  Sanderze  kupferführend  sind.  Da  wo 
Rückenspalten  dieses  sog.  Weissliegende  durchsetzen,  fin- 
den sich  reichere  Anhäufungen  von  Kupferkies,  Fahlerz, 
Kupferlasur,  Malachit,  Kobaltblüthe,  Pharmacolit,  Speiss- 
kobalt und  schwarzem  Erdkobalt. 

Darauf  folgt  dasZechsteinconglomeratmit  dem  Mutterflötz 
0,7 — 1  m  aus  aschgrauem  Kalke  mit  abgerollten  Grauwacken- 
und  Thonschieferbrocken  bestehend,  gewöhnlich  in  2  Flötze 
^etheilt  und  Erzknoten  führend.  Nun  kommt  das  Kupfer- 
schieferflötz  mit  10 — 15%  Bitumen  und  geringem  Erzgehalt; 
nur  da,  wo  Lagerungsstörungen  auftreten,  ist  es  reicher  an 
Kupferkies,  Silber-haltigem  Fahlerz,  Kupferglanz,  Bleiglanz, 
Xupferlasur,  Malachit,  Erdkobalt  etc.;  darüber  folgt  5 — 8  m 


I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  63 

mächtiger  parallelopipedisch  zerklüfteter  Kalk,  „  das  Horn- 
flötz",  sodann  das  obere  Schieferflötz  0,15 — 0,30  m  und  end- 
lich 3 — 3,5  m  Kalk  mit  Mergellagern. 

Die  mittlere  Abtheilung  des  Zechsteins  besteht  aus 
einer  30  m  mächtigen  Dolomitbildung;  in  der  Nachbarschaft 
der  Rücken  ist  sie  in  Eisenerze  umgewandelt;  die  obere 
Abtheilung  der  Zechsteinformation  sind  der  Plattendolomit 
und  die  Letten  mit  Gyps,  welche  dann  vom  Buntsandstein 
bedeckt  werden. 

Die  Erzablagerung  geschah  nun  auf  Gängen  (Verwer- 
fer)  und  Lagern  in  unmittelbarer  Nähe  der  Gänge. 

Die  Kamsdorfer  Gänge  stellen  ein  System  von  Spalten 
dar,  welche  im  allgemeinen  von  W — 0  streichen  und  unter 
50 — 80*^  NO  fallen;  es  sind  kleine  Stufen,  durch  deren 
Vermittelung  das  Niedersinken  des  triadischen  Vorlandes 
gegen  die  älteren  culmischen  und  devonischen  Horste  sich 
allmählich  vollzieht.  Wenn  man  von  S  nach  N  im  Kams- 
dorfer Erzdistrikt  über  die  Schichten  hingeht,  so  nimmt  in 
dieser  Richtung  die  Zahl  der  Gänge  ab,  aber  ihre  Be- 
deutung als  Verwerfer  imd  Erzführer  nimmt  zu.  Die 
Sprunghöhe  der  Verwerfung  wechselt  sowohl  zwischen  den 
einzelnen  Gängen  als  an  demselben  Gange  zwischen  0,2 
und  50  m ;  die  hangenden  Schichten  pflegen  sich  an  der  Sprung- 
höhe hinabzuziehen;  die  Spalten  durchqueren  alle  Glieder  des 
Zechsteins  und  gehen  erzleer  im  Culm  weiter.  Den  Verlauf 
der  Gänge  kann  man  an  der  Terrassen-  und  Grabenbildung 
der  Oberfläche  z.  Th.  erkennen.  Der  Verfasser  schildert 
nun  die  Art  der  Verwerfungen  näher:  man  findet  einfache 
Sprünge,  Flexuren  etc.  Auf  die  Eintheilung  der  einzelnen 
Ganggruppen  können  wir  nicht  näher  eingehen  und  muss 
auf  das  Original  im  Jahrbuch  d.  königl.  preuss.  Landes-An- 
stalt  1888  verwiesen  werden. 

Die  Ausfüllung  der  Spalten  ist  eine  sehr  wechselnde: 
silberhaltige  Fahlerze,  silberleerer  Kupferkies,  Ziegelerz, 
Malachit  und  Kupferlasur;  die  Erzführung  bleibt  im  Ganzen 
auf  denjenigen  Theil  der  Gangspalte,  welcher  zwischen 
den  durch  die  Verwerfung  verschobenen  und  von  ein- 
ander  entfernten   Theilen   des  Weissliegenden   und  Eisen- 


64  I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 


kalks  (mittl.  Zechst.)  liegt,  bescbränkt;  sie  ist  mcht 
aushaltend,  sondern  vielfach  durch  leere  Spalten  unter- 
brochen, am  Erz  reichsten  sind  die  Gänge  zwischen  den 
beiden  gegen  einander  verschobenen  Theilen  des  Kupfer- 
schieferflötzes;  bei  den  Flexuren  tritt  der  Erzreichthum  be- 
sonders am  Mittelschenkel  hervor.  Neben  den  Kupfererzen 
haben  sich  am  rothen  Berge  auch  Kobalt-  und  Nickelerze 
gefunden;  mit  der  Hauptgangart  von  Schwerspath  treten 
Kalkspatb  und  Bitterspath  auf. 

Die  Mineralien  der  Gänge  sind  die  folgenden:  Antimon - 
und  Arsenfahlerz  (1828  auf  dem  Himmelfahrt-Bergmännischen 
Hoffnungs-Gange  15  cm  mächtig  doch  nur  auf  40  qm),  Kupfer- 
kies aus  dem  Johannisgang  bei  Gosswitz  (1,5  m  x 
40x14  m),  Bleiglanz,  Eisenkies,  Schwerspath,  Siderit, 
Rothnickelkies,  Arsennickel,  Speisskobalt,  Nickelantimon- 
glanz, Haarkies,  Kupferglanz,  Antimonglanz,  Malachit, 
Rothkupfererz ,  Kupfermanganerz  und  andere  Zersetzungs- 
produkte des  Kupferkieses,  Kobaltblütbe,  Symplesit,  Erd- 
kobalt (schwarzer),  Brauneisen,  Pjrolusit,  Wad,  Kupfer, 
Silber,  Arsen,  Wismuth,  Kalkspath,  Perlspath,  Aragonit, 
Barytocalcit ,  Asphalt  und  Gyps.  Die  Erze  sind  in  drei  Ni- 
veaus vertheilt.  Im  Culm,  Weissliegenden  und  Mutterflötz, 
kommen  mit  Schwerspath,  Braunspath  und  Kalkspath 
hauptsächlich  Fahlerz,  Kupferkies,  Rothnickelkies  und  Speiss- 
kobalt vor;  im  mittleren  Erzniveau  d.  h.  im  verschobenen 
Theile  des  Kupferschiefers  und  dem  untersten  Zechsteinkalk 
lagern:  silberreiche  Fahlerze,  Kupfererze  und  gelber  Erd- 
kobalt, Kobalt  undNickelblüthe,  Pharmacolith  und  Symplesit; 
im  obersten  Erzniveau  d.  h.  im  Zechsteinkalk  und  Dolomit, 
des  mittleren  Zechsteins:  Erdkobalt,  Kupferlasur,  Malachit, 
Kupfergrün  und  Brauneisen. 

Dem  Alter  nach  folgen  sich  vom  Aeltesten  zum  Jüng- 
sten: 1.  Siderit,  Fahlerz,  Kupferkies,  Bleiganz,  2.  Schwer- 
spath und  Siderit,  Kobalt  und  nickelbaltige  Kiese, 
Bitterspath,  Calcit,  Aragonit  und  die  Zersetzungsproducte 
der  Kupfer-,  Kobalt-  und  Nickelerze,  3.  Metalle  und  Gyps. 
Längs  der  Spalten  sind  im  unteren  und  mittleren  Zechstein 
die  Kalke  und  Dolomite  in  Eisenstein  (z.  Th.  in  Spath- 
eisenstein)  umgewandelt. 


I.  Sächsisch- Thüringisclie  Literatur.  65 

Besonders  hervortretend  sind  das  untere  und  obere 
Eisensteinflötz ;  das  untere  hat  immer  den  oberen  bitumi- 
nösen Mergelschiefer  zum  Hangenden,  das  obere  liegt  im 
Dolomit  der  mittleren  Formations- Abtheilung.  Die 
beiden  Flötze  verhalten  sieh  ganz  verschieden.  Der  Spath- 
eisenstein  ist  in  der  Nähe  der  Spalten  am  grobkörnigsten 
und  wird  vreiter  davon  entfernt  immer  feinkörniger;  viel- 
fach ist  derselbe  in  Brauneisen  verwandelt;  hier  und 
da  hat  man  auch  Kupfererzmittel  im  Eisenstein  gefunden. 

Die  Entstehung  der  Gänge  steht  mit  der  grossen  im 
N.  und  S.  des  ThUringerwaldes  verlaufenden  Hauptver- 
werfiing  von  tertiärem  Alter  in  Beziehung;  ebenso  wie  bei 
Schweina  und  Richelsdorf  sich  die  grosse  Verwerfung  in 
viele  kleine  wenig  mächtigere  zersplittert,  um  sich  schliess- 
lich ganz  zu  verlieren  und  einer  schliesslichen  concordanten 
Auflagerung  der  Trias  auf  dem  Zechstein  Platz  macht,  so 
ist  es  auch  hier. 

Die  Gangfülluug  ist  durch  Auslaugung  des  Nebengesteins 
entstanden.  Zum  Sobluss  verbreitet  sich  der  Verfasser  über 
Gewinnung  und  Statistik  des  Gebietes.  Besonders  möchten 
wir  unsere  Leser  auf  die  kartographischen  Beilagen  auf- 
merksam machen;  die  eine  Karte  stellt  den  Verlauf  der 
Gänge  und  die  Lager  auf  einer  geognostisch  colorirten  Karte 
1:25000,  deren  Aufnahme  man  der  preusisschen  Landes- 
Aufnahme  verdankt,  dar;  während  die  andere  Profile  (1:600) 
(1:800)  etc.  durch  die  Lager  und  Spalten  bringt. 

Halle  a,  S.  Luedecke. 

Schreiber,  Prof.  Dr.  A.,  Die  Bodenverhältnisse  im  Bereiche 
des  Ringstrassen-  und  Nordfront -Kanals  in  Magdeburg. 
Jahresbericht  und  Abhandlungen  des  naturwissenschaftlichen 
Vereins  in  M.  1888,  S.  73. 

Verfasser,  schildert  die  Verbreitung  des  Culms,  des  Roth- 
liegenden  des  Grtinsands  und  des  Diluviums  in  dem  oben 
angegebenen  Räume. 

Derselbe,  der  Grundwasserstand  in  Magdeburg  und 
seiner  Umgebung  ebd.  S.  83. 

Verfasser  schildert  an  der  Hand  genauer  Aufnahmen 
den  Stand  des  Grundwassers  in  Magdeburg  und  kommt  zu 

Zeitschrift  f.  Nattjrwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  5 


66  I.  Thüringisch- Sächsische  Literatur. 

dem  Ergebniss,  dass  aus  allen  von  ihm  gesammelten  That- 
sachen  folgt,  dass  für  den  Stand  des  Grundwassers  einer 
Gegend  nicht  allein  deren  Höhenlage,  sondern  zugleich 
die  im  Untergrunde  anstehenden  Erdschichten  und  Thal- 
einschnitte bestimmend  sind. 

Derselbe,  die  Hafenanlage  bei  Neustadt-Magdeburg, 
ebd.  S.  91. 

Im  Gebiete  der  Culmgrauwacke  hat  man  in  M.  drei 
Höhenrücken  zu  unterscheiden,  welche  wahrscheinlich  unter- 
irdisch zusammenhängen.  Der  erste  im  Norden  der  Altstadt 
setzt  sich  in  den  Steinbrüchen  der  Steinkuhlenstrasse,  Olven- 
stedts  und  an  den  felsigen  Ufern  der  Olve  Bever  bei  Gr.  Ottmers- 
leben  und  Doenstedt  fort;  der  zweite  Höhenzug,  welcher  in 
den  Steinbrüchen  bei  Magdeburg  -  Neustadt  beginnt, 
setzt  sich  in  Ebendorf,  Dahlenwarsleben,  Hundisburg  und 
Nenhaldensleben  fort;  am  dritten  liegt  der  neue  Hafen, 
derselbe  geht  nach  Barleben  und  Vahldorf  weiter. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 

Schreiber,   Prof.   Dr.,  in  Magdeburg,    die  Bodenverhält- 
nisse von  Magdeburg-Neustadt  und  deren  Einfluss  auf  die 
Bevölkerung  mit   einer  geologischen  Karte.      Jahrbücher 
und    Abhandl.    des   naturwissenschaftl.   Ver.    in    Magde- 
burg, 1887,  S.  1. 
Magdeburg-Neustadt  steht  auf  einer  Mulde  von  Culm- 
grauwacke,   deren  Inneres  ausgefüllt  wird  durch  tertiären 
thonigen  Grünsand;   auf  diesen    folgt   eine  diluviale  Cong- 
lomeratschicht,  deren  Bindemittel  Eisenoxydhydrat  ist,  darauf 
kommt  eine  7 — 13  m  starke  diluviale  Thonschicht,   welche 
wieder   von  Lehm,   Sand  und  Kies  überdeckt  wird.     Die 
Thonschichten  von  M.-N.  waren  so  undurchlässig  und  auch 
der  Abfluss  der  Abwässer  ein  so   geringer,   dass  dadurch 
das   gesammte    Grundwasser    verdorben   wurde,    und    die 
Sterblichkeit    hier  die    höchste    überhaupt   bekannte    Ziffer 
erreichte.     Seit  man  nun  eine  Wasserleitung  anlegte,  welche 
das  Wasser  anderwärts  herbezog  und  die  Stadt  canalisirte, 
fiel  sofort  die  Sterblichkeitsziffer  bedeutend.     Auf  der  Karte 
ist  die  Verbreitung  der  Formationen  dargestellt. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  67 

Reidemeister,    Prof.    Dr.    0.,     Mineralogische    Notizen, 
Jahresber.  und  Abhandlungen  des  naturwissenschaftlichen 
Vereins  in  Magdeburg.     1887.     S.  71. 
Verfasser  weist  nach,  dass  die  sogenannten  Pseudomor- 
phosen    von  Kalkspath    nach    Gaylusit    nicht  Pseudomor- 
phosen  nach  diesem  Minerale   sein  können,    wie  dies  auch 
E.  S.  Dana  in  seiner  Schrift  über  den  Thinolit  dargethan  hat; 
das   Mineral,    nach    welchem    der    kohlensaure    Kalk    hier 
pseudomorph  ist,    ist  demnach  noch  unbekannt;  die  Fund- 
stücke der  Pseudomorphosen  Hess  sich  an  Ort  und  Stelle 
nicht  mehr  feststellen.     Sodann    bespricht   er   die   Kupfer- 
schiefergruben bei  Obersdorf,  die  Gypsschlotten  und  endlich 
erwähnt    er   ein   neues   Vorkommen  von  Wavellit  —  wohl 
selten  am  Harze  —  vom  Auersberg  bei  Stolberg. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 

Reidemeister,  eine  mineralogische  Wanderung  durch  den 
östlichen  Harz.  Jahresber.  und  Abhandlung  des  natur- 
wissenschaftl.  Vereins  in  Magdeburg.     1887.     S.  57. 

Der  Verfasser  hat  die  Minerallagerstätten  des  öst- 
lichen Harzes  aufgesucht  und  die  gemachten  Funde  auf- 
gezählt; so  hat  er  den  Zinnober  und  das  Amalgam  im  Silber- 
bach bei  Wieda,  die  Mangangruben  bei  Hfeld,  die  Gruben 
bei  Stolberg,  am  Auersberg,  an  dessen  güldenem  Altar 
„ein  mir  bekannter  Steiger"  Goldkörnchen  ausgewaschen 
hat,  besichtigt;  auch  Wolfsberg,  Keudorf,  Strassberg,  Harz- 
gerode und  Tilkerode,  wo  er  auf  den  alten  Halden  wirk- 
lich noch  Selenverbindungen  aufgefunden  hat ,  besuchte  er. 

Derselbe,  Mineralogische  Notizen  (aus  Magdeburg)  ebd. 

Eine  ganz  interessante  Aufzählung  von  Mineralien,  welche 
in  den  Sammlungen  der  Herren  Joh.  Brunner,  Gustav  Schmidt, 
0.  Reidemeister  und  derGuericke-Realschule  aufgestellt  wird; 
allen  Interessenten  sei  dieselbe  bestens  empfohlen;  der  Referent 
kann  aus  eigenei;  Erfahrung  mittheilen,  dass  selbst  der  Fach- 
mann nicht  unbefriedigt  die  mit  grosser  Liberalität  ge- 
zeigten   Sammlungen  verlassen  wird. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 

J.  G.  Bornemann,  Ueber  den  Buntsandstein  in 
Deutschland,  seine  Bedeutung  für  die  Trias  nebst  Unter- 

5* 


68  1.  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 

suchungen  über  Sand  und  Sandsteinbildungen  im  Allge- 
meinen mit  3  Tafeln  und  3  Abbildungen  im  Text.  Jena, 
Fischer. 

Unser  Verein  hat  als  thüringisch  -  sächsischer  die 
Pflicht,  Veröffentlichungen,  welche  das  Vereinsgebiet  be- 
treffen, zu  besprechen.  Darum  gehen  wir  an  dieser 
Stelle  auf  J.  G.  ßornemann's  Aufsatz  im  Jahrbuche  der 
geologischen  Landesaustalt  über  den  Muschelkalk  und  auf 
die  obige  Schrift  ein. 

Der  Verfasser  theilt  zwar  in  der  letztgenannten  Schrift 
sehr  beachtenswerthe  Beobachtungen  mit.  Seine  Wahr- 
nehmungen über  Sandsteinbildungen  der  Gegenwart  bei 
Piscinas  auf  Sardinien,  seine  Erfahrungen  über  die  Zerstör- 
ungskraft der  brandenden  Wellen,  seine  Untersuchungen 
der  Fährtenplatten  von  Harras  bei  Hildburghausen  und 
ihre  Einzelheiten  sind  sehr  lehrreich.  Indess  verknüpft  er 
diese  Darstellungen  mit  Zusammenstellungen  eigener  und 
fremder  Angabe  von  sehr  ungleichem  Werthe,  hat  manche 
der  aufgenommenen  Literaturangaben  nicht  richtig  verstan- 
den und  gelangt  so  zu  Trugschlüssen,  die  das  Ergebniss 
vieler  mühsamer  und  gewissenhafter  Beobachtungen  über 
die  Lagerungsfolge  unserer  Fiötzgebirgsglieder  umstossen 
sollen. 

Halle  a.  S.  v.  Fritsch. 


E.   Dunker,    Temperaturbeobachtungen    im     Bohrloch   zu 
Schladebach  bei  Merseburg. 
Das    tiefste    Bohrloch    der   Erde,    welches    durch    die 
preussischen  Bohringenieure  bei  Merseburg  niedergebracht 
worden    ist,     durchteuft     das     Diluvium,     den    Buntsaud- 
stein, den  Zechstein,  das  Rothliegende,  die  Steinkohlenfor- 
roation  (jedoch  ohne  Kohle)  und  erreicht  das  Oberdevon. 
Es  hatte  das  Bohrloch  auf  584  m  Länge  eine 
Weite  von  120  mm,  auf  104  m       „  „ 

„        „       50     „    ,  von  1376    m  an  hatte  es  nur  noch 
die  Weite  von  48  mm. 


I 


T.  Sächsisch- Thünn<?i3che  Literatur.  69 

Aus  den  sehr  sorfältigen  Beobachtuugen  des  Autors 
folgt,  dass  für  eine  Zunahme  der  Tiefe  von  35,7  m  die 
Wärmezunahme  1*^0  beträgt  —  also  ein  ganz  ähnliches 
Resultat  wie  es  derselbe  Autor  bei  dem  bekannten  Bobr- 
loche  von  Sperenberg  (hier  stieg  bei  einer  Tiefenzunahme 
von  33,7  m  die  Wärme  ebenfalls  um  l'^C)  gefunden  bat. 
(N.  Jahrbuch  f.  Mineralogie  1889  I  S.  29.) 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 

C.  G.  Friderich,  Naturgeschichte  der  deutschen 
Vögel,  einschliesslich  der  sämmtlichen  Vogel- 
arten Mitteleuropas.  4.  Auflage.  Stuttgart,  Verlag 
von  Julius  HofiPmann. 

Hier  liegt  ein  Buch  vor,  das  wir  unseren  Mitgliedern,  gerade 
im  Interesse  der  Kenntniss  und  Beobachtung  des  heimischen 
Thierlebens  —  dringend  empfehlen  müssen.  Die  Firma  ist  ja 
bekannt  durch  die  Gediegenheit,  mit  der  sie  Bücher  bringt, 
welche  strenge  Wissenschaftlichkeit  mit  bester  Popularisirung 
zu  gediegeuemNutzen  des  Praktikers,  Sammlers  undNaturlieb- 
habers  verbinden;  es  sei  nur  an  Berge's  Schmetterlinge,  an 
Calwer's  Käfer  erinnert.  Wir  hab  en  eben  nichts  Aehnliches  und 
alle  Anleitungen  für  die  Jugend,  für  die  Naturfreunde  etc.  stellen 
entweder  Auszüge  aus  jenen  dar  oder  lehnen  sich  doch  in 
irgend  einer  Weise  daran  an.  Vollständigkeit  für  das 
Studium  der  Heimath,  so  weit  es  nicht  den  speciellen 
Zoologen  vom  Fach  obliegt,  wird  doch  nur  in  diesen  in 
ihrer  Weise  klassischen  Werken  geboten,  die  in  unserem 
Volke  die  allerweiteste  Verbeitung  verdienen.  Friderich's 
Buch,  das  uns  in  den  ersten  vier  Lieferungen  vorliegt,  ist 
in  dieser  Neubearbeitung  ausgezeichnet  im  Stande,  die 
vielen  Bestrebungen  zum  Schutze  der  Vogelwelt,  die  sich 
in  dem  gerade  bei  uns  blühenden  Vereine,  in  massenhaften 
Artikeln  der  Tagespresse,  in  der  Beschäftigung  der  Par- 
lamente mit  gesetzlicher  Regelung  etc.  etc.  kundgeben,  zu 
unterstützen  oder,  wenn  wir  so  wollen,  überhaupt  zu  fun- 
diren.  Jeder  kundige  weiss,  wie  rathlos  er  sehr  vielen 
Vögeln  in  der  verschiedenen  Tracht  (nach  Alter,  Geschlecht 
und  Jahreszeit)  als  Anfänger  gegenüberstand.  Naturgemäss 
hat  er  sich  dabei  zunächst  an  die  lebhaftere  Färbung  der 
Männchen  zu  halten  und  von  ihnen  aus  dann,    nach    dem 


70  I.  Sächsisch -Thürinfirische  Literatur. 

Zusammenleben ,  Betragen  etc.  die  unscheinbaren  Jungen 
und  Weibchen  kennen  zu  lernen.  Aber  das  ist  und  bleibt 
immer  sehr  schwierig,  ohne  einen  genügenden  Anhalt  in 
Abbildungen.  Dieser  wird  zunächst  hier  auf  das  Treff- 
lichste geboten.  Jeder  Lieferung  (es  sollen  24  erscheinen) 
sind  zwei  Tafeln  beigegeben  mit  etwa  7 — 10  farbigen 
Vogelbildern,  so  dass  im  Ganzen  über  vier  hundert  zu  er- 
warten sind.  Bei  so  starken  Unterschieden  in  der  Tracht 
der  Geschlechter,  wie  sie  die  Enten  zeigen,  sind  auch 
Pärchen  abgebildet.  Dass  die  Farben  hier  und  da  (z.  B. 
bei  der  Bartmeise)  ein  wenig  grell  ausfallen,  ist  einmal 
ohne  Aufwendung  ausserordentlicher  Mittel  kaum  zu  um- 
gehen, sodann  aber  durchaus  kein  Fehler.  Einmal  müssten 
bei  stärkerer  Auflage  manche  Abzüge  sonst  zu  matt  aus- 
fallen; und  zweitens  ist  es  gerade  für  den  ersten  Blick  viel 
besser,  die  Merkmale  des  Colorits  fallen  zu  sehr  in  die 
Augen  als  zu  wenig.  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  sind 
die  reizenden  Tafeln  nur  lobenswerth.  Naturgemäss  ist  die 
Grösse  reducirt,  aber  auf  jeder  Tafel  gleichmässig,  sodass 
die  Thiere,  die  sich  auf  einmal  dem  Auge  darbieten,  in 
richtigen  gegenseitigen  Verhältnissen  sich  zeigen.  Selbst- 
verständlich sind  die  grösseren,  (von  denen  eine  Tafel  mit 
Falken  und  eine  mit  Enten  beigefügt  sind)  stärker  verklei- 
nert als  die  Sänger;  eine  einheitliche  ßeduction  wäre 
Unsinn. 

Der  Text  verdient  dieselbe  Anerkennung.  Bei  der  un- 
heimlichen Synonymik,  die  leider  das  System  der  Vogel- 
welt beherrscht,  folgt  bei  jeder  Art  auf  die  Aufzählung  der 
anderen  Namen  die  ganze  Liste  der  wissenschaftlichen  Be- 
zeichnungen, was  schliesslich  ein  unfangreiches  Register 
erfordern  wird,  um  den  vollen  Nutzen  zubringen.  Eben- 
so wie  diese  speciell  wissenschaftliche  Finesse  ist  die  aus- 
führliche Beschreibung  in  kleinem  Druck  gegeben,  das 
Hauptgewicht  der  ganzen  Schilderung  aber  auf  die  Biologie 
gelegt.  Geographische  Verbreitung,  Lebensweise,  Betragen 
während  der  Brutzeit,  Liebesspiele,  Brutgeschäft,  Nestbau, 
Nahrung,  geistige  Eigenthümlichkeiten,  das  sind  die  Punkte? 
die  mit  Recht  den  meisten  Raum  einnehmen.  Benehmen  in 
der  Gefangenschaft,  Ernährung,  Fangmethode,  Krankheiten, 


I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  71 

alle  diese  Fragen  werden  ausführlich  in  Betracht  gezogen, 
die  Heilung  der  Krankheiten  soll  einen  besondern  Abschnitt 
erhalten.  Der  Gesang  wird  billigerweise  möglichst  verdeut- 
licht,  da  sich  die  vorliegenden  Lieferungen  nur  mit  Sängern 
abgeben.  Die  Schilderungen  mögen  sich  etwa  an  Brehm's  Mus- 
ter anlehnen ,  nur  systematischer  und  auf  die  einheimischen  be- 
schränkt. Um  von  der  Umfänglichkeit  einen  Begriff  zu  geben , 
sei  erwähnt,  dassauf  die  Nachtigall,  die  den  Anfang  macht, 
ein  Bogen  kommt,  auf  das  Rothkehlchen  weiterhin  ein  Viertel. 
Format  Gross-Oktav,  etwa  wie  Brehm.  Wie  sehrauch  die 
seltneren  Gäste  berücksichtigt  sind,  zeigen  nicht  weniger 
als  acht  fremde  Drosseln,  Turdus  mollissimus,  dauma, 
obscurus,  pallidus,  ruficollis,  fuscatus,  Naumanni  und  Sibiri- 
ens, die  sämmtlich  beschrieben  und  von  denen  drei  sogar 
mit  abgebildet  sind.  Der  Preis  von  1  Mk.  pro  Lieferung 
von  2  oder  3  Bogen  und  2  bunten  Tafeln  muss  angesichts 
der  Ausstattung  als  sehr  niedrig  bezeichnet  werden.  Möge 
das  Werk  sich  möglichst  viel  Eingang  verschaffen  zu  Nutz 
und  Frommen  der  Vogelwelt  und  noch  mehr  der  Naturliebe 
und  Naturkunde! 

Gohlis- Leipzig.  Simroth. 

Carl     Russ,       Das      heimische      Naturleben      im 

Kreislauf  des  Jahres.     Ein  Jahrbuch  der  Natur. 

Berlin.  R.  Oppenheim.  Lieferung  1 ;  0,80  Mk. 
Ein  eigenthümliches,  vielseitiges  Unternehmen,  das  fürjeder- 
mann,  der  im  Freien  zu  thunhat,  einRathgeber  werden  will,  für 
Landwirthe,  Gärtner,  Landpastoren  und  -lehrer,  Jäger  und 
Förster,  Jagdliebhaber  und  Fischereiberechtigte,  alle  Na- 
turfreunde schlechthin.  Was  alles  darin  zu  finden  ist,  zeigt 
am  besten  eine  Inhaltsübersicht  dieser  Lieferung,  die  auf 
45  S.  den  Januar  behandelt  (die  letzten  3  gehören  dem 
Februar).  Thierleben,  schlafend  und  wachend,  Pflanzenleben, 
Jagd,  Forstwirthschaft,  Fischfang,  Fischzucht,  Austern-  und 
Meermuschelfang,  Landwirthschaft,  Blumengärtnerei,  Ge- 
müsegarten, Obstgarten,  Ilausthiere,  Stubenvögel,  Bienen- 
stand, Vogelschutz,  Futterplätze,  Gesundheitspflege,  Haus- 
wirthscbaft,  —  germanisch -mythologische  Beziehungen, 
Tagesnamen,  nach  den  Geburtstagen  hervorragender  For- 
scher und  Erfinder  (1—14);   soweit   eine  allgemeine  Schil- 


72  I-  Sächsisch -Thürinp:ische  Literatur. 

derung.  Dann  ein  zweiter  Abschnitt  ähnlichen  Inhalts, 
aber  als  Aiifzäbinng  der  einschlägigen  Species,  nach  ihrem 
Verhalten  geordnet;  für  die  Praxis  sind  die  Regeln  zu- 
sammengestellt, die  man  sonst  in  einzelnen  Handbüchern 
zerstreut  suchen  muss  (15 — 37).  Der  Schiuss  ist  de^^  Ilim- 
melskunde  und  Meteorologie  gewidmet.  Wir  haben  es  also 
mit  einer  Sammlung  von  Angaben  zu  thun,  die  bestimmt 
erscheint,  an  Stelle  vieler  speciellen  Rathgeber  eine  ge- 
schlossene Uebersicht  zu  bieten  und  so,  wie  des  Verfassers 
viele  bekannte  Bücher,  sich  sicherlich  eines  guten  Absatzes 
erfreuen  wird.  Denn  wer  vieles  bringt,  wird  allen  etwas 
bringen.  Den  Monaten  entsprechend  sind  12  Lieferungen  be- 
absichtigt. 

Gohlis-Leipzig.  Simroth. 

ß.  Schröder,  Unio  Koesteri  spee.  nov.  von  Möckern 
bei  Magdeburg.  Schriften  des  natiirw.  Vereins  d.  Harzes 
1889.  IV.  25. 

Neue    Muschel    zu    Ehren    des    Sanitätsrath  Köster  in 

Naumburg  benannt. 


Petry,  Arthur,  Dr..  phil.  Die  Vegetationsverhält- 
nisse des  Kyffhäuser-Gebirges.  Inaugural-Dissertation  der 
philosophischen  Fakultät  der  vereinigten  Friedrichs-Uni- 
versität Halle  -  Wittenberg  vorgelegt.  Halle  a.  S.  1889. 
Verlag  von  Tausch  &  Grosse. 

In  einem  einleitenden  Abschnitte  werden  die  Grenzen 
des  behandelten  Gebietes  besprochen.  Das  Kyffhäuser-Ge- 
birge,  zwischen  51^  22^  und  51°  26'  Br.  sowie  10*^56'  und 
11^  13>  L.  gelegen,  gehört  fast  ganz  dem  unterherrschaft- 
lichen Theile  des  Fürstenthums  Schwarzburg-Rudolstadt  an 
und  bildet  einen  der  nördlichsten  von  jenen  Höhenzügen, 
welche  zwischen  Harz  und  Thüringer  Wald  meist  in  west- 
Dordwestlicher  Richtung  verlaufen.  Seine  Grenzen  sind  auf 
drei  Seiten  durchaus  scharfe  und  wenn  man  die  einen  ge- 
nau zu  verfolgenden  Grenzlinien  zu  Grunde  legt,  so  ergiebt 
sich  ein  Areal  von  75,3  qkm.  Nachdem  der  Aufbau  des 
Gebirges  in  geognostischer  Beziehung  etc.  erörtert  ist,  wird 
in  einem  folgenden  Abschnitte  die  floristische  Literatur  des 
Kyffhäusergebirges  erwähnt. 


I.  Sächsiscli- Thüringische  Literatur.  73 

Die  Zusammensetzung  der  Vegetation.  Die  im  Gebiete 
vorkommenden  Arten  werden  aufgeführt  und  es  ergeben 
sich  daraus  918  Arten  Glefässpflanzen,  wovon  jedoch  dem 
Kyffhäuser-Gebirge  selbst  nur  859  zukommen. 

Der  Einfluss  des  Bodens  auf  die  Vertheilung  der 
Pflanzen  wird  eingehend  und  umfassend  erörtert,  sowohl 
in  Bezug  auf  die  verschiedenen  Formationen,  wie  auch  in 
chemischer  und  physikalischer  Hinsicht.  Es  wird  die  be- 
reits viel  erörterte  Frage  geprüft,  ob  das  chemische  oder 
das  physikalische  Verhalten  des  Bodens  entscheidend  für 
das  Vorkommen  bestimmter  Pflanzenarten  sei.  Die  Salzflora 
ist  in  dem  in  Rede  stehenden  Gebiet  eine  reiche,  denn  von 
sämmtlichen  in  Mitteldeutschland  vorkommenden  Arten 
fehlen  blos  sieben.  Für  Kalkpflanzen  ist  ein  Verzeichniss 
von  150  solcher  Arten  aufgestellt,  die  im  Kyffhäuser-Ge- 
birge nur  auf  Boden  mit  ansehnlichem  Kalkgehalt  vorkom- 
men. In  einem  andern  Verzeichnisse  von  43  Arten  werden 
solche  aufgeführt,  die  nur  auf  kalkarmem,  kieselreichen 
Boden  auftreten. 

Die  pflanzengeographische  Stellung  der  Kyffhäuser- 
Flora,  die  verschiedenen  Faktoren,  wie  Klima,  Boden 
u.  s.  w.,  welche  die  Zusammensetzung  der  Flora  bedingen, 
werden  dem  Gebiete  entsprechend  erörtert  und  führen  den 
Verfasser  unter  anderem  zu  dem  Ergebnisse,  dass  das  Kyff- 
häuser  Gebirge  ausgezeichnet  ist  durch  eine  grosse  Zahl 
seltener  Pflanzen  überhaupt,  dass  ferner  aber  auch  der 
Grad  der  floristischen  Verwandtschaft  mit  den  einzelnen 
Gebieten  ausserordentlich  verschieden  ist,  indem  sehr  viele 
Arten  dem  Westen  und  namentlich  Nordwesten  Deutsch- 
lands fehlen,  während  umgekehrt  keines  der  verglichenen 
Länder  eine  solche  Uebereinstimmung  zeigt  wie  das  süd- 
östlich gelegene  Böhmen.  —  Den  botanisirenden  Besuchern 
des  Kyffhäuser-Gebirges  bietet  das  Werk  manche  werth- 
volle  Anhaltspunkte,  um  so  mehr,  da  jetzt  unter  den  bota- 
nischen Disciplineu  diese  Richtung  etwas  vernachlässigt  wird. 
Halle  a.  S.  Hey  er. 


n.  Allgemeine  Literatur. 


Ule,    W.,    Die    Tiefenverhältnisse    der    Masurischen  Seen. 
Berlin,  A.  W.  Schade's  Biichdruckerei. 

Die  vorliegende  Habilitationsschrift  schliesst  sich  ihrer 
Absicht  nach  der  Arbeit  des  Verfahrens  über  die  Mans- 
felder  Seen  an;  er  versucht,  auf  Grund  orographischer 
und  geologischer  Forschungen  ein  Bild  zu  geben  über 
den  jetzigen  Bestand  und  die  Bildung  dieser  auch  land- 
schaftlieh schönen  Seen.     Er  schliesst: 

,,Die  grossen  orographischen  Züge  des  Landes  sind 
wahrscheinlich  durch  die  jüngstzeitlichen  tektonischen  Vor- 
gänge in  der  Erdkruste  hervorgebracht  worden;  unabhängig 
davon  haben  dann  die  von  N.  vordrängenden  Gletscher 
durch  Aufschüttung  und  Ausräumung  die  grossen  Boden- 
senken des  Landes  geschaffen,  allmählig  erweitert  und  ver- 
tieft; vorwiegend  aber  hat  die  erodirende  Kraft  der  Schmelz- 
wässer, welche  in  verhältnissmässig  geringen  Massen ,  doch 
während  langer  Zeit  in  häufig  wechselnden  Strombetten  zur 
Wirkung  kamen,  dem  Boden  die  jetzige  Gestalt  gegeben, 
wobei  die  liegengebliebenen  Eisschollen  und  das  wahr- 
scheinlich noch  in  dem  Gletscher  eingegrabene  Gesteins- 
material zur  Vervielfältigung  der  Oberflächenformen  bei- 
trug, und  ausserdem  auch  einige  durch  grössere  Neigung 
des  Bodens  entstehende  Wasserfälle  in  die  sonst  ebene 
Thalung  tiefere  Löcher  eingruben." 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


IT.  Allgemeine  Literatur.  75 

Die  ProjectioDskunst  für  Scliulen,  Familien  und 
öffentliche  Vorstellungen,  nebst  einer  Anleitung  zum 
Malen  auf  Glas  und  Beschreibung  optischer,  magnetischer, 
chemischer  und  electrischer  Versuche.  IX.  vermehrte 
Auflage  mit  119  Abbildungen,  Düsseldorf,  Ed.  Liesegang's 
Verlag  1889. 

Allen,  welche  sich  für  das  Projiciren  von  Bildern,  Ex- 
perimenten etc.  interessiren,  können  wir  vorliegendes  Bü- 
chelchen empfehlen;  dass  dasselbe  im  Publikum  Anklang 
gefunden  hat,  ergiebt  sich  von  selbst,  da  es  bereits  die 
neunte  Auflage  erlebt.  Der  Verfasser  bespricht  in  sach- 
gemässer  Weise  das  practische  Verfahren  in  verschiedenen 
Fällen,  ohne  sich  auf  irgend  welche  theoretische  Deductioneu 
einzulassen.  Er  ordnet  den  Stoff  in  folgende  Kapitel:  1. 
die  verschiedenen  Lichtquellen ,  2.  das  optische  System  des 
Apparates,  3.  Laternen  mit  Oelbeleuchtung,  4.  Sciopticon, 
5.  Kalklicht,  6.  Wasserstofibereitung  dazu,  7.  das  Kalk- 
licht im  Sciopticon,  8.  die  Projectionsbilder,  9.  Malen  von 
Glasbildern  mit  Wasserfarben,  10.  dasselbe  mit  Diaphan- 
farben,  11.  Experimente  physikalischer  und  chemischer 
Natur  im  Apparat  gezeigt,  12.  Ueber  den  dabei  gehaltenen 
Vortrag.  Einer  besonderen  Empfehlung  bedarf  das  zweck- 
mässig ausgestattete  Buch  nicht. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


Katzer,  Geologie  Böhmens.  2.  Abtheilung  (Bogen 
21 — 41).     Prag.     Verlag  von  Isidor  Taussig. 

Auf  die  erste  Abtheilung  dieser  verdienstvollen  Zu- 
sammenstellung der  Geologie  Böhmens  haben  wir  bereits 
hingewiesen  (diese  Zeitschrift  Bd.  62  S.  366).  In  dieser 
zweiten  Abtheilung  wird  noch  das  krjstallinische  Gebirge 
behandelt  und  zwar  zuerst  das  eigentliche  Erzgebirge;  er 
theilt  dieses  archaeiscbe  Schiefergebirge  in  folgende  Ab- 
theilungen ein:  1.  Granulit,  2.  Hauptgneiss,  3.  Glimmer- 
schiefergneiss  und  dichten  Gneiss,  4.  Muscovitgneiss,  5- 
Glimmerschi  3fer,  6.  Plattener,  Taubenfelser,  Goldenhöhler 
Hornblendeschiefer  und  Phyllit,  7.  Lauterbacher  Sericit- 
schieier,  8.  Dachschiefer  von  Kirchberg.     jSIach  Laube  ge- 


76  ^T.  Allgemeine  Literatur. 

hören  1  und  2  der  bojischen  Gueissformation  Gümbels,  3 
und  4  der  liercynischen  Gneissformation  an,  5.  gehört  der 
Glimmerschieferformation  und  die  übrigen  der  Pliyilitfor- 
mation  an.  Daran  schliesst  er  die  Betrachtung  ähnlicher 
Formationen  im  Lausitzer  und  leschkengebirge ,  im  Iser- 
gebirge.  Riesengebirge,  Adlergebirge,  Eisengebirge,  Saarer 
Gebirge  und  im  mittelböhmischen  Urschiefergebirge. 

Ueberall  folgt  in  den  einzelnen  Kapiteln,  auf  eine 
Schilderung  der  allgemeinen  orographischen  Verhältnisse, 
eine  genaue  Beschreibung  der  einzelnen  Formationsglieder, 
deren  Bestandmasseu  und  der  Erzführung;  daran  schliessen 
sich  Schilderung  von  z.  Th.  Originalprofilen  (mitteiböh- 
mischen  Urschiefergebirge)  und  Lagerungsverhältnissen ,  zu 
deren  Illustration  eine  grosse  Anzahl  von  Karten  und  Pro- 
filen reproducirt  werden. 

Die  Schilderung  des  mittelböhmischen  Urschiefergebirges 
stützt  sich  zum  grossen  Theil  auf  Forschungen,  welche 
der  Autor  hier  selbstständig  durchgeführt  hat  und  welche 
z.    Th.  hier    zum  ersten  Male  gegeben  werden. 

Das  anfangs  auf  40  Bogen   veranschlagte  Werk    dehnt 
sich    weiter    aus    und    wird  die  letzte  Abtheilung  im  Som- 
mer   dieses    Jahres     erscheinen.       Möchte    das     gutausge- 
stattete Werk    recht    bald  vollständig  vor  uns  liegen. 
Halle  a.  S.  Lue  decke. 


G.  Steinmann  und  L.  Doederlein,  Elemente  der 
Paleeontologie.  Mit  1030  Figuren  im  Text.  848  pp.  Leip- 
zig 1890.     Engelmann. 

Das  vorliegende  Y\''erk  sollte  eine  „kurze  Zusammen- 
fassung des  Wissenswerthen  aus  dem  Gesammtgebiete  der 
Versteinerungskuude"  geben,  etwa  wie  Credner's  vortreff- 
liche Elemente  der  Geologie.  Im  Laufe  des  Fortschreitens 
haben  die  Verfasser  jedoch  den  Plan  geändert:  sie  haben 
die  Phytopalaeontologie  ganz  bei  Seite  gelassen,  weil  un- 
terdessen zwei  Werke  erschienen  sind,  welche  dieses  Ge- 
biet behandeln  (Solms  -  Laubach,  Einleitung  in  die  Palaeo- 
phjlologie,  vergl.  diese  Zeitschrift  Bd.  60  S.  491,  und 
Schenk,  Phytopalaeontologie).  Trotzdem  umfasst  das  Werk 
53  Bogen,    obgleich    aus    der  ungeheuren  Masse    von  Stoff 


II.  Allgemeine  Literatur.  77 

nur  das  absolut  Nothwendigste  ausgewählt  worden  ist. 
Nach  einer  Einleitung,  in  welcher  die  Begrenzung  und 
die  Ziele  der  Palaeontologie  dargelegt  werden,  die  Un- 
vollständigkeit  der  Überlieferten  Reste  auseinandergesetzt, 
der  Erhaltungs-Zustand  der  thierischen  und  pflanzlichen 
Fossilien  besprochen ,  das  Alter  und  Vorkommen  geschildert 
wird,  und  endlich  synchronistische  Tabellen  gegeben  wer- 
den, geht  der  Verfasser  zur  Eintheilung  des  Stoffes  über. 
Er  theilt  den  Stoff  in  10  Kreise:  I.  Protozoa,  II.  Spongia, 
III.  Coelenterata,  IV.  Vermes,  V.  Echinodermata,  VI.  Mollus- 
coidea,  VII.  Mollusca,  VIII.  Arthropoda,  IX.  Tunieata, 
X.  Vertebrata. 

Bei  jedem  einzelnen  Kreise  wird  zuerst  eine  allge- 
meine Beschreibung  mit  guten  Abbildungen  gegeben,  die 
für  Beschreibung  der  einzelnen  Dinge  nothwendigen  Fach- 
ausdrücke erklärt  und  eine  Eintheilung  in  den  betreffenden 
Unterordnungen  gegeben.  Bei  letzteren  finden  wir  eine 
Aufzählung  der  vorhandenen  Literatur. 

Bei  den  Wirbellosen  ist  im  Allgemeinen  von  stammes- 
geschichllichen  Beziehungen  abgesehen,  nur  bei  den  Ce- 
phalopoden  ist  eine  solche  gegeben;  dagegen  ist  dieselbe 
bei  den  Wirbelthieren  in  den  Vordergrund  geschoben;  be- 
sonders in  Betracht  gezogen  sind  deswegen  auch  die  reich- 
haltigen amerikanischen  Forschungen  über  diesen  Gegenstand. 

Die  Beschreibungen  sind  durch  eine  grosse  Reihe  vor- 
züglicher von  K.  Scharfenberger  in  Strassburg  ausgeführter 
Holzschnitte  (z.  Th.  Originale)  erläutert. 

Umfasst  das  Buch  auch  nicht  die  gesammte  Palaeonto- 
logie, so  dürfte  es  wohl  gegenwärtig  dasjenige  von  den 
vorhandenen  Lehrbüchern  sein,  welches  sich  am  besten  zum 
Zwecke  des  Selbststudiums  eignet,  indem  es  die  rechte 
Mitte  hält  zwischen  dem  voluminösen  Zittel  und  dem  allzu 
kurzen  Haas;  allen  Studirenden  und  sonstigen  Freunden  der 
fossilen  Thierwelt  sei  das  vorzüglich  ausgestattete  Buch 
bestens  empfohlen. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


Potonie,  H.  D.     Die  systematische  Zugehörigkeit  der  ver- 
steinerten Hölzer  (vom  Typus  Araucarioxylon)  in  den  pa- 


78  II.  Allgemeine  Literatur. 

läolithischen  Formationen.     Mit  1  Tafel.    Separat-Abdruck 
aus  der  „Naturwissenschaftlichen  Wochenschrift".     Allge- 
meinverständliche   naturwissenschaftliche    Abhandlungen. 
Heft  7.     Berlin  1889.     Verlag  von  Hermann  Riem an n. 
Früher  glaubte  man,  erörtert  Verfasser,  dass  die  häufig 
als  Steinkerne    vorkommenden,   jetzt    als  Markkörper    von 
Cordaiten- Stämmen     erkannten     Artisien     ganzen     Stamm- 
stücken  entsprächen   und   hielt    demgemäss   ihre  die  Ober- 
fläche   charakterisirenden    und    in   Wirklichkeit    also    den 
Markdiaphragmen  entsprechenden  Querfurchen  für  die  An- 
heftungsstellen  von  Blättern.     Auch  die  Tylodendron-Petre- 
fakten    sind    nun  —  wie    Verfasser    an    verkieselten,    also 
mikroskopisch    untersuchten  Stücken    nachgewiesen    hat  — 
keineswegs,    wie  bisher  angenommen  wurde,    ganze,    resp. 
entrindete  Stammstücke,  sondern  ebenfalls  nur  Markkörper, 
die  jedoch  nach  allem,  wodurch  sie  sich  auszeichnen,   auf 
ihre  systematische  Zugehörigkeit   zu    den  Araukarien    also 
auf  echte  Koniferen  weisen. 

Verfasser  glaubt  nachgewiesen  zu  haben,  dass  uns  die 
bisherigen  Kenntnisse  bis  auf  weiteres  zu  der  Annahme 
nöthigen,  dass  die  Wälder  der  Schichten,  in  denen  Tjloden- 
dron  bis  jetzt  gefunden  worden  ist:  also  der  oberen  Stein- 
kohlenformation und  des  Perm,  in  der  That  von  Arau- 
karien-ähnlichen, quirlig  verzweigten  Koniferen  geschmückt 
wurden.  —  Nach  den  Ausführungen  des  Verfassers  hätten 
wir  die  beiden  Gymnospermen- Gattungen: 

1.  Cordaites. 

Holz=Araucaroxylon  v.  Typus  A.  Brandlingii  (-Cordaioxylon). 
]\Iark=Artisia. 

Belaubung=Blätter  von  Monocotylen-Typus,  für  welche  der 
Name  Cordaites  ursprünglich  allein  geschaffen  war. 

2.  Araucarites. 
Holz=:Araucarioxylon  vom  Typus  A.  Rhodeanus. 
]VIark=  (soweit  dasselbe  besonders  gross  ist  und  sich  erhal- 
ten zeigt)  Tylodendron. 

Belaubung=Walchia? 

Halle  a.  S.  Hey  er. 

H.  J.  Kolbe,  Einführung  in  d.  Kenutuiss  d.  Insekten. 
Berlin.    Ferd.  Dümmler's  Verlagsbuchhandlung. 


II.  Allgemeine  Literatur.  79 


Das  Buch  soll  nach  einander  berücksichtigen  :  die  Anlehnung 
an  die  übrige  Thierwelt,  die  Uebersicht  über  die  äussere  und 
innere  Beschaffenheit  des  Körpers,  die  Lebensverhältnisse, 
den  Einfluss  der  umgebenden  Natur,  die  Entwickelung,  die 
geographische  Verbreitung,  die  Lebensbedingungen  (wie  sind 
diese  von  den  Lebensverhältnissen  und  dem  Einfluss  der 
umgebenden  Natur  zu  trennen?),  Geistesleben,  Krankheiten, 
Nutzen  und  Schaden;  Uebersicht  über  die  Literatur,  prak- 
tische Winke  für  die  Bestimmung,  Aufbewahrung  der  Kerfe, 
für  die  Herstellung  von  anatomischen  Präparaten;  berech- 
net ist  es  auf  6—8  Lieferungen  a  1  Mk.  Die  beiden  ersten 
Lieferungen  setzen  mit  der  Zelllehre  ein;  es  folgt  Einthei- 
lung  der  Thiere ,  Eintheilung  der  Arthropoden.  Die  Beschrei- 
bung des  Körperbaues  beginnt  mit  der  Haut  und  beschäf- 
tigt sich  namentlich  mit  den  Schuppenbildungen  und  Secre- 
ten;  dann  wird  ausführlich  die  Färbung  besprochen,  Farb- 
stoffe, Einfluss  der  atmosphärischen  Feuchtigkeit,  der  Tem- 
peratur, des  Lichtes,  der  Nahrung;  Melanismus,  Albinismus, 
die  farbigen  Zeichnungen  etc.  Der  Verfasser  schwankt 
wohl  etwas  hin  und  her  betreffs  des  Grades  von  Populari- 
sirung,  mit  der  er  seine  Stoffe  behandeln  soll.  Das  ist  ja 
eine  schwierige  Frage.  Aber  man  braucht  doch  deshalb 
noch  nicht  Zellflüssigkeit  für  Protoplasma  mit  seiner  Gerüst- 
struktur zu  setzen,  wenn  man  nachher  z.B.  bei  den  Farb- 
stoffen alle  die  chemischen  Ausdrücke  anwendet,  die 
Krukenberg  eingeführt  hat.  Man  sollte  nicht  zu  ängstlich 
sein  darin,  Indess  wer  auch  mit  der  Art  der  Darstellung 
nicht  immer  ganz  einverstanden  sein  sollte,  wird  doch  die 
grosse  Solidität,  mit  der  alles  Neue  und  und  Interessante 
auf  dem  so  wichtigen  Gebiete  der  Färbung  zusammenge- 
bracht ist,  in  hohem  Masse  anerkennen  müssen.  Er  findet 
hier  eine  Summe  der  wichtigsten  Einzelbeobachtuugeu,  die  er 
sich  selber  nicht  leicht  aus  der  weit  zerstreuten  Literatur 
zusammenholen  könnte.  Und  zum  genaueren  Studium  ist 
die  Literatur  gewissenhaft  verzeichnet.  Die  Schätze  des 
Berliner  Museums  sind  herangezogen.  Namentlich  der 
ersten  Lieferung  sind  eine  Menge  von  Holzschnitten  mit- 
gegeben, manche  im  Lapidarstyl  gehalten, 

Gohlis- Leipzig.  Simroth. 


II.  Allgemeine  Literatur, 


Dr.  Robert  Wittmann,  Die  Bakterien  und  die  Art 
ihrer  Untersuchung.  Allgemein- verständl.  naturw.  Ab- 
handlungen.    Heft  6.     1  Mark. 

Dieser  Abdruck  aus  der  naturw.  Wochenschrift  (mit  8 
Holzschnitten)  ist  jedenfalls  ein  sehr  guter  Griff.  Das  erste 
Kapitel  giebt  eine  üebersicht  über  die  Formen  und  Lebens- 
bedingungen der  Bakterien,  Abiogenesis  und  einschlägige 
Fragen,  das  zweite  längere  behandelt  die  Untersuchungs- 
methoden, die  Züchtung  auf  verschiedenen  Nährböden ,  die 
Prüfung  von  Luft,  Wasser  und  Boden.  Die  einfachen 
klaren  Abbildungen  erleichtern  das  Verstau dniss  ungemein 
Es  könnte  kaum  ein  zeitgemässeres  Thema  gewählt  und 
klarer  behandelt  werden. 

Gohlis-Leipzig.  Simroth, 

Dr.  H.  G.  Francke,  Die  Kreuzotter.  Natur  ge- 
schieh teundFangderselben.  MitbesondererBe- 
rücksichtigung  der  Bisswunden-Behandlung,  ge- 
mein-verständlich dargestellt.  Dresden.  Hofverlag 
R.  von  Grumbkow. 

Trotz  der  früheren  Lenz'schen  Bemühungen  hat 
die  Kreuzotter  höchstens  in  Thüringen  abgenommen. 
Unglücksfälle  sind  noch  häufig  genug.  Die  Behörden 
haben  sich  neuerlich  verschiedentlich  veranlasst  ge- 
sehen, Fangprämien  zu  zahlen,  um  die  Vertilgung  des 
fürchterlichsten  Thieres,  das  wir  in  Deutschland  haben, 
möglichst  zu  befördern.  Diese  Bestrebungen  will  das  vor- 
liegende Werkchen  unterstützen.  Es  ist  dazu  vortrefflich 
geeignet.  Die  Darstellung  ist  klar  und  deutlich  und  wird 
durch  die  guten  Abbildungen,  namentlich  zwei  der  farbigen 
von  Lenz,  wesentlich  gefördert.  Neben  der  Ringelnatter 
hätte  wohl  auch  die  Haseluatter  einen  Holzschnitt  verdient, 
doch  sind  die  Beschreibungen  auch  hinreichend.  Möchten 
die  Kreise,  an  die  sich  das  Büchlein  wendet,  Gemeindebe- 
hörden, Lehrer  a.  s.  w.,  es  nicht  unbeachtet  lassen.  Wer 
irgendwie  der  Frage  praktisch  näher  treten  will,  findet 
gute  und  reiche  Belehrung. 

Gohlis-Leipzig.  Simroth. 


II.  Allgemeine  Literatur.  81 


Schumann,  K.  Dr.,  Kustos  am  Königl.  botanischen 
Museum  in  Berlin.  Die  Ameisenpflanzen.  Mit  einer  Tafel. 
Heft  83  der  Sammlung-  gemeinverständlicher  wissenschaft- 
licher Vorträge,  begründet  von  Rud.  Virchow  und  Fr. 
von  Holtzendorf,  herausgegeben  von  Rud.  Virchow, 
Hamburg.  Verlagsanstalt  und  Druckerei  A.-G.  (vormals  J. 
F.  Richter)  1889. 

Es  ist  schon  länger  bekannt,  dass  Ameisen  für  Bäume 
insofern  nützlich  sein  können,  dass  sie  diese  vor  Raupen 
schützen,  während  die  Bäume  von  den  Ameisen  fleissig 
besucht  oder  auch  bewohnt  werden.  Es  besteht  hier  also 
ein  Zusammenleben ,  welches  für  die  Existenz  beider  Theile 
vortheilhaft  ist.  Man  hat  aber  Pflanzen  entdeckt,  bei  wel- 
chen dieses  Zusammenleben  eine  hohe  Ausbildung  erlangt 
hat,  so  dass  man  bei  diesen  zu  der  Ansicht  gelangt  ist, 
sie  hätten  sich  den  sie  bewohnenden  Ameisen  angepasst. 

In  Mittelamerika  werden  die  hohlen  Stammglieder  der 
Cecropien  von  drei  verschiedenen  Ameisenarten  bewohnt, 
im  Süden  von  Brasilien  wird  in  den  Bäumen  nur  eine  ein- 
zige Art,  die  Azteca  instabilis  Sm.,  gefunden.  Kommt  man 
dem  Baume  mit  Vorsicht  nahe,  so  sieht  man  die  Thierchen 
auf  dem  Stamme  und  auf  den  Blättern  emsig  umherlaufen, 
eine  besonders  grosse  Zahl  macht  sich  aber  nicht  gerade 
auffällig  bemerkbar.  Ganz  anders  aber  wird  dag  Bild, 
wenn  der  Stamm  unsanft  berührt,  oder  gar  umgeschlagen 
wird.  Dann  stürzen  aus  allen  Oeffnungen  ungemessene 
Schaaren  in  grösster  Wuth  heraus  und  werfen  sich  auf  den 
Friedensstörer,  den  sie  höchst  empfindlich  durch  äusserst 
schmerzhafte  Bisse  zu  belästigen  wissen. 

Zur  Besiedelung  junger  Pflanzen  dringt  ein  trächtiges 
Weibchen  bis  zu  einer  bestimmten  Stelle  vor,  durchbeisst 
diese  und  dringt  dann  in  das  Innere  des  hohlen  Stamm- 
stückes ein,  wo  es  seine  Eier  ablegt.  Die  durchbissene 
Stelle  verwächst  wieder ,  d.  h.  es  bilden  sich  Wucherungen 
und  besonders  reichlich  nach  innen,  die  hier  blumenkohl- 
ähnliche Gestalt  annehmen  und  die  der  eingesperrten  Ge- 
fangenen hinreichend  Nahrung  bieten.  Nachdem  die 
Ameisen  ausgeschlüpft   und    herangewachsen    sind,    durch - 

Zeitsehritt  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  6 


32  II-  Allgemeine  Literatur, 

brechen  sie  diese  Stelle,  um  in's  Freie  zu  gelangen.  In 
einem  andern  Falle  hat  man  beobachtet,  dass  Ameisen  die 
von  ihnen  bewohnten  Bäume  vor  Insekten  schützen, 
welche  die  Blätter  zerstören  und  in  noch  einem  andern 
nimmt  man  an,  dass  die  bewohnte  Pflanze  sogar  Gebilde 
hervorbringt,  welche  den  Ameisen  als  Nahrung  dienen,  so 
dass  diese  auf  der  bewohnten  Pflanze  sesshaft  gemacht 
werden.  —  Das  Werkchen  behandelt  den  Gegenstand  in 
gemeinverständlicher  Weise. 

Halle  a.   S.  Hey  er. 

Kny,  L.,  Ueber  Laubfärbungen.  Mit  7  Holzschnitten. 
Sonderabdruck  aus  der  „Naturwissenschaftlichen  Wochen- 
schrift". Berlin  1889.  Verlag  von  Ferd.  Dümmler. 
In  dem  28  Seiten  starken  Werkchen  werden  die 
verschiedenen  Faktoren  besprochen,  welche  die  verschiedene 
Färbung  des  Laubes  veranlassen.  Das  Grün  des  in  den 
Blättern  vorhandenen  Chlorophylls  kann  eine  Abschwächung 
durch  die  Beschaffenheit  der  Epidermis  erleiden,  was 
z.  B.  bei  älteren  Blättern  vorkommt.  Es  kann  auch  ganz  ver- 
deckt werden,  wenn  sich  unter  der  Epidermis  Hohlräume 
befinden,  welche  das  Licht  spiegeln,  so  dass  diese  Stellen 
weiss  oder  anders  gefärbt  erscbeinen.  Andere  Färbungen 
werden  hervorgebracht  durch  das  Zurücktreten  oder  das 
Fehlen  des  Chlorophylls,  duch  Ueberdeckung  desselben  von 
einem  andern  Farbstoffe,  durch  Umwandlung  des  Chloro- 
phylls wie  bei  der  herbstlichen  Färbung  der  Blätter,  durch 
eigenthtimliche  Beschaffenheit  der  Blattoberfläche  oder  der  Epi- 
dermis, welche  verschiedene  Lichtwirkungen  hervorbringt, 
durch  Behaarung  etc.  —  Das  Werkchen  behandelt  den  Gegen- 
stand nach  den  verschiedenen  Eichtungen  hin  sehr  eingehend. 
Halle  a.  S.  Heyer. 

M.  Mo  hier,  Secretary,  Topeka  Kansas.  Report  of  the 
Kansas  State  Board  of  Agriculture,  for  the  quarter 
meeting  November  31.  1889.  Containing  population  and 
area  of  field  crops,  population  by  counties  ,  and  eitles, 
crops  and  live-stock  statistics.  Together  with  report  of  the 
State  sugar  inspector,  papers  on  miscellaneous  subjects, 
meteorological  Information,  etc.  Topeka  1890. 


II.  Allgemeine  Literatur. 


Ausser  den  verschiedeiien  statistischen  Mittheilungen 
über  die  Zunahme  der  Bevölkerung-  etc.  wird  über  die  Zu- 
nahme und  Weiterentwickelung  des  Ackerbaues  in  Kansas 
berichtet.  In  diesem  Staate  giebt  es  noch  ausgedehnte 
Ebenen,  welche  aber  theilweise  der  regenarmen  Zone  an- 
gehören, wo  der  Ackerbau  schwierig  ist.  Man  ist  aber 
trotzdem  bestrebt,  mit  der  Kultur  immer  weiter  nach 
Westen  vorzudringen.  Der  Bericht  enthält  ferner  einige 
wissenschaftliche  auf  Ackerbau  Bezug  habende  Abhand- 
lungen. So  über  Brandpilze  auf  Gerste  und  Hafer,  Ueber 
die  Zucker-Industrie.  Neben  der  Zuckermoorhirse  hat  man 
es  auch  mit  der  Zuckerrübe  versucht.  Zu  diesem  Zwecke 
hat  man  sich  einen  Zuckerrübentechniker  aus  Deutschland 
kommen  lassen,  der  auch  Samen  mitgebracht  hat  und  den 
Anbau  der  Rüben  leitet.  Eine  andere  Abhandlung  berichtet 
über  Mästungsversuche,  die  an  der  landwirthschaftlichen 
Akademie  in  Manhattan  mit  Schweinen  und  mit  verschie- 
denen Futtermitteln  angestellt  wurden.  Die  dazu  verwen- 
deten Thiere  wurden  später  geschlachtet  und  genau  nach 
ihrem  Fett-  und  Fleischansatze  etc.  untersucht.  Auch  die 
verschiedene  Festigkeit  der  Knochen  wurde  ermittelt.  Die 
Versuche  wurden  übrigens  ganz  zu  Ende  geführt,  denn  das 
Fleisch  der  verschiedenen  Versuchsthiere  wurde  auch  in 
verschiedener  Weise  zubereitet  probeweise  gegessen, 
Halle  a.  S,  Dr.  Hey  er. 

Ooppelsd  orfer,  Friedrich,  Prof,  Dr.,  Ueber  Capil- 
lar-Analyse  und  ihre  verschiedenen  Anwendungen  sowie 
über  das  Emporsteigen  der  Farbstoffe  in  den  Pflanzen, 
Separat -Abdruck  aus  den  Mittheilungen  der  Section  für 
chemische  Gewerbe  des  K.  K.  technischen  Gewerbe-Muse- 
ums.    Hierzu  von  demselben  Verfasser: 

Beilagen  zu  der  vorstehend  genannten  Arbeit:  Ueber 
Capillar-Analyse  etc.  Gewidmet  dem  Naturwissenschaft- 
lichen Vereine  zu  Müblhausen  i,  E.  Mühlhausen  i.  E. 
Verlag  von  Wenz  und  Peters.     1889. 

Der  Verfasser  hat  sich  schon  seit  dem  Jahre  1861  mit 
Capillaritäts-Erscheinungen  beschäftigt  und  hat  in  dieser 
Richtung  ausgedehnte  Untersuchungen    mit  Farbstoffen  an- 

6* 


84  II-  Allgemeine   Literatur 

gestellt.  Angeregt  wurde  er  durch  Schönbein's  Versuche, 
welche  gezeigt  hatten,  dass  mit  wenigen  Ausnahmen  das 
Wasser  den  in  ihm  gelösten  Substanzen  auf  capillarera 
Wege  mehr  oder  weniger  schnell  vorauseilt.  Ausserdem 
hatten  sie  bewiesen,  dass  die  verschiedeneu  in  Wasser  ge- 
lösten Körper  ein  ungleich  grosses  Wanderungsvermögeu 
in  porösen  Medien,  wie  z.  B.  in  ungeleimtem  Papier, 
besitzen. 

Verfasser    fing    nun   damit  an ,    Streifen    von    weissem 
schwedischem  Filtrirpapier  in  die  wässrigen,  alkoholischen, 
ätherischen    oder    sonstigen  Lösungen    der    Farbstoffe    und 
ihrer  Gemische,  bei  gewöhnlicher  Temperatur,  einige  Milli- 
meter   weit    hinein    zu    hängen.     Gleich  Anfangs    fiel    die 
grosse    Wanderungsfähigkeit    der  Pikrinsäure   auf,    welche 
überall  an  der  die    andern  Farbstoffe  überragenden  gelben 
Zone   zu  erkennen  war.      Taucht    man  einen  Filtrirpapier- 
streifen    in    eine    mit    einem  Curcumafarbstoffe    vermischte 
Pikrinsäurelösung,   so  steigt  jeder  Farbstoff  für  sich  in  die 
Höhe.     Es    entstehen    drei  Zonen,    eine  obere,    nur  Wasser 
enthaltende,    eine  mittlere,    welche    die  Pikrinsäure  enthält 
und  eine  dritte  untere  von  curcumagelbem  Aussehen.     Die 
beiden  Farbstoffe  sind  durch  diese  Capillarität  wirklich  ge- 
trennt,   denn    wenn    man    den  Streifen    in  verdünnte  Kali- 
lösung    taucht,     so     verschwindet     die    Pikrinsäureschicht, 
während   die  Curcumaschicht  gebräunt  wird.      Ganz  genau 
sind  die  Farbstoffe  hierbei  allerdings  nicht  getrennt,    denn 
wenn    man  die  unterste  curcumagelbe  Schicht  abschneidet,^ 
in  Alkohol    auflöst  und  dann  ein  neues  Papier  wie    vorher 
eintaucht,  so  entstehen  wieder  drei  Zonen,  oben  ist  Alkohol, 
unten  Cureumafarbstoff   und    in   der  Mitte  schwach  Pikrin- 
säure.     Aehnlich  verhält  es  sich  mit  anderen  Mischungen. 
Beim  Wiederauflösen    der  einzelneu  Zonen  und  beim  Wie- 
derholen   des  Capillarversuches    kann    man  schliesslich  die 
einzelnen  Farbstoffe  scharf  von  einander  trennen  und  dann 
auf  jeden  einzelnen  die  bekannten  physikalischen  und  che- 
mischen   Reactionen    anstellen.       Aus    diesem    Grunde    hat 
Verfasser  diesem  Verfahren  die  Bezeichnung    „Capillarana- 
lyse"  beigelegt. 


II.  AUg-emeine  Liter.-itur.  85 

Die  Yorricbtung-  zum  Eintaueben  der  Papierstreifen 
besteht  aus  einem  verstellbaren  Stativ,  an  welchem  ein 
Glasstab  horizontal  angebracht  ist.  An  diesen  werden  die 
Papierstreif'en  oben  mit  Klammern,  wie  sie  zum  Aufhängen 
der  Wäsche  gebraucht  werden,  befestigt,  während  ihr 
unteres  Ende  in  die  zu  analysirende  Flüssigkeit  taucht. 

Da  freie  Säuren  und  Basen  in  wässrigen  Lösungen 
ein  verschiedenes  Capillarverhalten  zeigen ,  so  können  die 
Capillarpapierstreifen  auch  bei  der  anorganischen  Analyse 
verwendet  werden.  Ausser  den  längst  bekannten  Erkenn- 
ungsmittelu  für  Säuren  und  Basen  können  auch  die  in 
neuerer  Zeit  aufgefundenen  Reagentien  benutzt  werden, 
indem  man  z.  B.  präparirte  Papierstreifen  verwendet. 

In  der  organischen  und  besonders  in  der  Farbenchemie 
kann  die  Capillaranalyse  ebenfalls  Anwendung  finden.  So 
geben  die  Lösungen  der  Alkaloide  und  ihrer  Salze  ziemlieh 
hoch  gelegene  Zonen.  Die  des  Strychnins  giebt  mit  con- 
centrirter  Schwefelsäure  und  etwas  Kalium  bichromat  eine 
prachtvoll  violettblaue,  die  des  Brucins  beim  Betupfen  eine 
schöne  rothe  Färbung  etc.  Ganz  besonders  eignet  sich 
aber  die  Capillaranalyse  für  die  Untersuchung  der  Farb- 
stoffe, für  die  Prüfung  derselben  auf  ihre  Reinheit  und  für 
die  Untersuchung  selbst  complicirter  Farbstoffgemische. 
Wie  gross  die  Empfindlichkeit  der  Capillaranalyse  ist,  geht 
aus  verschiedenen  Versuchen  hervor,  in  einem  Falle  wurde 
eine  Lösung  hergestellt,  welche  in  einem  Liter  nur 
0,000,04687  g  Diamantfuchsiu  enthielt.  Es  wurden  davon 
in  5  Trinkgläser  je  40  cm'^  gefüllt  und  in  diese  Streifen 
von  Filtrirpapier,  Baumwollenzeug,  Leinenzeug,  Wollzeug 
und  Seidenzeug  einige  Millimeter  tief  eingetaucht.  Das 
Aufsteigen  des  Farbstoffes  in  diesen  Stoffen  ergab  Zonen 
in  der  Höhe  von  4,5  cm  beim  Papier,  im  Seidenstreifen 
von  5,7;  im  Leinenstreifen  von  3,8;  im  Wollstreifen  von 
3,5  cm  hohe,  während  im  Baumwollenzeuge  nur  ein  schwach 
rosenrother,  ungefähr  ebenso  hoher  Schein  zu  bemerken 
war.  Andere  Versuche  mit  noch  verdünnteren  Lösungen 
gaben  ähnliche  Resultate. 

Die  Capillaranalyse  konnte  auch  in  der  hygienischen, 
der  sanitätspolizeilichen    und   der  gerichtlichen  Chemie  an- 


86  n.   Allgemeine  Literatur. 

gewendet  werden.  So  wurden  z.  B.  bei  Bier  und  Wein 
Fälschungen  nachgewiesen.  In  der  pathologischen  Chemie 
wurde  die  Capillaranalyse  ebenfalls  angewendet.  So  bei 
der  Untersuchung  der  Galle  und  des  Harnes. 

Schliesslich  wird  dem  Vorkommen  von  Farbstoffen  in 
Pflanzen  eine  grosse  Aufmerksamkeit  zugewendet.  Durch 
die  Capillaranalyse  ist  es  möglich,  die  in  den  Pflanzen  vor- 
kommenden einzelnen  Farbstoffe  zu  isoliren.  Aus  den  be- 
treffenden zerkleinerten  Pflanzentheilen  werden  die  Farb- 
stoffe mit  passenden  Lösungen  ausgezogen  und  dann  mit 
Papierstreifen  aualysirt.  In  einem  weiteren  Abschnitte 
werden  Ergebnisse  aus  den  Untersuchungen  über  das  Em- 
porsteigen von  Farbstoffen  in  den  Pflanzen  mitgetheilt 
Dieselben  haben  ergeben,  dass  die  geprüften  Farbstoffe 
sich  hinsichtlich  ihres  Emporsteigens  in  den  Pflanzen  sehr, 
verschieden  verhalten. 

In  den  „Beilagen"  sind  die  Ergebnisse  aus  den  Ca- 
pillaranalysen  von  67  Pflauzenarteu  mitgetheilt.  Die  Un- 
tersuchung nach  dem  Vorkommen  von  Farbstoffen  erstreckte 
sich  auf  Wurzel,  Stengel,  Blätter,  Knospen  und  Blüthen 
Dann  folgen  Mittheilungen  über  das  Vorkommen  von  Farb- 
stoffen in  den  Wurzeln  von  24  verschiedenen  Pfianzenarten. 
Schliesslich  folgt  die  Aufzählung  der  Farbenveränderungen, 
welche  die  alkoholischen  Auszüge  der  verschiedenartigsten 
Organe  von  220  Pflanze uarten  durch  Zusatz  von  Ammoniak, 
Aetzkalilösung,  Salzsäure  und  Schwefelsäure  erlitten.  Den 
Schluss  bilden  Untersuchungsergebnisse  über  die  Steighöhe 
von  Farbstoffen  in  Baumwolle,  Seide,  etc.  — -  Auf  die  zahl- 
reichen Untersuchungen  näher  einzugehen,  würde  hier  zu 
weit  führen;  es  muss  deshalb  auf  das  Original  ver- 
wiesen werden. 

Halle  a.  S.  . .  Heyer. 

Loew,  E.  Prof.  Dr.,  Anleitung  zu  blüthenbiologischen 
Beobachtungen.  Separat-Abdruck  aus  der  „Naturwissen- 
schaftlichen Wochenschrift".  Allgemein  verständliche  natur- 
wissenschaftliche Abhandlungen.  Heft  4.  Berlin  1889. 
Verlag  von  Hermann  Riemann. 

Ueber  die  mannigfaltigen  Beziehungen  der  Insekten  zu 
den    Blumen    sind    von    verschiedenen   Forschern,    wie  H. 


II.  Allgemeine  Literatur.  g7 

Müller,  Darwin,  Sprengel,  Hildebrand  n.  a.  einge- 
hende Untersuchungen  angestellt  worden.  Es  muss  dabei 
vielerlei  Beachtung  finden.  Manche  Insektenarten  vermitteln 
die  Befruchtung  der  Pflanzen,  indem  sie  den  Blüthenstaub 
von  einer  auf  die  andere  tibertragen;  bei  andern  Insekten- 
arten ist  dies  nicht  der  Fall.  Wenn  man  derartige  Be- 
ziehungen für  eine  Pflanzenart  ermitteln  will,  so  müssen 
deren  Blüthen  zunächst  studirt  werden;  ihre  Form  und  die 
ihrer  einzelnen  Theile  etc.  Dann  werden  die  verschiedenen 
Insektenarten  beobachtet,  welche  die  Blumen  besuchen. 
Wesentlich  sind  ferner  die  Form  und  die  Grösse  der  Or- 
gane der  Besucher  u.  s.  w.  Das  vorliegende  Heft  erläu- 
tert in  dieser  Beziehung  alle  wesentlichen  Momente,  so  dass 
es  bei  der  Anstellung  von  blüthenbiologischen  Beobach- 
tungen als  Leitfaden  dienen  kann. 

Halle  a.  S.  Dr.  Hey  er. 

Lehrbuch  für    den   Unterricht  in    der    Botanik   für  Gym- 
nasien, Realgymnasien  und  andere  höhere  Lehranstalten 
bearbeitet  von  Dr.   M.  Krass,  Kgl.  Seminardirector  und 
Dr.  Landois,  Prof.  d.  Zoologie.     Zweite  verbesserte  Auf- 
lage.    Freiburg  im  Breisgau  1890.     Herdersche    Verlags- 
buchhandlung. 
Vorliegendes  Werk    stimmt    in    seiner  Anlage    überein 
mit    einem  Werke    derselben  Verfasser:    Das  Pflanzenreich 
in  Wort  und  Bild  für  den  Schulunterricht.     Da  ich  letzteres 
in  Band  XI  unserer  Zeitschrift  pag.  470  näher  besprochen 
habe,  genügt  es,  die  wichtigsten  Punkte  zu  erwähnen.     Die 
Systematik    steht    im  Vordergrunde    und    nimmt    mit   einer 
sehr    ausführlichen  und  instructiven  Beschreibung    und  mit 
zahlreichen     analytischen     Zeichnungen     der     wichtigsten 
Pflanzen  aus  den  einzelnen  Familien  den  grössten  Theil  des 
Buches    ein.       Technische    und    biologische    Bemerkungen 
tragen    zur  Lebendigkeit    der  Darstellung  bei.    Die  anato- 
mischen und  physiologischen  Thatsachen  sind  allerdings  et- 
was   willkürlich    in    die  Beschreibung   bestimmter  Pflanzen 
eingefügt.     Dem    systematischen  Theil    folgen    eine  Anzahl 
kleinerer  Kapitel,  von  denen  eine  kurze  Pflanzengeographie, 
eine  Geschichte  der  Botanik  und  Bestimmungstabellen  nach 
dem  Linne'schen  System  besonders  hervorgehoben  sein  mögen. 

Schober. 


Neil  erschienene  Werte. 


Allgemeines. 
Mathematik,  Meteorologie,  Physik  etc. 

Bail,  Rbt.  S.  Theoretische  Mechanik  starrer  Systeme. 
Herausgegeben  von  H.  Gravelius.  Mit  2  Tafeln.  Berlin 
1889.     G.  Reimer. 

Bischof,  Ign.  Ueber  das  Geöid.  Mit  1  Fig.-Taf. 
München  1889.     Kaiser. 

Buchheister,     lieber  das  Bergsteigen.     Ebd. 

Bühier.  2  Materien  mit  3  Fundamental  -  Gesetzen, 
Stuttgart,  Kohlhammer. 

Cayley,  A.  Collected  mathematieal  Papers.  Vol. 
I  and  IL     40.    London  1889  u.  1890. 

Dirichlets,  G.  Lej.,  Werke.  Herausgegeben  auf  Ver- 
anlassung der  königl.  preussischen  Akademie  der  Wissen- 
schaften von  L.  Kronecker  (2  Bde.).  L  Bd.  Mit  Bildn.  in 
Photogr.     Berlin   1889  G.  Reimer. 

Dreyer- Berlin,  R.  v.  Mayer  über  die  Erhaltung  der 
Energie  1889.     Berlin,  Gebr.  Paetel. 

Ferrel,  W.  Ä.  Populär  Treatise  on  the  Winds.  Lon- 
don 1889. 

Fritz,  Km.  Die  wichtigsten  periodischen  Er- 
scheinungen der  Meteorologie  und  Kosmologie.  (Aus: 
,, Internationale  wissenschaftliche  Bibliothek.")  Mit  10  Ab- 
bildungen   u.  1  Tafel.     8*^.     Leipzig  1889,  Brockhaus. 

Gore,  J.  E.  The  Scenery  of  the  Heavens.  8^. 
312  pp.     London  1890. 

Grützmacher.  Vorsteher  der  Wetterwarte  der  Magde- 
burgischeu  Zeitung.  Ueber  die  mittlere  Jahres-Temperatur 
von  M.  und  die  Unveränderlichkeit  der  mittleren  Temperatur 
der    Erdoberfläche    im  Allgemeinen,    während    der    letzten 


Neu  erschienene  Werke.  89 


2    Jahrtausende,    Jahresbericht    und     Abhandlungen     des 
naturw.  Vereins  in  Magdeburg.     1887. 

Guiliemin.  A.  Le  Magnetisme  et  l'electricite. 
I.  Phenomeues  magnetiques  et  electriques.  VIII ,  272  pp. 
180.     Paris  1889. 

*v.  Helmholtz.  Handbuch  der  physiolog.  Optik.  L.  Vos, 
Leipzig. 

*Helmholtz,  R.  v.  Licht  und  Wärme -Strahlung  ver- 
brennender Gase.  Gekrönte  Preisschrift.  Berlin.  Leopold 
Simion  1890. 

Hertzer.  Die  Bewölkung  des  Brockens  als  Grundlage 
einer  Witterungskunde  1853 — 1882  von  Prof.  Hertzer  in 
Wernigerode,  Schriften  des  naturw.  Vereins  des  Harzes  in 
W.    IV.  1889.     1. 

Hochheim,  Prof.  Dr.  Kealgymnasiallehrer  in  Branden- 
burg.   Die  geometrische  Reihe  zweiter  Ordnung.   II  Th.    Ebd. 

Hopkins,  G.  M.  Experimental  Science,  elementary, 
practical  and  experimental  Physics.  Illustrated.  8^. 
London  1889. 

Julius,  Dr.  N.  Licht-  und  Wärmestrahlung  verbrannter 
Gase.    Gekrönte  Preisschrift.    Berlin  1890.    Leopold  Simion. 

Klimpert,  Reh.  Lehrbuch  ,der  allgemeinen  Physik 
(die  Grundbegriffe  und  Grundsätze  der  Physik).  8«.  Stutt- 
gart 1889.     aiaier. 

Königsberger,  L.  Lehrbuch  der  Theorie  der  Diffe- 
rentialgleichungen mit  1  unabhängigen  Variabein.  S^. 
Leipzig  1889.     Teubner. 

*  Lasswitz,  K.  Geschichte  der  Atomistik  vom  Mittel- 
alter bis  Newton.  I.  Bd.  und  IL  Die  Erneuerung  der  Korpus- 
kulartheorie.    8'^.     Hamburg  1890.     Voss. 

Longridge,  J.  Ä.    Internal  Ballistics.     London  1889.     8" 
*v.  Miller  Hauenfels.     Richtigstellung  der  mechanischen 
Wärmetheorie.      Wien.    Manz'sche  Hof-    und    Universitäts- 
Verlagsbuchhandlung. 

*  Ostwald,  W.  Klassiker  der  exaeten  Wissenschaften. 
No.  2 — 6.     Leipzig,  W.  Engelmaun. 


*)  Die  besternten  Werke  wurden  der  Redaktion  eingeliefert. 


90  ^eu  erschienene  Werke. 

*  Pahde,  A.  Ed.  Vogel,  der  Afrikaforscher.  Hamburg, 
Verlagsanstait  (vormals  Richter.) 

Picatoste,  F.  Elementos  de  historia  natural.  4°. 
301  pp.    Madrid  1889. 

Pritchard,  C.  Occasioual  Toughts  of  an  Astronomer 
in  Nature  and  Revelation.     8^.     266  pp.     London  1889. 

*Die  Projectionskunst.  Düsseldorf,  Liesgang's  Verlag. 
Publicationen  des  astrophysikalischen  Observa- 
toriums zu  Potsdam.  Nr.  24,  VI.  Bds.  4.  Stück.  Pots- 
dam, 1889.     40.     140  pp.     Leipzig,  Engelmann. 

*  Rosenberger,  Geschichte  der  Physik  IIL  Braunschweig, 
Vieweg  und  Sohn  1890. 

*  Sasse.  Erhaltung  der  Empfindungslunge.  Berlin. 
E.  Grosser. 

*  Schlegel.  Ueber  die  4.  dimensionalen  Raum.  Berlin, 
Riemann. 

Schräm ,  Rbt.  Reductioustafeln  für  den  Oppolzer- 
schen  Finsterniss-Canon  zum  Uebergang  auf  die  Ginzel- 
schen  emipirischen  Correctionen.  (Aus:  „Denkschriften 
der  königl.  Akademie  der  Wissenschaften.)  4^.  72  pp. 
Wien    1889.     Tempsky. 

Shuler,  N.  S.  Aspects  of  the  Earth.  8«.  With  Illustr. 
New-York  1889. 

*  Schubert.  Das  Rechnen  an  den  Fingern  und  Maschinen. 
Berlin,  Riemann. 

*  Thomson.  Anwendung  der  Dynamik  auf  Physik  und 
Chemie.     Leipzig,  Verlag  von  G.  Engel. 

*Vogt.  Die  Geistesthätigkeit  des  Menschen.  Leipzig, 
Schmidt. 

^Vogt,     Entstehen  und  Vergehen  der  Welt  ebenda. 

*  Weber,  H.  Electrodynamik.  Braunschweig,  Vieweg 
und  Sohn  1890. 

Weiler,  A.  Neue  Behandlung  der  Parailelprojectionen 
und  der  Axonometrie.  VIl,  210  pp.  Mit  109  Fig.  8». 
Leipzig   1889,   Teubner. 

Weyrauch,  Jac.  1.  Der  Entdecker  des  Princips  von  der 
Erhaltung  der  Energie.  8».  75  pp.  Stuttgart  1890.  Witt- 
wer's  Verl. 


Neu  erschienene  Werke  91 

Yalk,  Fr.  Lectures  on  the  Errors  of  Refraction 
and  their  Correction  with  Glasses.  With  lUustr.  8°. 
London  1889. 

Chemie. 

*  Arnold.  Repetitorium  der  Chemie.  Hamburg,  Leo- 
pold Voss. 

Beckmann,  W.  Experimentelle  Untersuchungen  über 
den  Finfluss  des  kohlensauren  und  citronensauren  Natron 
auf  die  Ausscheidung  der  Alkalien.      Dorpat  1889,  Karow. 

*  Klein,  J.  Elemente  der  forensisch-chemischen  Analyse. 
Hamburg,  L.  Voss  Verlag. 

*  Robert.  Historische  pharmakalogische  Studien.  Halle-S., 
Tausch  u.  Grosse. 

*  Koller,  Th.  Präparatenkunde.  Handbuch  zur  Dar- 
stellung der  chemischen  Körper.     Wien,  Hartleben's  Verlag. 

*IVlontada.  Katechismus  der  Desinfection.  Berlin, 
Heuser's  Verlag. 

*Roscoe  u.  Schorlemmer.  Ausführliches  Lehrbuch  der 
Chemie.  IL  Bd.,  2.  verm.  Aufl.  2.  Abthlg.  d.  2.  Bds. 
Braunschweig,  Vieweg  u.  Sohn. 

*  Schorlemmer,  C.  Lehrbuch  der  Kohlenstoffverbindungen. 
3.  Aufl.,  n.  Hälfte  H.  Abth.     Ebd. 

*  Steffen,  W.  Lehrbuch  der  reinen  und  technischen 
Chemie.  Anorganische  Experimental-Chemie.  L  Bd.:  Die 
Metalloide.  8«.  XVI,  816  pp.  Mit  vielen  in  den  Text 
gedr.  Fig.     Stuttgart,  1889.     Maier. 


Mineralogie  etc. 

*Comes,  H.  Die  Laven  des  Vesuv.  Hamburg,  Verlags- 
Anstalt  (ehem.  Richter). 

Holzapfel,  E.  Die  Mollusken  der  Aachener  Kreide. 
IL  Abth.:  Lamellibraucbiata.  (Aus:  „Palaeontographica.") 
40.  130  pp.  Mit  22  Taf.  u.  22  Bl.  Erklärungen.  Stuttgart, 
1889.     Schweizerbart. 

Austaut,  Jul.  L.  Les  Parnassiens  de  la  faune  palearc- 
tique.     Mit  32  färb.  Taf.     Leipzig,  1889.     Heyne. 


92  ^eii  erschienene  Werke. 

Rossmässler,  E.  A.  Iconographie  der  Land-  und 
Süsswasser-Mollusken  mit  vorzüglicher  Berücksicbtigung  der 
europäischen,  noch  nicht  abgebildeten  Arten.  Fortgesetzt 
von  W.  Kobelt.  Neue  Folge.  IV.  Bd.  3.  u.  4.  Lfg. 
Schwarze  Ausgabe.  Mit  10  Steintafeln.  8».  p.  41  —  80. 
Wiesbaden,  1889.     Kreidel. 

Rodler,  Alfr.  Ueber  Urmiatherium  Polaki,  einen 
neuen  Sivatheriiden  aus  dem  Knochenfelde  von  Maragha. 
(Aus:  „Denkschriften  der  königl,  Akademie  der  Wissen- 
schaften.") 40.  8  pp.  Mit  4  Tafeln.  Wien,  1889. 
Tempsky. 

de  Saporta.  Dernieres  adjonctions  ä  la  flore  fossile 
d'Aix  en  Provence.     8«^.     LX,  182  pp.     Paris,  1889. 

de  Stefan! ,  C.  Le  pieghe  delle  Alpi  Apuane.  8^ 
114  pp.     Con  3  tav.    Firenze,  1890. 

*S{apff.  Das  glaciale  Dwykaconglomerat.  Berlin, 
Riemann. 

*  Steinmann  und  Doederlein.  Elemente  d.  Palaeontologie. 
Leipzig,   W.  Engelmanu. 

Velenovsky,  Jos.  Die  Farne  der  böhmischen  Kreide- 
formation. (Aus:  „Abhandlungen  der  königl.  böhmischen 
Gesellschaft  der  Wissenschaften.")  32  pp.  Mit  1  Textfig. 
u.  6  Taf.    4".     Prag,  1889.     Calve. 

de  Zigno,  A.  Cheloni  scoperti  nei  terreni  cenozoici 
delle  prealpi  venete.  4°.  12  pp.    Con  2  tav.     Venezia,  1889. 


Zoologie. 

Bibliotheca  zoologlca  II.  Verzeichniss  der  Schriften 
über  Zoologie,  welche  in  den  periodischen  Werken  ent- 
halten und  vom  Jahre  1861 — 1880  selbständig  erschienen 
sind.  Bearbeitet  von  0.  Taschenberg.  7.  Lfg.  Leipzig, 
1888.     Engelmann. 

Board,  J.  B.  Morphological  studies.  Vol.  I  (Aus 
Quaterly  Journal  of  mikroscopical  Science  und  ,, Zoologische 
Jahrbücher."     Mit  13  Taf.     Jena,  1889.     Fischer. 


Neu  erschienene  Werke.  93 

Berlese,  A.  Acari,  myriapoda  et  scorpiones  liiijusque 
in  Italia  reperta.     Fac.  54—56.     Padowa  1890. 

Bramson  K.  L.  Die  Tagfalter  (Rhopalocera)  Europa's 
und  des  Kaukasus.  (Kiew,  1889.)  Mit  1  Taf.  Berlin, 
Friedländer  und  Sohn. 

Brauer,   F.  und  J.     Edler  v.   Bergenstam.      Die  Zweiflügler 
des  kaiserl.  Museums  in  Wien. 

Browe,  M.  The  vertebrate  Animals  of  Leicestershire 
and  Ratland.     With  4  Plates  and  1  Map.     Leicester,  1890. 

Boettger,  Osk.  Die  Entwickelung  der  Piipa-Arten  des 
Mittelrheingebietes  in  Zeit  und  Raum.  (Aus  „Jahrbücher 
des  nassauischen  Vereins  für  Naturkunde.")  Mit  2  Taf. 
Wiesbaden,  1889.     Bergmann. 

Day,  F.  Fishes.  Vol.  I  and  IL  With  164  and  177 
Woodcuts.    80.    London,  1890. 

Graber,  V.  Vergleichende  Studien  über  die  Embryologie 
der  Insekten  und  insbesondere  der  Museiden.  (Aus:  „Denk- 
schriften der  königl.  Akademie  der  Wissenschaften.")  4°. 
58  pp.  Mit  10  color.  Tafeln  und  12  Textfig.  Wien,  1889. 
Tempsky. 

d'Hamonville.  La  Vie  des  oiseaux.  Avec  18  planches. 
IS».     399  pp.     Paris,    1890. 

*  Hayek,  G.  v.  Handbuch  d.  Zoologie.  IV.  Bd.  1  Abth. 
Wien,  Gerold  &  Sohn. 

*IVlaack,  Z.  Einführung  in  das  Studium  des  Hypnotis- 
mus  u.  thier.  Magnetismus.     Berlin,  Heuser's  Verlag. 

Nehrung ,  H.  Die  nord  -  amerikanische  Vogelwelt. 
Unter  künstlerischer  Mitwirkung  von  Rbt.  Ridgway,  A. 
Goering  und  Gst  Mützel.  1. — 3.  Heft  Leipzig,  1889. 
40.     144  pp.     Mit  9  färb.  Taf     Brockhaus. 

Gates,  E.  W.     Birds.     Vol.  L     8».     London  1890. 

Saunders,  H.  An  illustrated  Manual  of  British  Birds. 
8».     786  pp.     With  lUustr.     London  1889. 

Trimen,  R.  and  I.  H.  Bowker.  South  African  Butter- 
flies.    3  vols.     80.     London,  1889. 

*Vogt.  Das  Empfindungsprincip  ^und  die  Entstehung 
des  Lebens.     I  u.  II.     Leipzig,  0.  Gottwald. 


94  ^eu  erschienene  Werke. 

Botanik. 

Beck  V.  Mannagetta,  G.  Flora  von  Südbosnien  und  der 
angrenzenden  Hercegovina.  IL — IV.  Theil.  (Aus  „Annalen 
des  k.  k.  naturhistorischen  Hofmuseums.")  Wien,  1890. 
Holder. 

Forcke,  H.  Nachträge  zu  Sporleders  Verzeichniss  der 
in  der  Grafschaft  Wernigerode  und  nächster  Umgebung 
wildwachsenden  Phanerogamen  und  Gefäss-Kryptogameu, 
Schriften  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  des  Harzes. 
1889.     IV.     46. 

Frank,  B.  und  A.  Tschirch.  Wandtafeln  für  den 
Unterricht  in  der  Pflanzenphysiologie  an  landwirthschaft- 
lichen  und  verwandten  Lehranstalten.  I.  Abth.  8^.  11  pp. 
10  Farbeudr.-Taf  in  Fol.  mit  Text.    Berlin,  1889.     Parey. 

Hintz,  Reh.  Ueber  den  mechanischen  Bau  des 
Blattrandes  mit  Berücksichtigung  einiger  Anpassungs- 
erscheinungen zur  Verminderung  der  localeu  Verdunstung. 
(Aus:  „Nova  Acta  der  kaiserl.  Leop.-Carol.  deutschen 
Akademie  der  Naturforscher.")  Halle,  1889.  4«.  124  pp. 
Mit  3  Taf     Leipzig,  Engelmann. 

*IVIayr.  Die  Waldungen  von  Nord-America,  ihre  Holz- 
arten etc.     Rieger'sche  Universitäts-Buchhandlung,  München. 

Schübeier,  F.  C.  Viridarium  Norvegicum.  Norges 
Vsextrige.     III.  Bd.     Christiania,  1889.  4».  679  pp.  S.  1888. 

*Schumann.  Die  Ameisenpflanzen  mit  1  Tafel.  Ham- 
burg, Verlagsanstalt,  vorm.  Richter. 

Wagner,  Hm.  Flora  des  unteren  Lahnthals,  mit 
besonderer  Berücksichtigung  der  näheren  Umgebung  von 
Ems.  Zugleich  mit  einer  Anleitung  zum  Bestimmen  der 
darin  beschriebenen  Gattungen  und  Arten.  2  Tle.  8**. 
vm,  42  u.  VIII,  191  pp.     Mit  11  Taf.     Ems,  1889,  Sommer- 


Verlag  von  C.  E.  M.  Pfeffer  (R.  Stricker)  in  Halle-Saale. 

Aretaeus,  Des  Kappadocier,  auf  uns  gekommene  Schriften.  Aus  dem 
Griechischen  übersetzt  von  Prof.  Dr.  Mann.  Ji  4. — 

Bischof,  F.,  Bergrath,  Die  Steinsalzwerke  bei  Stassfurt.  2.  umge- 
arbeitete Auflage.     Mit  Abbildungen  und  1  Karte.  Jl  3.60 

Dreher,  Dr.  Eugen,  Der  Darwinismus  und  seine  Consequenzen  in 
wissenschaftlicher  und  sozialer  Beziehung.  Ji  2.25 

.  —  Beiträge  zu  unserer  modernen  Atom-  und  Molekular -Theorie 
auf  kritischer  Grundlage.  1.  Die  philosophische  Grundlage  der 
Chemie.  2.  Die  Spektralanalyse.  3.  Die  Ursache  der  Phosphor- 
escenz  der  „leuchtenden  Materie"  nebst  Erörterung  der  drei 
Spektren  im  Lichte.  (Das  eigentliche  Lichtspektrum,  das 
Wärmespektrum  und  das  chemische  Spektrum).  Ji  2.25 

—  Beiträge  zu  einer  exakten  Psycho -Physiologie.  1.  Ueber  das 
Wesen  der  Sinneswahrnehmungen.  2.  Die  vierte  Dimension 
des  Raumes.  3.  Nervenfunktion  und  psychische  Thätigkeit. 
4.  Studien  am  „Lebensrad"  behufs  eines  richtigen  Verständ- 
nisses der  Sinneswahrnehmungen.  5.  Beiträge  zur  Theorie  der 
Farbenwahrnehmung.  Ji  2. — 

—  Ueber  den  Zusammenhang  der  Naturkräfte.  Ji  1.20 

Drossbach,  M.,  Ueber  Kraft  und  Bewegung  im  Hinblick  auf  die  Licht- 
wellenlehre und  die  mechanische  Wärmetheorie.  Ji  2.40 

—  Ueber  die  scheinbaren  und  die  wirklichen  Ursachen  des  Ge- 
schehens in  der  Welt.  Ji  1,80 

Durdik,  J.,  Leibnitz  und  Newton.  Ein  Versuch  über  die  Ursachen  der 
Welt  auf  Grundlage  der  positiven  Ergebnisse  der  Philosophie 
und   der  Naturforschung.  Ji  1. — 

Giebeihausen,  San.-R.  Dr.,  Der  Berggeist.  Ernste  und  heitere  MittheiL 
ungen  aus  Manfelds  Vor-  und  Neuzeit  in  Volksmundart.     120  S. 

Ji  1,50 

—  Die  Trichinen-Gefahr.     Ein  frisches,  ehrliches  Wort  in  altmansf. 

Weise.    8  S.  Ji  —10 

—  Eine  mansfeldsche  Stimme.  Ji  — ,10 

Girard,  Prof.  Dr.,  Geologische  Wanderungen.  I.  Wallis,  Vivarais, 
Velay.     2.  Auflage.    Nebst  Karten,  Profilen  und  Ansichten. 

Ji  3.— 

Grouven,  Dr.,  Meteorologische  Beobachtungen  nebst  Beobachtungen 
über  die  freiwillige  Wasserverdunstung  und  über  die  Wärme 
des  Bodens  in  verschiedenen  Tiefen,  angestellt  im  Jahre  1863 
zu  Salzmünde  auf  der  Versuchs -Station  des  landwirthschaftl. 
Central- Vereins  der  Provinz  Sachsen.    Mit  4  Tafeln.     Ji  1. — 

Köhler,  Prof.  Dr.,  Die  lokale  Anaesthesirung  durch  Saponin.  Experi- 
mental.-pharmakolog.  Studien.     Mit  2  Tafeln  (in  qu.  u.  gr.  fol.) 

.//  3.75 

—  Chemische  Untersuchung  über  die  fälschlich  Hirnfette  genannten 
Substanzen  und  ihre  Zersetzungsproducte.     Mit  Abbildungen. 

.//  2.40 

—  Ueber  Werth  und  Bedeutung  des  sauerstoffhaltigen  Terpentin- 
öls für  die  Therapie  der  acuten  Phosphorvergiftung.  Nach 
klin.  Beobacht.  und  physiolog.-chem.  Experimenten.         Ji  1.60 


Verlag  von  C.  E.  IV!.  Pfeffer  (R.  Stricker)  in  Halle-Saale. 

Liederbuch  für  Berg-  und  Hüttenleute.  Herausgegeben  voai  Berg-  und 
Hüttenmännischen  Verein  za  Berlin.    5.  Auflage,    cart.  Ji  1.20 

Luftblasen.  Von  Veratrinus  Leuchtkäfer,  der  Arzneigelahrtheit  Doctor. 
(Geh.  Rath  Dr.  Flemming.)  1.  Naturwissenschaft  vor  dem 
Richterstuhle  der  Ethik.  2.  Ideen  zur  Diagnostik  der  Charla- 
tanerie  und  Kryptiatrik.    3.  Homöopathische  Studien.     Ji  1.50 

Ochsenius,  Bergingenieur  C,  Die  Bildung  der  Steinsalzlager  und  ihrer 
Mutterlaugensalze  unter  specieller  Berücksichtigung  der  Flötze 
von  Douglashall  in  der  Egeln'schen  Mulde.  Mit  Abbildungen 
und  Karten.  Ji  6. — 

Pressense,  Edm.,  Die  Ursprünge.  Zur  Geschichte  und  Lösung  des 
Problems  der  Erkenntniss,  der  Kosmologie,  der  Anthropologie 
und  des  Ursprungs  der  Moral  und  der  Religion.  Deutsch  von 
E.  Fabarius.    2.  Auflage.  Ji  4.50 

Schellwien,  Robert,  Optische  Häresien.  .//  2.50 

—     Optische  Häresien    erste  Folge  und  das   Gesetz  der  Polarität. 

Ji  2.60 

Schröter,  Dr.,  Die   Gemüthsleiden,  ihre   rechtzeitige  Erkennung   und 

Behandlung.  .//  2.50 

Voliert,  Bergassessor,  M.,  Der  Braunkohlenbergbau  im  Oberbergamts- 
bezirk Halle  und  in  den  angrenzenden  Staaten.  Nebst  einer 
Uebersichtskarte  von  den  Braunkohlen -Ablagerungen  im  Ober- 
bergamtsbezirk Halle.  .//  7. — 

Waldmann,  Oberstabsarzt  Dr.,  Die  Behandlung  der  Tabes-Krankheiten, 
als  Anhalt  für  Aerzte  und  Kranke.  Ji  3. — 


4i4-'^  44,:!^.^^  ;!v:!^^.^;.:iv:t:!v  A  ;h,  '<-  A  ;:v;;v  A  A  :h  ;iv  ;!■.  ;!^ä  A  hA.  A  A  A±.iAÄiiyvAA^^AAA 

Verlag  von  Friedrich  Vieireg  &  Sohn  in  Braunschweig. 

(Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung.) 

Soeben  erschien: 

Die  Geschichte  der  Physik 

in  Grundzügen  mit  synchronistischen  Tabellen  der 
Mathematik,  der  Chemie  und  beschreibenden  Naturwissen- 
schaften, sowie  der  allgemeinen  Geschichte 

von  Dr.  Ferd.  Roseuberger. 

Dritter  Theii.     Geschichte  der  Physik  in  den  letzten  hundert 
Jahren,     gr.  8.  geh. 

II.  Abtheilung.     (Schluss.)    Preis  10  Mark  40  Pf. 
(Drei  Theile  complet.    Preis  28  Mark  50  Pf.) 


Gebauer-Schwetschke'sclie  Budidnicierei  in  Halle  (Saale). 


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Zeitsclürif  t 


für 


Im  Auftrage  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  für  Sachsen 
und  Thüringen  und  unter  Mitwirkung  von 

GeL  Bergrath  Dnnker,  Prof.  Dr.  Freih.  TOn  Fritscü,  Prof.  Dr.  Gfarcke, 

Geh.  Kath   Prof.   Dr.   Kuoblaueli,    Geh.  Rath  Prof.  Dr.  Leuckart, 

Prof.  Dr.  E.  Schmidt  und  Prof.  Dr.  Zopf 

herausgegeben  von 

Dr.  O.  Luedecke, 

Professor  an  der  Universität  Halle. 


63.    S  a.  u  <1. 

(Fünfte  Folge.    Erster  Band.) 

Zweites  und  drittes  Heft. 


Ausgabe  für  Vereinsmitglieder. 


~-o^    Mit    zwei    Tafeln.    (55g-- 


Halle- Saale. 

C.  E.  M.  Pfeffer  (Robert  Stricker). 
1890. 


I  nh.  a  1 1. 


I.  Abhandlungen.  seite 

Geh.  Bergrath  E.  Dunker  in  Halle,  Ueber  ein  Vorkommen  von 

Krystallen  in  der  Formation  des  Keupers 125 

Prof.  Dr.  A.  Gareke,  Wie  viel  Arten  von  Wissadulä  giebt  es?  113 
Dr.  Hugo  Naue  aus  Oranienbaum,  Ueber  Bau  und  Entwicklung 

der  Kiemen  der  Froschlarven  mit  Tafel  II  u.  III  ...  129 
Dr.  Erwin  Schulze,  Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen, 

Anhalt,  Braunschweig,  Hannover  und  Thüringen  ....      97 

IL  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

Dr.  L.  G.  Bornemann,  Ueber  einige  neue  Vorkommnisse  basf|.l- 

tischer  Gesteine  zwischen  Gerstungen  und  Eisenach    .    .    194 

Prof.  Dr.  H.  Bückin g,  Mittheilungen  über  Eruptivgesteine  der 

Section  Schmalkalden 192 

P.  Dietel,  Die  Uredineen  bei  Leipzig 198 

P.  Ehrmann,  Zusammenstellung  der  Leipziger  Schnecken   .     .    198 

W.  Frantzen  in  Meiningen,  Untersuchungen  über  die  Gliede- 
rung des  unteren  Muschelkalks  in  Westfalen  u.  Hannover    186 

W.  Frantzen  u.  A.  v.  Koenen,  Ueber  die  Gliederung  des  Wel- 
lenkalks im  mittleren  und  nordwestlichen  Deutschland     .     184 

Prof.  Dr.  K.  v.  F ritsch.  Die  Tertiärformation  Mittel-Deutsch- 
lands    ......' .180 

Dr.  H.  Keilhack  in  Berlin,  Ueber  einen  Damhirsch  aus  dem 

märkischen  Diluvium  bei  Beizig 195 

G.  Lattermann  in  Berlin,  Die  Lautenthaler  Soolquelle  und  ihre 

Absätze    . 177 

Dr.  H.  Loretz  in  Bei'lin,  Ueber  einige  Eruptivgesteine  des  Roth- 
liegenden im  S.  0.  Thüringer  Walde 189 

Derselbe,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit  und  Gllmmer- 

porphyrit  in  derselben  Gangspalte  bei  Untenieubrunn  .     .    191 

Dr.  R.  Scheibe  und  Dr.  Zimmermann  in  Berlin,  Geognosie 
der  Gegend  des  Ilmthals  zwischen  Schneidemüllerskopf  u, 
Ilmenau 187 

Dr.  Erwin  Schulze  in  Potsdam,  Fauna  piseium  Germaniae  .     .    196 

Dr.    H.    Simroth,   Privatdocent   in  Leipzig,  Verbreitung  von 

Emys  europaea 197 

Derselbe,  üeber  Verbreitung  des  Sperlings .    197 

M.   VoUert,    Der   Braunkohlenbergbau.     Festschrift    zum   IV. 

AUgem.  Bergmannstag  in  Halle  a.  S 184 


Yerzeichniss  der  Sängethiere  von  Sachsen,  Anhalt, 
Braunschweig,  Hannover  und  Thüringen. 

Von 
Dr.  Erwin  Schulze. 


Im  Nachstehenden  gehe  ich  eine  Zusammenstellung  der 
in  der  Literatur  zerstreuten  Angahen  üher  das  Vorkommen 
der  Säugethiere  im  Gehiete  nehst  den  mir  von  den  Herren 
W.  Eheling  in  Magdeburg,  0.  Goldfuss  in  Halle,  V.  von 
Koch  in  Braunschweig,  W.  Schlüter  in  Halle  und  Ed. 
Schmidt  in  Magdeburg  mitgetheilten  und  meinen  eigenen 
Beobachtungen. 

Literatur. 

Anmerk.  Die  Berichte  des  naturwissenschaftlichen  Vereins 
des  Harzes  für  die  Jahre  1840 — 1846  sind  nach  der  zweiten,  im  Zu- 
sammenhange abgedruckten  Auflage,  Wernigerode  1856,  citirt. 

1703  Behrens,  G.  H.,  Hercynia  curiosa.  Nordhausen.  4.  [168—170:  „Von 
denen  bey  Stiege  und  Hertzberg  gelegenen  Wolffs-Gärten."] 

1790  Stübner,  J.  Chr.,  Denkwürdigkeiten  des  Fürstenthums  Blanken- 
burg  und  Stiftsamts  Walkenried.  2.  Theil,  welcher  die  Natur- 
geschichte des  Landes  enthält.  Wernigerode.  8.  [77 — 103: 
von  jagdbaren  Thieren  und  Raubthieren ;  125:  von  nagenden 
und  wühlenden  Thieren.] 

1819  Dehne,  J.  F.  A.,  Spaziergang  von  Leipzig  nach  dem  Harze. 
Quedlinburg.  8.  [54:  Fledermäuse  in  der  Bielshöhle-,  71 — 73: 
Luchs.] 

1821  Körte,  W.,  Urstierschädel  aus  der  Torfgräberei  zu  Frose.  Archiv 
für  die  neuesten  Entdeckungen  aus  der  Urwelt,  herausgegeben 
von  Ballenstedt  und  Krüger,  Quedlinburg,  3,  326 — 331.  Mit 
Abbildung. 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  ' 


98  Dr.  Erwin  Schulze: 


1823  Hoffmann,  F.,  Geognostische  Beschreibung  des  Herzogthums  Magde- 
burg. Berlin.  8.  [132:  „Reste  von  Elenthieren  und  Ochsen 
sind  im  Torfe  von  Ascheraleben  gefunden."] 

1829  V.  Meyerink,  über  eine  Biberkolonie  im  Forstreviere  Grüneberg, 
magdeburger  Eegierungsbezirks.  Vh.  Ges.  ntf.  Fr.  Berlin, 
Band  1. 

1834  Zimmermann,  Chr.,  Das  Harzgebirge  in  besonderer  Beziehung  auf 

Natur-  und  Gewerbskunde  geschildert.    Darmstadt.  8.  [1,  220 — 
223:  Säugethiere;  269—271:  Haar- Wild.] 

1835  Nlehlis  ap.  Schreber,  Säugethiere  [Hypudaeus  hercynicus  =  Ar- 

vicola  glareolus]. 

1840  Keyserling,  A.  und  Blasius,  H.,   Die  Wirbelthiere  Europas.    Braun- 

schweig.   8. 

1841  Rimrod,  Säugethiere  in  der  Grafschaft  Mansfeld  und  dem  Ober- 

herzogthume  Anhalt-Bernburg.     Ber.  naturw.  V.  Harz  1840|41, 
p.  8  u.  9  [35  sp.]. 

1842  Rimrod,  Nest  von  Myoxus  muscardinus  zwischen  jungen  Hasel- 

zweigen bei  Quenstedt.    Ber.  ntw.  V.    Harz  1841/42,  p.  18. 

Rimrod,  Hörner  und  Stirnbein  von  Bos  primigenius,  bei  Quenstedt 
gefunden.    Ber.  ntw.  V.    Harz  1841/42,  p.  18. 

Saxescn,  W.,  Ber.  ntw.  V.    Harz  1841/42,  p.  19  [9  sp.  vom  west- 
lichen Harze]. 
1851  Kohlmann,  weisse  Talpa  europaea  bei  Schafstedt.    J.-Ber.  ntw.  V. 
Halle  1850,  p.  10. 

Lenz,   H.    0.,  Gemeinnützige    Naturgeschichte.     1.  Säugethiere. 
3.  Aufl.    Gotha.    8. 

1857  Blasius,    H.,    Naturgeschichte    der    Säugethiere    Deutschlands. 

Braunschweig.    8. 

Schlüter,  Vespertilio  murinus,  auritus,  noctula  bei  Halle.    Zeitsch. 
Ntw.  10,  550. 

1858  Rimrod,  üeber  Myoxus  nitela,  glia,  avellanarius.   Zs.  Ntw.  11, 183. 

1860 — 1865  Veltheim,  H.  v.,  Uebersicht  des  in  den  herzogl.  Braun- 
schweigischen Jagden  erlegten  Wildes.  Vh.  harz.  Forst-Y. 
1859—1864. 

1862  Möbius,  Biber  an  der  Unterelbe.    Zool.  Gart.  3,  89—90. 

1863 — 1868  Braun,  Zusammenstellung  des  in  den  herzogl.  Anhaltischen 

Harzforsten    erlegten  Wildes    sowie    der   daselbst   erbeuteten 

Raubthiere.    Vh.  harz.  Forst- V.  1862—1867. 

1866  Giebel,  Cervus  elaphus  im  Torflager  bei  Nachterstedt.    Zs.  Ntw. 

28,  87. 

Giebel,  C,  Die  im  zoologischen   Museum  der  Universität  Halle 
aufgestellten  Säugethiere.    Zs.  Ntw.  28,  93 — 134. 

1867  Giebel,  monströses  Reh  bei  Sangerhausen.    Zs.  Ntw.  29,  503 — 504. 

1868  Giebel,   Knochen  von  Cervus  elaphus   bei   Naumburg.    Zs.  Ntw. 

32,  537. 


Verzeichniss  der  Säu^ethiere  von  Sachsen,  Anhalt  etc.         99 

1868—1877  Dommes,  Uebersicht  des  in  den  administrirten  herrscliaft- 
lichen  Jagden  der  sämmtlichen  Braunschweigischen  Oberforste 
erlegten.  Wildes.    Vh.  harz.  Forst-V.  1867—1875. 

1870  Jacobs,  E.,  Bärenjagd  von  Ilsenburg  aus,  1573;  Bär  bei  Ilsenburg, 

1613.    Zs.  Harzv.  Gesch.  3,65. 
Jacobs,  E.,  Bärenjagd  und  -Hatz  in  der  Grafschaft  Wernigerode 
1573.    5.  10.    Zs.  Harzv.  Gesch.  3,  260—263. 
1870 — 1873  Bieler,  Nachweisung  über  die  Jagdresultate  aus  der  Graf- 
schaft Stolberg-Rossla.    Vh.  harz.  Forst-V.  1869—1872. 

1871  Jacobs,  E.,  Bären  am  Brocken  um  1656.    Zs.  Harzv.  Gesch.  4, 140. 

1872  Altum,  B.,  Forstzoologie,  Säugethiere.    Berlin.    8. 
Taschenberg,  Fuchs  mit  monströsem  Schädel  auf  der  Eabeninsel 

bei  Halle.    Zs.  Ntw.  39,  110. 

1873  Geitel,  Myoxus  nitela  Sb.  im  Schimmerwalde.    Vh.  harz.  Forst-V. 

1872,  p.  46. 

1874  Jacobs,  E.,  Wolfsjagd  bei  Veckenstedt  1540.    Zs.  Harzv.  Gesch. 

7,  31. 

1875  Giebel,  Rehschädel  im  Magen  einer  Hirsch-Kuh.    Zs.  Ntw.  45,  354. 

1876  Beling,  Fledermaus  (?  Vespertilio  noctula  Sb.)  um  die  Mitte  des 

Tages  im  Freien.    Zool.  Gart.  17,  261. 

1877  Krause,  G.,  Wölfe  in  Anhalt.    Mitth.  V.  Anh.  Gesch.  1,650—652. 
Biber  zwischen  Griebo  und  Koswig.    Zool.  Gart.  18,  404. 

1878  Nehring,  Zs.  Ntw.  51,  385:   „In  den  Torfmooren  von  Alvesse  und 

Köchingen  sw.  von  Braunschweig  sind  zahlreiche  Reste  vom 
Elen,  Bos  primigenius,  Wildschwein,  Pferd  neben  neolithischen 
Steinäxten  zum  Vorscheine  gekommen." 
Zahmes  Reh  bei  Goslar.    Zool.  Gart.  19,  382. 

1879  Irmisch,  Albino  von  Hypudaeus  amphibius.    Zs.  Ntw.  52,  115. 
Härter,   Hausratte   häufig   in  Köraer  bei  Mühlhausen.    Zs.  Ntw. 

52,  463. 
Nehring,   Hermelin    mit    9   Jungen  bei   Wolfenbüttel.    7s.   Ntw. 

52,  486. 
Nehring,  A.,  Zum  Zahnsystem  der  Myoxinen.    Zs.  Ntw.  52,  736 — 

740  [M.  glis  an  der  Asse]. 
Biber  in  der  Elbe  bei  Wittenberg.    Zool.  Gart.  20,  127. 

1880  Thomas,  F.,  Ueber  das  Vorkommen  von  Mus  rattus  [in  Kömer] 

in  Thüringen.    Zs.  Ntw.  53,  419—424. 

Grotrian,  H.,  über  einen  Schädel  von  Ursus  arctos  aus  dem  Moor- 
sande von  Kalvörde.    Z.  D.  G.  G.  32,  658. 

1881  Ludwig,  Mus  rattus  in  Greiz.    Zs.  Ntw.  54,  207. 

1883  Grotrian,  H.,  Ueber  einen  zu  Kalvörde  im  Moorsande  aufgefundenen 
Schädel  von  Ursus  arctos  L.  3.  J.-Ber.  V.  Ntw.  Braunschweig 
123—125. 

Schelf ler,  L.  ap.  Steinhoff,  R. ,  Der  Regenstein.  Blankenburg. 
kl.  8.  [94:  am  Regensteine:  Reh,  Hase,  Kaninchen,  Dachs, 
Fuchs,  wilde  Katze,  Iltis,  Steinmarder,  Baummarder,  Wiesel, 

Haselmaus.! 

7* 


100  Dr.  Erwin  Schulze: 


1883  Müller,  Jagdergebnisse  der  gräflich  Stolberg -Wernigerödischen 
Jagdreviere.    Vh.  harz.  Foi'st-V.  1883. 

1885  Pohlig,  H.,  Vorläufige  Mittheilungen  über  das  Plistocaen,  insbe- 
sondere Thüringens.     Zs.  Ntw.  58,  258 — 276. 

1887  Schulze,  E.,  Sorex  alpinus  am  Brocken.    Zs.  Ntw.  60,  187. 


Abkürzungen  der  Namen  von  Gewährsmännern. 


^Itum. 

-Ebeling. 

J2imrod. 

jB^eler. 

Gie&el. 

Sche/fler. 

5/asius. 

Go\äfiisa. 

Ächlüter. 

jBraun. 

Koch,  V. 

V. 

(Schmidt. 

Dommes. 

Jfuller. 

Ächulse, 

Feltheim. 

Zimmermann. 

Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen,  Anhalt  etc.      101 


Artiodactyla. 

1.  Cervus  dama  L.     Damhirsch. 
In  Wäldern;  verwildert.     Bei  Kalvörde   F;   Letzlinger 
Haide  E;  Mosigkauer  Haide;  im  Harze  bei  Ballenstedt  Sz; 
bei  Rudolstadt  Sü. 

2.  Cervus  capreolus  L.    Eeh. 

In  Wäldern.  Solling,  Hils  F;  Harly,  Bärenköpfe,  Asse, 
Elm,  Qnerumer  Holz,  Buchhorst  JT;  Hakel  Sz,  Regenstein 
Sf;  Harz  überall;  Dölauer  Haide  Gf]  Rudolstadt  Sü. 

3.  Cervus  elaphus  L.    Hirsch. 

In  grösseren  Waldungen.  Solling  V]  Deister,  Dröm- 
ling  A]  Elm  A,  E]  Lapwald  V;  Hohes  Holz,  Kolbitzer 
Haide  E;  Gr.  Kühnauer  Forst,  Mosigkauer  Haide,  Törten- 
sche  Aue,  Zeitzer  Forst;  Rudolstadt  Sü]  Harz  überall. 

t  Cervus  aices  L.    Elen. 

„Reste  von  Elenthieren  sind  im  Torf  von  Aschersleben 
gefunden  worden."  Hoffmann,  Geogn.  Beschr.  Herzogthum 
Magdeburg  132;  1823. 

„In  den  Torfmooren  von  Alvesse  und  Köchingen  sw. 
von  Braunschweig  sind  Reste  vom  Elen  neben  neolithischen 
Streitäxten  zum  Vorscheine  gekommen."  Nehring  Zs.  Ntw. 
51,  385;  1878. 

t  Bos  primigenius  Boj. 
„Bisweilen  werden  beim  Torfstechen  in  den  untern 
Schichten  des  Gaterslebenschen  Sees  Thierknochen  und 
Köpfe  mit  Hörnern,  ausgezeichnet  durch  ihre  Grösse,  an- 
getroffen. Sie  gehören  dem  jetzt  ausgestorbenen  Urstier 
an."     Krüger  Arch.  Urw.  3,  314;  1821. 


102  Dr.  Erwin  Schulze: 


Körte  W.,  Urstierschädel  aus  der  Torfgräberei  zu  Frose. 
Arch.  Urw.  3,326—331;  1821.     Mit  Abbildung. 

„Kimrod  legte  die  Hörner  und  ein  Stück  Stirnbein  von 
Bos  primigenius,  bei  Quenstedt  gefunden,  vor."  Ber.  ntw. 
V.  Harz  1841/42.     2.  Aufl.  S.  18;  1856. 

„In  den  Torfmooren  von  Alvesse  und  Köchingen  sw. 
von  Braunschweig  sind  Reste  von  Bos  primigenius  neben 
neolithischen  Steinäxten  zum  Vorscheine  gekommen." 
Nehring  Zs.  Ntw.  51,  385;  1878. 

„Bos  primigenius,  Torf  Hassleben  (Jena,  Gotha,  Ana- 
tomie Jena  etc.),  Ilmbett  Hellingen  (Anatomie  Jena),  Leine- 
bett Göttingen  (ibid.  zool.  Mus.),  Unstrutbett  Mühlhausen 
(ibid.)."     Pohlig  Zs.  Ntw.  58,  273;  1885. 

Aus  Torf  von  Veitenhof  bei  Braunschweig  (Naturb. 
Museum,  Braunschweig)  K. 

4.  Sus  scrofa  L.     Schwein. 
In  feuchten  Wäldern.     Solling  F;    Hohes  Holz,  Letz- 
linger  Haide  E\  Wülpener  Forst,  Mosigkauer  Haide;  Harz; 
Rudolstadt  Sü. 


Eodentia. 

5.  Lepus  cuniculus  L.  Kaninchen. 
In  hügeligen  Gegenden  mit  lockerem  Boden,  besonders 
im  Gebiete  des  Lösses  und  Quadersandsteines.  Bei  Braun- 
schweig, Asse,  Pavelsches  Holz  K\  bei  Magdeburg  E]  Gr. 
Wanzleben,  Rogätz,  Dannigkow  bei  Gommern,  Adersleben 
bei  Wegeleben  Sm-^  Lutter  a.  B.  F;  Ilsenburg,  Hasserode 
ilf;  Regenstein  Sf\  bei  Quedlinburg,  Ballenstedt  Sz]  bei 
Welbsleben,  Harkerode,  Walbek  ß;  an  den  Mansfelder 
Seen,  Halle  (Stadtgottesacker,  Peissnitz)  Sz\i  Questenberg, 
Breitungen,  Uftrungen  Bi]  Kyffhäuser  £";  Rudolstadt  Sü. 

6.  Lepus  timidus  L.    Hase. 
In  Feldern  und  Wäldern;  allgemein  verbreitet. 


Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen,  Anhalt  etc.        103 

7.  Castor  fiber  L.     Biber. 
An  der  Elbe  von  Aken  bis  Kreuzhorst  bei  Magdeburg, 
besonders  bei  Steckby,  Breitenhager,,  Saalhorn,  auch  in  der 
alten  Elbe  von  Pretzin  bis  Kaienberge  Sm. 

8.  Arvicola  subterraneus  Sei. 
Auf  Wiesen,  Feldern.     Braunschweig  Bl, 

9.  Arvicola  arvalis  Cp.    Feldmaus. 
Auf  Feldern,  Wiesen.     Braunschweig    K\   Magdeburg 
E\  Quedlinburg  Sz]  Aschersleben  Sü\  Harz  Bl;  Halle  Gh] 
Rudolstadt  Sil. 

10.  Arvicola  campestris  Bl. 
Im  Jahre  1843  auf  bebautem  Lande  an  einem  Wald- 
rande in  der  Nähe  von  Braunschweig  gefangen  Bl. 

11.  Arvicola  agrestis  Bl.    Erdmaus. 
Unter  Gebüsch,  in  Wäldern,  an  Waldrändern,  an  Grä- 
ben,   auf  Dämmen,    nur   in   der  Nähe    von    Wasser.     Bei 
Braunschweig  häufig  Bl'^  Schiaden  in  Hannover  K. 

12.  Arvicola  amphibius  Desm.  Wasserratte,  Reitmaus. 
An  Gewässern,  auch  auf  trockenen  Feldern.  Braun- 
schweig an  der  Oker  häufig,  Schiaden  in  Hannover  JT; 
Magdeburg  E]  Quedlinburg  Sz]  Aschersleben,  Halle,  Ru- 
dolstadt aS'w;  im  Jahre  1828  in  grosser  Menge  auf  den 
Wiesen  und  in  den  Gärten  des  Oberharzes  Z. 

13.  Arvicola  glareolus  Bl.  Waldwühlmaus. 
In  Wäldern.  Bei  Braunschweig  gemein  Bl;  Aschers- 
leben Sü-^  am  Bruchberge  nicht  selten  Z;  viele  Ex.  in  den 
letzten  verkrüppelten  Fichtenwäldern  unmittelbar  am  Fusse 
des  Brockens  gefangen  Bl]  Rudolstadt  Sü]  Burgliebenau 
Gf\  bei  Göttingen  Pallas  t.  Bl;  bei  Schnepfenthal  binnen 
3  Jahren  etwa  60  Stück  gefangen  Lenz. 


104  Dr.  Erwin  Schulze: 


14.  Mus  minuius  P.     Zwergmaus. 

In  Feldern,  Wiesen,  Gebüschen.  Bei  Braunschweig  in 
grosser  Menge  Bl. 

15.  Mus  agrarius  P.    Brandmaus. 

Auf  Aeckern.  Im  Hannoverschen,  Braunschweigischen 
Bl]  Magdeburg  E]  Aschersleben  Sü]  Halle  Gh]  Rudol- 
stadt  Sü. 

16.  Mus  silvaticus  L.     Waldmaus. 

In  Wäldern,  Gärten,  Häusern.  Braunschweig  z.  B. 
bei  Riddagshausen  K\  Magdeburg  E]  Quedlinburg  Sz] 
Aschersleben  Sü]  Halle  Gh]  am  ganzen  Harze  Z;  am  Harze 
bis  zum  Brocken  Bl]  Rudolstadt  Sü. 

17.  Mus  musculus  L.     Hausmaus. 

In  Häusern.  Schiaden,  Braunschweig  K]  Magdeburg 
E]  Quedlinburg,  Ballenstedt  Sz]  Aschersleben,  Halle,  Ru- 
dolstadt Sü. 

18.  Mus  raüus  L.     Hausratte. 
In  Gebäuden.     Körner  bei  Mühlhausen,  häufig  Härter] 
Schwarzburger  Schloss  bei  Rudolstadt  Sü]  Greiz  Ludwig. 

19.  Mus  decumanus  P.  Wanderratte. 
In  Häusern,  Gossen,  an  langsam  fliessenden  Gewässern. 
Schiaden,  Braunschweig  K]  in  Braunschweig  ist  sie  nach 
Zimmermann  im  Jahre  1780  schon  häufig  gewesen  Bl] 
Magdeburg  E]  Quedlinburg,  Ballenstedt  Sz]  Aschersleben 
Sü]  am  Oberharze  häufig  in  den  Gebäuden  Z]  erst  seit 
1785  bei  Quenstedt  einheimisch,  wo  auf  einmal  eine  starke 
Kolonie  derselben  sich  vor  hiesigem  Orte  unter  einer  Wei- 
denanpflanzung zeigte,  und  hat  seit  etwa  30  Jahren  die 
Hausratte  vertrieben  R  1841;  Halle  Gh]  Rudolstadt  Sü. 

20.  Cricetus  frumentarius  P.     Hamster. 
Auf  Aeckern.     Osterwiek,  Hornburg,  Schiaden,  Lieben- 
burg,   fehlt   in   der  näheren   Umgebung  der  Stadt  Braun- 
schweig K]  in  der  Magdeburger  Börde  häufig  E]  Quedlin- 


Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen,  Anhalt  etc.       lOo 

burger  Feldmark  Sz]  bei  Ascliersleben  sehr  gemein  Sü\ 
Halle  Gb-  am  südlichen  Harzrande,  z.  B.  bei  Lauterberg 
häufig,  bei  der  Festenburg  in  der  Nähe  von  Zellerfeld  ein- 
mal gefangen  Z]  am  Harze  ist  vor  mehreren  Jahren  ein 
einzelner  Hamster,  ungefähr  3000  Fuss  hoch,  auf  der  Höhe 
des  Wormberges  gefunden  worden  Bl  1857 ;  in  der  Gothaer 
Flur  in  manchen  Jahren  in  Unzahl  Lenz. 

21.  Myoxus  avellanarius  Desm.  Haselmaus. 
In  Gebüschen.  Hohes  Holz,  Huy,  Hakel,  Lauterberg, 
Kyfi'häuser,  Hainleite  E]  am  Ober-  und  Vorharze  Z]  bei 
Braunrode  und  Stangerode  i2;  am  Harze  wiederholt  noch 
in  Höhen  von  mehr  als  2000  Fuss  gefunden  Bl]  Mansfeld 
Gb]  Lindenbusch  bei  Dölau,  Höllenthal  bei  Kosen  Gf. 

22.  Myoxus  glis  Sb.     Billich. 
In  Wäldern,    besonders    Eichen-    und    Buchenwäldern. 
An  der  Asse  Nehring]  am  Vorharze  bei  Herzberg,  Lauter- 
berg Z;    bei   Schielo  U\    im   Harze    zuweilen    bis   in    die 
Tannenregion  hinauf  Bl\  Rudolstadt  Sü. 

23.  Myoxus  nitela  Sb.    Gartenschläfer. 
In  Wäldern.     Bei  Kammschlacken   und  Klausthal  ge- 
fangen Z\  bei  Stangerode,  Friedrichsrode,  Ballenstedt  R\ 
im  Harze  stellenweise  häufig,   bis  in  die  Tannenregion  Bl\ 
Schimmerwald  Geitel\  Rudolstadt  Sil]   Schnepfenthal  Lenz. 

24.  Sciurus  vulgaris  L.  Eichhorn. 
In  Wäldern.  Braunschweig,  Harly,  Bärenköpfe,  Schia- 
den K]  Hohes  Holz  E]  bei  Altenhausen,  Emden,  Flech- 
tingen, Hasselburg,  Neuhaldensleben  Sni\  am  ganzen  Harze 
Z,  Sz]  Kyffhäuser,  Hainleite  E]  Burgliebenau  bei  Halle 
Sil]  Thüringer  Wald  Lenz. 


106  Dr.  Erwin  Schulze: 


Insectivora. 

25.  Sorex  fodiens  P.     Wasserspitzmaus. 
An  wasserreichen  Orten.    Magdeburg^;  am  Harze  bis 
unter  den  Brocken  Bl\    ßudolstadt  Sü]   bei  Schnepfenthal 
nicht  selten  Lenz. 

26.  Sorex  alpinus  Schinz.     Alpenspitzmaus. 
Am  Brocken  Sz. 

27.  Sorex  vulgaris  L.     Waldspitzmaus. 

Magdeburg  E-^  Aschersleben  Sü-^  am  Brocken  Sz-^ 
Halle  Gh^  Sil]  Rudolstadt  Sü\  bei  Schnepfenthal  binnen  3 
Jahren  etwa  250  gefangen  Lenz. 

28.  Sorex  pygmaeus  P.  Zwergspitzmaus. 
In  Wäldern.  In  Braunschweig  Bl]  bei  Magdeburg 
Nathusius  ap.  Lenz^  E;  Rudolstadt  Sü]  bei  Schnepfenthal 
binnen  3  Jahren  etwa  27  Ex.,  meist  an  nördlichen  Berg- 
abhängen, eins  in  einem  Hause  4  Treppen  hoch,  gefangen 
Lenz. 

29.  Sorex  araneus  Sb.    Hausspitzmaus. 
In    Gärten,    Häusern.      Magdeburg    ^;    Quedlinburg, 
Ballenstedt  Sz]  Aschersleben  Sä]   Klaasthal  Z;    Quenstedt 
R]  Halle  Gb,  Sil;  Rudolstadt  Sü]  Schnepfenthal  Lenz. 

30.  Sorex  leucodus  Herm.    Feldspitzmaus. 
In   offenen   Gegenden.     Bei  Braunschweig  Bl]  Magde- 
burg  E]    Halle    Gb;    Aschersleben,    Rudolstadt    Sii;    bei 
Schnepfenthal  innerhalb  3  Jahren  etwa  40  gefangen   Lenz. 

31.  Talpa  europaea  L.    Maulwurf. 
In   humosem  Boden.     Schiaden,  Braunschweig,  Oster- 
wiek    jBT;    Magdeburg    E]     Quedlinburg,    Ballenstedt    Sz; 
Aschersleben  Sil:  Halle  Gb,  Sz]  Rudolstadt  Sü. 


Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen,  Anhalt  etc.      107 

32.  Erinaceus  europaeus  L.  Igel. 
In  Wäldern,  Gebüschen.  Schiaden,  Braunschweig, 
Schauen,  Blankenburg  K]  Magdeburg  E]  Quedlinburg  Sz\ 
Aschersleben  Sü\  einzeln  am  Oberharze,  häufiger  am  Vor- 
harze Z;  Alexisbad,  Ballenstedt  Sz]  Halle  Gh^  Sü\  Rudol- 
stadt  Sil. 


Carnivora. 

f  Ursus  arctos  L.    Bär. 
Jacobs,  E.,  Zs.  Hzv.  Gesch.  3,  65;  1870:  Bärenjagd  von 
Ilsenburg  aus,  1573;  Bär  bei  Ilsenburg  1613.   —    3,  260 — 
263;  1870:  Bärenjagd  in  der  Grafschaft  Wernigerode  1573 
Mai  10.  —  4,  140;  1871:  Bären  am  Brocken  um  1656. 

„Die  Bären  wurden  erst  im  Anfange  des  jetzigen  Jahr- 
hunderts in  unsern  Waldungen  völlig  ausgerottet."  Stübner 
Denkwk.  Fürstenth.  Blankenburg  2,  361;  1790. 

Ein  Schädel  ist  im  Moorsande  zu  Kalvörde,  Eckzähne 
sind  auf  der  Höhe  des  grossen  Burgberges  bei  Harzburg 
gefunden.  Grotrian  Z.  D.  G.  G.  32,  658;  1880  und  3.  J.-Ber. 
V.  Ntw.  Braunschweig  123.  125;  1883. 

Auf  dem  thüringer  Walde  ist  der  letzte  Bär  in  der 
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  in  der  Kähe  der  Katzhütte  er- 
legt worden,  der  letzte  im  Herzogthume  Gotha  auf  dem 
wintersteiner  Reviere  im  Jahre  1686.  Lenz,  Säugethiere 
109;  1851. 

t  Gulo  borealis  Nils. 
Nach  Zimmermann  bei  Helmstedt  angetrofien  Bl. 

33.  Meles  vulgaris  Desm.  Dachs. 
In  Wäldern.  Bärenköpfe  bei  Liebenburg,  Querumer 
Holz,  Kennel  bei  Richmond  K]  Regenstein  Sf\  Steinholz 
Sz^  Hohes  Holz,  Herrenkrugwiesen,  Biederitzer  Busch,  Pa- 
penberg  bei  Neuhaldensleben  E:  bei  Altenhausen,  Hassel- 
burg, Flechtingen,  Emden,  Kogätz,  Herrenholz  bei  Wolmir- 
stedt  Sm]  im  Harze  überall;  bei  Bitterfeld,  Rudolstadt  Sü. 


108  Dr.  Erwin  Schulze: 


34.  Lutra  vulgaris  Erxl.  Fischotter. 
An  Flüssen  und  Teichen.  An  der  Weser  bei  Holz- 
minden häufig,  an  der  Oker  bei  Braunschweig  K\  Eime  Z>; 
an  der  Ohre  von  Neuhaldensleben  bis  Rogätz,  an  der  Elbe 
bei  Heinrichsberg  Sm^  an  der  Saale,  Elster  Sü]  am  Ober- 
harze bei  Klausthal  Z;  Blankenburg,  Walkenried  Z>;  Gün- 
tersberge, Harzgerode  -Br;  Breitungen,  Alter  Stolberg  Bi\ 
Nordhausen,  Eudolstadt  Sil. 

35.  Mustela  lutreola  L.    Nerz. 
Zu  Ende   des   18.  Jahrhunderts  einzeln  an   der  Leine 
bei  Göttingen  Beckstein  t.  -B/;  im  Winter  1852  ist  ein  Nörz 
am  Harze  in  der  Grafschaft  Stolberg  gefangen  Bl\,  1858  (?) 
wurde  bei  Braunschweig  ein  Ex.  erbeutet  A. 

36.  Mustela  vulgaris  Br.    Wiesel. 

Schiaden,   Braunschweig,  Schauen  jfiT;    Magdeburg  E\ 

Regenstein  <S/";  Blankenburg,  Quedlinburg  aS^;  Aschersleben 

Sil]  Tilkerode,  Neudorf,  Harzgerode,  Güntersberge,  Ballen- 

stedt,  Zehling,  Gernrode  J5r;  Halle  Gh^  Sil]  Rudolstadt  aS'm. 

37.  Mustela  erminea  L.     Hermelin. 
Braunschweig  K;  Wolfenbüttel  Nehring\  Magdeburg  E\ 
Heinrichsberg,   Rogätz,  Altenhausen  Sm\    Quedlinburg  Sz\ 
Aschersleben,  Halle,  Rudolstadt  Sil. 

38.  Mustela  putoria  L.  Htis. 
Schiaden,  Braunschweig  K\  Seesen,  W^endhausen  F; 
Magdeburg  E\  Regenstein  Sf\  Quedlinburg  Sz\  Walken- 
ried, Blankenburg  B\  Güntersberge,  Harzgerode,  Neudorf, 
Gernrode,  Ballenstedt,  Zehling  Br]  Alter  Stolberg  Bi; 
Aschersleben,  Halle,  Nordhausen,  Rudolstadt  Sil. 

39.  Mustela  foina  Br.     Steinmarder. 
In    Gebäuden,   Felsen.     Braunschweig  K\    Magdeburg 
E\  Regenstein  Sf]  Halle,  Nordhausen,  Rudolstadt  Sü. 

40.  Mustela  martes  Br.     Baummarder. 
In  Wäldern.     Kolbitzer  Haide  B\   Forsten  bei  Barby, 


Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen,  Anhalt  etc.     109 

Hasselbnrg,    Emdeo,    Rogätz    Sm;    Regenstein    Sf;    Halle, 
Nordhausen,  Rudolstadt  iSü. 

41.  Canis  vulpes  L.    Fuchs. 

In  WälderD,  Steinbrüchen,  Gebüschen.  Allgemein  ver- 
breitet. 

„Jetzt  ist  er  in  Folge  einer  wuthähnlichen  Krankheit, 
welche  1826  sehr  viele  Füchse  getödtet  hat,  nicht  mehr  sehr 
häufig.  Die  Krankheit  äusserte  sich  damals  durch  das 
tolldreiste  Benehmen  der  Thiere.  Sie  fielen  Hunde,  Pferde, 
ja  Menschen  an,  gingen  in  die  Orte  und  wurden  häufig  todt 
selbst  mitten  auf  den  Wegen  gefunden.  Die  so  gestorbenen 
Füchse  waren  fast  alle  räudig  und  in  ihren  Eingeweiden 
fand  man  eine  sehr  grosse  Menge  von  Würmern,  nament- 
lich Bandwürmer."  Zimmermann  Harzgebirge  1,  271;  1834. 
Vgl.  Francque,  Die  Seuche  unter  den  Füchsen  und  andern 
Raubthieren  in  den  Jahren  1823—1826.    Frankfurt  1827.    8. 

t  Canis  lupus  L.    Wolf. 

Jacobs,  E.,  Wolfsjagd  bei  Veckenstedt  1540.  Zs.  Harzv. 
Gesch.  7,  31;  1874. 

Krause,  G. ,  Wölfe  in  Anhalt.  Mitth.  V.  Anh.  Gesch. 
1,  650—652;  1877. 

Im  Jahre  1702  wurden  bei  Stiege  noch  24  Wölfe  ge- 
fangen: Behrens,  Hercynia  curiosa  168  — 170;  1703:  „Von 
denen  bey  Stiege  und  Hertzberg  gelegenen  Wolffs-Gärten." 

„Die  Wölfe  wurden  erst  in  der  Mitte  des  jetzigen  Jahr- 
hunderts in  unsern  Waldungen  völlig  ausgerottet."  Stübner, 
Denkwk.  Fürstenthum  Blankenburg  2,  361;  1790. 

„Wölfe  sind  noch  bis  zu  den  letzten  Jahren  bisweilen 
im  Innern  von  Deutschland,  sogar  bis  ins  Braunschweigische 
und  Hannoversche  hinein,  angetroffen  worden."  Blasius, 
Säuget.  Deutschi.  182;  1857. 

42.  Felis  catus  L.    Wildkatze. 
Im  Harze  nicht  selten,   von  dort  aus  weit  umherstrei- 
fend, z.  B.  Bärenköpfe  bei  Liebenburg  .Ä';    Hofjagdgehege 
bei  Braunschweig  F;  Regenstein  -S/";  Steinholz  Sz]  Zehling 
Br\    Flechtinger,  Emdener,  Hasselburger  Forst  Sm;   Ram- 


110  Dr.  Erwin  Schulze: 


stedter  Holz  E.   —  Auf  dem  thüringer  Walde  wird  von  Zeit 
zu  Zeit  noch  eine  erlegt  Lenz. 

f  Fells  lynx  L.    Luchs. 

Je  ein  männlicher  Luchs  ward  am  24.  März  1817  am 
Rennekenberge  bei  Ilsenburg  und  am  17.  März  1818  am 
Teufelsberge  bei  Lautenthal  erlegt.  Zimmermann,  Harzge- 
birge 1,  270;  1834.  Dehne,  Spaziergang  von  Leipzig  nach 
dem  Harze  71  —  73;  1819.  Blasius,  Säugethiere  Deutschi. 
176;  1857. 

„In  den  Jahren  1773,  1788,  1789,  1796  wurden  auf 
dem  gothaischen  Antbeile  des  thüringer  Waldes  5  Luchse 
erlegt."     Lenz,  Säugethiere  338.   339;  1851. 


Chiroptera. 

43.  Vespertilio  dasycneme  Boie.    Teichfledermaus. 
In  der  Nähe  grosser  Wasserflächen,   niedrig  über  der 
Wasserfläche  fliegend.    Braunschweig  Bl. 

44.  Vespertilio  daubentonii  Leisl.     Wasserfledermaus. 

In  der  Nähe  des  Wassers,  unmittelbar  über  der  Wasser- 
fläche fliegend.  Magdeburg  E]  bei  Klausthal,  Lerbach, 
Okerhütte  u.  a.  a.  0.  sehr  häufig  Z;  am  Harze  bis  zu  2000 
Fuss  Gebirgshöhe  Bl;  Hermannshöhle  /f;  Quedlinburg  Sz; 
Halle  Gb. 

45.  Vespertilio  mystacinus  Leisl.    Bartfledermaus. 
Bei  Lerbach  Z;  noch  auf  der  Höhe  des  Harzes  BL 

46.  Vespertilio  nattereri  Kühl. 
Magdeburg  E;  Lerbach  Z;  Halle  Gb. 

47.  Vespertilio  murlnus  Sb. 

Magdeburg  E;  Quedlinburg  Sz]  Lerbach,  Klausthal  Z; 
Quenstedt  B;  Hermannshöhle  K]  Aschersleben,  Halle,  Ru- 
dolstadt  Sü. 


Verzeichniss  der  Säugethiere  von  Sachsen,  Anhalt  etc.      111 

48.  Vespertilio  bechsteinii  Leisl. 
Magdeburg  ^;  bei  Lerbach  einmal  gefangen  Z\  Halle  Gh, 

49.  Vespertilio  serotinus  Sb. 

Magdeburg  E\  bei  Klausthal  Z\  am  Harze  kaum  bis 
2000  Fuss  Bl\  Aschersleben  Sü-,  Halle  Gh,  Sü;  Kudol- 
stadt  Sil.  \ 

50.  Vespertilio  borealis  Kils. 
Oberharz  Bl. 

51.  Vespertilio  disoolor  Katt. 

Klausthal,  Lerbach  Z;  am  Harze  bis  zu  einer  Berg- 
höhe von  drittehalbtausend  Fuss  Bl;  Halle  Gb]  ßudol- 
stadt  Sü. 

52.  Vespertilio  pipistrellus  Sb. 
Braunschweig -fiT;  Magdeburg  jE?  ;  Altenau  Z;   Halle  Gb] 

Aschersleben,  gemein  bei  Rudolstadt  Sü. 

53.  Vespertilio  nathusii  K.  Bl. 
Braunschweig,  Harzstädte,  Halle  Bl. 

54.  Vespertilio  leisleri  Kühl. 
Zu  Klausthal  in  den  Häusern  Z;   an  der  Rosstrappe 
schwirrte  sie  in  12 — 15  Individuen  umher  -4;  Halle  Gb. 

55.  Vespertilio  noctula  Sb. 
Magdeburg  E]    Seesen,   Herzberg   Z;   Halle   Gb,  Sü] 
Aschersleben,  gemein  bei  Rudolstadt  Sü. 

56.  Vespertilio  barbastellus  Sb. 
Magdeburg  E]  Lerbach,  Elbingerode  Z;  am  Harze  bis 
zu  den  höchsten  bewohnten  Punkten  nicht  selten  Bl]  Halle 
Gb]  Aschersleben,  Rudolstadt  Sü. 

57.  Vespertilio  auritus  L. 
Braunschweig  K]  Magdeburg  E]  Quedlinburg  Sz]  Ler- 
bach, Rothehütte  Z]  Quenstedt  B]  Halle  Gb,  Sü]  Aschers- 
leben, Rudolstadt  Sü. 


112     Dr.  Erwin  Schulze:   Verzeichniss  der  Säugfethiere  etc. 

58.  Rhinolophus  hipposiderus  Leach. 

Quedlinburg  Sz ;   bei  Lerbach  und  Grund  in  alten  Eisen- 
steinsgruben häufig  Z;  gemein  bei  Rudolstadt  Sil. 

59.  Rhinolophus  ferrum  equinum  Leach. 
In  den  Höhlen  am  südlichen  Harzrande  selten  Bl. 


Wie  viel  Arten  yoii  Wissadnla  giebt  es  ? 

Von  A.  Grarcke. 


Als  Medikus  ^)  im  Jahre  1787  nebst  einigen  anderen 
Gattungen  auch  Wissadula  nach  der  Fruchtform  von  Sida 
abschied,  war  ihm  nur  eine  Art  bekannt,  welche  er 
W.  zeylanica  nannte.  Obgleich  die  Gattung  vom  Autor 
sorgfältig  und  ausführlich  beschrieben  war,  blieb  sie  doch 
fast  ein  halbes  Jahrhundert  unbeachtet,  selbst  Kunth  2), 
der  genaue  Kenner  der  Malvaceen,  erwähnt  sie  in  einer 
kleinen  Abhandlung  vom  Jahre  1822  gar  nicht,  bis  zuerst 
PresP)  wieder  darauf  aufmerksam  machte  und  zu  den  er- 
wähnten vier  Arten  (W.  spicata,  excelsior,  scabra,  hirsuta) 
fügte,  von  denen  die  beiden  ersten  unter  dem  Namen  Sida 
schon  länger  bekannt  waren.  Ausserdem  bemerkt  Presl 
ausdrücklich,  dass  auch  S.  periplocifolia  und  wahrschein- 
lich auch  S.  hernandioides  zu  dieser  Gattung  gehören.  Es 
ist  daher  nicht  statthaft,  für  erstere  Thwaites^)  als  Autor 
zu  eitleren,  wie  dies  gewöhnlich  geschieht.  Linne  beschrieb 
diese  Planze  nämlich  in  der  Flora  zeylanica^)  vom  Jahre 
1747  und  ebenso  in  der  ersten  Auflage  seiner  Species  plan- 
tarum  vom  Jahre  1753  vortrefflich,  fügte  aber  später  eine 
aus  Amerika    stammende,   in   diese   Nähe   gehörige,   durch 


1)  Künstl.  Geschlechter  der  Malven-Familie  pag.  25. 

2)  Malvaceae,  Büttneriaceae,  Tiliaceae.    Paris  1822. 

3)  Reliqu.  Haenk.  II  pag.  117  u.  folg, 

4)  Enum.  pag.  27. 

5)  pag    114   Nr.    251:    „folia    cordata ,   sed    valde    producta    in 
acumen  longissimum,  integerrima." 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  8 


114  A.  Garcke: 

Plumier')  bekannt  gewordene  Art  als  Varietät 2)  hinzu, 
welche  nachher  wieder  als  besondere  Species  geschieden 
wurde.  Da  aber  sowohl  Linne  als  auch  Medikus  die  zu- 
erst von  Dillenius  ■^)  unter  dem  Namen  Abutilon  periplocae 
acutioris  folio,  fructu  stellato  beschriebene  Pflanze  im 
Sinne  haben  und  ausdrücklich  dessen  sehr  instructive  Ab- 
bildung eitleren,  so  muss  folgerecht  der  Linne'sche  bezw. 
Dillenius  sehe  Name  erbalten  bleiben. 

Nach  Presl  wird  die  Gattung  Wissadula  zwar  von 
Endlicher^)  als  solche  anerkannt,  dessenungeachtet  aber 
in  den  Localfloren  und  Sammelwerken  meist  noch  unter 
Sida  oder  Abutilon  aufgeführt.  Erst  in  neuerer  Zeit,  nach- 
dem auch  Benthara  und  Hooker  5)  sie  als  eigene  Gattung 
angenommen,  erscheint  sie  in  den  nach  diesen  Autoren  ge- 
ordneten Floren  und  Zusammenstellungen  in  der  Regel  als 
selbständige  Gattung. 

Bentham  und  Hooker  geben  die  Arten  auf  fünf, 
Masters ^'J  später  auf  fünf  bis  sechs  an,  welche  in  Asien, 
Afrika,  im  tropischen  Amerika  und  in  Mexiko  vorkommen 
und  damit  stimmen  auch  Durand "}  und  in  neuester  Zeit 
Boerlage*)  überein. 

Wie  wir  gesehen,  kannte  Presl  bereits  fünf  Arten  aus 
dieser  Gattung,  zu  denen  durch  Turczaninow  9)  zwei 
(W.  gymnostachja  und  Jamesonii)  hinzukamen,  welche  aber 
von  Triana  und  Planchon  ^^)  mit  Recht  wieder  mit  W.  spicata 
vereinigt  werden.  An  dieser  Stelle  sind  vier  in  Neu-Granada 
vorkommende  Arten  dieser  Gattung  verzeichnet,  nämlich 
W.  zeylanica,  excelsior,  nudiflora (Abutilon  nudiflorum  Sweet) 
und  spicata,  mithin  ist  die  Zahl  der  bereits  bekannten  um 


1)  Spec.  2  Ic.  3. 

2)  Spec.  plant.  Edit.  2  tom.  2  pag.  962. 

3)  Hortus  Eltham.  pag.  4  tab.  3. 

4)  Gener.  plant,  pag.  986  Nr.  5295. 

5)  Gener,  plant.  I  pag.  204. 

6)  Flora  of  Brit.  Ind.  I  pag.  325. 

7)  Index  Gener.  Phanerog.  pag.  39. 

8)  Flora  van  Nederl.  Indie  I  pag.  112. 

9)  Bulletin  des  natural,  de  Moscou  1858  pag.  202. 
10)  Prodr.  Florae  Novo-Granat.  pag.  188. 


Wie  viel  Arten  von  Wiaaadula  giebt  es?  115 

eine  vermehrt,  so  dass  damals  im  ganzen  6  Arten  als  sicher 
zu  dieser  Gattung  gehörig  nachgewiesen  waren,  wie  dies 
auch  die  Angaben  von  Bentham  und  Hooker  bestätigen. 
Zwar  trifft  man  verschiedene  andere  Namen  aus  dieser 
Gattung,  so  insbesondere  W.  rostrata  Planchon  zuerst  in 
Hooker' s  Niger  Flora  vom  Jahre  1849  und  später  von 
Maxwell  Masters  bei  Oliver  i)  und  bei  Hooker  fil.  (1.  c), 
doch  sieht  man  aus  den  beigefügten  Synonymen  deutlich, 
dass  eben  W.  periplocifolia  allein  oder  zugleich  mit  einer 
verwandten  Art  gemeint  ist. 

Hier  ist  aber  noch  zu  bemerken,  dass  Bentham  und 
Hooker  (1.  c.)  zu  den  fünf  oder  sechs  Arten  dieser  Gattung 
auch  Sida  divergens  Bth.  rechnen,  welche  Grisebach^)  zu 
der  besonderen  Section  Wissada  von  Sida  erhebt,  die  ge- 
wissermassen  zwischen  den  Gattungen  Sida  und  Wissadula 
die  Mitte  hält.  Diese  würde  demnach  die  siebente  Art 
ausmachen.  Sehen  wir  uns  jedoch  in  der  Litteratur  um, 
so  treffen  wir  eine  grössere  Zahl  von  Arten,  welche  hier- 
her gerechnet  werden  müssen.  Mit  sicherem  Takte  führt 
schon  De  Candolle  ^)  bei  Sida  in  der  ersten  Unterabtheilung 
der  dritten  Sektion  (Abutilon  Kth.)  neun  Arten  (Sida  peri- 
plocifolia, S.  ferruginea,  S.  excelsior  Cav.,  S.  hernandioides 
L'Herit.,  S.  Luciana  D.  C,  S.  spiciflora  D.  C.  (Abutilon 
spicatum  H.  B.  K.),  S.  Lechenaultiana  D.  C,  S.  nudiflora 
L'Herit.  mit  dem  Synonymon  S.  stellata  Cav.  und  S.  poly- 
antha  Schldl.)  auf,  welche  sämmtlich  zu  Wissadula  gehören, 
obwohl  wir  sie  nicht  alle  als  selbständige  Arten  anerkennen. 
Nach  diesem  Vorgange  hätte  man  erwarten  sollen,  dass  in 
den  folgenden  systematischen  Werken  eine  gleiche  oder 
ähnliche  Reihenfolge  angenommen  sein  würde,  doch  ist  dem 
nicht  so.  In  der  zunächst  erschienenen  Aufzählung  aller 
damals  bekannten  Pflanzen  von  Sprengel^)  vom  Jahre  1826 
finden  sich  unter  Nr.  30  Sida  ferruginea  D.  C.  (Abutilon 
ferrug.  H.  B.  K.),  später  unter  Nr.  69  S.  nudiflora  L'Hdrit. 


1)  Flora  of  trop.  Africa  I  pag.  182. 

2)  Flora  Brit.  W.  Ind.  pag.  77. 

3)  Prodr.  syst.  nat.  I  pag.  467. 

4)  Syst.  veget.  III  pag.  112  und  folgende. 


116  A.  Garcke: 

mit  den  Synonymen  S.  stellata  und  excelsior  Cav.^ 
S.  Luciana  D.  C,  S.  polyantha  Schldl.  ?  und  unter  Nr.  70 
S.  periplocifolia  mit  dem  fraglichen  Synonym  S.  Lechenaul- 
tiana  D.  C.  ?  und  erst  nach  4  Seiten  unter  Nr.  110 
S.  hernandioides  L'Herit.  und  nach  abermaliger  Unter- 
brechung unter  Nr.  158  S.  spiciflora  mit  dem  bekannten 
Synonym  Abutilon  spicatum  H.  B.  K.  Einen  besseren  An- 
schluss  an  De  Candolle  sehen  wir  bei  G.  Don'),  bei  welchem 
diese  Arten  unter  Abutilon  stehen,  mit  der  zwar  übel  an- 
gebrachten, aber  entschuldbaren  Einschiebung  von  A. 
sundaicum  Don  für  Sida  sundaica  Blume  2),  welche  der 
Autor  selbst  mit  S.  Luciana  und  Lechenaultiana  vergleicht, 
zwischen  A.  Lucianum  und  spicatum  und  der  richtigen 
Einfügung  der  inzwischen  von  St.  Hilaire  aus  Brasilien  be- 
kannt gemachten  Arten  A.  patens  und  parviflorum  zwischen 
A.  spicatum  und  A.  Lechenaultianum,  wobei  man  sich  nur 
wundern  muss,  dass  die  dritte  gleichfalls  hierher  gehörige 
Art,  A.  leucanthemum,  weiche  bei  St.  Hilaire  neben  den 
erwähnten  steht,  hier  durch  zehn  Arten  davon  getrennt  ist. 
Dieselbe  Reihenfolge  treffen  wir  auch  bei  D.  Dietrich  3) 
an,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  hier  die  beiden 
Gattungen  Sida  und  Abutilon  wieder  vereinigt  sind  und 
in  den  Namen  einige  Unrichtigkeiten  vorkommen,  so  steht 
S.  Hermanniae  statt  S.  hernandioides  und  S.  sundaica  Spr. 
statt  Blume,  während  Sprengel^)  den  Namen  in  S.  sundensis 
umänderte.  Ist  übrigens  die  von  HasskarP)  gegebene  aus- 
führliche Diagnose  und  Beschreibung  richtig,  so  gehört  diese 
Pflanze  gar  nicht  zur  Gattung  Wissadula,  sondern  zu  Abutilon, 
wie  sie  denn  auch  mit  A.tubulosum  Hook,  und  A.  polyandrum 
Wght.  und  Arn.,  zweien  unzweifelbaft  zu  Abutilon  gehörigen 
Arten ,  verglichen  wird.  Damit  stimmt  auch  Miquel  ^) 
überein. 


1)  Gener.  syst,  of  gard.  I  pag.  500. 

2)  Bijdragen  pag.  78. 

3)  Syn.  plant.  IV  pag.  851. 

4)  Syst.  veget.  IV  2  pag.  259. 

5)  Retzia  I  pag.  130. 

6)  Flor.  Ind.  batav.  I  2.  pag.  143. 


Wie  viel  Arten  von  Wissadula  giebt    es?  117 

In  der  erwähnten  Niger  Flora  von  Hooker  findet  sich 
bei  W.  rostrata  unter  den  Synonymen  auch  Abutilon  parvi- 
florum  St.  Hilaire,  welche  nicht  zu  verwechseln  ist  mit 
einer  unter  diesem  Namen  von  Martins  ausgegebenen 
Pflanze.  Letztere  weicht  wegen  der  steifen,  einfachen,  ab- 
stehenden Haare  am  Stengel,  an  den  Aesten,  den  Blatt- 
und  Blutenstielen  von  allen  anderen  bedeutend  ab  und  ist 
in  Folge  dieses  auffallenden  Merkmals  unter  den  nahe- 
stehenden am  leichtesten  zu  erkennen.  Von  Presl  wurde 
sie  nach  einer  von  Lhotzky  in  Brasilien  gesammelten  Pflanze 
als  W.  hirsuta  beschrieben,  wie  dies  von  Hooker  richtig 
bemerkt  ist.  Sie  war  aber  dort  schon  früher  von  Salzmann, 
später  von  Luschnath  gesammelt  und  von  Klotzsch ')  als 
Abutilon  crinitum  bestimmt. 

Der  Spcciesname  rostrata  ist  von  Planchon  vorange- 
stellt, weil  Schumacher  und  Tiionning^)  neben'  vielen 
anderen  unhaltbaren  Arten  aus  Guinea  auch  eine  S.  rostrata 
verötfentlichten.  Zu  dieser  wird  aber  von  Hooker  (1.  c.) 
auch  Abutilon  laxiflorum  Guillem.  und  Perrott. ''^)  und  als 
bekannteste ,  in  den  Sammlungen  häufigste  Sida  sive 
Wissadula  heterosperma  Höchst,  gestellt. 

Im  tropischen  Afrika  ist  diese  Pflanze  an  vielen  Orten 
gefunden,  Masters  sagt  aber  selbst,  dass  sie  auch  in  West- 
Indien,  Brasilien  und  vielleicht  auch  in  Ost-Indien  vor- 
komme. Kann  man  sich  mit  dieser  Angabe  der  geo- 
graphischen Verbreitung  der  Pflanze  einverstanden  erklären, 
so  muss  auch  eine  andere,  viel  früher  publicirte  Art, 
S.  hernandioides  L'Herit.  ^),  dazu  gerechnet  werden  und 
diesem  Namen  würde  dann  das  Prioritätsrecht  zukommen. 
Sechs  Jahre  nach  L'Heritier  machte  ausserdem  Cavaniiles 
in  seiner  monographischen  Bearbeitung  der  Malvaceen  Sida 
excelsior^)  bekannt,  welche  nach  Presl'^  Vorgange  theils 
als  besondere  Art  von  Wissadula  angesehen,  theils  zugleich 

1)  Linnae.a  XIV  (1840)  pag.  301. 

2)  Beskr.  af  Guin.  PL  pag.  306. 

3)  Flora  Senegamb.  I.  pag.  66. 

4)  Xov.  stirp.  pag.  121  tab.  58. 

5)  Diss.  I  pag.  27  tab.  5  fig.  3. 


118  A.  Garcke: 

mit  Sida  hernandioides  L'Herit.  zu  Abutilon  periplocifolium 
gestellt  wurde,  wie  dies  Grisebach  (1.  c.)  gethan  hat.  Es 
ist  nun  nicht  zu  leugnen,  dass  beide  im  ganzen  Habitus 
eine  grosse  Aehnlichkeit  besitzen  und  wohl  mit  Recht  ver- 
einigt werden,  wenn  auch  die  Früchte  von  S.  hernandioides 
meist  kleiner,  kugeliger  und  in  der  Regel  weniger  lang 
geschnäbelt  sind.  Uebrigens  wollen  wir  noch  hervorheben, 
dass  Presl  zwar  S.  periplocifolia  und  S.  excelsior  getrennt 
wissen  wollte,  letztere  auch  mit  besonderer  Diagnose  ver- 
sah und  den  von  Cavanilles  gegebenen  Namen  als 
Sjnonymon  hinzusetzte,  in  Wirklichkeit  aber  nur  die  von 
Haenke  gesammelte  typische  S.  periplocifolia  vor  sich  hatte 
und  unter  dem  Namen  Wissadula  excelsior  ausgab.  Eben- 
so gehören  die  auf  Tafel  69  unter  a — n  gegebenen  Figuren 
nicht  zu  W.  excelsior,  sondern  zu  W.  periplocifolia. 

Die  von  De  Candolle  als  zweite  Varietät  {ß.  caribaea) 
zu  Sida  periplocifolia  gezogene,  in  Jamaica  einheimische 
Pflanze  wird  jetzt  wohl  allgemein  als  mit  Wissadula  rostrata 
zufammenfallend  angesehen,  dagegen  möchten  wir  die  als 
fragliche  dritte  Varietät  angeführte  {y.  ?  peruviana)  als  mit 
S.  nudiflora  L'Herit.  identisch  betrachten.  Der  Linue'sche 
Name  periplocifolia  würde  demnach  nur  der  ersten  Varietät 
(«.  zejlanica)  verbleiben  und  die  Pflanze  als  selbständige 
Art  aufzufassen  sein. 

Als  nächste  Verwandte  von  Sida  periplocifolia  finden 
wir  nun  bei  De  Candolle  S.  ferruginea  angereiht,  von 
Kunth  als  Abutilon  ferrugineum  beschrieben,  von  welcher 
der  Autor  aber  selbst  sagt,  dass  sie  der  S.  periplocifolia 
sehr  ähnlich  sei,  wobei  es  ohne  Ansicht  eines  Originals 
allerdings  fraglich  bleibt,  welcher  De  Candolle'schen  Varie- 
tät sie  zugeschrieben  werden  soll.  Fast  möchte  mau  aber 
nach  der  Kunth'schen  Schlussbemerkung  zu  der  Vermuthung 
gelangen,  dass  man  es  hier  in  der  That  mit  der  echten 
S.  periplocifolia  L.  zu  thun  habe,  worauf  auch  der  Species- 
name  deutet,  denn  die  rostbraune  Farbe  tritt  bei  keiner 
anderen  Art  so  deutlich  hervor,  als  bei  dieser.  Aehn- 
lich  verhält  es  sich  mit  der  von  De  Candolle  als  Sida 
Lechenaultiana  eingeführten  Art,  die  er  aus  dem  botanischen 
Garten  zu  Calcutta  erhalten  hatte,  welche  wahrscheinlich 


Wie  viel  Arten  von  Wissadula  giebt  es?  119 

noch  jetzt  als  Unkraut  dort  vorkommt,  wenigstens  führt  sie 
Masters  in  Hookers  Flora  ^)  als  solche  auf.  Was  wir  aus 
dieser  Quelle  unter  verschiedenen  Namen,  aber  mit  der 
von  Masters  gegebenen  Diagnose  und  Beschreibung  über- 
einstimmend sahen,  schien  uns  von  W.  hernandioides  nicht 
verschieden  zu  sein.  Ebenso  verdient  Sida  Luciana  D.  C. 
blos  wegen  des  gedrungenen  Blütenstandes  nicht  von  dieser 
getrennt  zu  werden.  So  bleibt  denn  von  den  in  diese 
Verwandtschaft  gehörigen,  von  De  Candolle  aufgezählten 
Arten  nur  Sida  polyantha  Schldl.^),  eine  früher  im  Berliner 
botanischen  Garten  gezogene  Pflanze,  übrig,  von  welcher 
gesagt  wird,  dass  sie  der  S.  nudiflora  sehr  ähnlich  sei,  aber 
eine  kleinere  Blumenkrone  besitze.  Dieses  Merkmals  wegen 
möchten  wir  sie  aber  eher  zu  S.  hernandioides  ziehen,  da 
der  blattlose  Blütenstand ,  zwar  schon  von  L'Heritier  als 
besonders  wichtiges  Kennzeichen  für  S.  nudiflora  hervorge- 
hoben, bei  den  verwandten  Arten  ebenfalls  vorkommt, 
während  die  grosse  Blüte  für  letztere  sehr  bezeichnend  ist. 
Die  Pflanze  ist  übrigens  nicht  mit  Sida  polyandra  Koxb. 
oder,  wie  sie  auch  genannt  wird,  S.  persica  Burm.  ä)  zu 
verwechseln,  wie  dies  von  Masters  (1.  c.)  geschehen  ist, 
welcher  die  Roxburgh'sche  Pflanze  als  Abutilon  polyandrum 
Schldl.  aufführt.  An  dieser  von  Masters  für  A.  polyandrum 
mit  Unrecht  citierten  Stelle  ^)  findet  sich  auch  eine  vielleicht 
nur  einmal  im  Berliner  botanischen  Garten  cultivierte  mit 
kurzer  Diagnose  als  Sida  contracta  Link  eingeführte  Art 
aus  Madagaskar,  welche  mit  S.  nudiflora  verglichen  wird, 
aber  nur  ohne  Blüte  und  Frucht  bekannt  war  und  deshalb 
besser  unbenannt  geblieben  wäre. 

Unter  den  von  St.  Hilaire^)  publicierten  Arten  der 
Gattung  Abutilon  treffen  wir  ausser  dem  erwähnten 
A.  parviflorum  noch  A.  patens  und  leucanthemum  als  in 
diesen  Kreis  gehörig  an.  Beide  sind  vom  Autor  ausführ- 
lich beschrieben  und  da  erstere  auch  von  anderen  Reisenden 


1)  Flora  of  Brit.  Ind.  I  pag.  325. 

2)  Link  Enumeratio  Plant.  Hort.  Berol.  II  pag.  204. 

3)  Flora  Indica  pag.  148  tab.  47  fig.  1. 

4)  Link  Enumerat.  1.  c. 

5)  Flora  Brasil,  merid.  Vol.  I  pag.  196  sq. 


120  A.  Garcke: 

iu  Brasilien  gesammelt  wurde,  so  ist  sie  zur  Genüge  be- 
kannt. Die  Blätter  sind  länglich,  nur  kurz  bespitzt  und 
meist  mit  stumpfer  Spitze,  niemals  mit  so  langer  Spitze 
als  bei  W.  laxiflora,  am  Grunde  abgerundet  oder  stumpf, 
kaum  einmal  schwach  herzförmig  und  die  dunkelgrüne 
Oberseite  bildet  einen  lebhaften  Contrast  mit  der  hellen 
Unterseite.  Abutilou  leucanthemum  St.  Hil.  soll  sieh  zwar 
durch  weisse  Blüten  unterscheiden,  doch  kommen  solche 
auch  bei  A.  parviflorum  vor  und  beide  möchten  wir  nicht 
von  W.  hernandioides  getrennt  wissen. 

Die  Abgrenzung  mancher  Arten  ist  in  dieser  Gattung 
ausserordentlich  schwierig,  häufig  sind  die  unbedeutendsten 
Merkmale,  bisweilen  sogar  nur  Alterszustände  oder  Ver- 
kümmerungen zur  Aufstellung  von  Arten  benutzt  worden, 
woher  es  denn  kommt,  dass  einige  Species  eine  reiche 
Synonymie  besitzen.  Da  der  Fruchtbau  bei  allen  Arten 
übereinstimmt,  so  hat  man  hin  und  wieder  in  der  längeren 
oder  kürzeren  Schnäbelung  oder  Zuspitzung  der  Klappen 
Unterschiede  finden  wollen,  obgleich  dieselbe  oft  an  ein 
und  demselben  Exemplar  variiert.  Aehnlich  verhält  es  sich 
mit  der  Form  der  Blätter,  welche,  da  sie  fast  alle  ganz- 
randig  oder  nur  sehr  fein  gezähnelt  sind,  ohnehin  wenig 
Anhalt  zur  Unterscheidung  bieten;  wichtiger  und  beachtens- 
werter ist  bei  ihnen  das  Verhältniss  der  Länge  zur  Breite. 
So  ist  zu  bewundern,  dass  bei  De  Candolle  (1.  c.)  gegen 
das  sonst  im  ganzen  Werke  befolgte  Prinzip,  verwandte 
Formen  möglichst  auseinanderzuhalten  und  als  eigene  Arten 
anzusehen,  unter  Sida  periplocifolia  drei  Varietäten  vereinigt 
sind,  welche,  wie  wir  gesehen  haben,  unstreitig  ebenso  vielen 
Arten  angehören. 

Am  besten  unterschieden  sind,  wie  schon  oben  bemerkt, 
W.  spicata  wegen  des  stets  einfachen  ährenförmigen  Blüten- 
standes und  der  breiten,  oft  kreisförmigen,  bisweilen  fast 
nierenförmigen,  plötzlich  lang  und  schmal  zugespitzten  Blätter, 
W.  periplocifolia,  wenn  man  darunter  eben  nur  W,  zeylanica 
Medik.  versteht,  mit  den  abgestutzten  oder  sehr  schwach 
herzförmigen,  dreieckig -länglichen  mittleren  und  oberen 
Blättern ,    welche    oft    dreimal    länger    als    breit    sind    und 


"Wie  viel  Arten  von  Wissadula  giebt  es?  121 

W.   birsuta  Presl    wegen    der    einfacheii,    abstehenden  Be- 
haarung. 

Am  meisten  schwankt  die  Blattform  bei  Sida  hernau- 
dioides,  excelsior,  rostrata,  laxiflora  und  parvifiora,  welche 
aber  sonst  iu  ihrer  ganzen  Tracht  einander  so  täuschend 
ähnlich  sind,  dass  es  wohl  am  besten  ist,  sie  als  zu  einer 
Art  gehörig  zu  betrachten. 

Selbst  Wissadula  nudiflora,  im  normalen  Zustande  durch 
kleinere ,  fast  kreisrunde  Blätter  und  mehr  als  doppelt 
grössere  Blüten  zu  unterscheiden,  ist  bisweilen  schwer 
von  W.  bernandioides  zu  trennen. 

Während  W.  scabra  Presl  im  Habitus  von  allen  übrigen 
Arten  dieser  Gattung  sehr  abweicht,  stimmt  eine  andere, 
bisher  stets  zu  Abutilon  gestellte  Art  weit  mehr  mit  den 
echten  Wissadula-Arten  überein,  wir  meinen  A.  holosericeum 
Scheele  ^). 

Da  der  Autor  ungeachtet  der  ausführlichen  Diagnose 
nnd  Beschreibung  die  Verwandtschaft  der  neu  beschriebenen 
Art  verschweigt  und  nicht  einmal  die  Section  angiebt,  in 
welche  sie  zu  stellen  ist,  was  in  einer  so  artenreichen 
Gattung  wie  Abutilon  wohl  hätte  erwartet  werden  dürfen, 
auch  die  eigenthümliche  Einschnürung  der  Karpelle  und  die 
Lage  der  Samen  unerwähnt  lässt,  so  wird  man  kaum  auf 
die  Vermuthung  kommen,  dass  man  es  hier  mit  einer 
Wissadula  zu  thun  habe.  Dies  erfährt  man  selbst  von 
Asa  Gray  nicht,  dessen  A.  velutinum^)  mit  A.  holosericeum 
identisch  ist,  aber  die  von  beiden  Autoren  ausgegebenen 
Pflanzen  lassen  keinen  Zweifel  über  die  richtige  Stellung 
der  Art.  Eher  könnte  man  Bedenken  tragen,  Abutilon 
mucronulatum  A.  Gray  3)  mit  angeblich  4 — 5  Samen  hier- 
her zu  bringen,  wenn  nicht  der  überaus  sorgfältige  Autor 
selbst  die  Art  später^)  zur  Gattung  Wissadula  gestellt  hätte, 
wie  dies  auch  von  Sereno  Watson^)  anerkannt  wird. 


1)  Linnaea  Vol.  XXI  (1848)  S.  471. 

2)  Gener.  fl.  Amer.  Vol.  II  pag.  67  et  230  tab  125. 
31  Proc.  Amer.  Acad.  V.  175. 

4)  In  Emory  Report.  U.  St.  Part  II  pag.  39. 

5)  BiograpMcal  Index  pag.  144. 


122  A.  Garcke: 

Am  verbreitetsten  von  diesen  sind  W.  periplocifolia 
und  hernandioides,  da  sie  in  allen  Tropenländern  gefunden 
wurden,  W.  nudiflora  und  spicata  sind  auf  Südamerika, 
W.  divergens  auf  Südamerika  und  die  Antillen,  W.  patens 
und  hirsuta  auf  Brasilien  beschränkt,  während  W.  scabra, 
holosericea  und  mucronulata  nur  in  Nordamerika  (Mexico, 
Texas  u.  s.  w.)  vorkommen. 

Der  besseren  Uebersicht  wegen  lassen  wir  nun  die 
Arten  mit  ihren  Synonymen  in  chronologischer  Reihe 
folgen. 

Wissadula  Medik. 

1.  W.  periplocifolia   Presl    Reliq.    Haenk.    IL    pag.    117 

(1831—36),  Thwaites  Enum.  pag.  27  (18G4). 
Sida  periplocifolia  L.  Spec.  plant,  ed.   1.  pag.  684 

(1753),  ed.  2.  Vol.  IL  pag.  962  (1763). 
Abutilon   periplocifolium   Sweet  Hort.   Brit.   ed.    2. 

pag.  64  (1830). 
Wissadula  zeylanica  Medik.     Künstl.   Geschlechter 

der  Malven-Familie  S.  25  (1787). 
Abutilon   ferrugineum  H.  B.   K.  Nov.   gen.  americ. 

V.  pag.  271  ?  (1821) 
Sida  ferruginea  DC.  Prodr.  I.  pag.  468  ?  (1824). 

2.  W.   hernandioides. 

Sida  hernandioides  L'Herit.  Stirp.  nov.  fasc.  V.  pag. 

121  t.  58  (1785). 
Sida    excelsior   Cav.   Diss.  I.   pag.    27    t.   5  fig.    3 

(1790). 
Sida  polyantha  Schldl.  in  Link  Enum.    horti  berol. 

IL  pag.  204  (1822). 
Sida  contracta  Lk.  1.  c.  (1822). 
Sida  Luciana  DC.  Prodr.  I.  pag.  468  (1824). 
Sida  Lechenaultiana  DC.  1.  c.  (1824). 
Sida  rostrata   Schum.   et    Thonn.    Beskr.   af  Guin. 

plant,  pag.  306  (1827). 
Abutilon  parviflorum  St.  Hil.  Flor.  Brasil,  merid.  I. 

pag.  201  (1827). 
Abutilon    leucanthemum    St.    Hil.    1.    c.    pag.    200 

(1827). 


Wie  viel  Arten  von  Wissadula  giebt  es?«  123 

Abutilon  hernandioides  Sweet  Hort.  Brit.  ed.  2  pag 

64  (1830). 
Abutilon  polyanthum  Sweet  1.  e.  (1830). 
Abutilon  contractum  Sweet  1.  c.  (1830). 
Abutilon  Lucianum  Sweet  1.  c.  (1830). 
Abutilon  Lecbenaultianum  Sweet  1.  c.  (1830). 
Abutilon  excelsior  (sie !)  G.  Don  Gener.  syst.  I.  pag. 

500  (1831). 
Sida  stellata  G.  Don  1.  c.  pag.  499  (nee  Cav.)  sec. 

Hook.  Niger  Flor.  pag.  229. 
Abutilon   laxiflorum    Guill.    et   Perr.    Flor.   Seneg. 

I.  pag.  66  (1831—33). 
Wissadula  hernandioides?  et  W.  excelsior  Presl  1.  c. 
Wissadula  rostrata  Planch.   in  Hook.  Niger  Flora 

pag.  229  (1849). 
Abutilon  verbascoides  Turcz.  Bull.  Mose.  1858  pag. 

202  (ex  Triana  et  Planch.    Ann.    sc.  nat.  IV. 

Ser.  (1862)  pag.  187.) 
Wissadula  Lechenaultiana  Masters  in  Hook.   Flor. 

of  Brit.  Ind.  I.  pag.  325  (1874). 
Sida  heterosperma  Höchst,  mss.  in  plant.  Kotschyan. 
Wissadula    heterosperma    Höchst,    mss.    in    plant. 

Schimper. 

3.  W.   nudiflora. 

Sida   nudiflora   L'Herit.    Stirp.    nov.    fasc.  V.    pag. 

123  tab.  59  (1785). 
Sida   stellata  Cav.    diss.   I.   pag.   27  tab.  5   fig.  4 

(1790). 
Abutilon  nudiflorum  Sweet  1.  c.  (1830). 

4.  W.   spicata  Presl  Reliq.  Haenk.  II.  pag.  117  (1831—36). 

Abutilon  spicatum  H.  B,  K.  Nov.    gen.  americ.  V. 

pag.  271  (1821). 
Sida  spiciflora  DG.  Prodr.  I.  pag.  468  (1824). 
Wissadula  gymnostachya  et  W.  Jamesonii  Turczan. 

in  Bull.  Soc.   imp.   nat.  Mose.  1858  pag.  202. 

5.  W.   patens. 

Abutilon  patens  St.  Hil.  Flor,  Brasil,  merid.  I.  pag. 
200  (1827), 


124      A.  Garcke:     Wie  viel  Arten  von  Wissadiila  giobt  es? 

6.  W.   hirsuta  Presl  1.  c. 

Abutilon     parviflorum     Martins     hb.     flor.     Brasil. 

(nee.  St.  Hil.) 
Abutilon    crinitiim  Klotzsch  in   Linnaea    vol.    XIV. 

(1840)  pag.  301. 

7.  W.   scabra  Presl  1.  c. 

8.  W.   holosericea. 

Abutilon  bolosericeum  Scheele  in  Linnaea  vol.  XXI. 

(1848)  pag.  471. 
Abutilon   velutiuuni   Asa  Gray  Gener.  flor.  Americ. 

IL  pag.  67  et  230  tab.  125. 

9.  W.   mueronulata  Asa  Gray  in  Emory  Report  U.  St.  Part. 

IL  pag.  39  (1858). 
Abutilon    mueronulatum    Asa    Oray    Proc.    Americ. 
Academ.  V.  pag.  175. 
10.  W.    divergens   Bth.    et  Hook.   gen.   plant.   I.    pag.   204 
(1862). 
Sida    divergens   Bth.    Bot.    of   Beleb,   voy.    of   the 
Sulphur  pag.  69  (L844). 


lieber  ein  Vorkommen  von  Krystallen  in  der 
Formation  des  Kenpers. 

Von  E.  Bunker,  Geheimer  Bergrath  a.  D.  in  Halle  a.  S. 


Unter  Weserthal  im  engeren  Sinne  wird  das  schöne 
breite  Thal  verstanden,  welches  sich  von  Hameln  bis 
Vlotho  erstreckt.  In  dem  oberen  Theile  des  im  Süden  des 
Thaies  auftretenden  und  im  Ganzen  nach  Norden  ein- 
fallenden Keupers  zeichnet  sich  besonders  eine,  vielfach 
für  den  Ackerbau  benutzte  Schicht  grauen  Mergels  durch 
ein,  schon  von  Hausmann  beschriebenes,  ^)  Vorkommen 
von  Krystallen  aus. 

Sie  enthält  zunächst  in  grosser  Menge  ringsum  ausge- 
bildete, durch  Zersetzung  zu  Brauneisenstein  gewordene 
Krystalle  von  Schwefelkies. 

Die  vorkommenden  Gestalten  sind  Qo02  und  co02.  coOx  ^ 

2~  2~ 

tlieils  einfach,  theils  in  den  bekannten  Durchkreuzungs- 
Zwillingen.  Zu  Hohenrode  bei  Rinteln  fand  ich  darin  als 
Seltenheit  auch  kleine,  sehr  regelmässig  ausgebildete 
Octaeder,  deren  Fundort  in  Folge  der  Anlegung  eines 
Fahrweges  nicht  mehr  zugänglich  ist. 

In  einer  tiefer  liegenden  röthlichen  Mergelschicht 
kommen  ebenfalls  die  zersetzten  Kiese  vor,  aber  nur  in 
Würfeln.  Anders  gestaltete,  unansehnliche  Krystalle  in 
einer  höher  liegenden  Mergelschicht  beim  Dorfe  Friedrichshöhe 
nach  Osten  haben  zwar  eine  dünne  graue  Haut,  sind 
darunter  aber  uuzersetzt. 


1)  Uebersicht   der  jüngeren  Flötzgebilde  im  Flussgebiete  der 
Weser.     1824.    S.  265  u.  w. 


126  E.  Dunker: 

Ausser  den  Kiesen  enthält  die  Schicht  des  grauen 
Mergels  hohle  kugelförmige,  sphäroidische  oder  unregel- 
mässige Massen  von  krystallinischem  Kalke,  deren  fast  stets 
vorhandene  Hohlräume  mit  Bergkrystallen  und  daneben 
oft  auch  mit  einigen  Kalkspathkrystallen  besetzt  sind.  Die 
Bergkrystalle  sind  in  der  Regel  von  grosser  Klarheit  — 
sogenannte  Schaumburger  oder  Lippische  Diamanten,  — 
im  Durchschnitt  zwar  nicht  gross,  aber  nach  Hausmann 
zuweilen  die  Grösse  von  einem  Zoll  und  wohl  noch  da- 
rüber erreichend. 

Man  wird  sich  dies  Vorkommen  so  erklären  können, 
dass  im  Mergel,  als  er  noch  weich  war,  durch  Zersetzung 
Gase  und  dadurch  Hohlräume  entstanden.  In  diese  gelangte 
dann  Kalklösung,  aber  in  den  meisten  Fällen  nur  so  lange, 
dass  der  abgelagerte  krystallinische  Kalk  noch  einen 
grösseren  oder  kleineren  Hohlraum  übrig  liess,  in  welchem 
durch  zugeführte  Kieselsäurelösung  die  Bergkrystalle  und 
neben  ihnen  durch  weitere  Zuführung  von  Kalklösung  auch 
einige  Kalkspathkrystalle  entstanden. 

Bei  Vlotho  erstreckt  sich  der  Keuper  auch  auf  das 
rechte  Weserufer.  Hier  fand  ich  vor  langer  Zeit  an  der 
senkrechten  Wand  eines  Mergelbruchs,  dass  der  krystallinische 
Kalk  eine  zusammenhängende  Schicht  bildete,  unterbrochen 
von  Höhlungen,  die  kleine  Bergkrystalle  enthielten.  Diese 
Schicht  zog  sich  wie  ein  etwa  18  Centimeter  breites  Band 
wohl  6  Meter  lang  an  der  Mergelwand  hin,  was  durch  die 
vielen  blitzenden  Bergkrystalle  sehr  schön  aussah.  Der 
Fortbetrieb  der  Bruchs  hat  dies  beseitigt,  es  kommen  aber 
daselbst  an  anderen  Stellen  die  Krystalle  in  sehr  kleinen 
Drusen  noch  vor. 

Das  Vorkommen  der  Bergkrystalle  erstreckt  sich  von 
Hohenrode  nach  Süden  bis  zu  dem  hochliegenden  Dorfe 
Goldbeck,  nach  Westen  bis  Vlotho  und  in  dem  dazwischen 
liegenden  Theile  des  Fürstenthums  Lippe -Detmold.  So 
ist  dadurch  eine  Art  von  Krystallflötz  gebildet,  das  mehr 
als  eine  Quadratmeile  umfassen  wird. 

Es  scheint  mir  wünschenswerth,  dies  interessante  Vor- 
kommen für  Mineraliensammlungen  zugänglicher  zu  machen, 
als  es  bisher  gewesen  ist,    nicht  sowohl  zur  Beschaffung 


Ueber  ein  Vorkommen  von  Krystallen  etc.  127 

einzelner  Krystalle,  als  ihrer,  die  Art  des  Vorkommens 
zeigenden  Drusen. 

Bei  ihrer  weiten  Verbreitung  kann  es  scheinen,  sie 
seien  ohne  Weiteres  in  erwünschter  Beschaffenheit  zu  er- 
langen. So  einfach  ist  es  aber  nicht.  Zunächst  muss  doch 
die  Mergelschicht  biosgelegt  sein.  Im  Weserthale  tritt  das 
nur  ein,  wenn  sich  ein  Thal  nach  Süden  in  den  Keuper 
erstreckt. 

Das  ist  nur  bei  dem  Dorfe  Hohenrode  der  Fall  und 
das  Vorkommen  würde  von  da  nach  Osten  noch  weiter  zu 
beobachten  sein,  wenn  es  da  nicht  an  einem  solchen  Thal- 
einschnitte fehlte. 

Ist  ein  Mergelbruch  lange  nicht  benutzt  worden,  so 
können  weitläuftige  Aufräumungsarbeiten  erforderlich  sein. 
Am  besten  ist  es,  man  kommt,  wenn  Mergel  gebrochen 
worden  ist  und  im  Bruche  noch  die  hohlen ,  die  Krystalle 
enthaltenden  Massen  liegen,  die  man  nur  aufzuschlagen 
braucht.  So  fand  ich  es  in  Hohenrode  und  von  da  stammen 
auch  die  von  mir  gesammelten  Drusen.  Kommt  man  später, 
so  können  sie  schon  als  Strassenbaumaterial  zerkleinert  sein. 

Das  Sammeln  ist  daher  am  sichersten  und  bequemsten, 
wenn  man  am  Orte  des  Vorkommens  oder  in  dessen  Nähe 
wohnt.  Das  ist,  weil  die  besten  Arten  des  Vorkommens 
mehr  oder  weniger  bei  Dörfern  liegen,  bei  den  in  denselben 
wohnenden  Schullehrern  der  Fall,  die  sich  also  besonders 
gut  zu  Sammlern  eignen.  Die  gesammelten  Drusen  würden 
an  Mineralien -Handlungen,  Privat-  und  öffentliche  Samm- 
lungen, die  grösseren  namentlich  an  die  letzteren  verkauft 
werden  können.  Ich  selbst  würde  eine  schöne  Druse  gern 
erwerben,  weil  ich  zwar  die  Kiese  in  grosser  Menge  besitze, 
mir  aber  das,  was  ich  an  Drusen  gesammelt  habe,  bis  auf 
ein  kleines  Stück,  in  nicht  erklärter  Weise  abhanden  ge- 
kommen ist.  Zur  Darstellung  des  Vorkommens  würden 
auch  gute  Exemplare  der  Kiese  gehören. 

Als  Fundorte  der  Bergkrystalle  giebt  Hausmann  an 
den  hohen  Ash  bei  Bösingfelde ,  Langenholzhausen  im 
Lippischen  und  Ufifeln  bei  Vlotho.  Hierzu  kommt  noch 
Hohenrode.     Der  Fundort  zu  Uffeln  ist  der  schon  erwähnte 


128    E.  Dunker:     Uebei*  ein  Vorkommen  von  Krystalleu  etc. 

auf  dem  rechten  Weserufer  und  jetzt  wahrscheinlich  nur 
noch  wenig  brauchbar. 

Der  hohe  Ash  zeigt  nach  meiner  Beobachtung  das 
Vorkommen  nicht  anstehend ,  sondern  als  sogenannten 
Diamantacker,  das  heisst,  auf  dem  Ausgehenden  liegt  ein 
Acker,  in  den  die  Krysalle  gelangt  sind,  was  so  aussieht, 
als  ob  man  Glasstücke  darauf  ausgestreut  hätte. 

Der  frühere,  nicht  mehr  zugängliche  Fundort  in  Hohen- 
rode  wird  sich  durch  einen  anderen  ersetzen  lassen.  Es 
befindet  sich  nämlich  etwas  weiter  nach  Süden  am  Wald- 
rande ein  Lehmgraben,  in  dem  die  Kinder  Kry stalle,  die 
vom  Ausgehenden  herabgeschwemmt  sein  müssen,  schon 
seit  langer  Zeit  gefunden  haben  und  noch  finden.  Räumt 
man  also  von  da  am  Abhänge  nach  oben  in  gerader 
Richtung  das  trockene  Laub  und  etwas  Erde  fort,  so  wird 
man  die  anstehenden  Krystalle  erreichen.  In  dem  Lehm- 
graben sollen  auch  früher  Krystalle  gesammelt  sein,  um  sie 
als  Schmuck  für  das  Hoftheater  zu  Kassel  zu  benutzen. 

Wahrscheinlich  ist  auch  das  Dorf  Goldbeck,  das  unge- 
fähr eben  so  hoch  liegen  wird,  wie  die  Fundstelle  auf  dem 
hohen  Ash,  ein  guter  Fundort. 

Ich  begab  mich  daher  früher  auf  den  Weg  dahin  und 
war  schon  bis  zur  Försterei  in  Nösingfeld  gekommen, 
deren  Vorstand  mich  nach  Goldbeck  begleiten  wollte.  Da  trat 
aber  ein  so  starker  Regen  ein,  dass  ich  umkehren  musste. 

Zwischen  Nösingfeld  und  Goldbeck  befinden  sich  nach 
dem  betreffenden  Blatte  des  topographischen  Atlasses  von 
Kurhessen  Hohlwege  oder  tief  eingeschnittene  Fahrwege. 
Ihre  genaue  Untersuchung  ist  erforderlich,  weil  durch  sie 
das  Vorkommen  aufgedeckt  sein  kann.  Hiermit  steht  in 
Uebereiustimmung,  dass  Herr  Bornemann  zu  Rinteln  io  dem 
auf  der  Linie  Hohenrode-Goldbeck  liegenden  Rintelnschen 
Hagen  in  einem  Fahrwege  eine  Hohlkugel  von  mittlerer 
Grösse  mit  sehr  schönen  Krystalleu  gefunden  hat.  Da  nun 
auch  der  Fundort  Hohenrode  ein  guter  ist,  so  hat  man 
Aussicht,  auf  der  Linie  Hohenrode-Goldbeck  da,  wo  das 
Vorkommen  hinreichend  aufgeschlossen ,  oder  seine  Auf- 
schliessung nicht  zu  schwierig  ist,  schöne  Krystalle  zu  finden. 


lieber  Bau  und  Entwicklung  der  Kiemen  der 
Frosclilarven. 

Von  Hngo  Naue  aus  Oranienbaum  in  Anhalt. 
Mit  Tafel  II.  u.  III. 


Einleitung. 

Der  naäcbtigste  und  am  meisten  treibende  Faktor  in 
der  Entwicklung  der  Thiere  ist  das  Prinzip  der  Arbeits- 
theiluug.  In  Folge  dieses  Prinzipes  lokalisiren  sich  die 
einzelnen  Thätigkeiten  ;  es  entstehen  an  bestimmten  Orten 
des  thierischen  Körpers  den  einzelnen  Funktionen  genau 
angepasste  Organe.  In  sehr  deutlicher  und  klarer  Weise 
sehen  wir  dies  Prinzip  bei  der  Athmungsthätigkeit  in  An- 
wendung gebracht.  Das  Thier  braucht  zur  Erhaltung  seiner 
Lebensthätigkeit  den  Sauerstoff.  Um  diesen  zu  erhalten 
lind  in  sich  aufzunehmen,  dient  ihm  im  frühesten  Jugend- 
alter, und  bei  gewissen  Thierarten  die  ganze  Lebenszeit 
hindurch  die  gesammte  Körperoberfläche.  Sobald  jedoch 
die  Lebensthätigkeit  der  Thiere  eine  grössere  wird,  gentigt 
die  Athmung,  resp.  Zufuhr  des  Sauerstoffs  durch  die  Körper- 
oberfläche nicht  mehr,  sondern  es  bilden  sich  einzelne 
Organe,  welche  dies  Amt  übernehmen.  Je  grösser  und  ent- 
wickelter nun  das  Thier  ist,  um  so  mehr  Sauerstoff  gebraucht 
es  zu  seiner  Erhaltung  und  um  so  komplizirter  sind  die 
Athmungsorgane  gebaut. 

Beschränken  wir  uns  auf  den  Kreis  der  Wirbelthiere, 
so  sehen  wir,  dass  hauptsächlich  zwei  Organe  es  sind,  welche 
dazu  dienen,  den  Sauerstoff  aus  dem  umgebenden  Medium 
aufzunehmen  und  in  das  Blut  überzuführen.  Es  sind  dies 
die  Lungen,  welche  die  Bestimmung  haben,  den  Sauerstoff 
aus    der    atmosphärischen   Luft    aufzunehmen   und  welche 

Zeitsclirift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1800.  9 


L 


130  HugoNaue: 

somit  hauptsächlich  den  Landthiereu  eigen  sind  und  zweitens 
die  Kiemen,  welche  den  Sauerstoff  aus  dem  Wasser  ziehen 
und   deshalb   den  wasserbewohnenden[  Thiereu     zugehören. 

Verfolgen  wir  den  Entwicklungsgang  der  Thiere,  so 
finden  wir,  dass  nicht  alle  sich  sofort  aus  dem  Ei  zu  dem 
definitiven  Thiere  entwickeln ,  sondern  dass  sie  oft  auch 
nach  der  Geburt  noch  einer  Reihe  von  Metamorphosen 
unterworfen  sind,  die  eine  verschiedene  Lebensweise  be- 
dingen, dass  z.  B.  Individuen,  welche  später  fast  nur  auf 
dem  Lande  leben,  im  Jugendzustande  Wasserbewohner  sind. 
Den  verschiedenen,  während  ihrer  Lebenszeit  sie  um- 
gebenden Medien  angemessen,  müssen  auch  die  Athmungs- 
organe  verschiedene  sein.  Eins  der  schlagendsten  Beispiele 
hierfür  bietet  der  Frosch.  Bei  ihm  haben  wir  im  ersten 
Jugendstadium  nur  Athmung  durch  die  Körperhaut.  In  der 
weiteren  Entwicklung  bilden  sich  Kiemen,  deren  das  Thier 
zweierlei  Art  hat,  nämlich  einfachere  äussere  und  im  späteren 
Larvenstadium  zusammengesetzte  innere,  denn  dasselbe  ist 
im  Larvenzustande  ein  Wasserbewohner.  Bei  der  Meta- 
morphose in  das  definitive  Thier  verschwinden  diese,  während 
sich  gegen  Ende  des  Larvenzustandes  schon  Lungen  ge- 
bildet haben,  welche  alsbald  in  Funktion  treten. 

Ein  so  bekanntes  und  weitverbreitetes  Thier  der  Frosch 
nun  auch  ist,  so  sind  dennoch  seine  jugendlichen  Respirations- 
Organe  weder  in  histologischer  noch  entwicklungsgeschicht- 
licher Hinsicht  genauer  untersucht,  und  schulde  ich  daher 
meinem  hochverehrten  Lehrer  Herrn  Geheimen  Hofrath  Pro- 
fessor Dr.  Leuckart  den  grössten  Dank,  dass  er  mich  auf 
dieses  Thema  aufmerksam  machte  und  mich  später,  während 
der  Untersuchungen,  durch  seine  reiche  Erfahrung  freund- 
lichst unterstützte. 


Litteratiir. 


Die  Besehreibungen  über  die  Kiemen  der  Batrachier 
beschränken  sich  zum  grossen  Theile  nur  auf  Untersuch- 
ungen makroskopischer  Art,  sowohl  in  anatomischer  als 
entwicklungsgeschichtlicher  Beziehung.  Erst  einige  der 
neueren   Forscher  haben   auch  die  Histologie  derselben  in 


Ueber  Bau  U.Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven,      lol 

Berücksichtigung-  gezogen.  Die  ältesten  Werke,  welche  ich 
benutzt  habe,  stammen  aus  dem  Jahre  1826.  Es  sind  zwei 
Abhandlungen  von  Rusconi  und  E.  Huschke. 

Der  erstere  schreibt  in  seiner  Arbeit:  „D6veloppemeut 
de  la  grenouille  commune  depuis  le  moment  de  sa 
naissance  jusqu'a  son  etat  parfait"  im  1.  Bande  pag.  12 
und  47,  dass  man  ungefähr  52  Stunden  nach  der  Geburt 
die  äussern  Kiemen  in  Gestalt  einer  Hervorragung  zu  beiden 
Seiten  des  Kopfes  bemerkt.  Der  Kopf  hat  sich  in  diesem 
Stadium  schon  ausgebildet  und  der  Schwanz  schon  in  die 
Länge  gezogen.  Er  verfolgt  dann  genau  die  Entwicklung 
der  äussern  Kiemen  bis  zu  deren  Verschwinden.  Bei  der 
Untersuchung  der  Innern  Kiemen  beschränkt  er  sich  haupt- 
sächlich auf  den  Verlauf  der  Blutgefässe,  während  die 
Anatomie  nur  wenig  Beachtung  gefunden  hat.  Bemerkens- 
werth  ist,  dass  er  eine  bei  vielen  späteren  Autoren  vermisste 
eingehendere  Beschreibung  der  später  zu  beschreibenden  sieb- 
artigen Gebilde  liefert,  und  sich  auch  über  ihre  physiologische 
Bedeutung  richtig  ausspricht,  indem  er  sagt  :  Leur  usage 
ä  ce  que  je  crois  est  de  retenir  dans  la  cavite  de  la  bouche 
les  corpuscules  que  le  tötard  avele  avec  l'eau,  qui  ä  la 
langue  pourroient  obstruer  le  canal  branchial  s'ils  n'etaient 
pas  rejetes  ainsi  d'apres  cette  supposition  j'ai  cru  devoir  les 
designer  par  le  nom  de  filtres. 

Die  zweite  Abhandlung  aus  demselben  Jahre  ist  die 
von  E.  Huschke  :  „Ueber  die  Umbildung  des  Darmkanals 
und  der  Kiemen  der  Froschquappen".  Der  Verfasser  be- 
schreibt darin  hauptsächlich  das  Verschwinden  der  Innern 
Kiemen  und  kommt  zuletzt  zu  dem  Schlüsse,  dass  aus  ihnen 
die  Schilddrüse  sich  bildet. 

Werthvolle  Aufzeichnungen  über  den  anatomischen  Bau 
der  Froschkieme  liefert  Bathke  in  seinen :  „Anatomisch- 
philosophischen Untersuchungen  über  den  Kiemenapparat 
und  das  Zungenbein  der  Wirbelthiere". 

Die  Abhandlung  stammt  aus  dem  Jahre  1832.  Merk- 
würdigerweise bringt  er  über  die  siebartigen  Gebilde  keine 
Bemerkung,  während  er  sonst  die  anatomischen  Verhältnisse 
eingehend  beschreibt  und  sich  sowohl  über  die  äusseren 
Kiemen,  als  auch  über  die  inneren  verbreitet,  und  sogar  der 

9* 


132  Hugo  Naue : 

Entwicklung  der  Opercularfalte  einige  Zeilen  widmet.  Sehr 
interessant  sind  anch  seine  Aufzeichnungen  über  das 
Schwinden  der  inneren  Kiemen,  sowie  über  deren  Verbleib. 

Auf  einige  Punkte,  in  denen  ich  mit  seinen  Angaben 
nicht  übereinstimme,  werde  ich  im  Laufe  der  Abhandlung 
zurückkommen. 

Einen  weiteren  Beitrag  zur  Kenntniss  der  Kiemen 
liefert  uns  eine  Abhandlung  vom  Jahre  1834  aus  der 
Feder  des  französischen  Glelehrten  Duges:  ,,Recherche8  sur 
l'osteologie  et  la  myologie  des  Batraciens  ä  leurs  differents 
äges''.  Der  Verfasser  giebt  darin  eine  Darstellung  der 
Entstehung  und  des  Verschwindens  der  äusseren  Kiemen 
und  macht  Angaben  über  den  Bau  der  inneren,  speciell, 
wie  der  Titel  besagt,  über  die  Muskulatur  und  den  Knochen- 
bau derselben. 

Zehn  Jahre  später  liessen  Prevost  et  Lebert  eine  Be- 
schreibung der  Kiemen  unter  dem  Titel :  ,,Sur  la  formation 
des  organes  de  la  circulation  et  du  sang  dans  les  Batraciens" 
erscheinen.  Nach  einer  kurzen  Beschreibung  der  Entstehung 
und  des  Baues  der  Kiemen  verbreiten  sie  sich  eingehender 
über  den  Inhalt  derselben  im  ersten  Stadium,  sowie  über 
die  Bildung  der  Blutgefässe. 

Die  erste  genauere  Beschreibung  der  Kiemen  finde  ich 
in  einer  Arbeit  aus  dem  Jahre  1882  von  E.  V.  Boas  :  „Ueber 
den  Conus  arteriosus  und  die  Arterienbogen  der  Amphibien''. 
Der  Verfasser  giebt  darin  eine  kurze  aber  genaue  Schilder- 
ung der  anatomischen  Verhältnisse,  sowohl  der  Kiemen,  als 
auch  der  siebartigen  Gebilde,  welche  sich  auch  auf  den 
histologischen  Bau  erstreckt.  Vornehmlich  aber  beschreibt 
derselbe  den  Verlauf  der  Blutgefässe  in  den  Kiemen  und 
den  siebartigen  Gebilden  der  ausgebildeten  Larve.  Am 
Schlüsse  seiner  Abhandlung  bespricht  er  noch  gewisse  Ver- 
änderungen, die  während  des  Uebergangsstadiums  der  Larve 
zum  definitiven  Thiere,  dem  Frosche,  sich  bemerkbar 
machen. 

In  einer  zweiten  Abhandlung  :  ,, Beiträge  zur  Angiologie 
der  Amphibien",  aus  dem  Jahre  1883,  bestreitet  Boas  ganz 
entschieden  die  Annahme  E.  Huschke's,  dass  die  Carotiden- 
drüse   aus   den  Kiemen   entstände.     Er  stellt  vielmehr  die 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven,      loo 

Bebaiiptimg  auf,  dass  dieselbe  durch  Aussackungen  der 
früheren  Kiemenarterien  und  der  Carotis  externa  ihren  Ur- 
sprung nehme. 

Die  Arbeit  des  Engländers  Thomas  Alcock :  „On  the 
development  of  the  common  frog'',  aus  dem  Jahre  1884, 
beschränkt  sich  lediglich  auf  Angaben  über  die  Zeit,  in  der 
die  einzelnen  Organe  entstehen,  ohne  indessen  weiter  auf 
dieselben  einzugehen. 

Zwei  weitere  Abhandlungen  über  die  Kiemen  sind  die 
im  Jahre  1888  erschienenen  Schriften  von  F.Maurer:  „Die 
Kiemen  und  ihre  Gefässe  bei  auuren  und  urodelen  Am- 
phibien und  die  Umbildung  der  beiden  ersten  Arterienbogen 
bei  Teleostiern'^  in  C.  Gegenbauers  morphologischem  Jahr- 
buch, und  von  F.  E.  Schulze  :  ,, Ueber  die  inneren  Kiemen 
der  Batrachierlarven",  aus  den  Abhandlungen  der  Königlich 
preussischen  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin. 

Der  Verfasser  der  ersten  Schrift  bezieht  sich,  wie  er 
in  seiner  historischen  Uebersieht  sagt,  zunächst  auf  die 
Arbeiten  von  Boas.  Er  ergänzt  dieselben  in  Bezug  auf  die 
erste  Entwicklung  der  Kiemengefässe  bei  den  Amphibien 
überhaupt,  sowie  speciell  den  Anurenlarven. 

Von  der  Arbeit  des  zweiten  Verfassers  ist  bis  jetzt  nur  der 
erste  Theil  erschienen  und  zwar  zu  einer  Zeit,  in  der  meine 
eigenen  Untersuchungen  schon  dem  Abschluss  nahe  waren. 
In  diesem  ersten  Theile  aber  ist  von  den  Kiemen  über- 
haupt noch  nicht  die  Rede.  Derselbe  behandelt  nur  das 
Epithel  der  Lippen  und  der  Mund-,  Kachen-  und  Kiemen- 
höhle. 

Aus  demselben  Jahre  stammt  schliesslich  auch  eine 
Abhandlung  von  P.  Jordan  :  „Die  Entwicklung  der  vorderen 
Extremität  der  Anuren  Batrachier". 

Der  Verfasser  liefert  in  derselben  eine  genaue  Be- 
schreibung des  Baues  und  der  Entwicklung  des  Kiemen- 
deckels und  des  die  beiden  Kiemenhöhlen  verbindenden 
Kanals. 


134  Hu  go  X aue  : 

Unter  suclum  gsm  a  t  er  ial . 

Der  leichten  Beschaffung  und  der  Menge  des  Materials 
wegen  habe  ich  meine  Untersuchungen  zumeist  an  Larven 
von  Rana  temporaria  und  esculenta  vorgenommen.  Zu 
Untersuchungen  unter  dem  Mikroskope  sowohl  in  topo- 
graphischer als  histologischer  Hinsicht  habe  ich  nur  oben- 
genannte beide  Arten  benutzt,  während  ich  bei  macros- 
kopischen  Untersuchungen  vielfach  auch  die  Larven  von 
Pelobates  fuscus ,  welche  in  der  Umgegend  von  Leipzig 
nicht  selten  vorkommen,  zu  Hilfe  genommen  habe,  nachdem 
ich  mich  durch  Vergleichung  derselben  mit  den  vorher  er- 
wähnten Arten  überzeugt  hatte,  dass  ausser  der  Differenz 
in  der  Grösse,  welche  allerdings  beträchtlich  ist,  zumal  da 
von  mir  nur  überwinterte  Larven  benutzt  wurden,  andere 
Unterschiede,  im  Bau  der  Kiemen  wenigstens,  nicht  vor- 
handen sind.  Larven  anderer  Froscharten  standen  mir 
nicht  zur  Verfügung. 


Untersucliiingsmetliodeii. 

Die  Konservirung  der  zu  untersuchenden  Objekte  habe 
ich  auf  zweierlei  Weise  vorgenommen  : 

1)  durch  Behandlung  mit  Chromsäure, 

2)  durch  Uebertragung  in  Sublimat. 

Bei  letzterer  Methode  verfuhr  ich  so,  dass  ich  die 
Thiere  in  konzentrirte  Sublimatlösung  brachte,  welche  vor- 
her auf  ca.  45  ^  C.  erwärmt  war.  In  derselben  wurden  sie 
binnen  weniger  Sekunden  abgetötet.  Bis  zum  Erkalten  der 
Lösung,  also  ca.  ^2  Stunde  verblieben  sie  darin.  Hierauf 
wurde  das  Sublimat  mit  Wasser,  oder  wenn  es  schneller 
gehen  sollte,  mit  Jodalkohol  ausgewaschen.  Die  auf  diese 
Weise  behandelten  Objekte  wurden  dann  zunächst  in  30  '/o 
Alkohol  gebracht,  später  in  70  bis  96  %  Alkohol  gehärtet 
und  schliesslich  in  ca.  90  °/o  übertragen. 

Auch  in  kaltem  Sublimat  versuchte  ich  einige  Thiere 
zu  konserviren,  doch  zeigte  sich  dabei  der  Uebelstand, 
dass  Verzerrungen  der  Organe  auftraten,  die  sie  zu  Unter- 
suchungen untauglich  machten. 


Ueber  Bau  it.  Entwicklang  der  Kiemen  der  Froschlarven.      135 

Ein  Versuch,  die  Thiere,  bevor  sie  in  kaltes  Sublimat 
gebracht  wurden,  durch  Curare  in  die  Muskelstarre  zu  ver- 
setzen und  sie  auf  diese  Weise  zu  Bewegungen  und  Ver- 
zerrungen unfähig  zu  machen,  zeigte  günstige  Resultate. 

Die  in  Chromsäure  konservirten  Objekte  konnte  ich 
leider  zu  mikroskopischen  Präparaten  fast  gar  nicht  ge- 
brauchen, da  keines  der  von  mir  angewendeten  Tinktions- 
mittel  die  Objekte  färbte.  Infolgedessen  sah  ich  mich  ge- 
nöthigt,  mich  bei  denselben  auf  makroskopische  Unter- 
suchungen zu  beschränken. 

Als  Färbemittel  benutzte  ich  Picrocarmin,  saures  Carmin 
und  Haematoxylin.  Bei  ersterer  Färbemethode  erhielt  ich 
sehr  schöne  Gesammtbilder,  während  sich  Haematoxylin 
mehr  zur  histologischen  Untersuchung  geeignet  zeigte. 

Um  den  Verlauf  der  Blutgefässe  besser  erkennen  zu 
können  ,  machte  ich  Versuche  mit  Injektionen.  Zur  ersten 
Injektion  benutzte  ich  salpetersaures  Silber,  doch  entsprach 
der  Erfolg  den  daran  geknüpften  Erwartungen  in  nur  sehr 
geringem  Maasse. 

Ein  zweiter  Versuch  mit  ammoniakarmer  Carminlösung, 
wozu  der  besseren  Neutralisation  wegen  etwas  Salz  hinzu- 
gesetzt war,  misslang  vollständig. 

Um  so  besser  gelang  mir  aber  ein  dritter  Versuch,  den 
ich  anstellte.  Ich  benutzte  dazu  die  feinste  chinesische 
Tusche,  welche  ich  mit  dem  Finger  abrieb. 

Auch  hier  setzte  ich  der  besseren  Neutralisirung  halber 
etwas  Salz  hinzu.  Der  Erfolg  war,  wie  schon  gesagt,  ein 
ganz  vorzüglicher. 

Die  Injektion  selbst  nahm  ich  auf  folgende  Weise  vor. 
Nachdem  das  Thier  durch  Curare  in  die  Muskelstarre  ver- 
setzt war,  legte  ich  das  Herz  frei.  Sodann  nahm  ich  das 
ganze  Thier  aus  dem  Wasser,  in  dem  es  bisher  gewesen 
war,  um  die  Injektion  im  Trockenen  auszuführen,  damit 
nicht  die  Tusche  durch  das  Wasser  wieder  ausgespült  werde. 
Nachdem  dies  geschehen,  stiess  ich  eine  in  eine  feine  Spitze 
ausgezogene  Glasröhre  in  das  Herz  ein  und  Hess  laugsam 
die  Injektionsmasse  in  dasselbe  hineinlaufen.  Da  durch 
die  feine  Glasspitze  das  Herz  nur  sehr  wenig  verletzt  wurde, 
arbeitete  es  noch  längere  Zeit  weiter  und  pumpte  selbst  die 


136  Hugo  Naiie : 

schwarze  Masse  in  die  Blutgefässe  und  von  da  in  die 
Kiemen.  Sofort  nach  geschehener  Injektion  wurde  das 
Objekt  zur  Härtung  sowohl  der  Gewebe,  als  besonders  auch 
der  Tusche  in  absoluten  Alkohol  gebracht.  Versuche,  mit 
einer  Pravacz-Spitze  die  Injektion  auszuführen,  misslangen, 
denn  bevor  das  Lumen  des  Röhrchens  in  das  Herz  einge- 
treten war,  drang  die  schräge  Spitze  schon  an  der  anderen 
Seite  des  Herzens  wieder  heraus,  wodurch  dies  so  zerstört 
wurde,  dass  es  sofort  aufhörte  zu  funktioniren. 

Um  die  topographischen  Verhältnisse  festzustellen, 
arbeitete  ich  theils  mit  unbewaffnetem  Auge,  theils  mit  der 
Loupe.  Zur  Untersuchung  mit  dem  Mikroskope  dagegen 
fertigte  ich  theils  einzelne  Schnitte,  theils  Schnittserien  von 
ganzen  Larvenköpfen  oder  Kiemenkörben  resp.  von  einzelnen 
Kiemenbögen  an.  Auch  einzelne  Kiemenbäumchen  habe 
ich  geschnitten.  Die  Stärke  der  Schnitte  betrug,  je  nach 
dem  Zwecke,  zu  dem  ich  sie  anfertigte,  ^35 — V200  ^'^• 

Dem  Thema  entsprechend,  zerfällt  die  ganze  Abhand- 
lung in  zwei  Haupttheile: 

1)  Bau  des  Kiemenapparates, 

2)  Entwicklung  desselben. 

Bevor  ich  jedoch  zu  dem  ersten  Theile  selbst  übergehe, 
mögen  einige  Worte  über  die  Lage  des  Apparates  im  Körper 
des  Thieres  vorangehen. 


Topographie  des  Kiemenapparates. 

Nach  Entfernung  der  Oberhaut  des  Körpers  und  des 
darunter  liegenden  Bindegewebes  an  der  Bauchseite  trifft 
man  auf  eine  zweite  dünne  Haut,  unter  der  man  die  Kiemen 
deutlich  hervorschimmern  sieht.  Dieselbe  ist,  wie  später 
gezeigt  werden  wird,  die  innere  Auskleidung  des  Kiemen- 
deckels und  begrenzt  die  Kiemenhöhle,  als  deren  Wand 
nach  innen. 

Die  Haut  erstreckt  sich  von  der  Brust  und  Rumpf 
trennenden  Wand,  an  die  sie  angewachsen  ist,  bis  zu  den 
Zungenbeinhörnern  vor,  mit  denen  sie  zum  Theil  vermittels 
Bindegewebes  zusammenhängt,  wogegen  sie  mit  dem  Zungen- 
beine unmittelbar  verbunden  ist.     In  der  Mitte  tritt  sie  etwas 


Ueber  Bau  u.  EntwickhiDg  der  Kiemen  der  Fro3clü;u-ven.      137 

zurück  und  heftet  sich  au  den  Perikardialsack  an.  An 
den  äusseren  Seiten  ist  diese  Haut  an  die  Knorpelplatteu 
der  Kiemenbögen  angewachsen.  Mit  dem  hinteren  Rande 
nimmt  sie  Theil  an  der  Bildung  eines  Kanales,  welcher 
beide  Kiemenhöhlen  mit  einander  verbindet  und  welcher  in 
einen  auf  der  linken  Seite  des  Thieres  liegenden  Aus- 
führungsgang, Athemloch,  auch  Kiemenloch  oder  Spiraculum 
genannt,  ausmündet.  Dieser  Kanal  mitsammt  dem  Athem- 
lochc  dient  dazu,  das  Wasser  beider  Kiemenhöhlen  nach 
aussen  abzuleiten. 

Die  Kiemen  selbst  nehmen  den  grössten  Theil  des 
hinteren  Kopfes  ein  (Fig.  1). 

Sie  liegen  von  vorn  nach  hinten  divergirend,  auf  den 
Seiten,  sodass  zwischen  ihnen  noch  Platz  genug  vorhanden 
ist  für  die  Einlagerung  des  Herzens  (Fig.  1),  welches  die 
Blutgefässe  nach  den  Kiemen  entsendet. 

Hinter  den  Kiemen  liegen  die  Vorderextremitäten, 
welche  von  der  Kiemenhöhlenwand  vollständig  einge- 
schlossen sind  und  sogar  noch  den  hinteren  Theil  der 
Kiemen  bedecken. 

Auf  den  Seiten  bildet  die  Körperoberhaut  die  Grenze, 
während  als  Abschluss  des  hier  in  Frage  kommenden  Theils 
des  Kopfes  nach  vorn  der  musculus  subhyoideus  (Fig.  1) 
dient,  ein  starkes  muskulöses  Band,  welches  zwischen  den 
Zungenbeinhörnern  ausgespannt  ist. 

Um  die  Lage  der  Kiemen  von  der  dorsalen  Seite  her 
bestimmen  zu  können,  müssen  wir  den  Theil  des  Kopfes, 
welcher  über  der  Mundhöhle  liegt,  entfernen,  ebenso  auch 
einen  Theil  der  Wirbelsäule.  Auch  hier  ist  der  Anblick 
des  Apparates  zunächst  noch  durch  Häute  verhüllt.  Von 
hinten  nach  vorn  erstreckt  sich  eine  Haut  über  die  Kiemen- 
körbe hinweg  bis  ca.  zur  Mitte  derselben.  Dieselbe  ist  au 
ihrem  vorderen  Rande  gelappt  oder  zerrissen.  Schulze 
nennt  sie  die  hintere  Kiemendeckplatte.  Ebenso  ist  der 
mit  ihr  zusammenstossende  hintere  Rand  des  Velums  ge- 
lappt. Beide  Ränder  stehen  nahe  an  einander,  sodass 
zwischen  ihnen  nur  eine  verhältnissmässig  schmale  Spalt- 
öffnung zum  Durehfliessen  des  Wassers  bleibt. 

Das  Velum   selbst  ist  eine,   über  das  Zungenbein  ge- 


138  Husro  Naue : 


legte,  mit  Lakeüförmigeii  Fortsätzen  ausgestattete  feste 
Haut.  Unter  ihr  befinden  sich  noch  kleine  häutige  Gebilde, 
welche  zwischen  den  Fortsätzen  der  Kiemenbögen,  von  denen 
später  noch  die  Rede  sein  wird,  ausgespannt  sind.  Erst 
nach  Ablösung  aller  dieser  Decken  kommt  der  Kiemen- 
apparat selbst  zum  Vorschein,  welcher  auf  dieser  Seite,  also 
nach  oben  hin,  eigenthümliche  siebartige  Gebilde  trägt. 


I.  Bau  des  Kiemenapparates. 

Allgemeines  über  den  Kiemeuap parat. 

Nachdem  im  Vorstehenden  die  Lage  und  Umhüllung 
des  Kiemenapparates  beschrieben  ist,  bleibt  noch  Einiges 
über  den  Bau  desselben  im  Allgemeinen  zu  sagen. 

Der  ganze  ausgebildete  Apparat  besteht  im  Wesentlichen 
aus  zwei  Theilen  : 

A.  Den  Hilfs-  und  Schutzapparaten, 

a)  aus  den   sowohl   die  Kiemen,   als   die   filter- 
artigen Gebilde  tragenden  Knorpelbögen, 

b)  den  filterartigen  Gebilden, 

c)  der  Kiemenhöhlenwand  und  dem  Verbindungs- 
kanal, 

d)  den  Muskeln. 

B.  Dem  respiratorischen   Theile,    den   eigentlichen 
Kiemen  und  den  Blutgefässen. 

Die  Anzahl  der  Kiemenbögen  beträgt  vier.  Dieselben 
tragen  auf  der  nach  unten  liegenden  gewölbten  Seite  die 
Kiemen,  während  die  filterartigen  Schutzgebilde  auf  der 
konkaven  Seite  sitzen  und  nach  oben  sehen.  Die  Kiemen- 
bögen haben  Spalten  zwischen  sich,  durch  welche  das 
Wasser,  nachdem  es  die  filterartigen  Gebilde  passirt  hat, 
zu  dem  respiratorischen  Theile  des  Apparates  gelangt. 

Der  Anzahl  der  Kiemenbögen  entsprechend,  sind  am 
Kiemenkorbe  drei  solcher  Spalten  vorhanden.  Zwischen 
dem  1.  und  4.  Bogen  einerseits  und  der  die  Kiemenhöhle 
begrenzenden  Wand  andererseits  befinden  sich  keine  Spalten. 
Die  betreffenden  Gebilde  sind  ziemlich  fest  mit  einander 
verwachsen,   wie   dies   schon  bei   der  topographischen  Be- 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.      139 

Schreibung  gesagt  ist.  Die  Spalten  selbst  sind,  der  Länge 
der  Kiemenbögeu  angemessen,  verschieden  lang  und  zwar 
so,  dass  die  beiden  auf  den  Seiten,  also  die  zwischen  dem 
1.  und  2.  und  zwischen  dem  3.  und  4.  Bogen  befindlichen, 
kleiner  sind,  als  die  zwischen  dem  2,  und  3.  Bogen. 

Vermittelst  der  vier  Kiemenbögen  ist  der  ganze  Apparat 
am  Zungenbeine  befestigt,  während  die  Kiemenbögen  selbst 
auch  noch  untereinander  eng  verbunden  sind. 


A.  Die  Hilfs-  und  Schutzapparate. 

a.  Die  Kiemenbögen. 
1.  Verbindung  der  Kiemenbögen  mit  dem  Zungenbeine  und  untereinander. 

Zur  genaueren  Untersuchung  dieser  beiden  Verbind- 
ungen, von  denen  ich  die  erstere,  also  die  der  Kiemen- 
bögen mit  dem  Zungenbeine  zunächst  in  Betracht  ziehen 
will,  müssen  die  Bögen  von  allen  den  Anhängen,  die  sie 
tragen ,  also  sowohl  den  Kiemenbäumchen ,  sammt  den  sie 
versorgenden  Blutgefässen,  als  auch  den  siebartigen  Ge- 
bilden, sorgfältig  befreit  werden.  Auf  der  oberen  Seite 
muss  das  die  Verbindungsstelle  bedeckende  Velum  abge- 
hoben werden. 

Infolge  der  von  vorn  nach  hinten  stark  divergirenden 
Richtung  der  Kiemenkörbe  liegen  dieselben  fast  quer  im 
Kopfe  und  dadurch  erscheint  der  nach  aussen  liegende 
Kiemenbögen  als  der  erste,  während  der  dem  Herzen  am 
nächsten  liegende  den  vierten  darstellt.  Was  nun  die  Ver- 
bindung mit  dem  Zungenbeine  betrifft,  so  ist  dieselbe  bei 
den  drei  hinteren  Bögen  die  gleiche,  während  der  erste 
eine  Ausnahme  hier  macht. 

Der  2,,  3.  und  4.  Bogen  ist  dem  Zungenbeine  durch 
Bindegewebe  angeheftet,  beim  ersten  dagegen  ist  der 
Knorpel  fest  mit  demjenigen  des  Zungenbeines  verwachsen, 
sodass  keine  Unterbrechung  des  Knorpels  stattfindet  und 
auch  sonst  kein  Anzeichen  vorhanden  ist,  welches  auf  die 
Verbindungsstelle  hindeutet.  Eine  Bestätigung  dieser  zu- 
nächst auf  makroskopische  Untersuchung  gestützten  An- 
nahme findet    sich    auf  Schnitten.      Bei    einem    horizontal 


140  ^  Huao  Naue 


durch  den  Kopf  geführten  Schnitte  sieht  man  deutlich,  dass 
ein  ununterbrochener  Knorpelstrang,  von  der  Mitte  des 
Zungenbeines  ausgehend,  in  den  ersten  Kiemenbogen  tiber- 
führt und  diesen  dadurch  unbeweglich  mit  dem  Zungen- 
beine verbindet.     (Fig.  2.) 

Die  Zeichnungen  von  Eatlike  und  Goette  lassen  ihn, 
ebenso  wie  die  übrigen  Bögen,  dem  Zungenbeine  angeheftet 
erscheinen,  doch  erweist  sich  dies,  wenigstens  für  die  aus- 
gebildeten Larven,  als  irrthümlich. 

Wie  die  auf  den  ersten  zunächst  folgenden  zwei  Bogen 
in  ihrem  ganzen  Baue  eine  grosse  Aehnlichkeit  mit  einander 
besitzen,  so  ist  auch  ihre  Verbindung  mit  dem  Zungenbeine 
eine  gleiche.  Bevor  ich  jedoch  zur  Beschreibung  dieser 
Verbindung  selbst  übergehen  kann,  ist  es  nöthig,  eine  Be- 
merkung über  den  Bau  der  beiden  Kiemenbogen  voraus- 
zuschicken. Die  Bögen  liegen  mit  ihrer  konvexen  Seite 
nach  unten,  machen  aber  am  vorderen  Ende  eine  sehr 
scharfe  Biegung  und  senden  nach  oben  hin  einen  starken 
breiten  Fortsatz  aus,  welcher  sich  plötzlich  verengt  und 
in  ein  langes  rundes  Gebilde  ausläuft.  An  dem  Punkte 
nun,  wo  der  Knorpel  so  plötzlich  sich  verschmälert,  sind 
die  Bögen  durch  Bindegewebe  an  das  Zungenbein  ange- 
heftet. Die  Anheftungsstellen  selbst  kann  man  nur  von 
oben  sehen,  da  Ausläufer  der  Bögen  an  der  unteren  Seite 
dieselben  verdecken.  Bei  der  Beschreibung  der  einzelnen 
Bögen  werde  ich  auf  die  Verbindungen  nochmals  zurück- 
kommen. Der  4.  Bogen  ist  mit  der  ganzen  Breite  seines 
vorderen  Endes  dem  Zungenbeine  durch  Bindegewebe  an- 
geheftet. 

Ferner  sind  die  Kiemenbogen  auch  noch  untereinander 
verbunden  und  zwar  in  verschiedener  Weise.  An  dem  dem 
Zungenbeine  zugekehrten  Ende  findet  sich  eine  direkte 
Verbindung  der  Bögen  nur  zwischen  dem  2.  und  3.  Bogen, 
während  der  1.  und  4.  weder  untereinander,  noch  mit  den 
ihnen  zunächst  liegenden  verbunden  sind,  abgesehen  natür- 
lich davon,  dass  sie  durch  Muskeln  und  Bindegewebe  zu- 
sammenhängen. Der  2.  und  3.  Bogen  aber  sind  dadurch 
mit  einander  verbunden,  dass  die  Fortsätze,  welche  beide 
nach  vorn   an   der  unteren  Seite  ausschicken,  und  welche. 


Ueber  Bau  u.  Eütwickluuo:  der  Kiemen  der  Froschlarven.      141 

wie  schon  gesagt,  die  Auheftiingsstelleu  an  das  Zungenbein 
verdecken,  fest  mit  einander  verwachsen  sind.     Der  Nach- 
weis   dieser  Verbindung  ist  mit   Leichtigkeit  auf   mikros- 
kopischem Wege  zu  führen.    Ein  Schnitt  durch  die  Fortsätze 
in    der  Längsrichtung    derselben    zeigt    ein    gleichmässiges 
knorpeliges    Gewebe,    welches,    ohne    durch  Bindegewebe 
oder  sonst  wie  unterbrochen  zu  sein,  ein  zusammenhängen- 
des   Ganzes     darstellt.     (Fig.    4.)     Ich    hebe    diesen    Um- 
stand ausdrücklich  hervor,  weil  ich  durch  die  Feststellung 
desselben  in   Widerspruch   trete   zu    der  Annahme   sämmt- 
licher  Forscher,  welche  über  diesen  Gegenstand  geschrieben, 
resp.  Zeichnungen  darüber  geliefert  haben,  besonders  auch 
zu   Rathkes   Zeichnung    des  Kiemenkorbes  in   seinen   ana- 
tomisch-philosophischen Untersuchungen   über  den  Bau  des 
Wirbelthierkörpers.     Derselbe   lässt  alle  4  Bögen  getrennt 
am  Zungenbeine  endigen,  ebenso  Götte  in  seiner  Entwick- 
lungsgeschichte  der   Unke.     Dieser  Punkt  ist  um   so   auf- 
fallender, als  man  schon  mit  unbewaffnetem  Auge  die  Ver- 
bindung  erkennen   kann  und   ein   einigermassen   günstiger 
Schnitt  jeden  Zweifel  darüber  hebt.     Ein  Einwurf,  dass  die 
von    Rathke    gezeichneten    Objekte    verschieden    seien    an 
Alter  und  Grösse,  von  den  von  mir  nntersuchten,  wird  da- 
durch hinfällig,    dass    erstens   die   Zeichnung  Rathkes   die 
Verhältnisse  einer  ausgebildeten  Larve  mit  schon  vollständig 
entwickelten  Vorderbeinen  zeigt  und  dass  zweitens  die  Ver- 
wachsung schon  in  jungen  Stadien  vorhanden  ist. 

Bei  manchen  der  von  mir  untersuchten  Objekte  hatte 
es  sogar  den  Anschein,  als  ob  auch  der  erste  und  zweite 
Bogen  mit  einander  verbunden  wären. 

Eine  nähere  Untersuchung  belehrte  mich  jedoch  bald, 
dass  dieselben  in  der  Nähe  der  Anheftungsstelle  an  das 
Zungenbein  zwar  sehr  dicht  an  einander  liegen,  aber  durch- 
aus nicht  mit  einander  verwachsen  sind.  Der  4.  Bogen 
ist  vollständig  abgesondert  von  den  übrigen  angeheftet. 

An  dem  hinteren  Ende  dagegen  sind  alle  vier  Bögen 
fest  mit  einander  verbunden  und  zwar  durch  direkte  Ver- 
wachsung. (Fig.  3.)  Die  Verbindungsstelle  bildet  ein 
breites  Band,  welches  auf  der  ventralen  Seite  hinter  der 
Kiemenspalte  des  3.  und  4.  Bogens  einen  kleinen  Fortsatz 


142  Hugo  Naue: 

aussendet.  Von  der  dorsalen  Seite  erscheint  das  Gebilde 
als  Fortsetzung  des  an  dieser  Seite  einmündenden  3.  Bogens. 
Der  ganze  Verbindungsknorpel  sieht  aus,  als  ob  er  nur 
Fortsetzung  des  1.  Knorpelbogens  wäre,  mit  welcher  der 
2.  und  3.  Bogen  verwachsen  sind,  während  derselbe  hinter 
der  Stelle,  wo  sich  die  Kiemenspalte  des  3.  und  4.  Bogens 
befindet,  mit  dem  4.  Bogen  zusammentrifft.  Wenigstens 
dürfte  dies  in  jüngeren  Stadien  der  Fall  sein,  da  an  der 
betreffenden  Stelle  sich  eine  sich  scharf  markirende  Unter- 
brechung befindet,  wie  man  auf  Schnitten  sieht,  während 
auf  Schnitten  durch  ältere  Stadien  dieselbe  fast  ganz  ver- 
schwunden ist.  Hinter  jedem  Bogen  ausser  dem  4.  befinden 
sich  kleine  Löcher  im  Knorpel  zum  Durchtritt  der  von  dem 
Filterapparat  kommenden  Gefässe.  Das  hinter  dem  2.  Bogen 
befindliche  ist  das  grösste. 

2.  Die  einzelnen  Kiemenbögen. 

Im  Gegensatze  zu  den  meisten  anderen  Kiemen  tragen- 
den Thieren,  deren  Bögen  aus  mehreren  Segmenten  be- 
stehen, welche  die  Zahl  vier  erreichen  können,  sind  die 
Bögen  bei  den  Anuren  nur  aus  einem  einzigen  Stücke  ge- 
bildet. Dies  findet  seine  Erklärung  darin,  dass  die  Bögen 
aus  elastischem  Knorpel  bestehen  und  nicht  genöthigt  sind 
bedeutende  Lageveränderungen  einzugehen.  Die  beiden 
mittleren  Bögen  sind  einander  ziemlich  ähnlich,  während 
der  1.  und  4.  sowohl  von  diesen,  als  auch  untereinander 
vollständig  verschieden  sind. 

Vom  Zungenbeine  aus  geht  der  erste  Bogen  als  ein 
starker  runder  Stab  nach  hinten  zu.  Diese  Gestalt  behält 
er  aber  nicht  seiner  ganzen  Länge  nach,  sondern  verändert 
dieselbe  sehr  bald.  Ungefähr  an  der  Stelle,  wo  die  Spitze 
des  Zungenbeinbogens  den  Kiemenbögen  überragt,  wird  er 
plötzlich  zu  einer  dünnen  breiten  Platte.  An  der  Ueber- 
gangsstelle  befindet  sich  eine  kleine  Knickung.  Der  vordere 
starke  Theil  des  Bogens  hat  in  der  Mitte  der  Unterseite 
eine  schwache  Kinne,  resp.  er  ist  an  der  Unterseite  abge- 
plattet. 

In  der  Mitte  zwischen  der  ersten  Knickung  und  dem 
Punkte,   wo  der  Bogen  zuerst  mit  dem  Zungenbeine  in  Be- 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  clev  Froschlarveu.      143 

rübrung-  kommt,  befindet  sieb  eiue  zweite  sebr  scbwacbe 
Knickimg,  entsprecbend  der  starken  Biegung-  beim  2.  und 
3.  Bogen.  Ueber  dieser  befindet  sieb  ein  kleiner  Höcker. 
In  der  Mitte  zwiscben  diesem  letzteren  und  dem  Berübrungs- 
pnnkte  mit  dem  Zungenbeine  sitzt  ein  nacb  oben  und  Muten 
gebender  Fortsatz  dem  Bogen  auf.  Ungefäbr  von  der  Mitte 
au  gebt  der  letztere  also  als  breite  dünne  Platte  weiter 
nacb  binten.  Die  Ränder  derselben  baben  sieb  nacb  innen 
eingescblagen,  wäbrend  sieb  der  übrige  Tbeil  nacb  aussen, 
also  nacb  der  Kiemenböblenwand  bin  baucbig  vorwölbt. 
Am  unteren  Rande  befinden  sieb  Ausläufer  der  Platte, 
welcbe  als  Stützen  der  filterartigen  Gebilde  dienen,  wäbrend 
dieselben  am  oberen  Rande  feblen.  Die  Bilder,  welcbe 
die  Scbnittpräparate  liefern,  entsprecben  den  bier  ge- 
scbilderten  Verbältnissen. 

Auf  einem  Quersebnitte  durch  den  hinteren  Tbeil  sehen 
wir  den  Bogen  als  schmalen  langen  Knorpelstreifen,  dessen 
Breite  ziemlich  gleichmässig  ist. 

Die  ganze  Platte  ist  stark  gekrümmt.  Am  vorderen 
Theile  dagegen  erscheint  derselbe  als  ein  rundes  Gebilde 
resp.  dreieckiges  mit  abgestumpften  Kanten. 

Der  zweite  Kiemenbogen  ist  ein  gekrümmter  runder 
Stab.  An  seiner  Unterseite  befindet  sich  eine  rinnenartige 
Vertiefung  für  die  Blutgefässe.  Dieselbe  tritt  besonders  am 
hinteren  Ende  deutlich  hervor,  da  an  dieser  Stelle  der 
Rand  des  Knorpels  förmlich  gerollt  ist.  Zu  beiden  Seiten 
des  Knorpels  sind  kleine  Ausläufer  zum  Tragen  der  filter- 
artigen Gebilde,  doch  stehen  dieselben  an  Grösse  weit 
hinter  denen  des  ersten  Bogens  zurück.  Am  vorderen  Ende 
macht  der  Bogen  eine  starke  Biegung  nach  oben,  bildet  au 
der  Unterseite,  der  Krümmung  gegenüber,  ein  Höckerchen 
und  sendet  von  diesem  aus  einen  schmalen  Fortsatz  nach 
vorn  und  zwar  in  schiefer  Richtung  nach  dem  Zungenbeine 
zu,  welches  derselbe  aber  nicht  erreicht,  denn  kurz  vor 
demselben  macht  er  eine  Biegung  nach  oben  und  hinten, 
um  dann  allmälig  wieder  etwas '  vorzugehen,  sadass  an 
dieser  Stelle  eine  tiefe  Einbuchtung  entsteht.  Unter  diesem 
Fortsatze  hinweg  und  durch  die  Einbuchtung  hindurch 
steigt  ein   den  respiratorischen  Tbeil  des   Apparates    ver- 


144  Huffo  Naue: 

sorgendes  Blutgefäss  empor.  An  dieser  Einbuchtung  ist 
der  Knorpel  ziemlich  schmal,  doch  verbreitert  er  sich  bald 
und  geht  dann  nach  oben.  Mit  dieser  breiten  Fläche  und 
zwar  am  Ende  derselben,  inserirt  sich  der  Bogen  am 
Zungenbeine.  Nachdem  dies  geschehen,  wird  der  Knorpel 
plötzlich  wieder  schmaler,  macht  eine  zweite  Biegung  und 
sendet  noch  einen  dUnnen  langen  und  runden  Fortsatz 
aus,  dessen  Richtung  nach  oben  und  hinten  geht.  Ein 
Querschnitt  durch  den  Bogen  zeigt  ebenfalls,  dass  derselbe 
eine  länglich  rundliche  Form  hat,  mit  einer  nach  seitwärts 
und  unten  hin  verlaufenden  Spitze  ;  letztere  ist  der  Längs- 
schnitt eines  die  filterartigen  Gebilde  tragenden  Ausläufers. 
(Fig.  5.)  Da,  wo  ein  Blutgefäss  dem  Bogen  aufliegt,  also 
an  der  Unterseite,  erscheint  derselbe,  wenn  keine  Rinne 
vorhanden  ist,  platt  gedrückt.  In  der  Regel  ist  dies  übrigens 
nur  an  den  Fortsätzen  bemerkbar,  da  das  Blutgefäss  auf 
dem  eigentlichen  Bogen  nur  sehr  wenig  aufliegt. 

Wie  schon  bemerkt,  ist  der  3.  Bogen  dem  2.  ziemlich 
ähnlich  gebaut.  Er  hat  ebenfalls  das  Aussehen  eines  etwas 
gekrümmten  runden  Stabes,  mit  einer  Furche  auf  der  unteren 
Seite,  in  welcher  ein  Blutgefäss  liegt.  An  den  Seiten  be- 
finden sich  Ausläufer,  welche  die  filterartigen  Gebilde 
tragen;  die  Anzahl  der  ersteren  ist  an  verschiedenen  Ob- 
jekten verschieden.  An  seinem  vorderen  Ende  macht  der- 
selbe eine  starke  Biegung  nach  oben.  Dieser  Biegung 
gegenüber,  an  der  unteren  Seite,  befindet  sich  ein  kleiner 
Höcker,  von  welchem  an  der  Knorpel  in  schräger  Richtung 
nach  dem  Zungenbeine  zugeht,  ohne  indessen  mit  diesem 
in  Berührung  zu  kommen. 

Hier  bildet  der  Bogen  auf  dieselbe  Weise  wie  der  2. 
eine  Einbuchtung,  an  welcher  er  schmal  ist,  worauf  er  sich 
verbreitert  bis  zur  Insertionsstelle  an  das  Zungenbein.  Von 
hier  geht  ebenfalls  ein  Fortsatz  nach  hinten  und  oben. 

Auf  dem  Querschnitt  stellt  sich  der  Bogen  als  ein 
ovales  Gebilde  dar  wie  der  zweite,  doch  ist  er  bedeutend 
stärker  als  dieser.  Bei  makroskopischer  Untersuchung  war 
die  Anzahl  der  seitlichen  Ausläufer  nicht  genau  festzustellen, 
während  ein  Längsschnitt  durch  den  Bogen  parallel  dem 
Rande  deutlich    zeigt,  dass  sich  über  jeder  Reihe  der  filter- 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.     14o 

artigen  Gebilde  ein  Fortsatz  befindet,  dass  demnach  die 
Anzahl  derselben  gleich  ist  der  Anzahl  der  Reihen  des 
Filtrirapparates.  Am  Ansg-angspunkte  eines  jeden  der 
letzteren  sieht  man  runde  Ablagerungen  von  Knorpelzellen; 
es  sind  dies  die  Fortsätze  im  Querschnitte. 

Am  einfachsten  gebaut  ist  der  4.  Bogen.  Es  ist  eine 
einfache  dünne  Knorpelplatte ,  ungefähr  von  der  Gestalt 
eines  §.  Diese  Form  vrird  zum  Theil  dadurch  bedingt,  dass 
die  Platte  gebogen  ist,  indem  die  Ränder  sich  dem  Innern 
der  Kiemenhöhle  zuneigen,  während  der  Bogen  nach  aussen, 
in  diesem  Falle  also  gegen  das  Herz  hin,  gebaucht  ist. 
Nach  den  Enden  zu  wird  die  Platte  schmaler  und  zwar 
besonders  gegen  den  vorderen  Theil  hin,  wo  sie  nur  un- 
gefähr den  4.  Theil  ihrer  mittleren  Breite  hat.  Am  hinteren 
Theile  behält  sie  ungefähr  die  Hälfte  der  mittleren  Breite. 

Auf  dem  Querschnitt  zeigt  sich  der  Bogen  als  ein  lauger 
schmaler  gekrümmter  Knorpelstreifen,  dessen  Länge  unge- 
fähr das  6 — Sfache  seiner  grössten  Breite  beträgt ;  der  Bogen 
ist  in  der  Mitte  am  breitesten  und  wird  nach  den  Rändern 
hin  schmaler      (Fig.  5). 

In  histologischer  Beziehung  sind  alle  Bögen  gleichmässig 
gebaut.  Sie  bestehen  aus  hyalinem  Knorpel  und  dem  diesen 
umgebenden  Perichondrium.  Auf  einem  Schnitte  erscheinen 
die  Knorpelzellen  im  Allgemeinen  in  der  Mitte  des  Bogens 
von  polyedrischer  Gestalt  und  von  ziemlich  bedeutender 
Grösse.  An  dem  äusseren  Rande  dagegen  sind  sie  be- 
deutend kleiner  und  auf  der  nach  aussen  gehenden  Seite 
abgerundet.  In  schöner  Weise  macht  sich  hier  die  Ein- 
kapselung  verschiedener  Zellgenerationen  bemerkbar. 

So  habe  ich  öfters  gesehen,  dass  in  einer  grossen 
Kapsel  8 — 10  einzelner  Knorpelzellen  sich  befinden  und 
zwar  augenscheinlich  von  verschiedenem  Alter.  Die 
einzelnen  Zellen  im  Innern  sind  durch  schwächere  Scheide- 
wände getrennt,  während  der  Rand  der  sie  umschliessenden 
Kapsel  sehr  stark  ist. 

Ausser  durch  das  Perichondrium  sind  aber  die  Knorpel- 
stäbe noch  von  einer  Haut  umschlossen,  welche  den  ganzen 
Apparat  überzieht  und  auf  welche  ich  später  genauer  zu 
sprechen  komme. 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  10 


146  Hugo  Naue: 

b.  Die  filterartigen  Gebilde. 

Wie   schon  bei   der  Litteraturangabe   bemerkt  wurde, 
lieferte   erst  Boas   eine   genauere  Beschreibung   dieser  Ge- 
bilde.    Er  schildert  sie   wie  folgt :   „Man  denke  sich,  dass 
der   dünne  bindegewebige  Ueberzug  (bei  der  Salamander- 
larve) sehr  stark  wuchert,  sodass  schliesslich  eine  ziemlich 
breite  Platte   von   dem  genannten  Rande  auswächst.     Man 
denke  sich  ferner,  dass  die  genannten  knorpelartigen  Fort- 
sätze,  die  aber   gar  nicht  aus  Knorpel  bestehen,   in   ent- 
sprechender Weise  auswachsen,    sodass  sie  schliesslich  an 
der  genannten  Platte   querverlaufende  Wälle   bilden.     Der 
freie  Rand   dieser  Wälle  ist  ferner  ganz  breit  und   stösst 
an     die     benachbarten,     während     ihre     Anheftungsstellen 
schmaler    sind,    sodass,    wie  man    begreift,    zwischen    den 
Wällen   Kanäle  laufen.     Aber   dieser  breite  Rand  ist  viel- 
fach von   beiden  Seiten   eingeschnitten,    sodass    die  ganze 
Fläche,    die   die  breiten  Ränder   der  Wälle  an  einer  Seite 
eines  Kiemenbogens  bilden,  fast  wie  ein  Sieb  durchbrochen 
ist,  doch  so,  dass  statt  der  Löcher  feingeschlängelte  Spalten 
sich  finden.     Man  könnte  auch  sagen,   dass  schmale  Wälle 
vorhanden  sind,  von   deren   Seiten  nahe  am  freien  Rande 
vielfach  verästelte  Auswüchse  ausgehen,  die  zusammen  eine 
Fläche    bilden.      Die   Wälle    werden    übrigens    gegen    den 
freien  Rand  der  sie  tragenden  Platte  zu  allmälig  niedriger; 
es  treten  hier  auch  kleine   supplementäre  Wälle  auf,    die 
die  Zwischenräume  zwischen  den  zum  Theil  auch  schmaler 
werdenden  Wällen   ausfüllen.     Die   Wälle   finden    sich   in 
einer  Reihe  am  1.  und  4.,   in  zwei  am  2.  und  3.  Kiemen- 
bogen. 

Die  äusseren  Siebwälle,  so  wollen  wir  sie  nennen, 
greifen  alternirend  zwischen  die  entsprechenden  der  be- 
nachbarten Reihen  des  angrenzenden  Kiemenbogens  ein. 
Es  wird  übrigens  aus  der  Beschreibung  klar  werden,  dass 
durch  diesen  ganzen  Apparat  ein  Kanalsjstem  gebildet  wird, 
das  mit  dem  Räume  der  Mundhöhle  nur  durch  feinste  Oeff- 
nungen  in  Verbindung  steht,  während  die  Kanäle  weit  offen 
in  die  Kiemenhöhle  münden.  Wenn  man  eine  Kaulquappe 
im  Wasser  betrachtet,  so  sieht  man,  wie  sie  ununterbrochen 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.     147 

Wasser  schluckt  und  wie  der  Boden  der  Mundhöhle  un- 
unterbrochen auf  und  ab  in  steter  Bewegung  ist.  Das 
Wasser  wird  so  durch  den  Mund  getrieben,  durch  den  so- 
eben geschilderten  Apparat  filtrirt  und  über  die  Kiemen 
geleitet.  Die  grosse  Bedeutung  dieses  Apparates  in  der 
Oekonomie  des  Thieres  liegt  an  der  Hand;  es  wäre  lebens- 
gefährlich, wenn  feste  Gegenstände  in  die  engen  Kiemen- 
höhlen mit  dem  kleinen  Ausgang,  zwischen  die  feinhäutigen 
zarten  Kiemenbüschel  gerathen  könnten.  Solches  ist  obiger 
Einrichtung  gemäss  ganz  ausgeschlossen. 

Meine  eigenen  Beobachtungen  stimmen  im  Wesentlichen 
mit  denen  von  Boas  überein,  doch  habe  ich  noch  Einiges 
hinzuzufügen.  Es  erscheint  mir  übrigens  die  Bezeichnung 
„Wall"  von  Boas  nicht  glücklich  gewählt,  es  dürfte  viel- 
mehr der  Ausdruck  „Falte"  treffender  sein,  denn  die  soge- 
nannten Wälle  sind  ja  in  der  That  nichts  weiter  als 
Faltelungen  der  bindewebigen  Platte,  welche  beim  2.  und 
3.  Bogen  auf  beiden  Seiten  der  Platte  vorhanden  sind,  beim 
1.  und  4.  Bogen  dagegen  nur  auf  einer  Seite,  da  die  Platte 
mit  der  anderen  Seite  dem  Knorpel  fest  ansitzt. 

Eine  Zählung  der  einzelnen  Falten  ergab  bei  einem 
mittleren  Bogen,  dessen  Enden  ca.  5  mm  von  einander  ent- 
fernt waren,  die  Anzahl  von  15  grossen  Falten,  d.  h.  von 
solchen,  welche  vom  unteren  Ende,  also  vom  Kiemenbogen, 
bis  zum  oberen  Ende  der  Platte  laufen.  Da  nun  aber  am 
oberen  Ende  die  Falten  niedriger  und  schmaler  werden, 
das  Lumen  eines  Kanals  ist  am  unteren  Ende  ca.  10 — 15 
Mal  so  gross  als  am  oberen  Ausgangspunkte,  so  würden 
ziemlich  grosse  Lücken  entstehen,  wenn  nicht  kleinere 
Falten  (von  Boas  supplementäre  genannt)  aufträten. 
Dieser  supplementären  Falten  können  bis  zu  8  zwischen 
den  grossen  auftreten.  Oft  sind  diese  Falten  auch  von 
ganz  beträchtlicher  Grösse,  ungefähr  von  der  Hälfte  der 
grossen  Falten,  daneben  finden  sich  aber  auch  so  minimale, 
dass  man  zur  Lupe  greifen  muss,  um  sie  überhaupt  zu 
sehen.  An  dem  unteren  Ende  der  Platte  sind  sie  nicht 
vorhanden.  Am  4.  Kiemenbogen  fand  ich  neben  12  Haupt- 
falten ebenfalls  noch  supplementäre. 

10* 


148  Hugo  Naue  : 

In  vielen  Fällen  machen  die  Hauptfalten,  wie  ich  das 
an  allen  vier  Bögen  beobachtet  habe,  Biegungen,  sodass 
sie  ungefähr  von  der  Mitte  der  Platte  aus  in  schräger 
Richtung  nach  oben  gehen,  um  Platz  für  die  supplementären 
Falten  zu  schaffen.  Es  ist  schon  oben  gesagt,  dass  die 
Supplementfalten  oft  sehr  lang  werden.  Ihrer  Länge  ent- 
sprechend werden  sie  auch  sehr  breit  und  man  findet  oft, 
dass  sie  die  Hautfalten  an  den  oberen  Enden  an  Grösse 
bedeutend  überragen.  Letztere  werden  nämlich  mehrfach 
ganz  plötzlich  sehr  schmal,  sobald  ihnen  eine  Supplement- 
falte entgegentritt.  Ferner  kommen  auch  Fälle  vor,  in 
denen  sich  Haupt-  und  Supplementfalte  verbinden  oder  eine 
Hauptfalte  sich  in  zwei  Theile  spaltet.  Die  beiden  mittleren 
Platten  haben  ungefähr  die  gleiche  Gestalt.  Sie  sind  zwischen 
den  Kiemenbögen  ausgespannt,  doch  wachsen  sie  beide  noch 
über  das  Niveau  ihrer  Anheftungspunkte  mit  dem  mittleren 
Theile  hinaus,  sodass  ihr  oberer  Rand  eine  wellenartige 
Linie  bildet.  Der  oberste  Kamm  derselben  legt  sich  jedoch 
nach  der  Seite  um  und  zwar  nach  innen.  Die  Platten 
bieten  dadurch  dem  hereinströmenden  Wasser  eine  breite 
Fläche  und  verhindern,  da  sie  gerade  unter  dem  Spalte 
liegen,  durch  den  das  Wasser  eintritt,  dass  gröbere  Gegen- 
stände in  das  Innere  der  oberen  Kiemenhöhle  eintreten. 
Die  äusseren  Platten  überragen  ihre  stützenden  Knorpel 
nur  um  ein  Geringes  und  nur  der  4.  Bogen  trägt  die 
Gebilde  so  gross,  dass  sie  sich  umlegen  wie  die  des  2.  und 
3.  Bogens,  wenn  auch  in  viel  geringerem  Masse.  Am  unteren 
Ende  sind  die  Platten  mit  den  auf  ihnen  sitzenden  Falten 
breiter  als  der  Kiemenbögen  (Fig.  5),  sodass  dieselben 
vollständig  die  zwischen  den  Bögen  befindlichen  Spalten 
schliessen  und  das  Wasser  nur  durch  die  Kanäle  in  die 
untere  Kiemenhöhle  gelangen  kann.  Die  Länge  der 
Hauptfalten  wächst  und  nimmt  ab  mit  der  Krümmung  des 
Kiemenbogens,  denn  da  der  obere  Rand  der  Platte  ausser 
in  der  Mitte,  wo  er  sich  ein  wenig  erhebt,  eine  ziemlich 
gerade  Linie  zwischen  den  Enden  der  Knorpelbögen  bildet, 
so  müssen  die  mittleren  Falten  nothgedrungen  bedeutend 
länger  sein,  als  die  am  Anfang  oder  Ende  der  Knorpel- 
bögen   sitzenden.     Diese  filterartigen    Gebilde  finden   sich 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.      149 


über  den  ganzen  oberhalb  der  Kiemenbögen  gelegenen 
Theil  des  Kiemenapparates  verbreitet.  Es  -tragen  also  nicht 
nur  die  Bögen  solche  Falten,  sondern  dieselben  bedecken 
ebenso  auch  den  Verbindungsknorpel  der  Bögen  am  hinteren 
Ende,  wogegen  sie  am  vorderen  Ende  fehlen,  doch  treten 
dafür  an  dieser  Stelle  die  Gebilde  der  einzelnen  Bögen  so 
nahe  an  einander,  dass  an  ein  Durchschlüpfen  irgend 
welchen  Gegenstandes  nicht  zu  denken  ist. 

Auf  einem  quer  zu  einem  der  mittleren  Kiemenbögen 
gelegten  Schnitte  bieten  die  Gebilde  folgendes  Bild.  Vom 
Knorpel  ausgehend  und  direkt  über  diesem  ein  Blutgefäss 
umschliessend,  verläuft  ein  sich  scharf  markireuder  Strang 
vom  Bindegewebe  nach  der  Spitze  des  ganzen  Gebildes ; 
es  ist  dies  die  Platte  im  Querschnitte.  In  derselben  ist 
auf  manchen  Schnitten  ein  Blutgefäss  zu  sehen,  welches 
von  dem  direkt  über  dem  Knorpel  liegenden  ausgeht  und 
bis  zur  Spitze  verläuft  (Fig.  5).  Unterwegs  sendet  es  Aeste 
für  die  Falten  ab.  Von  den  Falten  sind  theils  nur 
die  äusseren  Wülste,  welche  vielfach  verzweigt  erscheinen, 
zu  bemerken,  theils  auch  die  Falten  selbst. 

Die  histologischen  Verhältnisse  des  Filterapparates 
bieten  sich  bei  einem  Stadium  mittlerer  Entwicklung 
folgendermassen.  Das  ganze  Gewebe  ist  fibrilläres  Binde- 
gewebe und  zwar  in  verschiedenen  Stadien  der  Entwick- 
lung. An  der  Basis  sind  noch  die  embryonalen  Mesoderm- 
zellen  in  der  Fibrillenbildung  begriffen,  während  am  oberen 
Ende  sich  die  letzteren  schon  vollständig  ausgebildet  vor- 
finden. Dazwischen  sind  auch  alle  Mittelstufen  vertreten, 
denn  während  die  Zellen  an  der  Basis  von  ovaler  Form 
sind,  sehen  wir  sie  in  allen  Abstufungen  bis  zu  einem  langen 
schmalen ,  an  den  Enden  in  lange  Spitzen  auslaufenden 
Gebilde  sich  gestalten.  Der  ganze  Apparat  wird  bedeckt 
von  einem  Epithel,  welches  dem  Ektoderm  angehört.  Es 
besteht  aus  einer  doppelten  Zelllage,  deren  einzelne  Zellen 
eine  länglich  runde  Gestalt  mit  abgeplatteten  Enden  haben. 
An  den  äusseren  Wänden  der  Falten  findet  eine  Anhäufung 
von  grossen  runden  Zellen  statt,  wahrscheinlich  um  gegen 
das  auffallende  Wasser  eine  stärkere  Schutzwand  zu  bilden. 
(Fig.  6.) 


150  Hugo   Naue: 

Eine  fernere  Modifikation  des  Gewebes  am  äusseren 
Kande  fand  ich  in  einem  älteren  Stadium.  Es  zeigte  sich 
hier  eine  ganz  charakteristische  Anhäufung  von  Zellen,  so 
dass  das  Gewebe  fast  dem  Knorpel  ähnelte. 

Physiologisch  dürfte  der  soeben  beschriebene  Filter- 
apparat mehrere  Funktionen  zu  erfüllen  haben.  Die  e^ste 
derselben  würde  darin  bestehen,  dass  er  einen  Schutz  für  die 
Kiemen  und  den  Ausführungskanal  bildet.  Schon  Boas  hat 
ausgeführt,  dass  es  in  der  That  lebensgefährlich  für  die 
Thiere  sein  würde,  wenn  grössere  feste  Gegenstände  in  die 
Kiemenhöhle  eindringen  könnten,  da  dieselben  durch  den 
Abflusskanal  nicht  fortgeführt  werden  könnten.  Es  läge 
somit  die  Möglichkeit  nahe,  dass  sie  die  zarten  dünnhäutigen 
Kiemen  verletzten  und  dadurch  die  Larve  schwer  schädigten. 
Ferner  verhindert  der  Apparat,  dass  der  Futtersoff,  welchen 
das  Thier  zugleich  mit  dem  Wasser  aufnimmt,  durch  die 
Kiemenspalten  mit  abfliesst.  Sie  entsprechen  in  dieser  Be- 
ziehung den  zahnartigen  Bildungen  am  Kiemenskelett  der 
Fische,  wie  auch  in  gewissem  Sinne  den  Barten  der 
Balaeniden.  Drittens  bilden  sie  gewissermassen  ein  Wasser- 
reservoir für  die  Kiemen,  wodurch  dem  Thiere  ermöglicht 
wird,  auch  längere  Zeit  ausserhalb  des  Wassers  zuzubringen. 
Analoge  Organe  finden  wir  auch  bei  den  Fischen,  z.  B. 
in  dem  aus  feinsten  Knochenlamellen  bestehenden  Wasser- 
zellensystem der  Labyrinthobranchien  und  in  der  Kiemen- 
schnecke der  Clupeiden.  Aehnliche  Verrichtung  haben  auch 
die  in  einer  Verlängerung  der  Kiemenhöhle  liegenden  von 
einem  respiratorischen  Gefässnetz  überkleideten,  dendritisch 
verzweigten  Fortsätze  der  Kiemenbögen  von  Heterobranchus 
und  Ciarias. 

Auf  keinen  Fall  aber  sind  dieselben,  wie  dies  Götte 
behauptet,  Kiemen.  Diese  Deutung  der  Gebilde  ist  schon 
von  Boas  mit  Recht  als  irrthümlich  zurückgewiesen.  Götte 
fertigt  in  seinem  umfangreichen  und  sonst  verdienstvollen 
Werke :  „Die  Entwicklungsgeschichte  der  Unke" ,  diese 
Gebilde  sehr  kurz  ab.  Trotzdem  aber  stellt  er  mit  grosser 
Bestimmtheit  die  Behauptung  auf,  sie  seien  Kiemen  und 
zwar  Innenkiemen,  im  Gegensatz  zu  den  an  der  Unterseite 
der  Kiemenbögen  befindlichen  Gebilden,  welche  er  ebenso. 


lieber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  FroscMarven.     151 

wie  die  zuerst  an  den  Seiten  des  Kopfes  nach  aussen  auf- 
tretenden Kiemen,  als  äussere  bezeichnet.  Die  einzelnen 
Gebilde  selbst  schildert  er  als  gegen  die  äusseren  Spalten 
rechtwinklig  auslaufende  zarte  Leistchen,  aus  deren  Kanten 
kleine  kolbige  und  verzweigte  ßlättchen  hervorsprossen. 
Bei  einer  flüchtigen  Betrachtung  mögen  die  Gebilde  aller- 
dings als  Leistchen  erscheinen,  doch  sieht  man  bei  nur 
einigermassen  genauer  Untersuchung,  dass  diese  Leistchen 
keine  selbständigen  Gebilde  sind,  sondern  Ausläufer  einer 
sie  tragenden  bindegewebigen  Platte.  Ferner  sagt  er : 
„Diese  Leistchen,  welche  mit  ihren  Auswüchsen  die  Ober- 
fläche der  inneren  Kiemenhöhle  ansehnlich  vergrössern, 
finde  ich  mit  Blut  gefüllt  und  kann  sie  daher  nur  für  einen 
respiratorischen  Apparat  halten."  Der  Ausspruch,  dass  er 
diese  Leistchen  mit  Blut  gefüllt  gefunden  hat,  kann  nur 
auf  einen  Irrthum  zurückzuführen  sein.  Es  lässt  sich  nicht 
leugnen,  dass  Blut  in  diesen  Gebilden  ist,  doch  kann  von 
einem  Angefülltsein  derselben  mit  Blut  keine  Rede  sein, 
denn  die  Blutgefässe,  welche  die  Gebilde  durchziehen,  sind 
im  Verhältniss  zu  der  sie  umgebenden  Bindegewebeschicht 
80  klein,  dass  sie  nur  ungefähr  den  4.  oder  5.  Theil  der- 
selben betragen.  Sie  können  nur  eine  nutritive  Bedeutung 
haben,  denn  ein  Blutgefäss,  welches  von  einer  so  dicken 
Schicht  fast  knorpelartigen  Bindegewebes  umgeben  ist,  kann 
unmöglich  zu  respiratorischen  Zwecken  dienen.  Im  Jugend- 
zustande hat  es  freilich  den  Anschein,  als  ob  auch  diese 
Gebilde  an  der  Respirationsthätigkeit  theilzunehmen  im 
Stande  wären,  doch  sind  um  diese  Zeit  die  Gewebe  über- 
haupt noch  nicht  so  weit  differenzirt,  als  dass  jedes  Organ 
bereits  die  ihm  zugewiesene  Funktion  angetreten  habe. 

c.  Die  Kiemenhöhlen  wand  und  der  Ver- 
bindungscanal. 
Die  Kiemenhöhlenwand  umschliesst  die  untern  Kiemen- 
höhlen als  zarte  dünnwandige  Membran.  Dieselbe  hat  sich 
im  ausgebildeten  Zustande  von  der  Oberhaut,  mit  der  sie 
durch  subepitheliales  Bindegewebe  zusammenhing,  voll- 
ständig abgelöst,  und  kann  infolgedessen  leicht  frei  gelegt 
werden,   ohne   dass   sie  verletzt  wird.     Sie  erstreckt  sich, 


152  Hugo  Naue : 

wie  schon  bei  der  Topographie  des  Kiemen apparates  an- 
gegeben wurde,  von  der  Kopf  und  Rumpf  trennenden 
Scheidewand  bis  zum  Zungenbein,  an  das  sie  sich  inserirt. 
In  der  Mitte  tritt  sie  zurück  und  verwächst  mit  dem  Peri- 
kardialsack.  Auf  diese  Weise  bildet  sie  zwei  Höhlen, 
welche  durch  einen  engen  Kanal,  dessen  Entstehung  später 
gezeigt  werden  wird,  verbunden  sind. 

An  den  Seiten  ist  sie  mit  den  Knorpelplatten  des 
1.  Bogens  verwachsen,  ebenso  z.  T.  auch  mit  dem  4.  Bogen 
jeder  Seite.  Au  den  Verwachsungstellen  mit  den  letzteren 
ist  die  Membran  reich  mit  Muskelfasern  versehen,  doch  ist 
nicht  anzunehmen,  dass  dieselben  ihr  eigenthümlich  sind, 
indem  sie  vielmehr  zu  den  grössern  Kiemenmuskeln  ge- 
hören. Der  histologische  Bau  ist  ein  sehr  einfacher.  Die 
Membran  besteht  aus  einer  zweischichtigen  Zelllage,  deren 
Zellkerne  eine  langgestreckte,  an  den  Polen  abgerundete 
Gestalt  haben.  Obenstehende  Angaben  zeigen ,  dass  die 
Membran  höchst  einfach  gebaut  ist,  und  deshalb  ist  es 
nicht  ersichtlich,  was  Huschke  veranlasst  hat,  von  der  Wand 
als  von  einer  blasenartig  gewölbten  Haut,  die  dickere  und 
dUnnere  Stellen  habe  und  faserig  und  an  manchen  Stellen 
wie  zerrissen  aussehe,  zu  sprechen. 

In  Betreff  des  beide  Kiemenhöhlen  verbindenden 
Kanals  ist  mir  aufgefallen,  dass  er  ausser  von  Götte  und 
später  von  Jordan  bei  den  altern  Forschern  kaum  erwähnt 
wird.  Es  mag  daran  wohl  seine  Lage  direkt  unter  der 
Oberhaut  Schuld  tragen.  Ich  selbst  wenigstens  habe  an 
mir  die  Erfahrung  gemacht,  dass  er  beim  Freilegen 
der  Kiemen,  besonders  anfangs,  leicht  mit  fortgenommen 
wurde.  Sein  Verlauf  lässt  sich  am  besten  auf  einem  hori- 
zontal durch  den  Kopf  gelegten  Längsschnitte  (Fig.  7)  ver- 
folgen. Derselbe  wird  von  beiden  Kiemenhöhlen  zu  gleichen 
Theilen  gebildet  (die  Figur  zeigt  nur  eine  Seite),  denn  beide 
bilden  nach  unten,  hinten  und  innen  gerichtete  Aus- 
buchtungen, deren  verengerte  Enden  in  der  Mitte  ineinander 
übergehen.  Demgemäss  ist  das  Lumen  des  Kanals  am 
Eingangspunkte  ein  sehr  weites.  Nach  der  Mitte  zu  aber 
verengt  es  sich  mehr  und  mehr,  sodass  beim  Zusammen- 
treffen beider  Enden  nur  ein  verhältnissmässig  schmaler 
Kanal  vorhanden  ist. 


lieber  Bau  w.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.     153 

Der  histologische  Bau  seiner  Wände  ist  dem  der 
Kiemenhöhleuwände  vollständig  gleich.  Wie  diese  bestehen 
die  Kanalwände  aus  einer  zweischichtigen  Zelllage.  Die 
Kerne  der  Zellen  sind,  wie  diese  selbst,  langgestreckt. 
Auf  der  vorderen  Seite  befinden  sich  Ablagerungen  von 
Pigment. 

d.  Die  Muskeln. 
Der  letzte  Nebenapparat  der  Kiemen  ist  das  Sjstem 
der  Muskeln.  Indessen  habe  ich  auf  eine  genauere  Be- 
schreibung- und  Untersuchung  derselben  verzichtet,  da  mir 
deren  Verhältnisse  noch  in  keiner  Weise  genügend  gesichtet 
erscheinen.  Ausserdem  hat  fast  jeder  Autor,  welcher  die- 
selben erwähnt,  eine  besondere  Nomenklatur  eingeführt, 
wodurch  die  Verhältnisse  noch  besonders  unklar  werden.  Um 
diese  letzteren  einigermassen  klarzulegen,  würde  eine  be- 
sondere Arbeit  nothwendig  werden,  zu  umfangreich,  um  in 
den  Kahmen  vorliegender  Abhandlung  zu  passen. 


B.  Verlauf  der  Blutgefässe  und  Bau  der  Kiemen. 

Wie  die  übrigen  bisher  beschriebenen  Organe  so  ge- 
schildert sind,  wie  sie  sich  im  ausgebildeten  Zustande  vor- 
finden, so  mag  auch  der  Verlauf  der  Blutgefässe  und  der 
Bau  der  inneren  Kiemen  zunächst  nur  im  völlig  ausge- 
bildeten Zustande  beschrieben  werden,  ohne  Berücksichtigung 
der  im  Laufe  der  Entwickelung  vorkommenden  Veränder- 
ungen, sowohl  derjenigen,  welche  vor  dem  ausgebildeten 
Zustande  stattfinden,  wie  auch  derjenigen,  welche  mit  dem 
Schwinden  der  Kiemen  Hand  in  Hand  gehen.  Dieselben 
werden  im  entwicklungsgeschichtlichen  Theile  mit  abge- 
handelt werden. 

Das  Herz  entsendet  zunächst  nach  vorn  ein  etwas  ge- 
krümmtes starkes  Blutgefäss,  die  aorta  adscendens  mit  dem 
Aortenbulbus  an  der  Wurzel.  Nach  kurzem  Verlaufe  theilt 
diese  sich,  und  zwar  sobald  sie  bis  zum  Zungenbein  vor- 
gerückt ist,  in  symmetrischer  Weise,  sodass  sowohl  nach  dem 
rechten  wie  nach  dem  linken  Kiemenkorbe  je  drei  Gefässe, 
die  Aortenbögen,  gehen,  welche  den  Kiemen  das  Blut  zu- 
führen. 


154  Hugo  Naue: 

Der  an  der  Theilungsstelle  der  aorta  adscendens  dem 
Zungenbeine  am  nächsten  liegende  Zweig  stellt  die  erste 
Kiemenarterie  dar  und  versorgt  den  1.  Kiemenbogen,  der 
diesem  folgende  den  2.  Kiemenbogen.  Beide  liegen  anfangs 
so  eng  aneinander,  dass  sie  äusserlich  wie  ein  Gefäss  er- 
scheinen, und  erst  ein  Schnitt  zeigt,  dass  beide  schon  vom 
Theilungspunkte  an  durch  eine  Scheidewand  getrennt  sind. 

Bevor  das  3.  Gefäss  zu  seinem  Bogen  gelangt,  theilt  es 
sich  in  zwei  Theile,  deren  einer  zum  3.  Bogen  geht,  während 
der  andere  dem  4.  Bogen  das  Blut  zuführt.  Somit  erhalten 
alle  vier  Kiemenbogen  ihr  Blut  auf  dem  kürzesten  Wege 
vom  Herzen.  Sämmtliche  vier  Arterien  lagern  den  Knor- 
pelbögen in  deren  ganzer  Länge  auf,  und  senden  während 
ihres  Verlaufes  nach  und  nach  Zweige  in  die  Kiemen- 
bäumchen.  An  dem  hintern  Ende  jedes  Bogens  endet  die 
Arterie  in  einem  Kiemenbäumchen,  in  welchem  sie  sich 
kapillär  auflöst,  wie  dies  auch  die  gesammten  von  ihr  in  die 
Kiemenbäumchen  abgesandten  Zweige  thun. 

Auf  jedem  Kiemenbogen  verläuft  neben  der  Arterie 
noch  ein  zweites  Gefäss,  die  Kiemenvene,  welche  wie  die 
Arterie  nach  und  nach  Ausläufer  in  die  Kiemenbäumchen 
entsendet,  welche  sich  dort  ebenfalls  kapillär  auflösen. 
Von  diesen  beiden  verjüngt  sich  die  erstere  nach  hinten 
zu ,  während  die  letztere  nach  derselben  Richtung  hin 
stärker  wird.  Beide  verlaufen  eng  nebeneinander,  und 
treten  am  hintern  Ende  des  Bogens  so  dicht  zusammen, 
dass  diese  Lageverhältnisse  mehrere  Autoren  zu  der  irrigen 
Annahme  geführt  haben,  dass  beide  Gefässe  an  dieser  Stelle 
in  Kommunikation  ständen,  was  aber,  wie  auch  Boas  schon 
nachgewiesen  hat,  in  keiner  Weise  der  Fall  ist.  Am  vordem 
Ende,  und  wie  schon  gesagt  im  ausgebildeten  Zustande 
der  Kiemen,  zu  einer  Zeit,  wo  auch  die  arteria  pulmonaiis 
noch  nicht  in  Action  getreten  ist,  hat  es  allerdings  äusserlich 
den  Anschein,  als  ob  beide  Gefässe  direkt  mit  einander  in 
Verbindung  ständen,  da  Arterie  und  Vene  aus  demselben 
Stammgefässe  hervorgehen.  Ein  Schnitt  durch  die  Theilungs- 
stelle indessen  lehrt,  dass  beide  durch  eine  starke  Scheide- 
wand getrennt  sind,  und  dass  auf  diese  Weise  jede 
Kommunikation  ausgeschlossen   ist,  trotzdem,   wie   sich  bei 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.     l5o 

der  eutwicklungsgeschichtlichen  Schilderung  zeigen  wird, 
beide  ursprünglich  nicht  getrennt  waren  und  auch  später 
Stammgefäss  und  Vene  wieder  mit  einander  in  Verbindung 
treten. 

Infolge  des  Umstandes,  dass  zwischen  Arterie  und  Vene 
eine  direkte  Verbindung  in  keiner  Weise  stattfindet,  muss 
alles  vom  Herzen  nach  dem  Körper  strömende  Blut  den 
Weg  durch  die  Kapillaren  nehmen,  wodurch  der  grosse 
Vortheil  sich  ergiebt,  dass  alles  Blut  oxydirt  wird. 

Die  Vene  des  1.  Bogens  ist  zwar  am  vorderen  Ende 
desselben  auch  eng  mit  der  Arterie  verbunden,  findet  hier 
jedoch  keinen  Abschluss  wie  die  Übrigen  drei,  sondern 
setzt  sich  in  die  carotis,  welche  nach  dem  Kopfe  verläuft, 
fort.  Kurz  nachdem  die  Venen  die  Kiemenbögen  ver- 
lassen haben,  vereinigen  sie  sich  an  der  basis  cranii  zu  der 
Aorta  descendens,  und  zwar  in  der  Weise,  dass  die  drei 
ersten  ziemlich  getrennt  von  einander  münden,  während 
die  3.  und  4.  sich  vorher  vereinigen,  um  dann  gemeinsam 
zu  münden.  Bevor  die  4.  Vene  sich  mit  der  3.  vereinigt, 
entsendet  sie  noch  einen  Zweig,  die  spätere  arteria  pulmo- 
nalis.  Ein  sehr  anschauliches  Bild  über  die  Lage  der 
Blutgefässe  giebt  ein  durch  die  Mitte  des  Korbes  gehender 
Querschnitt.  Ungefähr  der  Mitte  des  Bogens  aufgelagert, 
sieht  man  ein  grosses  Blutgefäss,  welches  starke  Ausläufer 
in  die  Kiemen  entsendet,  während  näher  an  der  Spitze  des 
Knorpels  ein  schwächeres  Gefäss  liegt.  Das  erstere  ist  die 
Vene,  das  letztere  die  Arterie,  neben  welcher  ein  starker 
Muskel,  welcher  sie  über  den  ganzen  Bogen  begleitet,  hin- 
zieht. Auf  dem  Schnitte  sieht  man  auch,  dass  beide  Ge- 
fässe  dem  Knorpel  nicht  direkt  aufgelagert  sind,  sondern 
dass  nur  die  Vene  ihm  eng  anliegt,  während  die  Arterie 
weiter  nach  unten  hängt,  sodass  sie  den  Knorpel  nicht  be- 
rührt. Diese  Verhältnisse  zeigen  die  drei  ersten  Bögen, 
während  der  4.  nur  ein  Gefäss  zeigt,  da  er  zu  weit  vorn 
getroffen  ist.  Auf  einem  durch  die  Mitte  des  4.  Bogens 
gelegten  Querschnitte  dagegen  sieht  man  drei  Gefässe  dicht 
neben  einander  liegen,  deren  eines  die  Arterie  ist,  welche 
auf  diesem  Bogen  jedoch  nicht  von  einem  Muskel  begleitet 
wird.     Das    2.  Gefäss   ist    die   Vene    und    das  3.,    dem    3. 


156  Hu 2-0  Naue: 


Kiemenbogen  zunächst  liegende,  ein  den  Filterapparat  ver- 
sorgendes Gefäss. 

Ausser  den  bisher  beschriebenen  zur  Athmuug  in  Be- 
ziehung stehenden  Gefässen  finden  sich  im  Apparate  noch 
andere  nur  zu  Ernähruugszwecken  dienende  Gefässe.  Es 
sind  dies  die  Arterien  und  Venen  des  Filtrirapparates. 
Der  Ursprung  derselben  von  den  Kiemenarterien  ist  ein 
verschiedener,  da  die  Verhältnisse  am  1.  und  2.  Bogen 
komplizirt,  am  3.  und  4.  dagegen  einfach  sind. 

Ein  von  der  Arterie  des  2.  Bogeus  kommendes  Gefäss 
führt  sowohl  dem  Filtrirapparate  des  1.  als  auch  dem  des 
2.  Bogens  Blut  zu.  Ausserdem  aber  erhält  von  diesem  aus 
auch  das  Velum  Arterien.  Nach  kurzem  Verlaufe  theilt  sich 
das  aus  der  2.  Arterie  entsprungene  Gefäss  in  zwei  Theile, 
von  denen  der  eine  die  für  das  Filter  des  2.  Bogens  be- 
stimmte Arterie  ist.  Der  andere  Theil  spaltet  sich  bald  dar- 
auf wäeder  in  drei  Theile,  von  denen  zwei  zum  Velum 
gehen,  während  der  3.  die  Arterie  des  Filtrirapparates 
vom  1.  Bogen  darstellt.  Für  den  Apparat  des  3.  Bogens 
geht  von  der  3.  Kiemenarterie  ein  Gefäss  ab ,  und  ebenso 
erhält  der  Apparat  des  4.  Bogens  seine  Arterie  von  der  4. 
Kiemenarterie  durch  ein  kurzes  Gefäss,  das  sich  bald 
in  zwei  Aeste  spaltet,  welche  die  Arterien  des  Apparates 
darstellen. 

Die  Vene  des  Filters  des  1.  Bogens  verläuft  nach  dem 
Kopfe  zu,  während  die  Venen  des  2.  und  3.  Bogens  zu 
einer  am  Rande  des  Velums  verlaufenden  Vene  gehen. 
Diese  sendet  ein  Gefäss  ab,  welches  in  den  linken  ductus 
Cuvieri  führt,  und  unterwegs  noch  das  Gefäss  vom  Filter 
des  4.  Bogens  aufnimmt.  Die  Vene  des  Filterapparats  am 
rechten  4.  Bogen  mündet  nach  Boas  in  den  rechten  ductus 
Cuvieri. 

Ueber  die  Gefässe  im  Allgemeinen  lässt  sich  noch 
sagen,  dass  ihre  Wandungen  sämmtlich  sehr  reich  pig- 
mentirt  sind. 

Nachdem  ich  im  Vorstehenden  den  Verlauf  der  Blut- 
gefässe geschildert,  komme  ich  zur  Beschreibung  der 
Kiemengebilde  selbst.  Dieselben  werden  von  der  Körper- 
bekleidung gebildet,  welche  auch,  -wie  bemerkt,  den  Knorpel 


Ueber  Bau  u.  Entwicklang  der  Kiemen  der  Frosclilarveu.     157 

und  die  siebartigen  Gebilde  Uberzielit.     Sie  haben  die  Ge- 
stalt von  Bänmcben,  deren  Hauptstamm  sich  bis  zur  Spitze 
erstreckt,  während   nach  allen  Seiten  hin  eine  reiche  Ver- 
zweigung stattfindet.    (Figur   8  a  und  b.)  Dieselbe   beginnt 
eine   kurze  Strecke   über    dem  Bogen,    sodass  der  Stamm 
frei  ist.    Jeder  Bogen  trägt  zwei  Eeihen  Kiemen,  also  auch 
der  4.  Bogen,  und  nicht,  wie  dies  meistens  behauptet  wird, 
nur   eine.     Bei   der  Beschreibung    des   Athmungsprozesses 
werde  ich   darauf  zurückkommen.     Die  Kiemenbäumchen 
sind  aber  nach  Anzahl   und  Grösse   sehr   verschieden   über 
die   Bögen  vertheilt.     Vor  allen   Dingen   sind   die  Kiemen 
des  4.  Bogens  sowohl  der  Anzahl  als  der  Grösse  nach  be- 
deutend geringer,   als   die   der   drei  übrigen   Bögen,    denn 
während  ich  am  4.  Bogen  ca.   9   dieser  Bäumchen    zählte, 
belief  sich    die  Anzahl    der    auf   den    mittleren  Bögen    in 
jeder  Keihe  stehenden  auf  ca.  16  und  demnach  32  auf  den 
ganzen  Bogen,  also  auf  das  vierfache  derer  des  4.  Bogens. 
Ebenso  hat  auch  der  1.  Bogen  bedeutend  weniger  Kiemen 
aufzuweisen  als  die  beiden  mittleren.     Auch  in  der  Grösse 
der  einzelnen  Bäumchen  macht  sich  ein  auffallender  Unter- 
schied bemerkbar,  denn  während  die  Kiemen  der  mittleren 
Bögen  schöne  grosse  und  gut  ausgebildete  Bäumchen  sind, 
erscheinen   die   der  beiden  äussern  Bögen  verkrüppelt  und 
klein. 

Hauptsächlich  ist  das  beim  4.  Bogen  der  Fall,  welcher 
nur  ganz  minimale  Anhänge  trägt.  Auch  auf  den  einzelnen 
Bogen  sind  die  Kiemenbäumchen  sehr  verschieden  an  Grösse. 
Die  grössten  derselben  befinden  sich  in  der  Mitte,  während 
sie  nach  den  Enden  hin  kleiner  werden.  Abgesehen  von 
einigen  Krümmungen,  die  ihr  Stamm  gelegentlich  zeigt, 
stehen  sie  ziemlich  senkrecht  auf  dem  Knorpelbogen.  Da 
nun  die  Knorpelplatte  und  mit  ihr  die  derselben  anliegen- 
den Blutgefässe  stark  gekrümmt  sind,  so  ergiebt  sich  dar- 
aus, dass  die  Bäumchen  nach  verschiedenen  Kichtungen 
hinstreben.  Während  die  mittelsten  demgemäss  in  gerader 
Richtung  nach  unten  gehen,  haben  die  am  Vorderende 
des  Bogens  sitzenden  Kiemen  eine  Richtung  nach  vorn. 
Ebenso  streben  die  hinten  ausgehenden  nach  dem  Leibe 
zu.     Letzteres  macht  sich  indessen  nur  weniger  bemerkbar, 


158  Hugo    Naue: 

da  die  Biegung  des  Bogens  am  hiDtern  Ende  nur  sehr 
schwach  ist.  Die  zwischen  der  Mitte  und  den  Enden 
sitzenden  Bäumchen  gehen  dann  in  der  Eichtung  der  Dia- 
gonale eines  Rechtecks,  dessen  eine  Seite  der  Radius  eines 
Halbkreises  ist,  welcher  nach  der  Mitte  des  letzteren  führt 
d.  h.  senkrecht  zu  einer  horizontal  durch  den  Mittelpunkt 
eines  Kreises  gelegten  Linie  steht,  und  dessen  andere  Seite 
den    Halbkreis  im   Schnittpunkt    mit    dem  Radius    tangirt. 

Die  andern  Seiten  des  gedachten  Rechtecks  ergeben 
sich  aus  der  Parallelität  je  zweier  Seiten  eines  solchen. 
Die  Kiemenbäumchen  der  beiden  mittleren  Bögen  stehen 
am  regelmässigsten,  sodass  die  einzelnen  Bäumchen  je 
zweier  Reihen  desselben  Bogens  einander  genau  gegen- 
überstehen. 

Der  histologische  Bau  der  Kiemen  ist  sehr  einfach. 
Dieselben  bestehen  aus  der  sie  bekleidenden  Epidermis, 
welche  ich  schon  früher  beschrieben  habe,  den  Blutgefäss- 
wandungen  und  dem,  zwischen  diesen  beiden  liegenden, 
spezifischen  Bindegewebe.  Fragen  wir  nun,  wie  die  Circu- 
lation  des  Blutes  vor  sich  geht. 

Wir  hatten  gesehen,  dass  sich  auf  jedem  Knorpelbogen 
eine  Arterie  und  eine  Vene  befanden,  welche  beide  in 
durchaus  keiner  direkten  Communikation  stehen.  Auf 
jedem  Bogen  befanden  sich  ferner  zwei  Reihen  Kiemen- 
bäumchen, in  deren  jedem  zwei  von  den  grössern  abge- 
zweigte kleinere  Gefässe  emporstiegen,  sich  weiter  ver- 
zweigten und  sich  kapillar  auflösten,  und  auf  diese  Weise 
eine  Kommunikation,  und  zwar  die  einzige,  zwischen 
Arterie  und  Vene  herstellten.  Es  geht  also  Blut  vom 
Herzen  in  die  Kiemenarterien  und  tritt  von  diesen  durch 
die  Kapillaren,  wo  es  oxydirt  wird,  in  die  Venen  über, 
welche  es  dem  Körper  zuführen. 

Claus  schreibt  zwar  in  seinem  Lehrbuche  der  Zoologie : 
„Der  4.  Gefässbogen  steht  zur  Kiemenathmung  in  keiner 
Beziehung  und  führt  direkt  in  die  Aortenwurzel." 

Indessen  ist  aus  der  oben  gegebeneu  Beschreibung 
leicht  ersichtlich,  dass  auch  der  4,  Bogen  sich  an  der 
Kiemenathmung  betheiligt,  wenn  auch  in  bedeutend  ge- 
ringerem Masse  als  die  drei  andern. 


Ueber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven,     159 


Auch  Boas  lässt  den  4.  Bogen  nur  eine  Reihe  Kiemen 
tragen,  und  erkennt  ihm  dadurch  die  Eespirationsfähig- 
keit  zu  einem  grossen  Theile  ab,  und  Balfour  schreibt  in 
seinem  Handbuch  der  vergleichenden  Embryologie,  dass 
nicht  nur  der  4.,  sondern  auch  der  1.  Bogen  nur  eine  Reihe 
Kiemen  trägt,  sodass  nach  ihm  nur  der  2.  und  3.  Bogen 
an  der  Athmungsthäligkeit  theilnehmen,  vras  indessen  durch 
die  von  mir  gefundenen  Thatsachen  widerlegt  wird. 


II.  Entwicklung  des  KiemenaPParates. 

Im  ersten  Haupttheil  vorliegender  Abhandlung  ist  der 
Bau  des  Kiemenapparates  im  ausgebildeten  Zustande  ge- 
schildert worden.  Der  2.  Theil  soll  im  Abriss  zeigen,  wie 
die  einzelnen  Gebilde  entstanden  sind,  soll  also  die  Ent- 
wicklung derselben  kurz  vor  Augen  führen. 

Derselbe  zerfällt  in  vier  Abschnitte,  da  ich  mich  ver- 
anlasst gesehen  habe,  die  Entwicklung  der  Gefässe  in 
einem  besondern  Abschnitte  zu  behandeln. 

a.  Entwicklung  und  Bau  der  äussern  Kiemen. 

b.  Entwicklung  des  Innern  Kiemenapparates. 

c.  Entwicklung   des    Gefässsystems    der    äussern    und 
Innern  Kiemen. 

d.  Entwicklung  der  Kiemenhöhlenwand  und   des  Ver- 
bindungskanals. 

a.  Entwicklung  und  Bau  der  äussern  Kiemen. 
Wie  ich   schon  in   der  Einleitung  gesagt  habe,  finden 
sich  beim   Frosch  in   seinen   verschiedenen    Entwicklungs- 
stadien   sämmtliche  Athraungsarten ,  welche  überhaupt  bei 
den  Vertebraten  existiren,  vor  und  zwar: 

1.  Die  Athmung  durch  die  gesammte  Körperoberfläche, 

2.  Die  Athmung  durch  die  Kiemen, 

3.  Die  Athmung  durch  die  Lungen. 

Die  2.  Art  ist  nun  hier  wieder  durch  zwei  Formen  ver- 
treten, denn  zuerst  bilden  sich  einfach  gebaute  äussere 
Kiemen,  welche  indessen  bald  durch  komplizirter  gebaute 
innere  ersetzt  werden.  Um  die  Entwicklung  des  Respi- 
rationsapparates vollständig  überblicken  zu  können,  müssen 
wir  daher  auch  jene  zuerst  in  Funktion  getretenen  äussern 
Kiemen  in  Berücksichtigung  ziehen,   und   das  um  so  mehr, 


1 60  H  u  g  0  N  a  11  e : 

da  ihre  EntwickluDg  in  innigem  Ziisammenliauge  mit  der- 
jenigen der  inneru  Kiemen  steht.  Diese  äussern  Kiemen 
haben,  bevor  noch  das  Thier  das  Ei  verlassen  hat,  schon 
eine  ziemlich  bedeutende  Entwicklung  erlangt,  sodass  sie 
sofort  in  Funktion  treten  können,  sobald  die  Larve  ausge- 
schlüpft ist.  Bei  meinen  Untersuchungen  über  die  erste 
Entwicklung  der  äussern  Kiemen  benutzte  ich  zunächst  als 
jüngstes  Stadium  einen  noch  nicht  der  Eihülle  entschlüpften 
Embryo  von  ca.  4  mm  Länge.  Auf  dieser  Altersstufe  zeigt 
sich  bereits  der  Kopf  von  dem  Kumpfe  durch  eine  Ein- 
schnürung abgegrenzt.  Unmittelbar  an  dieser  Grenzlinie 
tritt  nach  dem  oralen  Pole  des  Thieres  zu  eine  kleine 
Hervorraguug  der  äussern  Körperbedeckung  auf. 

Es  ist  dies  die  erste  Andeutung  der  äussern  Kieme, 
über  deren  Zusammenhang  mit  dem  Visceralapparate  bei 
der  Entwickelung  des  innern  Kiemenapparates  gehandelt 
werden  wird.  Die  Hervorragungen  liegen  zu  beiden  Seiten 
des  Kopfes  und  in  derselben  vertikalen  Ebene,  wie  die 
beiden  Saugnäpfe,  welche  sich  an  der  ventralen  Seite  des 
Körpers  befinden.  Auf  einem  Querschnitte  erscheinen  die 
Kiemen  als  einfache  Ausbuchtungen,  an  denen  die  Epidermis 
von  dem  darunter  liegenden  Gewebe  vorgedrängt  ist.  Wie 
gewöhnlich  ist  die  Epidermis  reich  pigmentirt.  Das  Herz 
hat  noch  eine  einfach  schlauchförmige  Gestalt  und  die 
Aortenbögen  haben  sich  eben  erst  angelegt,  doch  haben  sie 
noch  keine  scharf  markirten  Wandungen  aufzuweisen. 
Ein  wenig  älteres  Stadium  zeigt  die  Anlage,  wie  in  Figur 
9  wiedergegeben  ist.  Die  Erhöhung  resp.  Ausbuchtung, 
als  welche  man  sie  auf  dem  Schnitte  sieht,  fängt  schon  an 
sich  gegen  die  übrige  Körperoberfläche  abzuschnüren. 

Die  Wandungen  der  Gefässe  treten  deutlicher  hervor, 
während  das  übrige  Gewebe  noch  nicht  differenzirt  ist, 

Bei  einem  ca.  um  einen  Tag  älteren  Individuum  zeigte 
sich  schon  eine  bedeutendere  Veränderung.  Der  eine 
Höcker  an  jeder  Seite  des  Kopfes  ist  nicht  mehr  allein; 
es  haben  sich  ihm  noch  zwei  andere  hinzugesellt,  die  An- 
lagen der  2.  und  3.  Kieme.  Hinter  der  ersten  Ausbuchtung 
ist,  auf  dem  horizontalen  Längsschnitt  gesehen,  eine  zweite 
Ausbuchtung    entstanden,    während    die    erstere  an  Grösse. 


Uelter  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.     161 

bedeutend  zugenommen  hat.  Der  späteren  Entstehung  ge- 
mäss ist  diese  2.  Ausbuchtung  oder  der  2.  Höcker,  als 
welcher  er  auf  der  Körperoberfläche  erscheint,  bedeutend 
kleiner  als  der  erste,  und  zwar  ist  er  kaum  mehr  als  halb 
so  gross.  Dicht  hinter  diesem  2.  Höcker  macht  sich  auch 
schon  ein  dritter  bemerkbar.  Derselbe  ist  jedoch  noch  sehr 
minimal,  sodass  auf  einem  Längsschnitte  die  Contour  nur 
ein  wenig  gewellt  erscheint.  E.  Huschke  und  mit  ihm  die 
meisten  andern  Forscher  lassen  die  2.  und  3.  Kiemen  da- 
durch entstehen,  dass  sie  den  Höcker  sich  theilen  lassen. 
Mit  Hilfe  der  Schnittmethode  lässt  sich  indessen  der  Nach- 
weis liefern,  dass  jede  Kieme  für  sich  allein  und  selbständig 
entsteht,  entsprechend  ihrer  spätem  Stellung  auf  den  Vis- 
ceralbögen.  Es  ist  der  eine  also  nicht  nur  ein  Theil  des 
andern.  Ausserdem,  dass  noch  zwei  neue  Höcker  hinter 
dem  ersten  entstanden  sind,  hat  dieser  aucb  seine  Gestalt 
wesentlich  verändert.  Er  hat  die  Form  der  einfachen  Her- 
vorragung verloren,  und  sich  an  der  Ursprungsstelle  be- 
deutend eingeschnürt,  sodass  er  mehr  wie  ein  Kolben  aus- 
sieht. Auch  fängt  er  an  sich  zu  verzweigen.  Dies  ge- 
schieht dadurch,  dass  die  Haut  sich  am  hintern  Rande, 
aber  auch  nur  an  diesem,  einschnürt,  und  auf  diese  Weise  die 
ursprüngliche  einfache  Hervorragung  in  zwei  Lappen  theilt. 

Bei  einer  11  mm  langen  Larve  waren  die  äussern 
Kiemen  vollständig  entwickelt  und  zeigten  folgende  Ver- 
hältnisse. Der  erste  Höcker  hatte  sich  zu  einem  langen 
hohlen  Gebilde  ausgezogen,  welches  nach  hinten  Zweige 
versendet;  Anhänge,  welche  sich  in  der  oben  beschriebenen 
Weise  gebildet  haben. 

Die  Anzahl  dieser  Zweige  beträgt  in  der  Regel  sieben. 
Die  an  der  Spitze  liegenden  sind  von  ziemlich  bedeutender 
Grösse,  sodass  sie  den  Hauptstamm  an  Länge  fast  er- 
reichen. Nach  dem  Anheftungspunkte  zu  werden  sie  be- 
deutend kleiner.  Die  Zweige  ramifiziren  sich  nicht  weiter, 
obwohl  E.  Huschke  dies  behauptet.  Dieselben  Verhältnisse 
wie  am  ersten  finden  sich  am  zweiten  Kiemenanhange. 
Der  3.  Höcker  dagegen  ist  sowohl  an  Grösse,  wie  auch  an 
Ramifizirung  bedeutend  zurückgeblieben.  Sein  Hauptstamm 
ist     klein     und    schickt      nur     wenige     Ausläufer     nach 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1&90.  H 


162  Hugo  Naue: 

hinten,  welche  sich  auch  durchaus  nicht  weiter  verzweigen. 
Auch  der  innere  Bau  der  Kiemen  hat  sich  inzwischen 
weiter  entwickelt,  doch  ist  derselbe  ein  sehr  einfacher. 
Im  Wesentlichen  besteht  die  Kieme  aus  zwei  Blutgefässen 
und  einer  beide  umgebenden  Htillhaut,  welche  die  einfache 
Fortsetzung  der  allgemeinen  Körperhaut  ist  und  als  solche 
reich  mit  Pigment  versehen  ist  (Fig.  11).  Zwischen  dieser 
Haut  und  den  Blutgefässen  befindet  sich  eine  spärliche 
Menge  von  Bindegewebe,  welche  als  Stütze  dient.  Milne 
Edwards  macht  in  seinen  Legons  sur  la  physiologie  et 
l'anatomie  comparee  de  l'homme  et  des  oiseauxTome  II  Legon 
XIII  die  Angabe,  dass  die  feinhäutige  Umhüllung  mit 
Flimmer -Cilien  besetzt  sei,  doch  konnte  ich  meiner- 
seits von  denselben  nichts  bemerken.  Wenn  die  Kiemen 
eben  ihre  höchste  Entwicklung  erreicht  haben,  dann  beginnt 
die  Haut  vor  ihnen  zu  wuchern.  Sie  entsendet  eine  Falte, 
die  sogenannte  Opercularfalte  nach  hinten,  welche  die  vor- 
erwähnte Einschnürung  überdeckt  und  bei  diesem  Vorgange 
auch  die  äussern  Kiemen  mit  umschliesst.  Ich  werde  später 
auf  diese  Verhältnisse  noch  genauer  zurückkommen,  wie 
auch  die  Verhältnisse  der  Blutgefässe  im  dritten  Abschnitte 
eingehendere  Berücksichtigung  finden  werden. 

b.  Entwicklung  des  Innern  Kiemenapparates. 
In  innigem  Zusammenhange  mit  den  äussern  Kiemen 
steht  die  Entwicklung  des  Innern  Kiemenapparates,  welcher 
sich  noch  vor  dem  Entstehen  der  ersteren  anlegt.  Die 
erste  darauf  bezügliche  Dififerenzirung  findet  schon  in 
einem  sehr  frühen  Stadium  statt  und  zwar,  wie  bemerkt, 
bevor  noch  die  äussern  Kiemen  sich  gebildet  haben.  Um 
diese  Zeit  bemerkt  man  ein  paar  wulstartige  quere  Hervor- 
treibungen  als  die  erste  Anlage  der  Visceralbögen,  welche 
die  Rudimente  der  äussern  Kiemen  tragen.  Es  gilt  dies 
wenigstens  für  die  drei  letzten  Bögen,  an  die  nach  vorn 
zu  noch  einige  weitere  ähnliche  Wülste  sich  anschliessen, 
die  uns  hier  jedoch  als  Anlagen  des  Kieferbogens  und  des 
Zungenbeinbogens  nicht  weiter  interessiren.  Die  Bögen 
werden  durch  Falten  abgegrenzt,  die,  soweit  sie  die  Kiemen- 
bögen  begrenzen,  allmählich  nach  innen  in  die  Rachenhöhle 


UeberBau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.     183 

hilldurchbrechen.  Die  erste  dieser  letztern  liegt  zwischen 
dem  Zungenbeinbogen  und  dem  1.  Kiemenbogen,  während 
die  2.  von  dem  1.  und  2.  Kiemenbogen,  und  die  3.  von 
dem  2.  und  3.  Bogen  gebildet  wird.  Die  beiden  letzten 
stellen  also  später  die  1.  und  2.  Kiemenspalte  dar. 

Für  den  4.  Kiemenbogen  ist  die  Anlage  noch  nicht 
vorhanden,  sodass  die  3.  Kiemenspalte  einstweilen  noch 
fehlt.  Die  drei  letzten  Visceralbögen  entsprechen  den  drei 
äussern  Kiemenanhängen.  Die  Richtung  der  Visceralspalten 
ist  eine  verschiedene,  denn  während  die  zwei  mittlem 
senkrecht  zur  Medianlinie  stehen,  ist  die  erste  etwas  schräg 
nach  vorn,  die  4.  dagegen  schräg  nach  hinten  gerichtet. 

Das  nächste  von  mir  untersuchte  Objekt  zeigte  sich 
schon  bedeutend  weiter  entwickelt.  Die  Visceralspalten 
zwischen  dem  1.  und  2.  und  2.  und  3.  Kiemenbogen,  oder 
kürzer  die  3.  und  4.  Visceralspalte  sind  zum  Durchbruch 
gekommen.  Das  Durchbrechen  selbst  geschieht  in  der 
Weise,  dass  sowohl  vom  Schlünde  her  zwischen  den  Bögen 
eine  faltenartige  Aussackung  sich  bildet  als  auch  zwischen 
den  einzelnen  äussern  Kiemenanlagen  die  Epidermis  immer 
tiefer  sich  einsenkt,  und  auf  diese  Weise  den  von  innen 
nach  aussen  strebenden  Falten  entgegenkommt,  wie  dies 
die  starken  Pigmentablagerungen  beweisen,  welche  fast  bis 
zur  Hälfte  der  Spalten  in  das  Innere  des  Körpers  hinein- 
reichen. Die  Spalte  zwischen  dem  Zungenbeinbogen  und 
dem  1.  Kiemenbogen  ist  nahe  daran  ebenfalls  durchzu- 
brechen, während  der  4.  Kiemenbogen  auch  jetzt  noch 
nicht  angelegt  ist.  Als  Aussackungen  des  Schlundes  sind 
die  Visceralspalten  ectodermatischen  Ursprungs,  während 
zwischen  ihnen  natürlich  ein  Mesodermgewebe  sich  befindet. 
Die  Bildung  der  Opercularfalte  hat  noch  nicht  begonnen, 
auch  haben  sich  die  Innern  Kiemen  d.  h.  der  speciell  re- 
spiratorische Theil  des  Apparates  noch  nicht  angelegt,  wohl 
aber  führen  auf  den  Kiemenbogen  bereits  zwei  Blutgefässe 
nach  den  äussern  Kiemen.  Bei  einem  etwas  weiter  ent- 
wickelten Objekte  hatte  sich  die  Opercularfalte  ungefähr 
um  1/3  ihrer  Gesammtlänge  entwickelt.  Der  Kiemenbogen- 
knorpel  war  in  Bildung  begriffen,  es  sind  ihm  auch  schon 
die  zwei  nach  den   äussern  Kiemen   führenden  Blutgefässe 

11* 


164  Hupo  Naue  : 

aufgelagert.  Um  diese  Zeit  haben  sich  auch  bereits  die 
innern  Kiemen  gebildet.  Sie  sitzen  auf  den  Gefässen  in 
Form  von  einfach  cylindrischen  Anhängen  mit  Gefass- 
schlingen  im  Innern.  Fig.  12  zeigt  ein  Totalpräparat  eines 
der  mittleren  Bögen,  mitsammt  den  unmittelbar  daran 
sitzenden  äussern  Kiemen.  In  der  Mitte  des  Präparats 
läuft  als  heller  Streifen  der  Knorpel  als  Stütze  des  Ganzen 
hin.  Auf  diesem  erkennt  man  die  Blutgefässe  und  die 
innern  Kiemen.  Am  hintern  Ende  des  Bogens  sitzen  die 
hier  noch  mächtig  entwickelten  äussern  Kiemen  direkt 
dem  Knorpelbogen  auf,  genau  so  wie  die  innern  Kiemen. 
An  der  Unterseite,  im  Thierkörper  selbst  würde  es  aber  die 
obere  Seite  sein,  befinden  sich  die  einstweilen  freilich  erst 
unvollständig  entwickelten  filterartigen  Gebilde.  Sie  ent- 
stehen als  Wucherungen  des  Bindegewebes,  dem  sie  zunächst 
in  ganzer  Länge  mit  dem  vorderen  Rande  verbunden  sind, 
trotzdem  sie  schon  anfangen,  sich  an  den  Seiten  einzu- 
schnüren und  die  ersten  Andeutungen  der  wallartigen  Er- 
höhungen zu  bilden.  Auch  der  4.  Kiemenbogen  ist 
jetzt  angelegt.  In  dem  Stadium,  welches  die  letzte  Zeich- 
nung darstellt  (Fig.  13),  ist  der  Kiemendeckel  vollständig 
ausgebildet.  Die  äussern  Kiemen  sind  verschwunden,  d.  h. 
sie  sind  in  die  durch  die  Opercularfalte  gebildete  Kiemen- 
höhle eingeschlossen,  wo  sie  dann  obliteriren.  Der  Kiemeu- 
bogenknorpel  hat  sich  mehr  und  mehr  entwickelt,  und  an 
den  siebartigen  Gebilden  sind  die  Einbuchtungen  so  tief 
geworden,  dass  zwischen  ihnen  nur  noch  eine  dünne  Platte 
hinzieht.  Die  auf  dieser  Platte  sitzenden  wallartigen  Ge- 
bilde fangen  an  sich  mehr  und  mehr  zu  verzweigen,  resp. 
sich  zu  falten,  sodass  sie  fast  schon  die  Gestalt  wie  bei 
der  ausgebildeten  Larve  besitzen.  Ebenso  haben  auch  die 
innern  Kiemen  begonnen  sich  mehr  und  mehr  zu  verzweigen 
und  sich  der  ausgebildeten  Gestalt  zu  nähern.  Schon 
nach  kurzer  Zeit  haben  sie  den  fertigen  Zustand  des 
Kiemenapparates  erlangt,  in  dem  sie  bis  gegen  das  Ende 
der  Larvenperiode  verharren,  bis  die  Lungen  anfangen  in 
Thätigkeit  zu  treten,  worauf  sie  dann  verschwinden.  Wenn 
das  Thier  äusserlich  den  Habitus  des  ausgewachsenen 
Frosches  angenommen  hat,  aber  noch  mit  Schwanz,  so  be- 


UeberBan  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschinrven.      165 

ginnen  die  Kiemen  zugleich  mit  letzterem  zu  verschwinden, 
indem  sie  anfangen  einzuschrumpfen.  Mit  dem  beginnen- 
den Verfalle  der  Kiemen  schwindet  auch  die  Scheidewand, 
wie  im  folgenden  Abschnitte  gezeigt  wird,  welche  Arterie 
und  Vene  am  vorderen  Ende  trennte. 

Bei  jungen  Fröschen  mit  zur  Hälfte  geschwundenem 
Schwänze  sind  die  Kiemen  noch  weiter  geschrumpft,  doch 
bestehen  sie  noch  aus  deutlich  unterscheidbaren  Büscheln, 
während  bei  einem  Frosche  mit  vollständig  geschwundenem 
Schwänze  nur  ganz  geringe  Rudimente  vorhanden  sind. 

c.  Entwicklung  des  Gefässsystems  der  äussern 
und  Innern  Kiemen. 

Infolge  des  innigen  Zusammenhanges  der  Entwicklung 
des  Blutgefässapparates  der  äussern  und  Innern  Kiemen, 
welcher  eine  gesonderte  Abhandlung  beider  unzulässig 
erscheinen  lässt,  habe  ich  mich  veranlasst  gesehen,  dieselbe 
in  einem  besonderen  Abschnitte  zu  bebandeln. 

üeber  die  Entwicklung  der  Kiemengefässe  existiren 
bereits  eine  Reihe  von  Abhandlungen,  welche  die  diesbe- 
züglichen Verhältnisse  berücksichtigen.  Vor  allem  ist  es 
die  Arbeit  von  F.  Maurer:  „Die  Kiemen  und  ihre  Gefässe 
bei  anuren  und  urodelen  Amphibien  und  die  Umbildungen 
der  beiden  ersten  Arterienbogen  bei  Teleostiern",  welche 
eine  sehr  genaue  und  eingehende  Darstellung  derselben 
giebt.  Ich  habe  mich  nicht  darauf  einlassen  können, 
meine  Beobachtungen  auf  alle  in  dieser  Beziehung  noth- 
wendigen  Einzelheiten  auszudehnen;  was  ich  aber  an 
hierher  gehörigen  Befunden  zu  verzeichnen  gehabt  habe, 
deckt  sich  fast  vollständig  mit  den  Untersuchungsresultaten 
von  F.  Maurer.  Ich  kann  mich  deshalb,  wie  ich  glaube, 
mit  einem  kurzen  Resum6  begnügen  und  verweise,  was  die 
nähern  Details  anbetrifft,  auf  die  Maurer'sche  Arbeit. 

Die  Entwicklungsvorgänge  der  Gefässe  gestalten  sich 
kurz  wie  folgt.  Zu  einer  Zeit,  wo  von  den  äussern 
Kiemen  noch  nichts  zu  bemerken  ist,  sich  aber  bereits 
durch  den  Durchbruch  der  hintern  Schlundfalten,  die  auf 
den  Hyoidbogen  folgenden  drei  Visceralbögen  gesondert 
haben,  entwickelt  sich  nacheinander,  von  vorn  nach  hinten,  in 


166  Hugo  Naue: 

jedem  derselben  zunächst  ein  einfacher  primärer  Gefässbogen, 
welcher  ventralwärts  mit  der  Herzanlage  in  Verbindung 
tritt,  dorsalwärts  aber  später  in  die  aorta  descendens 
übergeht.  Die  Entwicklung  geschieht  in  der  Weise,  dass 
sich  im  embryonalen  Bindegewebe  (Mesoderm)  Gewebslücken 
bilden,  welche  durch  Zusammenfliessen  allmählich  einen 
kontinuirlichen  Kanal  bilden.  Sobald  die  äussern  Kiemen 
auftreten ,  buchtet  sich  an  dieser  Stelle  der  primäre  Gefäss- 
bogen aus,  sodass  derselbe  dann  aus  zwei  deutlichen 
Schenkeln,  einem  dorsalen  und  einem  ventralen  besteht. 
Der  dorsale  Schenkel  geht  im  weitern  Verlaufe  der  Ent- 
wicklung so  gut  wie  keine  Differenzirungen  mehr  ein,  alle 
weitern  Komplikationen  des  Kiemengefässsjstems  finden  am 
ventralen  Schenkel  statt.  Es  bildet  sich  von  der  Wurzel 
des  primären  Gefässbogens  aus  ein  zweites  Gefäss,  welches 
parallel  und  hinter  dem  primären  bis  in  die  äussere  Kieme 
verläuft,  wo  es  in  den  einzelnen  Kiemenzotten  Schlingen 
bildet,  um  dann  medianwärts  als  ziemlich  horizontal  ver- 
laufendes Gefäss  zurückzuführen,  und  ungefähr  an  dem 
Winkel,  den  die  beiden  Schenkel  des  primären  Gefässes 
bilden,  in  dasselbe  zu  münden.  „Dieseszweite  sekundäre  Gefäss 
ist  die  einzige  Kiemenarterie  der  Froschlarve.  Der  ventrale 
Schenkel  des  primären  Gefässes  ist  niemals  Kiemenarterie." 
Er  ist  vielmehr  nur  für  kurze  Zeit  eine  direkte  Ver- 
bindung des  primären  Gefässbogens,  oder  was  dasselbe 
ist,  der  Kiemenvene.  Nach  F.  Maurer  wird  diese  Ver- 
bindung durch  Reduktion,  welche  sich  auf  den  ganzen 
Schenkel  erstreckt,  aber  keine  vollständige  und  nur  vorüber- 
gehende ist,  an  der  Wurzel  gelöst.  Ich  bin  indessen  etwas 
anderer  Ansicht.  Ich  glaube,  dass  es  weniger  Kückbildung 
ist,  welche  das  Stromgebiet  des  primären  Gefässes  von  dem 
des  sekundären  abtrennt,  als  vielmehr  eine  Neubildung. 
Es  entwickelt  sich  eine  Scheidewand,  sodass  das  primäre 
Gefäss  von  der  gemeinschaftlichen  Wurzel  abgetrennt  wird. 
Indem  die  Entwicklung  dann  immer  weiter  fortschreitet, 
bilden  sich  die  ersten  Anlagen  der  Innern  Kiemen.  Die 
Kiemenarterie  sendet  nämlich  Gefässsprossen  zu  dem  jetzt 
abgetrennten  ventralen  Schenkel  des  primären  Bogens, 
welche   später   die  Gefässschlingen   der  Innern  Kiemen  re- 


lieber  Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlavven.     167 

präsentiren.  Um  diese  Zeit  hat  die  Kiemenarterie  eine 
distale  und  eine  proximale  Hälfte,  von  welchen  die  letztere 
die  innern  Kiemen ,  die  erstere  die  äussern  Kiemen  vas- 
cularisirt.  Das  Blut  der  innern  Kieme  wird  durch  die 
innere  Kiemenvene,  d.  i.  den  ventralen  Schenkel  des  pri- 
mären Grefässbogens  abgeführt,  das  Blut  der  äussern 
Kiemen  durch  die  äussere  Kiemenvene,  d.  h.  ebenfalls 
einem  Stück  des  primären  Gefässbogens.  Der  dorsale 
Schenkel  bildet  jetzt  die  vena  branchialis  communis. 
Schwinden  dann  später  die  äussern  Kiemen,  so  geht  auch 
der  distale  Theil  der  Kiemenarterie  und  die  äussere  Kiemen- 
vene zu  Grunde.  Die  vena  branchialis  communis  wird 
die  direkte  Fortsetzung  der  innern  Kiemenvene  resp.  sie 
stellt  die  innere  Kiemenvene  dar.  Dieses  Stadium  stellt 
den  ausgebildeten  Zustand  der  Kiemen,  wie  er  früher  in 
einem  besondern  Abschnitte  geschildert  worden  ist,  dar. 

Bei  dem  Uebergange  aus  dem  Larvenstadium  schwinden 
indessen  auch  die  innern  Kiemen.  Mit  dem  Schwunde 
derselben  tritt  dann  die  Kiemenvene  oder  mit  andern 
Worten  der  primäre  Gefässbogen  wieder  mit  der  Kiemen- 
arterienwurzel  in  Verbindung,  d.  h.  die  Scheidewand,  welche 
sich  gebildet  hatte  zwischen  Arterie  und  Vene,  kommt 
wieder  in  Wegfall.  Die  Kiemenarterie  selbst  obliterirt  all- 
mählich und  der  primäre  Gefässbogen  geht  schliesslich  in 
den  definitiven  Arterienbogen  über. 

Der  erwachsene  Frosch  hat  indessen  nur  drei  Arterien- 
bogen und  es  fragt  sich  nun,  welches  von  den  vier  Gefässen 
verschwunden  ist.  Es  ist  das,  wie  Boas  nachgewiesen  hat, 
der  3.  Arterienbogen,  welcher  beim  definitiven  Thiere  voll- 
ständig obliterirt  ist. 

d.  Entwicklung  der  Kiemenhöhlenwand 
und  des  Verbindungskanals. 
Im  vorigen  Abschnitte  musste  ich  öfters  der  die  äussern 
Kiemen  nach  und  nach  überdeckenden  Opercularfalte  oder 
des  Kiemendeckels  Erwähnung  thun.  Auch  bei  der  Be- 
schreibung des  ausgebildeten  Apparates  hatte  ich  öfters  die 
Existenz  einer  Kiemenhöhlenwand  hervorgehoben ,  eines 
Gebildes,  das  dieser  Operkularfalte  seinen  Ursprung  verdankt. 


168  Hu^-o  Naue: 

Es  erübrigt  mir  nun,  die  Entwicklung  derselben  zugleich 
mit  der  des  Kiemendeckels  zu  schildern. 

In  der  Litteratur  findet  sich  die  Entwicklung  des 
Kiemendeckels  bei  vielen  Forschern  nur  in  sehr  kurzen 
Umrissen  dargestellt. 

Ausführlicheres  darüber  findet  sich  bei  Rathke,  welcher 
eine  ziemlich  eingehende  Darstellung  giebt.  Aber  erst  in 
neuester  Zeit  hat  Jordan  in  seiner  „Entwicklung  der  vordem 
Extremität  der  Anuren  Batrachier"  eine  genaue  Be- 
schreibung geliefert ;  Letzterer  hat  aber  insofern  eine  Lücke 
gelassen,  als  er  nicht  angiebt,  von  wo  resp.  von  welchem 
Knorpel  aus  die  Falte  ihren  Ursprung  nimmt.  Er  lässt  es 
unentschieden,  ob  Rathke  und  Götte  Recht  haben,  welche 
sie  am  Zungenbeinbogen  festsitzen  lassen,  oder  von  Bär, 
welcher  das  os  quadratum  als  Ursprungsstelle  bezeichnet. 
Meinen  eigenen  Beobachtungen  gemäss  kann  es  sich,  wenn 
überhaupt  von  Festsitzen  an  einem  Knorpel  geredet  werden 
soll,  nur  um  die  Zungenbeinbögen  handeln. 

Uebrigens  ist  auch  die  Bemerkung  Jordans,  dass  zur 
Zeit  der  Kiemendeckelbildung  die  Skelettbildung  noch  wenig 
distinkt  sei,  nicht  als  richtig  anzuerkennen.  Vielmehr  hat 
sich  in  dem  Stadium,  wo  der  Kiemendeckel  anfängt  sich 
zu  entwickeln,  das  Skelett  schon  zur  Genüge  ausgebildet, 
um  eine  Entscheidung  über  die  einzelnen  Skeletttheile  zuzu- 
lassen. Bereits  bei  der  Entwicklung  des  Innern  Kiemen- 
apparates ist  von  mir  bemerkt,  dass  der  Knorpel  sich  schon 
angelegt  hat,  sobald  nur  die  erste  Anlage  der  äussern 
Kiemen  sich  zeigt,  dass  also  dann,  wenn  die  Opercularfalte 
anfängt  sich  zu  entwickeln,  d.  h.  zu  der  Zeit,  wo  die 
äussern  Kiemen  ihre  höchste  Entwicklung  erreicht  haben, 
auch  die  Knorpelbildung  schon  bedeutende  Fortschritte  ge- 
macht haben  muss,  und  die  einzelnen  Theile  des  Skeletts 
sehr  wolil  zu  unterscheiden  sind. 

Wie  eben  gesagt,  beginnt  die  Entwicklung  der  Oper- 
cularfalte, sobald  die  äussern  Kiemen  ihre  grösste  Ent- 
wicklung erlangt  haben,  und  auch  die  Innern  Kiemen  schon 
bestehen,  wenn  gleich  noch  nicht  in  der  reichen  Verzweigung 
des  ausgebildeten  Apparates.  Auch  die  Visceralspalten  sind 
bereits   nach    aussen    durchgebrochen,    d.  h.    die  einzelnen 


lieber  Bau  u.  Entwiekluna:  (ier  Kiemen  der  Froschlarven.     169 

Kiemenbogeu  haben  sich  von  einander  gesondert.  Bei  einem 
Objekte,  welclies  ausgebildete  äussere  Kiemen  hat,  befindet 
sieh  hinter  diesen  und  quer  über  die  ganze  Ventralseite 
gehend  eine  tiefe  Einschnürung,  welche  den  Kopf  vom 
Kumpfe  scheidet,  und  nach  welcher  hin  auch  die  Visceral- 
spalten  durchbrechen.  In  der  ganzen  Länge  dieser  Ein- 
schnürung, und  somit  über  die  ganze  Breite  der  Ventral- 
seite hin,  beginnt  nun  die  Körperoberhaut  hinten  am  Kopfe 
zu  wuchern  und  in  eine  Hautfalte  auszuwachsen,  welche 
die  ganze  Einschnürung  und  mit  ihr  die  äussern  Kiemen 
überdacht,  sodass  dieselben  auf  diese  Weise  in  eine  Höhle 
zu  liegen  kommen.  Die  Falte  entspringt  also  nicht  an  einem 
Skeletttheile. 

Das  Wachsthum  der  Falten  ist  aber  nicht  gleichmässig, 
sondern  der  mittlere  Theil  derselben  wächst  schneller  wie 
die  Seiten,  wodurch  es  bedingt  ist,  dass  die  Falte  zuerst 
in  der  Mitte  die  Einschnürung  überdacht,  während  die 
beiden  Seiten  noch  offen  bleiben.  Wenn  dieser  mittlere 
Theil  etwas  mehr  als  die  Hälfte  der  Einschnürung  ver- 
deckt, beginnt  auch  von  der  dem  Bauche  zu  gelegenen 
hintern  Wand  der  Einschnürung  ein  wallartiges  Gebilde 
sich  zu  erheben.  Dasselbe  befindet  sich  jedoch  nicht  am 
Kande,  wie  die  vordere  Falte,  sondern  ist  zurtickgerückt. 
Dieses  letztere  Gebilde  erreicht  jedoch  nur  eine  sehr  geringe 
Höhe  im  Verhältniss  des  vordem  Bandes,  auch  hat  es 
nicht  die  Breite  desselben,  sondern  ist  ungefähr  so  breit, 
wie  der  mittlere  Theil  der  vordem  Falte.  Diese  beiden 
Theile  wachsen  auch,  da  sie  zuerst  zusammenstossen,  zuerst 
zusammen. 

Durch  diese  Art  des  Wachsthums  der  vorderen  Falte 
bleiben  vorläufig  auf  jeder  Seite  des  Körpers  noch  zwei 
Oeffnungen,  aus  denen  die  äussern  Kiemen  nach  aussen 
und  hinten  hervorragen.  Wenn  aber  später  der  mittlere 
Theil  der  vorderen  Falte  mit  dem  hintern  Rande  des 
Pericardialsackes  verwächst,  dann  wird  die  ursprüngliche 
Höhle  in  zwei  getheilt.  Fast  zu  gleicher  Zeit  mit  dem 
eben  beschriebenen  Querwalle  ensteht  auch  an  dem  hintern 
Eande  der  Einschnürung  ein  zweites  Gebilde,  welches 
ebenso    wie    das    des   vordem  Bandes  aus  einer  Hautfalte 


170  Hugo  Naue: 

besteht,  die  nach  vorn  hin  wächst,  dem  Querwalle  parallel, 
aber  viel  niedriger  bleibt  als  der  Querwall.  Zwischen 
diesem  Querwalle  und  der  hintern  Randfalte  entsteht  also, 
da  sie  parallel  auf  derselben  Fläche  nebeneinander  hin- 
laufen, eine  Rinne.  Nach  dem  Zusammentreffen  mit  dem 
Querwalle  wächst  aber  die  vordere  Hautfalte  noch  weiter, 
bis  sie  mit  der  Erhöhung  des  hintern  Randes  zusammen- 
trifft. Sie  schliesst  jetzt  dadurch,  dass  sie  sowohl  mit  dem 
vordem  Rande  des  Querwalles,  als  auch  mit  dem  der 
hintern  Randerhöhung  sich  vereinigt,  die  von  Querwall  und 
Randerhöhung  gebildete  Rinne  vollständig  ab,  sodass  da- 
durch ein  Kanal  entsteht.  Da  nun  aber  der  Querwall  nicht 
über  die  ganze  hintere  Einschnürungswand  sich  erstreckt, 
sondern  nur  dem  mittleren  Theile  desselben  aufsitzt,  so 
geht  natürlich  auch  der  Kanal  nicht  über  die  ganze  hintere 
Fläche.  Er  ist  vielmehr  nur  das  Verbindungsglied  zwischen 
den  beiden  durch  die  Verwachsung  der  vordem  Hautfalte  mit 
dem  Pericardialsack  gebildeten  Höhlen,  durch  welchen  beidö 
mit  einander  kommuniziren. 

Wir  hatten  gesehen,  dass  dadurch,  dass  die  vordere 
Hautfalte  an  den  Seiten  langsamer  sich  entwickelte,  anfangs 
zwei  Oeffnungen  geblieben  waren,  und  zwar  an  jeder  Seite 
eine,  durch  welche  die  äussern  Kiemen,  wenigstens  zum 
Theil  noch,  hervorragten.  Im  weiteren  Verlaufe  der  Ent- 
wicklung werden  auch  diese  beiden  Oeffnungen  geschlossen 
in  der  Weise,  dass  die  der  rechten  Seite  sich  einfach  durch 
Zusammenwachsen  der  sich  entgegenstrebenden  Hauträuder 
schliesst.  Auf  der  linken  Seite  dagegen  tritt  noch  eine 
Modification  ein.  Dort  wächst  nämlich  der  eine  Theil  nicht 
mit  der  entgegenkommenden  hinteren  Hautfalte  zusammen, 
sondern  gleitet  noch  ein  Stück  auf  der  Körperoberfläche  hin, 
nur  an  den  Hauträndern  mit  dieser  verwachsend,  während 
der  hintere  Rand  frei  bleibt;  es  entsteht  dadurch  ebenfalls 
ein  Kanal,  welcher  mit  der  linken  Kiemenhöhle  in  direktem 
Zusammenhange  steht,  mit  der  rechten  dagegen  nur  durch 
den  oben  geschilderten  Kanal  verbunden  ist.  Durch  ihn 
fliegst  das  gebrauchte  Wasser  aus  beiden  Kiemenhöhlen  ab. 
Er  heisst  deshalb  auch  Athemloch,  Kiemenloch  oder  Spira- 
culum.     Figur  13  zeigt  dasselbe  im  Längsschnitte,  wie  die 


Uebei-Bau  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.     171 

Hautfalte  auf  der  Körperoberfläche  hingleitet.  Die  Kiemen, 
welche  vorher  noch  durch  die  seitlichen  Oefifnungen  heraus- 
gesehen hatten,  sind  nun  vollständig  in  die  Höhle  ein- 
geschlossen. Natürlich  verschveanden  zuerst  die  der  rechten 
Seite  von  der  Körperoberfläche,  da  die  Oeffnung  dieser 
Seite  sich  zuerst  schliesst,  während  die  der  linken  Seite 
geöffnet  bleibt  und  dadurch  den  äusseren  Kiemen  noch 
längere  Zeit  den  Durchtritt  gestattet.  Nicht  bei  allen 
Anuren  -  Batrachiern  jedoch  befindet  sich  das  Spiraculum 
auf  der  linken  Körperseite.  Bei  mehreren  Arten  befindet  es 
sich  in  der  Mitte  des  Bauches,  wo  es  von  einem  von  jeder 
Kiemenhöhle  kommenden  Kanäle  gebildet  wird.  Pontallie 
und  Lambotte  haben  es  zuerst  gesehen  und  beschrieben, 
während  Götte  das  Verdienst  zukommt,  zuerst  auf  eine 
Eigenthümlichkeit  in  der  Stellung  des  Hautafters  zum  Athem- 
loche  aufmerksam  gemacht  zu  haben.  Danach  korrespondiren 
jene  beiden  insofern  mit  einander,  dass,  wenn  das  Athemloch 
in  der  Mitte  liegt,  auch  der  Hautafter  in  der  Medianlinie 
sich  befindet;  liegt  das  Athemloch  dagegen  auf  der  linken 
Seite,  so  findet  eine  Verschiebung  des  Afters  an  die  rechte 
Seite  der  ventralen  Schwanzwurzelflosse  statt.  Nach  Hoff- 
mann-Bronn, Klassen  des  Thierreichs,  Bd.  6,  iVmphibien, 
liegt  das  Spiraculum  bei  den  Larven  von  Bufo,  Hyla,  Rana 
und  Pelobates  auf  der  linken  Seite  des  Körpers,  bei  den 
Larven  von  Alytes,  Bombinator  und  Pelodytes  dagegen  in  der 
Mittellinie.  Dementsprechend  musste  bei  den  ersteren  also 
eine  Verschiebung  des  Afters  an  die  rechte  Seite  der 
ventralen  Schwanzwurzelflosse  stattfinden.  Mehrere  fran- 
zösische Gelehrte,  unter  diesen  Blanchard  und  Boulenger, 
haben  diese  Eigenthümlichkeit  der  Stellung  von  After  und 
Kieraenloch  dazu  benutzt,  die  betreffenden  Amphibien  in 
Levogyrinides  und  Mediogyrinides  einzutheilen  und  in  die 
Systematik  einzureihen. 

Mit  der  Bildung  des  Kiemen  deckeis  ist  auch  die  der 
Kiemenhöhlenwand  erfolgt.  Der  Kiemendeckel  besteht  aus 
drei  Schichten,  der  zweischichtigen  Körperoberhaut,  dem 
darunter  gelegenen  subepithelialen  Bindegewebe  (Götte)  und 
zu  innerst  einer  zweischichtigen  zarten  Epidermis.  Diese 
letztere  sondert  sich,  nachdem  der  Process  der  Kiemendeckel- 


172  Hu  go  Naue  : 

bilduBg  vollendet  ist,  mehr  iiud  mehr  von  der  Körperober- 
haut, mit  der  sie  nur  durch  das  subepitheliale  Bindegewebe 
zusammenhing,  ab  und  bildet  dann  die  Wände  der  Kiemen- 
höhlen. 

Der  Lauf  des  Wassers ,  aus  welchem  das  Thier  den  zur 
Athmung-  nöthigen  Sauerstoff  zieht,  ist  also  folgender:  Aus 
dem  Schlünde  gelangt  das  Wasser  durch  die  siebartigen 
Gebilde  und  die  Kiemenspalten  in  die  Kiemenhöhlen,  wo  es 
die  Kiemen  umspült.  Nachdem  diese  hier  den  Sauerstoff  in 
sich  aufgenommen  haben,  fliesst  es  ab  und  zwar  aus  der 
linken  Kiemenhöhle  durch  das  Spiraculum  direkt,  während 
das  der  rechten  Höhle  vorher  erst  noch  den  Kommunikations- 
kanal zu  passiren  hat,  bevor  es  ebenfalls  durch  das  Spira- 
culum abfliessen  kann,  zu  welchem  hin  es  in  der  Kinne 
geführt  wird. 

Eine  besondere  Muskulatur,  wie  Duges  anführt,  besitzt 
der  Kiemendeckel  nicht. 

Zum  Schlüsse  sei  es  mir  noch  gestattet,  meinem  Freunde 
und  Studiengenossen  Herrn  Schöbel  meinen  Dank  für  die 
Ausführung  der  Zeichnungen  auch  an  dieser  Stelle  aus- 
zusprechen.   

Litteraturve  rzeichniss. 

1.  Steinheim,  Die  Entwickelung  der  Frösche.  Hamburg 
1820. 

2.  Huschke,  E.,  Ueber  die  Umbildung  des  Darmkanals 
und  der  Kiemen  der  Froschquappen,  in  Isis  v.  Oken, 
1826  I. 

3.  Kusconi,  Developpement  de  la  grenouille  commune, 
Paris  1826. 

4.  Baer,  v. ,    Geschichte   des  Froschembryo,    in  Burdach: 
die    Physiologie    als    Erfahrungswissenschaft.    Leipzig, 
1828  IL 

5.  Rathke,  H.,  Anatomisch -philosophische  Untersuchungen 
über  den  Kiemenapparat  und  das  Zungenbein  der 
Wirbelthiere.     Riga  und  Dorpat  1832. 

6.  Duges ,  Recherches  sur  l'osteologie  et  la  myologie 
des  Batraciens  ä  leurs  differeuts  äges;  presentees  ä 
l'acadömie  royale  des  scienees.     Paris  1834. 


Ueber  Form  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.   173 

7.  Lambotte,  Observations  anatomiques  et  physiologiquea 
sur  les  appareils  sanguines  et  respiratoires  des 
Batraciens  anoures ;  in :  Memoires  couronnees  et  memoires 
des  savants  etrangers,  publies  par  racademie  royale 
des  sciences,  des  lettres  et  des  beaiix-arts  de  Belgique 
tome  XIII,  1837. 

8.  Prevost  et  Lebert,  Memoire  sur  la  formation  des 
organes,  de  la  circulation  et  du  sang  dans  les 
Batraciens;  in:  Annales  des  sciences  naturelles, 
III.  Serie,  Zoologie,  I.  tome,  Paris  1844. 

9.  Steinheim,  Die  Entwickelung  des  Froschembryos, 
insbesondere  des  Muskel-  und  Genitalsystems;  in: 
Abhandlungen  aus  dem  Gebiete  der  Naturwissen- 
schaften, Hamburg  1846. 

10.  Baudrimont  et  Martin  St.  Ange,  Recherches  anat.  et 
phys.  sur  le  d^veloppement  du  foetus  et  en  part  sur 
l'evolution  embryonnale  des  oiseaux  et  des  Batraciens; 
in:  Memoires  presentees  par  divers  savants  ä  l'academie 
des  sciences  de  l'institut  national  de  France.    Paris  1851. 

11.  Pontallie,  Recherches  sur  les  Batraciens  in  Annales 
scientifiques  nat.  3  e,  s.  Zool.  XVIII  1852. 

12.  Remak,  R.,  Untersuchungen  über  die  Entwickelung  der 
Wirbelthiere.     Berlin  1855. 

13.  Milne-Edwards,  Legons  sur  la  physiologie  et  l'anatomie 
comparee  de  l'homme  et  des  oiseaux.     Paris  1857. 

14.  Stricker,  Entwickelungsgeschichte  von  Bufo  cinereus  bis 
zum  Erscheinen  der  äusseren  Kiemen;  in:  Sitzungs- 
berichte der  math.-naturw.  Klasse.     Wien  1860  XXXIX. 

15.  Ecker,  A.,  Die  Anatomie  des  Frosches,  ßraunschweig 
1864. 

16.  Ecker,  A.,  Jcones  physiologicae.     1851 — 59. 

17.  Golubew,  A.,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Baues  und  der 
Entwickelungsgeschichte  der  Kapillargefässe  des  Frosches 
in:  Archiv  für  mikrosk.  Anatomie  von  M.  Schultze  1869, 

18.  Bambecke,  v.,  Recherches  sur  le  döveloppement  du 
Pelobate  brun;  in:  Memoires  couronnees  et  memoires 
des  savants  etrangers ,  publi6s  par  l'academie  royale  des 
sciences,  des  lettres  et  des  beaux-arts  de  Belgique. 
Bruxelles  1867—1870  tome  XXXIV. 


1  '4  H  u  e:  o  N  a  u  e : 

19.  Bronn,  Klassen  und  Ordnungen  des  Thierreiches. 
Band  6,  Amphibien  1873—1878. 

20.  Goette,  A.,  Die  Entwickelungsgescliichte  der  Unke 
(Bombinator  igneus).     Leipzig  1875. 

21.  Lataste,  Sur  la  position  de  la  fente  branchiale  cliez  le 
tetard  du  Bombinator  igneus,  im :  Journal  Zoologique 
tome  VI  1877. 

22.  Balfour,  Handbuch  der  vergl.  Embryologie.     Jena  1881. 

23.  Boas,  E.  V.  Ueber  den  conus  arteriosus  und  die 
Arterienbogen  der  Amphibien,  in :  Gegenbauer,  morpho- 
logisches Jahrbuch,  Band  7,  Leipzig  1882. 

24.  Boas,  E.  V.  Beiträge  zur  Angiologie  der  Amphibien, 
Band  8,  ebendas.  1883. 

25.  Leydig,  Die  anuren  Batrachier  der  deutsehen  Fauna. 
Bonn,  1877. 

26.  Claus,  Lehrbuch  der  Zoologie,  Marburg  und  Leipzig  1883. 

27.  Alcock,  Th.  On  the  development  of  common  frog,  in: 
Memoirs  of  Manchester  Literary  and  Philosophical  Society 
III  ser.  Vni  vol.  London  1884. 

28.  Wiedersheim,  R.,  Lehrbuch  der  vergleichenden  Anatomie 
der  Wirbelthiere,  Jena  1884. 

29.  Boulenger,  Note  sur  la  position  de  l'orifice  anal  chez  les 
tetards  des  Batraciens  d'Europe  aus  Bulletin  Soc.  Zool. 
France,  tome  XL 

30.  His,  Anatomie  menschlicher  Embryonen  III.  Z  ur  Geschichte 
der  Organe.     Leipzig  1885. 

31.  Barfurth,  der  Hunger  als  förderndes  Princip  in  der  Natur, 
in:  Archiv  für  mikrosk.  Anatomie  1887.  XXIX. 

32.  Maurer,  F.  Die  Kiemen  und  ihre  Gefässe  bei  anuren 
und  urodelen  Amphibien  und  die  Umbildung  der  beiden 
ersten  Arterienbogen  bei  Teleostiern,  in:  Gegenbauer 
morphologisches  Jahrbuch,  Band  XIV,  Leipzig  1888. 

33.  Jordan,  Die  Entwickelung  der  vorderen  Extremität  der 
Anuren-Batrachier.     Dissertation,  Leipzig  1888. 

34.  Schulze,  F.  E.  Ueber  die  inneren  Kiemen  der  Batrachier- 
larve,  aus:  Abhandlungen  der  Königlich  preussischen 
Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin  1888. 


Ueber  Bnu  u.  Entwicklung  der  Kiemen  der  Froschlarven.      175 


Erklärung  der  Abbildungen. 

Sämmtliche  Zeichniiugen  sind  mit  der  Oberhäuserschen 
Camera  lucida,  ohne  Berücksichtigung  der  durch  die  Con- 
servirung  entstandenen  Schrumpfungen,  verfertigt. 

Figur  1.     Kopf   einer   ausgebildeten  Larve,    von    der 
ventralen  Seite  geöffnet.     Vom  linken  Kiemenkorbe  sind  die 
Kiemen  und  Blutgefässe   entfernt;    Totalansicht,     o  Mund 
msh    musc.    subhyoideus;    zb    Zungenbeinbogen;    c    Herz 
kbi — kb4   1 — 4  Kiemenbogen;  ks^ — kss  1 — 3  Kiemenspalte 
k  Kiemen;  vk  Verbindung  der  beiden  mittleren  Bögen   am 
vorderen    Ende;    vk  Verbindungsknorpel     der    gesammten 
4  Bögen  am  hinteren  Ende;  kbf  Kiemenbögenfortsätze. 

Figur  2.  Längsschnitt  durch  das  Zungenbein  und  den 
1.  Bogen,  z  Zungenbein;  f  Filter;  sonst  wie  in  Figur  1. 
Vergr.  55  :  1. 

Figur  3.  Längsschnitt  durch  den  Verbindungsknorpel 
der  4  Bögen  am  hinteren  Ende,  vk  Verbindungsknorpel; 
f  Filter;  g  Gefäss;  Vergr.  55  : 1. 

Figur  4.  Längsschnitt  durch  die  vorderen  Fortsätze 
des  2.  und  3.  Bogens.  vk  Verbindungsknorpel;  f  Filter; 
a^ — a4  Arterien  des  1. — 4.  Bogens;  Vergr.  55:1. 

Figur  5.  Querschnitt  durch  einen  Kiemenkorb,  a^ — a^ 
1 — 4  Arterie;  v^ — v^  1—4  Vene;  m  Muskel;  e  Epithel; 
fg  Gefäss  des  Filters;  sonst  wie  in  Figur  1. 

Figur  6.  Längsschnitt  durch  ein  Stück  des  Filter- 
apparates, za  Zellanhäufung  am  äusseren  Rande;  e  Epithel; 
b  Bindegewebe;  md  mesodermale  Zellen;  Vergr.  200:1. 

Figur  7.  Querschnitt  durch  den  Kopf  einer  Larve,  um 
die  Kiemenhöhlenwand  und  den  Verbindungskanal  zu  zeigen, 
kh  Kiemenhöhle ;  khw  Kiemenhöhlenwand;  vc  Verbindungs- 
kanal; ep  Epidermis,  sonst  wie  in  Figur  5.      Vergr.  55:1. 

Figur  8a.  Schematische  Zeichnung  des  Blutgefässver- 
laufs  in  den  Kiemen,  a  Arterie ;  v  Vene  ;  ka  von  der  Arterie 
in  die  Kiemen  gehendes  Gefäss;  kv  von  der  Vene  in  die 
Kiemen  gehendes  Gefäss. 

Figur  8b.  Querschnitt  durch  einen  mittleren  Kiemen- 
bogen, um  die  Gefässvertheilung  zu  veranschaulichen,  ka 
von  der  Arterie  in  die  Kieme  gehendes  Gefäss;  kv  von  der 


176       Hugo  Naue:  Ueber  Bau  und  Entwicklung  der  Kiemen  etc. 

Vene  in  die  Kieme  gehendes  Gefäss;  kc  Kiemenkapillaren. 
(Die  Kapillaren  der  Deutlichkeit  wegen  ohne  Blutkörperchen.) 

Figur  9.  Querschnitt  durch  ein  junges  Stadium,  ak 
äussere  Kieme;  a  Arterie;  ep  Epidermis;  Vergr.  120:1. 

Figur  10.  Längsschnitt  durch  ein  etwas  älteres  Stadium, 
aki — akg  1 — 3  äussere  Kieme;  a^ — a^  1 — 3  Arterie;  Vergr. 
120 : 1. 

Figur  11.  Längsschnitt  durch  ein  Stadium,  bei  dem 
die  äusseren  Kiemen  vollständig  entwickelt  sind  (konstruirt). 
ak  äussere  Kieme;  k  innere  Kieme;  o  Opercularfalte;  kb 
Kiemenbogen;  g  Gefäss;  sh  Schlund;  akg  äusseres  Kiemen- 
gefäss.     VS2 — VS5  2 — 5  Visceralspalte. 

Figur  12.  Totalpräparat  eines  inneren  Kiemenbogens 
mit  darauf  sitzender  äusserer  Kieme.  Bezeichnungen  wie 
in  Figur  11.    Vergr.  30 :  1. 

Figur  13.  Längsschnitt  durch  ein  jüngeres  Stadium, 
das  dem  ausgebildeten  Zustande  nahe  ist.  sp  Spiraculum; 
0  Opercularfalte;  hf  hintere  Falte;  sonst  wie  in  Figur  5. 
Vergr.  20 : 1. 


Zeitschrift  (ür  NalurwissenscIiatlenBd,  63  Doppellafel  2/3. 


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I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 


Lattermann  ^  6r.,  in  Berlin^  Die  Lautenthaler  Soolquelle 
und  ihre  Absätze^  Jahrbuch  der  k.  preussischen  geologischen 
Landes- Anstalt  1888  (erschienen  1890 J . 

Ein  kleiner  Nebengang  des  Lautenthals-Glüeker  Ganges 
ist  der  Leopolder  Gang;  auf  diesem  wurde  370  m  unter 
Tage  vor  30  Jahren  eine  Soolquelle  angefahren.  Die 
Pumpenröhren,  welche  das  Quell wasser  zu  passiren  hatte, 
zeigten  einen  festen  Absatz,  dessen  chemische  Zusammen- 
setzung folgende  war : 

Schwefelsaurer  Baryt        94,3  % 
5,  Strontian    1,6  „ 

Kalk  0,1  „ 

Eienoxyd  0,5  „ 

Wasser  3,6  „ 

Der  Leopolder  Gang  hat  ein  Streichen  von  9,2  h  und 
ein  Fallen  von  55  **  S. ,  er  ist  40  m  vom  Hauptgange  ent- 
fernt und  beide  schaaren  sich  nach  Osten  zu.  Die  Mineral- 
Combination  der  beiden  Gänge:  1)  Aelterer  Kalkspath, 
2)  Quarz,  3)  Bleiglanz  und  Quarz,  4)  Blende  und  Kupfer- 
kies weisen  Schwerspath  nicht  auf;  derselbe  fehlt  vielmehr 
gerade  östlich  der  Innerste  auf  diesen  Gängen.  Dagegen 
tritt  der  Kalkspath  in  der  Quell  führenden  Schicht  auf; 
das  Hangende  des  Ganges  bilden  Culmgrauwacken  und 
Thonschiefer;  im  Liegenden  dagegen  hat  der  Gang  als 
Verwerfer  die  Schichten  bis  zum  Oberdevon  in  das 
gleiche  Niveau  gertickt.  Die  Hauptquelle  liefert  in  der 
Minute  40  1  oder  57600  1  per  Tag;  180  m  vom  ersten 
Quell  findet  sich  ein  zweiter  Quellpunkt,  welcher  1  1  pro 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  lO 


178  I.  Sächsisch-Thüringische  Literatur. 

Minute  liefert.  Anfangs  am  Quellort  ist  die  Soole  ganz 
klar,  sie  beginnt  erst  50  m  vom  Quellort,  nachdem  sie  sich  mit 
anderen  Grubenwassern  gemischt  hat,  trüb  zu  werden  und  an 
ihrer  Oberfläche  talgähnliche,  vollkommen  krystallinische  Ab- 
sätze zu  bilden.  Diese  sind'  bis  zu  mehreren  Centimetern 
dick  und  bestehen  aus  Schwerspath ;  in  den  Leitungsröhren 
haben  sich  in  3 — 5  Jahren  2000  Kilogr.  dieses  Minerals 
gebildet.  Die  Ueberzüge  der  zweiten  Quelle  erinnern  an 
Karlsbader  Strudelstein.  In  den  Jahren  1886/87  hatte  sich 
die  13.  Strecke  mit  Soole  gefüllt  und  es  hatte  sich  die 
Streckensoole  mit  einer  1 — 2  dem.  hohen  Schicht  eines 
grauweissen  Schwerspathschlammes  bedeckt.  Von  Gasen 
enthält  die  Soole  wahrscheinlich  nur  Stickstoff  und  zwar 
0,5  cm  3  im  Liter. 

Die  Analysen  der  Soole  ergaben  und  zwar  1.  von  der 
Hauptquelle  und  2.  von  der  zweiten  Quelle  im  Liter: 

erste :  zweite : 


Chlorbarium           0,314  gr.     0,318 

gr.     0,219  gr. 

Chlorstrontium       0,854    „      0,899 

„      0,859    „ 

Chlorcalcium        10,509    „    10,120 

„    10,490    „ 

Chlormagnesium    3,219    „      4,360 

„      3,275    „ 

Chlornatrium        67,555    „    68,168 

„    64,076    „ 

Chlorkalium           0,359    „      0,458 

„      0,387    „ 

Beide   Quellen    lieferten     dasselbe 

Resultat ,    ge 

gehören 

also  zusammen;  eine  solche  Zusammensetzung  einer  Soole 
war  bis  jetzt  unbekannt.  Verfasser  vergleicht  die  GruU- 
quelle  zu  Eecklinghausen,  die  Kreuznacher  Elisabethquelle, 
die  Bibraer  Eisen-  und  Schwesternquelle,  das  Pyrmonter 
Wasser,  die  Elisabethquelle  zu  Homburg  und  das  Emser 
Krähncheu  in  Bezug  auf  die  beiden  selteneren  alkalischen 
Erden  mit  der  neuen  Quelle.  Die  Analyse  der  Grubenwasser 
liefert  das  Resultat,  dass  auch  sie  Soolen  sind,  welche 
jedoch  Schwefelsäure  enthalten.  Hierauf  beruht  der  durch 
Vermischung  der  Soole  und  der  letzteren  entstehende  Nieder- 
schlag von  Schwerspath. 

Aus  weiteren  Analysen  der  Mischung  ging  hervor,  dass 
in  der  Mischung  auch  schwefelsaurer  Baryt  in  gelöster  Form 


Sächsisch -Thüringische  Literatur.  179 

vorbanden  war  und  dass  mit  der  Zufuhr  der  Schwefelsäure, 
welche  jedoch  niemals  in  dem  Grade  vorhanden  war,  um 
alles  Baryum,  Strontium  etc.  zu  fällen,  der  Gehalt  an  ge- 
lösten schwefelsauren  Strontium  wächst. 

Die  Farbe  des  gebildeten  Schwerspatbes  ist  bald  rein  weiss, 
bald  rothbraun,  er  ist  moosartig  zu  Stalactiten  vereinigt.  Das 
Mikroskop  lehrt,  dass  die  kleinen  keulenartig  aussehenden 
Schwerspathkry stalle  die  Combiuation  010,  101  oder  010, 
110,  011  nach  Naumann  darstellen,  wo  also  010  und  101  Spalt- 
formen sind.  Analysen  des  weissen  Baryts  I,  des  rost- 
braunen II  und  des  B.— Schlammes  III  ergaben  : 

I  II  III 

Baryterde  55,69     55,08     50,66 

Strontianerde      6,79      4,87       7,08 
Kalkerde  —        0,81      0,85 

Eisenoxyd  0,29      2,59      0,65 

Chlornatrium        —        0,36       — 
Schwefelsäure  34,22     33,65    33,26 
Kieselsäure  0,16      0,70      4,50 

Organ.    Subst.     Spur      0,15      0,19 
Wasser  1,04      1,29       1,35 

Weitere  Versuche  des  Verfassers  beweisen,  dass  die 
Soole  einmal  die  ßeaction  zwischen  Baryumsalz  und 
der  Schwefelsäure  verzögern  und  anderntheils,  dass  sie 
einen  Theil  des  schwefelsauren  Baryts  in  Lösung  erhalten 
kann,  endlich,  dass  die  verschiedene  Verdünnung  der 
Lösungen  von  bedeutendem  Einfluss  auf  die  Ausscheidung 
des  Baryts  ist.  Schon  in  der  unvermischten  Soole  ist 
schwefelsaures  Baryum  in  Lösung  vorhanden,  doch  durch 
die  vorhandenen  chemischen  Reagentien  nicht  nachweis- 
bar; seine  Anwesenheit  geht  aber  aus  der  Bildung  von 
kleinen  Stalactiten  von  Schwerspath  in  der  Soole  hervor. 
Die  Herkunft  der  Quelle  ist  unsicher,  doch  setzt  sich 
der  Lautenthals  -  Glücker  Hauptzug  wahrscheinlich  nach 
Seesen  in  die  Zechsteinformation  fort  und  entnimmt 
dieser  die  Salze  der  Quelle. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


12* 


180  I,  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

V.  JFritschj  _K.,  Die  Tertiärformation  Mittel- Deutschlands ; 
aus  Vollert^  Der  Braimkohlenhergbau  ^  Festschrift  zur 
Feier  des  4.  allgemeine7i  Bergmannstages  in  Halle  a.  S. 
C.  E.  M.  Pfeffer  (Roh.  Stricker]  1889. 

Die  Tertiärformation  des  mittleren  Nord -Deutschland 
ist  ausgezeichnet  dadurch  vor  dem  Vorkommen  derselben 
Formation  in  der  Lausitz,  Böhmen,  Franken,  der  Rhön 
und  Hessen,  dass  vulkanische  Gebirgsmassen  und  sonstige 
feste  sedimentäre  Schichten  fehlen;  nur  der  Braunkohlen- 
quarzit  „Knollenstein"  bildet  hier  und  da  aushaltende 
Bänke.  Die  losen  Sande,  Thone  und  mulmige  Braunkohlen 
wiegen  vor  und  die  Lagerung  der  Gebirgsschichten  ist  im 
allgemeinen  eine  söhlige.  Im  Osten  der  Mark  finden  sich 
Aufrichtungen,  Zerreissungen,  Verwerfungen  der  Schichten. 
Vielfach,  besonders  am  Harze  und  bei  Halle  a.  S.  zeigt 
sich,  dass  die  Ablagerung  in  horizontalen  Schichten  nach 
Einebnung  der  gefalteten  älteren  Straten  stattgefunden 
hat;  vielfach  findet  man  die  Braunkohlenschichten  in 
Thälern  der  älteren  Gebirgsschichten  liegen.  Die  Ab- 
wesenheit von  Brocken  der  darunterliegenden  Massen  und 
die  auf  weite  Strecken  hin  sich  gleich  bleibende  Beschaffen- 
heit der  tertiären  Schichten  lässt  die  Annahme  gerechtfertigt 
erscheinen,  dass  ein  allgemein  wirkendes  Agens  die  Trümmer 
der  anstehenden  Gebirge  entfernt  und  auf  weite  Strecken 
hin  in  gleichmässiger  Weise  dieselben  Tertiärschichten  ge- 
bildet hat. 

Es  widerspricht  dies  besonders  der  Bildung  derselben 
an  Ort  und  Stelle  und,  dass  durch  langsame  Hebungen 
und  Senkungen  Meeresablagerungen  zwischen  die  Landab- 
lagerungen eingeschoben  worden  seien. 

Letzterem  widerspricht,  dass  die  Meeresablagerungen 
sich  innigst  an  die  Thone,  Sande  etc.  anschliessen;  auch 
müsste  sich  der  Untergrund  in  seinen  verschiedenen 
Varietäten:  als  Kalkstein  —  Sandstein  —  ßothliegendes 
etc.  vielmehr  bei  der  Bildung  der  Landbildungen  geltend 
gemacht  haben,  als  man  dies  beobachtet;  so  müsste  ein 
Sumpfgebiet  mit  Kalksteinunterlage  Travertinbildungen 
hervorgerufen  haben,  welche  uns  die  organischen  Reste  in 


Sächsisch -Thüringische  Literatur.  181 

vorzüglicher  Weise  tiberliefert  hätten ;  dieselben  fehlen  aber 
gänzlich. 

Die  Hebung  und  Senkung  müssten  erkennbare 
Spuren  ihrer  Thätigkeit  zurückgelassen  haben,  welche 
durchaus  vermisst  werden.  Dann  müssten  auch  die  Sande 
und  Thone  Keste  von  Sumpf-  und  Wasserpflanzen  enthalten ; 
dieselben  werden  aber  dort  vermisst,  ebenso  wie  sie  in  den 
Braunkohlen  nur  ganz  sporadisch  sind. 

Die  Bildung  aus  Wassernüssen  sind  ganz  zu  verwerfen, 
denn  in  den  unteroligocänen  Hauptablagerungen  werden  die- 
selben vermisst;  sie  finden  sich  nur  in  den  jüngeren 
Schichten. 

Der  Verfasser  erklärt  die  Ablagerungen  als  Meeres- 
ablagerungen durch  die  Annahme,  dass  damals  ein  Meer, 
welches  400  Meter  hoch  Norddeutschland  überdeckte,  die- 
selben abgesetzt  habe.  Diese  Bildungsart  würde  es  auch 
erklärlich  finden  lassen,  dass  die  auf  der  damaligen  Ober- 
fläche des  Bodens  befindlichen  losen  Massen  durch  das  ein- 
dringende Wasser  Anfangs  vollständig  ausgebaggert  worden 
sind  und  so  dieselben  sich  nicht  mehr  an  einer  Schicht- 
bildung innerhalb  unseres  Gebietes  betheiligen  konnten. 

Die  gleichartige  Beschaffenheit  derselben  Schichten  an 
so  weit  auseinanderliegenden  Stellen  wie  Blankenhain  und 
Halle  a.  S.  erklärt  sich  hierdurch  auch  in  genügender 
Weise. 

Hierzu  kommt,  dass  die  ziemlich  mächtigen  Braunkohlen- 
flötze  selbst  eine  solche  Structur  zeigen,  wie  sie  sich  nur 
bei  einer  Sonderung  der  Gemengtheile  nach  dem  specifischen 
Gewichte  bilden  konnten. 

Noch  bis  vor  kurzem  glaubte  man,  dass  alle  Braun- 
kohlenschichten dieses  Gebietes  ein  unteroligocänes 
Alter  besässen;  neuere  Untersuchungen  von  Behrend, 
H.  Credner  und  dem  Verfasser  haben  jedoch  gezeigt ,  dass 
dieses  im  Allgemeinen  nicht  zutreffend  ist.  Für  die  Gegend 
von  Halle  a.  S.  trifft  dies  zu,  weil  hier  der  mitteloligocäne 
Septarienthon  die  Flötze  bedeckt,  während  bei  Egeln, 
Latdorf,  Aschersleben,  Atzendorf  und  Helmstedt  die  Haupt- 
masse derselben  mit  versteinerungsreichen  unteroligocänen 
sandig  thonigen   Schichten  in  Verbindung  stehen.     Später 


182  I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 

wiesen  Zaddach  für  die  Braunkohle  der  Mark,  Kosmann 
für  die  am  Flemming,  H.  Credner  für  die  von  Leipzig, 
Behrend  für  weitere  Vorkommen  nach,  dass  dieselbe  jünger 
sei  als  der  mitteloligocäne  Septarienthon. 

Verfasser  gelangt  unter  gleichmässiger  Berücksichtigung 
paläontologischer  Verhältnisse  und  eigener  Be- 
obachtungen über  Lagerungsverhältnisse  zu  folgen- 
der Eintheilung  der  tertiären  Schichten. 

Erste  Stufe  der  älteren  subhercynischen  Braun- 
kohlenbildung; hierher  gehören  die  FlötzezwischenMagdeburg 
und  dem  Harze,  die  von  Halle  a.  S.,  Cöthen  und  Weissen- 
fels.  Die  Flötze  werden  von  Sanden,  Quarziten,  Quarz- 
kiesen, Thonen  etc.  begleitet;  es  existirt  ein  Unter-  uud 
Oberflötz ,  von  welchem  das  erstere  gewöhnlich  das 
mächtigere  ist;  nach  oben  zu  gehen  sie  öfter  in  Schweel- 
kohle  über;  das  Oberflötz  ist  weniger  mächtig,  reicher  an 
Schwefelkies,  Alaunen  und  alaunhaltigen  Thonen.  Bei 
Lützkendorf  ist  das  Unterflötz  70  Meter,  bei  Nachterstedt 
50  Meter  mächtig.  An  Thierresten  finden  sich  hier  der 
Limulus  Decheni  und  Insecten,  von  Pflanzen  Sequoia 
Couttsiae  Hr.,  Sabal  major  üng.  sp.,  Sterculia  labrusca  Ung., 
Apocynophyllum  neriifolium  Hr.,  und  Dryophyllum  Dewal- 
quei  Sap.  u.  a.;  hierbei  hebt  der  Verfasser  besonders  her- 
vor, dass  diese  Gewächse  lederartige  grüne  Blätter  besasseu, 
und  dass  eine  nicht  geringe  Anzahl  derselben  in  anderen 
Gegenden  characteristisch  als  für  Eocän  gelten. 

Auf  der  „schwarzen  Minna"  und  dem  „Segen  Gottes- 
Schachte"  bei  Eisleben  hat  man  eine  reiche  Flora  aufge- 
funden, welche  sogar  Anklänge  an  die  Kreideflora  hat;  es 
ist  bis  jetzt  leider  noch  nicht  ganz  ausgemacht,  ob  diese 
Flora  dieser  ersten  Stufe  beigezählt  werden  darf  oder  ob 
dieselbe  älter  ist,  als  diese.  Bei  Egeln  erscheint  im 
Hangenden  der  Braunkohle  ein  sandig  glaukonitisches 
Meeresmuschellager,  welches  für  unteroligocän  gilt;  auch 
bei  Helmstedt,  Magdeburg  und  Aschersleben  sind  mannig- 
fache Thierreste  dieser  Stufe  gefunden  worden;  besonders 
reich  war  früher  Latdorf  bei  Bernburg:  Nummulina  germanica 
Born.,  Trochoseris  helianthoides  Rom.,  Cidaris  anhaltina 
Gieb.,     zahlreiche     Bryozoen,      Thecidium     mediteraneum 


I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur.  183 

und  Lattorfense.  Von  Weichthieren  ca.  900:  Nautilus 
imperialis,  Pholdomya  Weissii  Goldf.,  Cypricardia  praelonga 
Giebel.,  Chama  monstrosa  Phil.  Spondylus  Buchii  Phil., 
Ostrea  ventilabrum  Goldf.,  (dieselbe  bildet  nachgewiesener 
Massen  bei  Spandau  unterirdische  Bänke),  Cancellaria  elon- 
gata  Ngst.,  Fusus  egregius  Begr.,  Strepsidura  desertum  Sol., 
Pleurotoma  Bosqueta,  Voluta  suturalis,  Mitra  Mettei  Gbl.; 
Fischreste  bei  Helmstedt  und  Büddenstedt:  Lamna  elegans 
und  cuspidata. 

Die  zweite  Stufe  bildet  das  Mitteloligocän,  welches 
gewöhnlich  in  Form  eines  oft  wohlgeschichteten,  meist 
grauen,  sehr  gut  knetbaren  Thones,  des  sogenannten 
Septarien-  oder  Kup  elthon  es  erscheint.  Eingesprengte 
Foraminiferen-  und  Muschelschalen  machen  ihn  kalkhaltig; 
durch  wechselweise  Zersetzung  des  Kalks  und  Schwefel- 
kieses bilden  sich  Gypsknollensande ,  und  Sandmergel  be- 
gleiten ihn ;  durch  Braunkohle  gefärbte  Sande  führen  die 
Bezeichnung  Magdeburger  und  Stettiner  Sande.  Neben 
228  Foraminiferen  findet  man  Leda  Deshaysiana  Ductret, 
Nucala  Chasteli  Nyst.,  Fusus  multisulcatus  Nyst.,  Aporhais 
speciosa  Schloth.,  Pleurotoma  Duchasteli  Nyst.,  P.  regularis 
de  Kon.,  Natiea  hantoniensis  Sow. ,  Nystii  Sow.,  Lamna 
cuspidata  Ag.  und  Meletta  crenata. 

Credner  stellt  die  Thone,  Sande  und  Kiese  zwischen 
Leipzig  und  dem  sächsischen  Berglande  hierher;  vielleicht 
gehören  auch  die  Alaunerze  und  Braunkohlen  von  Born- 
stedt  in  diesen  Horizont;  Aralia  Weissii  Frid. ,  Apocyno- 
phyllum  helveticum  Heer.,  Quercus  Sprengeli  Hr.,  Sequoia 
Langsdorfi  Bgt.  und  Bombax  Decheni  Web.  gehören  der 
dritten  Stufe  an ;  vielleicht  kann  man  sie  aber  auch  zu  der 
folgenden  Stufe  rechnen. 

Dritte  Stufe  oberoligocäne  Meeresmuschellager, 
Formsand  Laspeyres;  es  sind  glauconitische ,  in  sandstein- 
artige, kalkreiche  Gebilde  übergehende  Sande  und  Sand- 
mergel z.  Th.  mit  Eisenstein  verbunden.  Die  Hellberge  bei 
Wiepke,  der  Eisenstein  bei  Brombach  (Dessau),  Hohendorf 
bei  Calbe,  Schlieben  bei  Cottbus  bilden  diese  Stufe;  Fossilien: 
Lunnulitis  hippocrepis  Rom.,  Terebratula  grandis  Blb., 
Pecten  Janus  Goldf.,  Cardium  cingulatum,  Menkei,  Nucula 


184  I.  Sächsisch -Thüringisclie  Literatur. 

peregrina  Desh.,  Buccinum  Bolli  Beyr.,  Nassa  Schlotheimiij 
Turritella  Geinitzii  Spey.  Trochus  elegantulus  Phil. 

Vierte  Stufe  helle  Sande,  Kiese,  Thone  mit  Knollen- 
stein  über  oheroligoeäüen  Schichten:  Miocän;  am  Thon- 
berge,  märkische  Braunkohlen  mit  Flaschenthon  (unten  Thon, 
Mitte  Faschenthon,  oben  Sand),  häufig  Alaunflötze.  Bei 
Muskau  Corylus  und  Carpinusblätter,  bei  Zschipkau : 
Liquidambar  europaeum  AI.,  Carpinus  pyramidalis  Göp., 
Populus  latior,  Taxodium  distichum  miocenum  Heer.  Borna, 
Göhren  und  Mittweida  gehören  nach  den  Beschreibungen  von 
Beck,  Engelhardt  -und  Schenk  hierher. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


Voilertf  JMEaXf  Der  Braunkohlenherghau  ^  Festschrift  zur 
Feier  des  IV.  allgemeineti  Bergmannstages  in  Halle  a.  S. 
C.  E.  M.  Pfeffer  fR.  Stricker]  1889. 

Den  ersten  Theil  der  vorliegenden  Schrift  bildet  die  oben 
besprochene  Abhandlung  des  H.  v.  Fritsch  über  die  Tertiär- 
formation Mitteldeutschlands. 

An  dieselbe  anschliessend  bespricht  V.  die  Verbreitung 
derselben;  als  Erläuterung  dient  hierbei  eine  Karte;  als- 
dann folgen  die  geschichtliche  und  rechtliche  Entwickelung 
des  Bergbaues,  der  technische  Betrieb,  die  mechanische 
und  chemische  Aufbereitung,  Statistik  der  Production  und 
der  Arbeiterverhältnisse. 

Das  Buch  ist  fliessend  geschrieben  und  bringt  eine 
Menge  von  Daten,  welche  aus  officiellen  Quellen  geschöpft 
sind,  sich  also  wohl  als  recht  zuverlässig  erweisen  werden; 
die  Ausstattung  ist  lobenswerth  und  können  wir  daher  das 
Werk  den  Interessenten  angelegentlichst  empfehlen. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


Franken.,  W„  u.  v.  Koenetl,  A.,  lieber  die  Gliederung 
des  Wellenkalks  im  mittleren  utid  nordwestlichen  Deutschland, 
Jahrbuch  der  kgl.  preuss.  geologischen  Landes  -  Anstalt, 
(440  S.J  1888. 


I.  Sächsisch- Thürmgische  Literatur.  185 

Die  Autoren  haben  am  Bahneinschnitt  zu  Hardegsen, 
N.  W.  von  Göttingen ,  an  den  Aufschlüssen  zwischen 
Kreiensen  und  Gandersheim ,  in  der  Umgegend  von  War- 
burg, in  der  Nähe  von  Wissingen  bei  Osnabrück  und  an 
der  Hainleite  bei  Sondershausen  den  Wellenkalk  näher 
studirt  und  die  überall  gemeinsam  hervortretenden  festen 
Bänke  —  die  Oolithbänke,  Terebratel-  und  Schaumkalk- 
bänke an  den  einzelnen  Fundorten  mit  einander  zu 
parallelisiren  gesucht.  Aus  denselben  geht  hervor,  1)  dass 
die  drei  Haupthorizonte  fester  Bänke  die  sogenannten 
Oolithbänke  (a  u.  ß  der  preussischen  geologischen  Special- 
karte), der  Terebratelbank-  (y)  und  der  Schaumkalk- 
Horizont  (ö)  von  Thüringen  und  Sondershausen  durch  das 
südliche  Hannover  und  Braunschweig,  sowie  Westfalen  bis 
nach  Osnabrück  im  Wellenkalk  in  demselben  Niveau  — 
soweit  sich  dies  feststellen  Hess  —  und  in  wenig  ab- 
weichenden Gesteinen  vertreten  sind;  2)  dass  mindestens 
bis  Warburg  hin  zwei  Oolithbänke  («  und  ß)  durch 
gelbe  Kalke  getrennt,  zwei  Terebratelbänke  (y)  und 
drei  Schaumkalkbänke  vorhanden  sind,  ebenso  auch 
bei  Sondershausen  und  bei  Eisenach;  3)  dass  mürbe  gelbe 
Gesteine  ähnlieh  denen  des  mittleren  Muschelkalks  ganz 
allgemein  auch  bei  Sondershausen,  Kreiensen,  Göttingen 
und  Warburg  schon  über  den  unteren  und  mittleren 
Schaumkalk  folgen  und  dass  Schichten  reich  an  Myophoria 
crbicularis  sich  gerade  über  der  unteren  Schaumkalkbank 
sehr  häufig  finden,  in  einem  höheren  Horizonte  häufig 
fehlen. 

Deswegen  ist  es  auch  ungeeignet,  gerade  diese  Schichten 
als  Grenzschichten  zwischen  unteren  und  mittleren  Muschel- 
kalk anzusehen.  Früher  ist  dies  häufig  geschehen  und  da- 
her sind  die  beiden  oberen  Schaumkalkbänke  dem  mittleren 
Muschelkalke  zugerechnet  worden. 

Schliesslich  machen  die  Verfasser  den  gewiss  beachtens- 
werthen  Vorschlag,  die  drei  Horizonte  nur  mit  drei  Buch- 
staben zu  bezeichnen  und  daher  die  Oolithbänke  mit  A, 
die  Terebratelbänke  mit  B  und  die  Schaumkalke  mit  C 
zu  bezeichnen. 


186  I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

Auf  der  kgl.  preussischen  geologischen  Spezialkarte 
wird  künftighin  der  untere  und  obere  Wellenkalk  so  ge- 
schieden werden,  dass  die  untere  Grenze  des  letzteren 
unter  die  Terebratelbänke ,  welche  sich  am  leichtesten  er- 
kennen lassen,  gelegt  werden  wird. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Fvantzen,  TF.,  in  Meinitigen^  TJnter suchungen  über  die 
Gliederimg  des  unteren  Muschelkalks  im  nordicestlichen 
Westfalen  und  im  südwestlichen  Hannovicr.  Jahrbuch  der 
kgl.  2>reuss.  Landes- Anstalt.    (453  S.J     1888. 

Der  Verfasser  hat  das  früher  mit  von  Konen  gemein- 
sam Unternommene  (vergl.  voriges  Referat)  weiterverfolgt; 
insbesondere  ist  es  ihm  gelungen ,  eine  Reihe  dünner,  für 
den  Muschelkalk  von  Meiningen  für  bestimmte  Horizonte 
constante  Bänkchen  (Unicardiumbank,  Bank  mit  Spiriferina 
fragilis  6 — 8  Meter  unter  der  unteren  Terebratelbank  liegend, 
mehrere  dünne  die  obere  Terebratelbank  begleitende  mit 
Spiriferina  hirsuta  und  Terebratula  vulgaris)  auch  im  süd- 
westlichen Hannover  bei  Kreiensen  und  Hardegsen  und  in 
Westfalen  bei  Sandebeck  aufzufinden. 

Merkwürdig  ist  es  nun,  dass  von  Westfalen  bei  Osna- 
brück der  Wellenkalk  sich  durchaus  verschieden  von  dem 
verhält,  was  wir  sonst  in  Mittel -Deutschland  etc.  kennen 
gelernt  haben.  Hier  fehlt  nicht  nur  der  Schaumkalk  der 
Zone  f^,  sondern  es  sind  auch  die  übrigen  Schaumkalk- 
bänke in  so  unansehnlicher  Gestalt  entwickelt,  dass  eine 
Ausscheidung  der  Bänke  a  ß,  Oolithbänke  und  y  Terebratel- 
bänke nicht  mehr  möglich  ist,  weil  dieselben  nicht  ent- 
wickelt sind,  und  da  bereits  von  Kreiensen  an  gegen  W. 
hin  auch  in  dem  unteren  Wellenkalk  oolithische  Bänke 
vorkommen.  Daneben  gehen  hier  mehrere  Leitpetrefacten 
in  andere  Horizonte  über.  So  z.  B.  geht  Myophoria 
orbicularis,  welche  bei  Meiningen  Hauptleitmuschel  der 
Schaumkalkzone  d  und  die  Orbicularisschicht  ist  und  in 
tieferen  Schichten  nur  als  grosse  Seltenheit  beobachtet  wird, 
nach   N.  und  W.   hin  in  immer  tiefere  Schichten  abwärts, 


T.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  187 

SO  dass  sie  bei  Osnabrück  im  oberen  Wellenkalk  eine  der 
gemeinsten  Muscheln  ist. 

Auch  die  Terebratula  vulgaris  behält  ihr  Lager  in  der 
nach  ihr  benannten  Zone  nicht  bei,  sondern  geht  ebenfalls 
in  tiefere  und  höhere  Schichten  über,  hinauf  bis  in  den 
Schaumkalk  3,  abwärts  bis  in  die  Bank  der  Spiriferina 
fragilis. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Scheibe,  JR.,  u.  ZifnmevTnann,  Geognosie  der  Gegend  des 
Ihnfhales  zioischen  Schneidemüllerskopf  und  Ilmenau^  Jahr- 
hucJi  der  kgl.  preussischeti  Landes  -A?istalt.  f63  S.J  1888 
(erschienen  1890 j. 

Die  Verfasser  schliessen  sich,  was  die  Eruptivgesteine 
anlangt,  den  von  v.  Fritsch  gegebenen  Daten  an  und  geben 
folgende  Eintheilung:  Aeltestes  Gebirgsglied  ist  der  Granitit 
(vergl,  des  Eeferenten  Aufsatz  in  der  Zeitschrift  für 
Krystallographie  X.  187)  des  Meyersgrunds;  derselbe  wird 
überlagert  vom  unteren  Manebacher  Carbon,  welches  zu 
Unterst  aus  Conglomeraten ,  welche  Sandstein,  Quarz, 
Granit,  cambrischem  Quarzit  und  Kieselschiefer  führen, 
besteht;  darüber  folgt  ein  feinkörniger,  grauer  oder  rother 
Sandsteinschiefer  mit  Schieferthon.  Dieser  wird  überlagert 
von  Meyersgrundporphyr,  dem  Schneidemüllersgrund- 
porphyrit  und  dem  Glimm erporphyrit  der  Wilhelmsleite, 
bei  Manebach,  am  Dachskopf  etc. 

Perlgraue  bis  rothe  dünnschichtige  Thonsteine,  deren 
unterste  Schichten  durch  aufgenommene  Glimmerporphyrit- 
bruchstücke  conglomeratisch  sind,  werden  wohl  am  besten 
als  Tuffe  dieser  Gesteine  aufgefasst.  Ueber  denselben 
folgen  dann  die  Feldspathporphyrite  am  Hirschkopf  und  am 
Fusse  des  Kickelhahns;  über  letzteren  erheben  sich  dann 
die  Tuffe  und  Quarzporphyrdecken  desselben.  Die  folgen- 
den Schichten  sind  durch  Verwerfung  von  den  vorher- 
gehenden getrennt. 

Das  obere  Manebacher  Carbon  gliedert  sich  in:  zu 
Unterst     Quarzitgerölle    führendes     Conglomerat     an     der 


188  I,  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 

Kammerberger- Stutzerbacher  Strasse  aufgeschlossen,  da- 
neben wechsellagernde  Schieferthone,  Sandsteine  und  Kohlen- 
flötze  und  andere  Conglomerate  mit  Quarzgeröllen,  Kiesel- 
schiefer  und  Porphyritstücken. 

Concordant  aufgelagert  folgt  dann  das  Unter -ßoth- 
liegende  am  Buntschildskopf  mit  Sandsteinen  und  jüngeren 
Couglomeraten;  den  Gipfel  dieses  Berges  bildet  dann  der 
nach  ihm  genannte  Porphyr.  Nun  folgt  wieder  eine  Lücke; 
es  folgen  die  Tuffe  und  darüber  die  Conglomerate  des 
Heidelberges,  dem  noch  Schieferthon  und  concordant  die 
Porphyrdecke  des  Rumpelberges  folgt.  Unter  der  Voraus- 
setzung, dass  der  Walchia  piniformis  und  filiciformis  sowie 
Cordaitenblätter  führende  Schieferthon  an  der  Schwalben- 
steiner  Wand  identisch  ist  mit  dem  Schieferthon  des  Kohl- 
thals, findet  das  Profil  seine  Fortsetzung  im  Porphyr  der 
Sturmheide,  welcher  wiederum  concordant  von  den  Tuff- 
schichten und  Porphyrconglomeraten  des  Schwalbensteins 
und  Spiegelsbergs  bedeckt  wird. 

Diesen  Conglomeraten  ist  der  Melaphyr  von  Roda  und  der 
Porphyr  der  Preussenhöhe  und  der  bei  Elgersburg  eingelagert. 
Die  obersten  Lagen  bilden  sodann  der  Elgersburger  Sandstein 
und  die  Conglomerate  des  Todtensteins  bei  derselben  Stadt. 

Wie  schon  erwähnt,  durchqueren  die  Gegend  mehrere 
grosse  Verwerfungen.  Die  erste  ist  die  vom  Dachskopf 
ausgehende,  nach  W.-N.-W.  nach  dem  Mönchshof  zu  über 
das  Blatt  Suhl  und  Crawinkel  verlaufende.  Die  zweite  geht 
ebenfalls  von  Dachskopf  aus  und  streicht  nach  N.-W.  gegen 
den  Rumpeisberg  hin;  schon  vor  diesem  Berge  wird  sie 
durch  eine  dritte  etwa  O.-W.  verlaufende  Querverwerfung 
abgeschnitten,  welche  an  der  Schwalbensteiner  Wand  und  am 
Südabhang  des  Heidelbergs  und  Rumpelbergs  hinläuft.  Die 
vierte  Verwerfung  geht  an  der  Schwalbensteiner  Wand  nach 
N.-W.  und   verliert   sich   am  Adelheidstein  bei  Elgersburg. 

Das  zwischen  der  ersten  und  vierten  Hauptverwerfung 
eingeschlossene  Gebiet  wird  durch  die  beiden  anderen 
Hauptspalten  in  drei  keilförmige  Stücke  zerschnitten,  von 
welchen  das  zwischen  der  zweiten  und  dritten  gelegene 
als  „Horst",  die  beiden  anderen  mit  der  Schneide  nach 
Osten  gekehrten  als  „Gräben"  aufzufassen  sind. 


1.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  189 

Von  letztem  ist  der  nördliche  Graben  tiefer  als  der 
stidliclie  abgesunken.  Den  Gräben  verdankt  das  Mane- 
bacher  Ober-Carbon  (-Ottweiler  Schiebten)  seine  Erhaltung. 

Nördlich  von  der  dritten  und  vierten  Spalte  muss  es  bei 
200  Meter  Tiefe  angetroffen  werden;  in  den  Horsten  fehlt 
es  selbstverständlich.     Ein  bübsch  ausgeführtes   Kärtchen 
1:5000  begleitet  den  Text. 
Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Loret^^  M.,  Dr.,   in  Berlin,    Ueher   einige  Eruptivgesteine 
des   Rothliegende7i   im    S.-O.    Thüringer   Walde.     Jahrbuch 
der    kgl.  preussischen    geologischen    Landes  -  Anstalt    1888 
(erschienen  1890). 
Der  Verfasser  beschreibt  die  petrographische  Beschaffen- 
heit   des    Granitporpbyrs,    Quarzporphyrs,    quarz- 
armen Porphyrs,  Glimmerporphyrits  u.  Melaphyrs 
vom  südö.  Thüringer  Walde  und  theilt  chemische  Analysen 
dieser  Gesteine  mit.    Das  zuerst  genannte  Gestein  kommt 
aufwärts  von  Ernstthal   und  Unterneubrunn  gangförmig  im 
Schiefer  vor.    In  einer  holokrystallinen  Grundmasse,  welche 
aus  Orthoklas,  Plagioklas,   Quarz,   Titaneisen   und   Apatit 
besteht,    liegen    grosse    z.    Th.    tafelige    Orthoklase    und 
Biotite;    an    einigen    Stellen    erscheint    als   Umwandlungs- 
product  der  Kalkspath. 

Der  Quarzporphyr  kommt  in  zwei  Varietäten  vor, 
als  krystallreiche  Varietät  und  als  krystallarme.  Der  erstere 
tritt  sehr  zurück.  Die  Structur  der  Grundmasse  des  krystall- 
armen  Quarzporphyrs  ist  mikrogranitisch ;  besonders  treten 
in  derselben  hie  und  da  wohlausgebildete  Orthoklase  und 
farblose  Glimmer  hervor ;  granophyrische  Structur  findet  sich 
ebenfalls;  z.  Th.  finden  sich  kleine  idiomorphe  Orthoklase 
in  Quarz  eingewachsen,  z.  Th.  ist  es  umgekehrt;  auch 
Pseudosphärolithe  kommen  vor;  nur  ein  ganz  geringer 
Theil  der  Grundmasse  ist  isotrop.  Plagioklas  findet  sich 
hie  und  da  neben  dem  Orthoklas  als  Einsprengung  vor. 
Quarzarme  Porphyre  aus  dem  oberen  Masserthal 
und  dem  Tanngrund  haben  eine  dichte  Grundmasse,  welche 
sich    unter  dem  Mikroskop  immer   als  mikrokrystallinisch 


190  I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 

erweist,  isotrope  Theile  besitzt  sie  nicht.  Dieselbe  bestellt 
vorwiegend  aus  Orthoklas  und  Quarz;  dort,  wo  Einspreng- 
unge vorkommen,  bestehen  dieselben  neben  Orthoklas  aus 
Plagioklas ;  ausnahmsweise  findet  sich  pseudogranophyrische 
Structur;  wirkliche  Granophyr-Structur  ist  nicht  vorhanden; 
auch  Biotit  kommt  als  Einsprengung  vor. 

Bei  zunehmendem  Quarzgehalt  nähern  sich  diese  Ge- 
steine Tschermaks  Felsithporphyren,  bei  Zurücktreten 
desselben  den  Porphyriten. 

Glimm erporphyrit.  In  einer  dunkeln,  rothen, 
braunen  oder  violetten  Grundmasse  liegen  Krystalle  und 
Bruchstücke  von  Plagioklas,  Biotit,  Augit  und  Magnet- 
eisen. Hie  und  da  finden  sich  auch  Orthoklas  und 
Schwefelkies. 

Die  Grundmasse  erscheint  im  Dünnschliff  als  ein  Ge- 
webe von  Orthoklas  und  Plagioklas  mit  Quarz,  Magneteisen, 
Titaneisen  und  Apatit;  Glas  ist  zweifelhaft.  Mechanische 
Einwirkungen,  welchen  das  Gestein  ausgesetzt  gewesen  ist, 
sieht  man  deutlich  an  den  Biotiten. 

Gewisse  Varietäten  nähern  sich  einerseits  dem  quarz - 
armen  Porphyr  und  andrerseits  dem  Melaphyr;  Fundorte, 
von  welchen  Analysen  gegeben  werden:  Rothe  Mühle  bei 
Oberwind,  Strasse  zwischen  Ober-  und  Unterneubrunn, 
Fahrweg  von  Ernstthal  auf  den  Kreiseberg  und  aus  dem 
Nahethal. 

Kersantit.  Die  deutlich  körnige  bis  dichte  Grund- 
masse besteht  aus  Plagioklas,  Orthoklas,  Biotit,  selten 
Quarz,  Magnetit  und  Titaneisen.  Grössere  Einsprengunge 
sind  Biotit  und  Feldspath;  dieselben  machen  die  Gesteine 
manchmal  porphyrisch.  Auf  das  frühere  Vorhandensein 
von  Augit  deuten  augitische  Hohlräume,  welche  von  Calcit, 
Chlorit  und  Quarz  erfüllt  sind.  Fremde  grössere  Quarze 
finden  sich  hie  und  da  ein.  An  der  Landstrasse  zwischen 
Ober-  und  Unterneubrunn  und  im  Auerbachsthal  stehen 
dieselben  an. 

Melaphyr.  Plagioklas  und  Augit  liegen  in  einer 
dunkeln,  grauen,  grünen,  schwarzen  Grundmasse,  welche 
manchmal     Mandelsteinbildung     zeigt.      Ein    Gewebe    von 


I,  Sächsisch -Thüring'ische  Literatur.  191 

idiomorphen  Plagioklasleisten  bildet  die  Hauptmasse  der 
Grundmasse,  als  Füllmasse  zwischen  denselben  tritt  der 
Augit  auf;  derselbe  ist  fast  immer  in  Cblorit,  Calcit,  Eisen- 
oxyd und  Quarz  umgeändert;  seltener  sind  Olivinumrisse 
und  Biotit;  Magneteisen,  Titaneisen,  Schwefelkies  und 
Apatit  sind  häufiger. 

Am    Sommerberg   und    Querenberg   stehen    diejenigen 
M.  an,  deren  Analysen  mitgetheilt  werden. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


JEL,  Lovetz,  TJeher  das  Vorkommen  von  Kersaniit  und 
Glimmerporphyrit  iti  derselben  Gangspalte  hei  Ujitertieu- 
bricnn  im  Thüringer  Walde ^  Jalirhuch  der  hgl.  preussischen 
geologischeti  Landes- Anstalt.  (100    S.J  1S87. 

An  der  Strasse  zwischen  Ober-  und  Unterneubrunn  be- 
obachtet man  folgendes  Profil  von  S.-W.  nach  N.-O. :  Phyllit, 
21,5  Meter  Glimmerporphyrit,  1  Meter  Kersantit,  10,5  Meter 
Phyllit,  7,5  Meter  Kersantit,  9  Meter  Phyllit,  1  Meter 
Kersantit,  13,5  Meter  Phyllit,  0,6  Meter  Kersantit,  21  Meter 
Glimmerporphyrit,  2,4  Meter  Kersantit  und  Phyllit. 

Die  Gänge  fallen  N.-O.  ein  und  ist  der  Glimmerporphyrit 
beiderseits  von  schmalen  Gängen  von  Kersantit  begleitet 
(vergl.  S.  189);  der  eine  Glimmerporphyritg;ang  kann  500 
Meter  weit  verfolgt  werden,  der  andere  nur  250  Meter; 
auch  die  übrigen  Erscheinungen  des  Profils  lassen  sich 
weiter  verfolgen;  auch  nach  S.-O.  streichen  die  Gänge 
ziemlich  weit  fort. 

Das  Streichen  der  Schiefer  ist  im  Mittel  N.-O.,  so  dass 
also  der  Gang  quer  dazu  steht. 

Auch  weiterhin  findet  man  in  derselben  Spalte  Ortho- 
phyr;  andere  Stellen,  so  am  Köpfle,  an  der  Tannenleite, 
zwischen  Neubrunn  und  Giesübel,  am  Holzberg  und 
Schmetterberg  und  an  der  südöstlichen  Seite  der  Hohen 
Wart  findet  man  Orthophyr  und  Glimmerporphyrit,  Ortho- 
phyr  und  Kersantit,  und  Glimmerporphyrit  und  Kersantit 
in  derselben  Spalte. 


192  I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 

Der  Kersantit  zeigt  grössere  Einsprengunge  von  Magnesia- 
glimmer, Plagioklas  (Orthoklas)  und  Quarz;  die  dunkelgraue 
(mit  einen  Stich  ins  röthliche  oder  bläuliche  schimmernde) 
Grundmasse  ist  feinkörnig  bis  dicht;  unter  dem  Mikroskop 
erkennt  man  darin  divergente  strahlige  Plagioklase, 
Magnesiaglimmer,  Quarz,  Augit,  Magnet-  und  Titaneisen, 
sowie  die  Zersetzungsprodukte  des  Augit:  Chlorit,  Calcit 
und  Quarz.  — 

Der  Glimmerp orphyrit  zeigt  porphyrische  Structur  da- 
durch, dass  grosse  nach  010 tafelige  Plagioklase,  welche 
nach  dem  Albit-  und  Karlsbader  Gesetz  gleichzeitig  ver- 
bunden sind,  Augit  und  Magnesiaglimmer  aus  der  Grundmasse 
hervortreten;  dieselbe  zeigt  Fluitalstructur,  besteht  vor- 
wiegend aus  Plagioklas,  Ferrit,  Magnet- ,  Titaneisen,  Quarz, 
Chlorit,  Calcit;  letztere  sind  wahrscheinlich  Zersetzungs- 
producte  des  Augit.  Das  spec.  Gew.  ist  2,7,  während  die 
Kersantite  ein  höheres  haben.  Der  letztere  hat  die  Schiefer 
z.  Tb.  in  Hornfels  umgewandelt. 

Im  Auerbachthal  und  Glasbachthal  hat  der  Verfasser 
Gänge  von  Kersantit  beobachtet,  welche  er  dem  Alter  nach 
zum  Rothliegenden  zählt.  Der  Glimmerporphyrit  breitet 
sich  auch  in  Decken  aus  und  gehört  entschieden  dem 
Alter  nach  ebenfalls  zum  Rothliegenden.  Das  Zusammen- 
vorkommen in  derselben  Spalte  ist  nach  dem  Verfasser  ein 
zufälliges,  der  Kersantit  soll  das  ältere  von  beiden  sein. 

Merkwürdig  ist  es,  dass  derselbe  auch  hier  nur  in 
Spalten,  niemals  aber  als  Decke  erscheint. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Mückingf  H.,  Prof.  Dr.,  Mittheilungen  über  die  Eruptiv- 
gesteine  der  Section  Schmalkalden  ^  Jahrbuch  der  k'Ö7iigl. 
preussischen  Landes-Anstalt.  (118  S.)  1888. 

An  der  hohen  Warte  östlich  von  Klein-Schmalkalden 
finden  sich  über  dem  Granit  graue  dünnplattige  Sandsteine, 
graue  und  schwarze  Schieferthone  und  geringe  Conglomerat- 
bänke;  diesen  Schichten  eingeschaltet  finden  sich  ein 
Melaphyr   und    Quarzporphyr,    und    ersterer    bedeckt    das 


I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  193 

Ganze.  Am  Kirchberge  bei  Floh  lagern  über  Uuter- 
Rotbliegeudeu  rotbgefärbte  Mittel -Rotbliegeude  Schichten 
iiüd  Ober-Rothliegeudes.  Von  Eruptivgesteinen  erscheinen 
hier  im  Mittel-Rothliegenden  Melaphyr,  Palatinit  (Kühnberg- 
gestein) und  Quarzporphyre  verschiedener  Art.  Verfasser 
bespricht  sodann  die  Constitution  der  Glimmerporphyre,  der 
Palatinite  und  Melaphyre. 

Die  Ganggesteine  sind  zum  Theil  einfache,  zum  Theil 
gemischte  Gänge.  Die  ersteren  theilt  er  in  drei  Ab- 
theilungen: 1)  Basische,  z.  Th.  entsprechen  sie  den  Pala- 
tiniten,  z.  Th.  den  Hysterobaseu  von  Lossen,  z.  Th.  Diorit- 
porphyriten.  2)  Gänge  mit  Eruptivgesteinen  von  56  % 
Kieselsäure  und  dem  spec.  Gew.  von  2,71 — 2,75.  Dieselben 
nähern  sich  theils  den  Paläophyren,  theils  den  Keratophyren 
Gümbels,  ßücking  bezeichnet  sie  als  Gangorthoklas-  oder 
Syenitporphyre  (Lossens  Meso-Keratophyr  oder  Meso-Augit- 
Keratophyr).  3)  Granitische  Gänge,  welche  67%  Kiesel- 
säure und  mehr  aufweisen.  Die  Grundmasse  ist  mikro- 
granitisch  und  allotriomorphkörnig;  sie  nähern  sich  den 
felsitischen  Quarzporphyreu  und  werden  von  B.  als  Granit- 
porphyre bezeichnet. 

In  den  gemischten  Gängen  bei  Herges  und  Umgebung 
finden  sich  entweder  1)  Syenitporphyr  und  Gangmelaphyr 
oder  2)  Granitporphyr  und  Gangmelaphyr  oder  endlich 
3)  Granitporphyr,  Syenitporphyr  und  Gangmelaphyr;  das 
Kieselsäure-reichste  Gestein  findet  sich  dann  stets  in  der 
Mitte,  das  Kieselsäure-ärmste  am  Salband  des  Ganges;  die 
Gänge  sind  dann  gewöhnlich  rechts  und  links  symmetrisch. 

Das  durchaus  Gesetzmässige  der  Aufeinanderfolge 
lässt  sich  nur  daraus  erklären ,  dass  die  Gangausftillung 
aus  einheitlichem  Guss,  aber  unter  verschiedenem  Drucke  statt- 
gefunden hat;  dies  kann  man  wohl  aber  nur  dann  annehmen, 
wenn  der  Eruptionsherd  sehr  nahe  liegt,  und  dies  muss 
hier  der  Fall  sein,  denn  auf  einer  nicht  ganz  2  Kilometer 
langen  Strecke  kreuzen  sich  hier  18  ca.  10  Meter  mächtige 
Gänge.  Zwischen  der  Restauration  Ittershagen  und  dem 
Trusefall  im  Trusethal  folgen  8  meist  10  Meter  mächtige 
Eruptionsgänge  aufeinander  auf  eine  Entfernung  von  500 
Meter.     Sie   springen  coulissenartig   aus   den  abgerundeten 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  -ta 


194  I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

Granitfelsen  hervor,  das  Thal  mehrfach  einengend,  und  geben 
ihm  seinen  romantischen  Charakter. 

Für  die  Annahme  eines  einzigen  Magma's,  welches 
erst  in  der  Gangspalte  selbst  eine  Spaltung  in  verschiedene 
Gesteine  erfuhr,  sprechen  vorzüglich  die  aus  3  Gesteinen 
symmetrisch  aufgebauten  Gänge,  so  z.  B  der  Gang  „Elmen- 
thal  Süd".  Besonders  aber  entspricht  dieser  Auffassung 
die  Thatsache,  dass  in  den  höheren  Theilen  der  Gänge, 
welche  also  vom  Eruptionsherd  am  weitesten  entfernt 
sind,  dieselben  nur  mit  Syenitporphyr  erfüllt  sind,  während 
die  tieferen  —  also  dem  Herde  näheren  —  Theile  der 
Spalten  Granitporphyr  mitten  zwischen  Syenitporphyr, 
während  die  Salbänder  Gangmelaphyr  zeigen. 

Die  Thatsache,  dass  dort,  wo  sich  die  Gänge  aus- 
keilen, der  Gangmelaphyr  auch  das  Ende  des  Ganges 
kappenförmig  „wie  eine  Schale"  (Heim)  umhüllt,  spricht 
ebenfalls  für  die  Annahme  einer  einheitlichen  Füllung 
der  Gänge.  Dass  trotzdem  die  Gänge  verschieden  alt  sind, 
beweist  das,  dass  sie  an  einzelnen  Stellen  (z.  B.  an  den 
Pulverköpfen)  sich  gegenseitig  durchsetzen.  Sie  gehören 
ihrem  geologischen  Alter  nach  dem  Rothliegenden  an; 
es  entspricht  der  Quarzporphyr  hier  dem  Granitporphyr 
dort,  der  Orthoklasporphyr  hier  dem  Syenitporphyr  dort, 
der  Melaphyr  dem  Gangmelaphyr  und  der  Porphyrit  dem 
Dioritporphyrit.  Einwirkung  auf  die  Nebengesteine:  die 
Granite,  Gneisse,  Glimmerschiefer,  Hornblendeschiefer 
konnten  nicht  aufgefunden  werden. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


JBOTTiemciflJl ,   L.    6r. ,     TJeher    einige    neue    Vorkommnisse 

hasaltischer    Gesteine  zwischen    Gerstungen    und   Eisenach^ 
Jahrbuch   der  hgl.  preuss.  handes- Anstalt.    (290  S.J  1888. 

Im  Buntensandstein  des  Forst -Reviers  Frauensee  hat 
der  Oberförster  Gerlach  auf  der  Südseite  des  Landers- 
kopfes dicht  an  dem  vom  Josthof  nach  Gospenroda 
führenden  Wege  und  genau  südlich  von  der  Kupfergrube 
(ebenfalls    bekannter    Basaltbruch)    ein    neues    Basaltvor- 


I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur.  195 

kommen  aufgefunden.  Er  bildet  einen  Durclibruch  durch 
den  Buntensandstein  und  zeigt  oben  eine  48  Meter  Durch- 
messer haltende  Kuppe.  Eine  spärliche  glasige  Grund- 
masse fuhrt  Plagioklase,  Augite,  Biotite,  Nephelin, 
Schwefelkies  und  Magneteisen;  makroskopisch  sieht  man 
mit  Schwefelkies  besetzte  Augite;  es  ist  ein  Hornblende- 
freier Tephrit. 

Auch  das  Gestein  der  Kupfergrube  ist  ein  Tephrit, 
aber  ein  hornblendeführender. 

Auch  am  Königsrain  (westlichen  Steilrand  des  Oel- 
berges)  bei  Dippach  findet  sich  ein  1  Meter  breiter  Basanit- 
führender  Gang,  welcher  auf  dem  Blatt  Gerstungen  der 
kgl.  preuss.  geolog.  Specialkarte  ausgelassen  ist;  in  dichter 
Grundmasse  findet  man  Augit  und  Olivin,  sowie  Kalkspath- 
mandeln.  Die  Grundmasse  löst  sich  zu  einem  Gemenge 
von  Glasmasse,  Augit,  Olivin,  Plagioklas  und  Magneteisen 
auf;  Nephelin  fand  sich  nicht,  wohl  aber  gab  die  Grund- 
masse mit  Salzsäure  behandelt  Kochsalzwürfel,  daher  ist 
es  ein  Basanit. 

Im  Forstorte  Birkenkopf  hat  Beyrich  einen  Basalt 
wieder  aufgefunden;  es  ist  nach  B.  Limburgit  wie  an  der 
Stopfeiskuppe. 

In  der  Linie  Pflasterkaute-Birkenkopf  liegt  bei  Mark- 
Suhl  160  Meter  oberhalb  des  zweiten  Viaducts  ein  Basalt- 
gang. 

Alle  Basaltgänge  zwischen  dem  Birkenkopf  einerseits 
und  den  Gängen  im  Muschelkalk  bei  Hörschel  andrerseits 
gehören  einem  Gangzuge  von  IOY2  Kilometer  Erstreckuug 
an  und  sind  theils  Limburgite,  theils  olivinführende 
Nephelinbasalte.  Die  Gänge  von  Königsrain  und  Landers- 
kopf gehören  einer  parallelen  Spalte  an. 

In  den  Tuffen  an  der  Stopfeiskuppe  hat  B.  ein  ganzes 
Netz  von  Gängen  olivinfreien  Nephelinits  aufgefunden. 
Halle  a,  S.  Lue  decke. 


JS^eilhach ,  S. ,  Ueher  einen  Damhirsch  aus  dem 
märkischen  Diluvium  hei  Beizig,  Jahrbuch  der  kgl.  preuss. 
geologischen  Landes- Anstalt.  (282  S.J  1888. 

13* 


196  I.  Sächsisch-Thüringische  Literatiir. 

Aus  den  prägiacialen  Süsswasserkalken  von  Beizig 
erhielt  der  Verfasser  ein  in  30  Stücke  zertrümmertes  Ge- 
weih des  Damhirsches,  welches  er  sorgfältig  wieder  zu- 
sammensetzte, abbilden  liess  und  beschrieb.  Insbesondere 
verglich  er  dasselbe  durch  genaue  Messungen  am  Umfange 
des  Geweihzapfens  am  Rosenstocke,  der  Stange  hart  über 
demselben,  der  Stange  hart  unter  dem  2.  Sprosse,  des 
zweiten  Sprosses  an  der  Wurzel  etc.  mit  Damhirschge- 
weihen, welche  in  den  Jagdschlössern  Letzlingen  und 
Wiesenburg  aufbewahrt  werden  und  von  lebenden  Hirschen 
stammen;  er  fand,  dass  der  Geweihzapfen,  die  Stange,  die 
beiden  Sprossen  und  die  Schaufel  bedeutend  stärker  und 
dicker  am  fossilen  sind,  als  am  lebenden;  die  beiden 
Sprossen  des  fossilen  erscheinen  die  untere  nach  unten 
und  die  obere  nach  oben  gedreht.  Das  Geweih  des 
letzteren  ist  etwas  kürzer  und  erscheint  in  Folge  der 
grösseren  Stärke  bedeutend  gedrungener.  Die  beiden 
Stangen  gehen  unter  weniger  stumpfem  Winkel  vom  Schädel 
ab  und  erscheinen  dadurch  zumal  im  mittleren  Theile  ein- 
ander genähert. 

Die  jetzigen  Damhirsche  sind  also  beträchtlich 
schwächer  und  schlanker  geworden  als  die  fossilen.  Da 
diese  Erscheinung  wahrscheinlich  mit  der  Domesticirung 
zusammenhängt,  verglich  der  Autor  seine  Exemplare  noch 
mit  portugiesischen,  welche  ebenfalls  in  Wildgattern  gehalten 
werden,  und  mit  griechischen,  welche  frei  leben.  Wie 
vorauszusehen,  stellt  es  sich  heraus,  dass  die  portugiesischen 
sich  den  deutschen,  während  die  freilebenden  griechischen 
sich  den  altdiluvialen  in  den  Dimensionen  der  Geweihe 
nähern.  Eine  gute  Abbildung  begleitet  den  interessanten 
Aufsatz. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Scliul^ef  JErivin,  Fauna  i^isciimi  Germaniae,  Separat- 
ahdruch  aus  dem  Jahrb.  des  naturw.  Ver.  zu  Magdeburg 
für  1889.  Potsdam.  (^77  S.J  Eduard  Dörmg''s  Verlag. 
1890.  IM  Ji 


I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  197 

Das  Schriftchen  behandelt  die  Fische  der  oberen 
Donau  und  aller  nordwärts  fliessenden  Ströme  vom  Rheine 
bis  zur  Memel.  Voraus  geht  ein  ausführliches  Literatur- 
verzeichniss.  Jede  Gattung  und  Art  ist  mit  lateinischer 
und  deutscher  Diagnose  versehen,  nebst  den  literarischen 
Nachweisen.  Dazu  Vorkommen,  Wanderungen,  Laichzeit, 
Nahrung,  sowie  Schmarotzer.  Schliesslich  ein  Index. 
Bei  den  vielen  durch  die  Fischereivereine  und  das  allge- 
mein erwachte  Interesse  für  die  Fischzucht  in  letzter  Zeit 
erschienenen  Localfaunen  jedenfalls  eine  so  zeitgemässe 
als  nützliche  Zusammenstellung. 

Meinem  Gefühle  nach  wäre  es  erwünscht  gewesen, 
anstatt  des  einen  deutschen  Namens  bei  jeder  Art  alle 
anzuführen.  Der  wissenschaftliche  Werth  würde  zwar 
kaum  erhöht  sein,  wohl  aber  der  praktische. 

Gohlis-Leipzig.  Simroth. 


Simvoth,  H.f    TJeher  die   Verhreitung  von   Emys  europaea 
bei  Leipzig^   Sitzutigsher.  der  naturf.   Ges.  zu  Leipzig. 

Die  Daten,  welche  betreffs  der  Emys  europaea 
zusammengestellt,  machen  es  höchst  wahrscheinlich,  ja  fast 
gewiss,  dass  das  Thier  in  der  ganzen  Niederung  von  Leipzig 
einheimisch  ist,  schwerlich  blos  verwildert. 

Das  stellt  unserem  Vereine  die  Aufgabe,  das  Vor- 
kommen der  gemeinen  Schildkröte  auch  bei  Halle,  Merse- 
burg, Schkeuditz  etc.  recht  genau  zu  beachten. 

Bekanntlich  sind  auf  dem  Wasser  treibende  Fisch- 
blasen ein  ziemlich  sicheres  Merkmal  ihres  Vorkommens, 
da  sie  als  Reste  ihrer  Mahlzeit  übrig  bleiben. 

Gohlis-Leipzig.  Simroth. 


SiinrotJif     S,,     TJeher     die     Verhreitung    des    Sperlings. 
Original. 

Bei  dem  häufigen  Streite  der  Meinungen  über  den 
Sperling,  ob  er  schädlich  oder  nützlich  sei,  mag  auch  an 
dieser  Stelle   auf  eine   nicht  uninteressante  Thatsache  hin- 


198  I.  Sächsisch-Thürinsrische   Literatur. 

sichtlich  seiner  Verbreitung  hingewiesen  werden.  Die  An- 
sichten der  wirklich  Sachverständigen  haben  sich  erst  all- 
mählich dahin  geeinigt,  dass  dieser  in  allen  Sätteln  ge- 
rechte Vagabund,  der  überall  mit  schmarotzerhafter  Zähig- 
keit sich  einnistet,  nach  Möglichkeit  einzuschränken  ist. 
Auch  in  Nordamerika  sucht  man  dem  anfangs  erwünschten 
jetzt  scharf  zu  Leibe  zu  gehen.  Da  ist  es  denn  gewiss 
merkwürdig,  dass  es  bei  uns  noch  eine  Localität  giebt,  bis 
zu  der  er  nicht  vorgedrungen  ist,  der  Rochlitzer  Berg 
nämlich,  nach  Mittheilung  des  Herrn  Dr.  Francke  in  Rochlitz. 
Bis  jetzt  hat  der  Steppenvogel  den  Waldgürtel  dieses 
so  vielbesuchten  Porphyrtuffkegels  noch  nicht  überschritten, 
er  brütet  noch  nicht  in  den  ausgedehnten  Baulichkeiten 
des  Wirthshauses. 

Gohlis-Leipzig.  Simroth. 


Dietelf    J*. ,    Die    Uredineen   hei    Leipzig,    Sitzung shericJite 

der  naturf.   Gesellschaft  zu  Leipzig. 

P.  Dietel,  der  eifrige  Mycetolog,  hat  seine  Ver- 
setzung nach  Leipzig  benutzt,  um  die  dortigen  Uredineen 
zu  Studiren.  Er  giebt  ein  vorläufiges,  bereits  ziemlich 
ausführliches  Verzeichniss  in  den  Sitzungsber.  der  naturf. 
Ges.  zu  Leipzig. 

Gohlis-Leipzig.  Simroth. 


JEJiTfiiaflfi,  I*.f  Zusammenstellung  der  Leipziger  Schnecken, 
naturforschende   Gesellschaft  zu  Lei])zig. 

Nach  den  eben  erscheinenden  Sitzungsberichten  hat 
P.  Ehrmann  eine  neue  Zusammenstellung  der  Leipziger 
Schnecken  gegeben.  Immerhin  findet  sich  einiges  Neue 
dabei. 

Eine  Schilderung   der  im  allgemeinen  nicht  günstigen 
Verhältnisse,    wenigstens    für    die   Landfauna    erhöht    den 
Werth  der  Arbeit.     Die  Muscheln  sollen  später  folgen. 
Gohlis-Leipzig.  Simroth. 


II.  Allgemeine  Literatur. 


JüaacU,   Ferdinand,    Zur  Einführung  in   das   Studium 
des    Hypnotismus    und    thierischen    Magnetismus.      Gross- 
Oktav.     (27  Seiten.)     1888.  75  ^ 
Dreher,  Dr.  Fttgeti,    Der  Hypnotismus,    seine  Stellung 
zum  Aberglauben  wid  zur  Wissenschaft.    (33  Seiten.)    Neu- 
wied.    Heuser^ scher   Verlag.     1889.  1  M 
Das  allgemeine,  häufig  leider   marktschreierische    und 
taschenspielerische  Interesse,   welches  sich  in   den  letzten 
Jahren  in  Folge   der  vielen  experimentellen  Vorführungen 
an    das    Wiederaufleben    des    Hypnotismus    knüpft,    ruft 
selbstverständlich  eine  reiche  Literatur  hervor.    Die  meisten 
gebildeten  Leser  sind  wohl  mit  den  massenhaften  Schlag- 
wörtern, die  dieses  dunkle  Gebiet,  um  den  Mangel  an  wirk- 
licher Erkenntniss  zu  verdecken,  gezeitigt  hat,   mehr  oder 
weniger  vertraut.    Dann  wird  es  ihnen  auch  möglich  sein, 
die  historische  Entwickelung,  die  Maack  giebt,  zu  verfolgen. 
Wie  schwer  es  ist,    über  die  Mittel,  „welche  hypnotischen 
Schlaf  herbeiführen  können,  den  man,  wenn  möglich,  jeder 
Anwendung  der  Suggestion  vorausgehen  lassen  wird,"  ein 
sicheres  Urtheil  zu  gewinnen,  dafür  nur  ein  Satz.    „Während 
der  Braidismus  mehr  an  eine  bewusst-wollende  geistige  Auf- 
merksamkeit mit  physikalischen  (durchaus  immer  sinnlich 
mechanischen)  Reizen  appellirt,  wendet  sich  der  Mesmeris- 
mus    mehr    an    eine    unbewusste    seelische    Stimmung    mit 
chemischen     (vielleicht     unter     Umständen     übersinnlich - 
ätherischen)  Eeizen."     Diese  werden  zum  Theil  in  Jägers 
Duftstoffen,  also  doch  wenigstens  etwas  Sinnlichem,   wenn 


200  II.  Allgemeine  Literatur. 

auch  dem  exacten  Experiment  bis  jetzt  verschlossenen  ge- 
funden. Der  Aufsatz  läuft  schliesslich,  nach  äusserst  viel- 
seitiger Zusammenstellung,  auf  die  Betonung  der  Noth- 
wendigkeit  hinaus,  der  psychischen  und  autopsychischen 
Heilmethoden  eben  der  medicamentösen  entweder  als  hyp- 
notische oder  als  nicht  -  hypnotische  suggestive  Psycho- 
Therapie  ihren  berechtigten  Platz  einzuräumen. 

Dreher,  der  mehr  vom  philosophischen  Staudpunkt 
ausgeht  und  eine  Anzahl  von  Geschichten  aufzählt,  verhält 
sich  viel  kritischer,  z.  T.  selbst  gegen  den  vorigen  Aufsatz. 
Er  verlangt  vor  allem  grössere  Umsicht  bei  den  Experi- 
menten, geht  aber  wohl  zu  weit,  wenn  er  das  Tischrticken 
für  Aberglauben  erklärt,  da  es  sich  so  leicht  unter  allen 
Cautelen  nachmachen  lässt  und  auf  irgend  welcher  Ungleich- 
heit beider  Körperhälften  (sei  es  des  Kreislaufs,  sei  es 
der  Muskelentwickelung,  sei  es  der  mit  beiden,  namentlich 
der  letzteren  verknüpften  Nerven)  beruht.  Wohlthuend  be- 
rührt aber  der  hohe  Werth,  der  der  Einbildung  bei  allen 
den  Wundererscheinungen  beigemessen  wird,  und  der  Ver- 
such, die  selbständigere  Funktion  gewisser  Nervencentren 
zur  Erklärung  heranzuziehen  und  damit  den  Boden  realer 
Naturwissenschaft  zu  gewinnen.  —  Wer  einer  nüchternen 
Auffassung  zuneigt,  wie  es  bei  einem  naturwissenschaftlich 
gebildeten  Publikum  sich  von  selbst  versteht,  sei  ausser 
diesem  auch  auf  einen  hübschen  Aufsatz  verwiesen,  der  im 
letzten  Jahrgange  der  Sitzungsberichte  der  naturforschen- 
den Gesellschaft  zu  Freiburg  dasselbe  Thema  behandelt. 
Gohlis.  S  i  m  r  0 1  h. 


Voigt j  J.  Cr.,  Die  GeistesÜi'äügheit  des  Menschen  und  die  me- 
chanischen Bedingungen  der  hewussteti  Empfindung s'dusserung 
auf  Grund  einer  ehiheitlichen  Weltanschauung.  Vorträge.  Mit 
erläuternden  Holzschnitten,     heipzig  1SS7.     M.  A.  Schmidt. 

Derselbe:  Sammlung  gemeinverständlicher  Erken7itniss- 
schriften.  Das  Emi)findu7igsprinzip  und  die  Entstehimg 
des  Lehens  auf  Grund  eines  einheitlichen  Suhstanzhegriffes. 
Gleichfalls  mit  Holzschnitten.  (2  und  3.J  Leipzig.  Oskar 
Gotticald.     18S9.  50    ^ 


IL  Allgemeine  Literatur.  201 

Es  kann  wohl  nicht  die  Aufgabe  einer  naturwissen- 
schaftlichen Zeitschrift  sein,  sich  mit  der  Philosophie  und 
ihren  über  die  exacte  Forschung  hinausgehenden  Specula- 
tionen  kritisch  auseinanderzusetzen,  am  allerwenigsten  würde 
vielleicht  der  Vertreter  einer  speciellen  Disciplin  sich  zu 
solchem  Unterfangen  eignen«  Anders  allerdings,  wenn,  wie 
im  vorliegenden  Falle,  diese  Philosophie  sich  durchweg  auf 
den  Boden  der  naturwissenschaftlichen  Ergebnisse  stellt  und 
versucht,  ihre  Kesultate  über  die  Möglichkeit  experimen- 
tellen Erkennens  hinaus  zu  einheitlicher  Weltanschauung 
zu  verknüpfen.  In  dieser  finden  wir  die  Gegensätze 
zwischen  starren  Atomen  und  den  quälenden  leeren  Räumen 
dazwischen,  die  mit  einem  unwägbaren  Aether  ausgefüllt 
sein  sollen,  zwischen  anorganisch  und  organisch,  zwischen 
empfindungslos  und  empfindend,  zwischen  bewusst  und  un- 
bewusst  durch  einheitliche,  über  die  experimentelle  Me- 
thode hinausgehende  Verknüpfung  überbrückt.  Es  mag 
wohl  noch  geraume  Zeit  vergehen,  bevor  sich  die  Atomistik 
mit  derartig  weittragenden  Anschauungen  auseinandergesetzt 
hat.  Ich  leugne  nicht,  dass  mit  der  gewöhnlichen  An- 
schauung der  Chemie,  wonach  in  einem  Plasmamolecül 
z.  B.  sich  eine  grosse  Menge  von  Atomgruppen  in  gewisser 
Weise  fixirt  finden  (eventuell  unter  beständiger  Bewegung), 
sodass  sie  bei  Zersetzung  als  solche  G-ruppen  wieder  heraus- 
genommen werden  können  (worauf  doch  die  ganze  An- 
schauung von  der  Constitution  beruht),  Voigt's  Darstellung 
durchaus  symmetrischer  Gruppierung  des  Stoffes ,  der  Kräfte 
und  Ströme  nur  schwer  in  Einklang  zu  bringen  ist.  Auch 
die  erste  Entstehung  des  Organischen  nicht  unmittelbar  an 
der  Erdoberfläche,  sondern  in  wechselnder  Entfernung  da- 
von scheint  mir  mit  unseren  Erfahrungen  nicht  wohl  ver- 
einbar, wie  ich  mich  ähnlich  gegenüber  Moritz  Wagner, 
dem  Jüngern,  aussprechen  zu  müssen  geglaubt  habe.  Wenn 
irgendwo,  so  hat  der  alte  Satz:  corpore  non  agunt,  nisi 
soluta,  für  die  organischen  Substanzen  Geltung,  mag  man 
nun  das  Protoplasma  als  etwas  chemisch  Bestimmtes  oder 
als  ein  unausgesetzt  Wechselndes  auffassen,  dessen  Wesen 
geradezu  im  Wechsel  liegt.  Alles  Plasma,  das  wir  kennen, 
ist  an  unmittelbare  Nahrungsaufnahme   aus   wässrigen  Lö- 


202  Allgemeine  Literatur. 

sungen  gebunden,  mögen  diese  erst  in  Darm  hergestellt 
und  das  Wasser  für  sich  dazu  aufgenommen  werden,  oder 
mögen  es  äussere  Nährlösungen  sein,  wie  bei  den  Pflanzen. 
So  viel  wie  wir  wissen,  ist  die  Ernährung  und  das  vegeta- 
tive Wachsthum  stets  unterbrochen,  sobald  die  unmittelbare 
Berührung  mit  tropfbarflüssigem  Wasser,  das  Nährstoffe 
enthält,  oder  mit  dem  Boden  unterbrochen  ist;  das  Wachs- 
thum mag  vielleicht  in  feuchter  Luft  noch  eine  Weile  fort- 
gehen auf  Kosten  von  Keservestoffen,  in  Wahrheit  ist  es 
aber  dann  nur  ein  Scheinwachsthum,  da  die  allein  nicht 
unterbrochene  Athmung  beständig  an  der  vorhandenen 
Summe  der  organischen  Substanz  zehrt.  Indess  entferne 
ich  mich  damit  zum  mindesten  recht  weit  von  V.'s  Aus- 
drucksweise. —  Der  Gedanke,  die  Vermeidung  des 
Schmerzes  zum  primum  agens  in  der  Natur  zu  erheben, 
hat  etwas  äusserst  Ansprechendes,  will  aber  doch  vielleicht 
beim  Unorganischen  nicht  recht  Stich  halten.  Wenigstens 
gehört  die  consequente  Phantasie  des  Philosophen  dazu, 
auch  hier  das  gleiche  Prinzip  anzuerkennen.  —  Diese 
wenigen  Bemerkungen,  abrupt  wie  sie  sind,  bezwecken 
weiter  nichts,  als  die  reiche  Anregung,  die  man  aus  den 
Schriften  gewinnt,  entfernt  anzudeuten.  Diese  sind  gewiss 
um  so  mehr  zu  empfehlen,  je  mehr  die  überreiche  Fülle 
der  empirischen  Forschung  zur  Zersplitterung  drängt.  Die 
Darstellung  ist  eine  sehr  frische,  und  nicht  zum  wenigsten 
deshalb,  weil  der  Autor  bekanntermassen  zugleich  Ver- 
fasser grösserer  Werke  ähnlichen  Inhalts  ist,  der  seinen 
Stoff  beherrscht  und  in  den  Vorträgen  Gedankenfülle  zu- 
sammendrängt. Betreffs  der  Geistesthätigkeit  mag  auf  die 
Umwälzung  hingewiesen  werden,  die  sich  gerade  jetzt  in 
der  anatomischen  Auffassung  der  Nervenzellen  —  ob 
Centra,  ob  Ernährungsapparat  —  vollzieht.  Die  philo- 
sophische Ableitung  würde  weniger  darunter  leiden,  als 
einzelne  Ausführungen,  ein  bei  dem  starken  Fluss  und  der 
intensiven  Arbeit  auf  allen  naturwissenschaftlichen  Gebieten 
unvermeidliches  Schicksal.  Die  Ausstattung  der  Vorträge 
von  Seiten  der  Verlagshandlung  ist  durchweg  gut,  sodass 
man  die  Broschüren  auch  deshalb  gern  in  die  Hand  nimmt. 
Gohlis.  Simroth. 


II.  Allgemeine  Literatur.  203 

Ostwald,    Wilh.^  Prof.    Dr.,    Die    exacten   Wissenschaften. 
W.  Pingelmann  in  Leipzig. 

Seit  der  Besprechung   dieses  Unternehmens  in  unserer 

Zeitschrift  Bd.  62  S.  206  1889  sind  12  Heftchen  erschienen, 

welche  den  Gebieten  der  Mathematik,  Astronomie,  Physik, 

Physiologie  und  Chemie  entnommen  sind;  es  sind  dies: 

No.  1:  H.  Helm  hol  tz,   Ueber  die  Erhaltung  der  Kraft, 

(1847.)  8.  (60  pag.)  Ji  -.80. 

-  2 :  Carl  Fr.  Gauss,  Allgemeine  Lehrsätze  in  Beziehung 

auf  die  im  verkehrten  Verhältnisse  des  Quadrats 
der  Entfernung  wirkenden  Anziehungs-  und  Ab- 
stossungs-Kräfte.  (1840.)  .Herausgegeben  von 
A.  Wangerin.     8.  (60  pag.)     Ji  —.80. 

-  3:  J.  Dalton  u.  W.  H.  Wol  laston,  Die  Grundlagen 

der  Atomtheorie.  Abhandlungen.  (1803 — 1808.) 
Herausgegeben  von  W.  Ostwald.  Mit  1  Tafel. 
8.     (30  pag.)     .//  —.50. 

-  4:  Gay-Lu 88  ac,  Untersuchungen  über  das  Jod.  (1814.) 

Herausgegeben  von  W.  Ostwald.  8.  (52  pag.) 
Ji  —.80. 

-  5:  Carl    Fr.     Gauss,    Allgemeine    Flächentheorie. 

(Disquisitones  generales  circa  superficies  curvas.) 
(1827.)  Deutsch  herausgegeben  von  A.  Wan- 
gerin.    8.     (62  pag.)     JI  —.80. 

-  6:  E.  H.  Weber,  Ueber  die  Anwendung  der  Wellen- 

lehre auf  die  Lehre  vom  Kreislaufe  des  Blutes 
und  insbesondere  auf  die  Pulslehre.  (1850.) 
Herausgegeben  von  M.  von  Frey.  Mit  1  Tafel. 
8.  (46  pag.)  Ji  1.—. 

-  7:  F.  W.  Bessel,  Untersuchungen  über  die  Länge 

des  einfachen  Secundenpendels.  (1826.)  Heraus- 
gegeben von  H.  Bruns.  Mit  2  Tafeln.  8. 
(171  pag.)     JI  3.—. 

-  8:  A.   Avugadro    u.    Ampere,    Abhandlungen    zur 

Molekulartheorie.  (1811  u.  1814.)  Mit  3  Tafeln. 
Herausgegeben  von  W.  Ostwald.  8.  (50  pag.) 
JI  1.20. 


204  II.  Allgemeine  Literatur. 

No.  9:  H.Hess,  Thermocbemische  Untersuchungen.  Her- 
ausgegeben von  "W.  Ostwald.  8.  (102  pag.) 
Jl  1.60. 

-^10:  F.  Neumann,  Allgemeine  Gesetze  der  inducirten 
elektrischen  Ströme.  Herausgegeben  von  C.  Neu- 
mann.    8.  (96  pag.)     Jl  1.50. 

-  11.  Galileo  Galilei,   Unterredungen    und    mathema- 

tische Demonstrationen  über  zwei  neue  Wissens- 
zweige, die  Mechanik  und  die  Fallgesetze  be- 
treffend, nebst  Anhang  über  den  Schwerpunkt 
einiger  fester  Körper.  1.  Tag  mit  13  und  2. 
Tag  mit  26  Fig.  im  Text.  Aus  dem  Italien, 
übersetzt  und  herausgegeben  von  Arth.  von  Oet- 
tingeu.     8.     (142  pag.)     .//  3.—. 

-  12:  J.  Kant,   Theorie  des  Himmels.     (1755.)    Heraus- 

gegeben V.  H.  Ebert.     8.  (101  pag.)  Ji  1.50. 

Da  es  unmöglich  ist,  alle  zu  besprechen,  so  sei  es 
heute  gestattet  eins  herauszugreifen.  No.  4  erschien  im 
91.  Bande  de  Annales  de  Chemie,  sowie  in  Gilberts 
Annalen  ins  Deutsche  übersetzt  von  Gilbert.  Derselbe  hatte 
verschiedene  Aenderungen  vorgenommen,  welche  hier  nach 
dem  Original  wieder  beseitigt  sind.  Die  in  eckige 
Klammern  beigesetzten  Ziffern  beziehen  sich  auf  die 
Seiten  der  Original-Abhandlung.  Die  Abhandlung  über 
das  Jod  von  Gay-Lussac  ist  nach  Ostwald  eine  der  ersten 
und  für  alle  Zeiten  eine  der  besten  Monographien  eines 
Elementes  und  seiner  wichtigsten  Verbindungen,  welche  je 
erschienen  sind  und  kann  als  Vorbild  einer  solchen  aufge- 
fasst  werden.  „Bei  der  völligen  Neuheit  der  Sache  und 
bei  der  bewunderungswürdigen  Menge  der  herrlichen  Ver- 
suche, die  Herr  G.  angestellt  hat,  ist  es  als  befinde  man 
sich  in  einer  Feenwelt;  und  nicht  leicht  hat  irgend  eine 
Zaubergeschichte  in  den  Knabenjahren  mich  durch  das 
Wundervolle  mehr  überrascht  und  angezogen,  als  jetzt  die 
Bearbeitung  der  chemischen  Geschichte  der  Jodine  und  des 
Ausserordentlichen ,  das  dieses  Werk  bewirkt. "  Dieses  war 
das  Urtheil  des  im  Gegensatz  zu  seinen  Zeitgenossen  so  überaus 


II.  Allgemeine  Literatur.  20o 

nüchterueu  Gilbert  über  diese  schöne  Arbeit,   welche  auch 
heute  noch  als  Muster  auf  diesem  Gebiete  gelten  kann. 
Die  Ausstattung  der  kleinen  Hefte  ist  eine  musterhafte. 
Halle  a.  S.  Lue  decke. 

JEtenise7i,  Iva,  Dr.^  Professor  an  der  Johns  Hopkitis  Uni- 
versität in  Baltimore.  Grundzüge  der  theoretischen  Chemie. 
Mit  besonderer  Berüclcsichtigimg  der  Constitution  chemischer 
Verhindungen.  Tübingen^  Laupp'sche  Buchhandlung,  188S. 
Dieses  Buch  stellt  eine  „autorisirte  deutsche  Ausgabe" 
von  dem  seit  1883  bis  1887  schon  in  drei  Auflagen  er- 
schienenen Originalwerke  bezw.  eine  Uebersetzung  dieser 
dritten  Originalauflage  in  das  Deutsche  dar.  Seinem  In- 
halte nach  sucht  es  kurz  und  klar  die  Gründe  zu  ent- 
wickeln, welche  zur  Annahme  der  gegenwärtig  herrschen- 
den theoretisch-chemischen  Anschauungen  führten,  mit  denen 
sich  der  Studiren  de  erfahrungsmässig  meist  nur  schwierig 
vollkommen  vertraut  macht,  weil  er  sie  ohne  tieferen  Ein- 
blick nur  zu  leicht  für  blosse  Phantasiegebilde  ansieht. 
Der  deutschen  Literatur  fehlt  es  zwar  keineswegs  an  ganz 
vorzüglichen  theoretisch-chemischen  Werken,  auf  welche 
nur  durch  die  Namen  Lothar  Meyer,  W.  Ostwald, 
A.  Horstmann  u.  a.  hingewiesen  zu  werden  braucht. 
Allein,  wer  möchte  behaupten,  dass  neben  diesen  deutschen 
Originalwerken  die  Uebersetzung  von  Remsen's  Grund- 
zügen der  theoretischen  Chemie,  durch  welche  der  Anfänger 
in  so  schlichter  und  überzeugender  Weise  in  die  theore- 
tischen Grundanschauungen  der  Chemie  eingeführt  wird, 
überflüssig  wäre?  Im  Gegentheil:  unsere  deutsche  Fach- 
literatur ist  durch  diese  Uebersetzung  um  ein  sehr  will- 
kommenes Unterrichtsmittel,  dessen  gründliches  Studium 
dem  studirenden  Chemiker  angelegentlichst  empfohlen  wer- 
den kann,  vermehrt  worden. 

Möge  ihm  die  verdiente  Anerkennung  nicht  fehlen! 
Halle  a.  S.  G.  Baumert. 


Klein^  Joseph,  Dr.,  Privatdozent  und  Lehrer  der  phar- 
maceutischeti  und  ancdytischen  Chemie  an  der  Technischen 
Hochschule  zu   Darmstadt.      Elemente    der   forensisch   che- 


206  II.  Allgemeine  Literatur. 

mischen  Analyse.     Em  Hilfshuch  für  Studirende  und  kurzes 

N achschlag ehuch.     Mit  neun  Äbhildungen.      Hamburg  und 

Leipzig,     Leopold  Voss,  1890.  2  Jl 

Das  vorliegende,  im  Ganzen  etwa  100  Seiten  zählende 

innen  und  aussen  hübsch  ausgestattete  Werkchen  soll  dem 

Anfänger  eine  möglichst  kurze  theoretische  und  praktische 

Anleitung  bei  gerichtlich-chemischen  Untersuchungen  bieten 

mit  Hinweglassung  alles  dessen,  was  den  nächst  liegenden 

Aufgaben  ferner  steht  und  in  ausführlicheren  Werken  dieser 

Disciplin  behandelt  ist. 

Ausser  durch  seinen  geringen  Umfang  unterscheidet 
sich  das  Klein'sche  Buch  durch  die  Art,  in  welcher  die 
Hauptmomente  der  forensischen  Analyse  zur  Darstellung 
gebracht  werden,  wesentlich  von  den  bekannten  Werken 
Otto's  und  Dragendorffs  sowie  dem  gerichtlich  che- 
mischen Capitel  in  Ludwig's  Handbuch  der  angewandten 
medicinischen  Chemie.  Da  das  in  Rede  stehende  Werkchen 
recht  wohl  geeignet  erscheint,  als  Hilfs-  und  Nachschlage- 
buch neben  Vorlesungen  und  bei  praktischen  Uebungen  den 
Studirenden  mit  den  wichtigsten  Grundzügen  der  chemischen 
Toxicologie  und  den  hauptsächlichsten  forensisch-chemischen 
Methoden  bekannt  zu  machen,  so  sei  hier  auf  dasselbe  im 
empfehlenden  Sinne  aufmerksam  gemacht,  wie  es  der  Unter- 
zeichnete bereits  seinen  Zuhörern  gegenüber  gethan  hat. 
Halle  a.  S.  G.  Baumert. 


JRoscoe  und  ScIiorlefnmeTf  Professoreti  an  der  Victot^ia- 
Universität  Manchester.  Ausführliches  Lehrbuch  der  Chemie. 
Zweite  vermehrte  Außage.  Braunschweig .  Vieweg  und 
Sohl,  1889. 

Von  diesem  in  unserer  Zeitschrift  mehrmals  schon  be- 
sprochenen, ausgezeichneten  Werke  ist  gegen  Ende  des 
vorigen  Jahres  die  zweite  Hälfte  des  zweiten  Bandes  er- 
schienen. Sie  bildet  die  Schlussabtheilung  der  zwei  Bände 
umfassenden  anorganischen  Chemie  und  behandelt  zunächst 
in  der  bekannten  ausführlichen  und  klaren,  überall  auch 
die  wichtigsten  historischen  Momente  berücksichtigenden 
Darstellungsweise  die  Metalle  der  Eisengruppe:  Mon- 
gan.    Eisen,    Nickel,    Kobalt,    wobei    die  Technologie   des 


II.  Allgemeine  Literatur.  207 

Eisens  eine,  der  Wichtigkeit  dieser  Industrie  entsprechende, 
Berücksichtigung  erfahren  hat. 

Weiterhin  schliessen  sich  der  Reihe  nach  folgende  Me- 
talle in  natürliche  Gruppen  geordnet  an:  die  Chrom- 
gruppe; Chrom,  Molybdän,  Wolfram,  Uran;  die  Zinn- 
gruppe: Zinn,  Titan,  Germanium,  Zirkonium,  Thorium;  die 
Antimon gruppe;  Vanadin,  Antimon,  Wismut,  Tantal, 
!Niob  ;  und  zuletzt  die  Edelmetalle:  Gold  und  Platingruppe. 

Den  Scbluss  bildet  ein  Capitel  über  das  „natürliche 
System  der  Elemente",  sowie  ein  besonders  ausführ- 
licher Abschnitt  über  die  Spectralanaly se  oder  astrono- 
mische Chemie. 

Zur  Empfehlung  eines  Werkes,  welches  sich,  wie  das 
in  Rede  stehende,  schon  in  der  ersten  Auflage  eine  so  all- 
gemeine und  reiche  Anerkennung  erworben  hat,  braucht 
bei  seinem  zweiten  Erscheinen  kein  Wort  besonders  hinzu- 
gefügt zu  werden. 
Halle  a.  S.  G.  Baumert. 


Arnold,  Carl,  Repeütorium  der  Chemie.  Mit  hesonderer 
Berücksichtigung  der  für  die  Medizin  wichtigen  Verhitid- 
ungen  soicie  der  ^Pharmacopoea  Germania'-'-  namentlich  zum 
Gehrauche  für  3fediziner  und  Pharmaceuten  hearheitet. 
3.  Auflage.  fXII  und  589  Seiten.)  Hamburg  und  Leipzig. 
Leopold  Voss,  1890. 

Das  Arnold'sche  Repetitorium,  welches  in  fünf  Jahren 
bereits  drei  Auflagen  durchgemacht  hat,  ist  in  der  jetzt 
vorliegenden  Form  ein  vollkommen  zweckentsprechendes 
Werk  und  von  den  dem  Referenten  bekannten,  den  gleichen 
Zweck  verfolgenden  Büchern  dasjenige,  welches  ausschliess- 
lich und  nachdrücklich  empfohlen  zu  werden  verdient.  Vor 
Allem  hält  sich  der  Verfasser  frei  von  jener  bei  chemisch 
Halbgebildeten  so  häufigen  Oberflächlicbkeit ,  welche  die 
Hauptthatsachen  der  Chemie  beständig  mit  deren  Theorien 
zusammenwirft  und  verwechselt.  Arnold  schlägt  den  allein 
richtigen  Weg  ein,  indem  er  die  direkt  aus  den  Gewichts- 
und Raumverhältnissen  bei  chemischen  Reaktionen  sieb  er- 
gebenden stöchiometrischen  Erfahrungsgesetze  zu  Grunde  legt 


208  II.  Allgemeine  Literatur. 

und  daraus  die  Theorien  entwickelt.  Nur  mussten  diesen 
stöchiometrischen  Thatsachen  sofort  die  das  Volumen  der 
Gase  beherrschenden  Gesetze  von  Mariotte  und  Gaj-Lyssac 
beigefügt  werden:  so  allein  lässt  sich  zeigen,  wie  Stöchio- 
metrie  und  Gasmechanik  gleichermassen  dieselbe  Molekular- 
theorie fordern;  die  glänzendste  Widerlegung  des  alten 
Aberglaubens,  dass  die  physikalischen  Moleküle  etwas 
anderes  sein  könnten  als  die  chemischen!  Und  als  Frucht 
der  molekularen  Gastheorie  ergiebt  sich  dann  mit  mathe- 
matischer Strenge  das  Avogadro'sche  Gesetz,  welches  bei 
Arnold  eine  zu  untergeordnete  Stellung  einnimmt.  Denn 
erst  auf  Grund  des  Avogadro'schen  Gesetzes  sind  wir  be- 
rechtigt, den  Begriff  des  Atoms  als  einen  von  dem  des 
Moleküls  streng  geschiedenen  hinzustellen,  indem  z.  B.  die 
einfache  Thatsache,  dass  aus  1  Liter  Wasserstoff  zwei  Liter 
Chlorwasserstoff,  d.  h.  nach  Avogadro  aus  1  Molekül  Wasser- 
stoff zwei  Moleküle  Chlorwasserstoff  entstehen,  den  direkten 
Beweis  liefert,  dass  ein  Molekül  Wasserstoff  aus  zwei  Thei- 
len  besteht. 

Die  allgemeine  Chemie  bietet  in  der  That  einer  allge- 
meinverständlichen Darlegung  ganz  besondere  Schwierig- 
keiten; aber  einen  grossen  Theil  der  in  den  Einleitungs- 
kapiteln des  „Repetitoriums"  sich  vorfindenden  Unklar- 
heiten müssen  wir  der  noch  nicht  ganz  methodischen  An- 
ordnung zuschreiben,  die  sich  nach  den  gegebenen  An- 
deutungen leicht  wird  umändern  lassen.  In  derselben 
Hoffnung  sei  erwähnt,  dass  der  Begriff  der  chemischen 
Verwandtschaft  (S.  5)  völlig  unrichtig  erläutert-  worden 
ist.  Man  setze  in  dem  betreffenden  Abschnitt  statt  „Affini- 
tät" durchweg  „Reaktionsfähigkeit",  und  man  wird  im 
übrigen  wenig  zu  ändern  haben.  Affinität  ist  eine  Eigen- 
schaft des  Atoms,  die  allein  von  dessen  Natur  bedingt  und 
von  allen  den  die  Reaktionsfähigkeit  beeinflussenden 
äusseren  Umständen  (Aggregat-  und  Entstehungszustand, 
Löslichkeit,  Katalyse,  Wärme-,  Elektricitäts-,  Lichtzutritt) 
unabhängig  ist.  Die  Affinität  verdiente  einen  besonderen, 
in  dem  „Repetitorium"  fehlenden  Abschnitt:  sie  wird 
schätzungsweise  ermittelt  nach  dem  Verlauf  doppelter  Um- 
setzungen und  quantitativ  bestimmt  durch  thermochemische 
Messung. 


II.  Allgemeine  Literatur.  209 

Für  die  voraussichtlich  recht  bald  erscheinende  vierte 
Auflage  ist  auch  sonst  noch  allerlei  zu  verbessern:  das 
Coppet-Raoult'sche  Gesetz,  nach  welchem  die  physikalischen 
Grenzconstanten  der  flüssigen  Verbindungen,  Schmelzpunkt 
und  Siedepunkt  durch  jedes  die  Flüssigkeit  verun- 
reinigende fremde  Molekül  (unabhängig  von  der  Na- 
tur des  letzteren)  um  den  gleichen  Betrag  zu  Gunsten 
des  flüssigen  Zustandes  verschoben  werden,  verdient  bei 
seiner  eminenten  praktischen  wie  theoretischen  Wichtigkeit 
eine  eingehendere  Behandlung,  als  sie  ihm  auf  Seite  290 
zu  theil  wird;  die  Kjeldahl'sche  Methode  (S.  286)  ist  nur  in 
ihrer  ältesten,  unvollkommensten  Form  erwähnt;  die  Tafel 
für  das  periodische  System  (S.  44)  weist  einige  bedenkliche 
Abänderungen  auf,  durch  welche  z.  B.  ganz  analoge  Ele. 
mente,  wie  Zn,  Cd,  Hg,  auch  Ru,  Os  auseinandergerissen 
werden.  —  Proutianer  endlich  ist  mancher  der  modernen 
Chemiker  in  seinem  innersten  Herzen;  aber  dass  eine 
weitere  Vervollkommnung  der  Atomgewichtsbestimmung  für 
Chlor,  Silber,  Jod,  Gold  u.  s.  w.  noch  einmal  ganzzahlige 
Werthe  zu  Tage  fördern  wird,  das  erwartet  wohl  seit  den 
klassischen  Untersuchungen  von  Marignac,  Stas  u.  A.  m. 
ausser  Arnold  (S.  47)  Niemand  mehr;  auch  die  Proutianer 
rechnen  mit  dieser  Abweichung  von  den  ganzzahligen 
Werthen  als  mit  einer  durch  bisher  unbekannte  Gründe  ver- 
anlassten Thatsache. 

Doch  verweilen  wir  nicht  länger  bei  Nebensachen:  die 
Prout'sche  Hypothese  mit  aller  ihrer  scheinbaren  Genialität 
wiegt  nichts  gegen  den  wirklichen  Einblick  in  das  Innere 
der  Natur,  den  wir  Mendelejeff  verdanken.  Dass  das 
Mendelejeff'sche  Gesetz  die  bleibende  Grundlage  der 
wissenschaftlichen  Chemie  geworden  ist,  das  soll  und  muss 
jeder  Einzige  fühlen,  der  sich  unserer  Wissenschaft  nähert. 
Arnold  hat  sich  ein  besonderes  Verdienst  erworben,  indem 
er  sein  Buch  fest  auf  den  Boden  dieses  Gesetzes  ge- 
gründet hat. 

Halle  a.  S.  H.  Erdmann. 

ScJiaedlei* ,    Carl,     Dr.,     vereideter   Chemiker   und   Sach- 
verständiger   der    Kgl.   Gerichte    zu    Berlin.      Die    Unter- 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  14 


210  II.  Allgemeine  Literatvir. 

suchungen  der  Fette^  Oele^  Wachsarten  und  der  technischen 
Fettprodukte  unter  Berücksichtigung  der  Handelsgehräuche. 
(Zwei  Lieferungen.)  Leipzig.  Baumgärtner'' s  Buchhand- 
lung. 1889190. 
In  dem  vorliegenden  Buche,  welches  sich  an  die  be- 
kannten grösseren,  die  Industrie  der  Fette  und  Oele  aus 
dem  Thier-,  Pflanzen-  und  Mineralreiche  betreffenden 
Werke  desselben  Verfassers  anschliesst  —  das  eine  davon 
wurde  wiederholt  in  dieser  Zeitschrift  empfehlend  besprochen 
—  werden  die  Untersuchungs-  und  Beurtheilungsmethoden 
unter  Berücksichtigung  der  Handelsgebräuche  in  den  Vor- 
dergrund gestellt.  Wer  die  Schwierigkeiten  einigermassen 
kennt,  die  sich  gerade  in  diesem  Capitel  der  angewandten 
analytischen  Chemie  bemerkbar  machen,  wird  es  dem  Ver- 
fasser Dank  wissen,  dass  er  „aus  der  Praxis  für  die  Praxis" 
seine  reichen  Erfahrungen  auf  dem  in  Frage  kommenden 
Gebiete  einem  grösseren  Kreise  von  Fachgenossen  und 
Praktikern  der  verschiedenen  Zweige  der  Fettindustrie  in 
handlicher  Form  zugänglich  gemacht  hat,  und  der  Unter- 
zeichnete, obwohl  der  Praxis  fern  stehend,  möchte  nicht 
versäumen  zu  bemerken,  dass  ihm  das  in  Rede  stehende 
Schaedler'sche  Werk  bereits  in  einigen  Fällen  ein  willkom- 
mener Rathgeber  war. 

Halle  a.  S.  G.  Baumert. 


tJgelstVÖ7H  y    L.    J.y    in    Sun7ienio,     Wermland.      Pyrrho- 
arsenit  von  Sjögrufvan^   Gouvernement  Orehro.,  Schiceden. 

Zu  den  seltenen,  schon  früher  bekannten,  Antimoniaten 
und  Arseniaten;  Romeit,  Monimolit,  Atopit,  Haematostibiit, 
Polyarsenit  und  Xanthoarsenit  fanden  der  Autor  und  Hög- 
bom  den  Pyrrhoarsenit,  ein  hell  strohgelbes  isotropes  Anti- 
monioarseniat.  Es  kommt  mit  den  Manganerzen  Braunit 
und  Hausmanmit  im  Urdolomit,  welcher  dem  sehr  ver- 
breiteten erzführenden  Granulit  eingelagert  ist,  vor.  Das  gelbe 
Mineral  ist  strukturlos,  ohne  deutliche  Spaltbarkeit  und 
bildet  Flecken  und  Klumpen  im  Dolomit,  mit  dem  es  immer 
ver-  und   durchwachsen   ist;   es  ist  unschmelzbar   vor   dem 


IL  Allgemeine  Liter.atur.  211 

Löthrohre,  der  entwickelte  Arsengerucli  ist  schwach,  stärker 
der  Antimonrauch.    Autor   fand    die    unter  I.   mitgetheilte 
procentische  Zusammensetzung,  Höghom  die  unter  IL 
I.  IL 

Aso05  =  53,23  56,40 

Sb205=   6,54  3,07 

CaO  =  20,21  17,50 

MnO  =  10,82  15,03 

MgO=    9,20  8,00 

Der  ersten  Analyse  soll  die  Formel 

lojs  (Ca  Mg  Mn)  0.  A9o05  \  +  2  CaOSbaOs,  der 
zweiten  Högbom'schen  Analyse  die  folgende  Formel  ent- 
sprechen: 20  I  3   (Ca  Mg  Mn)    0   AS2O5    +    2   Ca   Sb^Os 

(N.  Jahrbuch  f.  Mineralogie  1889  L  S.  52). 
Halle  a.  S.  Lue  decke. 


JFritsch,  Anton,  Prof.  Dr.,  Fauna  der  Gaskohle  und 
der  Kalksteine  der  Permformation  Böhmens.  B.  I.  und  IL 
mit  ca.  90  Folio- Tafeln.  Prag.  Selbstverlag  des  Autors^ 
in   Commission  hei  Itiünäc.     1880 — 90. 

Der  auch  in  weiteren  Kreisen  der  Zoologie  und  Pala- 
contologie  rühmlichst  bekannte  Autor  giebt  das  vorliegende, 
mit  einer  grossen  Reihe  wohlgelungener  Tafeln  reich  ge- 
schmückte Werk  auf  eigene  Kosten  jedoch  mit  Unter- 
stützung der  K.  K.  Akademie  der  Wissenschaften  heraus. 
Die  Fauna  der  primären  Wirbelthiere  und  der  Arthropoden 
hat  durch  die  Herausgabe  desselben  einen  ungeahnten  Zu- 
wachs erhalten. 

Im  ersten  Hefte  gab  der  Verfasser  eine  stratigraphische 
Darstellung  der  Fundorte  im  Pilsener  und  Schlan-Rako- 
nitzer  Becken  mit  einer  Reihe  schöner  Profile  sowie  eine 
Uebersicht  der  in  der  Gaskohle  von  Nyfan  etc.  und  in  der 
Permformation  von  Braunau  aufgefundenen  Thierreste. 
Daran  schloss  sich  eine  ITebersicht  der  Lobyrinthodonten  und 
die  Beschreibung  der  Branchiosauriden  mit  den  Gattungen 
Branchiosaurus, F ;  Sparodus,  F;  Hylonomus,D.undDawsoma, 

14* 


212  II.  Allgemeine  Literatur. 

F;  115  Abbildungen  in  Farbendruck  begleiten  dieses  für 
die  Charakteristik  der  genannten  Gattungen  vielfach  grund- 
legende Heft. 

Das  zweite  Heft  brachte  die  Abbildungen  und  Be- 
schreibung der  Familien  Apateonidae,  Fr.  und  Aistopoda, 
Miall,  das  dritte  die  Nectrideen  und  Limnerpetonidae,  und 
endlich  liefert  das  vierte  Hefte  die  Beschreibung  der 
neuen  Familien  Hylonomiden  und  Mikrobrachidae,  Wollte 
der  Verfasser  ursprünglich  die  genannten  Labyrontbodonten 
im  ersten  Bande  darstellen,  so  hat  er  dies  im  Laufe  der 
Zeit  und  des  sich  immer  mehr  häufenden  Materials  auf- 
gegeben, und  hat  diejenigen  Stegocephalen,  deren  Zähne  ein- 
fach oder  labyrinthisch  gestaltet  sind,  in  den  2.  Band  ver- 
wiesen. Bei  der  näheren  Eintheilung  folgt  er  nicht  der 
neueren  Cope'schen  Ansicht  über  die  Eintheilung  der  genann- 
ten Thierclassen,  sondern  den  älteren  Miall'schen  Eintheil- 
ung. Die  beschriebenen  Familien  im  I.  Heft  des  H.  Ban- 
des sind  die  folgenden :  Denderpeton,  Archegosaurus,  Sparag- 
mites,  Laxomma,  Chelidosaurus,  Sphenosaurus,  Cochleo- 
saurus  und  Gaudrya. 

Im  zweiten  Hefte  führt  der  Autor  seine  Beschreibung 
an  den  Stegocephalen  mit  labyrintbisch  gefalteten  Zähnen 
weiter  (Nyrania,  Macromerion).  Die  Resultate  seiner  lang- 
jährigen Untersuchungen  stellt  der  Verfasser  im  Schluss- 
capitel  zusammen.  Er  versucht  sie  ihrem  Baue  nach  theils 
von  den  Knochenfischen  wegen  ihrem  biconcaven  Wirbel 
und  anderntheils  wegen  der  rachitomen  von  den  Knorpel- 
ganoiden  abzuleiten.  Im  Schluss  vergleicht  er  sie  mit  den 
lebenden  Amphibien  und  Reptilien,  deren  Charaktere  an 
den  Stegocephalen  vereint  gefunden  werden. 

Hieran  anschliessend  werden  die  Familien  auf  drei 
verschiedene  geologische  Horizonte  vertheilt:  1)  Nyran  mit 
fast  reiner  Steinkohlenflora  mit  41  Arten,  2)  Kounovä  mit 
gemischter  Flora  und  16  Arten  der  Stegocephalen  und  end- 
lich 3)  Braunau  mit  reiner  Permflora  und  8  Arten  der 
Stegocephalen. 

Das  dritte  Heft  des  II.  Bandes  stand  uns  leider  nicht 
zu  Gebote. 


II.  Allgemeine  Literatur.  213 

Das  4.  Heft  des  2.  Bandes  schildert  die  Selacbier  und 
zwar  Hybodus,  Xenocanthns,  Orthacanthus,  und  die  Icbthyo- 
dorulitben,  Tabulacautbus  etc.  Das  "Werk  bat  bedeutendes 
Aufseben  gemacbt  und  ist  der  Ebre  des  Lyellpreises  der 
Londoner  geologiscben  Gesellsebaft  gewürdigt  worden. 
Halle  a.  S.  Luedecke. 


J.  C.  JELou^eau  et  A.  Lancaster,  Bibliographie 
generale  de  V astronomie  ou  catalogue  methodique  des  ouv- 
rages^  des  memoires  et  des  ohservations  astronomiques  dep- 
uis  le  temps  des  anciens  Jus  qii'  ä  Vöpoque  actuelle. 
Brüssel,  rue  de  Laivain  108,  Hayn. 

Das  Werk  wird  aus  3  Tbeilen  besteben;  der  erste  wird 
besonders  die  erscbienenen  Werke,  der  zweite  die  in  den 
Journalen  zerstreuten  Abbandlungen  und  der  dritte  die 
astronomiscben  Beobacbtungen  umfassen.  Der  zweite  Tbeil, 
welcber  am  ersten  erwünscbt  war,  erschien  1882  in  Octav 
von  1300  Seiten.  Inzwiscben  ist  aucb  der  erste  Tbeil  z.  Tb. 
erschienen  und  fordert  die  Buchhandlung  zum  Subscri- 
biren  auf. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


JBixtschlif  über  den  Bau  der  Bacterien  und  terioandter  Or- 
ganismen; Vortrag,  gehalten  am  6.  Decemher  1S89  im  natur- 
hist.-medic.  Vereifi  zu  Heidelberg^  mit  einer  farbigen  Tafel. 
Leipzig.      Winter^sche  Verlagshandlung.  1  Jl  50  /^ 

Es  ist  unnötbig,  eine  Arbeit  des  besten  deutschen 
Protozoenkenners  über  ein  so  nahe  verwandtes  Thema  der 
Beachtung  zu  empfehlen.  Nur  ein  kurzer  Hinweis  auf  den 
Inhalt  möge  gestattet  sein.  Es  handelt  sich  um  die  weit- 
tragendsten Fragen,  um  die  Struktur  des  Kernes  des  Proto- 
plasmas schlechtweg  und  der  Bakterien  im  Besonderen,  und 
zwar  nicht  um  eine  Zusammenstellung  bekannter  That- 
sachen,    sondern    um    zahlreiche  neue    Beobacbtungen,    die 


214  II.  Allgemeine  Literatur. 


den  grösseren  Theil  der  Broschüre  emnehmen.  Den  Aus- 
gangspunkt bilden  zwei  Schwefelbakterien,  Chromatium 
Okenii  (Monas  Okenii  Ehrly)  und  Ophidiomonas  jenensis, 
deren  Bau  ausführlich  geschildert  wird,  natürlich  mit  Hilfe 
der  besteil  modernen  apochromatischen  Instrumente.  Daran 
schliessen  sich  Cyanophyceen,  typische  Bakterien  u.  a.  Es 
ist  selbstverständlich,  dass  dabei  eine  grosse  Menge  neben- 
sächlicher und  doch  sehr  wichtiger  Spähne  abfallen,  über 
den  Schwefelgehalt,  über  den  Charakter  des  Bacteriopur- 
purins  als  eines  Lipochroms,  über  andere  Farbstoffe,  über 
die  homogene  Struktur  der  Geissein  bei  den  Bakterien,  die 
sie  als  eine  unmittelbare  Fortsetzung  der  Rindenschicht 
selbst  erscheinen  lässt  und  den  Unterschied  dieser  letzteren 
von  einer  gewöhnlichen  Zellmembran  klar  legt,  über  die 
seltsame  Bakterienform  Spirochaeta  serpens,  mit  faden- 
förmigem Centralkörper  u.  v.  a.  Die  Hauptsache  aber  be- 
trifft Kern  und  Plasma.  Beide  sind  wabig  gebaut,  d.  h. 
das  bekannte  Gerüstwerk  von  Idioplasma  besteht  nicht  aus 
Strängen,  sondern  aus  einem  blasigen  Wabenwerk,  das  im 
optischen  Querschnitt  natürlich  als  Fasernetz  sich  darstellt, 
und  es  ist  sehr  bemerkenswerth,  dass  die  Grösse  der  Blasen 
bei  den  verschiedenen  Arten  von  wechselndem  Zellvolum 
den  gleichen  Durchmesser  zeigt,  ja  noch  mehr,  dass  sie 
darin  selbst  mit  den  künstlich  nachgeahmten  Plasmaschäumen, 
für  deren  Erzeugung  B.  kürzlich  die  genauem  Recepte  an- 
gegeben hat,  übereinstimmt,  vielleicht  ein  Einblick  in  das 
innerste  Wesen  der  Organisation.  B.  tritt  für  die  Kern- 
natur der  kleinen  Bakterien  ein,  (mit  einem  Hinweis  auf 
die  Spermatozoen),  die  grösseren  zeigen  noch  eine  deutliche 
Plasmahülle  an  beiden  Enden  u.  s.  f.  Die  zweifelhaften 
Punkte,  die  direkte  Kerntheilung  u.  dergl.  werden  erörtert 
und  die  gegentheilige  Auffassung  von  E.  Zacharias  discu- 
tirt.  Das  Einzelne  möge  man  im  Original  nachlesen,  das 
für  jeden  bedeutungsvoll  ist,  der  sich  für  die  wichtigsten 
Probleme  moderner  Biologie  und  Histologie  interessirt. 
Gohlis.  Simroth. 


II.  Allgemeine  Literatur.  215 

GöttCi,  Entwickelimgsgeschichte  des  Flussneunauges  fPetro- 
myzon  ßuciatilis).  fErster  Theil.J  Verlag  von  Leopold 
Voss. 

Das  fünfte  Heft  von  des  Verfassers  Abhandlungen  zur 
Entwickelungsgeschiclite  der  Thiere.  Gross-Quart,  955  S.  Mit 
einer  grösseren  Anzahl  von  Holzschnitten  und  neun  farbigen 
Tafeln,  wovon  die  grössere  Hälfte  doppelt.  Text  und 
Illustrationen,  wie  alles  von  diesem  Autor  gleich  gediegen. 
Die  Abbildungen,  meist  totale  oder  partielle  Querschnitte  von 
Embryonen,  sind  durchgehends  in  denselben  Farben  gehalten, 
das  Entoderm  mattgelb,  das  Ectoderm  graulila,  die  übrigen 
Töne  so,  dass  alle  schreienden  Zusammenstellungen  ver- 
mieden sind;  hergestellt  sind  sie  bei  Werner  und  Winter, 
also  über  alles  Lob  erhaben.  Die  Ausstattung  des  Textes 
ist  ebenbürtig.  So  weit  das  Aeussere.  —  lieber  die  Ge- 
diegenheit des  Inhaltes  braucht  der  kein  Wort  zu  verlieren, 
welcher  das  Glück  hatte,  Götte's  Methodik  aus  eigner  An- 
schauung kennen  zu  lernen  und  davon  zu  profitiren.  Wir 
haben  wohl  kaum  einen  zweiten  Embryologen,  der  so  lange 
mit  der  Darstellung  eines  ontogenetischen  Kapitels  zurück- 
hält, bis  er  den  Stoff  nach  allen  Richtungen  in  gleicher 
Weise  durchgearbeitet  hat  und  beherrscht,  wie  Götte. 
Hier  liegt  ein  Ideal  vor,  das  man  sich  für  seine  eignen 
Arbeiten  zum  Muster  nehmen  möchte,  wenn  nicht  die 
treibende  Phantasie  immer  wieder  über  das  kalte  Blut  siegte. 

Hier  ist  alles,  was  geboten  wird,  festgegründete  That- 
sache.  Es  mag  wohl  geraume  Zeit  vergehen,  bis  jemand 
wieder  ein  höheres  Thier  in  allen  seinen  Stadien  derartig 
beherrscht,  wie  Götte  die  Unke,  deren  entwicklungsge- 
schichtliche  Darstellung  bis  jetzt   unerreicht  dasteht. 

Auf  dieser  Grundlage,  die  von  Anfang  an  durch  ein 
grosses  Vergleichsmaterial  gestützt  wurde,  ist  mit  gleicher 
Solidität  fortgearbeitet. 

Ueber  manche  Schlüsse,  die  weiter  gehen,  wird  sich 
streiten  lassen,  wie  alle  erweiterten  Theorien  erst  durch 
verallgemeinerte  Discussion  langsam  gefördert  werden 
können,  —  über  das,  was  hier   vom  Neunauge    direkt    an- 


216  11.  Allgemeine  Literatur. 

gegeben  wird,  scbwerlich. —  Stählern,  wie  Götte's  conseqnente 
Arbeitskraft,  die  keine  Lücken  duldet,  ist  auch  seine 
Kritik,  die  äusserst  unangenehm  werden  kann,  weil  sie  durch 
ihre  positive  Sicherheit  Entgegnung  beinahe  ausschliesst, 
wenigstens  sachliche.  Dabeiwirdsie  niemals  persönlich.  Wenn 
der  Werth  aller  allgemeinen  Hypothesen  der  ist,  befruchtend 
und  anregend  zu  wirken  und  so  auf  Umwegen  Naturver- 
ständniss  und  -erkenntniss  zu  fördern,  so  dass  sie  durch 
die  weiteren  Fortschritte  sich  tiberleben,  so  werden  Götte's 
Specialarbeiten  sicherlich  als  positive  Grundlagen  länger 
als  die  meisten  Erzeugnisse  unserer  reichen  zoologischen 
Literatur  die  schnelllebige  Gegenwart  tiberdauern. 

Einleitend  wird  die  Entwickelung  in  sieben  Perioden 
zerlegt.  Dann  kommen  die  einzelnen  Abschnitte,  in 
welchen  der  Schilderung  der  thatsächlichen  Beobachtungen 
meist  eine  literarische  Uebersicht  mit  Kritik  und  verall- 
gemeinernden Schlüssen  folgt:  Die  primären  Keimschichten 
— ■  die   Mesodermplatten  und  die  Chorda  —  der   Schwanz 

—  die  Mesomeren  —  die  Seitenplatten  —   die  Kopfniere 

—  das  Herz  —  die  Bildung  des  Blutes  —  der  Darm  — 
das  Gefässsystem  —  die  Leibeshöhle. 

Es  ist  wohl  nicht  möglich,  bei  dem  Charakter  der 
Götte'schen  Schriften,  den  Inhalt  in  wenig  Worte  zu- 
sammen zu  fassen;  dazu  ist  er  zu  schwerwiegend  bis  ins 
Einzelne  und  allem  Schematisiren  principiell  entgegen. 
Immerhin  lassen  sich  vielleicht  drei  Punkte  besonders 
hervorheben :  die  scharfe  Zurückweisung  der  Coelomtheorie 
im  zweiten  Abschnitte  und  zwei  systematische  Folgerungen. 
Die  eine  betont  die  vielfachen  Züge  von  Rückbildung  beim 
Amphioxus,  so  dass  es  nicht  weiter  angängig  erscheint, 
ihn  in  der  direkten  Ahnenreihe  der  Vertebraten,  die  noch 
so  dunkel  ist,  unterzubringen ;  die  andere,  sehr  tiefgreifende, 
löst  die  Cyklostomen  von  den  Fischen  los  und  bringt  sie 
in  die  Nähe  der  Amphibien.  Beide  Wirbelthiergruppen 
zeichnen  sich  durch  geringe  Umwandlung  des  Enterocoeles 
in  Nahrungsdotter  aus,  das  Kiemensystem  zeigt  grosse 
Verwandtschaft,  ,,ja  man  darf  in  den,  in  den  Pleuralraum 
hineinragenden  Divertikeln  des  letzten  Kiemenpaares  wohl 
Rudimente  von  Lungen  (oder  vielleicht  auch  von  homologen 


Allffemeine  Literatur.  .217 


Schwimmblasen?)  erkenneE."  Für  weitere  Theile  ist  noch 
kein  Programm  angegeben,  doch  wird  man's  eben  aus 
dem  Inhalt  des  vorliegenden  ablesen  dürfen,  jedenfalls 
steht  noch  viel  zu  erwarten.  —  Druckfehler  kommen  im 
Ganzen,  glaube  ich,  zwei  vor,  einmal  „Hatscheck"  für 
„Hatschek,  einmal  „Schiplej"  für  „Shipley",  und  beide 
finden  im  Literaturverzeichniss  ihre  Erledigung. 

Gohlis.  Simroth. 


6r.  von  Mayekf  Handbuch  der  Zoologie.  Erster  Band. 
1877.  437  S.  mit  816  Abhilduugen.  Ziveiter  Band.  1881. 
513  S.  mit  1224  Ahhildungen.  Dritter  Band.  1885.  460 
S.  mit  763  Ahhildimgen:  Vierter  Band.  Erste  Lieferung. 
1889.  240  S.  mit  428  Abbildungen:  fEs  steht  vermuthlich 
noch  eine  Lieferung  aus^  um  den  vierten  Band  und  damit 
das  ganze  Werk  vollzumachen.)  Wien.  Carl  Gerold's 
Sohn:  Preis  des  Bandes  im  Durchschnitt  20  Ji. 

Die  Pausen,  in  denen  die  verschiedenen  Abtheilungen 
dieses  Werkes  erscheinen,  beweisen  so  gut  wie  die  enorme 
Fülle  von  Abbildungen,  dass  es  sich  hier  um  eine  gründ- 
liche Arbeit  handelt,  welche,  trotzdem  in  Bezug  auf  die 
letzteren  hauptsächlich  ein  Sammelwerk  geboten  wird,  nur 
langsam  gefördert  werden  kann.  Ein  Programm  wird  vom 
Verf.  noch  nicht  vorgelegt,  doch  ergiebt  sich's  wohl  einiger- 
massen  aus  der  Darstellung.  Gleichmässige  Kenntniss 
und  Uebersicht  des  Thierreiches,  wenig  Theorie  aber  viel 
positives  Wissen,  das  nicht  am  Einzelnen  klebt,  sondern  in 
ebenso  angenehmer  als  streng  systematischer  Form  über 
alle  Gruppen  sich  verbreitet.  Bronn's  Klassen  und  Ord- 
nungen sollten  wohl  in  ihrer  allseitigen  Durcharbeitung  das  Vor- 
bild abgeben,  um  in  engeren  Schranken  möglichst  viel  Charak- 
teristisches von  jeder  Familie  knapp  zusammenzufassen,  wo- 
bei Anatomie,  Biologie,  Entwicklung,  unter  Umständen  selbst 
mikroskopische  Strukturen,  auch  bei  grösseren  Formen  heran- 
gezogen werden.  Das  Prinzip  der  gleich  massigen  Durch- 
arbeitung erheischt  naturgemäss  die  Ausnutzung  einer  sehr  zer- 
streuten und  oft  seltenen  Literatur.     Der  Text  ist  dabei  oft 


218  II.  Allgemeine  Literatur. 

knapp  gegenüber  den  Abbildungen.  Diese  aber  sind  (für  jede 
Familie  mindestens  eine,  häufig  mehr)  mit  grossem  Geschick 
und  Geschmack  so  gewählt,  dass  alles  Gewöhnliche,  Alltäg- 
liche zurücktritt  gegen  Feinheiten,  die  sonst  nur  dem  Fach- 
manne, und  selbst  diesem  oft  schwer  zugänglich  sind.  Wer, 
selbst  als  Zoologe,  dieses  Buch  durchstudiert  hat,  wird  seine 
Zoologie  um  eine  grosse  Masse,  ich  möchte  sagen  pikanter 
Thatsachen  bereichert  finden.  Dabei  wird  auf  die  Syste- 
matik insofern  weniger  Werth  gelegt,  als  sie  nur  den 
Rahmen  für  eine  Fülle  von  Familienschilderungen  abgiebt. 
So  sind  die  Unterreiche,  wie  H.  für  Typen  sagt,  noch  nach 
etwas  älterem  Schema  genommen ,  indem  die  Mollusken 
z.  B.  die  Molluscoiden  und  unter  diesen  die  Tunikaten,  die 
Protozoen  die  Schwämme  unter  sich  begreifen.  Aber  der 
Inhalt  ist  um  so  reicher,  und  die  fossilen  Formen  sind  als 
annähernd  gleichberechtigt  mit  eingearbeitet. 

Der  erste  Band  giebt  eine  gedrängte  allgemeine  Ein- 
leitung (33  S.),  Classification,  Darwinismus,  chemische  Be- 
staudtheile,  Formelmente  (Histologie),  Organe  des  Thier- 
leibes,  Entwicklung  und  Fortpflanzung  etc.  Dann  kommen 
die  Protozoen,  die  Coelenteraten,  Echinodermen  und  Würmer. 
Gemäss  den  grossen  Fortschritten,  die  gerade  auf  diesem 
Gebiete  in  den  letzten  zehn  Jahren,  besonders  durch  die 
marinen  Expeditionen  und  Stationen,  durch  Bütschli's  Proto- 
zoenwerk u.  dergl.  gewonnen  sind,  ist  hier  wohl  manches  zu 
modernisiren  oder  zu  ergänzen,  womit  nicht  gesagt  sein 
soll,  dass  nicht  die  Darstellung  namentlich  der  Morphologie 
bereits  auf  einem  sehr  hohen  Standpunkte  sich  befände. 
Auch  war  es  bei  dem  Zustande  der  Kenntnisse  noch  nicht 
möglich,  so  gleichmässig  zu  arbeiten,  wie  bei  den  höheren 
Typen. 

Der  zweite  Band,  die  Arthropoden,  ist  ein  reiches 
Muster  umfassender  Darstellung.  Eine  Menge  anatomische 
Detail,  niemals  schematisirt,  und  dazu  die  für  die  Determi- 
nation so  wichtigen  Mundwerkzeuge,  Beinformen,  Fühler, 
Flügelgeäder.  Allgemeine  Abschnitte,  übersichtliche 
Schlüssel  für  die  Familien,  die  dann  ohne  lästige  Wieder- 
holung und  Numerirung,  nach  ihrer  biologischen  Bedeu- 
tung kurz  charakterisirt    werden ,    einheimische  gerade    so 


IL  Allg-emeine  Literatur.  219 

wie  Exoten.  Ein  Beispiel,  und  zwar  ein  wenig  umfang- 
reiches möge  die  Art  und  Weise  kennzeichnen.  Die  Myrio- 
poden  haben  im  allgemeinen  Abschnitt  folgende  Abbil- 
dungen: Scolopendra  cingulata;  vorderes  Körperende 
von  Juius  tzendalus,  dazu  Augengruppen ;  untere  Mundplatte 
von  Spirostreptus  Sebae;  Mundtheile  von  Scolopendra  mutica 
(ausführlich),  einige  Segmente  von  Geophilus  rubro-vittatus; 
ein  Doppelsegment  von  Spirostreptus  Borxii:  Darm,  Speichel- 
drüsen und  Eierstock  von  Scolopendra  morsitans;  Herz  von 
Scolopendra;  vorderes  Körperende  von  Scolopendra  Hopei  mit 
den  Stigmen;  Nervensystem  von  Julus  terrestris;  Juluslarve; 
Querdurchschnitte  von  Oniscodesmus  mexicanus  und  Poly- 
desmus  subterraneus ;  —  dazu  die  Ordnungen:  Chilogna- 
then:  Fühler  von  Julus  zapotacus;  Kopf  von  Glomeris  sub- 
limbata;  männliche  Begattungswerkzeuge  von  Polydesmus 
mauritanicus ,  innere  männliche  Geschlechtsorgane  von 
Glomeris,  von  Julus  foetidus;  Genitalbein  von  Polydesmus 
complanatus,  weibliche  Geschlechtstheile  von  Glomeris 
marginata;  Julus  terrestris  in  verschiedenen  Stellungen;  — 
Chilopoden:  Glomeris  maculata  und  sublimbata,  Habitus; 
Gl.  cingulata,  erste  Segmente.  Siphonophora  portoricensis, 
Hinterende  von  Julus  arboreus;  Fühler  von  Arthro- 
nomalus  punctatus;  Auge  von  Scutigera;  Hinterende  von  Geo- 
philus microcephalus,  männliche  und  weibliche  Geschlechts- 
organe von  Lithobius  forficatus,  Spermatophor  von  Scolo- 
pendra complanata  im  Momente  des  Aufspringens,  ein  solches 
von  Geophilus  convolvens  auf  seinen  Gespinstfäden  befestigt. 
Dorsalplatten  von  Scutigera  mit  den  Athemlöchern;  Scu- 
tigera rubrolinenta. 

Die  Insekten  sind  ungemein  reichhaltig,  namentlich 
auch  in  Bezug  auf  die  bildliche  Darstellung  biologischer 
Verhältnisse;  erwähnt  seien  etwa  die  Hymenopterenbauten, 
über  30,  darunter  kein  Hummelnest,  wohl  als  zu  bekannt, 
und  so  durchweg. 

Der  dritte  Band  enthält  die  Weichthiere,  Fische  und 
Amphibien.  Für  die  ersteren  sind  die  Habitusbilder  aus 
Meyer  und  Moebius,  Fauna  der  Kieler  Bucht,  bereits  benutzt. 
Argonauta  könnte  moderner  dargestellt  sein.  Betreffs  der 
Fische  brauchen    wir  blos   daran  zu  erinnern,   dass  Hayek 


220  II.  Allgemeine  Literatur. 

die  deutsche  Ausgabe  von  Günthers,  Handbuch  der  Ichthyo- 
logie besorgt  hat,  dazu  an  die  vortrefflichen  Wiener  Ichtho- 
logen  Heckel,  Kner,  Steindachner,  ebenso  wie  für  die  In- 
sekten Brauer's  Erfahrungen  zu  Gebote  standen. 

Der  vierte  Band  umfasst  bis  jetzt  die  Reptilien  und 
folgende  Ordnungen  der  Vögel:  Odontornithes,  Urinatores, 
Longipennes,  Steganopodes,  Lamellirostres,  Ciconiae,  Grallae 
Brevipennes.  Die  zweite  Hälfte  und  die  Säuger  stehen 
noch  aus.  Neben  dem  Reichthum  von  anatomischen  Ab- 
bildungen und  Vollbildern  von  Thieren  sei  nur  auf  ein 
Paar  kleine  biologische  Skizzen  hingewiesen:  eine  Elaphis, 
drei  Vögel  auf  einmal  tödtend,  ein  junger  Python,  seine 
Beute  haschend. 

Genug  der  vielen  Vorzüge  ;  höchstens  mag  noch  auf  die 
Anmerkungen  hingewiesen  werden,  welche  die  Etymologie 
der  technischen  Ausdrücke  erklären.  Druckfehler,  sehr 
selten,  beziehen  sich  meist  auf  Verwechslung  von  i  und  y, 
kein  Wunder  in  einer  Zeit,  wo  man  dem  Setzer  zumuthet, 
bald  Gips,  bald  Gyps  zusammenzustellen. 

Wer  irgend  seine  zoologischen  Kenntnisse  in  Be- 
zug auf  inneren  und  äusseren  Bau  und  die  charakte- 
ristischen Züge  in  der  Lebensweise  der  Familien  nach 
allen  Seiten  gleichmässig  zu  vertiefen  wünscht,  dem  kann 
man  das  Buch  aus  voller  Ueberzeugung  au's  Herz  legen. 
Hoffentlich  lässt  der  Schluss,  auf  stetig  verbessertem  Papier, 
nicht  zu  lange  auf  sich  warten. 

Gohlis.  Simroth. 


Hatscliek,  Lelirhucli  der  Zoologie^  eine  morphologische 
Uebersicht  des  Thierreiches  zur  Einführimg  in  das  Studium 
dieser  Wissenschaft.  Lieferung  1  und  2,  mit  296  Ahhil- 
dungen    im   Text.      Jena.     Gustav  Fischer.     1888   und  89. 

8  utid  4  Ji. 

Dasselbe,  was  gelegentlich  Hayek's  Handbuch  zu  sagen 
wäre,  kann  man  hier  vorausschicken.  Der  enorme  Auf- 
schwung der  Produktion  auf  dem  Gebiete  der  zoologischen 
Literatur  macht  eine  verschiedene  Uebersicht  von  wechseln- 
dem Standpunkt  stets  erwünscht.  Ein  Buch,  das,  wie  das 
eben  genannte,  eine  Zusammenstellung  positiver  Daten   zur 


II.  Allgemeine  Literatur.  221 

Hauptsache  macht,  wii-d  für  lauge  dauerudeu  Werth  haben. 
Andere  stellen  sich  zur  Aufgabe,  den  jeweilig  modernen 
Standpunkt  zu  präcisiren.  Sie  stellen,  mit  der  Zeit  histo- 
risch werdend,  Ecksteine  dar,  die  Wendepunkte  des  all- 
mählich sich  erhebenden  Baues  unserer  Wissenschaft  kenn- 
zeichnend. Zu  ihnen  dürfte  Hatschek's  Buch  gehören.  Es 
will  eine  morphologische  Uebersicht  geben,  d,  h.  eine 
solche,  die  von  den  Fortschritten  namentlich  der  Ent- 
wickelungsgeschichte  abhängig  ist.  Hatschek's  besondere  Be- 
rechtigung schreibt  sich  von  seinen  vortrefflichen  embryo- 
logischen Arbeiten  her.  Und  da  er  sich  gerade  mit  der 
prekärsten  und  übergangsreichsten  Thiergruppe ,  der  der 
Würmer,  ausführlich  beschäftigt  hat,  ist  er  in  hervorragen- 
dem Masse  dazu  befähigt.  Die  Systematik  ist  grundsätzlich 
eingeschränkt. 

Die  Consequenz,  mit  der  H.  seinen  morphologischen 
Standpunkt  durchführt,  ist  äusserst  anregend.  Das  erste 
Kapitel  bespricht  das  Plasma  und  die  Lebenserscheinungen, 
Assimilation,  Exretion,  Arbeitsleitung,  Wachsthum,  Fort- 
pflanzung, Vererbung  etc.,  diese  aber  nur  als  Eigenschaften 
des  Plasma'«,  ohne  noch  die  Zelle  überhaupt  zu  erwähnen, 
das  zweite  handelt  vom  Darwinismus  und  seinen  Weiter- 
bildungen (Funktionswechsel  etc.),  das  dritte  von  den  Prin- 
cipien  der  Morphologie  (Phylogenie  und  Ontogenie ,  mit 
klaren  Auseinandersetzungen  betr.  der  Variabilität  etc.), 
das  vierte  behandelt  das  System,  worauf  ich  gleich  zurück- 
komme, das  fünfte  die  Zelle  und  Zelltheilung,  das  sechste 
die  Protozoen,  deren  Grundform,  Lebenserscheinungen,  Fort- 
pflanzung bez.  Conjugation,  System  mit  Anhang  (Volvox), 
dann  wird  auf  die  Metazoen  übergegangen  und  im 
siebenten  Capitel  deren  Grundform  und  Entwicklung  im 
Wesentlichen  bis  zur  Bildung  der  Keimblätter  besprochen; 
und  nun  erst  folgt  im  achten  Kapitel,  das  in  die  zweite  Liefe- 
rung hineinreicht,  die  Histologie.  Die  Logik  muss  imponiren, 
welche  die  Histologie  erst  nach  dem  Aufbau  des  Organismus 
aus  einer  Summe  indifferenter  Zellen,  die  nun  durch  Arbeits- 
theilung  verschiedene  Wege  einschlagen,  einsetzen  lässt, 
während  einzelne  Zellen  und  Protozoen  zusammengehören 
und  die  hohe   Differenzirung   des  Infusorienkörpers  ledig- 


222  11.  Allgemeine  Literatur. 

lieh  dem  Plasma  dieser  Zelle  zufällt.  Durchweg  ist  der 
Deueste  Standpunkt  eingenommen,  und  selbst  im  einzelnen 
werden  schwebende  Controversen  beleuchtet;  bei  der  Frage 
der  Vererbung  ist's  nicht  anders  zu  erwarten,  betr.  der 
Deutung  der  Nervenelemente,  Gliazellen  nnd  dergl.  schon 
weniger.  Das  neunte  nnd  zehnte  Capitel  handeln  von  den 
Funktionen  des  Metazoenkörpers,  wobei  z.  B.  die  Darstellung 
die  Auges  histologisch  und  physiologisch  ausgezeichnet 
durchgeführt  ist,  das  elfte  Capitel  bespricht  die  Spongiaria, 
das   zwölfte   die  Cnidaria,  das  dreizehnte  die  Ctenophoren. 

Das  führt  uns  auf  das  System.  Das  vierte  Capitel, 
das  zunächst  die  Verdienste  der  älteren,  u.  a.  Leuckarts  Ge- 
rechtigkeit widerfahren  lässt,  unterscheidet  zuerst  zwischen 
Proto-  und  Metazoen  (ohne  Mesozoen,  die  den  Cnidarien  an- 
gereiht sind).  Die  letzteren  zerfallen  in  Protaxonia  oder 
Coelenteraten  und  Heteraxonia  oder  Bilaterien.  Die  Pro- 
taxonien  umfassen  drei  Typen,  die  Heteraxonia  eben  so 
viele;  die  Typen  werden  weiter  in  Cladus  zerlegt. 

Die  Typen  der  Protaxonia  sind:  Spongiaria,  Cnidaria 
und  Ctenophora,  die  der  Heteraxonia  Zygoneura  mit  zwei 
Subtypen,  Autoscoleciden  und  Aposcoleciden,  Ambula- 
cralia  und  Chordonii.  Die  Autoscoleciden  bilden  einen 
Cladus,  die  Scoleciden  mit  den  Classen  der  Platoden, 
ßotiferen,  Endoprocten,  Nematoden  und  Acanthocephalen, 
wozu  anhangsweise  die  Nemertinen  kommen,  die  Aposcole- 
ciden bilden  drei  Cladus,  Articulaten  (Anneliden  mit  Si- 
punculoiden  und  Chätognathen ,  Onychophoren  und  Arthro- 
poden,) Tentaculaten  (Phoronida,  Bryozoa  ectoprocta  und 
Brachiopoden)  und  Mollusken  (Amphineuren  und  Conchi- 
feren);  die  Ambulacralia  umfassen  die  Echinodermen  und 
Enteropneusten,  die  Chordonii  die  Tunicaten,  Leptocardier 
und  Vertebraten.  Wie  man  sieht,  ist  der  Umschwung  gegen 
früher  gewaltig ;  und  der  Eingeweihte  wird  gleich  be- 
merken, wie  sehr  sich  darin  die  Resultate  jüngster  morpho- 
logischer Forschung  ausdrücken,  die  Hatschek  so  scharf 
als  möglich  zusammeufasst.  Ob  alle  seine  Bezeichnungen 
in  die  Compendien  der  Zoologie  durchweg  eindringen  wer- 
den,  ist   dabei  gleichgültig.     Wer   den   modernsten  Stand- 


II.  Allgemeine  Literatur.  223 

puükt  ker.nen  lernen  will,  wird  in  dem  Buche  sicher  seine 
Rechnung  finden.     Die  Ausstattung  ist  vortrefflich. 
Gohlis.  Simroth. 

JBoas,  Lehrbuch  de?'  Zoologie.  Für  Studierende  und  Leh- 
rer. 578  Seiten  mit  Äbhildungen.  Jena.  Gustav  Fischer^ 
1S90.  10  Jl 

Wiederum  ein  vortreffliches  Buch  mit  guter  Ausstattung, 
eine  Bearbeitung  von  des  Verfassers  zwei  Jahre  früher  in 
dänischer  Sprache  erschienener  Zoologie.  Dass  dasselbe 
kürzer  gefasst  ist,  als  die  eben  besprochenen,  versteht  sich 
von  selbst.  Es  denkt  gleichfalls  durchweg  den  neuesten 
Forschungen  gerecht  zu  werden,  ohne  deshalb  in  so  prin- 
zipieller Betonung  vom  früheren  abzuweichen.  Die  dänische 
Literatur  ist  wohl  nicht  so  reich  an  derartigen  Lehrbüchern, 
dass  eine  so  durchgreifende  Differenzirung  der  Gesichts- 
punkte nöthig  wäre.  Wir  haben  also  ein  modernes  Lehr- 
buch schlechthin.  Die  Entwickelungsgeschichte  wird  eben- 
falls berücksichtigt,  aber  weniger  vorwiegend.  Boas  hat 
sich  durch  seine  früheren  Arbeiten  mehr  auf  Gegenbaur's 
Standpunkt  gestellt,  Morphologie  auf  Grundlage  der  vergl. 
Anatomie ;  ich  erinnere  nur  an  seine  durch  Pelseneer  erwei- 
terten Untersuchungen  der  Pteropoden,  an  seine  Abhand- 
lung über  die  Phylogenie  der  Malacostraca  und  die  über 
die  Homologien  und  Umbildungen  der  Arterienbogen  bei 
den  Wirbelthieren  neben  vielen  anderen. 

Das  Buch  zeichnet  sich  durch  das  Streben  nach  mög- 
lichst klarer  und  einfacher  Anschauung  aus.  Zu  dem  Zwecke 
sind  sehr  viele  von  den  Figuren  schematisirt,  Einzeichnungen 
der  Organe  in  die  Körperumrisse,  einfache  Uebersichtsbil- 
der,  bei  den  Wirbelthieren  Durchschnitte  vom  Kopf  etc., 
bei  den  Sängern  das  Milchgebiss  in  richtigem  Verhältniss 
neben  das  bleibende  gestellt  u.  s.  w.  Ganze  Thiere  sind 
viel  weniger  abgebildet,  durchweg  nur  in  besonders  cha- 
rakteristischen Formen,  von  den  Fischen  z.  B.  Sternarchus, 
5  junge  Hechte,  eine  Trachypteruslarve ,  Rochen-  und 
Haiembryonen,  Chimära,  Lepidosteus,  Ceratodus  und  Proto- 
pterus,  dafür  aber  reichlich  ebensoviel  anatomisches  Ma- 
terial", 16  Seiten  behandeln  ihre  allgemeinen  Verhältnisse, 
10  ihr  System. 


224  IL  Allg-emeine  Literatur. 


Ein  allgemeiner  Theil  von  90  S.  bespricht  besonders 
ausführlich  die  Zelle  und  die  Organe,  darunter  auch  die 
rudimentären,  Entwicklungsgeschichte,  Phylogeuie,  Biologie, 
Geographie,  Geologie,  Entwicklung.  Das  System  bleibt  in 
dem  gewöhnlichen  Rahmen,  nur  sind  die  Würmer  in  drei 
Kreise,  Platt-,  Rund-  und  Gliederwürmer  zerlegt.  Die 
Mantelthiere  kommen  zu  allerletzt  als  Anhang  der  Ver- 
tebraten. 

Bei  der  Umarbeitung  iu's  Deutsche  hat  Prof.  Spengel 
sprachliche  und  sachliche  Hilfe  geleistet,  eine  weitere  gute 
Bürgschaft.  Die  Angaben  vom  Vorkommen  der  einhei- 
mischen Thiere  sind  geradezu  peinlichst  den  deutschen  Ver- 
hältnissen entsprechend  abgeändert. 

Ein  kleiner  Fehler  fiel  mir  auf.  Unter  den  Insectivoren 
leben  die  Spitzhörnchen,  Cladobates,  nicht  in  Afrika,  son- 
dern in  Hinteriudien  und  auf  den  malayischen  Inseln. 

Somit  kann  das  Buch  jedem,  der  eine  solide  Ueber- 
sicht  der  Zoologie  auf  moderner  Grundlage  wünscht,  auch 
in  Deutschland  empfohlen  werden.  Zum  Bestimmen  will 
es  nicht  dienen,  sondern  ein  Lehrbuch  sein. 

Gohlis.  Simroth. 

John^    Georg,    Dr.      Ueher   hohrende  Seeigel.      46  Seiten. 
Mit  einer   Tafel  in   LichtdrucJc.      Leipzig.      Gustav  Fock. 

1  Jl  50  ^ 

Zum  Referat  über  diese  Arbeit,  die,  aus  dem  Archiv  für 
Naturgeschichte  stammend,  hier  in  selbstständigem  Gewände 
vorliegt,  bin  ich  eigentlich  wenig  geeignet,  da  die  Veran- 
lassung zu  derselben  einiges  Material  war,  das  ich  1886 
von  einer  wissenschaftlichen  Reise  nach  den  Azoren  mit 
heimbrachte.  An  diesen  Inseln,  zunächst  an  S.  Miquel,  wo 
ich  sammelte,  ist  rings  in  der  Brandung  wie  an  manchen 
andern  Küsten,  eine  Zone,  in  der  verschiedene  reguläre 
Seeigel  in  dichtem  Bestände  hausen,  und  zwar  in  halb- 
kugligen  Löchern.  Herr  Dr.  John  hat  nun  die  früher  viel 
erörterte  Frage  wieder  aufgegriffen,  wie  diese  Löcher,  die 
dem  Umfange  der  Thiere  eng  angepasst  sind,  entstehen, 
ob  die  Kalkalgen,  die  das  Gestein  zumeist  überziehen,  da- 
bei vermittelnd  in's  Spiel  kommen   u.  dergl.     Das  letztere 


II.  Allgemeine  Literatur.  225 

wird  durch  Düdd schliffe  mit  Corallinen  behafteter  Gesteine, 
die  abgebildet  sind,  bestimmt  zurückgewiesen.  Die  Lite- 
ratur über  bohrende  Thiere,  dann  speciell  über  Echinus  ist 
zusammengestellt  nach  Localitäten,  Species  und  Gesteinen; 
die  Untersuchung  der  Thiere,  des  Darminhaltes  u.  s.  w.  hat 
dann  auf  Grund  zugleich  dieser  Angaben  zu  sicheren  Resul- 
taten geführt.  „Die  in  den  Gesteinen  gefundenen  und  von 
Seeigeln  bewohnten  Höhlen  rühren  von  diesen  selbst  her. 
Der  Echinus  erzeugt  seine  Wohnstätten  mittelst  seines  Kau- 
apparates und  sekundär  mit  Hilfe  der  Stacheln  durch 
rotirende  Bewegung.  Er  bohrt  sich  solche  Höhlungen,  um 
einen  Schutz  gegen  das  brandende  Meer  zu  haben."  Für 
alle  Einzelheiten  verweise  ich  auf  das  Original.  Bei  dem 
Interesse,  welches  biologische  Fragen  mit  Recht  immer 
mehr  auf  sich  ziehen,  glaubten  wir,  dass  auch  das  vor- 
liegende Problem  besondere  Aufmerksamkeit  verdiene. 
Gohlis.  Simroth. 


Sehne i de fyiühl  y  Georg ,  Dr.  in  Kiel.  Thiermedicinische 
Vorträge.     Leipzig.     Commissions-  Verlag  von  Arthtcr  Felix. 

Auf  dieses  verdienstliche  literarische  Unternehmen 
unseres  geschätzten  Vereinsmitgliedes  wurde  schon  kürzlich 
an  dieser  Stelle  aufmerksam  gemacht. 

Das  Ende  Februar  er.  erschienene  Doppelheft  11  und 
12,  mit  welchem  der  erste  Band  der  in  Rede  stehenden 
Vorträge  abschliesst,  enthält  einen  sehr  interessanten  Vor- 
trag des  Docenten  der  Physiologie  und  Pharmacologie  an 
der  thierärztlichen  Hochschule  zu  Hannover,  J.  Tereg 
über  „die  neueren  Antipyretica". 

Ausgehend  vom  Chinin  führt  uns  der  Vortragende  zu- 
nächst in  die  Chinolintherapie  ein  und  erörtert  dabei  in 
anschaulicher  Weise  die  synthetischen  chemischen  Versuche: 
durch  Einführungen  von  verschiedenen  Atomgruppen  in  das 
Chinolin  diesem  eine  dem  Chinin  nahekommende  antifebrile 
Wirkung  zu  verleihen.  Hieran  anschliessend  werden  ihrer 
Wichtigkeit  entsprechend  mit  grösserer  oder  geringerer  Aus- 
führlichkeit betrachtet :  Kairin,  Kairolin,  Thaliin,  Antipyrin, 
Antithermin,  Hydrazetin,  Antifebrin,  Pheuacetin,  Methacetin, 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bü.  LSIII.  ISiJO.  15 


226  II.  Allgemeine  Literatur. 

Enalgin  und  dann  (nach  einer  Erörterung  über  den  gegen- 
wärtigen Stand  der  Kenntnisse  von  den  Chinaalkaloiden 
rücksiclitlich  ihrer  chemischen  Constitution)  Kresotinsäiire, 
Orthoonymetatolnylsulfosäure,  Dithiossalicylsäure,  Dijodsali- 
cylsäure,  Salol  und  einige  andere  Salicylsäurederirate; 
den  Schluss  bilden  einige  Anilinabkömmlinge  wie  z.  B. 
Parabronacetanilid,  Benzanilid  und  das  von  Kobert  in 
Dorpat  als  Orthin  benannte  Phenylhyrazinderivaten. 

Ist  aus  den  obigen  Andeutungen  die  Keichhaltigkeit 
des  Terey'sehen  Vortrages  ersichtlich,  so  muss  auf  der 
andern  Seite  auch  auf  die  geschickte  und  klare  Darstellung 
der  mitunter  recht  verwickelten  chemischen  Constitutions- 
fragen  hingewiesen  werden,  so  dass  das  vorliegende  Heft 
(einzeln  zum  Preise  von  1,50  Mk.  erhältlich)  auch  Che- 
mikern und  Apothekern,  welche  den  in  rascher  Folge  auf- 
tauchenden neuen  Fiebermitteln  nicht  ihre  specielle  Auf- 
merksamkeit haben  zuwenden  können,  ein  willkommener 
Wegweiser  sein  wird. 
Halle  a.  S.  G.  Baumert. 

Idebenniann ,  F.,  Dr,  Privatdocent  an  der  Universität 
Basel.  Die  Schimmelmycosen  des  menschliche?!,  Ohres. 
Medicinisch-hotanische  Studien  auf  Grund  experimenteller 
Unter  suchung  671.  Zweite  vermehrte  Außage  von:  Die  Faden- 
pilze  des  Aspergillus  und  Eurotium.  Mit  26  Ahhildungen 
auf  4  Tafeln.  Wiesbaden.  Verlag  von  J.  F.  Bergmann. 
1889. 

Das  Werk  zerfällt  in  drei  Theile,  nämlich:  1.  Botanik 
der  Aspergillen  und  Eurotien.  In  der  Morphologie  werden 
Aspergillus  flavus  Brefeld,  A.  fumigatus  Fresenius,  A.  niger, 
Eurotium  Aspergillus  glaucus  und  E.  repens  beschrieben. 
Die  drei  übrigen  uns  bekannten  Aspergillen  sind  bis  jetzt 
noch  nicht  im  menschlichen  Ohre  gefunden  worden.  Die 
physiologischen  Untersuchungen  und  Erörterungen  erstrecken 
sich  auf  die  Entwicklung  und  die  Art  des  Wachsthums, 
die  Lebensbedingungen  und  den  Stoffwechsel.  Dann  wer- 
den Versuche  mit  Agentien  mitgetheilt,  welche  die  Keim- 
fähigkeit der  Conidien  beeinträchtigen  und  das  Leben  der 
ganzen  Pflanze  vernichten.     Am  Schlüsse  des  ersten  Theiles 


II.  Allgemeine  Literatur.  227 


wird  über  die  geographische  Verbreitung  der  Aspergillen 
gesagt,  dass  dieselben  fast  in  allen  Ländern  Europas  und 
an  verschiedenen  Punkten  Nord-  und  Mittelamerikas  ge- 
funden werden.  Die  Eurotien  sind  bei  uns  sehr  gemein, 
repens  noch  viel  mehr  als  A.  glaucus. 

Um  die  Aspergillen  zu  erhalten,  lege  man  einfach  frisch- 
gebackenes Schwarzbrod  kurze  Zeit  an  die  Luft,  bringe 
dasselbe  dann  unter  eine  Glasglocke,  die  mit  feuchter  Watte 
oder  Fliesspapier  austapezirt  ist  und  an  ihrem  unteren 
Rande  luftdicht  aufliegt,  untersuche  dann  von  Zeit  zu  Zeit, 
die  Brodstückchen  genau  auch  in  ihrem  Innern,  mit  der 
Lupe,  und  man  wird,  bei  geeigneter  Modification  der 
Wärmeregulirung,  schon  nach  kurzer  Zeit  sämmtliche  hier 
genannten  Aspergillen  angesiedelt  finden. 

2.  Theil.  Die  Otomjcosis  aspergillina.  Die  erste 
Mittheilung  über  das  Vorkommen  von  Aspergillus  im  Ohr 
stammt  aus  dem  Jahre  1844.  Dr.  Mayer  in  Bonn  fand 
bei  einem  an  „scrophulösem"  Ohrenflusse  leidenden  8jährigen 
Mädchen  in  dem  Gehörgange  kirschengrosse  cystenformige 
Bälge,  deren  Wände  fibrös  filzig,  aussen  weiss,  innen  grün- 
lich und  körnig  waren,  und  welche  aus  Pilzmasse  bestanden. 
Mayer  untersuchte  die  Masse  und  fand  darin  lange  durch- 
scheinende Stiele  mit  einer  kolbenförmigen  Endanschwell- 
ung. Die  Beschreibung  ist  zwar  etwas  mangelhaft,  sie 
lässt  aber  darauf  schliessen,  dass  es  Aspergillus  fumigatus 
war.  Nach  verschiedenen  andern  Berichten  wird  angeführt, 
dass  Dr.  Bezold  im  Jahre  1880  über  48  von  ihm  selbst 
beobachtete  Fälle  von  Otomycosis  referirte.  Auf  65  Ohren- 
kranke kam  ihm  durchschnittlich  eine  Pilzinvasion  zu  Ge- 
sicht. In  19  Fällen  war  der  Verlauf  vollständig  symptom- 
los und  der  Pilzbefund  ein  zufälliger ;  einfaches  Ausspritzen 
genügte  dann  zu  dauernder  Entfernung  dieser  Aspergillus- 
vegetationen.  In  den  übrigen  29  Fällen  war  die  Mycose 
mit  Entzündungsvorgängen  complicirt:  Jucken,  stärkere 
Epithelexfoliation,  massige  Schwerhörigkeit,  Schmerz,  seröser 
Ausfluss.  Viermal  sah  Bezold  dabei  das  acute  Entstehen 
einer  Trommelfellperforation  mit  ungewöhnlich  lang  dauern- 
den Schmerzen  und  verzögertem  Heilungsverlauf.  Als  aetio- 
logisch  wichtige  Momente  führt  er  an:    1)   das  Einbringen 

15* 


228  II.  Allgemeine  Literatur. 

von  reizenden  Fremdkörpern,  die  zugleich  einen  guten 
Nährboden  darstellen,  z.  B.  Pflanzenbestandtheile,  Thee, 
Liqueure,  Fett,  Oel  (von  den  48  Patienten  hatten  mindestens 
38  vorher  Oeleinträufelungen  vorgenommen).  2)  Einge- 
trocknetes Paukenhöhlensekret.  Nach  verschiedenen  dar- 
auf bezüglichen  Krankengeschichten  wird  die  Frage  erörtert, 
welche  anormalen  Zustände  des  Ohres  dem  Aspergillus- 
wuchs  einen  günstigen  Nährboden  liefern,  und  als  wahr- 
scheinlich angenommen,  dass  es  fast  ausnahmslos  eine 
freie  Serumschicht  ist,  welche  dem  Aspergillus  die  erste 
und  günstigste,  wenn  nicht  gar  einzig  mögliche  Nahrung 
bietet.  Der  Lieblingssitz  der  Pilzmembran  ist  das  Trommel- 
fell und  das  innere  Drittel  des  Meatus  ext.,  seltener  die 
Paukenhöhle,  noch  seltener  die  beiden  äussern  Drittel  des 
Gehörganges;  bisweilen  überzieht  sie  den  ganzen  Meatus 
vom  Trommelfell  bis  zum  Eingang. 

Die  Dauer  der  Afifection,  welche  meist  von  geringem 
wässrigem  Ausfluss  oder  Ohrensausen,  Schwerhörigkeit  und 
anderen  Erscheinungen  begleitet  ist,  ist  von  verschiedenen 
Umständen  abhängig  und  eine  sehr  wechselnde,  bisweilen 
bis  über  Monate,  bis  zu  einem  Jahre  sich  erstreckende. 
Ein  hartnäckiges  Leiden  bildet  die  Otomycose  namentlich 
dann,  wenn  sie  sich  im  Mittelohr  etablirt,  da  dessen 
simuöse  Räume  der  Therapie  schwer  zugänglich  sind. 

Von  therapeutischen  Eingriffen  führt  oft  schon  das  Her- 
ausspritzen mit  warmen  Wasser  zur  Heilung,  wenn  die  Epi- 
dermis intact  war.  Andernfalls  werden  verschiedene  Mittel 
empfohlen. 

Anhangsweise  wird  noch  ein  Fall  aufgeführt,  bei  dem 
im  Ohre  während  heftigen  entzündlichen  Erscheinungen  ein 
sehr  kleines  Penicillium  gefunden  wurde,  welches  in  Folge 
seines  gracilen  Baues,  seines  Vermögens  im  Ohre  —  also 
bei  oT*^  C.  —  zu  wachsen,  von  Penicillium  glaucum  entschie- 
den abzutrennen  ist  und  welches  Verfasser  Penicillium 
minimum  nennen  möchte.  Als  ein  ferneres  Novum  wird 
das  Vorkommen  von  Aspergillus  nidulans  im  Ohre  angeführt. 
Dann  werden  in  botanischer  Hinsicht  die  Nomenclatur  und 
die  Unterscheidungsmerkmale  der  hier  in  Betracht  kommen- 
den Pilzarten   erörtert.     Den  Schluss  bilden   klinische  Mit- 


II.  Allgemeine  Literatur.  229 

theilungen.  Dem  Buche  ist  ein  Sachregister  und  ein  Lite- 
raturnachweis angefügt.  Den  angehängten  auf  die  er- 
örterten Pilze  bezüglichen  Abbildungen  ist  eine  Erklärung 
vorausgeschickt. 

Halle  a.  S.  Hey  er. 

Göthe,    jK.  ,    Kffl.    Oekonomierath,     Bericht  der  Kgl.  Lehr- 

anstaU  für  Obst-  und  Weinhau  zu  Geisenheim  am  Rhein 
für  das  Etatsjahr  ISSSjSQ.   Wiesbaden  1S90. 

Ausser  Schulnachrichten  enthält  der  Bericht  auch  die 
Ergebnisse  aus  verschiedenen,  in  den  Gärten  angestellten 
Untersuchungen,  z.  B.  über  den  Einfluss  des  Samens  auf 
die  Ausbildung  der  Traubenbeeren. 

Der  Fruchtknoten  der  Rebe  enthält  vier  Samenanlagen, 
von  denen  aber  in  den  wenigsten  Fällen  alle  zur  Ausbild- 
ung gelangen,  so  dass  weitaus  die  meisten  Beeren  unserer 
kultivirten  Reben  nur  1  bis  3  Kerne  besitzen.  Gar  nicht 
selten  wird,  obgleich  eine  Befruchtung  stattgefunden  hat, 
gar  kein  Same  ausgebildet;  es  entstehen  die  sogenannten 
kernlosen  Beeren,  welche  zeigen,  in  wie  weit  eine  Beere 
ohne  Einwirkung  der  sich  ausbildenden  Kerne  sich  zu  ent- 
wickeln vermag.  Das  stärkere  Wachsthum  der  kernhaltigen 
Beeren  wäre  der  Einwirkung  der  wachsenden  Samen  zuzu- 
schreiben und  ist  voraussichtlich  um  so  ausgiebiger,  je 
grösser  die  Zahl  dieser  letzteren.  Folgende  Zusammen- 
stellung giebt  über  diese  Grössenverhäitnisse  Aufschluss: 

Gewicht  von  100  Beeren  (dasjenige  der  Kerne  abgezogen) : 
kernlose,  einkernige,  zweikernige,  dreikernige,  vierkernige  Beeren. 

g  g                            g 

77,2  8S,9  113,0 

'J2,4  110,5  140,0 

y4,5  124,7                            — 

116,7  140,8  155,8 

134.4  151,2  - 
196,6  232,7  — 
232,9  303,4  453.7 

408.5  592,8  — 

Hieraus  lässt  sich  deutlich  der  Wachsthumsreiz  der 
Kerne  auf  das  Beerenfleisch  erkennen.  Interessant  sind  in 
dieser  Beziehung  auch  die  einkernigen  Beeren,  sowie  die- 
jenigen zweikernigen,  bei  welchen  beide  Kerne  sich  auf 
derselben  Seite  befinden.     Diese   Kernseite   dieser  Beeren 


g 

g 

Biesling    .... 

25,0 

58,2 

Frühburgunder 

27,9 

52,9 

Ruländer  .... 

— 

62,0 

Portugieser    .    .    . 

23,7 

81,6 

Elbling     .... 

— 

96,1 

Weisser  Gutedel  . 

58,7 

133,8 

Kornelkirschtraube 

_ 

146,1 

Weisser  Damascener 

— 

316,5 

230  II.  Allgemeine  Literatur. 


ist  stets  stärker  entwickelt  als  die  andere,  und  zwar  wird 
dies  niclit  etwa  nur  durch  die  Anwesenheit  der  Kerne  ver- 
ursacht, sondern  das  saftige  Fleisch  ist  mächtiger  ausge- 
bildet. So  wogen  von  68  einkernigen  Beeren  von  Madelaine 
Angevine,  welche  genau  dem  centralen  Gefässbündel  ent- 
lang der  Länge  nach  durchschnitten  wurden,  die  kern- 
haltigen Hälften  59,05  g.  die  kernlosen  47,13  g.  Da  die 
68  Kerne  nur  2,17  g.  wogen,  so  war  das  Fleisch  der  kern- 
haltigen Längshälften  immer  noch  etwa  10  g.  schwerer,  als 
das  der  kernlosen,  das  gegenseitige  Gewicht  etwa  100:120. 
Bei  manchen  Trauhensorten  ist  dieser  unsymmetrische  Bau 
der  Beeren  schon  beim  ersten  Anblick  zu  erkennen,  nament- 
lich wenn  diese  eine  längliche  Form  haben,  wie  bei  der 
Kornelkirschtraube,  der  gelben  Pause,  der  Olivette  noir 
etc.  Die  betreffenden  Beeren  erscheinen  hier  auffällig  ge- 
krümmt, indem  nicht  nur  die  Dickenzunahme,  sondern  auch 
das  Längenwachsthum  der  kernlosen  Seite  geringer  ist. 

In  Beeren  mit  wenig  oder  keinen  Kernen  wird  ein  ver- 
hältnissmässig  grösserer  Theil  des  einwandernden  Zuckers 
zur  Aufspeicherung  im  Fruchtfleische  gelangen  als  dort,  wo 
z.  B.  3  oder  4  Kerne  ausgebildet  und  mit  Reservestoffen 
gefüllt  werden  müssen.  Da  ausserdem  in  den  ersterwähnten 
Beeren  das  Fruchtfleisch  der  Masse  nach  weit  geringer  ist 
so  dürfte  die  vor  einigen  Jahren  festgestellte  Thatsache, 
dass  die  kernlosen  Beeren  zuerst  reifen  und  sodann  die 
wenigkernigen  folgen,  erklärlich  erscheinen.  Diese  Ver- 
hältnisse wurden  nun  in  den  letzten  Jahren  eingehender 
untersucht.  Folgende  Angaben  gewähren  einen  Einblick 
in  diese  Verhältnisse. 


In  100  g  Beerenfleisch  (Beeren,  abzügl-'ch  der  Kerne) 
waren  enthalten: 

vierkernig 

kernlose,  einkernige,  zweikernige,  dreikernige.  Beeren, 

g                  g                     g                      g  g 

Eiesling                    f     Zucker   16,93            15,t0                14,96               14,o4  - 

2.  November  18881    Säure        1,103            1,255                1,298               1,380  — 

Frühburgunder        f    Zucker     16,74          20,57                19,52               18,12  15,39 

26.  Septbr.  1888    t     Säure         0,325           0,548               0,521                0,551  0,51 

Portugieser              |     Zucker        -             15,38               14,28                13,77  13,43 

17.  October  1888   1    Säure          —              0,896              0,952                0,984  0,842 

Weisser  Gutedel    f    Zucker      17,32          14,85              13,94                13,20  — 

15.  October  1888  t    Säure         0,584          0,786              0,829                0,976  — 


II.  Allgemeine  Literatur.  231 

Während  der  Reifezeit  erhalten  demnach  die  Beeren 
einer  Trauhensorte  um  so  mehr  Zucker  und  je  weniger 
Säure,  je  geringer  die  Kernzahl  ist.  Ferner  erreichen  die 
Beeren  die  volle  Reife,  d.  h.  den  Zustand  ihres  höchsten 
absoluten  Zuckergehaltes  zu  ungleicher  Zeit,  die  kernlosen 
zuerst,  dann  die  einkernigen  u.  s.  f.  Weiter  ergab  sich, 
dass  die  zuerst  reifenden  kernlosen  Beeren  doch  nicht 
immer  denjenigen  Zuckergehalt  erlangen,  den  die  kern- 
haltigen aufweisen,  wenn  letztere  vollständig  reif  sind. 

An  den  Trauben  der  blauen  Sorten  kann  man  dieses 
verschieden  schnelle  Reifen  der  Beeren  zur  Zeit  der  Färb- 
ung oft  leicht  erkennen,  indem  stets  die  kernlosen  Beeren 
zuerst  sich  blau  färben,  zu  einer  Zeit,  da  die  andern  noch 
ganz  grün  sind,  während  später  unter  den  letzteren  die 
einkernigen  wieder  früher  als  die  zweikernigen  u.  s.  f. 
die  Färbung  zeigen.  Doch  ist  unter  den  kernhaltigen 
Beeren  der  Unterschied  nicht  so  gross,  wie  zwischen  den 
einkernigen  und  kernlosen,  was  übrigens  auch  aus  den  mit- 
getheilten  Zahlen  geschlossen  werden  kann. 

Die  soeben  geschilderten  Verhältnisse  sind  so  beständig, 
dass  es  mit  einiger  Uebung  möglich  ist,  an  reifenden 
Trauben  aus  Grösse  und  Beschaffenheit  der  Beeren  mit 
ziemlicher  Sicherheit  auf  die  Zahl  der  darin  enthaltenen 
Kerne  zu  schliessen.  Allerdings  wird  die  Sache  etwas  er- 
schwert durch  einen  weiteren  Umstand,  der  gelegentlich 
auf  das  Reifen  einwirkt.  Ist  nämlich  der  Saftzufluss  zu 
einzelnen  Beeren  aus  irgend  einem  Grunde  gehemmt,  so 
erreichen  sie  nicht  die  ihrer  Kernzahl  entsprechende  Grösse 
und  erleiden  auch  eine  Verzögerung  in  der  Reife.  Eine 
zweikernige  Beere  ist  dann  oft  kleiner  als  die  einkernige, 
bleibt  aber  im  Reifen  hinter  den  dreikernigen  zurück. 
Dadurch  sind  derartige  Beeren  aber  leicht  zwischen  den 
andern  herauszufinden.  Eine  am  1.  August  in  dieser  Richt- 
ung vorgenommene  Untersuchung  mit  Frühburgundertrauben, 
in  welchen  solche  zurückbleibende  Beeren  sich  vorfanden, 
ergab  folgendes  Resultat: 


232 


II.  Allgemeine  Literatur. 


Einkernige             Zweikernige 
Beeren                       Beeren 

Dreikernige 
Beeren 

normal 

zurück- 
bleibend 

normal 

zurück- 
bleihend 

normal 

zurück- 
bleibend 

Gewicht  von  100  Beeren    .     .     . 
Gewicht  derKerne  von  lOOBeeren 
Gewichtd. Fleisches,,    „        „ 

Zuckergehalt  des  Beerenfleisches 
Säuregehalt      j                j 

S 
102,5 
5,30 
'J7,20 

"lo 
1(1.82 
1,640 

g 
60,0 
:^,47 
56,53 

8,87 
2,025 

g 
I12,:i 

9,40 
132,90 

% 
7,93 
1,766 

87,1 
f,  ,42 

80.88 

% 
7,20 
2,205 

g 
162,7 
12,57 
:  50,13 

"/o 
9,2:i 
1,784 

g 
12H,5 
11,22 
112,28 

»0 

7,08 
2,237 

Die  vollständigen  Untersnehungsergebnisse  sollen  dem- 
nächst in  den  „Landw.  Jahrbüchern"  erscheinen. 

Halle  a.  S.  Hey  er. 


Neu  erschienene  Werke, 

Allgemeines. 
Mathematik,  Physik,  Astronomie  etc. 

Auwers,  K.     Die  Entwickeluug  der  Stereochemie.    Theoretische  u. 

esperim.  Studien.    8».    III,  157  pp.    C.  Winter.    Heidelberg,  1890. 
Bertrand,  J.     Legons  s.  1.  theorie  mathematique  d  l'electricite.  VI. 

296.    Paris  1890. 
Boneval,  R.    Nouveau  guide  pratique  de  technique  microscopique. 

80.    221  pp.    Avec  21  figures.    Paris,  1890. 
Craig,  T.    A   Treatise  on  linear  differential  Equations.    8o.    New 

York,  1889. 
Dali  et,  G.    Astronomie  pratique.    Le  soleil,  les  etoils.    80.  V,  326pp. 

Paris,  1890. 
Flammarion,  C.    Astronomie  populaire.    Avec 386  figures,  planches, 

cartes  etc.    8«.    867  pp.    Paris,  1890. 
Fomm,  L.    Phosphoro-Photographie  d.  Sonnenspectrums.    Buchholz  & 

Werner.    8«.    Mit  4  Lichtdr.-Taf.    23 pp.    München,  1890. 
Guillemin,    A.     Le   Magnetisme    et    l'electricite.   IL   Phenomenes 

electromagnetiques.     Eclairage    electrique.    Applications   diverses. 

Paris,  1890. 
Eicks,  W.  M.    Elementary  Dynamics   of  Particles   and  Solids.    8". 

394  pp.    London,  1890. 
Jonquiere,  Alfr.    Ueber  einige  Transcendente,  welche  bei  der  wie- 
derholten Integration   rationaler  Funktionen  auftreten.    80.    50  pp. 

[Bern,  Huber  &  Co.]    Stockholm,  1889. 
V.  Kövesligethy,    Edf.    Grundzüge  einer   theoretischen  Spectral- 

analyse.    4«.    XI,  327  pp.    Mit   23  Holzschn.   u.  7  Taf.     Schmidt. 

Halle  a.  S.,  1890. 
Lingg,  Fd.    Ueber  die  bei  Kimmbeobachtungen  am  Starnberger  See 

wahrgenommenen  Refractionserscheinungen.    [Aus:  „Nova  Acta  der 

kaiserl.  Leopold. -Carol.  Deutschen  Akademie  der  Naturforscher."] 

40.    95  pp.    Mit  3  Taf.    [Leipzig,  Engelmann.]    Halle,  1889. 
Loney,  S.  L.    A    Treatise    on   elementary   Dynamics.     80.     326  pp. 

London,  1889. 


234  Neu  erschienene  Werke. 

de   Longchamps,    G.     Essai   sur  la  geometrie   de  la  regle  et  de 

l'equerre.    S«.     XIV,  366  pp.    Paris,  1890. 
Muir,  T.    The  Theory  of  Determinants  in  the  historical  Order  ofits 

Development.    Part  1.    8«.    266  pp.     London,  1890. 
Purp  er,  L.     Le  Principe  du  mouvement  et  son  application  ä  la  me- 

canique  Celeste  et  ^i  la  meteorologie.    8^.    IV,  150  pp.    Paris,  1890. 
Schorr,  Kich.     Untersuchungen  über  die  Bewegungsverhältnisse  in 

dem  dreifachen  Sternsysteme  |  Scorpii.    4^.    63  pp.     [Kiel,  Lipsius 

&  Tischer.]    München,  1890. 
Schräm,  Rbt.    Die  Beobachtungen  u.  Reductionsmethoden  des  k.  k. 

Österreich.  Gradmessungs- Bureau.     [Aus:   „Astronomische  Arbeiten 

des  k.  k.  Gradmessungs-Bureau."]    4^.    75  pp.    Mit  eingedr.  Abbild. 

Tempsky.    Wien,  1889. 
Schroeter,  H.     Grundzüge  einer  rein-georaetr.  Theorie  der  Raum- 
kurve 4.  Ordn.  1.  Species.   8".    VI,  100  p p.    Teubner.    Leipzig,  1890. 
Sinibatoff,  P.     Hypothesen  über  Bestimmung  einiger  Gegenstände 

der  Kosmographie  und  der  pliysikal.  Chemie.    8^.    Moskau,  1889. 
Stilling,  J.    Anilin-Farbstoüte  als  Antiseptica  u.  ihre  Anwendung  in 

der  Praxis.     1.  Mittheil.     8°.    25  pp.    Trübner.     Strassburg,  1890. 
Weyher,  C.  L.     Sur  les  tourbillous.    Trombes,  tempetes  et  spheres 

tournantes.    8°.     128  pp.    Paris,  1890. 

Chemie. 

Chevreul,  E     Recherches  chimiques  sur  les  corps  gras   d'origine 

animale.    40.    XXIX,  425  pp.    Paris,  1890. 
Fester,  J.     Treatise  on  the  Evaporation  of  Saccharine,  chemical  and 

other  Liquids   by  the   multiple   System  in  Vacuum  and  Open  Air. 

80.     750  pp.    With  195  Diagrams  and  49  Plates.     Sunderland,  1890. 
Pekrun,  Hs.    Ueb.  einige  Benzylderivate  d.  Piperidins,  Tetrahydro- 

chinolins  u.  Pyridins.    8".    50  pp.    [Tübingen,  Fues.]    Dresden,  1890. 
Renard,  A.    Traite  de  chimie  appliquee  k  l'industrie.    8°.     XXV, 

846  pp.     Avec  225  figures.    Paris,  1890. 
Riche,   M.   A.     Legons    de    chimie.     Tome   I.     18^.     VIII,    784  pp. 

Paris,  1890. 
Thorpe,   T.  E.     A    Dictionary    of  applied    Chemistry.     Vol.  I.    8^. 

718  pp.    London  1890. 
Twerdomsdoff,  S.     Ueber    die  Bestandtheile   des  fetten   Oels  von 

Cyperus  esculentus  und  einige  neue  Derivate  der  Myristinsäure.   8^. 

21  pp.     G.  C.  E.  Meyer  sen.  Sort.    ßraunschweig,  1890. 

Mineralogie,  Geologie  etc. 

Boulay,  M.     Flore  pliocene    des    environs   de   Theziers  (Gard),    S". 

70  pp.    Avec  7  planches     Paris,  1890. 
Galli  Valerie,  R.  B.    Materiali  per  la  fauna  dei  vertebrati  valtel- 

linesi.     160.     179  pp.     Sondrio,  1890. 


Neu  erschienene  Werke.  23o 

GoUiez,  H.,  et  M.  Lugeon.  Note  sur  quelques  Cheloniens  nouveaux 
de  la  mollasse  Langhienne  de  Lausanne.  [Aus:  „Memoires  de  la 
Soc.  paleontologique  suisse".]  40.  24  pp.  Mit  13  Lichtdr.  [Berlin, 
Friedländer  &  Sohn.]    Geneve,  1889. 

Kalb,  G.  W.  Ueb.  d.  ehem.  Zusammensetzung  und  Constitution  des 
Turmalins.    8*^.    46  pp.   Vandenhoeck  &  Ruprecht.     Göttingen,  1890. 

Naumann,  E.,  und  M.  Neumayer.  Geologie  u.  Palaeontologie  von 
Japan.  [Aus:  „Denkschriften  d.  k.  Akademie  d.  Wissenschaften."] 
40.    41  pp.    Mit  14  Textfig.  u.  5  Taf     Tempsky.    Wien,  1890. 

Niedzwiedzki,  J.  Beitrag  z.  Kenntniss  d.  Salzformation  von  Wie- 
liczka  und  Bochnia,  sowie  der  an  diese  angrenzenden  Gebirgsglieder. 
IV.  80.    p.  153—198.    Mit  1  lith.  Taf.    Minkowski.    Lemberg,  1889. 

Sammlungen  des  geologischen  Eeichsmuseums  in  Leiden.  I.  Serie. 
Bd.  IV.  Heft  7.    Beiträge  zur  Geologie  Ost-Asiens  und  Australiens. 

11.  Serie.  Bd.  I.  Heft  3.  Beiträge  zur  Geologie  von  Niederländisch 
West-Indien.    Leiden,  1890. 

V.  Sandberg  er,  F,  Uebersicht  der  Versteinerungen  der  Trias- 
Formation  ünterfrankens.  [Aus:  Verhandlungen  der  physikalisch- 
medic.  Gesellsch.  z.  Würzburg.]    8°.  46  pp.    Stahel.   Würzburg,  1890. 

Stürtz,  B.  Neuer  Beitrag  zur  Kenntniss  palaeozoischer  Seesterne. 
[Aus:  „Palaeontographica."]  40.  p.  203—247.  Mit  6  Taf.  u.  6  Bl. 
Erklärungen.     Schweizerbart.     Stuttgart,  1890. 

Yokoyama,  M.  Versteinerungen  aus  der  japanisch.  Kreide.  [Aus: 
„Palaeontographica."]  40.  p.  159  —  202.  Mit  8  Taf.  u.  8  Bl.  Er- 
klärungen.    Schweizerbart.    Stuttgart,  1890. 

Zittel,  K.  A.    Handbuch  d.  Palaeontologie.    I.  Abth.  Palaeozoologie. 

12.  Lfg.  —  II.  Abth.  Palaeophytologie.  Bearbeitet  von  A.  Schenk. 
8.  Lfg.  III.  Bd.  p.  437—632.  Mit  139  Holzschn.  u.  p.  669  —  764. 
Mit  36  Abbild.    80.     Oldenbourg.    München,  1889. 

Zoologie. 

Boveri,  Theod.  Zellen- Studien.  3.  Heft.  8°.  III,  88  pp.  Mit  3 
lith.  Taf.    Fischer.    Jena,  1890. 

Clessin,  S.  Die  Mollusken-Fauna  Mitteleuropa's.  IL  Thl.  A.  u.  d. 
T.:  Die  Mollusken -Fauna  Oesterreich- Ungarns  und  der  Schweiz. 
5.  Lfg.    80.    II  u.  p.  625—858.    Bauer  &  Raspe.     Nürnberg,   1890. 

Darwin,  C.  The  Expression  of  the  Emotions  in  Men  and  Animals. 
2e  ed.    8°    396  pp.     London,  1890. 

Dürigen,  Bruno.  Deutschlands  Amphibien  u.  Reptilien.  Creutz'sche 
Verlagsbuchhandlung  (R.  &  M.  Kretschmann).    Berlin. 

Eisler,  P.  Das  Gefäss  u.  periphere  Nervensystem  des  Gorilla.  4«. 
III,  78  pp.  Mit  9  Taf.  in  Lichtdr.  u.  9  Bl.  Erläuterungen.  Tausch 
&  Grosse.    Halle  a/S.,  1890. 

Gaule,  Jst.  Zahl  u.  Vertheilung  d,  markhaltigen  Fasern  im  Frosch- 
rückenmark. [Aus:  „Abhandlungen  d.  kgl.  sächs.  Gesellschaft  der 
Wissenschaften."]    8^-   44  pp.    Mit  10  Taf.    Hirzel.    Leipzig,  1890. 


236  Neu  erschienene  Werke. 

Grote,  A  R.  North  American  Lepidoptera.  Eevised  Check  List  of 
the  North  American  Noctuidae.  Part  1.  Thyatirinae-Noctuinae.  8o. 
VIII,  52  pp.    Kühle  &  Schlenker.     Bremen,  1890. 

Holtz,  L.  Uebev  das  Steppenhuhn,  Syrrhaptes  paradoxus  111.,  und 
dessen  zweite  Masseneinwanderung  in  Europa  im  Jahre  1888.  S" 
III.  78  pp.    FriedlUnder  &  Sohn.    Berlin,  1890. 

V.  Marenzeller,  Emil.  Ueber  die  adriastischen  Arten  der  Schmidt'- 
8chen  Gattungen  Stelletta  und  Ancorina.  [Aus:  ^Annalen  des  k.  k. 
naturhist.  Hofmuseums."]    8».  14pp.    Mit2Taf.    Holder.  Wien,  1890. 

„  „  Annulaten  des  Beringsmeeres.  [Aus:  „Annalen  des  k.  k.  na- 
turhistorischen Hofmuseums."]  8^.  8  pp.  Mit  1  lith.  Taf.  Holder* 
Wien,  1890. 

V.  Martens,  E.  Conchologische  Mittheilungen  als  Fortsetznng  der 
Novitates  concbologicae  herausgegeben.  III.  Bd.  1.  u.  2.  Heft.  S". 
p.  1—19.     Mit  6  color.  Steintaf.    Fischer.     Cassel,  1890. 

Martini  und  Chemnitz.  Systematisches  Conchylien-Cabinet.  In 
Verbindung  mit  Philippi,  L.  Pfeifler,  Dunker  etc.  neu  herausgeg. 
u.  vervollständigt  von  H.  C.  Küster,  nach  dessen  Tode  fortgesetzt 
von  W.  Kobelt.  371.  Lfg.  4».  32  pp.  Mit  6  color.  Steintaf.  Bauer 
&  Raspe.     Nürnberg,  1890. 

Michaelsen,  W.  Die  Gephyreen  von  Süd-Georgien  nach  der  Aus- 
beute der  Deutschen  Station  von  1882 — 83.  [Aus:  „Jahrbuch  der 
Hamburger  wissenschaftl.  Anstalten."]  8°.  14  pp.  Mit  1  Farbentaf. 
Gräfe.    Hamburg,  1889. 

Gates,  E.  V.  The  Fauna  of  British  India,  including  Ceylon  and  Burmah. 
Edited  by  W.  T.  Blanford  Birds.    Vol.  I.    8».    London,  1890. 

Petersen,  W.  Fauna  baltica.  Die  Schmetterlinge  der  Ostseepro- 
vinzen Russlands.  Nach  der  analytischen  Methode  bearb.  I.  Thl. 
Rhopalocera.  [Tagfalter.]  8°.  50 pp.  Mit  eingedr.  Abbildungen. 
[Berlin,  Friedländer  &  Sohn.]     Reval,  1890. 

Pleske,  T.  Ornithographia  russica.  Die  Vogelfauna  des  Russischen 
Reiches.  II.  Bd.  2.  Lfg.  4o.  p.  IX  — XVIII  u.  153  -320.  Mit  1 
Taf.  u.  1  Bl.  Erkl.     [Leipzig,  Voss'  Sort.]    St.  Petersburg,  1889. 

',  „  Resultate,  wissenschaftliche,  der  von  N.  M.  Przewalski  nach 
Central-Asien  unternommenen  Reisen.  Zoologischer  Thl.  III.  Bd. 
2.  Abth.  Fische.  Bearbeitet  von  S,  Herzenstein.  2.  Lfg.  (Russisch 
und  deutsch.)  4°.  p.  91  — 180.  Mit  5  Taf.  u.  5  Bl.  Erklärungen. 
Eggers  &  Co.  [Leipzig,  Voss'  Sort.]     St.  Petersburg,  1889. 

Roux,  W.  Die  Entwickelungsmechanik  der  Organismen,  eine  anato- 
mische Wissenschaft  der  Zukunft.  80.  26  pp.  Urban  &  Schwarzen- 
berg.    Wien,  1890. 

Schmidt,  Adf.  Alas  der  Diatomaceen -Kunde.  In  Verbindung  mit 
Gründler,  Grunow,  Janisch  u.  Witt  herausgegeben.  35. — 38.  Heft, 
Fol.    Je  4  Taf.  m.  4  Bl.  Erklär.    Reisland.    Leipzig,  1890. 

„  „  Verzeichniss  der  in  A.  S.'s  Atlas  der  Diatomaceenkunde  Heft 
1 — 36  [Serie  I— III]  abgebild.  Arten  u.  benannten  Varietäten  nebst 
den  m.  angeführt.  Synonymen.   4°.  29  pp.     Reisland.     Leipzig,  1890- 


Neu  erschienene  Werke.  237 

Tessin-Bützow,  G.  Eotatorien  der  Umg-egend  v.  Ftostock.  [Aus: 
„Archiv  der  Freunde  der  Naturgeschichte  in  Mecklenburg.")  80 
42  pp.    Mit  2  Doppeltaf.     Opitz  &  Co.     Güstrow,  1890. 

Voigt,  M.  Die  technische  Produktion  und  die  bezüglichen  römisch- 
rechtlichen  Erwerbtitel.  [Aus :  „Abhandlungen  d.  kgl,  sächs.  Ge- 
sellsch.  d.  Wissenschaften."]     S^.    42  pp.    Hirzel.    Leipzig,  1889. 

Wasmann,  E.  Vergleichende  Studien  über  Ameisengäste  und  Ter. 
mitengäste.  [Aus:  „Tijdschr.  voor  Entomologie."!  80.  p  27  —  97. 
Mit  1  lith.  Taf.  u.  1  Bl.  Erklärg.     Nijhotf.     Haag,  1890. 

Westerlund,  C.  A.  Fauna  der  in  der  paiäarctischen  Eegion  leben- 
den Binnenconchylien.  VII.  Malacozoa  acephala.  80.  319,  16  u. 
Eeg.  15  pp.     I.  Suppl.    179  pp.     Friedländer  &  Sohn.    Berlin,  1890. 


Botanik. 

Beyer,  H.  Die  spontanen  Bewegungen  d.  Staubgefässe  u.  Stempel. 
80.    56  pp.     Warnke.    Colberg,  1S89. 

Bibliotheca  botanica.    Abhandlungen  aas  dem  Gesammtgebiete 

der  Botanik.  Herausgegeben  von  F.  H.  Haenlein  u.  Chr.  Luerssen. 
17.  Heft.  2.  Hälfte.  Bestäubungseinrichtungen  bei  den  Pflanzen  von 
A.  Schulz.  18.  Heft.  Gewebeelemente  der  Farne  von  G.  Walter. 
40.    XI,  224  u.  21  pp.    3  Farbendr.-Taf.    Fischer.     Cassel,  1890. 

Bonavia,  E.  The  cultivated  Oranges  and  Lemons  of  India  and 
Ceylon.    2vols.    80.     London,  1890. 

Britz  elmuyr,  M.  Hymenoiuyceten  aus  Südbayern.  IX.  Thl.  80. 
34  pp.    Mit  64  color.  Taf.    Friedländer  &  Sohn.     Berlin,  1890. 

V.  Ettingshausen,  Ose.  u.  Fr.  Krasan.  Beiträge  z.  Erforschung 
der  atavistischen  Formen  an  lebenden  Pflanzen  und  ihrer  Bezieh- 
ungen zu  den  Arten  ihrer  Gattung.  II.  Folge.  [Aus:  Denkschriften 
der  königl.  Akademie  der  Wissenschaften.]  40.  38  pp.  Tempsky, 
Wien,  1888. 

Beiträge  zur  Erforschung  der  atavistischen  Formen  an 

lebenden  Pflanzen  und  ihrer  Beziehungen  zu  den  Arten  ihrer  Gat- 
tung. III.  Folge.  [Aus:  „Denkschriften  der  königl.  Akademie  der 
Wissensch."]  4».  22  pp.  Mit  8  Taf.  in  Naturselbstdr.  Tempsky. 
Wien,  1890. 

Haberlandt,  G,  Das  reizleitende  Gewebesystem  der  Sinnpflanze. 
8 ".     III,  87  pp.     Mit  3  lith.  Taf.    Engelmann.     Leipzig,  1890. 

Karsten,  H.  Gesammelte  Beiträge  zur  Anatomie  und  Physiologie 
der  Pflanzen.  IL  Bd.  4o.  VI,  312  pp.  Mit  Abbildung,  u.  4  Taf. 
F.-iedländer  &  Sohn.    Berlin,  1890. 

V.  Martius,  C  F.  Ph.,  A.  W.  Eichler  et  Ign.  Urban.  Flora  bra- 
silensis.  Enumeratio  plantarum  in  Brasilia  hactenus  detectarum 
quas  suis  aliorumque  botanicorum  studiis  descriptas  et  methodo 
naturali  digestas,  partim  icone  illustratfis  edd.  Fase.  107.  FoL 
172  Sp.    Mit  50  Taf.     [Leipzig,  F.  Fleischer.]    Monachii,  1890. 


238  Neu  erschienene  Werke. 

Nyman,  C.  F.  Conspectus  florae  europaeae.  Suppleinentum  II.  Pars 
I.  Additamenta.  Emendationes.  Observationes.  8°.  III,  224  pp. 
[Berlin,  Friedländer  &  Sohn.]     Oerebro,  1889. 

Schulze,  E.  und  E.  Steiger.  Untersuchungen  über  die  stickstoff- 
freien Reservestoffe  der  Samen  von  Lupinus  luteus  und  über  die 
Umwandlungen  derselben  während  des  Keimungsprocesses.  [Aus- 
„Landwirthsch.  Versuchs- Stationen."]  80.  p.  391  —  476.  Parey. 
Berlin,  1889. 

Ward,  H.  M.    Diseases  of  Plauts.    8».     196  pp.     London,  1889. 

Zahlbruckner,  A.  Prodromus  einer  Flechtenflora  Bosniens  und  der 
Hercegovina.  [Aus:  „Annalen  des  k.  k.  naturhistorischen  Hof- 
museums."]     8».    30  pp.    Holder.    Wien,  1890. 

Zimmermann,  A.  Beiträge  zur  Morphologie  und  Physiologie  der 
Pflanzenzelle.  1.  Heft.  8o.  VIII,  79  pp.  Mit  2  Doppeltaf.  in  Far- 
bendruck,   Laupp.    Tübingen,  1890. 

Zimmermann,  0.  E.  R.  Die  Bakterien  unserer  Trink-  und  Nutz- 
wässer, insbesondere  des  Wassers  der  Chemnitzer  Wasserleitung. 
I.  Reihe.  [Aus:  „Bericht  der  naturwissenschaftlichen  G-esellschaft 
zu  Chemnitz."]    80.     106  pp.    Bülz.    Chemnitz,  1890. 


Verlag  von  C.  E.  M.  Pfeffer  (R.  Stricker)  in  Halle-Saale. 

Aretaeus,  Des  Kappadocier,  auf  uns  gekommene  Schriften.  Aus  dem 
Griechischen  übersetzt  von  Prof.  Dr.  Mann.  Jt  4. — 

Bischof,  F.,  Bergrath,  Die  Steinsalzwerke  bei  Stassfurt.  2.  umge- 
arbeitete Auflage.    Mit  Abbildungen  und  1  Karte.  Ji  3.60 

Dreher,  Dr.  Eugen,  Der  Darwinismus  und  seine  Consequenzen  in 
wissenschaftlicher  und  sozialer  Beziehung.  Ji  2.25 

—  Beiträge  zu  unserer  modernen  Atom-  und  Molekular -Theorie 
auf  kritischer  Grundlage.  1.  Die  philosophische  Grundlage  der 
Chemie.  ?.  Die  Spektralanalyse.  3.  Die  Ursache  der  Phosphor- 
escenz  der  „leuchtenden  Materie"  nebst  Erörterung  der  drei 
Spektren  im  Lichte.  (Das  eigentliche  Lichtspektrum,  das 
Wärmespektrum  und  das  chemische  Spektrum).  JI  2.25 

—  Beiträge  zu  einer  exakten  Psycho -Physiologie.  1.  Ueber  das 
Wesen  der  Sinneswahrnehmungen.  2.  Die  vierte  Dimension 
des  Kaumes.  3.  Nervenfunktion  und  psychische  Thätigkeit. 
4.  Studien  am  „Lebensrad"  behufs  eines  richtigen  Verständ- 
nisses der  Sinneswahrnehmungen.  5.  Beiträge  zur  Theorie  der 
Farbenwahrnehmung.  Jt  2. — 

—  Ueber  den  Zusammenhang  der  Naturkräfte.  .//  1.20 

Drossbach,  M.,  Ueber  Kraft  und  Bewegung  im  Hinblick  auf  die  Licht- 
wellenlehre und  die  mechanische  Wärmetheorie.  JI-  2.40 

—  Ueber  die  scheinbaren  und  die  wirklichen  Ursachen  des  Ge- 
schehens in  der  Welt.  JI  1.80 

Durdik,  J.,  Leibnitz  und  Newton.  Ein  Versuch  über  die  Ursachen  der 
Welt  auf  Grundlage  der  positiven  Ergebnisse  der  Philosophie 
und   der  Naturforschung.  .//  1. — 

Giebelhausen,  San.-R.  Dr.,  Der  Berggeist.  Ernste  und  heitere  Mittheil- 
ungen aus  Manfelds  Vor-  und  Neuzeit  in  Volksmundart.     120  S. 

Ji  1,50 

—  Die  Trichinen-Gefahr.  Ein  frisches,  ehrliches  Wort  in  altmansf 
Weise.    8  S.  '      Ji  —,10 

—  Eine  mansfeldsche  Stimme.  Ji  — ,10 

Girard,  Prof.  Dr.,  Geologische  Wanderungen.  I.  Wallis,  Vivarais, 
Velay.    2.  Auflage.    Nebst  Karten,  Profilen  und  Ansichten. 

Ji  3.— 

Grouven,  Dr.,  Meteorologische  Beobachtungen  nebst  Beobachtungen 
über  die  freiwillige  Wasserverdunstung  und  über  die  Wärme 
des  Bodens  in  verschiedenen  Tiefen,  angestellt  im  Jahre  1863 
zu  Salzmünde  auf  der  Versuchs -Station  des  landwirthschaftl. 
Central- Vereins  der  Provinz  Sachsen.    Mit  4  Tafeln.     Ji  1.— 

Köhler,  Prof.  Dr.,  Die  lokale  Anaesthesirung  durch  Saponin.  Experi- 
mental.-pharmakolog.  Studien.    Mit  2  Tafeln  (in  qu.  u.  gr.  fol.) 

Ji  3.75 

—  Chemische  Untersuchung  über  die  fälschlich  Hirnfette  genannten 
Substanzen  und  ihre  Zersetzungsproducte.     Mit  Abbildungen. 

Ji  2.40 

—  Ueber  Werth  und  Bedeutung  des  sauerstoffhaltigen  Terpentin- 
öls für  die  Therapie  der  acuten  Phosphorvergiftung.  Nach 
klin.  Beobacht.  und  physiolog.-chem.  Experimenten.  Ji  1.60 


Verlag  von  C.  E.  M.  Pfeffer  (R.  Stricker)  in  Halle-Saale. 

Liederbuch  für  Berg-  und  Hüttenleute.  Herausgegeben  vom  Berg-  und 
Hüttenmännischen  Verein  zu  Berlin.    5.  Auflage,    cart.  Ji  1.20 

Luftblasen.  Von  Veratrinus  Leuchtkäfer,  der  Arziieigelahrtheit  Dactor. 
(Geh.  Rath  Dr.  Flemming.)  1.  Naturwissenschaft  vor  dem 
Richterstuhle  der  Ethik.  2.  Ideen  zur  Diagnostik  der  Charla- 
tanerie  und  Kryptiatrik.     3.  Homöopathische  Studien.     Jt  1.50 

Ochsenius,  Bergingenieur  C,  Die  Bildung  der  Steinsalzlager  und  ihrer 
Mutterlaugensalze  unter  specieller  Berücksichtigung  der  Flötze 
von  Douglashall  in  der  Egeln'schen  Mulde.  Mit  Abbildungen 
und  Karten,  Jl  6. — 

Pressense,  Edm.,  Die  Ursprünge.  Zur  Geschichte  und  Lösung  des 
Problems  der  Erkenntniss,  der  Kosmoloj^ie,  der  Anthropologie 
und  des  Ursprungs  der  Moral  und  der  Religion.  Deutsch  von 
E   Fabarius.    2.  Auflage.  Jl  4.50 

Schellwien,  Robert,  Optische  Häresien.  Jl  2.50 

—     Optische  Häresien   erste  Folge  und  das   Gesetz  der  Polarität. 

Jl  2.60 

Schröter,  Dr.,  Die   Gemüthsleiden,   ihre    rechtzeitige  Erkennung   und 

Behandlung.  Jl  2.50 

Vollert,  Bergassessor,  M.,  Der  Braunkohlenbergbau  im  Oberbergamts- 
bezirk Halle  und  in  den  angrenzenden  Staaten.  Nebst  einer 
Uebersichtskarte  von  den  Braunkohlen -Ablagerungen  im  Ober- 
bergamtsbezirk Halle.  Jl  1. — 

Waldmann,  Oberstabsarzt  Dr.,  Die  Behandlung  der  Tabes-Krankheiten, 
als  Anhalt  für  Aerzte  und  Kranke.  Jl  3. — 


Verlag  von  Friedricli  Vieweg  &  Sohn  in  ßraunscliweig". 

(Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung.) 

Soeben  erschi  en: 

Die  Geschichte  der  Physik 

in  Grundzügen  mit  synchronistischen  Tabellen  der 
Mathematik;  der  Chemie  und  beschreibenden  Naturwissen- 
schaften, sowie  der  allgemeinen  Geschichte 

von  Dr.  Ferd.  Roseuberger. 

Dritter  Theil.     Geschichte   der  Physik   in  den  letzten  hundert 
Jahren,     gr.  S.  geh. 

II.  Abtheilung.     (Schluss.)    Preis  10  Mark  40  Pf. 
(Drei  Theile  complet.    Preis  28  Mark  50  Pf.) 


'^•Y''^'VTTT''^■'i■vYTV¥''^'V■'i'¥V"-i■  Y 


Gebauer- Schwetsctke'sche  Buchdruckerei  in  Halle  (Suale). 


Seite 

III.  Allgemeine  Literatur. 

Dr.  C.  Arnold,  Repetitorium  der  Chemie 207 

Dr.  Boas,  Lehrbuch  der  Zoologie 223 

Bütschli,  Ueber  den  Bau  der  Bacterien  und  verwandter  Orga- 
nismen        213 

Dr.  Eug.  Dreher,  Der  Hypnotismus,  seine  Stellung  zum  Aber- 
glauben und  zur  Wissenschaft 199 

Prof.  Dr.  Anton  Fritsch,  Fauna  der  Gaskohle  und  Kalksteine 

der  Permformation  Böhmens 211 

Gay-Lussac,  Untersuchungen  über  das  Jod 204 

Oecon.-Rath  R.  Gothe,  Bericht  der  Königl.  Lehr-Anstalt  für 

Obst-  und  Weinbau  zu  Geisenheim  1888/89 229 

Prof.  Dr.  F.  Götte,  Entv/ickelung  des  Flussneunauges     .    .    .  215 

G.  V.  Hayek,  Handbuch  der  Zoologie 217 

J.  C.  Houzean  u.  A.  Lancaster,  Bibliographie  generale  de 

l'astronomie 213 

Hatschek,  Lehrbuch  der  Zoologie .  220 

John,  Bohrende  Seeigel 224 

Igelström,  Pyrrhoarsenit 210 

Dr.  J.  Klein,  Elemente  der  forensisch -chemischen  Analyse     .  205 

Lieben  mann,   Die  Schimmelmycosen  des  menschlichea  Ohres  226 
Ferd.  Maack,  Zur  Einführung  in  das  Studium  des  Hypnotismus 

und  thierischen  Magnetismus 199 

Prof.  Dr.  Ostwald,  Classiker  der  exacten  Wissenschaften  .    .  203 

Prof.  Ira  Remsen,  Grundzüge  der  theoretischen  Chemie  .    .    .  205 

Roscoe  u.  Schorlemmer,  Ausführliches  Lehrbuch  II.  .    .    .  206 

Carl  Schaedler,  Untersuchungen  der  Fette,  Oele  etc.     .    .    .  209 

Dr.  G.  Schneidemühl,  Thiermedicinische  Vorträge    .    .    .    .  225 
J.  G.  Voigt,  Die  Geistesthätigkeit   des  Menschen  und  dieÄne- 
chanischen    Bedingungen    der    bewussten     Empfindungs- 

äusserung  auf  Grund  einer  einheitlichen  Weltanschauung  200 
Derselbe,   Das  Empfindungsprincip   und   die   Enstehung   des 

Lebens  auf  Grund  eines  einheitlichen  Substanzbegriffs    .  200 

Neu  erschienene  Werke .  233 


^exta^  von  5fcr6inatti>  ftißc  in^tuftgorf. 

«Soeben  crfd)ien: 

S-ür 

£ün|ller,  ÜoturkunMßc,  fel)ter,  CSürtncr,  fanti-  unb 
iForHu)irtl)f,  Hcifenk,  ©eiliüdje, 

föujle 

für   ^reunöe   5er  Hatur   überijaupt 

auöcjeaibeiict  Don 

§tnft  ^itattiex. 

Wdt  Dielen  §oIäfc{)nitten  im  %txt  unb  fünf  garbentafeln. 
gr.  8.   öcl)£ft£t  10  iKurli.    €lcpnt  öcluinkn  11  illark. 


^a§  ge6einini§üoHe  Statten,  bie  ©r^aben^eit  nnb  ©cfeönöeit  ber 
^atnx  ergreifen  iebe§  empfängliche  ©emüt  unb  geroötiren  it)m  eine 
unerfc^bpftir^e  Onelle  ber  reinften  greuben.  9JHt  SfJec^t  roanbern  att= 
iäßriicf)  ^nufenbe  öon  SOf^enfc^en  6inau§  in  SBalb  unb  ©ebirge,  um 
ben  ©orgen  be§  5Itttag§Ieben§  ^u  entfliegen.  Unfer  5yerftänbni§  für 
bie  (gcftonfieiten  ber  9hitur  unb  bamit  aucö  unfer  ©enuf;  fteigern  ficft 
jeboc^  mit  ber  Bereicherung  unferer  9?aturerfenntni§.  S)a§  üorliegenbe 
SSerf  nun  foll  bem  9f?aturfreunb  al§  SSegleiter  auf  feinen  Sinkflügen 
unb  üxeifen  bienen.  SDnSfetbe  eignet  fi^  öermi^ge  feiner  nnsiebenben, 
gemeinberftänbliciien  ©c^reibroeife  unb  feiner  reiben  5lu§ftnttung  gans 
befonber^  nuc^  äu  ©efctienfen- 


für  ^otdttifev  ttitU  atte  Saenttbe  tiev  ^otuttif. 

2[Ip[iabetiid}c§  i>evunclni6  aUcr  ü)id)tttieren  (über  5000,.  ^Pflanjcn 
nebft  S3ejct)reibuna  unD  9tanten§erflärung  (gried).,  lateinifd),  beutfc^).. 

500  ^ßiien  ytavh^  iyuirfilT  ^ebnnhßxt  5  gKatrk. 
^erfag  von  T.  O.  üteigcl  IVachf.,  .^cipjig. 


Gebauer-Schwetschke'sche  ßuclidruckerei  iu  Halle  (Saale). 


Zeitsclürift 


für 


Naturwissenschaften 


Im  Äuftr-age  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  für  Sachsen 
und  Thüringen  imd  unter  Mitwirkung  von 

Geh.  Bergrath, Dunker,  Prof.  Dr.  Freih.  von  FritscL,  Prof.  Dr.  Garcke, 

Geh.  Rath   Prof.   Dr.   Knoblauch,    Geh.  Rath  Prof.  Dr.  Leuckart, 

Pi-of.  Dr.  E.  Schmidt  und  Prof.  Dr.  Zopf 

herausgegeben  von 

Dr.  O.  Lue  decke, 

Professor  an  der  Universität  Halle. 


63.    Band. 

(Fünfte   Folge.     Erster   Band.) 

Viertes  und  fünftes  Heft. 


Ausgabe  für  Vereinsmitglieder. 

--ö^    Mit    zwei    Tafeln.    Säc^ 


Halle -Saale. 

C.  E.  M.  Pfeffer  (Robert  Stricker). 
1890. 


Inhalt. 


I.  Abhandlungen.  seite 

Dr.  Leopold  Bot  tg- er.  Geschichtliche  Darstellung  unserer  Kennt- 

niss  und  Meinungen  von  den  Korallenbauten 241 

Privatdocent  Dr.  Schmidt  in  Halle,  Die  Einwirkung  des  Blitz- 
schlages auf  verschiedene  Baumarten 313 

Dr.  Wohltmanu  in  Göttingen,  Ein  Beitrag  zu  den  Muschelbei'gen, 

Sambaquis,  an  der  Ostküste  Brasiliens.    Mit  Tafel  IV  u.  V    305 

II.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

Cesaro,  üeber    das   ditetragonale  Prisma  am   Apophyllit  von 

St.  Andreasberg 327 

Prof.  Dr.  W.  Dam  es,  Anarosaurus  pumilio  nov.  gen.  nov.  spec.     327 

Friedericü,  Naturgeschichte  der  deutschen  Vögel 328 

Dr.  Koch  in  Berlin,   Geologische   Aufnahmen  im  N.  0.  Theile 

des  Blattes  Zellerfeld 321 

Prof.  Dr.  K.  A.  Lossen,  Geologische  Aufnahmen  im  Brocken- 
Massiv  und  bei  Harzburg 317 

Prof.  Picard  in   Sondershausen,    üeber   einige   seltene  Petre- 

facten  aus  dem  Muschelkalk 325 

Euss,  Das  heimische  Naturleben  im  Kreislauf  des  Jahres     .     .     329 

Leop.  Scheidt,  Vögel  unserer  Heimath 327 

Prof.   Dr.    Schreiber  in  Magdeburg,  Glacialersch einungen  in 

Magdeburg    ...    .....    326 

H.  Schucht,  Geologie  des  Ockerthals 327 

Dr.   Zimmermann,    Geologisches   vom   nördlichen    Thüringer 

Walde :  Aufnahmen  auf  Blatt  Crawinkel 323 

IIL  Aligemeine  Literatur. 

Bessel,  Untersuchungen  über  die  Länge  des  Sekundenpendels  337 
W.  Büchner,  Zwei  Materien  mit  3  Fundamentalgesetzen  .  .  346 
Dr.  E.  J.  Doliarius,  Janus,  ein  immerwährender  Datumweiser 

für  alle  Jahrhunderte 347 

Dr.  Eb.  Fraas,   Geologie  in  kurzem  Auszuge  tür  Schulen  und 

zur  Selbstbelehrung 354 

Dr.  A.  B.   Frank,    Prof.  an  der  Kgl.  Landwirthschaftl.  Hoch- 
schule, Lehrbuch  der  Pflanzenphysiologie  mit  besonderer 

Berücksichtigung  der  Culturpflanzen 357 

Gauss,  Allgemeine  Flächentheorie 338 


Geschichtliche  Darstellung 

unserer  Kenntnisse  und  Meinungen  von  den 

Korallenbauten. 

Von 

Leopold  Böttger. 


Einen  Gegenstand  der  Natur  einer  historischen  Unter- 
suchung unterwerfen,  heisst  den  Beziehungen  nachgehen, 
die  sich  zwischen  ihm  und  dem  Menschen  im  Laufe  der 
Zeiten  entwickelt  haben.  Infolge  der  doppelten  Art  unseres 
Erkennens  tritt  der  Mensch  an  einen  Gegenstand  in  zwei- 
facher Weise  heran,  indem  er  ihn  sowohl  mit  seinem  äussern 
als  auch  mit  seinem  Innern  Sinne  betrachtet.  Jener  giebt 
ihm  Aufschluss  über  das  Sein,  dieser  über  das  Werden 
des  betrachteten  Objects,  der  erstere  verschafft  ihm  seine 
Kenntnisse,  der  letztere  seine  Meinung  über  den  Gegen- 
stand. Diese  beiden  Anschauungsformen  der  Naturgegen- 
stände, die  man  die  positive  und  die  genetische  nennen 
kann,  laufen  aber  nicht  unverbunden  nebeneinander  her, 
sondern  die  eine  beeinflusst  stetig  die  andere.  Mit  wachsen- 
der Verfeinerung  der  äussern  Erfahrung  verändert  sich  der 
Zustand  der  Innern  und  dieser  wirkt  wieder  auf  die  Be- 
trachtungsweise des  äussern  Sinnes  ein.  Die  Entwicklung, 
welche  der  Zustand  der  menschlichen  Erfahrung  oder  mit 
andern  Worten  der  unseres  Selbstbewusstseins  durchläuft, 
lässt  drei  Hauptabschnitte  erkennen.  Der  ursprüngliche  Zu- 
stand des  menschlichen  Bewusstseins  ist  der,  in  welchem 
der  Mensch  sein  ganzes  Thun  von  seinem  Willen  allein 
abhängig  fühlt  und  die  ihn  umgebenden  Naturgegenstände 
mit  einem  dem  seinen  gleichen  oder   ähnlichen  Geiste  be- 

Zeitschrift  f.  ITaturwiss.  Bd.  LXIII.  1S90.  16 


242  Leopold  Böttger: 

seelt  denkt.  Diese  Art  der  Naturauffassung  ist  die  ani- 
misti sehe  genannt  worden.  So  lange  sie  herrschend  blieb, 
konnte  die  Kenntniss  von  den  Naturgegenständen  nur  eine  ganz 
oberflächliche  sein,  denn  die  nähere  Betrachtung  der  Objecte 
musste  aus  Furcht  vor  dem  in  ihnen  wohnenden  rächenden 
Geiste  verzögert  werden.  Hatte  die  reifende  Erfahrung  aber 
endlich  das  Unbegründete  der  animistischen  Naturbe- 
trachtung dargethan,  so  konnte  man  der  Natur  unbefangener 
gegenübertreten  und  die  Kenntniss  der  Objecte  musste  rasch 
gefördert  werden.  Die  Naturauffassung  wird  infolge  dessen 
jetzt  zur  theologischen,  bei  der  man  sich  an  Steile  der 
vielen  Einheiten  der  animistischen  Auffassung  eine  ein- 
zige denkt,  die  den  einzelnen  Naturgegenständen  als  Schöpfer 
gegenübertritt.  Da  sich  auch  in  dieser  Periode  die  gene- 
tische Form  der  Anschauung  von  vornherein  in  einem  festen 
Geleise  bewegt,  so  konnte  sich  auch  das  bis  jetzt  erreichte 
Maass  unserer  positiven  Erfahrungen  nur  langsam  ändern; 
denn  der  einzige  Antrieb  für  den  Menschen,  seine  Kennt- 
nisse zu  vermehren,  bildet  allein  noch  ihre  praktische  Be- 
deutung. Nur  ganz  allmählich  geht  daher  die  dritte  Art 
der  Naturauffassung  aus  ihr  hervor,  die  causale  Natur- 
betrachtung, welche  für  jeden  Gegenstand  eine  sich  bei 
allen  Objecten  nach  denselben  Gesetzen  vollziehende  Ent- 
wicklung postulirt,  die  uns  seine  Eigenschaften  und  Merk- 
male begreifen  lehrt.  In  dieser  Periode  beginnt  die  wissen- 
schaftliche Beschäftigung  mit  den  Gegenständen. 

Da  die  verschiedenen  Arten  der  Naturauffassung  zu 
gleichen  Zeiten  bei  verschiedenen  Völkern  herrschend  sein 
können,  ja  bei  einem  und  demselben  Volke  gleichzeitig 
durch  verschiedene  Individuen  vertreten  werden,  so  werden 
für  verschiedene  Objecte  die  Zeitanfänge  jener  Perioden 
auseinanderfallen.  In  der  Geschichte  der  Kenntnisse  und 
Meinungen  von  den  Korallenbauten  beginnt  die  erste  Periode 
mit  dem  Bekanntwerden  des  Menschen  mit  diesen  Bauten, 
die  zweite  Periode  muss  ihren  Anfang  mit  dem  intensiven 
Betrieb  der  Schifffahrt  genommen  haben,  die  dritte  wird 
durch  die  Beobachtungen  eingeleitet,  welche  Reinhold 
Forster  auf  seiner  Reise  um  die  Welt  in  den  Jahren 
1772  — 1775  machte. 


Geschichtliche  D.irstelluni?  etc.  von  den  Korallenbauten.       243 

I.   Die  animistische  Auffassung  der 
Kor  allenb  aut  en . 

Suchen  wir  nach  Zeugnissen  für  die  animistische  Auf- 
fassung der  Korallenbauten,  so  können  wir  solche,  da  die 
Korallenriffe  erst  später  als  eine  selbständige  Riffgruppe 
erkannt  wurden,  nur  als  Analogien  zur  Auffassung  von 
Riffen  überhaupt  finden.  Es  ist  nun  eine  bekannte  That- 
Sache,  dass  uns  die  Riffe  in  den  Mythen  der  Kulturvölker, 
welche  bis  jetzt  die  einzige  Quelle  zu  sein  scheinen,  aus 
der  man  für  den  vorliegenden  Fall  schöpfen  kann,  als  See- 
ungethüme  entgegentreten,  die,  sobald  die  Ebbe  die  Riff- 
fläche trocken  legt,  ihr  gewaltiges  Haupt  aus  dem  Meere 
zu  erheben  scheinen,  und  wenn  die  Flut  die  Wellen  an  ihre 
Ufer  treibt,  so  dass  das  Wasser  hoch  emporspritzt  und  ge- 
fährliche Wirbel  erzeugt,  ihren  gähnenden  Rachen  aufsperren 
und  alles  zu  verschlingen  drohen.  Eine  solche  Vorstellung 
musste  sich  bei  Betrachtung  eines  Korallenriffs  um  so  nach- 
drücklicher und  überzeugender  aufdrängen,  als  das  Wasser 
um  seine  Ränder  in  fast  nie  ruhender  Thätigkeit  ist  und 
seine  Nähe  für  ein  Schiff  wegen  seiner  vielzackigen,  aus 
widerstandsfähigem  Fels  bestehenden  Köpfe  sehr  gefähr- 
lich werden  kann. 

Wo  die  Riffe  in  den  Sagen  der  Natur-  oder  Kulturvölker 
mit  weiteren  Attributen  lebender  Wesen  als  die  eben  an- 
geführten ausgeschmückt  sind,  wie  das  z.  B.  beim  Lurelei- 
felsen  der  Fall  ist,  scheint  es  sicher,  dass  wir  nicht  Er- 
zeugnisse ursprünglicher,  allgemeiner  Anschauungen,  sondern 
die  dichterische  Phantasie  Einzelner  vor  uns  haben;  hat 
doch  die  dichterische  Thätigkeit  so  vielfach  an  der  Aus- 
gestaltung einfacher  Naturerscheinungen  mitgewirkt. 


II.   Geschichte  unserer  Kenntnisse 
von  den  Korallenbauten  bis  zum  Jahre  1778. 

War  endlich  bei  zunehmender  Vertrautheit  mit  der 
Schifffahrt  der  Irrthum  in  der  Auffassung  der  Riffe  berich- 
tigt, war  die  anorganische  Natur  der  Riffe  erkannt,  so 
musste  man   darauf  bedacht  sein,   sich  weitere   Kenntnisse 

16* 


244  Leopold  Böttger: 

von  ihnen  zu  verschaffen,  um  sie  eines  Teils  ihrer  Gefähr- 
lichkeit zu  entkleiden;  man  suchte  daher  ihre  Ortslage 
und  Ausdehnung  festzustellen.  Hie  und  da  wurden  jeden- 
falls auch  Untersuchungen  über  die  Tiefe  des  umgeben- 
den Wassers  angestellt.  In  vielen  Fällen,  insbesondere 
bei  den  Riffen  des  hohen  Meeres,  blieb  es  allein  bei  einer 
Ortsbestimmung,  die  bei  der  Unzuverlässigkeit  der  Instru- 
mente und  Methoden  früherer  Zeiten  auch  noch  auf  sehr 
schwankendem  Grunde  ruhte.  Sehr  viele  dieser  Beob- 
achtungen, die,  wenn  sie  mit  wissenschaftlicher  Genauigkeit 
ausgeführt  worden  wären,  ein  höchst  schätzbares  Material 
abgegeben  hätten,  sind  vollständig  unbrauchbar.  An  vielen 
Punkten,  an  denen  ältere  Karten  Riffe  aufweisen,  oder  an 
denen  früher  Seeleute  Riffe  beobachtet  zu  haben  glaubten, 
hat  man  später  keine  Spur  eines  solchen  gefunden,  und  in 
Gegenden  des  Meeres,  die  nach  den  Angaben  verschiedener 
Seefahrer  mit  einer  grösseren  Anzahl  von  Riffen  durchsetzt 
sein  mussten,  entdeckte  eine  eingehende  Untersuchung  nur 
eine  geringe  Zahl  von  Untiefen  und  Bänken.^)  Auch  die 
Ungenauigkeit  der  Einzelformen  in  den  älteren  Seekarten 
hat  diese  Anhäufung  von  Riffen  und  Inseln  mit  herbei- 
geführt. Ein  weiterer  Grund  für  das  so  oft  erfolglose 
Suchen  unserer  Vermessungsschiffe  ist  in  Luftspiegelungen 
gleich  der  fata  morgana  zu  suchen,  welche  Riffe  an  Orten 
erscheinen  lassen,  wo  in  Wirklichkeit  keine  sind.  Auch 
Täuschungen  anderer  Art  sind  mit  im  Spiel.  So  schreibt 
Corvettencapitän  Plüddemann  auf  einer  Fahrt  in  der  Süd- 
see :  „Am  28.  bei  Sonnenuntergang  trat  wiederum  die  Er- 
scheinung eines  ausgedehnten  Riffes  mit  gelblichgrünem 
Wasser  und  deutlich  zu  unterscheidenden  mehrfachen  Bran- 
dungslinien auf.  Sämmtliche  Officiere  waren  überzeugt,  dass 
es  wirklich  ein  Riff  sei.  Erst  nachdem  einige  in  Topp  ge- 
gangen waren,  erkannten  sie  die  Augentäuschung.  Solchen 
Erscheinungen  sind  vielleicht  die  mehrfach  wiederkehrenden 


1)  Anmerkung.  So  lotete  daa  englische  Vermessungsschiff 
Egeria  im  Jahre  1889  vergeblich  nach  acht  auf  den  Seekarten  des 
grossen  Oceans  eingetragenen  Untiefen.    (Annalen  der  Hydrographie. 

1889.     S.  480.) 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     245 

Meldungen  über  neu  entdeckte  Riffe,  welche  später  aber 
nicht  wieder  aufgefunden  werden  können,  zuzuschreiben. 
Ein  Kauffarteischiff  unter  Segel  wird,  sobald  es  eine  solche 
Erscheinung  bei  dem  dann  stets  schwach  wehenden  Winde 
bemerkt,  machen,  dass  es  aus  der  unheimlichen  Nähe 
kommt  und  dem  Spuk  nicht  zu  Leibe  gehen.  Solchen 
Meldungen  ist  nur  dann  Glauben  zu  schenken,  wenn  ge- 
nügend Wind  vorhanden  war,  um  keine  Stillenstreifen  auf- 
kommen zu  lassen.^) 

Da  in  früheren  Jahrhunderten  ausschliesslich  Segel- 
schiffe in  Gebrauch  waren,  so  wird  während  dieser  Zeit 
eine  Controlle  der  Erscheinungen  viel  seltener  vorgekommen 
sein  als  jetzt.  Daher  werden  auch  selten  andere  Beob- 
achtungen als  die  der  Ortslage  des  Riffes  gemacht.  Wo  es 
dennoch  geschieht,  ist  es  die  grosse  Nähe  des  Riffes  an 
der  Küste  und  seine  Lage  in  einem  vielbesuchten  Meeres- 
theil oder  ein  unfreiwilliger  Aufenthalt  auf  dem  Fels,  welcher 
zu  einer  eingehenden  Untersuchung  veranlasste.  Von  diesen 
Untersuchungen  blieben  aber  sicherlich  viele  unveröffent- 
licht, da  man  seinen  Mitbewerbern  im  Handel  nicht  die 
Wege  zu  seinen  Erfolgen  zeigen  wollte.  So  kommt  es, 
dass  wir  trotz  der  zahlreichen  und  grossen  Seefahrten, 
welche  im  15.  und  16.  Jahrhundert  unternommen  wurden, 
nicht  viel  über  unsern  Gegenstand  vernehmen.  Es  ist  das 
eine  um  so  auffälligere  Thatsache,  als  das  rothe  Meer, 
welches  schon  im  Alterthum  einen  wichtigen  Handelsweg 
bildete  und  lebhaften  Seeverkehr  erzeugte,  reichlich  mit 
Korallenbauten  ausgestattet  ist.  Aber  weder  scheint  eine 
eingehende  Beschreibung  noch  eine  genaue  Karte  dieser 
Bauten  aus  dem  Alterthum  oder  dem  Mittelalter  zu  existiren. 
Wenn  Plinius  schreibt:  „Rubrum  (seil,  mare)  enim  et  totus 
Orientis  oceanus  refertus  est  sylvis,"^)  so  erfahren  wir  nur, 
dass  die  Riffe  eine  vielzackige,  zerrissene  Oberfläche  auf- 
weisen. Erst  aus  dem  Jahre  1540  haben  wir  eine  gute 
Beschreibung  des  Fahrwassers,  der  Inseln  und  Riffe  des 
rothen  Meeres  von  DomJuande  Castro,  welcher  eineportu- 


1)  Annalen  der  Hydrographie.    B.  14.     S.  474. 

2)  Plinius,  hist.  uat.  LXXXII  c.  2. 


246  Leopold  Böttger: 


giesische  Flotte  durch  dieses  Meer  begleitete.  Da  mir  nur 
ein  Auszug  i)  seines  Werkes  zur  Verfügung  stand  und  dieser 
vielfach  so  mit  Notizen  des  Herausgebers  durchsetzt  ist, 
dass  man  nicht  unterscheiden  kann,  was  von  ihm  und 
welche  Beobachtungen  von  Dom  Juan  de  Castro  herstammen, 
so  habe  ich  nicht  viel  mehr  daraus  entnehmen  können,  als 
dass  de  Castro  die  Haupteigenthümlichkeit  der  Riffe  in 
jenem  Meerestheil,  einen  schiffbaren  Kanal  mit  dem  Land 
einzuschiiessen,  erkannte.  Die  Anwesenheit  von  Korallen 
auf  den  Riffen  fasste  er  jedoch  wohl  nur  als  eine  Begleit- 
erscheinung, aber  nicht  als  causa  efficiens  auf.  Dasselbe 
gilt  von  Pyrard,  welcher  sich  von  1601  — 1611  auf  den 
Malediven  aufhielt  und  der  der  erste  zu  sein  scheint,  welcher 
uns  näher  mit  Koralleninseln  und  Riffinseln  des  offenen 
Meeres  bekannt  macht.  2)  3)  Er  schreibt  über  das  Vorkommen 
von  Korallen:  „Man  begegnet  hier  auch  einer  Menge  von 
Zweigen  einer  grossen  Koralle,  die  aber  rauh  und  porös 
ist,"  ^)  (nämlich  im  Gegensatz  zur  Edelkoralle).     In  seinem 

1)  Histoire  generale  des  voyages.    Tome  I.     Paris  1744.    S.  199. 

2)  Histoire  generale  des  voyages.    Tome  VIII.   Paris  1750.   S.  242. 

3)  Dass  schon  vor  Pyrard  Beschreibungen  von  Atollen  nach 
Europa  gekommen  sind,  scheint  mir  aus  der  Beschreibung  der  Insel 
Utopia  gefolgert  werden  zu  können,  die  Thomas  Morus  in  seiner 
Schrift  „De  optima  statu  rei  publicae  de  que  nova  insula  Utopia, 
Löwen",  1516  giebt.  Die  Insel  Utopia  hat  nach  Morus  die  Gestalt 
eines  Mondviertels,  dessen  Hörner  ungefähr  1100  Schritte  weit  ent- 
fernt sind.  ,,Dies  ungeheure  Bassin,"  heisst  es  weiter  (Utopia  von 
Thomas  Morus,  Deutsch  von  Hermann  Kothe ,  Universalbibliothek  von 
Eeclam,  No.  513  u.  514,  S.  55)  „wird  vom  Meere  ausgefüllt;  die 
dasselbe  amphitheatralisch  begrenzenden  Länder  brechen  hier  die 
Wuth  der  Winde,  besänftigen  die  empörte  Woge  und  geben  dieser 
grossen  Wassermasse  den  Anschein  eines  ruhigen  Sees.  Dieser  aus- 
gehöhlte Theil  der  Insel  gleicht  einem  einzigen ,  äusserst  geräumigen 
und  von  allen  Seiten  zugänglichen  Hafen.  Die  Einfahrt  in  den  Meer- 
busen ist  wegen  der  Sandbänke  auf  der  einen  und  der  Klippe  auf 
der  andern  Seite  gefährlich.  In  der  Mitte  erhebt  sich  ein  Felsen, 
der  in  bedeutender  Ferne  gesehen  wird  und  deshalb  durchaus  unschäd- 
lich ist.  Andere  unter  dem  Wasser  verborgene  Felsen  legen  den 
Schiften  unvermeidliche  Schlingen.  Nur  die  Eingeborenen  kennen  die 
fahrbaren  Stellen.  —  Traditionen  zufolge,  die  übrigens  in  der  geo- 
graphischen Gestalt  des  Landes  vollkommen  Bestätigung  erhalten, 
war  dasselbe  nicht  immer  eine  Insel." 

4)  a.  a.  0. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     247 

Berichte  zeigt  er,  dass  er  alle  characteristischen  Merkmale 
der  Riffe  des  offenen  Meeres  richtig  erfasst  hat.  Er  be- 
richtet: „Sie  (die  Malediven)  sind  in  13  Provinzen  getheilt, 
welche  man  Atolle  (Atollon  im  französischen  Original)  nennt, 
welche  Theilung  das  Werk  der  Natur  ist,  denn  jedes  Atoll 
ist  vom  andern  getrennt  und  enthält  selbst  eine  Anzahl 
Inseln.  Es  ist  ein  wunderbarer  Anblick,  jedes  Atoll 
von  einer  Steinbank  umgeben  zu  sehen.  Sie  sind  beinahe 
rund  oder  von  ovaler  Figur  und  sind  von  einander  durch 
mehr  oder  weniger  breite  Kanäle  getrennt.  Das  Wasser 
innerhalb  jedes  Atolls  ist  bis  zu  20  Brassen  (48,72  m)  tief. 
Die  Oeffnungen  durch  das  Riff  sind  nicht  sehr  gross  und 
jede  ist  von  zwei  Inseln  begleitet.  ^)  Das  Wasser  läuft  in 
ihnen  sehr  schnell."  Das  Wasser  in  der  Lagune  schildert 
er  richtig  als  klar,  so  dass  man  den  sandigen  und  steinigen 
Grund  sieht.  Doch  befinden  sich  in  ihm  eine  grosse  Menge 
Untiefen,  welche  der  Schifffahrt  hinderlich  sind  und  sie  sehr 
gefährlich  machen.  Die  Tiefe  der  Kanäle  soll  nach  ihm 
so  gering  sein,  dass  man  während  der  Ebbe  von  einer 
Insel  zur  andern,  ja  von  einem  Atoll  zum  andern  gehen 
kann  und  „die  Einwohner",  fügt  Pyrard  hinzu,  „würden 
keine  Schiffe  nöthig  haben,  um  sich  zu  besuchen,  wenn  sie 
nicht  menschenfressende  Fische  und  die  spitzen,  scharfen 
schneidenden  Felsen  fürchteten."  Die  Angabe  über  die 
geringe  Tiefe  der  die  einzelnen  Inseln  eines  Atolls  schei- 
denden Kanäle  widerspricht  für  die  meisten  den  heutigen 
Zuständen.  Noch  viel  weniger  ist  die  gleiche  Angabe  für 
die  Kanäle  zwischen  den  einzelnen  Atollen  mit  unserer 
Kenntniss  von  den  Tiefenverhältnissen  im  Maledivenarchipel 
in  Einklang  zu  bringen,  da  sie  Tiefen  bis  zu  mehreren 
Hunderten  von  Metern  aufweisen.  Entspräche  Pyrards  An- 
gabe wirklich  den  damaligen  Zuständen,  so  müsste  eine 
ganz  beträchtliche  Niveauveränderung  stattgefunden  haben. 


1)  Die  letzte  Bemerkung  ist  in  dieser  allgemeinen  Fassung  ent- 
schieden nicht  richtig,  obgleich  die  erwähnte  Erscheinung  eine  weit 
verbreitete  und  sicherlich  mit  der  Entstehung  der  Riffinseln  in  Zu- 
sammenhang zu  bringen  ist.  Vergleiche  hierzu  Hoffmann,  „Wahr- 
nehmungen an  einigen  Korallenriffen  der  Südsee."  Verh.  d.  Berl. 
Ges.  f.  Erdk.  B.  IX.    1882.     S.  229. 


248  Leopold  Böttger: 


was  aber  nicht  gut  anzunehmen  ist,  da  dann  die  Inseln 
kaum  noch  über  Wasser  stehen  könnten,  denn  es  würde 
ein  Wachsthum  der  Korallenthiere  voraussetzen,  welches 
jedes  bis  jetzt  Beobachtete  weit  überträfe.  Aber  selbst  die 
Möglichkeit  eines  solchen  raschen  Wachsthums  zugegeben, 
so  würde  doch  die  Inselbildung  nicht  mit  ihm  haben  Schritt 
halten  können. 

Noch  an  einer  anderen  Stelle  macht  Pjrard  eine  mit 
den  Thatsachen  in  Widerspruch  stehende  Angabe ,  indem 
er  bemerkt,  dass  jedes  Atoll  vier  nach  den  Eichtungen  des 
Windes  angeordnete  Oeffnungen  habe. 

Zutreffend  dagegen  sind  seine  Bemerkungen  über  die 
Veränderlichkeit  der  Inseln.  „Ein  grosser  Theil  dessen, 
was  mit  dem  Namen  Insel  belegt  wird,  sind  nur  kleine 
Sandflecken,  welche  die  Strömungen  und  Hochfluthen  jeder- 
zeit benagen  und  davontragen.  Sie  stehen  zur  Fluthzeit 
theilweise  unter  Wasser  und  sind  unbewohnt."  ^) 

Diese  Mittheilungen  über  die  Beweglichkeit  der  Ko- 
rallenriffe sind  um  so  interessanter,  als  man  dieser  Er- 
scheinung erst  in  neuerer  Zeit  wieder  Aufmerksamkeit 
geschenkt  hat,  sie  gleichsam  wieder  neu  entdeckte  und 
ihren  Einfluss  auf  unsere  Anschauungen  über  die  Bildung 
der  Korallenriffe  und  -inseln  erkannte.  Pyrard  ist  übrigens 
nicht  der  erste,  der  uns  davon  Nachricht  bringt.  In  einer 
indischen  Handschrift,  deren  Entstehung  vor  das  Jahr  1500 
gesetzt  wird,  befindet  sich  eine  Stelle  von  dem  alten  Geo- 
graphen Biruni,2)  welche  denselben  Vorgang  von  den 
Inseln  der  Laccadiven  und  der  ganzen  südlich  davon  ge- 
legenen Reihe  beschreibt.  „Les  unes  viennent  de  naitre; 
elles  apparaissent  sous  la  forme  de  monceaux  de  sable,  qui 
grosissent,  s'etendent  et  s'agglomerent  en  terres  solides, 
tandisque  d'autres  s'ebranlent,  se  decomposent  et  se  fondent 
peu  ä  peu  dans  la  mer.  Quand  les  habitants  s'apercoivent 
de  l'insecurite  du  sol,  qui  les  porte,  ils  se  retirent  dans 
quelque  lle  en  voie  de  croissance,  ils  y  transportent  leurs 
eocotiers,  leur  palmier,  leurs  grains  et  leurs  ustentiles  et  j 
etablissent  leurs  demeures. 


1)  a.  a.  0. 

2)  Journal  asiatique,  Ser.  4.    Bd.  4.     S.  265. 


Geschichtliche  Darstelluti^  etc.  von  den  Korallenbauten.     249 

Elisee  Eöclusi)  will  in  diesen  Worten  allerdings  nur 
die  Ausklänge  jener  alten  Fabel  von  irrenden  Inseln  er- 
kennen, welche  durch  die  schwache  Erhebung  und  die 
Unsicherheit  in  der  Schätzung  der  Zahl  der  Inseln  ent- 
standen sein  soll,  aber  wenn  schon  der  Bericht  des  Biruni 
recht  sagenhaft  klingt,  und  sicherlich  keine  eigenen  Beob- 
achtungen ihm  zu  Grunde  liegen,  so  wird  man  in  Rück- 
sicht auf  die  über  die  Veränderlichkeit  der  Inseln  an  zahl- 
reichen anderen  Atollen  gemachten  Wahrnehmungen  immer- 
hin annehmen  dürfen,  dass  er  nicht  allein  ein  Erzeugniss 
der  Phantasie  ist,  sondern  auf  Thatsachen  ruht.^) 

So  waren  bis  zur  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  die  beiden 
Hauptformen,  in  welchen  Korallenriffe  auftreten,  beschrieben 
und  auch  die  ihnen  characteristischen  Merkmale  den  Be- 
obachtern aufgefallen  und  hervorgehoben,  nämlich  das 
beiden  gemeinsame  Merkmal  besonderer  Gefährlichkeit  für 
die  Schifi'fahrt  wegen  der  spitzzackigen,  aus  hartem  wider- 
standsfähigem Gestein  gebildeten  Ränder,  sowie  die  lineare 
Anordnung  der  einen  und  die  fast  ringförmige  der  andern 
Riffe;  aber  doch  war  es  noch  nicht  klar  zum  Bewusstsein 
gekommen,  dass  man  in  diesen  Riffen  selbständige  Riff- 
formen vor  sich  hatte,  welche  einen  ihnen  eigenthümlichen 
Weg  der  Entwickelung  zurückgelegt  hatten.  Am  ersten 
musste  diese  Erkenntniss  an  den  Atollen  gewonnen  werden, 
deren  ringförmige  Gestalt  bei  allen,  die  sie  sehen,  gerechtes 
Erstaunen  hervorruft.  Auch  Pyrard  erschienen  die  Atolle, 
wie  schon  oben  bemerkt,  als  ein  höchst  wunderbares  Werk 
der  Natur  und  bei  ihm  finden  wir  auch  den  ersten  Ver- 
such,   wenn    auch  nicht  die  characteristische  Gestalt,  aber 


1)  Elisee  Reclus.    Vol.  8.    S.  615. 

2)  Woods  Angaben,  welche  ich  hier  folgen  lasse,  sprechen  aller- 
dings für  die  Ansicht  von  Reclus.  „They  (die  Eingeborenen  der 
Laecadiven)  denied,"  schreibt  Wood,  „to  have  been  ever  remarked 
any  change  in  the  general  features  of  any  Single  islet  or  even  heard 
of  their  being  at  any  period  in  a  less  forward  stage  of  formation  that 
appear  at  present,  nor  could  I  discover  any  tradition  among  which 
would  lend  even  a  colouring  to  this  supposition  (Journal  of  Geogr. 
Soc.  London  1836).  Birunis  Bericht  bezieht  sich  jedoch  nicht  allein 
auf  die  Laecadiven,  sondern  auf  die  ganze  Atollreihe  südlich  von 
Indien. 


250  Leopold  Böttger: 


doch  die  Entstehung  der  Maledivenatolle  im  Allgemeinen 
zu  erklären.  „Es  sind  viele  Anzeigen  vorhanden,"  so 
schreibt  er,  „dass  alle  diese  Inseln  auf  einer  grossen 
Steinbank  stehen,  so  dass  man  denken  möchte,  dass  es 
eine  einzige  Insel  war,  welche  die  Gewalt  der  Fluthen  zer- 
schnitten hat."i) 

So  bedeutungslos  dieser  Erklärungsversuch  auch  er- 
scheint, so  müssen  wir  uns  doch  vergegenwärtigen,  dass 
er,  so  lange  die  Betheiligung  der  Korallen  am  Aufbau  dieser 
Riffe  noch  nicht  richtig  erkannt  war,  von  vorn  herein  ein 
unzulänglicher  sein  musste.  Auch  hat  sich  derselbe  Ge- 
danke, selbst  in  unserm  Jahrhundert,  als  man  schon  eine 
ziemlich  gute  Kenntniss  von  der  Natur  der  Korallenriffe 
hatte,  wieder  geltend  zu  machen  versucht.  2) 

Die  früheste  Bemerkung  über  das  Auftreten  der  Ko- 
rallen als  Felsmassen  findet  sich  bei  Linschoten^)  in  dem 
Jahre  1638.  Ehrenberg ^)  theilt  uns  mit,  dass  Linschoten 
die  Bassas  de  India  zum  grössten  Theil  aus  „pierre  de 
coraii"  zusammengesetzt  hält  und  auch  Korallenfels  von 
der  Küste  von  Madagaskar  erwähnt.  Ehrenberg  bemerkt 
hierzu,  dass  aus  der  einfachen  Form,  in  welcher  diese 
Mittheilung  geschieht,  fast  hervorgehe,  dass  schon  in  der 
Mitte  des  16.  Jahrhunderts  der  Name  Korallenfelsen  für 
Klippen  des  Südmeeres  bei  den  Schiffern  in  gewöhnlichem 
Gebrauch  gewesen  ist,  obschon  er  selbst  keinen  weiteren 
Beleg  dafür  zu  geben  vermöge.  Der  Umstand,  dass  Pyrard, 
wie  oben  gezeigt,  über  die  Anwesenheit  von  Korallen  nur 
ganz  obenhin  eine  Bemerkung  macht,  ohne  von  Korallen- 
fels zu  reden,  scheint  dieser  Annahme  nicht  günstig  zu 
sein.  In  die  Gelehrtenwelt  ist  der  Ausdruck  Korallenfels 
sicherlich  erst  viel  später  gedrungen,  denn  la  Croix  kennt 
ihn  in  seiner  Geographia  universalis  aus  dem  Jahre  1677 
noch  nicht.     Im  andern  Falle  würden  sich  wohl  auch  aus 


1)  Higtoire  generale  des  voyages.    T.  VIII.    S.  242. 
2^  Wilkes   in   Narrative    of  the    U.    St.   Exploring   Expedition. 
B.  4.    S.  268. 

3)  Hiatoire  de  la  vavigation  de  Linschot.    1638. 

4)  Abhandl.   der   Acad.  d.  Wissensch.    z.  Berlin  1832.     Theil  I. 
Gedruckt  1834.    S.  394. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von   den  Kovallenb.auten.     251 

dem  17.  Jahrhundert  noch  andere  Zeugnisse  beibringen 
lassen,  aber  die  nächste  Bemerkung  zu  diesem  Gegenstand 
findet  sich,  soviel  bis  jetzt  bekannt,  erst  im  Jahre  1702. 
Allerdings  tritt  die  Erkeuntniss  von  der  selbstthätigen  Bildung 
von  Fels  von  Seiten  der  Korallenthiere  dann  auch  viel  be- 
stimmter und  klarer  auf.  Strachan  sagt  nämlich:  „Es 
wachsen  zwischen  den  Korallenthieren  immer  neue  auf,  bis 
dass  es  an  Dicke  einem  Felsen  gleicht."  i) 

Das  späte  Erkennen  der  felsbildenden  Thätigkeit  der 
Korallenthiere,  insbesondere  das  so  späte  Eindringen  dieser 
Erkenntniss  in  die  wissenschaftlich  gebildeten  Kreise  er- 
erklärt sich  leicht  daraus,  dass  man  bis  zum  Anfang  des 
18.  Jahrhunderts  die  Korallenthiere  für  pflanzliche  Gebilde 
hielt.  Man  kannte  damals  noch  kein  Beispiel  dafür,  dass 
sich  Pflanzen  am  Aufbau  der  Erdoberfläche  betheiligen 
und  von  den  Korallen  konnte  man  dies  um  so  weniger 
annehmen,  als  die  weitverbreitete  und  schon  von  den  Alten 
vertretene  Anschauung  herrschte,  dass  die  Koralle  erst 
ausserhalb  des  Wassers  ihre  steinharte  Beschaffenheit  an- 
nimmt, eine  Anschauung,  deren  Grundlosigkeit  darzuthun, 
Ehrenberg  2)  noch  im  Jahre  1832  für  nothwendig  hielt. 
Was  für  einen  Eindruck  der  Anblick  der  die  Kiffe  bildenden 
Korallen  auf  den  Beschauer  damals  machte,  das  geht  recht 
deutlich  aus  den  schon  oft  angeführten  s)  Worten  hervor, 
die  Thomas  Shaw,  welcher  im  Jahre  1821  die  Halbinsel 
Sinai  besuchte,  dem  Riffbilde  widmet.  Er  bemerkt,^)  „das, 
was  der  Botanik  an  den  Küsten  Arabiens  an  den  Klassen 
der  Landpflanzen  mangelt,  ist  reichlich  durch  Seepflanzen 
ersetzt,  indem  es  vielleicht  keinen  Ort  der  Erde  weiter 
giebt,  der  so  reichliche  Mengen  davon  enthält,  als  der  Hafen 
von  Tor,"  und  er  beschreibt  dann  die  Korallen  als  Bäume, 
Sträucher  und  Seepilze  mit  Wurzeln  und  Blättern.  Erst 
nachdem  Peysonnel  im  Jahre  1727  und  nach  ihm  mit  mehr 


1)  Strachan ,   in    Philosophical    Tranaactiona.     Vol.    23.      1702. 
S.  3248.    S.  auch  Ehrenberg  a.  a.  0. 

2)  Abh.  d.  Akad.  a.  a.  0. 

3)  a.  a.  0.  S.  381,  auch  Ritter,  Erdkunde  B.  16.     S.  466. 

4)  Shaw,  Voyage,  Traduction  frangaise.    T.  II.  p.  85. 


252  Leopold  Böttger 


Erfolg  Jussieu  (1741),  Guettardi)  (1742)  und  Dorati  (1753)2) 
festgestellt  hatten,  dass  die  Korallen  dem  Thierreiche  zu- 
zuweisen sind, 3)  waren  alle  Hindernisse  beseitigt,  welche 
die  Vertreter  der  selbstthätigen  Felsbildung  der  Korallen 
fanden.  Rasch  gewannen  dann  auch  ihre  Ansichten  von 
der  Rififbildung  Boden,  wie  aus  den  Berichten  von  Peter 
Forskai, ^)  welcher  im  Jahre  1742  mit  Niebuhr  das  rothe 
Meer  als  Zoologe  und  Botaniker  besuchte,  hervorgeht. 

War  der  Gedanke  von  der  Felsbildung  der  Korallen 
einmal  in  seiner  ganzen  Tragweite  erfasst,  so  musste  man 
die  Riffe  mit  ganz  andern  Augen  ansehen,  und  ihre  Be- 
trachtung musste  eine  grosse  Anzahl  Fragen  hervorlocken, 
die  vorher  unmöglich  gewesen  waren,  besonders  Fragen 
über  die  Wachsthumsverhältnisse  der  Thiere,  über  die  Art 
ihrer  Vermehrung,  über  das  Wachsthum  der  Riffe  selbst, 
über  ihre  Mächtigkeit  und  ihre  Verbreitung.  Einige  dieser 
Fragen  sucht  denn  auch  Forskai  zu  beantworten.  So 
schreibt  er  über  die  Grösse  der  Korallenstöcke:  ,,üsque  ad 
decem  Orgyas  vidi  haec  saxa  surgentia".^)  An  einer  andern 
Stelle  heisst  es:  „Montes  coralliferi  ab  urbe  Tor  usque  ad 
Ghonfadam  ripas  muniunt  sub  marinas  densissime,  post 
hanc  urbem  versus  meridiem  rariores  evadunt  (an  desinant 
plane,  nescio),  ita  ut  nautae  quandumvis  timidi  et  inexperti 
jam  securis  navigent  velis  nocturno  quoque  tempore. 
Suensia  littora  nesciunt  corallia^'.  In  diesen  Worten  schil- 
dert er,  wie  schon  Ehrenberg  hervorhebt,^)  die  allgemeine 
Verbreitung  und  die  Erscheinung  der  Korallenriffe  im  rothen 
Meere  in  völlig  zutreffender  Weise. 


1)  Die  ersten  Andeutungen  der  Thiernatur  der  Korallen  (Polypen) 
fallen  übrigens  in  eine  weit  frühere  Zeit.  Vergl.  Rondelet:  Univeraal 
aquat.  historiae  pars  altera.  1555.  S.  133.  Conr.  Gesner,  (Historia 
animalium.  Lib.  IV.  1558.  S.  438,  818,  1066.)  Imperato,  Historia 
naturale  de  ferrante  imperato  napolitano.     1590.     S.  117. 

2)  Leuckart,  „Die  Zoophyten,"  im  Archiv  für  Naturgeschichte  1875. 

3)  Donati,  Della  storia  naturale  mari  dell.  Adriatico.    Venez.  1753. 

4)  Peter  Forskal.    Descriptio  animalium.    1775.    S.  132. 

5)  a.  a.  0.  p.  XXIX. 

6)  Abh.  der  Academie  der  Wissensch.  zu  Berlin  1832.  Gedruckt 
1834.    T.  I.    S.  402. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  dei*  Korallenbauten.  253 

Eingehendere  Studien  über  die  Riffbildung  konnte  man 
jedoch  auch  jetzt  noch  nicht  erwarten,  wo  der  Gedanke 
der  Thiernatur  der  Korallen  den  forschenden  Geist  auf  die 
Thierform  hinwies,  auf  die  Form,  die  ihn  so  sehr  ans 
Pflanzenreich  erinnerte  und  die  er  doch  als  Thier  denken 
sollte.  Ein  tieferes  Verständniss  der  Gestaltsverhältnisse 
der  Riffe  hätte  auch  nur  auf  Grund  der  biologischen  Eigen- 
thümlichkeiten  der  Korallenthiere  gewonnen  werden  können, 
sowie  mit  Zuhilfenahme  geologischer  und  maritimer  Studien, 
welche  fast  alle  gänzlich  ausserhalb  der  Forschungsrichtung 
dieser  Zeit  lagen.  Daher  bringen  uns  auch  die  grossen 
Weltumsegelungen  der  damaligen  Zeit,  die  von  Byron, 
Wallis  undBougainville  wenig  mehr  von  den  vielen  Riffen 
des  indischen  und  grossen  Oceans  als  Allgemeines  über 
ihre  Erscheinung  und  Verbreitung.  Freilich  ein  so  ein- 
seitiges Interesse  wie  in  dem  vorhergegangenen  Zeitalter 
bringt  man  den  Riffen  nicht  mehr  entgegen,  musste  doch 
die  Ringform  der  Atolle  jetzt  um  Vieles  mehr  an  Be- 
wunderung gewinnen,  insbesondere  da  es  nicht  mehr  Aben- 
teurer waren,  wie  so  vielfach  im  16.  und  17.  Jahrhundert, 
die  an  der  Spitze  der  Entdeckungsexpeditionen  standen, 
sondern  hochgebildete  Männer.  So  offen  die  Augen  aber 
auch  den  Erscheinungen  auf  dem  Riffe  folgten,  sö  konnten 
sie  doch  nicht  das  finden,  was  nur  ein  längerer  Aufenthalt  auf 
ihnen  zu  erschliessen  vermag.  Die  Flüchtigkeit,  mit  welcher 
alles  an  ihnen  vorüberzog,  die  grosse  Mannigfaltigkeit  der 
Eindrücke ,  welche  eine  Erforschungsreise  durch  weite 
Strecken  der  Erdoberfläche  mit  sich  bringt,  alles  das  war 
mehr  einer  Stoffsammlung,  als  Verarbeitung  günstig  und 
musste  die  Blicke  mehr  auf  das  Allgemeine,  als  auf  das 
Specielle  lenken. 

Wir  vernehmen  daher  jetzt  nur,  dass  das,  was  Pyrard 
von  den  Malediven  berichtet,  die  Charactere  einer  weit- 
verbreiteten Inselgattung  sind,  die  ihre  Vertreter  fast  in 
allen  heissen  Gegenden  findet,  ferner  dass  eines  ihrer 
Hauptmerkmale  in  ihrer  Niedrigkeit  und  geringen  Aus- 
dehnung besteht,  dass  fast  alle  Riffe  beinahe  senkrecht  wie 
eine  Mauer  aus  einer  unergründlichen  Tiefe  aufsteigen, 
bei  Fluth  in  geringer  Tiefe  unter  dem  Spiegel  des  Wassers 


254  Leopold  Bött^er: 

liegen,  bei  Ebbe  aber  eine  breite,  trockene  Fläche  dar- 
stellen. 

Nirgends  jedoch  begegnet  man  in  dieser  Zeit  einem 
Versuch,  die  Form  der  Riffe  zu  erklären.  Der  erste  nach 
Pyrard,  der  uns  mit  einem  solchen  bekannt  macht,  ist 
Reinhold  Forster,  i)  der  wissenschaftliche  Begleiter  Cooks 
auf  seiner  zweiten  Reise  um  die  Welt  in  den  Jahren 
1772—1775.  Forster  ist  auch  der  erste,  welcher  die  Korallen- 
bauten systematisch  untersucht  und  einer  wissenschaftlichen 
Betrachtung  unterwirft.  2) 

Damit  führt  uns  Forster  in  die  dritte  Periode  der  Ge- 
schichte unserer  Kenntnisse  von   den  Korallenbauten   ein. 


III.   GescMctite  unserer  Kenntnisse 

von  den  Korallenbauten  vom  Jahre  1778  bis  zum 

Jahre  1837. 

Im  Jähe  1778  erschienen  Forsters  Observations  made 
duringavoyage  round  the  world,  worin  der  berühmte  Reisende 
seine  Ansichten  über   die  Korallenbauten  niedergelegt  hat. 

Forster  spricht  zum  ersten  Male  klar  und  deutlich  aus, 
dass  die  Korallenbauten  auf  die  heisse  Zone  beschränkt 
sind  und  fasst  jene  Grenzen  als  die  ihrer  Lebensbedingungen 
auf. 3)  Was  er  über  die  äussere  Erscheinung  der  Korallen- 
inseln mittheilt,  enthält  nichts  Neues,  um  so  bemerkens- 
werther  aber  sind  seine  Bemerkungen  über  die  Entstehung 
der  Riffe  und  Riffinseln.  „Das  Riff,"  schreibt  er,^)  „wird 
von  den  Lithophytenwürmern  bis  auf  eine  geringe  Distanz 
von  der  Oberfläche  des  Meeres  auferbaut.  Die  Wellen 
des  Meeres  spülen  nach  und  nach  allerhand  Muscheln,  Tang, 


1)  Johann  Reinhold  Forsters  „Observations  made  during  a 
voyage  round  the  world"  erschienen  als  der  dritte  Band  zu  Cooks 
zweiter  Eeise.  Von  seinem  Sohne  Georg  Forster  wurde  das  Werk 
deutsch  herausgegeben  unter  dem  Titel:  „Johann  Reinhold  Forsters 
Bemerkungen  auf  seiner  Reise  um  die  Welt.    1783. 

2)  Forsters  Beobachtungen  an  Korallenriffen  sind  zusammen- 
gestellt und  richtig  gewürdigt  von  Rittau  in  Joh.  Eittau:  Joh.  Forsters 
Bemerkungen  auf  seiner  Reise  um  die  Welt.  Programm  des  Gym- 
nasiums zu  Hanau  1881. 

3)  Rittau,  a.  a.  0.    S.  6. 

4)  Joh.  R.  Forsters  Bemerkungen  auf  seiner  Reise  um  die  Welt. 
Herausgegeben  von  G.  Förster.    S.  127. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbaiiten.        255 

Korallenstticke,  Sand  und  dergleichen  auf  diese  neu  erbaute 
Mauer,  welche,  durch  alle  diese  Zusätze  erhöht,  zuletzt 
aus  dem  Wasser  hervorsteigt.  Noch  fährt  die  See  fort, 
neue  feste  Theilchen  aufzuwerfen  und  führt,  wenn  es  nicht 
ein  Vogel  thut,  die  Samen  der  Strandkräuter  dahin.  Das 
Wachsthum,  die  Fortpflanzung,  das  Absterben  dieser  orga- 
nischen Körper  giebt  endlich  einen  Vorrath  von  Pflanzen- 
erde, und  nun  fehlt  es  nur  noch  an  einem  glücklichen 
Zufall,  der  eine  Kokosnuss  herschwemmt,  welche  bekannt- 
lich ihre  vegetirende  Kraft  sehr  lange  behält  und  in  jeder 
Art  des  Bodens  Wurzel  schlägt.  Auf  diese  Art  können 
wir  uns  die  alimähliche  Entwicklung  der  schönsten  Palmen- 
wälder auf  allen  niedrigen  Eilanden  denken. "  Alle  neueren 
Beobachtungen  haben  diese  Darstellung  nur  ergänzen  können. 

Die  Form  der  Atolle,  die  Forster  zirkeiförmig  nennt, 
erklärt  er  in  folgenden  Worten.^)  „Die  Würmer,  welche 
das  Kiff  erbauen,  scheinen  den  Trieb  zu  haben,  ihre  Be- 
hausung vor  der  Macht  des  Windes  und  des  ungestümen 
Meeres  zu  sichern.  Daher  legen  sie  ihre  Korallenfelsen 
in  heisse  Erdstriche,  wo  der  Wind  mehrentheils  immer  aus 
derselben  Gegend  weht,  dergestalt  an,  dass  sie  gleichsam 
eine  kreisförmige  Mauer  bilden  und  einen  See  vom  übrigen 
Meere  absondern,  wo  keine  häufige  Bewegung  stattfindet 
und  der  polypenartige  Wurm  eine  ruhige  Wohnung  erhält." 
Dabei  war  Forster  der  Ansicht,  dass  die  Korallen  vom 
Boden  des  Meeres  aus  bauten.  Dies  zusammen  mit  dem 
den  Korallen  in  den  oben  angeführten  Worten  beigelegten 
Streben  nach  einem  vertikalen  Wachsthum  erklärte  ihm 
den  steilen  Absturz  der  ßiffe ;  denn  dann  werden  die  Inseln 
„gleichsam  auf  einem  Stile  stehen".'-^)  Forster  ist  auch  der 
erste,  welcher  die  Hebung  eines  Landes  nach  der  Höhe  der 
Korallen -Inseln  und  -Riffe  bestimmt 3) 

Alle  Beobachtungen  Forsters  haben  sich  als  zutreffend 
erwiesen,  aber  was  der  geistreiche  Mann  über  die  Atoll- 
bildung sagt,  hat  man  nicht  anerkennen  können.     „Es  ist 


1)  Forster  a.  a.  0.  S.  128. 

2)  Forster  a.  a.  0.  S.  125. 
3j  Eittau  a.  a.  0.  S.  33. 


256  Leopold  Böttger: 


eine  unhaltbare  Meinung,"  sagt  Du  Bois  Reymond,  i)  „weil 
erfahrungsmässig  diese  Thiere  nicht  in  grossen  Tiefen 
leben,  weil  es  naturwidrig  wäre,  dass  eine  grosse  Anzahl 
verschiedener  Gattungen,  wie  sie  in  den  Korallenbauten 
vorkommen,  zu  gemeinsamen  Zwecke  sich  verbinden,  weil 
gerade  in  der  Lagune  die  Korallenthiere  nicht  gedeihen, 
endlich  weil  bei  dieser  Erklärung  die  Beschränkung  der 
Atolle  auf  gewisse  Regionen  unbegreiflich  bliebe."  Der 
letzte  Einwurf  ist  in  so  fern  nicht  ganz  gerechtfertigt  als 
Forster  die  Koralleninseln  als  „unter  "Wasser  liegende  Ge- 
birgsketten, deren  Gipfel  hervorragen,"  2)  auffasste,  ihre 
Lage  demnach  für  ursprünglich,  aber  nicht  von  den  Lebens- 
bedingungen, der  Thiere  abhängig  hielt.  Auf  den  Wider- 
spruch, in  dem  sich  Forster  hierzu  mit  seiner  Ansicht,  dass 
die  Korallenthiere  vom  Grunde  des  Meeres  aufbauen,  be- 
findet, machen  schon  Quoy  und  Gaimard  aufmerksam. s) 

Was  wir  von  Forster  über  die  Korallenbauten  erfahren, 
sind  im  Wesentlichen  die  Hauptzüge  ihrer  äusseren  Er- 
scheinung und  ihrer  Bildung,  ist  das,  was  sich  einem 
klaren,  mit  wissenschaftlichem  Geiste  forschenden  Auge  bei 
einer  Reise,  wie  sie  Forster  unternahm  und  bei  den  ge- 
ringen Hilfsmitteln,  die  ihm  zu  Gebote  standen,  aufdrängen 
musste.  Das  weite  Feld  der  Hydrographie,  das  Wissen- 
schaftsgebiet, aus  dem  wir  heutzutage  soviel  zur  Beurtheilung 
unseres  Gegenstandes  schöpfen,  war  damals  so  gut  wie 
gar  nicht  angebaut.  So  hatte  Forster  zum  Beispiel  noch 
ganz  unvollkommene  Kenntnisse  der  Tiefseetemperaturen. 
Aus  wenigen  höchst  unzulänglichen  Versuchen  schloss  er, 
dass  in  den  Tropen  zwar  die  Temperatur  des  Wassers  in 
der  Tiefe  kühler  sei,  als  an  der  Oberfläche,  in  den  höhern 
Breiten  aber  theils^  wärmere  Schichten  mit  kälteren  wech- 
selten, theils  die  Wasserwärme  constant  bliebe.'*) 

Der  nächste  nach  Forster,  der  unsere  Kenntnisse 
über  die  Koralleninseln   und  ihre   Bildung    bereichert,    ist 


1)  Sitzungsberichte  der  königl.  Acad.  d.  Wias.  zu  Berlin.    1889. 
S.  688. 

2)  Forster  a.  a.  0.  S.  21. 

3)  Annales  des  sciences  naturelles.    T.  VI.    1825.    S.  286. 

4)  Forster  a.  a.  0.  S.  52. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.        257 

James  Cook,i)  der  grosse  Seefahrer.  Von  ihm  erfahren 
wir,  dass  in  der  Gelehrtenwelt  der  damaligen  Zeit  die  An- 
sichten über  die  Herkunft  der  Koralleninseln  sehr  ausein- 
andergingen. In  der  Beschreibung  seiner  dritten  Reise, 
welche  aus  seinen  Tagebüchern  zusammengestellt  ist  und  im 
Jahre  1785  erschien,  schreibt  er:  „Die  Gelehrten,  welche 
die  Bildung  der  verschiedenen  Weltgegenden  zu  erklären 
suchen,  sind  über  den  Ursprung  der  niedrigen  Inseln  nicht 
einig.  Die  einen  meinen,  dass  sie  einst  vereinigt  gewesen 
seien  und  ein  höher  gelegenes  Land  ausgemacht  haben, 
welches  in  Folge  von  Erdrevolutionen  theilweise  vom  Meere 
verschlungen  worden  sei  und  dessen  höhere  Theile,  welche 
sich  noch  aus  dem  Wasser  erheben,  ebenfalls  eines  Tages 
verschwinden  würden.  Andere  Gelehrte  sind  der  Meinung, 
dass  sie  durch  Erderschütterungen  hervorgebracht  worden 
und  Wirkungen  von  Innern  Convulsionen  des  Erdballs  seien. 
Eine  dritte  Ansicht,  welche  mir  die  wahrscheinlichste  ist, 
sieht  in  ihnen  Untiefen  oder  Korallenbänke  (des  bas  fonds 
ou  des  bancs  de  corail),  welche  allmählich  wachsen."  2) 
Cook  hält  dann  den  beiden  ersten  Hypothesen  entgegen, 
dass  die  niedrigen  Inseln  nur  eine  dünne  Schicht  Acker- 
krume aufweisen,  was  ein  Beweis  ihres  geringen  Alters  sei 
und  woraus  gefolgert  werden  müsse,  dass  sie  nicht  die  Reste 
einer  grösseren  Insel  sein  könnten.  Beide  Annahmen  ver- 
langten auch  grosse  Landflächen  und  zwar  aus  primitiven 
Gesteinen,  während  die  Inseln  doch  alle  sehr  klein  wären 
und  aus  Sedimentgesteinen  beständen. 

Wenn  Cook  die  niedrigen  Inseln  für  Korallenbänke  hält, 
die  nur  durch  ein  allmähliches  Wachsthum  die  Oberfläche 
des  Wassers  erreichen,  so  schliesst  er  sich  Forster  an,  so- 
weit er  sie  aber  aus  Untiefen  —  des  bas  fonds,  worunter 
er  wahrscheinlich  Sandbänke  meint,  die  durch  Anschwemmung 
dem  Meere  entsteigen  —  entstehen  lässt,  vertritt  er  eine 
selbständige  Ansicht.  3)  Ueber  die  Bildung  der  Insel  auf 
dem  Riff  spricht  sich  Cook  nirgends  näher  aus.     Jedenfalls 

1)  Cook,  Troisieme  voyage  de  Cook.  Traduits  de  l'anglais. 
1785.    Bd.  I.  S.  277.    Das  englische  Original  erschien  1784. 

2)  Cook  a.  a.  0. 

3)  Eine  ähnliche  Meinung  hatte  schon  Dalrymple  im  Jahre  1769 
ausgesprochen,  welcher  sich  die  Korallen  auf  dem  Grunde  des  Meeres 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  17 


258  Le  opold  Böttger: 

hielt  er  es  für  eine  selbstverständliche  Sache,  dass  sie  An- 
häufungen der  von  der  Gewalt  der  Wellen  losgebrochenen 
Eifftrümmer  waren.  Dies  darf  man  aus  seinen  Bemerkungen 
über  das  Wachsthum  der  Inseln  schliessen,  über  das  er  sich 
ziemlich  eingehend  verbreitet. 

Ein  Beweis  dafür,  dass  ein  Breitenwachsthum  der  Inseln 
stattfindet,  ist  ihm  die  Anwesenheit  grosser  aufrechtstehender 
Blöcke  von  Korallenfels  jenseits  des  Fluthbereiches  in  der 
Mitte  der  Insel,  welche  dasselbe  durchlöcherte  Aussehen 
haben,  wie  die  Felsen,  die  jetzt  den  Aussenrand  des  Riffes 
zusammensetzen.  Es  müssen  die  Wogen  früher  diese  Blöcke 
bespült  haben,  folgert  Cook.  Ein  zweiter  Beweis  ist 
ihm  die  allmähliche  Stufenfolge  in  der  Entfaltung  der 
Inselvegetation,  denn  dieselben  Pflanzen,  die  in  der  Mitte 
der  Insel  in  voller  Entfaltung  standen,  sah  er  —  besonders 
deutlich  ausgeprägt  war  diese  Erscheinung  auf  der  Insel 
Palmerston,  nordwestlich  von  der  Herveygruppe  ^)  —  mit 
Annäherung  an  den  Inselrand  in  immer  jugendlicherem 
Zustand  und  zuletzt  nur  als  Keime.  Das  Wachsthum  der 
Insel  denkt  sich  Cook  in  der  Weise,  dass  der  bei  Sturm 
aufgeworfene  Sand  einen  Wall  errichtet,  welcher  von  den 
gewöhnlichen  Fluthen  nicht  erreicht  wird.  Die  auf  ihn 
geworfenen  Pflanzenkeime  schlagen  in  ihm  Wurzel  und  be- 
festigen und  erhöhen  dadurch  den  Boden  soweit,  dass  er 
selbst  von  den  nachfolgenden  Sturmfluthen  nicht  mehr 
getrolfen  wird,  diese  vielmehr  einen  neuen  Wall  vor  ihm 
aufwerfen,  die  Insel  also  wiederum  erweitern.  Unterstützt 
wird  dieser  Vorgang  durch  das  Wachsthum  des  Riffes, 
wodurch  fortwährend  ein  neuer  Untergrund  für  den  Aufbau 
der  Insel  geschaffen  wird.  „Es  scheint  mir,"  schreibt  Cook, 
,,dass  das  Riff  und  die  Korallenbank  sich  von  Tag  zu  Tag 
ausdehnen.  In  dem  Masse,  als  sich  die  Breite  und  Höhe 
des  Riffes  vermehren,    ziehen  sich   die  Wellen  zurück  und 


bilden  lässt,  von  dem  sie  durch  Strömungen  und  Stürme  losgerissen 
und  auf  Untiefen  aufgehäuft  werden.  (Dalrymple,  historical  collection 
voyage  pacif.  Vol.  I.  S.  22.) 

1)  Hier  machte  auch  Anderson,  der  Schiffsarzt  auf  Coolis  dritter 
Reise,  ähnliche  Beobachtungen  (Troisieme  voyage  de  Cook.  Paris  1785. 
Tome  I.  S.  279,  Anmerkung.) 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.       259 

lassen  einen  trocknen  Felsen  hinter  sich,  der  bereit  ist, 
Stücke  zerbrochener  Felsen  zu  empfangen.  ^) 

In  conseqnenter  Verfolgung-  der  angeführten  Gedanken 
bringt  Cook  auch  die  niedrigen  Inseln  ohne  Lagune  mit 
den  übrigen  Koralleninseln  in  Zusammenhang.  „Man  kann 
nicht  zweifeln",  schreibt  er,  „dass  das  ganze  Riff  mit  der 
Zeit  eine  einzige  Insel  wird.  Dies  wird  geschehen  infolge 
des  Wachsthums  schon  gebildeter  und  der  Bildung  neuer 
Inseln  auf  dem  Korallenboden,  welchem  man  in  der  Lagune 
begegnet."  2)3) 

Es  muss  zugegeben  werden,  dass  Cooks  Ansichten  über 
das  Wachsthum  der  Korallenriffe  richtig  sind,  aber  die 
Gründe,  mit  denen  er  sie  stützt,  können  nicht  unbediugt 
anerkannt  werden.  Das  Vorhandensein  von  Steinen  auf 
der  Insel,  welche  die  Spuren  der  Thätigkeit  des  Wassers 
tragen,  kann  aus  verschiedenen  Ursachen  abgeleitet  werden; 
denn  einmal  können  sie,  und  dies  nehmen  beute  die  meisten 
an,  Bruchstücke  vom  Rande  des  Riffes  sein,  welche  Sturm- 
fluthen  oder  Erdbebenwellen  bis  auf  die  Insel  getragen  haben, 
und  dann  können  sie  auch  Bruchstücke  des  Inselsteins  selbst 
sein  und  ihr  löcherichtes  Aussehen  vom  Süsswasser  erhalten 
haben.  Der  zweite  Grund,  welcher  aus  der  stufenweisen 
Entwicklung  der  Vegetation  vom  Inselrand  bis  zur  Grenze 
des  Baumwuchses  (gradation,  qui  commence  a  quelques 
pouces  de  la  marque  de  la  maree  haute,  et  qui  va  jusqu' 
au  bord  des  arbres^)  genommen  ist,  ist  ebenfalls  nicht  ein- 
wandfrei; denn  nach  unsern  bisherigen  Erfahrungen  geht 
das  Wachsthum  einer  Insel  so  unmerklich  langsam  vor  sich, 
dass  man  wohl  annehmen  darf,  die  auf  einem  landfest 
gewordenen  Inseltheil  wachsenden  Pflanzen  werden  sich 
längst  voll  entfaltet  haben,  ehe  ein  beträchtliches  Stück 
neuen  Landes  entstanden  ist.  Die  Unterschiede  in  der  Ent- 
faltung der  Pflanzen  können  also  nicht,  wenigstens  nicht  un- 


1)  Cook  a.  a.  0.  S.  280. 

2)  Cook  a.  a.  0.  S.  280. 

3)  Durch  die  neuesten  Untersuchungen  Guppys  am  Keeling- 
atoll  ist  diese  Meinung  bestätigt  worden.  (Guppy  in  Scot.  Geogr.  Mag. 
The  KeelingatoU.     1889.    Bd.  VI.) 

4)  Cook  a.  a.  0.  S.  278. 

17* 


260  Leopold  Böttffer: 


mittelbar,  auf  zeitliche  Differenzen  zurückgeführt  werden, 
wie  Cook  das  will,  welcher  meint,  dass  „ces  plantes  ont  germe 
ä  differentes  epoques".  ^)  Der  Grund  dieser  Erscheinung  wird 
wohl  auf  die  geringere  Produktionskraft  der  neu  gebildeten 
Inseltheile   zurückzuführen  sein. 

Cook  beobachtete  auch,  dass  die  Besamung  der  Insel 
auf  der  Seite  unter  dem  Winde,  der  Westseite,  rascher 
vor  sich  geht  als  auf  der  entgegengesetzten  und  schreibt 
dies  den  von  Westen  kommenden  Sturmwinden  zu.  Chamisso, 
der  später  dieselben  Wahrnehmungen  machte,  erklärt  dies 
daraus,  dass  die  Pflanzen  hier  mehr  Schutz  und  andere 
ihrem  Gedeihen  günstige  Umstände  treffen.  2) 

Das  Problem  der  geographischen  Verbreitung  der 
Koralleninseln  beschäftigte  Cook  ebenfalls.  So  schreibt  er 
in  dem  Bericht  seiner  zweiten  mit  Forster  unternommenen 
Keise:  „Es  würde  eines  Philosophen  würdig  sein,  zu  unter- 
suchen, warum  die  Inseln  im  Winde  der  Gesellschaftsinseln 
so  zahlreich  sind  und  einen  so  grossen  Archipel  bilden 
(nämlich  die  Paumotugruppe) ,  während  sie  jenseits  dieser 
Gruppe  von  bergigen  Inseln  so  zerstreut  sind,"  ^^  damit  eine 
Frage  aufwerfend,  die  heute  noch  der  Lösung  harrt. 

Suchen  wir  die  Stellung  Cooks  in  der  Geschichte  der 
Koralleninseln  zu  würdigen,  so  müssen  wir  ihm  vor  Allem 
das  Verdienst  zuerkennen,  das  Wachsthum  der  Inseln 
richtig  beschrieben  zu  haben  und  müssen  seine  Mittheilungen 
als  eine  werth volle  Ergänzung  der  Forsterschen  Be- 
merkungen schätzen.  Cook  konnte  das  Gebiet  des  All- 
gemeinen   verlassen    und     uns    mit    Einzelheiten    bekannt 


1)  Cook  a.  a.  0.  S.  279. 

2)  Chamisso  achreibt:  „Wir  bemerken,  dass  Sämereien,  die  mit 
der  Fluth  über  dem  Riff  getrieben  werden,  auf  der  innern  Seite  einer 
Insel  unter  dem  Winde  anlangen,  mehr  Schutz,  bessere  Erde  und 
zu  deren  Aufkommen  günstigere  Umstände  antreffen  als  die,  welche 
die  Brandung  auf  das  Aeussere  der  Insel  auswirft.  (Kotzebue,  Ent- 
deckungsreise in  die  Südsee.  Bd.  III.  S.  112).  Auch  die  allmähliche 
Abnahme  der  Vegetation  nach  dem  Inselrand  zu  beobachtete  er  und 
er  zog  auch  den  gleichen  Schluss  daraus  wie  Cook.  „Der  gegen  den 
Kand  der  Insel  zu  niedrigere  Wald  scheint  deren  fortschreitende  Er- 
weiterung anzudeuten."    (Kotzebue  a.  a.  0.  S.  100). 

3)  Cook.    Zweite  Reise.    Paris  1778.    Bd.  III.    S.  244. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.        261 

machen,  da  er  Gelegenheit  hatte,  seine  Wahrnehmungen 
wiederholt  prüfen  zu  können  und  alles  anfangs  etwa  nur 
flüchtig  Erfasste  zu  vertiefen.  Es  ist  bezeichnend,  dass 
wir  erst  in  seinem  Bericht  über  die  dritte  Reise  Ausführ- 
licheres über  unsern  Gegenstand  vernehmen. 

Bei  einer  Vergleichung  und  Abwägung  der  Verdienste 
beider  Männer  darf  jedoch  niemals  aus  dem  Auge  gelassen 
werden,  dass  sie  beide  in  regem  Gedankenaustausch  die 
Reise  ausgeführt  haben,  und  daher  das,  was  sie  geben, 
das  Resultat  gemeinsamer  Gedankenarbeit  darstellt. 

Die  in  den  folgenden  Jahren  unternommenen  Reisen 
von  LaPerouse,  Vancouver  und  andern  bringen  keine 
Erweiterung  unserer  Kenntnisse  von  den  Korallenbauten 
mit  sich.  Von  Labillardiere  erhalten  wir  eine  anschauliche 
Schilderung  der  Gefährlichkeit  der  Korallenriffe  für  die 
in  ihrer  Nähe  segelnden  Schiffe.  Er  schreibt:  „Le  danger 
qu'ils  (les  recifs)  presentent  est  d'autant  plus  ä  craindre, 
qu'ils  forment  des  rochers  escarpes  couverts  par  les  flots 
et  qui  ne  peuvent  etre  apergus,  qu'ä  une  petite  distance; 
si  le  calme  survient  et  que  le  vaisseau  y  soit  portö  par  les 
courants,  sa  perte  est  presque  inevitable;  on  chercherait 
en  vain  ä  se  sauver  en  jetant  l'ancre  parcequ'elle  sn'attein- 
droit  pas  le  fond,  meme  tout  pres  de  ces  murs  de  corail 
elöves  perpendiculairement  du  fond  des  eaux.  Les  polypiers 
dont  l'accroissement  continuel  obstrue  de  plus  en  plus,  le 
bassin  des  mers ,  sont  bien  capables  d'effroyer  les  navigateurs 
et  beaucoup  de  bas  fonds,  qui  offrent  encore  aujourdhui 
passage,  ne  tarderont  point  ä  former  des  öcueils  extr^me- 
ment  dangereux.'*  ^) 

Im  Jahre  1806  erscheint  die  Beschreibung  einer  in  den 
Jahren  1792  — 1793  unternommenen  Reise  nach  Cochinchina, 
worin  John  Barr ow  einige  bemerkenswerthe  Aeusserungen 
über  die  Koralleninseln  macht.  Barrow  steht  im  Allgemeinen 
auf  dem  Standpunkt  Forsters.  Auch  er  glaubt,  dass  die 
Korallen  sich  am  Grunde  des  Meeres  ansiedeln,  obgleich 
er   seine  Verwunderung  darüber  nicht   zurückhalten   kann, 


1)  Relation  du  voyage  ä  la  recherche  de  la  Perouse  par  Labil- 
ardiere.    An  XIII  de  la  republique  fran§aise. 


262  Leopold  Böttger: 


dass  sie  zu  leben  vermögen,  „wo  Liebt  und  Wärme,  die 
doch  zum  thierischen  Leben  so  wesentlich  nothwendig  sind, 
gar  nicht  oder  doch  nur  spärlich  hinkommen  und  nur 
schwach  empfunden  werden."  i) 

Wie  Forster  meint  auch  Barrow,  dass  die  ruhige  See 
dem  Wachsthum  der  Korallen  dienlicher  ist  als  das  stürmisch 
bewegte  Wasser.  Er  begründet  seine  Ansicht  mit  dem 
Hinweis  auf  den  angeblichen  Mangel  grosser  korallischer 
Felsenriffe  und  -inseln  in  der  westindischen  See.  „Die 
häufigen  Orkane  des  atlantischen  Ozeans  oder  die  vielfach 
reissenden  Strömungen  unterbrechen  dort  allzuhäufig  die 
Arbeit  der  Thiere."^) 

lieber  die  Art  und  Weise,  wie  die  Korallen  die  Riffe 
erzeugen  und  die  Inseln  aufbauen,  spricht  er  sich  folgender- 
massen  aus:  „Aus  der  weichen  und  lederartigen  Beschaffen- 
heit der  röhrenförmigen  Oberfläche  solcher  Korallengebäude 
scheint  zu  erhellen,  dass,  wenn  die  alten  Thiere  sterben 
und  ihre  kalkartigen  Zellen  erhärten,  die  nachfolgenden 
Generationen  ihre  Arbeiten  am  Ende  und  auf  den  Seiten 
weiter  fortsetzen  und  zwar  jedes  von  ihnen  nach  der  be- 
sondern Form,  die  ihm  die  Natur  gleichsam  dazu  vor- 
geschrieben hat,"  3)  und  an  einer  andern  Stelle:  „Da  die 
Zweige  der  Korallen  und  Korallinen  so  sehr  zerbrechlich 
sind,  so  können  allerdings  die  Materialien  derselben  durch 
irgend  eine  Operation  zusammengekittet  worden  sein  und 
zur  Entstehung  der  formlosen  Fundamente  der  Korallen- 
inseln beigetragen  haben.  Allein  die  grossen  Massen  dieser 
Felsen  sind  grösstentheils  Madreporen,  Celliporen  und  Tubi- 
poren."  ^) 

Aus  diesen  Worten  geht  hervor,  dass  man  damals  den 
kleinen,  zerbrechlichen  Korallinen  und  den  schwächeren 
Arten  der  Korallen  einen  wesentlichen  Antheil  am  Aufbau 
der  Riffe  zuschrieb.  Dies  macht  uns  die  oben  angeführten 
Meinungen    von    Dalrymple    und    Cook,    welche    die    Riffe 


1)  Barrow,    Reise    nach    Cochinchma.     Bibliothek    der    Reise- 
beschreibungen von  Sprengel.    Bd.  38.    1808.     S.  213. 

2)  Barrow  a.  a.  0.  S.  216. 

3)  Barrow  a.  a.  0.  S.  214. 

4)  Barrow  a.  a.  0.  S.  215. 


GrescMchtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten,       263 

durch  Aufschüttung  von  zerbrochenen  Korallenstücken  ent- 
stehen lassen,  verständlicher,  denn  diese  fein  verzweigten 
Korallen  können  leicht  zertrümmert  und  fortgeführt  werden. 
Barrow  macht  jedoch  schon  darauf  aufmerksam,  dass  sich 
die  Hauptmasse  der  Koralleninseln  aus  den  grossen  Arten 
der  Korallen  zusammensetzt  und  beschränkt  die  Wirksam- 
keit der  übrigen  auf  den  Aufbau  der  Inselfundamente. 
Da  er  diesen  Fundamenten  die  grössern  Massen  der  Korallen- 
felseu  gegenüberstellt,  so  müssen  wir  annehmen,  dass  er 
dem  ganzen  Bau  nur  eine  geringe  Mächtigkeit  beilegte. 

Um  Gewissheit  darüber  zu  erlangen,  ob  die  niedrigen 
Inseln,  wie  man  das  allgemein  annahm,  durchaus  aus 
Korallenfels  aufgebaut  und  nicht  etwa  nur  an  ihren  Rändern 
aus  dieser  Gesteinsart  bestehen,  stellte  er  —  es  sind  das 
die  ersten  Versuche  dieser  Art  auf  Koralleninseln  —  auf 
der  Mitte  von  Nordeiland ,  einer  kleinen  Insel  in  der  Nähe 
der  Sundastrasse,  90  Seemeilen  von  Batavia,  Bohrungen 
an,  welche  ergaben,  dass  das  Gestein  in  3  Fuss  Tiefe  aus 
grossen  Blöcken  von  Madreporen  bestand. 

Ein  ähnliches  Bild  wie  Forster  und  Barrow  entwirft 
auch  Flinders  von  den  Riffen  und  ihrer  Entstehung.  Flinders 
hatte  im  Jahre  1801  die  Riffe  Australiens  aufgenommen, 
sein  V/erk  darüber  erschien  aber  erst  im  Jahre  1814.  i) 
Durch  ihn  erfährt  vor  allen  die  Kartographie  der  Korallen- 
riffe reiche  Förderung.  Er  befuhr  besonders  das  grosse 
Kanalriff  an  der  Ostseite  Australiens,  das  er  mit  dem 
Kanal  vergleicht,  welcher  von  der  Halbinsel  Florida  und 
der  ihr  vorgelagerten  Riff-  und  Inselkette  gebildet  wird. 
Seine  Untersuchungen  machen  uns  zunächst  mit  der  Aus- 
dehnung dieses  Riffes  und  der  beträchtlichen  Tiefe  des 
von  ihm  eingeschlossenen  Wassers,  das  eine  ruhige  Fahr- 
strasse selbst  für  die  grössten  Schiffe  abgiebt,  bekannt. 
Er  macht  dabei  auf  das  Wechselverhältniss  aufmerksam, 
das  hier  zwischen  Wassertiefe  und  Breite  des  Kanals  und 
des  Riffes  besteht.  In  demselben  Maasse,  in  welchem 
Kanal-  und  Riff  breite  ab-  und  zunehmen,  vermindert  sich 
und  wächst    die  Wassertiefe,    eine  Erscheinung,    die  sich 

1)  Flinders,  Reise  nach  Australien.  Bertuch,  neue  Bibliothek 
der  wichtigsten  Reisebeschreibungen.    Bd.  VI. 


264  Leopold  Böttger: 


später  als  typisch  für  diese  Riffgattung  erwiesen  hat.  Seine 
Erfahrungen  über  die  Tiefenverhältnisse  an  den  Riffen  fasst 
er  in  folgende  Worte  zusammen:  „Je  mehr  unter  dem 
Winde,  je  niedriger  das  Wasser,  scheint  bei  den  Korallen- 
riffen ein  Gesetz  zu  sein."  ^)  Damit  tritt  er  in  einen  Gegen- 
satz zu  der  von  Semper  vertretenen  Ansicht,  dass  die  auf 
der  Leeseite  entstehenden,  das  Riff  tangirenden  Ströme  die 
Korallen  zu  einem  senkrechten  Wachsthum  zwingen  und 
hier  dadurch  einen  Steilabsturz  erzeugen. 

Da  Flinders  Gelegenheit  hatte,  in  der  Torresstrasse, 
wo  die  Riffbildung  mit  besonderer  Schnelligkeit  vor  sich 
zu  gehen  scheint,  die  Inseln  in  den  verschiedenen  Zuständen 
ihrer  Entwicklung  zu  betrachten,  so  ist  es  erklärlich,  dass 
er  zum  Nachdenken  über  ihre  Entstehung  angeregt  wurde 
und  wir  von  ihm  Bemerkenswerthes  darüber  erfahren. 

Auch  er  ist  gleich  seinen  Vorgängern  der  Ansicht ,  dass 
die  Korallen  vom  Boden  des  Meeres  aus  ihre  Bauten  auf- 
führen. Gleich  Barrow  scheint  auch  ihm  die  Art  und 
Weise  der  Fortpflanzung  der  Korallenthiere  und  die  daraus 
resuitirende  Bildung  von  Stöcken  und  Kolonien  nicht  hin- 
reichend bekannt  gewesen  zu  sein,  denn  er  schreibt  es 
„einigen  klebrigen  Ueberbleibseln  in  ihnen  oder  einer  be- 
sondern Eigenschaft  des  Salzwassers" 2)  zu,  dass  die  Thiere 
nach  dem  Tode  aneinanderhängen  bleiben.  Richtig  erkennt 
er,  dass  die  Korallen  nicht  mit  ihrer  Masse  allein  das 
Riff  erbauen,  sondern  dass  Sand  und  zerbrochene  Schalen 
verschiedener  Meeresbewohner  die  Lücken  ausfüllen.  „Nach- 
folgende Thierchen,"  fährt  er  dann  fort,  „errichten  ihre 
Wohnung  auf  den  entstandenen  Bänken  und  sterben  in 
der  Bemühung ,  dieses  Denkmal  ihrer  wundervollen  Arbeiten 
zu  erweitern,  vorzüglich  aber  zu  erhöhen.  Die  Sorge,  in 
den  früheren  Zeiten  senkrecht  zu  bauen,  beweist  einen 
erstaunenswerthen  Instinkt  in  diesen  kleinen  Geschöpfen. 
Ist  ihre  Korallenmauer,  die  mehrentheils  in  Gegenden  liegt, 
wo  beständige  Winde  wehen,  bis  zum  Meeresspiegel  auf- 
geführt, so  gewinnen  sie  einen  Schutz,  unter  dem  sie  ihre 


1)  a.  a.  0.  S.  250. 

2)  a.  a.  0.  S.  361. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.      265 

erzeugten  Kolonien  sicher  aussenden  können,  und  dieser 
instinktmässigen  Vorsicht  scheint  es  zuzuschreiben  zu  sein, 
dass  die  dem  Winde  ausgesetzte  Seite  des  Riffes,  das  der 
offenen  See  freisteht,  gewöhnlich,  wenn  nicht  durchaus, 
der  höchste  Theil  desselben  ist  und  in  der  Regel  senkrecht, 
zuweilen  aus  einer  Tiefe  von  200  und  mehr  Faden  empor- 
steigt. Es  scheint  zur  Existenz  dieser  kleinen  Thierchen 
erforderlich,  dass  sie  immer  mit  Wasser  bedeckt  sind,  denn 
sie  arbeiten  nicht  jenseits  des  niedrigen  Wasserstandes. 
Aber  der  Korallensand  und  andere  zerstörte  Ueberreste 
setzen  sich  an  dem  Felsen  fest  und  bilden  eine  solide  und 
so  hohe  Masse  mit  ihm,  als  die  gewöhnlichen  Fluthen  reichen. 
Ist  diese  Höhe  überstiegen,  so  verlieren  die  künftig  an- 
schwemmenden Ueberreste,  weil  sie  nicht  mehr  bedeckt 
werden,  ihre  anhängende  Eigenschaft  und  bilden,  indem 
sie  in  einem  lockern  Zustande  verbleiben,  auf  dem  Gipfel 
des  Riffes  das,  was  man  gewöhnlich  den  Schlussstein  nennt."  ^) 
Hierauf  folgt  eine  Beschreibung  der  Besiedlung  der  Insel 
mit  Pflanzen  in  ähnlichen  Worten  wie  bei  Forster.  An  einer 
andern  Stelle  2)  erfahren  wir  von  Flinders  auch  noch  einige 
Einzelheiten  über  das  Bild  eines  fertigen  Riffes. 

Endlich  beobachtete  Flinders  auch  gehobene  Korallen- 
riffe, so  bei  Poiset  Dover  (142  o  37'  45"  ö.  L.  und320  52' 
51''  s.  B.)  einen  25  geographische  Meilen  langen  Zug 
von  500  Fuss  hohen  Korallenklippen,  deren  Lage  er  „durch 
allmähliche  Senkung  des  Meeresbodens  oder  plötzliche 
Zuckung  der  Natur"  3)  erklärt.  Bei  Bald  Head  (135 »  40' 
30"  ö.  L.  und  35«  6'  15"  s.  B.)  fand  er  ähnliche  Riffe, 
„wo  die  Korallenzweige  durch  den  Sand  hindurchgewachsen 
waren,  ganz  so  wie  auf  den  Korallenbänken  an  dem 
Meeresspiegel."*)  Diese  Erscheinung  hatte  an  demselben 
Orte  schon  Vancouver  beobachtet  und  nur,  um  sich  von 
der  Wahrheit  der  Angabe  Vancouvers  zu  überzeugen,  be- 
suchte er  diesen  Ort.    Der  hier  empfangene  Eindruck  war 


1)  a.  a.  0.  S.  361. 

2)  a.  a.  0.  S.  346. 

3)  a.  a.  0.  S.  216. 

4)  a.  a.  0.  S.  194. 


266  Leopold  Böttger: 


es,  der  ihn,  im  Gegensatz  zu  seinem  Vorgänger,  veranlasste, 
die  Bildung  des  Inselfundamentes  nicht  aus  einer  An- 
schwemmung von  Korallenbruchstücken  zu  erklären,  sondern 
anzunehmen,  dass  die  Korallen  an  dem  Ort  bleiben,  an 
welchem  sie  wachsen  und  im  Riffstein  ihrer  ursprünglichen 
Lage  enthalten  sind. 

Wie  aus  den  oben  angeführten  Worten  hervorgeht,  er- 
klärte Flinders  die  Ringform  der  Atolle  gleich  Forster  als 
eine  von  den  Thieren  zu  ihrer  Sicherung  vor  dem  Wellen- 
schlag aufgeführte  Schutzmauer,  Diese  uns  jetzt  so  naiv 
klingende  Ansicht  ist  als  ein  Ausfluss  der  damals  herr- 
schenden deutschen  Auf  klärungsphilosophie  zu  betrachten, 
welche  die  Naturerscheinungen  alle  vom  teleologischen 
Standpunkte  aus  betrachtete  und  erklärte.  Sie  musste  um 
so  annehmbarer  erscheinen  als  sie  gleichzeitig  eine  Antwort 
auf  die  Frage  giebt,  welchen  Antheil  das  lebende  Wesen 
und  seine  Daseinsbedingungen  an  dem  Zustandekommen 
der  Inseln  und  ihrer  merkwürdigen  Form  haben,  denn  es 
musste  jeder  herausfühlen,  dass  hier  Wind  und  Wellen 
nicht  allein  massgebend  sein  können.  Ueber  die  Lebens- 
bedingungen der  Korallenthiere  wusste  man  aber  zu  jener 
Zeit  noch  so  gut  wie  gar  nichts.  Gab  es  ja  selbst  noch 
solche,  welche  daran  zweifelten,  dass  die  Korallen  den 
Fels,  den  sie  bewohnen,  aus  sich  selbst  erzeugt  haben. 
So  schreibt  Maltebrun  in  seinem  Precis  de  la  geographie 
universelle  aus  dem  Jahre  1813  :  „Haben  die  Poljpen  oder 
Zoophyten  sich  die  steinichten  Körper,  welche  sie  bewohnen, 
selbst  geschaffen  oder  finden  sie  diese  Wohnungen  von  der 
Hand  der  Natur  bereitet  vor?  Dies  ist  gewiss  eine  der 
interessantesten  Fragen  für  die  physische  Geographie,  aber 
bislang  sind  die  Beobachtungen  zu  oberflächlich  und  zu 
neu,  als  dass  man  die  Frage  vollständig  entscheiden 
könnte,"^) 

Aus  den  mangelhaften  Kenntnissen  der  biologischen 
Verhältnisse  der  Korallenthiere  ist  es  wohl  auch  zu  erklären, 
dass  Niemand  den  Versuch  macht,   einen  anderen  Weg  zu 


1)  Maltebrun,    Precis    de   la   geographie   universelle.     Bd.  IV. 
S.  232. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     267 

finden,  der  iin8  zu  einer  befriedigenderen  Erklärung  führen 
könnte.  Daher  scheint  es  auch  ziemlich  lange  gedauert 
zu  haben,  ehe  man  sich  von  der  Forster'schen  teleologischen 
Betrachtung  der  Atollform  freimachte,  denn  im  Jahre  1832 
schreibt  Barrow  ^) :  „Wir  wissen  nur  wenig  über  die  physische 
Organisation  und  die  Mittel,  deren  sie  (die  Korallenthiere) 
sich  zur  Ausführung  ihrer  gigantischen  Bauten  bedienen 
und  haben  ihre  ungeheure  Thätigkeit  mit  dem  Ausdruck 
Instinkt  bezeichnet;  mit  Hanter  würden  wir  vorziehen,  ihn 
den  Sporn  der  Nothwendigkeit  zu  nennen."  Damit  ist 
allerdings  alles  Teleologische  aus  der  Erklärung  entfernt, 
gleichzeitig  aber  auch  auf  jede  Erklärung  Verzicht  geleistet, 
denn  der  Begriff  „Sporn  der  Isothwendigkeit"  sagt  nur, 
dass  wir  auch  diese  Naturerscheinung  unter  das  Kausal- 
gesetz zu  stellen  haben. 

Wenn  die  Forster'sche  Ansicht  von  der  Entstehung  der 
Riffe  und  Inseln  sonach  noch  bis  tief  ins  dritte  Jahrzehnt 
unseres  Jahrhunderts  hie  und  da  Anhänger  gehabt  haben 
mag,  so  findet  sich  unter  den  Autoren  nach  Flinders  keiner 
mehr,  der  die  Forster'sche  Meinung  zu  einem  andern  Zwecke 
als  dem  der  Widerlegung  erwähnt. 

Der  nächste,  der  Nachrichten  über  unsern  Gegenstand 
bringt,  ist  Peron^),  welcher  in  den  Jahren  1800 — 1804 
die  Baudinsche  Expedition  als  Naturforscher  nach  Australien 
begleitete.  Ihm  verdanken  wir  hauptsächlich  eine  Bestim- 
mung der  Grenzen  der  geographischen  Verbreitung  der 
Riff  bauten,  welche  er  im  34*'  nördlicher  und  südlicher 
Breite  findet  ,3)  womit  er  sich  mit  unsern  Erfahrungen, 
welche  die  Korallen  ins  Gebiet  zwischen  den  32  "^  nördlicher 
und  südlicher  Breite  verweist,  ziemlich  im  Einklang  findet. 
Auch  ihm  ist  es  das  friedliche  und  heisse  Meer,  das  den 
Thieren  die  Bedingungen  ihres  Daseins  bietet. 

Eingehend  beschäftigte  sich  Peron  nur  mit  den  ge- 
hobenen Riffen,  deren  weite  Verbreitung  er  feststellt,  aber 
„seine  Phantasie",  sagt  Ehrenberg,  „gab  den  Korallenthieren 


1)  Ausland.    1832.  No.  16  u.  18. 

2)  Peron,     Eeise  nach     Australien.      Bertuchs     neue    Reise- 
beschreibungen.   B.  16.    1816.    S.  295. 

3)  a.  a.  0.  S.  288. 


268  Leopold  Böttger: 


einen  so  grossen  Einfluss  auf  die  Bildung  der  Erdoberfläche, 
dass  er  245  Inseln  und  Erdstriche  namhaft  macht,  welche 
ganz  oder  theilweise  das  Produkt  der  Korallenthiere  seien, 
und  welche  diese  Thiere  mit  ihrer  scheinbaren  Schwäche 
mitten  aus  dem  Grunde  des  Meeres  zu  weitläuftigen  Gebirgen 
aufgebaut  hätten.  Besonders  die  Insel  Timor  war  es,  welche 
er  sammt  ihren  Bergen  für  einen  blossen  Bau  der  Korallen- 
thiere hielt,  gegen  den  die  grössten  Baue  der  Menschen 
nur  kümmerliche,  vergängliche  Versuche  wären.  Peron 
glaubte  damals,  vulkanische  Hebungen  müssten  immer  mit 
Zertrümmerung  und  wildem  Durcheinanderwerfen  der  Theile 
der  Oberfläche  verbunden  sein,  und  da  er  dies  in  keiner 
der  von  ihm  besuchten  Koralleninseln  fand,  so  hielt  er  die 
Meinung  fest,  dass  die  Meere  einst  über  den  Bergen  ge- 
standen haben  müssten  und  überlässt  die  Erklärung  der 
Möglichkeit  andern,  sich  begnügend,  die  Thatsachen  dafür 
zusammengestellt  zu  haben.'' >) 

So  berechtigt  diese  Worte  Ehrenbergs  seiner  Zeit 
waren,  so  hat  doch  die  Folgezeit  erwiesen,  dass  er  sich 
nicht  in  so  hohem  Maasse  von  der  Wahrheit  entfernte  als 
der  berühmte  Zoolog  zu  glauben  schien.  Nur  eine  geringe 
Zahl  der  245  von  ihm  namhaft  gemachten  Inseln  ist  gänz- 
lich frei  von  Korallengestein,  wie  wir  jetzt  wissen,  und 
in  der  That  vermögen  die  Korallenthiere  ganze  Gebirge 
aufzurichten.  Alles  in  Allem  genommen,  entfernt  sich  Peron 
in  seiner  Auffassung  von  unserer  heutigen  nicht  viel  mehr 
als  Ehrenberg. 

Einen  sehr  beträchtlichen  Zuwachs  erhalten  unsere 
Kenntnisse  von  dem  Bau  der  Korallenriffe  und  -Inseln  durch 
die  Untersuchungen,  welche  Chamisso  als  Begleiter  der 
Kotzebue'schen  Entdeckungsreise  in  den  Jahren  1814 — 1818 
anstellte.  Chamisso  hatte  Gelegenheit,  längere  Zeit  auf 
einem  Atoll  der  Kadackgruppe  zu  verweilen,  und  dies  be- 
nutzte er  zu  eingehenden  Studien  über  unsern  Gegenstand. 
Daher  bringt  uns  sein  Bericht  eine  grosse  Zahl  von  Details, 
die  wir  bis  jetzt  immer  zu  vermissen  hatten.  Das  Haupt- 
verdienst Chamissos  aber  erblickte  man  noch  bis  vor  Kurzem 


1)  Abhandl.  d.   Akad.  d.  Wiasensch.   zu  Berlin  1832,  gedruckt 
1834.     S.  397. 


Geschichtliche  Darstellung'  etc.  von  den  Korallenbauten.     269 

darin,  eine  befriedigende  Erklärung  der  Entstehung  der 
Atollform  gegeben  zu  haben.  Vor  zwei  Jahren  wies  Du 
Bois- Keymond  nach,  dass  jene  Erklärung  nicht  von  Chamisso 
sondern  von  Eschscholtz,  der  die  Kotzebue'sche  Expedition 
als  Arzt  begleitete,  herstammt.^) 

Trotzdem  die  Krone  seiner  Verdienste  damit  eines 
leuchtenden  Steines  verlustig  gegangen  ist,  wird  Chamisso 
doch  immer  einen  hervorragenden  Platz  in  der  Geschichte 
unseres  Gegenstandes  einnehmen,  denn  er  erweiterte  unsere 
Kenntnisse  der  Korallenbauten  nach  so  vielen  Seiten  und 
in  so  umfassender  Weise  wie  keiner  zuvor,  und  das  Be- 
wusstsein ,  seinen  Blick  von  etwaigen  vorgefassten  Meinungen 
ungetrübt  und  immer  nur  auf  das  Thatsächliche  gerichtet 
zu  wissen,  lässt  uns  seine  Mittheilungen  nur  um  so  schätzens- 
werther  erscheinen. 

Im  Folgenden  gebe  ich  die  von  Chamisso  gemachten 
Beobachtungen  systematisch  geordnet  wieder. 

Chamisso  theilt  die  Korallenbauten  des  Meeres  ein  in 
1)  Korallenriffe,  2)  Inselgruppen  und  3)  Inseln, 2)  d.  h.  in 
heutiger  Terminologie  in  1)  Küstenrifife,  2)  Atolle,  3)  ver- 
schüttete oder  gehobene  Atolle.  Diese  Eintheilung  ist  neuer- 
dings von  Guppy^)  wieder  benutzt  worden.  Mit  der  ersten 
Art  von  Eiffen  beschäftigt  sich  Chamisso  wenig,  doch  be- 
obachtete er  die  noch  heute  als  zutreffend  erkannte  That- 
sache,  dass  die  Küstenriffe  nicht  so  steil  zum  Meere 
abstürzen  wie  die  Riffe  der  Atolle.  *) 

Die  Atolle  beschreibt  er  unter  dem  Namen  der  Kreis- 
oder Ringinseln.  Er  macht  jedoch  darauf  aufmerksam, 
dass  man  sich  durch  diese  Bezeichnung  nicht  zu  der  falschen 
Vorstellung  verleiten  lassen  darf,   dass  diese  Inseln  zirkel- 


1)  Die  interessante  Begründung  dieser  Thatsache  findet  sich  in 
Du  Bois-Reymond:  „Adelbert  von  Chamisso  als  Naturforscher,  Rede 
u.  3.  w.  Erschienen  als  Separatausgabe  (Leipzig,  Veit  &  Comp.)  und 
„Sitzungsberichte  der  preuss.  Ak.  d.  W.  1888  S.  675"  und  „Deutsche 
Rundschau  1888  Bd.  LVI  S.  329." 

2)  Kotzebue,  Reise  in  die  Südsee.    B,  III.    S.  31  u.  32.    1821. 

3)  Guppy:  A  criticism  of  the  Theorie  of  Subsideuce.  Scot. 
Geogr.  Mag.  Vol.  IV.    S.  121.    Karte. 

4)  a.  a.  0.  S.  31. 


270  Leopold  Böttffcr: 


rund  seien,  wie  die  vulkanischen  Krater  der  Erde.  ^)  Diese 
Vorstellung  hatte  sich  wahrscheinlich  durch  Forster,  der 
die  Riffe  zirkelrund  nennt,  eingebürgert. 

Chamisso  beschreibt  dann  die  Atolle  als  Tafelberge, 
die  sich  steil  aus  der  unermesslichen  Tiefe  des  Ozeans 
erheben,  deren  Oberfläche  jedoch  unter  dem  Wasser  liegt. 
Nur  ein  Damm  im  Umkreis  des  Riffes  erreicht  bei  niederem 
Wasserstand  den  Spiegel  des  Meeres.  2) 

Wie  Flinders  beobachtete  auch  Chamisso,  dass  das 
Riff  auf  der  Seite,  welches  dem  Winde  zugekehrt  ist,  etwas 
erhöht  ist,  sowie  dass  auf  dieser  Seite  die  meisten  und 
grössten  Inseln  sind,  dass  diese  aber  auch  häufig  an  den 
ausspringenden  Winkeln  des  Riffes  angetroffen  werden. 
Auf  der  Seite  unter  dem  Winde  findet  er  das  Riff  dagegen 
oft  stellenweise  unterbrochen,  manchmal  so,  dass  selbst 
grössere  Schiffe  eine  Durchfahrt  wagen  können.  Innerhalb 
dieser  Lücken  zeigen  sich  Felsbänke,  die  wie  Bruchstücke 
der  eingerissenen  Mauer  oder  Andeutungen  derselben  sind.  ^) 
Aehnliche  Bänke  sind  im  Innern  der  Lagune  zu  finden? 
deren  Grund  aus  Korallensand  und  Korallen  besteht  und 
bis  32  Faden  (60  m)'^)  Tiefe  hat.  Die  ausgedehntesten 
Lagunen  schienen  die  tiefsten  zu  sein.  5)6)  Die  Oberfläche 
des  Dammes  ist  durch  das  Ausrollen  der  Brandungswellen 
geglättet;  aufgeworfene  Blöcke  liegen  auf  ihm  zerstreut, 
und  ebensolche  Blöcke  liegen  auf  der  Seite  nach  der 
Lagune.  Der  Absturz  nach  dieser  Seite  ist  geneigt,  oft 
auch  steil. '^) 

Aber  nicht  nur  morphologisch  sondern  auch  geognostisch 
untersuchte  Chamisso  das  Riff  und  die  Insel. 


1)  Adelbert  von  Chamissos  Werke.    B.  II.    S.  393,  abgedruckt 
aus  Choris,  voyage  pittoresque. 

2)  a.  a.  0.  S.  42. 

3)  Demnacli  schien  sich  Chamisso  die  Eiffkanäle  als  Wirkungen 
von  Sturmfluthen  zu  denken. 

4)  a.  a.  0.  S.  202. 

5)  Dasselbe  ist  neuerdings  wieder  von  Murray  behauptet  worden. 

6)  a.  a.  0.  S.  393. 

7)  a.  a.  0.  S.  201. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.   von  den  Korallenb-auten.     271 

Er  war  der  Meinung,  dass  der  ganze  Tafelberg  aus 
ein-  und  derselben  Gebirgsart,  und  zwar  Kalkstein  bestehe^) 
und  dass  die  Lithopbyten  nirgends  an  ihrem  ursprünglichen 
Standorte,  an  der  Stelle,  wo  sie  lebten  und  fortwüchsen, 
sich  befänden, 2)  dass  das  Gestein  vielmehr  immer  nur 
Haufwerke  von  Korallentrümmern  darstelle.  Er  wendet 
sich  vor  allen  gegen  Flinders,  welcher  behauptet  hatte, 
dass  die  Korallenskelette  am  Orte  ihres  Entstehens  nach 
Ausfüllung  ihrer  Lücken  mit  Sand  in  Riffstein  übergingen, 
während  die  oberen  Zweige  fortwüchsen.  Der  Riffstein  ist 
nach  Chamisso  vielmehr  ein  horizontal  geschichtetes  Gestein. 
Nach  den  jetzigen  Erfahrungen  bleiben  die  Korallen  in 
ihrer  natürlichen  Lage.  Dann  bildet  sich  der  Riffstein  wie 
ihn  Chamisso  fand.  Die  Inseln  selbst,  welche  sich  nach 
ihm  immer  zuerst  auf  der  Lagunenseite  bilden,  bestehen 
aus  mehreren  mantelf  örmig  übereinandergelagerten  Schichten 
Riffstein,  die  mit  Sandschichten  wechseln. 3) 

Gleich  Forster  meinte  auch  Chamisso ,  dass  die  Korallen- 
polypen vom  Grunde  des  Meeres  aus  ihren  Bau  errichteten, 
obgleich  er  sich  der  hier  ganz  anders  gestalteten  Daseins- 
bedingungen der  Thiere  bewusst  war,  wie  das  klar  und 
deutlich  aus  der  folgenden  Stelle  hervorgeht:  „so  müssen 
wir  doch  glauben,  dass  in  den  Meerestheilen,  wo  die  enormen 
Massen  dieser  Lithophyten  sich  erheben,  selbst  im  kalten 
und  lichtlosen  Meeresgrund,  Thiere  fortwährend  geschäftig 
sind,  durch  den  Prozess  ihres  Lebens  den  Stoff  zu  deren 
nicht  zu  bezweifelndem,  fortwährendem  Wachsthum  und 
Bau  zu  erzeugen."  4)  Er  motivirt  seinen  Standpunkt  durch 
folgende  Worte:  „Anzunehmen,  dass  die  kalkerzeugenden 
Polypen  bloss  an  den  Wänden  der  schon  bestehenden  Riffe 
und  deren  innerer  Lagune  leben,  würde  das  erste  Entstehen 
dieser  Riffe  nicht  erklären,  deren  senkrechte  Höhe  man 
nicht    unter    100    Faden    annehmen    kann."°)      In    seiner 


1)  a.  a.  0.  S.  41. 

2)  a.  a.  0.  S.  45. 

3)  Kotzebue,  Keise  in  die  Südsee.    B.  III.    S.  107. 

4)  a.  a.  0.  S.  32. 

5)  a.  a.  0.  S.  32.    Anmerkung. 


272  Leopold  Bött^er: 


Meinung  wurde  Cbamisso  hauptsächlich  dadurch  bestärkt, 
dass  Ross  in  1000  Faden  (1800  m)  Tiefe  unter  73»  39' 
nördlicher  Breite  lebende  Korallen  fand.  ^)  Doch  war  er 
sich  der  Subjectivität  seiner  Ansicht  wohl  bewusst,  denn 
er  fügt  hinzu:  „Die  Nähe  des  Gesichtspunktes  vergrössert 
freilich  die  Gegenstände,  und  es  mag  geneigt  sein,  wer 
mitten  unter  diesen  Inseln  ihre  Bildung  betrachtet,  dieser 
Bildung  in  der  Geschichte  der  Erde  ein  grösseres  Moment 
beizumessen,  als  der  Wirklichkeit  entspricht." 2) 

Wie  wir  die  Ansicht,  dass  die  Korallen  im  kalten 
Meeresgrunde  leben,  als  irrthümlich  zurückweisen,  so  auch 
die  andere  Meinung  Chamissos,  dass  das  bewegte  Wasser 
für  das  Gedeihen  der  Korallen  ein  Hinderniss  ist.  Chamisso 
bemerkt  nämlich:  „Die  enormen  Massen  aus  einem  Wuchs, 
die  man  hie  und  da  auf  den  Inseln  oder  auf  den  Riffen 
antrifft,  haben  sich  wohl  in  der  ruhigen  Tiefe  des  Ozeans 
erzeugt.  Oben  unter  wechselnden  Einflüssen  können  nur 
Bildungen  von  geringer  Grösse  entstehen.'' 3) 

Von  besonderem  Interesse  sind  seine  Beobachtungen 
über  den  Einfluss  des  Sandes  auf  das  Wachsthum  der 
Korallenthiere :  „Die  Arten,  die  sich  sonst  kugelförmig  ge- 
stalten, bilden  an  Orten,  wo  Sand  zugeführt  wird,  Flächen 
mit  erhöhten  Rändern,  indem  der  Rand  den  obern  Theil 
ertödtet  und  sie  nur  im  Umkreis  leben  und  fortwachsen." 
Die  gleiche  Beobachtung  machte  später  Sempera)  auf  den 
Palauinseln  und  benutzte  sie,  eine  neue  Theorie  der  Atoll- 
bildung aufzustellen. 

In  richtiger  Erkenntniss  der  Verschiedenartigkeit  der 
Lebensbedingungen  der  verschiedenen  Arten  von  Korallen- 
polypen, hütet  sich  Chamisso  übrigens  vor  einer  Verall- 
gemeinerung obiger  Beobachtung  von  der  vernichtenden 
Wirkung  des  Sandes.  So  schreibt  er  über  die  Vertheilung 
der  Korallen  auf  dem  Riff:  „Les  polypiers  vivants  croissent 
Selon  leur  genre  ou  leur  espece  ou  dans  le  sable  mouvant 


1)  a.  a.  0.  S.  33. 

2)  Kotzebue  a.  a.  0.  S.  101. 

3)  Chamissos  Werke.    B.  II.    S.  393. 

4)  Zeitschrift  für  wissenschaftl.  Zoologie.    B.  13.    S.  566.    1863. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     273 

ou  bien  attache  au  rocber.  ^)  Ueber  die  Vertbeilung  der 
Arten  macht  er  auch  sonst  noch  Beobachtungen  und  zwar 
ist  er  der  erste,  der  uns  darüber  Nachrichten  giebt,  und 
was  er  darüber  mittheilt,  hat  sich  später  immer  als  zu- 
treffend erwiesen.  Zunächst  der  Brandung  fand  er  immer 
Astraeen  2)  von  kuchenförmiger  Gestalt,  s) 

Der  Damm  besteht  aus  Madreporen*)  und  überall,  wo 
die  Wellen  mit  Häufigkeit  aufschlagen ,  lassen  sich  Nulli- 
poren^)  nieder  und  geben  dem  Riff  seine  rothe  Farbe. 
Ueber  der  Linie  des  niedrigsten  Wasserstandes  lebt 
Caryophyllia.  ß) 

Auch  über  die  geographische  Verbreitung  der  Korallen- 
riffe macht  Chamisso  bemerkenswerthe  Beobachtungen.  Er 
macht  auf  die  Aehnlichkeit  in  der  Verbreitung  des  hohen 
und  niedrigen  Landes  im  indischen  und  grossen  Ozean, 
das  in  beiden  Meeren  sich  von  West  nach  Ost  verliert,^) 
aufmerksam,  ferner  auf  die  Erscheinung,  dass  solche  Gruppen 
von  Koralleninseln,  welche  in  4  oder  5  Grad  Entfernung 
von  hohen  vulkanischen  Ländern  liegen,  die  Erdstösse  ver- 
spüren, weiche  diese  bewegen,^)  endlich  auf  die  reihen- 
förmige  Anordnung  der  Koralleninseln.  0)  Daher  kann  es 
uns  nicht  Wunder  nehmen,  wenn  ihm  die  Koralleninseln 
Bergrücken  des  Meeresbodens  andeuten. 

Endlich  erhalten  wir  von  Chamisso  noch  eingehende 
Nachrichten  über  die  Flora  und  Fauna  der  Koralleninseln,  ^o) 


1)  Chamissos  Werke.    B.  II.    S.  393. 

2)  a.  a.  0.  S.  202. 

3)  Dasselbe  beobachtete  Walther  am  Meerbusen  von  Suez; 
die  kuchenförmige  Gestalt  ist  ihm  eine  Anpassungsform,  denn  so 
leisten  die  Thiere  der  Bewegung  des  Wassers  den  geringsten  Widerstand 
und  bieten  ihm  gleichzeitig  die  grösstmögliche  Oberfläche  dar.  (Walther, 
die  Korallenriffe  der  Sinaihalbinsel.  Ab.  d.  math.-phys.  Kl.  d.  k.  s. 
G.  d.  W.  B.  14.) 

4)  a.  a.  0.  S.  393. 

5)  a.  a.  0.  S.  201. 

6)  a.  a.  0.  S.  202. 

7)  a.  a.  0.  S.  44. 

8)  a.  a.  0.  S.  393. 

9)  a.  a.  0.  S.  43. 

10)  Kotzebue,  Reise  in  die  Südsee.    B.  III.    S.  108  —  114. 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1890.  18 


274  Leopold  Böttger: 


'  In  dem  Kotzebue'schen  Reisevverk  hat  auch  Eschscholtz 
seine  Ansichten  über  die  Koralleninseln  niedergelegt.  ^) 
Bei  den  eingehenden  Studien ,  welche  Chamisso  über  unsern 
Gegenstand  gemacht  hat,  können  wir  nicht  viel  Neues  von 
ihm  erwarten  und  in  der  That  bringt  Eschscholtz  fast  nichts 
anderes  als  was  Chamisso  schon  gesagt  hat  oder  wenigstens 
im  widerspruchslosen  Zusammenhange  damit  steht.  Was 
seiner  Darstellung  aber  dennoch  Werth  verleiht,  ist,  dass 
er  uns  ein  einheitliches  Bild  giebt,  die  verschiedenen  Be- 
obachtungen mit  einander  verknüpft  und  sie  verallgemeinert. 
Daher  begnügt  er  sich  nicht,  wie  das  Chamisso  thut,  die 
Atolle  als  Krönungen  submariner  Berge  hinzustellen ,  sondern 
geht  einen  Schritt  weiter  und  führt  die  Gestalt  der  Umriss- 
linie dieser  Inselgruppen  auf  die  des  unterliegenden  Berg- 
gipfels zurück; 2)  während  Chamisso  einfach  bemerkt,  dass 
die  Windseite  der  Atolle  die  inselreichere  ist,  macht  Esch- 
scholtz noch  darauf  aufmerksam,  dass  die  Atolle  im  indischen 
und  stillen  Ozean,  da,  wo  die  Monsune  herrschen,  gleich- 
massig  mit  Inseln  besetzt  sind  und  dass  die  Atolle ,  welche 
mit  ihrer  Längsaxe  rechtwinklig  zur  Richtung  des  Windes 
stehen,  diesem  also  ihre  längere  Seite  zur  Zerstörung  dar- 
bieten, reicher  an  fruchtbaren  Inseln  sind  als  andere;^) 
während  Chamisso  nur  angiebt,  dass  auf  Tabual,  in  der 
Gruppe  Aur,  morastiger  Grund  ist,^)  entwickelt  Eschscholtz, 
wie  die  Inseln  mit  zunehmendem  Umfang  allmählich  die 
Lagune  vom  Meer  trennen  und  diese  endlich  ganz  aus- 
gefüllt wird,  um  zuletzt  nur  noch  eine  Wasserpfütze  dar- 
zustellen.^) Chamisso  theilt  in  schlichter  Weise  seine 
Beobachtungen  über  die  verderbenbringende  Wirkung  des 
bewegten  Sandes  auf  die  Korallenthiere  mit,  Eschscholtz 
benutzt  diese  Thatsache  in  Verbindung  mit  der  Annahme, 
dass  die  grössern  Korallenarten  sich  in  der  Brandung  am 
besten  entwickeln  —  diese  Annahme  war  von  Chamisso 
auch  theilweise  vorbereitet,  da  er  bemerkt ,  dass  die  Asträen, 


1)  a.  a.  0.  S.  III.  187. 

2)  a.  a.  0.  S.  188. 

3)  a.  a.  0.  S.  188. 

4)  a.  a.  0.  S.  108. 
5j  a.  a.  0.  S.  189. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.      27o 

also  die  Arten,  welche  die  grössten  Blöcke  liefern,  vor- 
zugsweise am  Rande  des  Riffes  angetroffen  werden  —  nm 
eine  Erklärung  für  die  Entstehung  der  Lagunen  zu  gehen. 
Die  darauf  hezüglichen  Worte  heissen :  „Die  grossen  Korallen- 
arten, welche  einige  Faden  in  der  Dicke  messende  Blöcke 
bilden,  scheinen  die  am  Aussenrand  des  Riffes  stärkere 
Brandung  zu  lieben.  Dies  und  das  Hinderniss,  das  ihrem 
Fortleben  in  der  Mitte  des  weiten  Riffes  durch  aufgeworfene 
von  den  Thieren  verlassene  Muscheln  und  Schneckenschalen 
und  Koralleubruchstücke  in  den  Weg  gelegt  werden,  sind 
wohl  die  Ursachen,  weshalb  der  Aussenrand  eines  Riffes 
sich  zuerst  der  Oberfläche  nähert.^' 

Diese  Erklärung  der  Lagunenbildung,  welche  heute 
noch  als  zutreffend  anerkannt  wird,  ist  das  Hauptverdienst 
von  Eschscholtz  in  der  Frage  nach  der  Bildung-  der  Korallen- 
inseln. 

Chamissos  Verdienste  lassen  sich  am  besten  in  die 
Worte  fasssen,  welche  Ehrenberg  der  Arbeit  seines  Kollegen 
an  der  Akademie  der  Wissenschaft  widmet,  die,  wenngleich 
sie  auf  einer  falschen  Voraussetzung  fussen,i)  doch  ihre 
volle  Giltigkeit  behalten  haben:  „Er  hat  ein  Bild  zusammen- 
gefasst,  welches  zwar  nicht  der  Aehnlichkeit  mit  dem  von 
Forster  und  Flinders  entbehrt,  aber  viel  Eigenthümliches 
in  kräftiger,  natürlicher  Darstellung  und  alles  nach  eigner 
Erfahrung  ohne  geborgten  Schmuck  enthält.'' 2)  An  Esch- 
scholtz aber  schätzen  wir  den  speculativen  Sinn,  der  die 
von  Chamisso  im  hingebenden  Studium  gewonnenen  Details 
kühn  zu  einem  Gesammtbilde  verwebt  und  wollen  uns 
freuen,  dass  das  Geschick  zwei  Männer  auf  der  Kotze- 
bue'schen  Forschungsreise  zusammenführte,  die  sich  in  einer 
für  die  Wissenschaft  so  fruchtbringenden  Weise  ergänzten. 

Während  Chamisso  mit  der  Verarbeitung  seiner  von 
der  Weltumseglung  mitgebrachten  Schätze  beschäftigt  war, 
waren    schon    wieder   zwei   Naturforscher    auf   dem    Meere 


1)  Auch  Ehrenberg  war  in  dem  Irrthum  befangen,  dass  die 
Artikel  S.  187  und  189  im  dritten  Bande  des  Kotzebue'schen  Eeise- 
werkes  von  Chamisso  herrührten. 

2)  Ehrenberg-,  Die  Korallenriffe  des  rothen  Meeres.  Abh.  d.  A. 
d.  W.  z.  Berlin.     1832,  gedruckt  1834.    1.  Th.     S.  398. 

18* 


276  Leopold  Böttger: 


thätig-,  um  Studien  über  die  Bildung  des  Korallengesteins 
anzustellen.  Quop  und  Gaimard  waren  es,  welche  die 
Freycinet'sche  Expedition  in  den  Jahren  1818 — 1820  be- 
gleiteten. Sie  beschäftigten  sich  hauptsächlich  mit  der 
Erforschung  der  Lebensbedingungen  der  Korallenthiere  und 
suchten  zu  beweisen,  dass  die  Korallen  ihre  Wohnungen 
auf  einer  ihrer  Natur  nach  bereits  bekannten  Grundlage 
erbauen  und  nur  Schichten  von  wenig  Faden  Dicke  bilden, 
sich  aber  nicht  aus  unermesslichen  Tiefen  erheben.  ^)  Die 
Beweise  dafür  sehen  sie  im  Folgenden: 

1)  Die  Korallen  sind  von  ihnen  nie  in  grösserer  Tiefe 
als  25  —  30  Fuss  lebend  gefunden  worden. 2) 

2)  Die  bunte  Farbe  der  Thiere  beweist,  dass  die 
Korallen  zu  ihrem  Leben  Licht  bedürfen.  3) 

3)  Es  wäre  einzig  und  ohne  Beispiel  in  der  Thierwelt, 
wenn  diese  Arten  unter  den  verschiedenen  Drucken  und 
unter    allen    Temperaturen  gleichmässig    gedeihen    sollten. 

4)  Die  Korallen  bedürfen  (meinen  sie)  einer  beständig 
hohen  Wärme,  welche  sie  in  der  Tiefe  nicht  haben. ^) 

5)  Die  Korallen  vermögen  nur  in  friedlichen  Meeren 
zu  gedeihen,  in  abgeschlossenen  Baien,  welche  von  den 
regelmässigen  Passaten  der  Tropen  und  von  Sturmfluthen 
nur  unmerklich  berührt  werden.  In  bewegten  Wassern 
bilden  sie  nur  zerstreute  Massen,  die  von  Arten  gebildet 
werden,  welche  weniger  von  der  Unruhe  des  Wassers  zu 
leiden  seheinen  als  ihre  übrigen  Genossen.^) 

Neben  diesen  den  biologischen  Verhältnissen  der 
Korallenthiere  entnommenen  Gründen,  finden  sie  auch  in 
der  Morphologie  der  Riffe  Stützpunkte  für  ihre  Behauptungen. 
So  finden  sie  einen  Hauptbeweis  darin,  dass  es  keine  einiger- 
massen   grosse  Insel  gäbe,  welche  vollständig  aus  Korallen- 


1)  Memoire  sur  l'accroisaemeßt  des  Polypes  lithophytes  par 
Quoy  et  Gaimard.  Annales  des  sciences  naturelles.  T.  6.  1825. 
S.  273.  Derselbe  Aufsatz  auch  in  Freycinet:  Voyage  autour  du 
monde  pendant  les  annees  1817—1820.     Zoologie.    Paris  1824. 

2)  a.  a.  0.  S.  284. 

3)  a.  a.  0.  S.  277. 

4)  a.  a.  0.  S.  276. 

5)  a.  a.  0.  S.  276. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.      277 


gestern  besteht,  und  dass  die  gehobenen  Riffe  niemals  eine 
grosse  Dicke  besitzen.  ^) 

Dies  behaupten  sie  aber  nicht,  wie  man  meinen  könnte 
auf  Grund  zahlreicher,  angestellter  Messungen,  sondern,  sie 
verallgemeinern  hier  nur  in  ganz  derselben  unzulässigen 
von  ihnen  hart  getadelten  Weise  wie  P6ron,  gerade  die 
entgegengesetzte  Beobachtung  wie  dieser.  Beide  Parteien 
gehen  bei  ihren  Untersuchungen  von  den  Riffen  Timors  aus ; 
während  Peron  glaubte  annehmen  zu  dürfen,  dass  die 
ganze  Insel  aus  Korallenkalk  bestehe,  fanden  Guoy  und 
Gaimard  nur  schwache  Lagen  dieses  Gesteins.  Neben  der 
Insel  Timor  lieferten  ihnen  Ile  de  France,  Neu -Guinea, 
die  Marianen  und  die  Sandwichinseln  Stoff  und  Unterlagen 
zu  ihren  Behauptungen.  In  allen  den  genannten  Inseln 
und  Inselgruppen  treten  die  Riffe  aber  nur  als  Küstenriffe 
auf.  Sie  suchten  daher  nach  Gründen,  welche  die  Verall- 
gemeinerung ihrer  Beobachtungen,  ihre  Uebertragung  auf 
die  Atolle,  stützen  sollten.  Die  geringe  Dicke  des  Korallen- 
gesteins auf  den  Atollen  nun  wollen  sie  daraus  erschliessen, 
dass  die  niedrigen  Inseln  der  Südsee  von  Menschen  bewohnt 
sind,  also  Wasser  aus  Quellen  haben  müssen,  die  aber  bei 
einem  solchen  porösen  Gestein  wie  der  Korallenkalk  nicht 
entstehen  könnten. 2)  Wir  wissen  jedoch  jetzt,  dass  das 
Süsswasser  auf  allen  Koralleninseln  überall  da  zu  finden  ist, 
wo  man  einige  Fuss  tief  in  den  Korallenboden  eingräbt, 
trotzdem  man  das  Korallengestein  nicht  verlässt,  da  es 
sich  dort  infolge  seines  geringern  spezifischen  Gewichtes 
auf  dem  durch  die  Seitenwände  des  Riffes  eingedrungenen 
Salzwasser  schwimmend  erhält. 

Auch,  meinen  sie,  folgre  die  geringe  Mächtigkeit  der 
Korallenfelsen  auf  den  Atollen  daraus,  dass  die  Korallenthiere 


1)  Das  gleiche  hat  vor  einigen  Jahren  Rein  3)  wieder  behauptet 
zur  Widerlegung  Darwins  •,  aber  seitdem  v.  Richthofen  und  besonders 
Mojsisovics  nachgewiesen  haben,  dass  die  Dolomiten  der  Alpen 
Korallenriffe  sind,  sind  alle  darauf  gegründeten  Schlüsse  gegenstands- 
los geworden. 

2)  a.  a.  0.  S.  289. 

3)  Verhandlungen  des  ersten  deutschen  Geographentags.  1882. 
S.   39. 


278  Leopold  Böttger: 


bei  den  dort  häufigen  und  heftigen  Stürmen  nicht  gut  gedeihen 
könnten.  Ebendasselbe  würde  auch  durch  die  Thatsache 
bewiesen,  dass  die  Korallenmauern  alle  durch  Oeflfnungen 
unterbrochen  sind,  in  welchen  man  meist  tiefes  Wasser 
fände.  Da  aber  die  Zoophyten  die  Neigung  besässen  un- 
unterbrochene Massen  zu  errichten,  so  könnten  keine  solche 
Oeffnungen  vorhanden  sein ,  wenn  die  senkrechte  Riffmauer 
gänzlich  aus  Korallengestein  bestände.  ^) 

In  ihrer  Ansicht  von  der  geringen  Mächtigkeit  der 
Korallenfelsen  wurden  sie  auch  durch  die  Wahrnehmung 
bestärkt,  dass  die  Verbreitung  derselben  mit  der  Richtung 
der  Berge  und  Hügel  des  festen  Landes  übereinstimmt,  und 
dass  man  dort  die  grössten  Korallenmassive  findet,  wo  das 
Meer  am  seichtesten  ist  und  die  Küsten  nur  eine  geringe 
Neigung  besitzen.  Damit  haben  sich  die  beiden  Forscher 
das  schätzenswerthe  Verdienst  erworben,  zuerst  auf  den 
geognostischen  Zusammenhang  der  Rifi'e  und  der  nahen 
Küste  aufmerksam  gemacht  zu  habeu. 

Es  ist  nur  eine  Folge  der  von  ihnen  vertretenen  An- 
schauungen, wenn  sie  die  Steilheit  so  vieler  Riffe  als 
ursprünglich  erklären.  Sie  fühlten  sich  dazu  berechtigt 
durch  ihre  Beobachtungen  auf  einigen  Inseln  der  Marianen, 
an  denen  sie  ganz  gleiche  steile  Abstürze  aber  aus  andern 
Gesteinen  bemerkten,  sowie  durch  die  Untersuchungen  von 
Pallas,  welcher  dieselbe  Erscheinung  in  den  Gebirgen 
Tauriens  nachwies.  2)  s) 

So  vielfach  auch  die  Ansichten  der  beiden  Naturforscher 
noch  irrthümlich  sind,  so  wenig  stichhaltig  insbesondere  die 
meisten  der  von  ihnen  vorgebrachten  Gründe  sind,   so   be- 


1)  a.  a.  0.  S.  279. 

2)  a.  a.  0.  S.  285  u.  286. 

3)  Pallas  bemerkt  (physikal.-topograph.  Gemälde  von  Taurien, 
Leipzig,  1806  S.  1):  „Ihre  (der  Halbinsel  Taurien)  mehr  als  1200  Fuss 
hohen  Berge  sind  längs  der  ganzen  südlichen  Küste,  an  welcher  das 
Meer  sehr  tief  ist,  fast  senkrecht  abgeschnitten,  fallen  gegen  Norden 
stufenweise  und  zuletzt  unmerklich  ab  ...  .  Man  ersieht,  dass  die 
Bemerkung  von  dem  fast  senkrechten  Absturz  nicht  wörtlich  zu 
nehmen  ist,  sondern  nur  den  Eindruck  veranschaulichen  soll,  den 
man  erhält,  wenn  man  die  Südseite  des  Gebirges  mit  der  allmählich 
in  die  Ebene  sich  verlierenden  Nordseite  vergleicht. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.      279 

zeichnen  sie  doch  einen  bemerkenswerthen  Fortschritt  für 
unsere  Auffassung  der  Korallenriffe,  da  die  Grundidee,  dass 
die  lebenden  Korallen  auf  eine  geringe  Tiefenzone  beschränkt 
sind,  von  jedem  der  nachfolgenden  Forscher  eine  Bestätigung 
erfahren  hat. 

Es  muss  verwunderlich  erscheinen,  dass  diese  folgen- 
schwere Thatsache  von  der  geringen  verticalen  Verbreitung 
der  lebenden  Korallen  nicht  schon  vorher,  auch  nicht  durch 
die  eingehenden  Studien  Chamissos ,  aufgedeckt  worden  ist. 
Der  Grund  dafür  liegt  in  der  Natur  der  verschiedenen 
Untersucbungsgebiete.  Alle  Forscher,  welche  sich  bis  dahin 
mit  den  Korallenriffen  beschäftigt  hatten ,  haben  ihre  Unter- 
suchungen an  Riffen  des  tiefen  Wassers  angestellt,  haupt- 
sächlich an  Atollen,  wo  der  rasche  Absturz  zum  Meere  und 
die  infolgedessen  so  schwer  und  hoch  gehende  Brandung 
Beobachtungen  über  das  Wachsthum  der  Thiere  sehr  er- 
schwert, ja  fast  unmöglich  macht.  Quoy  und  Gaimard 
machten  aber  die  Küstenriffe  zu  ihrem  Beobachtungsobject, 
besonders  in  Buchten,  wie  in  der  Bucht  von  Koupang,  wo 
kein  bewegtes  Wasser  sie  in  ihrer  Arbeit  hinderte. 

Daher  trat  ihnen  auch  die  Vorstellung  von  dem  steilen 
und  tiefen  Absturz  des  Kiffes,  welche  bei  ihren  Vorgängern 
den  Gedankenkreis  beherrschte  und  sich  immer  wieder 
aufdrängen  musste,  nicht  sehr  hinderlich  entgegen,  daher 
sind  alle  ihre  auf  die  Atolle  bezüglichen  Bemerkungen  so 
wenig  mit  den  Thatsachen  im  Einklang,  daher  vertreten 
sie  so  scharf  die  Meinung,  dass  die  friedlichen  und 
stillen  Meerestheile  die  Regionen  des  Korallenwachsthums 
sind. 

Noch  ist  auf  eine  Bemerkung  der  beiden  Naturforscher 
aufmerksam  zu  machen,  in  welcher  sie  auf  einen  bei  der 
Bildung  von  Koralleninseln  thätigen  Faktor  hinweisen,  der 
erst  in  neuerer  Zeit  richtig  gewürdigt  worden  ist,  nämlich 
auf  die  Fähigkeit  der  Strömungen,  Kanäle  im  Korallen- 
gestein zu  erzeugen.  Die  hierauf  bezügliche  Stelle  heisst: 
„Dans  les  localites  oü  les  marees  se  fönt  ressentir,  leurs 
courans  seuls  peuvent  quelquefois  creuser  des  canaux  irre- 
guliers  entre  les  Madr^pores,   sans   qu'ils  soient  jamais  en- 


280  Leopold  Böttger: 


combres  de  leurs   especes^   par  la  double   cause   reunie  du 
mouvement  et  de  la  froidure   des  eaux."  ^) 

Lange  Zeit  hindurch  ist  Quoy  und  Gaimard  das  Ver- 
dienst zugeschrieben  worden,  die  ersten  gewesen  zu  sein, 
welche  die  Ringform  der  Atolle  und  die  Anwesenheit  einer 
Lagune  daraus  erklärten,  dass  jenen  ein  Krater  als  Unter- 
lage diene.  Trotzdem  schon  Friedrich  Hofmann  in  der 
nach  seinem  Tode  herausgegebenen  „Physikalischen  Geo- 
graphie" aus  dem  Jahre  1835  behauptet  hat,  dass  Steffens 
diese  Hypothese  viel  früher  geäussert  habe, 2)  hat  sich  dieser 
Irrthum  erhalten,  bis  Du  Bois-Reymond  wieder  Steffens  in 
seine  Rechte  einsetzte.  '^)  Steffens  hat  seine  Ansicht  über 
die  Natur  der  Atolle  in  seiner  Anthropologie  im  Jahre  1822 
ausgesprochen.*)  Er  begründet  seine  Ansicht  mit  der  Ein- 
förmigkeit der  Bildung  der  Koralleninseln  und  mit  der 
Anwesenheit  so  vieler  Vulkane  in  ihrer  Nähe.  Die  Zahl 
dieser  Vulkane  schätzte  er  auf  28  und  er  glaubte,  dass 
spätere  Forschungen  sie  verdoppeln  würde.  Dann  fährt  er 
fort:  „Die  Korallenbauten  enthalten  öfters  Lagunen,  die 
man  wohl  als  eingesunkene  Kratere  betrachten  darf,  ohne 
hier  in  der  Mitte  der  ausgedehntesten  Vulkanität  dem  Vor- 
wurf eines  willkürlichen  Phantasiespieles  ausgesetzt  zu  sein. 
Es  ist  wohl  keinem  Zweifel  unterworfen,  dass  die  ursprüng- 
lich kahlen,  im  Meer  isolirt  stehenden  Basaltberge  die 
Grundlage  für  den  Korallenbau  der  Polypen  gebildet  haben 
und  man  muss  annehmen,  dass  einige  dieser  Berge,  selbst 
bis  zur  ungewöhnlichen  Höhe  wie  Mowna  Roa  auf  den 
Sandwichsinseln  hervorragten,  während  andere  vulkanische 
Berge  bis  unter  die  Oberfläche  des  Meeres  einsinken ,  in 
der  Mitte  durch  die  in  sich  hineingesunkenen  Kratere  an- 
sehnliche Vertiefungen  bildend.  Eine  Art  Solfataren,  die 
unter  dem  Meere  erlöschen.  Wie  die  Korallen  ihren  stets 
wechselnden  Bau  an  die  über  das  Meer  hervorragenden 
Basaltberge  anschlössen,  so  auch  an  die  Ränder  der  aus 
der   Tiefe  hervorragenden  Basaltberge,    welche  die   Ober- 


1)  a.  a.  0.  S.  278. 

2)  Du  Bois-Eeymond,   Chamisso  als  Naturforscher.    S.  60. 

3)  a.  a.  0.  S.  32  und  S.  60. 

4)  a.  a.  0.  S.  60. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von   den  Korallenbauten.     281 

fläche  des  Meeres  nicht  erreichten.  Die  eingestürzten  Kratere 
in  der  Mitte  dieser  Berge  bilden  die  Lagunen,  die  daher 
durchgängig  Meerwasser  enthalten.  So  entstanden  die  so- 
genannten niedrigen  Inseln.  Es  ist  unmöglich,  die  Bildung 
der  hohen  und  niedrigen  Inseln  im  Südmeere  mit  einander 
zu  vergleichen,  ohne  unwillkürlich  zum  Schluss  gedrängt 
zu  werden,  dass  das  unter  dem  Meer  liegende,  durch 
Korallen  uns  versteckte  Grundgebirge  dem  hervorragenden 
der  hohen  Inseln  ähnlich  sein  muss.  Das  folgt  aus  dem 
gemeinschaftlichen  Vorkommen  beider  in  vielen  Insel- 
gruppen."^) Quoy  und  Gaimard  scheint  aber  der  Aufsatz 
Steffens  nicht  bekannt  gewesen  zu  sein,  vielmehr  ist  anzu- 
nehmen, dass  sie  selbständig  zu  dem  gleichen  Resultate 
gelangt  sind,  trotzdem  sie  ebensowenig  wie  ihr  Vorgänger 
je  ein  Atoll  gesehen  hatten.  Sie  sind  zwar  bei  einigen 
der  Karolineninseln  vortibergefahren ,  aber  ohne  hier  anzu- 
halten ;2j  auch  drücken  sie  ihr  Erstaunen  darüber  aus,  in 
Kotzebues  Atlas  mehrere  Inseln  in  einem  Ring  gruppirt  zu 
sehen  und  bemerken  dazu  in  einer  Fussnote:  „Cette  dispo- 
sition  ne  serait  —  eile  point  due  ä  des  crateres  sous  marins, 
sur  les  bords  desquels  les  lithophytes  auront  travaille?" 

Während  hier  dieser  Gedanke  nur  nebenhin  geäussert  ist, 
erfährt  er  bald  eine  bessere  Würdigung,  indem  ihn  Lesson 
und  Gar  not,  die  Naturforscher  der  Duperry'schen  Expedition 
auf  der  „La  Coquille",  aufgreifen  und  zu  begründen  suchen. 
Ihre  Reise  um  die  Welt  fand  im  Jahre  1820  statt,  die 
Bearbeitung  erschien  1828. 3)  4)  Sie  sind  der  Meinung,  dass 
die  Koralleninseln  alle  vulkanischen  Grund  haben,  aber 
nicht  Glieder  eines  untergegangenen  Kontinents  sind.  ^) 
Die  Korallen  haben  erst  in  geringer  Entfernung  vom  Wasser- 


1)  Henrik  Steffens,  Anthropologie.    B.  I.    S.  320. 

2)  Annales  des  scienses  naturelles.    B.  VI.     1825.    S.  289. 

3)  Voyage  autour  du  monde  de  la  Coquille.  Zoolog.  Theil.  I.  I. 
S.  315. 

4)  Also  nicht  Barrow  ist  der  nächste  nach  Quoy  und  Gaimard, 
der  Bemerkungen  zu  dieser  Frage  macht,  wie  Du  Bois-Eeymond 
meint.  (Du  Bois-Eeymond,  Chamisso  als  Naturforscher,  Separataus- 
gabe.   S.  60.) 

5)  a.  a.  0.  S.  10. 


282  Leopold  Büttger: 


Spiegel  angefangen  zu  bauen,  denn  die  Zigzaglinien  und 
Unterbrechungen  im  Riffe  sind  nur  so  zu  erklären,  dass 
die  Thiere  in  gewissen  Tiefen  Anhaltepunkte  nöthig  haben, 
welche  fähig  sind,  ihre  Verbreitung  zu  unterstützen.  Dies 
wird  dadurch  bewiesen,  dass  sich  die  Korallenbänke  niemals 
weit  ausdehnen  und  immer  von  den  Inseln  abhängig  sind. 
Brachte  die  Eruption  einen  Vulkan  nicht  bis  an  die  Ober- 
fläche, so  setzten  sich  die  Zoophyten  an  seinen  Rändern 
fest  und  führten  sie  mit  ihren  steinichten  Leibern  bis  an 
den  Wasserspiegel.  Der  Krater  bildet  dann  die  Lagune 
und  die  durch  die  Erosion  ausgehöhlten  Kraterränder  die 
Kanäle,  welche  Einlass  in  den  Innern  See  gewähren.  Die 
Tiefe  im  Zentrum  der  Lagune  würde  dann  um  so  beträcht- 
licher sein,  je  heftiger  die  Auswürfe  des  Vulkans  waren. ^) 
Auf  Grund  dieser  Anschauung  über  die  Entstehung 
der  Koralleninseln,  theilen  sie  diese  ein  in  1)  Küstenriffe 
(les  recits  simples),  2)  alleinstehende  Atolle  (motous  a  lagons) 
und  3)  Koralleninseln,  welche  Gruppen  bilden  wie  die 
Karolinen-  und  Palauinseln.  Letztere  stehen  nach  ihnen 
auf  einem  gemeinsamen ,   weiten  und  seichten  Plateau.  2) 

Lesson  und  Garnot  machen  somit  den  ersten  Versuch, 
die  Entstehung  der  Inseln  als  Eintheilungsprinzip  zu  be- 
nutzen. Sie  sind  auch  die  ersten,  welche  auf  die  Beziehungen 
zwischen  den  Strömungen  der  KüstenflUsse  und  der  Lage 
der  Oefifnungen  in  Küstenriffen,  welche  immer  vor  den 
Flussmündungen  liegen,  aufmerksam  machen. 

Im  Jahre  1830  macht  John  Barrow^)  in  einem  der 
Londoner  geographischen  Gesellschaft  mitgetheilten  Reise- 
bericht des  Lieutenants  Kendal  über  die  Neu-Shetlands- 
inseln  einige  Bemerkungen  zu  unserm  Gegenstand,  da  sich 
in  dieser  Inselgruppe  eine  der  Insel  St.  Paul  ähnlich  ge- 
staltete Insel  mit  einer  Lagune  in  der  Mitte  vorfand.  Hier- 
bei bemerkt  Barrow,  dass  er  schon  vor  vielen  Jahren  zu 
der  Ansicht  gekommen  sei,  dass  die  Koralleninseln  der 
Südsee  auf  ähnlichen  submarinen  Inseln  ruhen  müssen. 
Im    Jahre    1832   vertritt    er    diese   Ansicht    auch    in    einem 


1)  a.  a.  0.  S.  315. 

2)  a.  a.  0.  S.  10. 

3)  Journal  of  geogr.  Society.    London  1880.    S.  62. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     283 

Artikel  im  „Ausland",  i)  und  stützt  sich  dabei  vornehmlich 
auf  das  häufige  Vorkommen  von  Bimsstein  auf  den  Korallen- 
inseln. 

Wichtige  Stützen  brachte  Kapitän  Beechey^j  für  die 
Kraterhypothese  von  einer  Seereise  heim.  Er  war  auf  dem 
Schiff  „Blossem"  ausgesandt  worden,  die  Schiffbarkeit  der 
Nordwestpassage  zu  untersuchen.  Da  das  Schiff  für  eine 
lange  Keise  bestimmt  war,  so  war  es  besonders  gut  aus- 
gerüstet für  langwierige,  wissenschaftliche  Beobachtungen 
und  Experimente.  So  hatte  Beechey  auch  alle  erforder- 
liche Mittel  um  Tiefseelothungen  vorzunehmen  und  eine 
grosse  Anzahl  von  Inseln  auszumessen  und  aufzunehmen. 
Von  ihm  erfahren  wir  daher  Näheres  über  die  Proportionen 
der  verschiedenen  Rifftheile  in  Maass  und  Zahl. 

Die  Inseln  sind  nach  ihm  selten  mehr  als  2  Fuss  (0,6  m) 
über  die  Meeresoberfläche  erhoben.  ^)  Die  Breite  der  Inseln 
beträgt  im  Durchschnitt  300  —  400  yards  (100—120  m), 
vor  der  Insel  befindet  sich  eine  30 — 50  yards  (10 — 20  m) 
breite,  zur  Zeit  der  höchsten  Fluth  2  —  3  Fuss  (2/3  —  Im) 
unter  Wasser  stehende  Bank.  ,, Alsdann  versenken  sich  die 
Wände  der  Insel  jäh,  wie  es  scheint,  vermöge  der  Auf- 
einanderfolge von  geneigten  Bänken,  die  durch  zahlreiche 
an  den  Kapitalen  zusammengewachsene  Säulen  gebildet 
werden,  in  deren  Zwischenräumen  das  Senkblei  mehrere 
Faden  tiefer  fällt."'')  Beechey  bestätigt  die  Angabe 
Flinders,  dass  das  Riff  auf  der  Windseite  die  Oberfläche 
des  Wassers  eher  erreicht  als  auf  der  Seeseite.  Er  sagt 
hierüber:^)  Es  findet  bei  ihnen  (den  Koralleninseln)  durch- 
gehends  die  Kegel  statt,  dass  die  dem  Meere  zugekehrte 
Seite   höher  und   vollkommener  als   die   andere,  ja  häufig 


1)  Ausland.    No.  16.    1832.     S.  60. 

2)  Narrative  of  a  voyage  to  the  Pacific  and  Beering's  Strait  etc. 
London.  1831.  S.  192  und  im  Auszug  im  Journal  of  Royal.  Geog. 
Soc.     London.    1831.     B.  I.    S.  216. 

3)  Beechey,  Reise  nach  dem  stillen  Ozean  und  der  Beerings- 
strasse  in  den  Jahren  1825—28.  Neue  Bibliothek  der  Reisebeschreib, 
von  Bertuch.    Bd.  59  u.  61.     1832.    Bd.  I.     S.  299. 

4)  a.  a.  0.  S.  300. 

5)  a.  a.  0.  S.  300. 


284  Leopold  Böttger: 


auch  gut  mit  Waldung  bestanden  ist,  während  die  andere 
zum  Theil  oder  ganz  unter  Wasser  steht.  „Bestätigt  sich 
dieser  Umstand  bei  andern  Koralleninseln,  so  ist  er  höchst 
charakteristisch,  aber  aus  der  fortwährenden  Einwirkung 
des  Passatwindes  nicht  hinreichend  zu  erklären.  Sobald 
das  Riff  einmal  die  Oberfläche  erreicht  hat,  lässt  sich  die 
Wirkung  des  Passatwindes  leicht  nachweisen,  allein  es 
scheint  nicht  möglich,  dass  derselbe  seinen  Einfluss  so  tief 
unter  dem  Wasser  erstreckt  als  manches  Riff  liegt.''  ^)  Weiter 
bemerkt  er:  ,,An  den  Spitzen  und  Ecken  versenken  sich 
diese  Inseln  weniger  schroff  und  wie  es  mir  scheint  regel- 
mässig in  die  See  als  an  den  Seiten.  2)  An  diesen  Stellen 
(wo  die  beiden  Seiten  der  Insel  zusammenstossen)  sowie 
überhaupt  in  den  schmalen  Theilen  der  Lagune,  sind  die 
Korallenthierchen  in  grosser  Anzahl  vorhanden,  obwohl  sie 
sich  im  Allgemeinen  in  sämmtlichen  Lagunen  in  ziemlich 
gleicher  Zahl  vorfinden." ^j  Die  Tiefe  der  Lagune,  die  er 
gleich  seinen  Vorgängern  bis  20 — 38  Faden  (35  —  70  m) 
angiebt,  ist  nach  ihm  im  Allgemeinen  abhängig  von  dem 
Alter  des  Riffes,  so  dass  die  seichtesten  die  ältesten  sind, 
eine  Ansicht,  die  wir  heute  als  vollständig  unhaltbar  be- 
zeichnen müssen. 

Beeehey  beobachtete,  wie  die  Korallenbauten  in  der 
Lagune  in  Form  von  abgestutzten  Kegeln  emporsteigen. 
Daraus  schliesst  er,  dass  sich  auch  das  Riff  aus  solchen 
Formen  entwickelt  hat,  indem  mehrere  solche  Hügel,  welche 
neben  einander  standen,  verschmelzen  mussten,  wenn  die 
Korallen  an  der  Oberfläche  des  Wassers  in  ihrem  Weiter- 
wachsen gehemmt,  gezwungen  wurden,  sich  seitwärts  aus- 
zubreiten. "1) 

Beeehey  macht  auf  die  weite  Verbreitung  der  Erschein- 
ung, dass  die  Lücken  im  Riffe  der  hohen  Inseln,  in  der 
Richtung  der  von  den  Bergen  herabkommenden  Flüsse 
liegen,  aufmerksam.  Er  fand  diese  Thatsache  durchgehends 
bestätigt.    Zu  ihrer  Erklärung  bemerkt  er,  „dass  die  Litho- 


1)  a.  a.  0.  S.  301. 

2)  Diese  Bemerkung  ist  später  oft  bestätigt  worden. 

3)  a.  a.  0.  S.  301. 

4)  a.  a.  0.  S.  302. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  KorallenbRuten.      285 

phyten  sich  vor  dem  Süsswasser  scheuen,  ist,  da  dieses 
Dicht  ihr  natürliches  Element  bildet,  sehr  erklärlich,  und 
wahrscheinlich  enthält  dasselbe  auch  keine  Materialien ,  mit 
denen  sie  bauen  könnten."!)  Die  Ansicht,  dass  diese 
Lücken  einfach  die  Fortsetzungen  der  Thäler  unter  dem 
Wasser  seien,  scheint  ihm  mit  Kücksicht  auf  ihre  im 
Verhältniss  zu  den  Thälern  ausserordentliche  Schmalheit 
nicht  zutreffend.  Auch  fand  er,  dass  die  Tiefe  der  Kanäle 
bis  zu  einer  Grenze  hinabsteigt  (bis  25  Fuss  =  8  m),  welche 
man  wohl  auch  als  die  ungefähre  Grenze  annehmen  könnte, 
bis  zu  welcher  der  Einfluss  des  süssen  Wassers  reicht. 
Beechey  meint,  sich  das  Verdienst  zuschreiben  zu  müssen, 
zuerst  erkannt  zu  haben,  dass  ein  Atoll  nicht  eine  Insel- 
gruppe, sondern  eine  einzige  Insel  bildet,  da  er  bei  näherer 
Untersuchung  fand,  dass  die  Riffmauer  unter  dem  Wasser 
fortgeht.  2)  Diese  Thatsache  ist  aber  schon  vor  ihm  von 
Chamisso  dargethan  worden.'^) 

In  der  Frage  über  das  Fundament  der  Koralleninseln 
ist  Beechey  der  Ansicht ,  dass  sie  auf  Bergen ,  die  höchstens 
400—500  Fuss  (140—170  m)  hoch  mit  Wasser  bedeckt 
sind,  gegründet  werden.  Dass  die  Unterlage  Vulkane  sind, 
ist  ihm  wegen  der  Grösse  vieler  Atolle,  die  die  Grösse 
der  auf  der  Erde  bekannten  Kratere  beträchtlich  übersteigt, 
nicht  sehr  wahrscheinlich.  ^) 

Wenngleich  sonach  Beechey  selbst  sich  nicht  als  un- 
bedingten Anhänger  der  Kraterhypothese  hinstellen  konnte, 
so  betrachtet  man  doch  ziemlich  allgemein  die  Ergebnisse 
seiner  Untersuchungen  als  Stützen  derselben.  Insbesondere 
war  es  die  Thatsache,  dass  er  in  mehreren  Atollen,  so  in 
der  Gambiergruppe,  noch  vereinzelte  Trümmer  vulkanischen 


IJ  a.  a.  0.  S.  307. 
2}  a.  a.  0.  S.  306. 

3)  Ainsworth  stellt  Chamisso  gerade  als  Verfechter  der  gegen- 
theiligen  ..Ansicht  hin,  wahrscheinlich  veranlasst  durch  die  von 
Chamisso  gebrauchte  Bezeichnung  Inselgruppe  für  Atoll.  (Jour. 
of  Eog.  Geogr.  Soc- London  1831.)  S.  131.  Chamisso  erklärt  aber 
ausdrücklich:  Le  recif  presente  au  temps  du  reflux  l'image  d'une 
large  chaussee,  qui  unit  entre  elles  les  iles,  qu'il  Supporte,  Chamisso» 
Werke.    B.  II.  S.  393. 

4)  a.  a.  0.  S.  305. 


286  Leopold  Büttger: 


Gesteins  hervorragen  sah,  welche  für  die  Kraterhypothese 
für  besonders  günstig  gehalten  wurde.  In  diesem  Sinne 
spricht  sich  schon  Ainsworth  aus,  welcher  im  Journal  of 
Royal  Geogr.  Society  of  London  1831  einen  Bericht  über  die 
wissenschaftlichen  Resultate  der  Expedition  des  Biossoms 
giebt.  Von  ihm  erhalten  wir  hierbei  gleichzeitig  einen 
Erklärungsversuch  der  von  Beechey  so  allgemein  ange- 
troffenen Erscheinung,  dass  die  Korallenriffe  auf  der  Seite 
unter  dem  Winde  niedriger  sind  als  auf  der  entgegengesetzten. 
Er  wendet  sich  gegen  die  Ansieht  Flinders,  dies  aus  dem 
Instinkte  der  Thiere  erklären  zu  wollen,  leitet  diese  Er- 
scheinung vielmehr  aus  dem  Einfluss  der  Strömungen  auf 
die  Wachsthumsrichtung  der  Korallen  ab.  An  der  Wind- 
seite, meint  er,  arbeite  diese  der  horizontalen  Ausbreitung 
der  Thiere  entgegen  und  zwinge  diese  dadurch  ihre  Wachs- 
thumsenergie  auf  ein  verticales  Wachsthum  zu  verwenden; 
80  entständen  hier  die  Steilabstürze,  die  aber  nicht  so  seien, 
als  ob  die  Insel  auf  einem  Stil  stände,  wie  Forster  meint, 
während  auf  der  entgegengesetzten  Seite,  wo  sich  die  Thiere 
gleichmässig  nach  beiden  Richtungen  hin  verbreiten  können, 
das  Riff  erst  später  die  Oberfläche  erreicht.  Wir  sehen 
hier  ganz  dieselbe  Idee  entwickelt,  weiche  Semper  i)  später, 
wie  es  scheint,  vollständig  unabhängig  von  seinem  Vor- 
gänger zur  Erklärung  der  Tiefenverhältnisse  am  Riff  be- 
nutzte. 2) 


1)  Zeitschrift  für  wissenschaftliche  Zoologie.  1863.    Bd.  13.    S.  569. 

2)  Im  englischen  Original  heisst  die  hierauf  bezügliche  Stelle: 
„For  if  the  lateral  movements  ofthe  polypi,  ortheir  natural  tendency 
to  horizontal  constructiou,  happens  to  be  impeded  in  any  one  direction, 
they  will  gain  vertically  what  they  lose  horizontally;  and  the  resistance 
being  equal  on  the  same  side,  the  true  horizontal  extent  will  be 
everywhere  the  same  and  a  wall  will  beformed:  while  in  an  opposite 
direction,  the  same  circumstances  not  being  in  existance,  the  con- 
structions  of  the  polypi  will  extend  horizontally  as  well  as  vertically, 
and  consequently  will  not  rise  with  the  same  degree  of  rapidity  as 
those  which  are  erected  to  the  windward,  and  hence  would  result 
an  appearance  as  if  this  windward  bulwark  had  really  been  erected 
by  the  instinctive  foresight  of  the  animalculae  (Journ.  of  K.  Geogr. 
Soc.  London.  1831.  S.  217).  Ainsworth  und  Semper  haben  beide 
den  Gedanken  gemeinsam,  dass  die  Ströme  richtend  auf  das  Wachs- 
thum   der    Korallen    einwirken,  gehen   aber    insofern   aus   einander, 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von    den  Korallenbaiiten.      287 

Ainswortli  wendet  sieb  dann  Damentlich  gegen  Quoy 
und  Gaimard.  Er  hält  es  für  gänzlicli  unzulässig  anzu- 
nehmen, dass  eine  nur  einigermassen  grosse  und  beständig 
bewohnte  Insel  niemals  aus  Korallengestein  bestehen  könnte, 
dass  die  Korallen  überhaupt  nur  wenige  Fuss  dicke  Schichten 
zu  bilden  im  Stande  wären.  Den  Widerspruch,  welcher 
durch  die  augenscheinlich  grosse  Mächtigkeit  der  Korallen- 
felsen einerseits  und  der  geringen  Tiefe,  in  welcher  allein 
die  grossen  Korallenarten  zu  leben  vermögen  andererseits, 
hervorgerufen  wird,  sucht  er  in  ähnlicher  Weise  zu  lösen, 
wie  es  heutzutage  geschieht,  nämlich  mit  Zuhilfenahme 
gesonderter  Lebens-  und  Tiefenzonen  für  verschiedene  Art- 
gruppen. „Why  may  not  the  branched  madrepores,  which 
live  at  considerable  depth,^)  have  formed  the  platform  for 
their  reception,  just  as  we  see  the  marine  algae  distributed 
in  different  zones  or  depth  of  the  sea."^) 

Die  von  Beechey  als  Regel  hingestellte  Erscheinung, 
dass  die  Windseite  stets  viel  höher  ist  als  die  entgegen- 
gesetzte, führt  Lyell 3)  dazu,  die  Veränderung  des  Meeres- 
niveaus zur  Erklärung  herbeizuziehen.  Für  einen  Unter- 
schied von  so  grossem  Betrage  in  der  Höhe  der  beiden 
Riffseiten  wie  bei  der  Mateidainsel  in  der  Gambiergruppe, 
wo  die  eine  Seite  eine  bewaldete  Insel  darstellt,  während 
die  andere  20 — 30  Fuss  unter  Wasser  ist,  scheint  ihm  die 
von  Beechey  gegebene  Erklärung  ungenügend.  Daher  nimmt 
er  an,  dass  eine  mehrmalige  Senkung  infolge  von  Erdbeben 
eingetreten  sei,  denn  dann  wird,  wenn  die  Senkung  immer 
nur  wenige  Fuss  beträgt,  der  vorherige  Zustand  durch 
Nachwachsen  der  Korallen  geschaffen  und  von  Neuem  kann 
die  Windseite   sich   erhöhen,    während    die    andere   relativ 


als  der  erstere  den  das  Eiflf  vertical  treffenden  Strom  eine  senkrechte 
Mauer  erzeugen  lässt,  während  bei  Semper  der  tangirende  Strom  diese 
"Wirkung  besitzt,  der  vertical  auftreffende  aber  die  entgegengesetzte, 
daher  lallt  nach  ihm  das  Eiff  auch  nicht  auf  der  Windseite,  sondern 
auf  der  Seeseite  steil  ab. 

1)  Kapitän  Beechey  sah  lebende  Korallen  in  180  Fuss  Tiefe  auf 
Ducie  Island. 

2)  a.  a.  0.  S.  218. 

3)  Principles   of  Geology,  First  edition.    1832.    Vol.  II.     S.  293. 


288  Leopold  Böttger: 


zurückbleibt.  Eine  Wiederholung  dieses  Vorganges  kann 
Ungleicbheiten  von  noch  viel  grösserem  Umfang  hervor- 
bringen. Zur  Annahme  einer  beträchtlichen  Senkuug  des 
Meeresbodens  im  stillen  Ozean  war  Ljell  auch  gekommen, 
um  die  Inselarmuth  und  die  Kleinheit  der  Inseln  in  diesem 
Meere  zu  erklären,  da  er  meinte,  bei  unveränderlichem 
Wasserspiegel  hätten  die  Thätigkeit  der  Korallen  und  die 
ausfliessenden  Lavaströme  mehr  festes  Land  schaffen  müssen 
als  wir  jetzt  antreffen,  i)  Im  Uebrigen  stand  Lyell  auf  dem 
Boden  der  Vulkantheorie  und  zwar  aus  folgenden  Gründen : 
Erstens,  weil  es  in  der  Korallenregion  viele  Vulkane  giebt, 
zweitens,  weil  sich  in  der  Lagune  vieler  Atolle  (der  jetzigen 
Wallriffe)  häufig  Felsen  von  poröser  Lava  finden, 2)  drittens 
sich  auch  in  Vulkaninseln  Einbrüche  finden  und  viertens, 
weil,  wie  er  später  hinzufügte,  durch  die  Untersuchungen  von 
Ehrenberg  bewiesen  wurde,  dass  die  Korallenbildungen  des 
rothen  Meeres  niemals  atollförmig  sind,  obgleich  dort  die- 
selben Arten  vorkommen  wie  in  der  Südsee, ^)  es  also  nicht 
der  eigne  Instinkt  der  Thiere  sein  kann ,  der  sie  zur  Bildung 
der  Ringform  veranlasst. 

Die  Ansicht,  dass  die  Atolle  eine  vulkanische  Grund- 
lage haben ,  welche  ihnen  ihre  morphologischen  Eigenthüm- 
lichkeiten  verleiht,  hatte  sich  demnach  ziemlich  rasch  Bahn 
gebrochen  und  hervorragende  Gelehrte  für  sich  gewonnen. 
Wohl  nur  wenige  verhielten  sich  immer  noch  ablehnend 
gegen  die  von  Quoy  und  Gaimard  ausgesprochene  Meinung 
von  der  geringen  Mächtigkeit  der  Korallenkalklager  (so 
z.  B.  Professor  Reichardt,^)  der  die  Riffe  der  Sundainseln 
kennen  gelernt  hatte) ,  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
hatte  sich  ja  auch  Beechey  dagegen  ausgesprochen.  Doch 
auch  diese  Stimmen  verstummten  bald,  als  Ehrenberg  im 
Jahre  1834  in  den  Abhandlungen  der  Berliner  Akademie 
der  Wissenschaften    die  Resultate  seiner  Studien   in  einem 


1)  Lyell  a.  a.  0.  Vol.  I.  S.  296. 

2)  Darüber  hatte  Beechey  Mittheilungen  gemacht. 

3)  Jetzt  wissen  wir,  dass  diese  Uebereinstimmung  nicht  so  gross 
ist,  wie  man  früher  glaubte. 

4)  Dictionnaire     des     sciences    naturelles.      Article    Zoophyte. 
1830.     S.  95. 


Geschichtliche  DnrstelluDg  etc.  von  den  Korallenbauten.      289 

Aufsatze  „lieber  den  Bau  und  die  Bildung  der  Korallen- 
bauten im  rothen  Meere"  veröffentlichte.  ^)  Ehrenberg 2)  hatte 
mit  Hemprich  18  Monate  am  rothen  Meere  verlebt,  9  in  den 
Jahren  1823  und  24  und  ebensoviel  im  Jahre  1825,  hatte 
einen  grossen  Theil  dieser  Zeit  zu  Schiffe  verbracht  und 
nicht  weniger  als  45  Inseln  und  Riffe  einer  genauen  Be- 
trachtung und  einem  eingehenden  Studium  unterworfen. 
Zum  ersten  Male  hatte  sich  ein  Forscher  so  lange  Zeit  auf 
einem  verhältnissmässig  so  kleinen  Gebiete  dem  Studium 
der  Korallenthiere  und  -riffe  gewidmet.  Das  Resultat  war 
daher  auch  eine  Fülle  von  Beobachtungsmaterial,  wie  es 
uns  vorher  noch  Niemand  geboten  hatte,  eine  Menge  von 
Thatsachen,  die  manche  schwebende  Frage  in  das  rechte 
Licht  stellen  sollten. 

Als  Einleitung  zur  Darstellung  der  Ergebnisse  seiner 
Forschungen  am  rothen  Meere  giebt  Ehrenberg  eine  histo- 
rische Uebersicht  über  unsere  Kenntnisse  von  der  Natur 
und  Bildung  der  Korallenriffe,  auf  deren  Inhalt  oben  oft 
hingewiesen  wurde.  Sie  ist  die  erste  historische  Behandlung 
unseres  Gegenstandes  und  ist  bis  auf  den  heutigen  Tag 
auch  die  einzige  geblieben.  Aus  ihr  haben  alle,  welche 
Daten  zu  diesem  Kapitel  gebracht  haben,  geschöptt.  Ehrenberg 
schliesst  diesen  Abschnitt  seiner  Untersuchungen,  welcher 
bis  zu  Quoy  und  Gaimard  führt,  mit  den  Worten:  ,,Eine 
specielle  Vergleichung  dieser  verschiedenen  Nachrichten 
verdienstvoller  Seefahrer  und  Naturforscher  giebt  mehrere 
leicht  zu  erkennende  Gegensätze,  welche  ich  hier  nicht 
weiter  hervorhebe  .  .  .  ."3) 

Gegensätze  in  den  Nachrichten  über  einen  Gegenstand 
können  aber  nur  entspringen  aus  den  Verschiedenheiten 
der  beobachtenden  Subjekte  oder  den  der  beobachteten 
Objekte.  Die  Verschiedenheiten  der  Beobachter  gehen  aus 
den  Verschiedenheiten  ihrer  Erfahrungen  hervor,  sowie  aus 
der  dem  einzelnen  eigenthümlichen  Methode,  welche  er  bei 


1)  Im   Vortrag   hatte  Ehrenberg   diesen    Gegenstand    schon   im 
Jahre  1832  behandelt. 

2)  Siehe  hierzu  auch  Ritter,  Erdkunde.    B.  16.    S.  468  u.  folgende. 

3)  Abh.  d.  Ak.  d.  W.   zu  Berlin  aus  dem  Jahre  1832,   gedruckt 
1834.     S.  402. 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bi].  LXIII.  1S90.  19 


290  Leopold  Böttger: 


seinen  Beobachtungen  befolgt.  Dies  erzeugt  hier  den  Gegen- 
satz aus  der  Beobachtung  aus  praktischen  und  aus  wissen- 
schaftliehen Gesichtspunkten,  die  einen  beobachten  als 
Seefahrer,  die  andern  als  Naturforscher.  Zu  den  ersteren 
gehören  Cook,  Labillardiere ,  Flinders,  Beechey,  zu  der 
zweiten  Gruppe  haben  wir  Forster,  Peron,  Chamisso, 
Eschscholtz,  Quoy,  Gaimard  und  Ainsworth  zu  zählen. 
Die  Seefahrer  bringen  vereinzelte  Beobachtungen  und  zwar 
zumeist  solche,  welche  aus  den  in  ihrem  Beruf  begründeten 
Arbeiten,  hauptsächlich  den  Vermessungsarbeiten,  hervor- 
gehen, oder  solche,  welche  einem  Zufall  entspringen.  Sie 
betrachten  das  Aeussere  des  Riffs,  und  wo  sie  sich  mit  der 
Entstehung  der  Riffe  beschäftigen,  bringen  sie  gewöhnlich 
keine  neuen  Gesichtspunkte,  sondern  schliessen  sich  der 
Meinung  eines  andern  an.  Die  Naturforscher  suchen  die 
Nachrichten  der  Seefahrer  durch  Beobachtungen,  welche 
von  der  kausalen  Betrachtungsweise  gefordert  werden,  zu 
ergänzen  und  suchen  alle  unsere  Kenntnisse  über  den 
Gegenstand  zu  einem  Gesamtbilde  zu  verweben.  Sie  liefern 
uns  daher  die  Prinzipien  bei  den  Erklärungsversuchen,  sie 
allein  klassifiziren  die  verschiedenen  Riffgebilde,  verall- 
gemeinern die  gefundenen  Resultate  und  wenden  sie  zur 
Erklärung  anderer  Naturerscheinungen  an. 

In  Wirklichkeit  sind  die  Gegensätze  nicht  so  scharf, 
wie  sie  hier  gezeichnet  wurden,  weil  unter  den  Seefahrern, 
die  hier  in  Betracht  kommen ,  Männer  von  wissenschaftlichem 
Interesse  sich  befanden,  und  zweitens,  weil  die  Gegensätze 
naturgemäss  erst  bei  einer  grössern  Mannigfaltigkeit  des 
schon  gegebenen  Beobachtungsmaterials  hervortreten  können. 
Daher  sehen  wir  auch  Cook  sich  mit  den  Erklärungen  der 
Entstehung  der  Riffe  beschäftigen,  sehen  das  lebhafte 
Interesse,  das  Flinders  ihnen  entgegenbringt  und  vernehmen 
die  zutreffenden  Bemerkungen  Beecheys.  In  späterer  Zeit 
entwickelt  nur  noch  einmal  ein  Seemann  ^)  seine  Ansichten 
über  die  Bildung  der  Riffinseln;  aber  der  mächtig  an- 
geschwollene Stoff  erdrückt  ihn  bereits. 


1)  Wilkes.    Narrative  of  the  U.  St.  Expl.  Exp.    B.  4.    S.  268. 


Geschichtliche  Dnrstelluns  etc.  von  den  Korallenbauten.     291 

Die  Gegensätze,  welche  ans  dem  beobachteten  Objekt 
entspringen,  gehen  in  unserm  Fall  aus  der  Doppelatellung, 
die  dasselbe  den  beiden  grossen  Naturreichen  gegenüber 
einnimmt,  hervor,  die  erzeugenden  Faktoren  sind  Glieder 
des  organischen  Reiches,  das  Produkt  ist  unorganischer 
Natur.  Die  einen  wenden  daher  ihre  Aufmerksamkeit  der 
Erforschung  der  biologischen  Bedingungen  der  Korallenthiere 
zu  und  beurtheilen  von  ihnen  aus  die  Eigenschaften  des 
Riffes,  was  besonders  scharf  bei  Quoy  und  Gaimard  hervor- 
tritt; andern  sind  die  Riffe  vorzüglich  Gebilde,  welche  die 
Oberflächengestaltung  der  Erde  beeinflussen ;  sie  betrachten 
dieselben  vom  geologischen  und  geographischen  Standpunkte. 
Diese  Richtung  wird  am  extremsten  von  Peron  vertreten. 
Ihm  verdanken  wir  daher  die  eingehendsten  aber  natur- 
gemäss  wieder  beschränkt  bleibenden  Untersuchungen  über 
die  Verbreitung  der  Riffe.  Die  Gegensätze  entwickeln  sich 
vielfach  erst,  oder  fanden  hier  wenigstens  neue  Nahrung, 
aus  den  Verschiedenheiten  der  einzelnen  Riffformen.  Schon 
oben  wurde  betont,  dass  Quoy  und  Gaimard  ihre  Ansichten 
auf  Studien  gründeten,  welche  sie  an  Küstenriffen  gemacht 
hatten,  für  Peron  wurden  die  von  ihm  an  den  gehobenen 
Riffen  Timors  gemachten  Wahrnehmungen  massgebend. 
Welchen  Einfluss  das  Studium  der  Atolle  haben  musste,  ist 
schon  oben  ausgeführt  worden. 

Der  weitere  Theil  der  Ehrenberg'schen  Abhandlung 
enthält  dann  seine  Beobachtungen  über  die  Verbreitung, 
Gestaltung  und  Form  der  Riffe  des  rothen  Meeres,  über 
ihre  Beziehungen  zu  den  geognostischen  Verhältnissen  des 
Gebiets,  über  den  Antheil,  den  Korallenthiere  am  Aufbau 
der  Riffe  nehmen  und  über  ihr  geschichtliches  Wachsthum. 
Zuletzt  giebt  er  eine  Zusammenstellung  seiner  ,, Erfahrungen 
über  die  Verhältnisse   der  Korallenthiere  als  Felsmassen". 

Der  Abschnitt,  welcher  über  die  Gestalt  und  Form  der 
Riffe  des  rothen  Meeres  handelt,  i)  giebt  uns  zum  ersten 
Male  eine  eingehende  Beschreibung  der  Küstenriffe,  deren 
Studium  bis  jetzt  von  den  verschiedenen  Autoren  gänzlich 
vernachlässigt    worden    war.      Quoy    und    Gaimard    hatten 


1)  a.  a.  0.  S.  409  —  411. 

19^ 


292  Leopold  Böttffer: 


zwar  an  ihnen  Untersuchungen  angestellt,  sie  unterlassen 
es  aber,  uns  eine  Schilderung  dieser  Art  von  Riffen  zu 
geben.  Daher  füllt  Ehrenberg  eine  grosse  Lücke  in  unsern 
Kenntnissen  von  den  Riffbauten  aus.  Das  Ergebniss  seiner 
Beobachtungen  ist  folgendes:  Die  charakteristische  Form 
der  Korallenriffe  des  rothen  Meeres  ist  eine  langgestreckte, 
bandartige;  ihre  Richtung  ist  stets  parallel  mit  der  KUste^ 
selbst  wenn  sie  sich  von  ihr  weiter  als  gewöhnlich  ent- 
fernen. Kiemais  aber  sind  die  Riffe  hufeisen-  oder  ring- 
förmig. ')  Nirgends  sind  die  Riffe  auf  der  dem  Winde 
zugekehrten  Seite  erhöht,  vielmehr  konnte  man  melireremal 
ein  schiefes  Ablaufen  nach  dieser  Seite  beobachten.  Sie 
stimmen  aber  mit  den  Riffen  der  Weltmeere  darin  über- 
ein, dass  sie  meist  steil  zum  offenen  Meer  abstürzen  und 
manchmal  über  100  Faden  Tiefe  an  ihrem  Rande  zeigen. 
Nach  der  Landseite  hin  nimmt  die  Tiefe  immer  allmählich 
ab.  Die  Oberfläche  aller  Riffe  läuft  parallel  mit  dem  Meeres- 
spiegel, bei  Fluth  ist  sie  V2  —  ^  Faden  unter  dem  Wasser, 
bei  Ebbe  ragen  hie  und  da  einige  Punkte  soweit  hervor, 
dass  sie  von  den  anprallenden  Wogen  gerade  noch  über- 
schwemmt werden.  An  keiner  Stelle  jedoch  ist  es  zur 
Inselbildung  gekommen.  Der  Rand  des  Riffes  ist  stets 
unregelmässig  ausgebuchtet, 2)  aber  seinem  Gesammteindrucke 
nach   geradlinig. 

üeber  die  Verbreitung  der  Riffe  im  rothen  Meere  stellt 
Ehrenberg  fest,  dass  die  Riffe  dort,  wo  das  Meer  sehr 
seicht  ist,  der  Küste  dicht  anliegen  und  eine  mit  dem  Fest- 
lande unmittelbar  zusammenhängende  Felseinfassung  bilden, 
an  andern  Stellen  dagegen  etwas  weiter  vom  Land  entfernt 
sind,  so  dass  ein  Bootskanal  entsteht.  Dieser  ersten  Riff- 
reihe liegt  häufig  eine  zweite  hin  und  wieder  unterbrochene 
vor,  welche  zur  Bildung  eines  bis  2  Faden  (3,6  m)  tiefen 
Fahrwassers  Anlass  giebt.  Zuweilen  treten  mehrere  parallele 
Reihen   von  Riffen   vor   die  Küste.     Im  tiefen   Meer   fehlen 


1)  Walther  bildet  einige  liDgförmige  Riffe  aus  dem  Meerbusen 
von  Suez  ab.    (Walther,  die  Korallenriffe  der  Sinaihalbinsel.) 

2)  Für  die  Atolle  ist  dasselbe  erst  viel  später  festgestellt  worden. 
Wegen  der  grossen  Schwierigkeiten  bei  der  Untersuchung  ihres  Randea- 
musste  man  so  lange  darüber  im  Unklaren  bleiben. 


G-eschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     293 

die  Riffe.  Damit  wies  Ehrenberg  einen  geoguostischen 
Einfluss  auf  die  Verbreitung  der  Riffe  nach ,  der  eine  weitere 
Bestätigung  durch  die  Wahrnehmung  erhielt,  dass  die  Riffe 
dort  sehr  zahlreich  waren,  wo  augenscheinlich  infolge  vul- 
kanischer Thätigkeit  Hebungen  und  Ausfüllungen  des  Meeres- 
bodens stattgefunden  hatten,  sowie  dass  die  Riffe  selbst 
überall,  wo  eine  Untersuchung  angestellt  wurde,  auf  vul- 
kanischem Gestein  oder,  wie  in  den  meisten  Fällen,  auf 
einem  porösen  Kalkstein  ruhte,  welcher  zugleich  fast  alle 
Inseln  des  rothen  Meeres  zusammensetzt.  Auch  die  Er- 
scheinung, dass  die  Inseln  des  Meeres  die  gleichen  Tiefen- 
verhältnisse wie  die  Riffe  aufweisen,  nach  aussen  zu  steil 
abstürzen,  nach  dem  Lande  zu  aber  infolge  von  Sand- 
anhäufungen sanft  dem  Boden  des  Meeres  zuneigen,  dort 
keine  hier  aber  reichliche  Korallenbekleidung  tragen,  spricht 
dafür. 

Zum  gleichen  Schlüsse  drängt  auch  die  Betrachtung 
der  Vertheilung  der  Korallenthiere  auf  dem  Riffe  und  die 
Untersuchung  der  biologischen  Bedingungen  der  Thiere. 
Ueberall  stellte  der  Korallenkalk  nur  einen  dünnen  bis 
höchstens  1^2  Klafter  starken  Ueberzug  über  das  Grund- 
gestein der  Insel  dar.  Ein  Aufeinanderwachsen  wurde  nur 
bis  zu  drei  Generationen  bemerkt;  nur  selten  fanden  sich 
zerstörte  Korallenfragmente,  auf  denen  andere  Fragmente 
eines  später  entwickelten  und  wieder  abgestorbenen  Stammes 
standen,  dessen  Verzweigungen  eine  dritte  lebende  Generation 
einer  andern  Gattung  trug.  Niemals  war  die  Masse  höher, 
als  dass  nicht  ein  einziger  Stamm  derselben  Gattung  die 
gleiche  Höhe  hätte  erreichen  können.  Niemals  fanden  sich 
Korallenstöcke,  die  vollständig  von  Sand  verschüttet  ge- 
wesen wären,  so  dass  die  todten  Theile  durch  den  Sand 
unverletzt  umhüllt  worden  wären,  wie  das  Flinders  bei 
den  gehobenen  Riffen  Australiens  der  Fall  zu  sein  schien. 
Auch  konnten  lebende  Korallen  aus  keiner  grössern  Tiefe 
als  6  Faden  gezogen  werden  und  ,,in  der  Lebensthätigkeit 
der  Korallenthiere  schien  ihm  etwas  kräftig  Abstossendes 
gegen  parasitische  Formen  ihrer  eignen  Klasse  zu  liegen". 
Zwar   fand  er  oft  andere  Thiere  an  den  Korallenstöcken, 


294  Leopold  Böttger: 


üamentlicb     Balanen,     doch    niemals     andere    Arten     von 
Korallenthieren. 

Von  den  übrigen  Beobachtungen,  die  Ehrenberg  über 
die  Daseinsbedingungen  der  Korallenthiere  machte,  sind 
noch  hervorzuheben,  dass  diese  Thiere  niemals  an  steilen 
Wänden  vorkommen,  dass  der  bewegte  Sand  sie  abtödtet, 
ihre  Verbreitung  daher  von  der  des  festen  Bodens  abhängig 
ist,  dass  die  Brandung  ihrem  Wachsthum  förderlich  ist, 
Beobachtungen ,  die  zwar  meist  schon  vor  ihm  von  andern 
gemacht  worden  waren,  die  aber  erst  durch  ihn  eine  sichere, 
unumstössliche  Unterlage  erhalten  haben. 

Den  allgemeinen  Eindruck  seiner  Untersuchungen  fasst 
Ehrenberg  dahin  zusammen,  dass  ihm  die  „Korallen  nicht 
als  Schöpfer  neuer  Inseln,  sondern  vielmehr  nur  als  Erhalter 
derselben"  erscheinen. 

Wenn  Ehrenberg  auch  weit  entfernt  war ,  die  Resultate 
seiner  Studien  an  den  Riffen  des  rothen  Meeres  ohne  Weiteres 
auf  alle  Korallengebiete  auszudehnen ,  so  war  es  doch  selbst- 
verständlich, dass  er  sich  in  seiner  Ansicht  über  die  Ent- 
stehung der  Atolle  den  Vertretern  der  Vulkantheorie  anschloss. 
Die  Ansicht  Forsters,  dass  sich  die  Korallenthiere  feste 
Wände  gegen  die  tobende  Brandung  bauen,  konnte  er  als 
Zoologe  am  wenigsten  anerkennen.  Schon  die  eigenthtim- 
liche  Struktur  der  Thiere,  bei  denen  der  weiche  Körper 
nach  aussen  liegt,  war  ihm  ein  sicherer  Beweis  für  die 
Unhaltbarkeit  der  Forster'schen  Theorie.  Endlich  ist  noch 
zu  bemerken,  dass  Ehrenberg  die  grosse  Mächtigkeit  fossiler 
Korallenlager  aus  der  Anhäufung  angeschwemmter  Korallen- 
bruchstücke erklärte,  da  er  das  Aufeinanderwachsen  von 
Korallenstöcken  für  unvereinbar  mit  seinen  physiologischen 
Erfahrungen  über  die  Thiere  hielt. 

Fassen  wir  die  Resultate  der  Ehrenberg'schen  Forsch- 
ungen zusammen,  so  ergiebt  sich,  dass  der  eifrige  und 
scharfblickende  Zoologe  zwar  kein  neues  fundamentales 
Prinzip  für  die  Beurtheilung  der  Bildung  von  Korallenriffen 
aufzustellen  vermochte,  dass  er  aber  fast  alle  schwebenden 
Fragen  zu  einem  vorläufigen  Abschluss  brachte.  Was  vor- 
her oft  nur  vermuthet  oder  nur  mit  dürftigen,  wenig  stich- 
haltigen Gründen  belegt  wurde,  machte  er  zur  Gewissheit 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     295 

oder  widerlegte  er  endgiltig  und  wo  keines  von  beiden 
möglicli  war,  sammelte  er  ein  Beobaehtungsmaterial,  das 
die  strittige  Frage  in  ein  helleres  Licht  setzte  und  sie  der 
Lösung  näher  brachte. 

Nicht  lange  nachdem  Ehrenberg  uns  mit  dem  Bau  der 
Korallenriffe  im  rothen  Meere  bekannt  gemacht  hatte, 
erhielten  wir  eine  genaue  Beschreibung  eines  gehobenen 
Atolls,  der  Bermudas  im  atlantischen  Ozean.  In  einer 
scharfsinnigen  Untersuchung  weist  der  englische  Geologe 
Nelson  1)  nach,  dass  sich  sämmtliche  über  dem  Wasser 
gelegenen  Rifitheile,  welche  hier  bis  260  Fuss  (79  m)  an- 
steigen, durch  die  Thätigkeit  der  Winde  entstanden  sind, 
demnach  nicht,  was  man  bis  dahin  annahm,  eine  Niveau- 
veränderung beweisen. 

Ein  langjähriger  Aufenthalt  auf  den  Riffinseln  der 
Bermudas  Hess  ihn  noch  manche  andere  werthvolle  Be- 
obachtung machen,  von  denen  die  auffälligste,  weil  mit 
den  von  mehreren  seiner  Vorgänger  gemachten  Wahr- 
nehmungen in  Widerspruch  stehende  die  ist,  dass  „sich  die 
jungen  Korallen  (germs),  wie  meine  eignen  Beobachtungen 
mich  zu  behaupten  fähig  machen,  unbekümmert  um  die 
Unterlage,  welche  sie  finden,  sich  daran  festsetzen".  2)  Bis 
dahin  galt  es  infolge  der  Angaben  Ehrenbergs  als  eine 
siehergestellte  Sache,  dass  nur  ein  fester  Felsboden  den 
Korallenthieren  eine  Ansiedlung  gestattet,  dass  Sand  aber 
immer  tödtlich  wirkt,  und  heute  ist  man  noch  derselben 
Meinung.  Schon  oben  ist  darauf  hingewiesen  worden ,  dass 
Chamisso,  der  uns  zuerst  Mittheilungen  über  diese  Frage 
macht,  vorsichtig  genug  war,  seine  Beobachtungen  nicht 
zu  verallgemeinern,  da  er  jedenfalls  auch  direkte  Beweise 
für  das  Gegentheil  hatte.  Wenigstens  spricht  er  sich  in 
der  darauf  bezüglichen  Stelle  so  bestimmt  aus,  dass  man 
es  bei  seiner  Zurückhaltung  gegenüber  halbbewiesenen  An- 
sichten annehmen  muss.  Ueber  die  Anlage  neuer  Kolonien 
hatte  vor  Nelson  noch  keiner,  selbst  nicht  Ehrenberg,  direkte 
Beobachtungen  gemacht.     Die  Ansicht,  dass  nur  ein  felsiger 


1)  Nelson.    On   the  Geology.    of  the  Bermudas.    Trans.  Geolog. 
See.  London.    2d  Series.    Vol.  IV.     1837.     S.  103. 

2)  a.  a.  0.  S.  122. 


296  Leopold  Bötte:er: 


Untergrund  die  Bedingungen  zur  Niederlassung  der  Korallen- 
larven biete,  gründet  sich  allein  auf  die  Wahrnehmungen 
an  bereits  bestehenden  Kolonien.  Auch  späterhin,  bis  auf 
den  heutigen  Tag,  hat  Niemand  wieder  darüber  Mittheilungen 
gemacht^),  und  doch  wäre  es  sehr  wünsch enswerth,  über 
diesen  Vorgang  Näheres  zu  erfahren,  da  manche  Frage 
davon  beeinflusst  wird. 

Auch  über  die  Entstehung  der  Atollform  trägt  uns 
Nelson  eine  Ansicht 2)  vor.  Er  denkt  sich  die  Bildung 
dieser  Inseln  in  folgender  Weise:  In  der  Zone  zwischen 
dem  32.  —  34.*^  südlicher  und  nördlicher  Breite,  wo  die  riff- 
bauenden Thiere  in  grossen  Mengen  vorkommen ,  werden 
die  von  einer  Meeresströmung  mitgetragenen ,  anorganischen 
Theile  abgestorbener  Thiere  an  einem  innerhalb  des  Bereichs 
der  Wasserbewegung  etwa  befindlichen  Felsen  allmählich 
erhöhen.  Ist  der  Felsen  mit  seiner  Oberfläche  bis  in  die 
Tiefe,  in  welcher  Korallen  gedeihen  können,  heraufgebracht 
worden,  so  setzen  sich  die  in  der  Strömung  flottireuden 
Keime  der  Korallenpolypen  an  ihn  an  und  zwar  im  All- 
gemeinen in  grösserer  Menge  an  den  Abhängen  der  Kuppe 
als  auf  dem  Plateau,  über  die  sie  von  dem  strömenden 
Wasser  zum  grössten  Theil  hinweggetragen  werden.  Da  die 
meisten  Riffkorallen  ein  verticales  Wachsthum  haben,  so 
wird  der  äussere  Rand  des  Felsgipfels  bald  das  innere 
Plateau  an  Höhe  überragen,  und  es  wird  ein  Bild  ent- 
stehen, das  dem  eines  Atolls  vollkommen  gleicht,  ein  Wall 
von  Riffkorallen  umschliesst  einen  Innern  See.  Die  Bermudas 
stehen  in  einem  Ausläufer  des  Golfstromes,  dessen  Sink- 
stoffe auf  einem  Felsen  einen  Kegel  aufschütteten,  welcher 
den  Korallenthieren  zur  Basis  diente ,  um  ihre  Bauten  auf- 
zuführen. Als  die  atmosphärischen  Einflüsse  den  Thieren 
ein  Weiterbauen  versagten,  hob  sie  der  Wind  über  den 
Spiegel  des  Wassers  und  half  den  Thieren  neue  Gründe 
bilden,  so  dass  die  Inseln  in  einem  beständigen  Wachsthum 
sind.     Bei  einer  Fortsetzung  dieses  Prozesses,  meint  Nelson, 


1)  Neuerdings  hat  Sluiter  im  biologiachen  Zentralblatt  vom 
15.  Febr.  1890  höchst  bemerkenswerthe  Beobachtungen  über  diesen 
Gegenstand  veröflentlicht. 

2)  a.  a.  0.  S.  122. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     -97 

können  noch  viel  grössere  Distrikte  landfest  gemacht  werden 
als  dies  bei  den  Bermndas  der  Fall  gewesen  ist. 

Diese  Hypothese  über  die  Entstehung  der  Atolle  nähert 
sich  sehr  der  in  unserer  Zeit  von  Rein,  Murray,  Guppy  und 
Agassiz  vertretenen,  in  welcher  gleichfalls  die  Beschüttung 
bereits  bestehender  Untiefen  zu  Hülfe  genommen  wird,  um 
einen  genügenden  Riffgrund  zu  schaffen.  Die  Idee  Nelsons, 
die  Ringform  der  Atolle  aus  der  Annahme  zu  erklären, 
dass  der  Rand  eines  unterseeischen  Plateaus  die  meisten 
Thierkeime  empfängt,  ist  von  keinem  seiner  Nachfolger 
wieder  aufgenommen  worden,  vielmehr  haben  sich  alle  für 
die  von  Eschscholtz  ausgesprochene  Erklärung  des  Ring- 
walls entschieden.  Die  Gründe,  die  gegen  Nelsons  Annahme 
sprechen,  sind  folgende:  Aus  einer  Aufschüttung  fein  ver- 
theilten  Materials  resultirt  immer  ein  Kegel.  Da  die  Spitze 
zuerst  die  Zone  der  riffbauenden  Korallen  erreicht ,  muss 
auch  sie  zuerst  besiedelt  werden;  die  Anhäufung  der  auf 
ihr  absterbenden  Thierleiber  lässt  sie  in  rascherem  Tempo 
wachsen  als  die  übrigen  Theile  des  Riffes;  daher  muss  sie 
auch  zuerst  die  Oberfläche  des  Wassers  erreichen:  es  kann 
also  keine  Lagune  unmittelbar  entstehen.  Zweitens  wird 
die  an  den  Rändern  nagende  Brandung  den  sich  ansiedeln- 
den Thieren  viel  grössere  Hindernisse  entgegensetzen  als 
das  langsam  strömende  Wasser  auf  dem  Plateau.  Nelsons 
Hypothese  von  der  Entstehung  der  Atolle  gerieth  rasch  in 
Vergessenheit  als  Darwin  im  Jahre  1839  in  seiner  „Reise 
eines  Naturforschers  um  die  Welt"  und  1842  ausführlicher 
in  „The  Structure  and  Distribution  of  Coral  Reefs"  seine 
geistvollen  Ansichten  über  diesen  Gegenstand  veröffentlichte. 

Hiermit  haben  wir  aber  die  Grenzen  der  historischen 
Gegenwart  erreicht.  Für  die  jenseits  dieser  Grenzen  liegen- 
den Vorgänge  genügt  eine  tabellarische  Uebersicht,  die  ich 
an  eine  Rekapitulation  des  im  Vorhergehenden  behandelten 
Stoffes  anschliessa. 


298  Leopold  Böttger: 


Tabellarisclie  Uebersicht  der  Gescliiclite   unserer 
Kenntnisse  und  Meinungen  der  Korallenbauten. 

I.Die  animistische  Auffassung  der  Korallenriffe. 

IL  Geschichteunser  er  Kenntnisse  von  clenKor  alle  n- 

bauten  bis  zum  Jahre  1778.     Man  betrachtet  die 

Korallenriffe    vom    praktischen    Standpunkte 

aus. 

Im  ersten   Jahrhundert  nach  Christi  Geburt.     Plinius 
hält  die  Eiffe  für  Wälder. 
1540.     Dom    Juan    de    Castro    beschreibt   die   ßiöe    des 

rotheu  Meeres. 
1616.     Pyrard  beschreibt  die  Maledivenatolle. 
1638      tritt    bei    Linschoten    der    Begriff    „Korallenfels" 

zum  ersten  Mal  auf. 
1702      äussert  sich  Strac hau  über  die  felsbildende  Thätig- 

keit  der  Korallen. 
1721      bereist  Thomas  Shaw  das  rothe  Meer. 
1769      Dalrymple  erklärt  die  Riffe  für  Produkte  der  An- 
schwemmung von  KorallenbriichstUcken. 
1775      PeterForskal  beschreibt  die  allgemeine  Erschein- 
ung und  Verbreitung  der  Riffe  im  rothen  Meere. 
Die  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  unternommenen 
Weltumseglungen  stellen  die  weite  Verbreitung  der 
Riffe  fest. 
III.  Geschichte  der  Korallenriffe   vom  Jahre  1778 
bis  zur  Gegen  wart:  Periode  der  wissenschaft- 
lichen Betrachtung  der  Korallenriffe. 
A.  Periode  der  teleologischen  Auffassung  der 
Riffe.     1778  —  1822. 
1783.     F 0 rst  e  r  erklärt  die  Riugform  der  Atolle  als  Produkt 

der  Triebhaudlungen  der  Korallenthiere. 
1785.     Cook   macht  Beobachtungen   über   das  Wachsthum 

der  Riffe  und  Riffinseln. 
1806,     B  a  r  r  0  w  stellt  die  ersten  Versuche  an,   die  Mächtig- 
keit  des  Korallenlagers    auf   einer    niedrigen  Insel 
zu  messen. 
1814.     Flin  ders  beschreibt  das  grosse  australische  Wallriff. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten.     299 

1816.     P  e  r  0  n  bestimmt    die   Grenzen    der    geographischen 

Verbreitung  der  Korallenriffe. 
1821.     Chamisso  nntersuebt  die  geologischen  Verhältnisse 

am  Kadakatoll  und   macht  Beobachtungen  über  die 

Lebensbedingungen   der  Korallen,   über   Flora  und 

Fauna  der  Riffinseln. 

1821.  Eschscholtz  erklärt  die  Entstehung  der  Lagune. 

B.  Geschichte  der  Korallenriffe  unter  der 
Herrschaft  der  Vulkantheorie. 

1822.  Steffens  erklärt  die  Atolle  für  Krönungen  sub- 
mariner Vulkane. 

1825.  Quoy  und  Gaimard  erkennen,  dass  die  Korallen- 
thiere  nur  in  geringer  Tiefe  zu  leben  vermögen. 

1828.  Lesson  und  Garnot  sprechen  sich  für  die  Vulkan- 
theorie aus. 

1831.  Barro  w  spricht  sich  für  die  Vulkantheorie  aus. 

1832.  Lyell  zieht  Veränderungen  im  Meeresniveau  herzu, 
um  die  Tiefenverhältnisse  an  den  Atollen  zu  er- 
klären. 

Ainsworth  verw^endet  die  Strömungen  des  Meeres, 
um  die  Tiefenverhältnisse  am  Riff  zu  erklären. 

1832.  Beechey  vermisst  30  Koralleninseln  auf  und  giebt 
nähere  Mittheilungen  über  die  Morphologie  der  Riffe. 

1834.  Ehrenberg  beschreibt  die  Küsten-  und  Barierriffe 
des  rothen  Meeres. 

1837.  Nelson  stellt  eine  neue  Erklärung  der  Lagunen- 
bildung auf. 

C.  Aeusserungen  zu  der  Entstehung  der  Korallen- 
riffe aus  der  Gegenvrart. 
1839.     Darwin    erklärt    die    Atolle    mit    Hülfe    säkularer 

Senkungen. 
1856.     Le  Conte  betont  den  Einfiuss  der  Meeresströmungen 

bei  Bildung  von  Rififinseln. 
1863.     Sem  per  erklärt  die  Wallriffe  und  Atolle  mit  Hülfe 

von  Strömungen  während  einer  Periode  der  Hebung. 
1870.     Rein   erklärt   die  Atolle  für  Krönungen  submariner 

Berge,  welche  durch  Aufschüttung  organischer  Reste 


300  Leopold  Böttger: 


bis  zur  Zone  des  Wachsthums  der  Korallen  ge- 
stiegen sind. 

1870.  Agassiz  beschreibt  die  landschaffende  Thätigkeit 
der  Korallen  an  der  Halbinsel  Florida. 

1879.  Murray  erklärt  die  Lagune  mit  Zuhülfenahme  der 
auflösenden  Kraft  des  Meerwassers  gegenüber  dem 
kohlensauren  Kalk. 


Anliaiig. 

Zusammenstellung  der  Literatur,  welche  die 

Entstehung  der  Korallenriffe  behandelt, 

vom  Jahre  1842  an.  i) 

1.  Ch.  Darwin:  The  Structure  and  Distribution  of  Coral 
Reefs.  1842.  Zweite  Auflage  1874.  Dritte  Auflage, 
herausgegeben  von  Bonney  mit  einem  Anhang  vom 
Herausgeber  1889. 

2.  R.  V.  Lendenfeld:  Darwins  Korallenriffe.  Referat 
über  den  Anhang  zur  dritten  Auflage  von  Darwins 
Schrift.  (No.  1  in  diesem  Verzeichniss.)  Biolog.  Central- 
blatt.     B.  9.     1889.     S.  564. 

3.  AI.  V,  Humboldt:  Ansichten  der  Natur.  Taschen- 
ausgabe.    Stuttgart  1871.     S.  217. 

4.  J.Dana:  On  Coral  reefs  and  Islands.  New- York  1853. 
London.     1872  und  1883. 

5.  J.  Dana:  Report  on  Geology.  U.  S.  Expl.  Exped. 
S.  756.     1849. 

6.  LeConte:On  the  agency  of  the  Golf-Stream  in  the 
formation  of  the  peninsula  and  the  Keys  of  Florida. 
Albany.  1856.  Proc.  Amer.  Assoc.  X.  1856.  p.  II. 
S.  103. 

7.  L.  Agassiz.  On  the  physical  condition  of  the  Florida 
reef.  Merc.  Mar.  Mag.  1870.     S.  289. 

8.  J.  B.Hunt:  Silliman  Journal.    XXXV.    1863.    S.  388. 


1)  Dieses  Verzeichniss  macht  keinen  Anspruch  auf  Vollständigkeit. 


Geschichtliche  Darstellung-  etc.  von  den  Korallenbauten.     301 

9.  Conthony:  Boston  Journ.  Nat.  Bist.  IV.  1843—1844. 
S.  137.  Proc.  of  Boston.  Soc.  Nat.  Hist.  Januar 
1842.     p.  50. 

10.  A.  Agassiz:  On  the  Tortuga  and  Florida  reefs 
Transact.  of  the  Amer.  Soc.  Vol.  XI.  Mem.  of  the 
American  Acad.  of  Arts  and  science  1885.  Neu  Series. 
XL     p.  107. 

11.  AI.  Agassiz:  Three  cruises  of  the  Steamer  Blake. 
Vol.  I. 

12.  Semper:  Zeitschrift  für  wissenschaftliche  Zoologie. 
B.  13.     1863.     S.  563. 

13.  Semper:  Die  Philippinen  und  ihre  Bewohner.  1869. 
S.  100— 109  und  S.  19  —  33. 

14.  Semper:  Die  natürlichen  Existenzbedingungen  der 
Thiere.    I.  IL     S.  37  und  folgende. 

15.  Semper:  Verhandl.  der  phys.-med.  Gesellschaft  zu 
Würzburg.     1868.     Sitzung  vom  1.  Febr. 

16.  Rein:  Jahresbericht  der  Senkenberg'schen  natur- 
forschenden Gesellschaft.     1870.     S.  158. 

17.  Rein:  Verh.  des  ersten  deutschen  Geographentags. 
1881.    Die  Bermudasinseln  und  ihre  Korallenriffe. 

18.  Wilkes:  Narrative  of  the  United  States  ExpL  Exped. 
Vol.  4.     S.  268. 

19.  Murray:  The  Structure  and  Origin  of  the  Coral  Reefs 
and  Islands.  Proc.  of  the  Royal.  Soc.  Edinburg. 
VoL  X.     1879—1880.     S.  505. 

20.  Geikie:  Proc.  Edinb.  Royal.  Philos.  Soc.  B.  8.  1883. 
Presidial  Address. 

21.  J.  D.  Dana:  The  Origin  of  Coral  Reefs  and  Islands. 
Amer.  Journ.  of.  science.    1885.    B.  30.    S.  89  und  169. 

22.  J.  D.  Dana:  Points  in  the  geological  history  of  the 
Islands  Maui  and  Oahu.  Am.  Journ.  Sc.  1889.  B.  37. 
S.  81. 

23.  Agassiz:  Bul.  Museum  of  Compor.  Zoolog.  Cambridge. 
1889.     B.  17.     S.  121—170. 

24.  Murray:  The  Structure,  Origin  and  distribution  of 
coral  reefs  and  islands.  Proc.  of  R.  Inst,  of  Great 
Britain.  March.  1888.  S.  251.  Nature  1889.  Vol.  39. 
S.  424—28. 


302  Leopold  Böttger: 


25.  P.  Hoff  mann:  Wahrnehmungen  an  einigen  Korallen- 
riffen der  Südsee.  Verh.  d.  Berl.  Gesellsch.  f.  Erdk. 
IX.     1882.     S.  229. 

26.  Rice:   Bull.    U.   St.   Nat.  Mus.     Washington.     N.  25. 

27.  Hochstetter:  Reise  der  Fregatte  Novara.  Geolog. 
Theil.  III.  B.II.  113.  1866. 

28.  Guppy:  Ohservations  of  the  recent  calcarions  formations 
of  the  Salomon  group.     Nature   1885.    B.  33.    S.  202. 

29.  Guppy:  The  Coral  reefs  of  the  Salomon  Islands. 
Nature.    Vol.  35.     S.  77. 

30.  Guppy:  The  Salomon  Islands,  their  geology  etc. 
London.    1887. 

31.  Guppy:  Coral  Islands  and  savage  myths.  Trans.  Vict. 
Inst.  London.     1888. 

32.  Guppy:  A  criticism  of  the  Theorie  of  Subsidence  as 
affecting  Coral  Reefs.  Scottish  Geogr.  Magazine. 
Vol.  IV.     1888.     S.  121. 

33.  Guppy:  The  Cocos-Keelings -Islands.  Scott.  Geogr. 
Mag.'  Vol.  V.     1889.     S.  461. 

34.  Bourne:  The  Atoll  of  Diego  Garcia  and  the  Coral 
Formations  of  the  Indian  Ocean.  Proc.  of  the  Royal. 
Soc.  of  London.  Vol.  XLIII  N.  264.  S.  444  und 
Nature,  12  August.     1888. 

35.  J.  Walt  her:  Die  Korallenriffe  der  Sinaihalbinsel. 
Abh.  der  math. -phys.  Klasse  der  kgl.  sächs.  Gesell- 
schaft d.  Wissenschaften.  B.  XIV.  No.  X.  S.  63.   1888. 

36.  Klunzinger:  Bilder  aus  Oberägypten.     S.  326 — 373. 

37.  Keller:  Madagasear:  1887. 

38.  V.  Richthofen:  Führer  für  Forschungsreisende. 

39.  Supan:  Pet.  Mitt.  1889.     S.  200. 

40.  Wyville  Thomson:  Voyage  of  the  Challenger.  The 
Atlantic.     B.  L     S.  289. 

41.  Forbes:  Notes  on  the  Cocos  or  Keeling  Islands. 
Proc.  of  the  Roy.  Geogr.  Soc.  London.    1879.    S.  777. 

42.  Fred.  Hart:  Geology  and  Physical  Geogr.  of  Brasil. 
Boston  1870.     S.  620. 

43.  Buchanan:  Proc.  Roy.  Soc.  Edinb.  B.  13.  S.  428. 
Proc.  Roy.  Soc.  London.     B.  43.     S.  340. 


Geschichtliche  Darstellung  etc.  von  den  Korallenbauten,     303 

44.  Henrich:  Korallenbildungen.  Humboldt.  1.  Jahrgang. 
S.  252.     2.  Jahrgang  S.  374. 

45.  Kosmos:  Die  Entstehung  der  Korallenriffe.  B.  I. 
S.  210. 

46.  W har ton:  Foundation  ofCoral  Reefs.  Kature.  1888. 
Bd.  38.     S.  568  f. 

47.  Dupont:  Les  iles  coralliennes  de  Roly  et  de  Philipp- 
ville.    Bruxelles  1882. 

48.  Liebe:  Ein  Bryozoenriff.  Humboldt.  2.  Jahrgang. 
S.  224.  , 

49.  V.  Lehnert.  Ueber  Landbildungen  im  Sundagebiet. 
D.  Rundschau  f.  Geogr.  und  Statistik.    5.  Jahrg.    S.  56. 

50.  Reclus:  La  Terre.     Yol.  L     S.  793. 

51.  Brady:  Note  on  the  so  called  Suva  Saopstone.  Geol. 
Soc.  Nov.  1887. 

52.  Th.  Studer:  Ueber  einige  wissenschaftl.  Ergehnisse 
der  Gazellenexpedition.  Verb.  d.  zweiten  deutschen 
Geographentags.     Berlin  1882.     S.  23. 

53.  Nature.  1887/88.  B.  37.  S.  393.  414.  438.  461.  488. 
509.  535.  584.  604.  —  B.  38.  S.  54.  —  B.  39.  S.  424. 
435.  —  B.  40.  S.  53. 102.  125.  173.  203.  27.  —  B.  37. 
S.  81. 

54.  Hahn:  Inselstudien.     176. 

55.  Th.  Studer:  La  formation  corallienne  dans  les  Oeeans 
au  point  de  vue  geologigue.     Geneve  1883. 

56.  H.  B.  Guppy:  Coral  soundings  in  the  Salomon  Islands. 
Ann.  Mag.  N.  H.  (S).     XHL     p.  460—466. 

57.  Crosby:  On  the  elevated  Coral  Reefs  of  Cuba.  Proc. 
Boston  Soc.  N.  H.     XXIL     1884.     p.  124  —  130. 

58.  W.  S  e  1  e  r :  Ueher  die  Bildung  der  Korallenriffe.  Biolog. 
Centralblatt.     IV.     1885.     S.  477—480. 

59.  A.  de  Lepparent:  La  theorie  des  recifs  coralliens. 
Revue  Sc.  Paris.  (3.)  IX.  1885.  p.  556—561. 

60.  H.  B.  Guppy:  Suggestions  as  to  the  mode  of  formation 
of  Barrier  Reefs  in  Bougainville  Sraits  Salomon  Group, 
Proc.  Linn.  Soc.  N.  S.  Wales.  IX.  1885.  p.  949—959. 

61.  Allmann:  On  coral  islands  and  their  architects. 
Proc.  roy.  Inst.  1873.     Vol.  VIL     p.  58  —  67. 


304  Leop.  Böttger:  G-esch.  Darstellung  etc.  v.  d.  Korallenbauten. 

62.  A.  Heilpriu:  The  Bermuda  Islands.  Philadelphia 
1889. 

63.  S.  J.  Hickson:  ,, Theories  of  Coral  Reefs  and  Atolls.'^ 
Address,  British  Assoc.  1888. 

64.  H.  0.  Forbes:  A  Naturalist's  Wandering  in  the 
Eastern  Archipelago.     1885. 

65.  R.  V.  Lendenfeld:  Naturwissenschaftl.  Rundschau. 
13.  Oct.  1888. 

66.  C,  Ph.  Sluiter:  lieber  die  Entstehung  der  Korallen- 
riffe in  der  Javasee  und  Branntweinbai,  und  über  neue 
Korallenbildungen  bei  Krakatau.  Biolog.  Centralblatt. 
B.  IX.  N.  24.  S.  737.  1890  u.  Naturkundig  Tijdschrift 
V.  Neerlandsch.  Indie  B.  XIIX. 

67.  W.  Fewkes:  On  the  Origin  of  the  present  form  of 
the  Bermudas.  Proc.  Boston.  Soc.  Nat.  Hist.  B.  23. 
S.  518. 

68.  Edmund  Mojsisovics  von  Mojsvar:  Die  Dolo- 
mitriffe von  Stidtirol  und  Venetien.    Wien  1879.    S.  494. 

69.  Richthofen:  Ueber  Mendoladolomit  und  Schierndo- 
lomit.    D.  Geol.  Ges.  1874.     S.  225. 

70.  Agassiz:  Report  ou  the  Superintendent  of  the  U.  S. 
Coast  Survey,  during  the  gear  1866.  Washington  1869. 
S.  126. 

71.  Agassiz:  Bulletin  of  the  Mus.  of.  Comp.  Zoologyat 
Harward  College.     Nr.  13.     S.  376. 

72.  Hoff:  Geschichte  der  natürlichen  Veränderungen  der 
Erdoberfläche.     Gotha.     1834.  B.  III.     S.  61. 

Ausserdem  finden  sich  Bemerkungen  über  die  Entstehung 
der  Korallenbauten  in  fast  allen  Lehr-  und  Handbüchern 
der  Geologie  und  Geographie. 


Ein  Beitrag  zu  den  Masclielbergen,  Sambaquis, 
an  der  Ostkllste  Brasiliens. 


Von 

Dr.  Wohltmann. 


Im  südwestliclien  Theile  des  Meerbusens  Sao  Francisco 
do  Sul  (Bundesstaat  St.  Catharina)  liegen  vor  Beginn  der 
Lagoa  de  Saguassü  mitten  in  Mangrove-Sümplen ,  die  von 
der  Fluth  noch  theilweise  unter  Wasser  gesetzt  werden, 
mehrere  kleine  inselartige  Bodenerhebungen.  Schon  von 
weitem  sind  dieselben  durch  ihren  Baumwuchs  erkennbar, 
welcher  von  der  niedrigen  Sumpfvegetation  absticht.  Die 
Bodenerhebungen  ruhen  meistens  auf  Gneiss,  Granit  und 
Diorit  dem  Grundgestein  der  naheliegenden  Serra  do  Mar, 
doch  erhebt  sich  daselbst  aus  der  Sumpfniederung  auch 
ein  Bergzug,  welcher  in  röthlichem  Thon  eingelagert  hoch- 
prozentisches  Manganeisengestein  enthält,  das  rein  oder 
mit  Thon  oder  Quarz  oder  Granit  verwachsen  dort  fast 
zu  Tage  liegt. 

Auf  mehreren  der  inselartigen  Erhebungen  des  sumpfigen 
Unterlandes  liegen  nun  jene  kleineren  oder  grösseren 
Muschelberge,  die  wegen  ihrer  Bauart,  Höhe  und  der  in 
ihnen  enthaltenen  zahlreichen  Spuren  menschlicher  Thätig- 
keit  von  ganz  besonderem  Interesse  sein  dürften. 

Schon  seit  einer  längeren  Keihe  von  Jahren  finden  die 
Muschelberge  wirthschaftliche  Verwerthung  und  werden 
abgebaut,  um  die  dortige  Gegend  und  auch  die  grösseren 
Plätze  an  der  Küste  bis  Rio  hinauf  und  hinab  bis  Desterro 
mit  Baukalk  zu  versehen.  Zwei  der  grössten  Hügel  sind 
bereits  zur  Hälfte  zu  Kalk  verbrannt,  von  einem  dritten 
grösseren,    welchen  ich  nicht  besuchen   konnte,    wird  das- 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  Ib'JO.  20 


306  Dr.  Wohltmann: 


selbe  gesagt,  ein  vierter  am  Rio  Velho  ist  bereits  um  i/iq 
seiner  Masse  verringert.  Der  Abbau  dieser  Berge  gestattet 
einen  sehr  schönen  Einblick  in  das  Innere  derselben  und 
die  zwei  beigegebenen  Tafeln  bieten  ein  recht  an- 
schauliches Bild  ihrer  Struktur. 

Auf  der  kleinen  Insel,  welche  bei  Fluth  aufgenommen, 
durch  die  Tafel  IV.  dargestellt  wird  und  welche 
unmittelbar  am  Meeresbusen  liegt,  zählte  ich  2  grosse 
(links  und  rechts  auf  dem  Bilde)  und  2  kleine  Muschel- 
berge. Der  grosse  angebrochene  Hügel  (links  auf  dem 
Bilde)  ist  ca.  12  Meter  hoch  und  hat  einen  Durchmesser 
von  ca.  50  Meter,  der  rechtsseitige  ist  etwas  kleiner.  Die 
kleinern  Muschelhtigel  auf  dieser  Insel  sind  einwärts  ge- 
legen und  von  unbedeutender  Höhe,  der  eine  jedoch  recht 
lang  gestreckt.  Auf  einer  andern  inselartigen  Erhebung 
befindet  sich  ein  gleichfalls  zum  Kalkbrennen  in  Angriff 
genommener  Muschelberg  von  der  beträchtlichen  Höhe 
von  20  Meter  und  einem  Durchmesser  von  60  Meter. 
Tafel  V.  stellt  ihn  dar.  Einen  andern  grossen  Hügel  er- 
blickte ich  in  der  Nachbarschaft  am  Rio  Velho  nicht  weit 
von  dem  genannten;  ausserdem  sollen  dort  in  der  Um- 
gebung noch  mehrere  kleine  Hügel  auf  den  Bodenerhebungen 
im  Sumpflande  zerstreut  vorhanden  sein. 

Die  Berge  bestehen  aus  reinen  Muschelschalen  und 
Muscheln,  welche,  wie  die  Tafeln  scharf  erkennen 
lassen,  schichtweise  übereinander  liegen.  Die  Muscheln 
gehören  verschiedenen  Arten  an,  und  bald  bestehen  die 
einzelnen  Schichten  aus  reinen  Austermuscheln  oft  von 
riesiger  Grösse,  bald  aus  kleinen  Seemuscheln.  Sehr  oft 
sind  jedoch  die  Schichten  gemischter  Natur.  In  denselben 
waren  zumeist  vertreten*): 

Ostrea  rostrata,  Ostrea  virginica  Gmel.,  Ostrea  parasitica 
Gmel.,  Anomalacardia  antiquitata  L.,  Cardium  muricatum. 
Dosinia  concentrica  Born,  und  besonders  auch  die  kleine 
Oryptogramma     brasiliana      Gmel.;      ferner    fanden     sich 


*)  Die  Bestimmungen  verdanke  ich  der  Freundlichkeit  des 
Herrn  Otto  Goldfuss-Halle,  dem  ich  hiermit  besten  Dank 
ausspreche. 


Ein  Beitrag-  zu  den  Muschelbergen,  Sambaquis.  307 

Murex  turbinatus  uud    Bulimus  oblongus   in    und  an    den 
Hügeln. 

Die  Schichtung  der  Muscheln  ist  insofern  eigenthümlich, 
als  dass  dieselbe  nicht  in  regulären  Linien  durch  die  ganze 
Tiefe  der  Hügel  zu  verlaufen  pflegt,  sondern  derart,  dass 
sie  auf  verschiedene  Kern-  oder  Anfangspunkte  hindeutet, 
und  deutlich  angebaute  Theil-  und  Ueberbauten  erkennen 
lässt,  wie  die  Tafeln  scharf  wiedergeben. 

In  dem  grösseren  Hügel  von  20  Meter  Höhe 
(Tafel  V.),  welcher  auch  einen  Anbau  hat,  laufen  die  untern 
bis  mittleren  Schichten  in  Folge  des  starken  Druckes  von 
oben  nicht  in  gewölbter  oder  gerader  Linie  sondern  in 
nach  unten  gesenkter.  An  diesem  grossen  Kalkhügel  zählte 
ich  im  Durchschnitt  ca.  15  Schichten  auf  1  Meter,  danach 
beläuft  sich  der  Aufbau  des  mittlem  Kegels  bei  seiner 
Höhe  von  20  Meter  auf  ca.  300  Schichten.  Und  rechnet 
man,  dass  jede  Schicht  ein  Jahr  repräsentirt,  so  stellen 
diese  300  Schichten  30Q_  Jahre  dar,  und  der  ganze  Berg 
mit  den  Anbauten  ca.  600  Jahre.  Nirgend  sind  die  Muscheln 
fest  in  einander  verwachsen,  sondern  unverbunden  auf 
einander  gelagert,  so  dass  man  sie  mit  einem  hakenähn- 
lichen Instrumente  leicht  von  einander  trennen  kann.  Fast 
alle  Muscheln  sind  mehr  oder  minder  gut  erhalten,  aber 
geöffnet  und  getheilt,  nur  die  ganz  kleinen  der  Orypto- 
gramma  brasiliana   finden   sich   häufig  noch  geschlossen. 

Und  nun  zur  Entstehung  dieser  Muschelberge  oder  richtiger 
wohl  Muschelschalenberge ! 

Die  Muschelberge  sind  nicht  ausschliesslich  dem  Bundes- 
staat St.  Catharina  eigenthümlich,  sondern  finden  sich  häufig 
an  der  brasilianischen  Küste,  ebenso  auch  an  der  Süd-Ost- 
küste Nordamerikas,  und  besonders  in  dem  südlichen  Bundes- 
staat Rio  Grande  do  Sul.  Eigenartig  dürften  diejenigen  St. 
Catharina's  vielleicht  insofern  sein ,  als  sie  eine  besonders 
auffallende  Höhe  besitzen. 

In  der  Sitzung  der  Berliner  anthropologischen  Gesell- 
schaft am  11.  Januar  1890  wurde  ein  Schreiben  des  Herrn 
evangel.  Pastor  Kunert  in  Forromecco,  Municipio  de  Sao 
Joao  do  Monte  negro  in  Rio  Grande  do  Sul,  an  Herrn 
Professor    Dr.    Fabri,    Godesbei^,    verlesen,    welches    Rio 

20* 


gQg  Dr.  "Wohltmann: 


Grandenser  Alterthümer  behandelt  und  zu  Anfang  auch  die 
Muschelberge  daselbst  berührt.  Es  heisst  in  dem  Bericht 
der  Verhandlungen  vom  11.  Januar: 

„Seit  etwa  50  Jahren  hat  man  hie  und  da  angefangen^ 
Sammlungen  anzulegen  von  den  bisher  unbeachteten  Stein- 
und  Thon-Geräthschaften  der  Urbewohner  dieser  Provinz, 
deren  Steinzeit  eigentlich  bis  zu  ihrer  kürzlichen  Ver- 
drängung nach  Norden  fortdauerte.  Man  kann,  wenn  man 
aus  allen  Gegenden  eine  Anzahl  von  Funden  studirt,  2 
Hauptstämme  unterscheiden,  nämlich  Campo-  und  Wald- 
indianer und  drittens  die  Muschelleser  der  Seeküste.  Man 
ist  geneigt,  das  Zeitalter  der  Muschelleser  möglichst  weit 
zurückzulegen,  womöglich  in  die  Zeit  der  dänischen  und 
grönländischen  Kjökkenmöddinger  und  demgemäss  auch 
jene  elenden  Muschelleser  als  die  eigentlichen  Urbewohner 
zu  betrachten.  Diese  Ansicht  ist  aber  bis  jetzt  noch  nicht 
mit  sichern  Gründen  unterstützt,  nicht  einmal  die,  ob  die 
Waldindianer  wirklich  eine  von  den  Muschellesern  verschie- 
dene Rasse  seien. 

Die  Hinterlassenschaft  jener  Muschelleser  besteht  näm- 
lich in  einer  grossen  Anzahl  mehr  oder  weniger  verwitterter 
Haufen  von  Muschelschalen,  welche  an  den  Salzsümpfen 
der  flachen  Seeküste  in  den  Dünen  eingebettet  liegen. 
Unter  jenen  Küchenabfällen  finden  sich  Menschenknochen, 
theils  ziemlich  vollständige  Gerippe  in  natürlicher  Lage, 
theils  unvollständige  Menschenreste.  Man  schliesst  daraus, 
dass  jene  Stämme  ihre  Leichen  unter  den  Nahrungsabfällen 
begraben  haben.  Jedenfalls  spricht  nichts  dafür,  dass  sie 
vorher  das  Fleisch  gegessen  haben.  Die  gefundenen  Urnen^. 
Töpfe  und  Steinwaffen  unterscheiden  sich  in  nichts  von 
den  Funden  aus  der  Waldregion  dieser  Provinz,  nur  sind 
sie  spärlicher.  Es  finden  sich  sogar  bemalte  Topfscherben, 
die  der  neueren  Zeit  angehören.  Immerhin  ist  es  wahr- 
scheinlich, dass  man  an  jenen  Stellen  die  Spuren  der  Ur- 
bevölkerung am  leichtesten  bis  in  die  ältere  Zeit  verfolgen 
kann."  — 

Trotzdem  noch  mannigfach  Zweifel  an  der  Entstehungs- 
art dieser  Muschelberge   durch  menschliche  Thätigkeit  er- 


Ein  Beitrag  zu  den  Muschelbergen,  Sambaquis.  309 

hoben  werden  und  man  dieselbe  unter  Anderem  auf  Meeres- 
sptilung-,  Wasserwirbelung  oder  dergl.  zurückzuführen  sucht, 
so  muss  doch  jeder  derartige  Einwurf  demjenigen  hinfällig 
erscheinen,  welcher  an  Ort  und  Stelle  in  dieselben  Ein- 
sicht nehmen  konnte. 

Ich  denke  mir  die  Entstehung  dieser  Berge  in  St. 
Catharina  folgendermassen: 

In  früherer  Zeit,  vielleicht  noch  vor  200  Jahren  sind 
die  Indianer  des  Landes  (die  Buger  des  Botokudenstammes) 
von  dem  ca.  8-  bis  900  Meter  hochliegenden  Hochlande 
alljährlich  und  regelmässig  zum  Fischen  und  Muschelsuchen 
an  die  See  gekommen,  höchstwahrscheinlich  im  Winter, 
wenn  es  auf  dem  Hochlande  reift  und  sogar  leicht  friert 
(bis  zu — 5  "  C.)  und  auch  das  Wild  an  die  wärmere  niedrige 
Küste  zieht.  Noch  heute  sind  jene  Indianer  dort  anzutreffen, 
nicht  sesshaft,  sondern  als  wandernde  Völkchen  in  kleineren 
und  grösseren  Trupps.  Zuweilen  überfallen  sie  die  Kolo- 
nisten, und  ich  selbst  stiess  in  den  noch  mit  dichtem  Ur- 
wald bestandenen  obern  Thälern  des  Itapocü,  Jaraguä  und 
Rio  da  Serra  auf  meinen  Expeditionen  zuweilen  auf  Spuren 
ihrer  kürzlichen  Anwesenheit  daselbst  oder  durchquerte 
ihre  deutlich  zu  erkennenden  Pfade.  Noch  vor  nicht  langer 
Zeit  beunruhigten  diese  Indianer  häufig  die  Kolonisten  und 
€S  wurden  förmliche  Jagden  auf  sie  unternommen,  die  auch 
einmal  den  Erfolg  einer  Ueberrumpelung  in  ihrem  Lager 
aufzuweisen  hatten.  Meine  schwarzen  und  brasilianischen 
Begleiter  hatten  auf  meinen  Expeditionen  häufig  Furcht 
vor  nächtlichen  Ueberfällen  und  begannen  regelmässig, 
wenn  die  Hunde  des  Nachts  anschlugen ,  eine  starke 
Kanonade  in  die  düstere  Umgebung,  um  die  vermeintlichen 
Indianer  abzuschrecken.  Diese  Indianertrupps  ziehen  regel- 
mässig, nachdem  sie  im  Herbst  die  Früchte  der  Araucaria 
brasiliana  des  Hochlandes  eingesammelt,  in  die  Küsten- 
gebirge der  Serra  do  Mar  und  nähren  sich  dort,  wo  die 
Kolonisation  noch  nicht  vorgedrungen,  von  Jagd  und  Fisch- 
fang in  den  fischreichen  Flüssen,  welche  ihrer  heute  sehr 
geringen  Zahl  reichliche  Nahrungsmittel  bieten.  Es  er- 
scheint mir  nun  vollständig  erklärlich  und  naturgemäss, 
dass  sie  in  jenen  Zeiten,  als  die  Europäer  und  Brasilianer 


310  Dr.  Wohltmanu: 


jene  Gegenden  noch  nicht  occupirt  hatten,  ihre  Wanderungen 
bis  ans  Meer  ausdehnten.  Sie  haben  sich  dann  wohl  für 
die  Wintermonate  auf  den  kleinen  felsigen  Erhebungen  des 
Unterlandes  in  unmittelbarer  Nähe  der  Küste  eingerichtet 
und  sich  vornehmlich  von  Fischen  und  Muscheln  ernährt. 
Da  die  Bodenerhebungen  inmitten  der  sumpfigen  Mangrove- 
Vegetation  nur  sehr  geringen  Raum  bieten,  und  die  Muschel- 
schalen in  die  nackten  Füsse  schneiden,  so  haben  sie  die- 
selben zusammengehäuft  und  aus  kleinen  Anfängen  sind 
Hügelchen  und  schliesslich  Berge  bis  zu  jener  Höhe  von 
20  Meter  entstanden.  Vermuthlich  verfuhren  sie  dabei 
folgend:  Wenn  der  Fang  oder  die  Sammlung  der  Muscheln 
vollzogen,  hat  man  die  Beute  oben  auf  die  Muschelhügel 
eingeheimst,  dort  sind  die  Muscheln  mittelst  Steinen  auf- 
geklopft, zubereitet  und  gebacken  oder  geröstet.  Für  das 
letztere  sprechen  besonders  die  vielen  kleinen  Kohlen- 
stückchen, die  sich  zwischen  den  Muscheln  finden.  In  der 
Provinz  Angola  südlich  von  St.  Paul  Loanda  (West-Afrika) 
erinnere  ich  mich,  Neger  gesehen  zu  haben,  deren  Frauen 
dasselbe  Geschäft  des  Muschelauf  klopfens  am  Meeresufer  be- 
sorgten und  schon  meterhohe  langgestreckte  Muschelschalen- 
hügel vor  sich  liegen  hatten.  Die  entschalten  Thiere  wurden 
alsdann,  wenn  ich  nicht  irre,  mit  Farinha-Mehl  zerrieben  und 
der  also  entstandene  Teig  am  Feuer  geröstet.  Aehnlich  ver- 
fuhren wahrscheinlich  die  Indianer  in  St.  Catharina.  Zwischen 
den  Muschelschalen  sind  häufig  rundliche  oder  längliche 
Steine  aufgefunden,  an  denen  man  deutlich  Griff-,  Stoss- 
und  Reibseite  erkennen  kann;  ich  habe  deren  eine  grosse 
Anzahl  gesammelt.  Auf  der  Spitze  des  grössten  20  Meter 
hohen  Hügels  sind  ferner  2  grosse  Steinplatten  aufgefunden, 
die  ganz  charakteristisch  erkennen  lassen,  dass  sie  als 
Reibschale  gedient.  Die  Steine  (Gneis)  waren  jedoch  so 
gross,  dass  sich  nicht  nur  eine,  sondern  mehrere  glatte 
flache  Höhlungen  auf  denselben  befanden,  so  dass  wohl 
mehrere  Personen  gleichzeitig  an  einem  Steine  arbeiten 
konnten.  Die  kleinen  Hand-Reibsteine  bestanden  aus  Gneis, 
Granit  und  Diorit,  welche  Gesteine  im  Unterlande  von  St. 
Catharina  häufig  an  den  Tag  treten  und  speziell  dort,  wo 
die  Muschelberge  angelegt  waren. 


Ein  Beitrag  zu  den  Muschelbergen,  Sambaquis.  3^1 

Ausserdem  befinden  sich  in  den  Muschelhügeln  eine 
verhältnissmässig  grosse  Anzahl  alter  Steinwafi'en,  nament- 
lich Steinäxte,  von  denen  ich  einige  prachtvolle  Exemplare 
einsammeln  und  mitbringen  konnte.  Ebenso  wie  die  oben- 
genannten Küchensteine,  so  sind  auch  die  Waffen  zumeist 
aus  Gneis,  Granit  und  Diorit.  Nur  eine  sehr  gut  erhaltene 
breite  Steinaxt  ist  aus  Kalkstein  (Dolomit)  und  liefert  den 
Beweis,  dass  die  Indianer  mit  dem  Hochland  in  Berührung 
kamen,  denn  nur  dort  finden  sich  Kalknester,  und  zwar 
sind  sie  heute  nur  in  dem  Bundesstaat  Parana  bekannt. 
Das  Unterland  in  der  Nähe  der  Muschelberge  ist  durch- 
weg sehr  kalkarm  -^  der  Boden  enthält  in  Maximo  nur 
0,1—0,21%  CaO,  und  ebenso  weisen  die  sämmtlichen 
Gewässer  der  Serra  do  Mar  in  jener  Gegend  im  Mittel 
kaum  1  Härtegrad  auf. 

Diese  Funde,  Kohlenpartikelchen,  menschliche  Geräthe 
und  Waffen,  dann  die  Thatsache,  dass  die  meisten  Muscheln 
als  getheilte  Schalen  und  in  einer  Weise  geschichtet  da- 
liegen, welche  natürlich  nicht  erklärt  werden  kann,  dürften 
wohl  jedweden  Zweifel  beseitigen,  dass  die  Muschelberge 
anders  als  durch  menschliche  Thätigkeit  entstanden  sind, 
und  dass  die  Bildung  derselben  durch  die  Natur  absolut 
ausgeschlossen  ist.  Fernere  Beweise  hierfür  liegen  auch 
darin,  dass  zwischen  den  Muschelschalen  häufig  Fischwirbel 
und  sogar  Menschenknochen  zu  finden  sind  —  menschliche 
Unterkiefer  mit  noch  gut  erhaltenen  Zähnen  fand  ich  unter 
Anderem.  —  Unter  welchen  Umständen  letztere  dort  zur 
Ablagerung  gekommen,  ob  in  Folge  von  Menschenopfer 
oder  als  zurückgelassene  Leichen,  dürfte  wohl  schwer  auf- 
zuklären sein. 

Ausserdem  fand  ich  in  unmittelbarer  Nähe  der  auf 
Tafel  IV.  dargestellten  Muschelberge  noch  folgende 
hochinteressante  Merkmale  menschlicher  Thätigkeit.  An 
2  Stellen  nahe  am  Wasser  vor  dem  linken  und  vor  dem 
rechten  Muschelberge  traten  Gneis-  und  Granitblöcke  in 
einer  mehr  oder  minder  breiten  Fläche  sich  erhebend  offen 
zu  Tage.  Dort  befanden  sich  nun  in  dem  Felsen  ungefähr 
12  schalenmässige ,  ganz  glattgeriebene  mehr  oder  minder 
grosse  Einhöhlungen,   und  ferner  in  einem  besonders  zum 


312     Dr-  W  0  h  1 1  m  a, r  n :  Ein  Beitrag  zu  den  Muschelbergen,  Sambaquis. 

Schärfen  gearteten  Gestein  längliche  tiefe  Einschnitte, 
deutliche  Einreibungen,  die  ohne  Zweifel  erkennen  Hessen, 
dass  an  jenen  Stellen  die  Indianer  ihre  Geräthe  und  Waffen 
hergestellt  und  geschliffen.  Ich  zählte  ca.  5  dieser  ersten 
Maschinenwerkstätten  Südamerikas. 

Nahezu  ^/^  der  Masse  der  jetzt  bekannten  Muschel- 
berge an  der  Bucht  von  Sao  Francisco  do  Sul  dürfte  wohl 
bereits  der  modernen  Kultur  zum  Opfer  gefallen  sein,  und 
wenn  mit  ihrer  Aufräumung  in  der  bisherigen  Weise  fort- 
gefahren wird,  dann  ist  die  Zeit  nicht  allzufern,  in  der 
sie  und  mit  ihnen  ein  gut  Stück  indianischer  Kulturgeschichte 
vom  Erdboden  verschwunden  sind.     . 


Die  Einwirkung  des  Blitzschlages  auf  versclnedene 
Baum  arten. 

Von 

Dr.  Schmidt 

Pnvatdoeent  der  Physik  in  Halle. 


Die  Einwirkungen  des  Blitzschlages  in  Bäume  sind  Ge- 
setzmässigkeiten unterworfen,  die  sich  zum  Theil  aus  phy- 
sikalischen Anschauungen  ableiten  lassen;  dieselben  er- 
strecken sich  einmal  auf  die  Häufigkeit  der  Einschläge, 
durch  die  bestimmte  Baumarten  sich  vor  anderen  auszeichnen, 
dann  aber  auch  auf  die  Spuren,  die  der  Blitzschlag  hinterlässt. 

Der  am  meisten  vom  Blitz  bevorzugte  Baum  ist  die 
italienische  Pappel  (populus  italica).  Dieselbe  gedeiht 
am  besten  in  feuchtem  Boden  und  erstreckt  ein  verzweigtes 
Wurzelsystem  weit  durch  denselben  hin.  Ihr  Holz  ist  weich 
und  das  Gewebe  reicher  als  das  anderer  Baumarten  mit 
Wasser  angefüllt,  eine  weitverästelte  Krone  mit  zahlreichem 
Laubwerk     entspricht    dem    gliederreichen    Wurzelsystem. 

Die  Eiche  ist  es  darnach,  welche  der  Gefahr  des 
Blitzschlages  besonders  ausgesetzt  ist.  Auch  sie  liebt  feuch- 
ten Boden  und  entwickelt  in  demselben  eine  kräftige  Wurzel- 
bildung.    Ihr  Holz  aber  ist  kernig  und  fest. 

Ueber  die  anderen  Baumarten  liegen  zu  wenig  Be- 
obachtungen vor,  um  darüber  Gesetze  in  dieser  Beziehung 
aufzustellen.  Zu  erwähnen  ist  die  Seltenheit  der  Blitz- 
schläge in  die  Buche ;  ferner  der  Umstand,  dass  Laubhölzer 
grössere  Anziehung  auf  den  Blitz  haben  als  Nadelhölzer. 
Letztere  in  grösseren  Beständen  angepflanzt,  scheinen  nur 
in  seltenen  Fällen  stärkere  Blitzspuren  zu  zeigen. 


314  Dr.  Schmidt: 


Die  Spuren  und  Folgen  des  Blitzschlages  sind  bei  den 
verschiedenen  Baumarten  sehr  verschieden,  innerhalb  der 
Art  zeigt  sich  eine  regelrechte  Wiederkehr  der  Erscheinung. 

Bei  der  italienischen  Pappel  beobachtet  man  die 
Spuren  des  Blitzes  nur  an  dem  eigentlichen  Stamm.  Die 
Krone  bleibt  unversehrt,  die  Blätter  bleiben  grün  und  ge- 
sund, die  Aeste  und  Zweige  zeigen  keinerlei  Risse  und 
Sprünge.  Dagegen  findet  man  am  eigentlichen  Stamme  einen 
bis  zu  1—2  Decimeter  breiten  Sprengstreifen,  die  Rinde  ist 
weggerissen,  der  Holzkörper  biosgelegt.  Colladon  berich- 
tet auch  von  einigen  tiefen  Spalten,  die  in  der  Längs- 
richtung am  biosgelegten  Holzkörper  sich  zeigten. 

Auch  bei  der  Weide  habe  ich  kürzlich  beobachtet,  dass 
der  Blitz  die  Blätter  und  Aeste  der  Krone  unversehrt  läsbt 
und  seine  Spuren  erst  etwa  4  m  unterhalb  der  höchsten 
Spitze  —  wo  die  Stammbildung  stärker  wird  —  zu  finden 
sind.  Von  dort  ab  lief  ein  Sprengstreifen,  der  allerdings  den 
Holzkörper  nicht  blosgelegt,  sondern  nur  die  äussere  Rinde 
entfernt,  den  Bast  unterhalb  derselben  vom  Holzkörper  ge- 
löst, zerfasert  und  in  der  Mitte  zerrissen  hatte.  Bei 
diesem  Baume  war  der  getroffene  Ast  an  der  Gabelungs- 
stelle abgebrochen  und  unter  starker  Splitterbildung  zu 
Boden  gestürzt. 

Bei  der  Eiche  verlaufen  die  Blitzspuren  bis  in  die 
höchste  Krone,  schon  hier  beginnt  der  Sprengstreifen,  der  all- 
mählich breiter  werdend  bis  zur  Wurzel  verläuft.  Der 
Holzkörper  ist  biosgelegt  und  häufig  findet  man  Rillen  aus- 
gehöhlt, die  1 — 2  cm  tief  in  denselben  eindringen  und  deren 
Zahl  bis  zu  4  (in  einem  von  mir  beobachteten  Falle)  steigt. 
Die  Faserstränge  sind  hier  zerrissen  und  hängen  theilweise 
in  langen  Fäden  am  Stamme  herunter,  theilweise  sind  die 
Bestandtheile  fortgeschleudert  und  auf  dem  Boden  rings 
zerstreut. 

Der  Sprengstreifen  und  die  Rillen  laufen  meist  spiralig 
um  die  Axe  des  Baumes. 

Sprengstreifen  zeigen  sich  auch  bei  der  Schwarzpappel, 
Linde  und  Ulme. 


Die  Einwirkung  des  Blitzschlages  auf  verschiedene  Baumarten.     315 

Die  Wirkung  des  Blitzes  bei  der  Fichte  ist  sehr  ver- 
schieden. Colladon  berichtet,  dass  er  nur  einfache  Längs- 
risse an  dem  Stamme  wahrgenommen.  In  Rehburg  wurde 
unter  starker  Splitterbildung  ein  kräftiger  Ast  aus  der 
Krone  geschlagen.  Ich  selbst  habe  einen  2  Decimeter 
breiten  Sprengstreifeu  an  einer  Fichte  beobachtet. 

Verkohlung  tritt  niemals  bei  gesunden  Bäumen  ein. 
Der  grosse  Wassergehalt  der  Zellen  bis  zu  90%  verhindert 
dieses.  Das  Wasser  wird  durch  die  enorme  Hitze  in  Dampf 
verwandelt  und  ist  die  Spannkraft  desselben  die  Ursache 
zur  Bildung  der  Sprengstreifen. 

Im  Allgemeinen  lassen  sich  die  besprochenen  Beobach- 
tungsthatsachen  aus  physikalischen  Gesetzen  erklären. 

Die  elektrische  Entladung  nimmt  den  Weg,  der  ihr  den 
geringsten  Leitungswiderstand  entgegensetzt.  lieber  die 
Leitungsfähigkeit  der  verschiedenen  Holzarten  in  wachsen- 
dem Zustande  ist  bisher  nichts  bekannt.  Ohne  Zweifel 
werden  wir  aber  den  wasserreichen  Zellen  die  grössere 
Leitungsfähigkeit  zusehreiben.  Daher  wird  die  italienische 
Pappel  mehr  als  die  Eiche  und  letztere  mehr  als  andere 
Bäume  geeignet  sein,  einer  elektrisch  geladenen  Wolke 
genügende  Elektricitätsmengen  aus  dem  Boden  zuzuführen, 
in  Folge  dessen  der  Blitz  die  Pappel  vor  der  Eiche  und 
diese  vor  anderen  Bäumen  bevorzugen  wird. 

Dass  der  obere  Theilderitalienischen Pappel  keine  Spuren 
des  Blitzschlages  zeigt,  hat  seinen  Grund  darin,  dass  die 
weitverzweigte  Krone  mit  ihren  vielen  Aesten  und  Blättern 
die  aus  dem  Boden  durch  den  Hauptstamm  zugeführte  Elek- 
tricität  auf  eine  grosse  Fläche  vertheilt,  in  Folge  dessen 
hier  die  einzelnen  Partien  des  Baumes  in  verhältniss- 
mässig  geringem  Grade  der  Zerstörung  ausgesetzt  sind. 
Am  Stamme,  wo  die  Elektricität  sich  auf  einen  engbegrenz- 
ten Weg  beschränkt,  ist  daher  die  Hauptwirkung  zu  be- 
merken: der  breite  Sprengstreifen. 

Bei  der  Eiche  concentrirt  sich  die  Wirkung  schon  hoch 
in  der  Spitze  auf  wenige  mehr  oder  minder  starke  Aeste, 
in  Folge  dessen  hier  die  Sprengstreifen  bis  hoch  in  die 
Krone  verfolgt  werden  können. 


316        Dr.  Schmidt:     Die  Einwirkung  des  Blitzschlages  etc. 

Die  Rillenbildung  deutet  darauf  hin,  dass  die  Elektri- 
cität  einen  festbegrenzteu  Leitungsweg  wählt  und  nicht 
durch  die  ganze  Cambiumschicht  gleichmässig  abgeleitet  wird. 

In  Folge  der  besseren  Ableitung  der  Elektricität  durch 
eine  Pappel  kommt  es  auch,  dass  oft  eine  niedere  Pappel 
neben  einer  höheren  Eiche  oder  einem  höheren  andern 
Baum  getroffen  wird. 

Es  erübrigt  noch  eine  Bemerkung  über  die  Lebens- 
fähigkeit eines  getroffenen  Baumes.  Zunächst  kommt  es 
natürlich  sehr  auf  die  Intensität  der  Entladung  an,  dann 
sind  aber  auch  die  verschiedenen  Baumarten  nicht  in  gleicher 
Weise  empfindlich. 


I.  Säclisisch-Thüringische  Literatur. 


XiOSSeUf  IK.  A.f  Geologische  Aufnahmen  im  Brocken-Massiv 
und  hei  Harzburg  ^  Jahrbuch  der  Kgl.  Preuss.  geolog. 
Latides-ÄJistalt  1887  XXV  und  1888  XXV. 

Es  handelte  sich  bei  der  geologischen  Untersuchung 
des  Brocken-Massivs  darum,  die  Stellung  und  Vertheilung 
1)  der  Turmalin-  und  Malakolith-  führenden  Partieen  im 
Eugranit  sowie  2)  die  Schriftgranite,  Pegmatit,  Mikropeg- 
matit,  die  Granitporphyre  und  Granophjre  näher  kennen  zu 
lernen.  Der  Turmalin  findet  sich  im  Eugranit  des 
Brockens,  im  Granit  der  Gabbrogranitzone,  im  Ilsensteiner, 
wie  im  Andreasberger  Granit,  im  Hohne-Diorit,  im  Ramberg- 
granit, sowie  im  Ockerthalgranit;  im  Andreasberger  und 
Ilsensteiner  Granit  tritt  er  ebenso  wie  der  viel  seltenere 
Flussspath  als  Drusenmineral  auf. 

Augitische  Minerale  sind  in  der  Granitgabbrozone,  in 
Granitgängen  zwischen  dem  Radauthal  und  der  Ostseite 
des  Ockergranits,  im  Augitgranitit,  in  Gängen  der  Harz- 
burger Gabbroformation ,  im  Augitquarzdiorit,  Augitdiorit 
und  Gabbro  auf  der  Ost-  und  Westseite  des  Brocken- 
granits und  am  Meineckenberg,  Gruhe,  Ferdinandsthal  und 
Silberberg  vorgekommen. 

Scharfe  Grenzen  zwischen  den  Augit- führenden  Gra- 
niten und  den  saureren  Augit-Biotit-Quarzdioriten  einerseits 
und  zwischen  diesen  und  den  sauersten  Biotit-Augitgabbro 
giebt  es  nicht,  was  dazu  nöthigt,  für  alle  diese  Gesteine 
eine  annähernde  Gleichalterigkeit  anzunehmen. 

Granitgänge  finden  sich  sowohl  im  Gabbro  wie  im 
Granit ;  westlich  von  der  Ecker  vom  Kaltethalskopf  her 
greift  der  Ilsensteiner  Granit  mit  Ausläufern  in  den  Gabbro 
bei  Harzburg  ein,  so  dass  man  diesen  Theil  des  Brocken- 


318  I-  Sächaisch-Thüringiache  Literatur. 

granits  als  den  jüngsten  bezeichnen  darf.  „Der  Augitgehalt 
gewisser  Gänge  im  Gabbro"  —  die  früher  Fuchs  untersuchte 

—  „dürfte  darauf  hindeuten,  wie  allmählich  das  aufge- 
presste  Magma  wieder  Granitmischung  annahm." 

Am  Kadauborn  finden  sich  faustdicke  Kerne  von 
typischem  Brockengranit  im  ßastitserpentin  einge- 
schlossen, welche  von  einer  glimmerichen  Hülle  umgeben 
sind,  was  darauf  hindeutet,  dass  die  basischeren  Eugranite 
(Diorite,  Gabbro's  etc.)  theilweise  später  fest  geworden 
sind  als  der  Brockengranit.  Wahrscheinlich  hat  die  Erup- 
tion der  ersteren  nur  eine  Phase  während  der  Aufpressung 
der  letzteren  dargestellt. 

Der  Andreasberger  Granit  hat  z.  B.  granitporphyrische 
Structur,  welche  die  sonst  an  diesem  und  dem  Ilsensteiner 
Granit  herrschende  mikropegmatitische  vertritt;  der  letztere 
ist  indess  jünger  als  die  Gabbroformation.    Hieraus  scheint 

—  da  der  Andreasberger  nur  die  Randfacies  des  Brocken- 
granits darstellt  —  hervorzugehen,  dass  vor  und  nach  der 
Aufpressung  der  Gabbro's  im  Granit  dieselbe  Mischung 
geherrscht  hat.  Bekanntlich  wird  der  Andreasberger  Granit 
von  einer  ziemlich  dicken  Hornfelsdecke  bedeckt.  Gegen 
N.  0.  heben  sich  aus  dieser  Hornfelsdecke  die  Hochgipfel 
des  Brockens  als  eu  granitisch  er  Kern  heraus.  An 
die  N.  W.-,  N.-,  N.  0.-,  und  0.-  Seite  legt  sich  nun 
aber  nicht  direct  der  Ilsensteingranit  —  das  Aequivalent 
des  Andreasberger  Granits  —  an,  sondern  hier  folgen  zwar 
auch  ausgezeichnete  mikropegmatitische  Granite  dem 
Rande  des  Eugranits,  aber  sie  sind  nicht  so  drusig  wie 
der  Andreasberger,  führen  ausserdem  Augit  und  sind  zu- 
dem eng  verbunden  mit  den  noch  mehr  nach  aussen 
liegenden  Gabbrograniten ,  Quarzdioriten  und  Gabbro's; 
erst  jenseits  von  diesem  folgt  als  letzter  Nachschub 
der  Ilsenstein's  Granit,  welcher  also  nicht  mit  dem  Andreas- 
berger gleichgestellt  werden  kann.  Dies  spricht  sich  auch 
in  dem  Verschwinden  der  Hornfelsdecke  über  dem  Ilsen- 
steingranit aus,  welche  noch  vielfach  bruchstückweise  in 
den  Thälern  der  Gabbroformation  verfolgt  werden  kann. 
Zu  dem  Ilsensteinsgranit  rechnet    der  Verfasser   auch    die 


I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur.  319 

Granitgänge  der  Gabbroformation ,  wenngleich  dieselben 
vielfach  andere  (porphyrartig-eugranitische)  Structur  besitzen 
als  der  Granit. 

Schliesslich  theilt  Lossen  die  Brockengesteine  in  fol- 
gende Abtheilungen  ein. 

1.  Eugranit  des  Brockengipfels  etc. 

2.  Die  an  Mikropegmatit  und  Granitporphyr  reiche 
drusige  Hülle  desselben  im  S.,  SW.  und  W. :  Andreas- 
berger  Granit. 

3.  Gabbrogranitzone  mit  Quarzaugitdiorit. 

4.  Ilsensteiner  Nachschub -Granit. 

5.  Dessen  porphyrische  Apophysen. 

6.  Harzburger  Ganggranite  und  Granite  in  den  Dioriten 
und  Gabbro's  der  Hohne. 

7.  Die  Andalusit- führenden,  porphyrisch  felsitischen 
bis  gneisigen  Granitrandstücke  oder  Gänge. 

Letztere  stehen  an  der  über  die  Hagenstrasse  führenden 
WormkebrückebeiSchierkeundim  Quellgebiet  des  Steinbachs 
bei  Forsthaus  Hohne  an.  Dunkle  Glimmerfläserchen,  Andalu- 
sit in  graulich  und  röthlichen  Flecken  und  eine  grauweisse 
Quarzfeldspathgrundmasse  characterisireu  ihn. 

Später  hat  L.  die  Gabbro-Granit-Zone  an  der  Ost-Seite 
noch  weiter  verfolgt.  Die  basischen  Eugranite  (Diorit  und 
Gabbro's)  erstrecken  sich  vom  Meineckenberg  in  den  Forstort 
Gruhe  über  das  Ferdinandsthal  hinaus  bis  zum  Crucifix, 
so  dass  der  Zug  jetzt  auf  2  km  Länge  bekannt  ist.  Auch 
jenseits  der  Wasserscheide  von  Hse  und  Ecker  kommen 
faustgrosse  Stücke  dieser  Gesteine  in  dem  sauren  Granitit  vor. 

Im  Eckergneis  treten  Gabbrogänge  im  südw.  Diebessteg 
und  Spoerenwagen  auf;  diese  Gänge  im  Sedimentärgestein 
zeigen  die  Selbstständigkeit  des  Gabbro's  an;  daneben  tritt 
z.  Th.  Granitit  in  den  Gangspalten  auf;  letzterer  bildet 
z.  Th.  auch  allein  für  sich  die  Ausfüllung  der  Spalten.  Im 
Diebessteg  werden  die  Gabbrogänge  von  Granitgängen 
durchsetzt;  auch  auf  der  Ostseite  des  Brockens  an  der 
Hohne  werden  die  Diorit-  und  Gabbro-Massen  von  jüngeren 
Granitgängen  durchquert. 


320  I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

Es  durchsetzt  der  Granit  in  Gängen  den  Gabbro  sehr 
häufig-,  während  der  ältere  Eugranit  diesen  niemals  durch- 
setzt. Der  Gabbro  zeigt  gewisse  Structuren,  Flaserung, 
Bänderung,  welche  auf  nachträglichen  Druck  hindeuten, 
welche  L.  in  Beziehung  zum  Streichen  der  den  Eugranit 
umgebenden  Sedimentschichten  zu  setzen  versucht. 

Der  Eckergn  ei  SS  ist  eine  besondere  Facies  des 
Hornfelses,  wozu  ihn  schon  Hoffmann,  Zimmermann  und 
Hausmann  gezählt  haben.  Er  ist  ein  Umwandlungsproduct 
der  Culmschiefer  und  Culmgrauwacke,  was  besonders  da- 
durch klar  wird,  dass  am  Südabhang  des  Diebesstegs, 
im  kleinen  Frankenthal,  im  Lobenklee  und  Koleborn  die 
allertypischsten  Culmschiefer  und  Grauwackerhornfelse  mitten 
zwischen  Eckergneissen  vorkommen.  Diese  unzweifelhaften 
Hornfelse  der  Culmschiefer  enthalten  Dichroit  im  Schnee- 
loch-Wasser, am  Goldberg,  Winterberg,  Radauberg,  Elfenstein ; 
daneben  findet  man  Orthoklas,  Plagioklas,  Quarz,  Biotit  und 
am  Kaltenborn  Andalusit",  an  anderen  Stellen  Turmalin, 
Hornblende,  Augit,  Bronzit  und  Granat.  An  einzelnen  Orten 
finden  sich  zwischen  den  Hornfelsen  vollkommen  umkry- 
stallisirt  Diabase :  Koleborn  und  Esehenbeek.  Am  Diebessteg 
finden  sich  neben  den  Eckergneissen  Kalkhornfelse;  ein 
anderes  Gestein  wird  durch  namhaften  Granatgehalt  dem 
Kinzigit  ähnlich.  Es  enthält  Granat,  Quarz,  Biotit,  Cordierit, 
Feldspath,Hercynit  und  Sillimanit.  Die  Varietät  des  körnigen 
Eckergneisses  ist  die  umgewandelte  Oberharzer  Culmgrau- 
wacke; sie  findet  sich  am  Rande  der  Gabbro-Partie  am 
Fühlen  Lohnbeck,  am  alten  Molkenplatz  im  N.  Kolfoer 
im  Zillierwaid,  Spörenwagcn,  Diebessteg,  seltener  im  mitt- 
leren Forstort  Koleborn,  am  Seilenberg,  am  mittleren  und 
südlichen  Kolfoer  und  am  Fohlenkopf;  an  letzteren  Orten 
treten  quarzitisch  körnige  Einlagerungen ,  welche  hoch  poten- 
zirt  umgewandelte  Kieselschiefer  sind,  auf;  sie  sollen  den 
Posidonienschiefern  äquivalent  sein  und  sattelförmig  auf- 
ragen, während  die  körnigen  Eckergneisse  Muldenzonen  in 
diesem  Aequivalent  bilden  würden. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


I.  Sächsisch- Thüringische  Literatur.  321 

M.  Koch,  Geologische  Aufnahmen  im  N.  0.  Theile  des  Blattes 
Zellerfeld.  Jahrbuch  der  k.  preussischen  geologischen  Landes- 
Anstalt  1S88.     XLIIL  S. 

Die  hierher  gehörigen  Sedimentschichten  gehören  alle 
dem  Devon  und  Culm  an  und  sind  durch  den  Ockergranitit 
mehr  oder  weniger  metamorphosirt.  Derselbe  durchbricht 
als  mächtiger  Trümerstock  die  Schichten.  Der  Kahberg, 
Ziegenrücken,  Huthberg  und  die  Käste  werden  durch  die 
Massen  des  Granitits  und  seine  Umwandlungsproducte  auf- 
gebaut. Die  Schichten  der  Sedimente  streichen  auch  hier 
in  hercynischer  südwest-nordöstlicher  Richtung  und  quer 
dazu  steht  die  Längserstreckung  der  einzelnen  Granitit- 
trümer.  Das  grobkörnige  Gestein  besteht  aus  weissem 
Orthoklas,  grüngefärbtera  Oligoklas,  grauem  Quarz  und  tief 
dunkelbraunem  Biotit;  häufig  tritt  neben  der  normalkörnigen, 
mikropegmatische  Structur  auf,  so  am  Huthberg  und  der 
Käste;  daneben  nimmt  dann  das  Gestein  häufig  drusige 
Structur  an,  welche  aber  nicht  so  häufig  hervortritt  wie 
im  Andreasberger  und  Ilscnburger  Granit. 

Die  Orthoklase  sind  von  001,  010,  110,110,  101  und  201 
begrenzt,  2  cm  gross,  nach  der  Klinodiagonale  a  gestreckt, 
mikroperthitisch  mit  Albit  verwachsen ;  auch  Karlsbader  Zwil- 
linge finden  sich.  Vielfach  ist  Quarz  als  Einschluss  vorhan= 
den,  entweder  dringen  die  Quarze  unregelmässig  nach  der 
Mitte  voi',  oder  eine  scharf  begrenzte  quarzreiche  Zone  um- 
schliesst  einen  quarzfreien  Kern.  Bei  mikropegmatitischer 
Structur  zeigen  auch  die  grösseren  Quarze +  11.  Der  fast 
immer  grünliche  Oligoklas  ist  idiomorph,  mehr  oder 
weniger  zersetzt  durch  Fortführung  des  Kalks  und  Aufnahme 
von  Wasser;  hier  und  da  zeigt  sich  als  weiteres  Zersetzungs- 
produGt  heller  Glimmer  und  Flitterchen  eines  unbestimm- 
baren Minerals.  Der  tief  dunkelbraune  Biotit  ist  vielfach 
in  schwarzen  Chlorit,  Epidot  und  Magnetit  umgewandelt. 
Accessorische  Minerale  sind  selten:  Apatit  und  Zirkon. 
Granat  ist  selten,  Fuchs  erwähnt  ihn  von  Ziegenrücken; 
er  findet  sich  auch  unter  der  Käste  und  am  Romkerkopf. 
Drusenmineralien  sind  Turmalin,  Fluorit,  Albit,  Muscovit 
und  Epidot.     Die  Drusen  sind  primäre  beim  Krystallisations- 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXIII.  1800.  21 


322  I.  Sächsisch -Thürino:ische  Literatur. 

act    freigelassene   Hohlräume    und    ihre   Grenzen   sind    die 
Krystallflächen  der  sie  einschliessenden  Minerale. 

In  den  Drusen  findet  sich  der  Turmalin  selten,  häufiger 
kommt  er  in  Büscheln  in  den  pegmatitischen  und  mikro- 
perthitischen  Abarten  vor.  Der  Flussspath  kommt  in 
violetten,  farblosen  oder  grünen  Krystallen  100  oder  100 
und  111  vor. 

Häufig  ist  der  Kalkspath  in  den  Drusenräumen;  er 
ist  ein  Zersetzungsproduct  des  Oligoklases  und  vielfach  durch 
Eisenoxydhydrat  gelb  gefärbt.  In  der  nördlichen  Randzone 
des  Ockergranits  auf  Blatt  Harzburg,  am  Goldberg,  Eadebrak. 
Gläsekenberg  und  Elfenstein  finden  sich  porphyrartig  er- 
starrte Granite,  welche  durch  den  Reichthum  anPlagioklas, 
von  Malakolith  und  Bronzit  zu  den  basischen  Eugraniten 
hinüberführen;  es  wiederholt  sich  also  dieselbe  Erscheinung 
wie  auf  der  N.-  und  N.-O.-Seite  des  Brockeugranitits. 

Mit  diesem  Grauitit  treten  nun  die  Glieder  des  Devon : 
Spiriferen8andstein,Calceolaschichten,Goslarschiefer,Kramen- 
zelschiefer  und  der  Culm:  Kieselschiefer,  Posidonienschiefer 
und  Grauwacken  in  Contact.  Die  Spiriferensandsteine 
werden  so  zu  fettglänzenden  Quarziten,  die  dichten  blau- 
grauen Kalksteine  der  Calceolaschichten  zu  hellfarbigen, 
grauen,  grünlich  splittrigen  Kalksilicathornfelsen  mit  Mala- 
kolith, Quarz,  Epidot,  Zoisit  und  Granat,  die  Thonschiefer 
zu  bräunlichen,  violetten,  aus  Quarz  und  braunem  Glimmer 
bestehenden  Hornfelsen,  die  dichten  Kalksteine  der  Kramen- 
zelstufe  in  fein-  bis  grobkörnige  Kalksteine  mit  Granat,  Vesu- 
vian  und  Augit  umgewandelt. 

Die  Culm-Kieselschiefer  sind  viel  weiter  verbreitet 
als  man  früher  annahm,  so  stehen  sie  am  vorderen  Ziegen- 
rücken in  80  m  Mächtigkeit  an;  freilich  erschwert  ihre 
Umwandlung  in  hellfarbige  Quarzite  ihre  Diagnose  sehr. 

Die  Culm-Thonschiefer  werden  selten  zu  Knoten- 
und  Fleckschiefern,  häufiger  zu  Kieselschiefern  umgewandelt; 
dort  wo  die  basischen  Gänge  des  Granitits  vorhanden,  sind 
sie  in  voUkrystalline  Gesteine,  welche  aus  Quarz,  Biotit, 
Cordierit,  Magnetit,  und  Muscovit  bestehen,  unkrystallisirt. 


I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  323 

Die  Analysen  unveränderter  Culmthonsehiefer  und  der 
der  letztbeschriebenen  Metamorphose  erlegenen  stimmen 
überein. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 

ZiwiTitevniCinfi ,  Geologisches  vo7n  nördlichen  Thüringer 
Walde:  Aufnahmen  auf  Blatt  Crawinkel.  Jahrbuch  d.  kgl. 
Preuss.  geolog.  Landes  -  Anstalt  1881  fXXXKVIII.J  und 
1886  fXXXXVIJ. 

Von  den  auf  dem  Blatte  Crawinkel  vorkommenden 
Formationen  behandelt  der  Verfasser  besonders  das  Koth- 
liegende  (Porphyre)  und  den  Zechstein,  den  oberen  Keuper 
und  die  Flussschotter. 

Das  Vorkommen  und  die  Bildung  der  Manganerze  be- 
spricht er  besonders  genau.  Weitaus  die  meisten  Braun- 
steingänge  setzen  im  mittelgrob-  und  mittelreich- körnigen 
Porphyr  auf,  welcher  auch  die  herrschende  Varietät  dieser 
Gegend  bildet  und  der  auch  älter  ist  als  z.  B.  der 
fluidale,  gebänderte  Porphyr,  welcher  nur  eine  Braunstein- 
grube im  Laugengrund  hat.  Im  massigen  Porphyr  des 
Altebergs,  welcher  reich  an  Feldspath  und  Bergkry stallen 
ist,  setzen  mehrere  Braunsteingänge  dicht  hinter  einander 
auf.  Verfasser  weist  darauf  hin,  dass  der  Mangangehalt 
im  Porphyr  wahrscheinlich  an  die  Glimmer  gebunden  ist, 
erwiesen  ist  dies  jedoch  bis  jetzt  noch  nicht. 

Das  Liegende  der  Braunsteingänge  zeigt  gewöhnlich 
eine  Rutschfläche,  auf  welcher  ein  Conglomerat  von 
Porphyrstücken  ruht,  welche  allmählich  grösser  werden 
und  schliesslich  das  Hangende  bilden.  Der  Braunstein  tritt 
als  Bindemittel  dieser  Bruchstücke  auf. 

Der  Manganschlamm  soll  sich  auf  dieselbe  Weise  aus 
den  Lösungen  gebildet  haben,  wie  eine  Lösung  von  mangan- 
saurem Kali  den  bekannten  Manganschlamm  absetzt.  Die 
ManganausfüUuug  der  Gänge  ist  niemals  geschichtet,  son- 
dern compact,  als  ob  sie  sich  in  der  ganzen  Masse  des 
Ganges  abgesetzt  hätte,  ehe  sie  fest  wurde;  zudem  sind 
die  mitbrechenden  Mineralien  Schwerspath,  Kalkspath 
und  Flussspath  derart  im  Braunstein  vertheilt,  dass  ihre 
Bildungszeit  als   die  gleiche  wie  die  des  Braunsteins  an- 

21* 


324  I-  Sächsisch- Thüringische  Literatur. 

genommen  werden  muss.  Die  eigenthümlicben  Mangan- 
porphyr-Breccien  von  Ariesberg  zeigen  Porphyrbruchstücke 
vollkommen  eingebacken  in  Psilomelan;  es  muss  also  der 
Porphyr  zerrieben  und  von  dem  vorhandenen  Mangan- 
scblamm  umhüllt  worden  sein. 

Die  Zecb stein formation  zeigt  in  dieser  Gegend 
dieselbe  Gliederung  wie  in  Ostthüringen  bei  Gera.  Em 
Profil  wurde  am  Wege  auf  das  Borkenhäuscben  bei  Georgen- 
tbal  beobachtet;  die  Schichten  stehen  hier  auf  dem  Kopfe: 
Man  konnte  vom  Weissliegenden  aus  den  unteren  und 
mittleren  Zechstein  in  einer  Mächtigkeit  von  6,5  m, 
den  unteren  Letten  des  oberen  Zechsteins  in  60  m, 
den  Plattendolomit  in  44  m  und  den  oberen  Letten, 
in  ca.  27  m  Mächtigkeit  überschreiten. 

Auch  an  anderen  Stellen  dieser  Gegend  ist  die  Mächtig- 
keit des  unteren  und  mittleren  Zechsteins  eine  geringe.. 
Es  ist  deswegen  nicht  wunderbar,  wenn  längs  der  grossen,, 
den  Thüringer  Wald  vom  Thüringer  Becken  trennenden 
Flexur  nur  der  Plattendolomit  zwischen  Eothliegendem 
und  Buntensandstein   einigermassen  gut  aufgeschlossen  ist. 

Neben  anderen  Aehnlichkeiten  findet  sich  hier  die  voa 
Liebe  aus  der  Umgebung  von  Pössneck  als  dem  einzigen 
Vorkommen  in  ganz  Ost-Thüringen  beschriebene  Ausbildung^ 
des  mittleren  Zechsteins  als  Schaumkalk  mit  zahlreichen 
Einschlüssen  eckiger  bunter  Lettenbruchstlicke  wieder. 

Merkwürdig    ist    ein    schwarz  -  braunes,     quarzitisches 
drusiges  Gestein,  welches  ganz   sicher  bestimmbare  Stein- 
kerne von  Productus  horridus  Sow.  enthält  und  niemals 
eine   Spur    von    Schichtung    zeigt;    dagegen    erinnert    eine 
glatte  Oberfläche  an  Knollensteine  des  Oligocaens.     Wahr- 
scheinlich ist  es  in  Quarzit  umgewandeltes  Bryozoenriff- 
g  est  ein.     Zuerst  wurden  diese  Blöcke  auf  alten   Halden 
zwischen     anderen    Bruchstücken     von    Zechsteingesteinen, 
zwischen   Friedrichs -Anfang  und  Luisenthal  aufgefunden; 
auch  auf  dem  Walde  selbst  und  in  den  diluvialen  Schotter- 
massen, welche   ausserhalb   des  Waldes  sich    finden,  trifft, 
man  es  an.    4,5  km  weit  vom  Gebirgsrande  am  Wegscheidt. 
der  Strassen  Oberhof-Crawinkel  und  Oberhof-Ohrdruf  fanden, 
sich  mehrere  Centner  schwere  Blöcke  dieses  merkwürdigen. 


I.  Sächsisch-Thüringische  Literatur.  325 

Quarzits  mit  Productus  horridus  Sow;  auch  auf  dem  Gabel- 
kopf im  oberen  Kehlthal  und  im  oberen  Schnabelbach 
beobachtete  K.  v.  Fritsche  diese  Blöcke;  vielleicht  gehören 
hierher  auch  Blöcke  in  der  Nähe  von  Suhl  nach  dem  DöU- 
berge  zu;  auch  im  Orte  Ariesberg  findet  sich  ein  solcher 
Block  als  Prellstein  benutzt.  Das  Gestein  besitzt  eine  merk- 
w^ürdige  Mikrostructur.  Im  holokrystallinen  Gemenge  von 
Quarzkörnern  finden  sich  Häutchen  von  Eisenoxydhydrat, 
welche  gleichsam  auf  den  Flächen  von  Rhomboedern  an- 
geordnet sind,  ein  Zeichen,  dass  das  Gestein  früher  von 
einem  rhomboedrischen  Minerale  aufgebaut  wurde. 

Im  Muschelkalk  von  Crawinkel  findet  sich  in  der 
Terebratelbank  Spirifer  hirsutus. 

Im  Rhät  der  Bittstädter  Höhe  fand  der  Verfasser: 
Gervilla  praeursor  Qu.,  Taeniodon  praecursor  Schloenb., 
Schizodus  Ewaldi  Bornem.,  Lima  praecursor  Qu.  und 
Cypricardia  suevica  Opp. 

Die  diluvialen  —  nach  v.  Fritsch  pliocaenen  —  Fluss- 
schotter sind  merkwürdig  vertheilt:  auf  dem  Muschelkalk- 
plateau zwischen  Gräfenroda  und  Liebenstein  bilden  sie 
die  Ausfüllung  von  Rinnen  (10  m  tief),  welche  quer  zu 
den  jetzigen  Flussläufen  sich  erstrecken. 

Schon  früher  hat  Credner  bei  Ariesberg  Zechsteinmassen 
auf  dem  Walde  nachgewiesen.  Verfasser  schildert  nun  den 
Verlauf  der  Flexur  am  NO -Hange  des  Waldes  und  die 
Randverwerfung  des  SW-Randes. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


K.  Ricard   in   Sondershausen  ^    TJeher   einige  seltene  Petre- 
facten  aus  dem  Muschelkalk.     Zeitschrift  d.  deutsch,  geolog. 
Gesellschaft  1890.  Bd.  41,  S.  635—640. 
Ceratites   antecedens    Beyrich   hat    der  Verfasser 
bei  Sondershausen  im  Schaumkalk  (;'  der  preuss.  geolog. 
Specialkarte),  unmittelbar  unter   den  durch  häufiges  Auf- 
treten der  Terebratula  vulgaris  v.  Schlotheim  ausgezeichneten 
Schichten,  zusammen  mit  Nautilus  bidorsatus  v.  Schlotheim, 
Ammonites  Dux  Giebel,    Conchorhynchus  gammae   Picard 
aufgefunden.     In  Schwaben  hat  bekanntlich  Eck  den  Gera- 


326  !•  Sächsisch-Thüringische  Literatur. 

tiles  autecedens  in  der  oberen  Terebratelbank  und  bei 
Rüdersdorf  im  Schaumkalk  aufgefunden ,  dagegen  stammt 
•von  V.  Fritsch's  Exemplar  aus  d^n  30—40  m  unter  der 
Terebratelbank  auftretenden  Schichten  des  Schaumkalks 
und  fand  sich  dort  mit  Ceratites  Buchii  zusammen.  Letzteren 
hat  nun  Picard  in  den  Schichten  a  und  ß  auf  der  Hain- 
leite, seltener  in  den  Dolomitbänken  zwischen  ß  und  y 
angetroffen.  Vom  Referenten  wurde  derselbe  aus  dem 
Wellenkalk  des  Feldsteins  bei  Themar  bereits  im  Jahre  1877 
aufgefunden. 

Aus  den  an  Ceratites  nodosus  reichen  Thonplatten  von 
Schlotheim  beschreibt  der  Verfasser  weiter  2  Ophiuren, 
welche  zu  Ophiura  loricata  Goldfuss  gehören,  aus  den 
Schichten  zwischen  der  oberen  und  unteren  Terebratel- 
bank Aspidura  scutellata  Bl. ,  aus  den  obersten  Schichten 
des  oberen  Muschelkalks  am  Süd -Abhänge  der  Hainleite 
zwischen  dem  Jagdschlosse  Possen  und  dem  Dorfe  Ober- 
spier Acroura  squamosa  E.  Picard,  aus  den  Schichten  im 
Urthale  bei  Schlotheim  eine  neue  Acroura,  welche  er  pelli 
operta  nennt. 

Eine  Tafel  begleitet  die  beschriebenen  Arten. 
Halle  a.  S.  Luedecke. 

A..  Schveibev    in  Magdehurg ,    Glacialer scheinungen   in  M. 

Zeitschrift   d.    deutsch,  geolog.   Gesellschaft  1889^    Bd.    41^ 

S.  603—608. 
Verfasser  hat  bei  Kanalausschachtungen  im  NW  der 
Stadt  M.  bei  Freilegung  der  unter  dem  diluvialen  Geschiebe- 
mergel, der  früheren  Grundmoräne,  blossgelegten  Culm- 
grauwacke  ein  Streifensystem  von  Glacialschrammen 
in  der  Richtung  von  W  6*^  S  beobachtet,  welches  also  ähn- 
lich dem  von  Velpke  W  5^  S  streicht. 

Ausserdem  hat  er  ein  zweites  System  von  Schrammen, 
welches  N  14^  0  streichen  soll,  aufgefunden. 

Letzteres  würde  sich  mehr  dem  von  Wahnschaffe  bei 
Gommern  aufgefundenen,  welches  N  6"  0  streicht,  an- 
schliessen. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


I.  Sächsisch -Thüringische  Literatur.  327 

Cesavo,  G.,  Ueber  das  difetragonale  Prisma  am  ApophylUt 
von  St.  Andreasberg.  Bulletin  de  la  societe  mineralogique 
de  France,  t.  XII.  S.62—63.  1889. 

Verfasser  hält    das    gewöhnlich    schlecht    ausgebildete 

ditetragonale  Prisma  am  Apophyllit  von   St.   Andreasberg 

für    ooPS,     130,    während    es    sonst    für    ooP2    gehalten 

wurde. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Dames,   W.^  ^narosaurus  pumilio  nov.  gen.  nov.  spec.  Zeit- 
schrift d.  deutsch,  geolog.   Gesellschaft  1890.  S.  74. 

In  graugelbem,  dichten,  körnigen  Kalkstein  an  der 
oberen  Grenze  des  unteren  Muschelkalks  von  Remkers- 
leben  (ca.  15  km.  w.  von  Magdeburg)  findet  sich  ein  neuer 
Saurier,  welchen  der  Verfasser  näher  beschrieben  und  in 
einer  Tafel  abgebildet  hat.  Derselbe  repräsentirt  den  Typus 
einer  neuen  Nothosauriden-Gattung,  welcher  der  Autorden 
Namen  Anarosaurus  nach  dem  Zwerg  Anar  der  nordischen 
Mythologie  verliehen  hat. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


SchucJltf   H.,   Geologie  des  Ockerthals,  Harzburg,  Stollens 
Harzverlag,  1889. 

Das  kleine  Büchelchen  enthält  eine  Aufzählung  von 
Petrefacten  der  einzelnen  Fundorte  des  an  Formationen 
reichen  Ortes  Ocker  und  ein  ideales  Querprofil  vom  Ziegen- 
rücken nach  dem  Sudmerberg.  Möchte  dasselbe  geeignet 
sein,  dem  an  Naturschätzen  reichen  Harze  neue  Freunde 
zuzuführen. 


Scheidt,  Leopold f  Vögel  unserer  Heimath.  Für  Schule 

und  Haus  dargestellt.     Freiberg  im  Breisgau,     Herdersche 

Verlagshandlung .     Broschirt  2,20,  gebunden   3,20  M. 

Ein  sehr  nett  und  anregend  geschriebenes  Buch  (200  S.), 

das   eine    Anzahl    Repräsentanten    aus    den    verschiedenen 

Ordnungen  vorführt,   nachdem  letztere  jedesmal  kurz  cha- 


328  I-  Sächsisch-Thiiringiache  Literatur. 

rakterisirt  sind.  Die  Laufvögel  fehlen  naturgemäss.  Eine 
Menge  allgemeiner  Beziehungen,  Gedichte,  Sprüche  etc. 
sind  eingestreut,  so  recht  für  Leetüre- und  Unterricht.  Immer 
ist  der  Vogel  im  Verhältniss  zur  übrigen  Natur  gefasst, 
sodass  hübsche  Gesammtbilder  herauskommen. 

(Sollte  es  wirklich  blos  Annahme  sein,  dass  die  Haus- 
tauben von  der  Columba  livia  abstammen  ?  Es  durfte  wohl 
als  Thatsache  hingestellt  werden.)  Auch  die  zahlreichen 
Abbildungen,  durchweg  die  Thiere  in  natürlicher  Umgebung 
zeigend,  sind  meist  gut  gelungen,  die  Nachtigall  als  Titel- 
bild farbig,  einige  sind  etwas  steif,  z.  B.  das  Rothkehlchen 
und  der  Buchfink.  Die  Schilderungen  sind  durchweg  im 
guten  Sinne  populär  gehalten.  Auf  jeden  Fall  ist  das 
Büchlein  recht  geeignet,  seinen  Zweck,  Freude  an  der  Natur 
und  Sinn  für  das  Leben  in  derselben  einznflössen,  zu  er- 
füllen. Simroth. 


Friderich^    Naturgeschichte   der    deutschen   Vögel.      Liefe- 
rung 5 — 8. 

Die  neuen  Lieferungen  zeigen  den  regelmässigen  Fort- 
gang des  trefflichen  Werkes.  Auch  wenn  unser  Verein 
nicht,  gewissermassen  im  Andenken  an  Giebels  Vogelschutz- 
buch, die  Ehrenpflicht  hätte,  derartige  Bestrebungen  zu  unter- 
stützen, würde  das  Urtheil  gleich  günstig  ausfallen  müssen. 
Meisen,  Spechtmeisen,  Baumläufer,  Mauerläufer,  Fliegen- 
schnäpper, Schwalben,  Segler,  Nachtschwalben,  Würger, 
Seidenschwanz,  Pirol,  Staar  (etwas  entfernt  von  den  Raben), 
Rosenstaar,  Wasserstaar,  Stelzen,  Pieper,  Lerchen,  als  Schluss 
der  Insektenfresser  —  dann  die  Samenfresser  oder  Semini- 
voren,  Ammern,  Finken.  Diese  sind  bis  zum  Kanarien- 
vogel fortgeführt,  er  ist  naturgemäss  ausführlich  behandelt. 
Ueberall  sind  die  neuesten  Angaben  betr.  des  Zuges  etc. 
benutzt.  Ohne  dass  die  strenge  Wissenschaftlichkeit  leidet, 
sind  die  Schilderungen  frisch  und  anregend  geschrieben. 
Die  Abbildungen  sind  wieder  allerliebst,  vielleicht  hätte 
der  Feldsperling,  gegenüber  dem  gemeinen,  auf  der  Oberseite 
etwas  mehr  Roth  haben  können.  Die  letzte  Tafel  zeigt 
bereits  die  Kreuzschnäbel,  aber  nur  im  rothen  Prachtkleide; 


I.  Sächsisch-Thüringische  Literatur.  329 

dürfen  wir  auch  die  so   abweichenden   grauen  und  grünen 
Gewänder  noch  erwarten?  oder  reicht  der  Raum  nicht? 
Gohlis.  Simroth. 


JRuss,   Das  heimische  Naturlehe7i  im  Kreislauf  des  Jahres. 
Lieferimg  2 — 6. 

Die  Lieferungsausgabe  ist  inzwischen  regelmässig 
fortgeführt  bis  zum  Juni.  Sie  bietet  in  der  That 
ausserordentlich  vieles  und  practisches,  nicht  blos  für 
die  reifere  Jugend,  sondern  auch  dem  Zoologen  wird 
sie  als  gelegentliches  Nachschlagebuch  willkommen  sein. 
Die  phaenologischen  Daten  für  die  Pflanzen  (Blüthezeit  etc.) 
sind  in  den  Floren  überall  angegeben,  die  viel  complicirteren 
der  Thierwelt  sind  entsprechend  schwerer  zu  beschaffen. 
In  der  That  nehmen  sie  auch  nach  dem  Frühling  und 
Sommer  zu  einen  breiten  Raum  in  Anspruch.  Bei  der 
Zusammenarbeitung  des  Ganzen  hätten  wohl  die  Zahlen 
hinter  den  Jagdthieren  einer  kurzen  Erklärung  bedurft, 
da  dem  Gärtner  z.  B.  nicht  auch  die  Sprache  des  Jagd- 
kalenders geläufig  sein  kann. 

Gohlis.  Simroth. 


IL  Allgemeine  Literatur. 


Lasswit^f  Cuf'd,  Geschichte  der  Atomistik  vom  Mittel- 
alter his  Newton.  Band  I :  Die  Erneuerung  der  Korpus- 
kulartheorie. Band  II:  Höhepunkt  und  Verfall  der 
Korpuskulartheorie      des      17.     Jahrhunderts.        Hamburg 

(u.  Leipzig).      Verlag  von  Leopold  Voss. 

Der  Verfasser  stellt  den  hauptsächlichsten  Inhalt  seines 
Werkes  folgendermassen  dar: 

Das  Werk  behandelt  ein  Grenzgebiet  der  Physik  und 
der  Philosophie,  die  Theorie  der  Materie,  von  einem  neuen 
Gesichtspunkt,  nämlich  in  historischer  Darstellung  und  im 
erkenntniss-theoretischen  Interesse.  Es  bemliht  sich  daher 
für  die  Geschichte  der  Physik,  für  die  Geschichte  der 
Philosophie  und  für  die  Erkenntnisskritik  Beiträge  zu  ihrer 
wissenschaftlichen  Bearbeitung  darzubieten.  In  der  Ge- 
schichte der  Physik  fehlt  es  bisher  an  einem  Werke,  welches 
die  Entwickelung  der  allgemeinen  Physik,  die  Fortbildung 
der  Lehren  vom  Wesen  des  Körpers  und  den  Eigenschaften 
des  Stoffes  in  der  Zeit  des  Entstehens  der  modernen  Natur- 
wissenschaft ausführlich  und  im  Zusammenhange  mit  der 
Geschichte  der  Einzelwissenschaften  und  der  Philosophie 
behandelt.  Der  Verfasser  ist  bestrebt,  die  Ausbildung  der 
Korpuskulartheorie  des  17.  Jahrhunderts  und  ihren  Verfall 
auf  einen  möglichst  detaillirten  Nachweis  der  in  der  Ent- 
wickelung der  Physik  gegebenen  Motive  zu  stützen.  Die 
Ansichten  von  den  Aggegratzuständen,  der  Bewegung,  der 
Elastizität,  den  Elementen,  der  Gravitation,  der  Cohäsion, 
dem  Vacuum  u.  a.  m.  werden  daher  der  historischen  Unter- 
suchung unterzogen  und  auf  diese  Weise  Material  für  eine 
weitere  geschichtliche  Bearbeitung  dieser  Lehren  beigebracht. 


Allgemeine  Literatur.  331 


Die  Gesclii.  life  der  neuereu  Philosopliie  erhält  dadurch  die 
Möglichkeit  einer  eingehenderen  Berücksichtigung  der  natur- 
wissenschaftlichen Probleme,  welche  auf  den  Gang  des 
europäischen  Denkens  vonri  Mittelalter  bis  zum  Beginn  des 
18.  Jahrhunderts  von  Einfluss  waren.  Insbesondere  gewährt 
das  Problem  der  Continuität  im  Zusammenhange  mit  der 
Mathematik  und  die  Frage  nach  der  Wechselwirkung  der 
Substanzen  im  Zusammenhange  mit  den  Bedürfnissen  der 
Physik  aufklärende  Einblicke  in  die  Gestaltung  der  meta- 
physischen Systeme.  Hierbei  werden  eine  Reihe  sonst  kaum 
beachteter  Schriftsteller  als  interessante  Verbindungsglieder 
zwischen  den  grossen  systembildenden  Denkern  derKennt- 
nissnahme  zugänglich  gemacht.  Für  die  Erkenntnisskritik 
wird  durch  die  Abgrenzung  einer  geschichtlichen  Einheit 
in  der  Entwickelung  der  Korpuskulartheorie  des  17.  Jahr- 
hunderts eine  empirische  Thatsache  geschaffen,  an  welcher 
die  Bedingungen  der  Möglichkeit  der  Naturerkenntniss  über- 
haupt sich  studiren  lassen.  Man  pflegt  heutzutage  nicht 
blos  in  der  Physik,  sondern  auch  in  der  Philosophie  gegen 
die  Möglichkeit  einer  allgemeinen  Theorie  der  Materie  sich 
ablehnend  zu  verhalten.  Dies  hat  seine  Berechtigung,  in- 
sofern es  sich  hierbei,  wie  bei  aller  Erkenntniss,  um  eine 
unendliche  Aufgabe  handelt;  es  scbliesst  aber  nicht  aus, 
dass  innerhalb  der  Erfahrungsdaten  einer  bestimmten  Kultur- 
periode die  Einheit  aufgefunden  werde,  welche  dieselben 
zur  Möglichkeit  der  Naturwissenschaft  verbindet.  Gerade 
die  Meinungsverschiedenheit,  welche  über  die  Grundlagen 
herrscht,  die  der  Theorie  der  Materie  zu  geben  seien,  er- 
fordert es,  eine  objektive  Thatsache  zu  entdecken,  aus  deren 
Analyse  die  Bedingungen  des  naturwissenschaftlichen 
Denkens  zu  erkennen  sind.  Wenn  irgend  wo,  muss  ein 
solches  Factum  in  der  Erzeugungsperiode  der  Naturwissen- 
schaft vorliegen,  und  hier  müssen  die  Elemente  des  Denkens 
aufzufinden  sein,  welche  zu  der  Geistesarbeit  des  Alterthoms 
neu  hinzutraten  und  der  modernen  Erkenntnissart  eigen- 
thümlich  sind.  In  dieser  Zeit  aber  ist  die  Geschichte  der 
Materie  eine  Geschichte  der  kinetischen  Atomistik;  an  der- 
selben wurde  daher  der  Versuch  gemacht,  die  Natur  und 
Tragweite    der   Denkmittel    aufzusuchen    und  zu   erörtern. 


332  IL  Allgemeine  Literatur. 

welche  in  den  modernen  Theorien  wirksam  sind.  Das 
Ergebniss  .seiner  Untersuchung  legt  der  Verfasser  in  fünf 
Büchern  vor.  Das  erste  sammelt  die  im  Mittelalter  vor- 
handenen Quellen  der  Korpuskulartheorie;  hierbei  war  eine 
ausführliche  Darstellung  der  Gegnerschaft  des  ARISTOTELES 
gegen  die  Atomistik  nicht  zu  umgehen.  Von  bisher  kaum 
beachteten  Einflüssen  wurde  die  Atomistik  der  Mutakal- 
limun  herbeigezogen,  das  Kontinuitätsproblem  in  der  Ge- 
schichte der  Mathematik  und  in  der  Scholastik  nach  seiner 
Bedeutung  untersucht  und  in  den  Resten  der  antiken  Natur- 
wissenschaft die  Korpuskulartheorie  des  Alterthums  nach- 
gewiesen, endlich  an  einer  Geschichte  der  aristotelischen 
Theone  der  chemischen  Verbindung  die  auflösende  Wirkung 
dieser  Frage  in  Bezug  auf  die  Theorie  der  substanziellen 
Formen  erörtert.  Als  systematisches  Resultat  ergab  sich 
dabei,  dass  dem  Mittelalter  wie  dem  Alterthum  die  Natur- 
erkenntniss  beschränkt  wurde  durch  das  Fehlen  eines  Denk- 
mittels, welches  die  Veränderung  auf  einen  begrifi'lichen 
Ausdruck  zu  bringen  gestattet. 

Im  zweiten  Buch  wird  amEinfluss  desNeuplatonismus 
und  dem  durch  ihn  vertretenen  Gedanken  einer  inneren 
lebendigen  Wirkungs-  und  Entwickeluugsfähigkeit  der  Dinge 
das  Auftreten  des  neuen  Deukmittels  gezeigt,  welches  der 
Verfasser  mit  dem  Namen  des  Denkmittels  der  Variabilität 
bezeichnet.  Dasselbe  besteht  in  der  Erfassung  der  Realität 
des  Gegebenen  als  Tendenz  seiner  gesetzlichen  Fortsetzung. 
Als  ein  zweites  Moment  kommt  die  Einführung  unveränder- 
licher Grundsubstanzen  hinzu,  welche  sich  in  der  Auf- 
stellung einer  neuen  Elementenlehre  kenntlich  macht.  Mehr 
und  mehr  erweist  sich  die  Lehre  von  den  substanziellen 
Formen  als  unzureichend  für  die  Naturerklärung,  und  es 
tritt  die  systematische  Erneuerung  der  Korpuskulartheorie 
auf.  Neben  Senmert  wird  hier  zum  erstenmale  auf  die 
Bedeutung  von  Gorlaeus  und  Basso  hingewiesen.  Die 
Korpuskulartheorie  ist  jedoch  zunächst  nur  auf  Anschaulich- 
keit,   nicht   auf  rationelle  Gesetze  gegründet. 

Das  dritte  Buch  zeigt  nunmehr,  wie  der  Begriff  einer 
inneren,  sich  entwickelnden  Realität  der  Dinge  durch  die 
Arbeit  Gallileis  sich  umformt  zur  Realität  der  mechanischen 


II.  Allgemeine  Literatur.  333 

Bewegung  und  jetzt  erst,  weil  dieselbe  dem  mathematischen 
Gesetze  unterliegt  und  messbar  wird,  die  Objektivirung 
der  Empfindung  gestattet,  d.  h.  die  begriffliche  Fixirung 
des  bisher  nur  subjektiv  in  der  Sinnlichkeit  Gegebenen. 
Es  zeigt  sich  weiter,  dass  das  Problem  der  Materie  durch 
den  Begriff  der  Intensivität  der  Bewegung  allein  sich  nicht 
bewältigen  lässt,  sondern  dass  dazu  auch  der  Begriff  des 
individuellen  Korpuskels,  als  der  Einheit  des  Bewegungs- 
substrats im  Räume,  unentbehrlich  ist.  Dies  wird  durch 
eine  eingehende  Diskussion  der  Theorien  der  Materie  von 
Deschartes,  Gassendi,  Digby  und  Hobbes  nachzuweisen 
versucht. 

Das  vierte  Buch  entwickelt  die  Vollendung  der 
Korpuskulartheorie  in  ihrer  Anwendung  auf  Chemie  und 
Physik.  Die  bisher  (auch  vom  Verf.  in  einer  Abh.  „Der 
Verfall  der  kinet.  Atomistik"  [1874])  verkannte  Theorie 
Borellis  findet  dabei  eine  eingehende  Würdigung.  Den 
Höhepunkt  der  gesammten  Entwickelung  erkennt  jedoch  der 
Verf.  in  Huygens.  Indem  dieser  durch  den  Satz  von  der 
Erhaltung  der  mechanischen  Energie  Prinzipien  der  Mechanik 
schuf,  begründete  er  die  Möglichkeit  der  Wechsel- 
wirkung auf  mathematische  Gesetze  und  machte  dadurch 
die  Grundlagen  einer  wissenschaftlichen  Theorie  der  Materie 
vollständig.  Dies  sucht  der  Verf.  nachzuweisen  durch  eine 
Erörterung  über  die  moderne  Energetik  und  kinetische 
Atomistik,  in  welchen  das  Denkmittel  der  Variabilität  im 
Begriffe  des  Uebergangs  der  Energie  von  Raumtheil  zu 
Raumtheil  zur  Wirkung  kommt.  Hierdurch  erst  wurde  es 
möglich,  Kausalität  und  Substanzialität  zu  verbinden  und 
dadurch  die  gesetzmässige  Veränderung  der  Körperwelt  auf 
Begriffe  zu  bringen. 

Die  von  Huygens  geschaffenen  Grundlagen  zu  einer  end- 
giltigen  Theorie  der  Materie  aufzubauen  fehlte  es  jedoch 
an  zweierlei,  an  der  Fähigkeit  des  mathematischen  Kalküls, 
die  räumlichen  Veränderungen  der  Atomvertheilung  zu  be- 
herrschen, und  an  der  kritischen  Kraft  der  Philosophie, 
den  Mechanismus  des  Naturgeschehens  auf  die  Erscheinung- 
zu  beschränken  und  mit  den  Forderungen  des  Gemüths  in 
Einklang    zu    setzen.     Daher   führt  das  fünfte  Buch  aus, 


334  11.  Allgemeine  Literatur. 

wie  die  Korpuskularphysik  sich  in  vage  Hypothesenbilduug 
verlieren  und  ihre  Herrschaft  an  die  dynamische  Theorie 
abtreten  musste.  Die  Ausbildung  der  Differenzialrechnung 
bewirkte  zugleich  die  Ersetzung  der  räumlichen  Vertheilung 
der  Materie  durch  den  analytischen  Ausdruck  der  möglichen 
Bewegung,  welcher  in  der  fernwirkenden  Kraft  hypostasirt 
ward.  An  dem  Gedankengange  von  Leibnitz  und  Newton 
wird  nachgewiesen,  wie  beide  sich  in  dem  metaphysischen 
Interesse  der  dynamischen  Naturauffassung  begegnen. 


Günther^  Slegm,^  Prof.  Dr.,  Handbuch  der  mathemaii- 
schen  Geographie.  Mit  155  Abbildungen.  Shittgart,  Verlag 
von  Engelhorn. 

Der  durch  sein  Lehrbuch  der  Geophysik  auch  wohl  in 
weiteren  Kreisen  bekannte  Verfasser  theilt  nach  einer  Ein- 
leitung, in  welcher  als  Endzweck  der  mathematischen 
Geographie  festgestellt  wird,  dass  dieselbe  die  Lage  irgend 
eines  Punktes  am  Erdkörper  gegen  ein  im  Räume  an- 
genommenes Axensystem  mit  jeuer  Schärfe,  welche  dem 
augenblicklichen  Stande  der  Theorie  und  Beobachtungs- 
kunst angepasst  ist,  bestimmen  soll,  den  Stoff  in  drei 
Capitel  ein.  Das  erste  behandelt  die  Gestalt  und  Grösse 
der  Erde,  das  zweite  die  geographische  Ortsbestimmung 
auf  der  Erde  selbst  und  das  dritte  stellt  die  Erde  als 
bewegten  Körper  im  Räume  dar. 

Ein  Handbuch  der  m.  G.  kann  nicht  Alles  lehren  und 
abhandeln  wollen,  aber  es  soll  jedem  die  Mittel  und  Wege 
an  die  Hand  geben,  mittels  deren  der  Leser  tiefer  in  die 
Literatur  eindringen  kann.  Aus  diesem  Grunde  hat  der 
Verfasser  zahlreiche  Literatur -Quellen  angeführt,  so  dass 
der  Leser  sich  in  jeder  Richtung  selbständig  weiter  unter- 
richten kann. 

Das  allgemeine  Verständniss  der  Lehren  der  einzelnen 
Capitel  wird  ungemein  gefördert  durch  die  Art  der  histo- 
rischen Darstellung,  wie  sie  der  Autor  handhabt;  naturge- 
mäss  wird  durch  sie  der  Leser  stufenweise  vom  Ein- 
facheren   zum    Complicirteren    emporgeführt.      Gewöhnlich 


II.  Allgemeine  Literatur.  335 


begnügt  sich  der  Verfasser  mit  der  Darstellung  der  mathe- 
matischen Entwickelung  mit  elementarer  Mathematik,  doch 
lässt  sich  die  sphärische  Trigonometrie  und  die  Anfangs- 
gründe der  höheren  Mathematik  bei  dem  vorliegenden  Stoff 
nicht  umgehen  und  so  werden  an  den  Leser  naturgemäss 
Ansprüche  gestellt,  denen  wohl  mancher  Geograph  nicht 
so  ohne  Weiteres  gewachsen  sein  dürfte.  Gleichwohl  sind 
die  meisten  Capitel  auch  dem  mathematisch  minder  Vor- 
gebildeten zugänglich.  Die  Ausstattung  ist  wohl  gelungen. 
Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Ostwald^S  Klassiker   der  exacten   Wissenschaften.     Leipzig. 
Wilhelm  Engelma?in. 

Welchen  Raum  soll  im  Bildungsgang  des  Studirenden 
der  Mathematik  und  der  Naturwissenschaften  die  eigene 
Lektüre  einnehmen  und  worauf  vor  allem  soll  sie  sich  er- 
strecken? —  das  sind  pädagogische  Fragen  von  nicht  zu 
unterschätzender  Wichtigkeit.  Wer  an  sich  selbst  erfahren 
hat,  wie  gerade  dieser  Theil  des  Studiums  auf  das  ganze 
wissenschaftliche  Denken  einen  entscheidenden  Einfluss 
ausüben  kann,  wird  nicht  im  Zweifel  sein ,  in  welchem 
Sinne  jene  Fragen  zu  beantworten  sind.  Und  doch  sind 
die  Studirenden  selbst  oft  nicht  genügend  darüber  aufge- 
klärt, und  es  wird  sowohl  in  der  Menge  des  Gelesenen, 
wie  auch  in  der  Auswahl  des  Stoffes  viel  gesündigt.  So 
halte  ich  es  —  um  an  einem  Beispiel  zwei  sich  aus- 
schliessende  Wege  zu  bezeichnen  —  für  denjenigen,  der 
sich  in  die  geometrischen  Forschungen  einarbeiten  will,  für 
fördernder,  wenn  er  sich  in  die  beiden  Schriften  v.  Staudt's 
über  die  Geometrie  der  Lage,  oder  in  Möbius'  geometrische 
Arbeiten  vertieft,  als  wenn  er  die  ganze  Reihe  der  Salmon'- 
schen  Lehrbücher  über  Geometrie  durchmacht.  Freilich 
die  jetzigen  Umstände,  besonders  die  Aussichten  in 
jenen  Fächern,  befördern  die  zweite  Methode,  bei  welcher 
es  möglich  wird,  eine  grosse  Menge  von  solchem  Stoff",  der 
sich  im  Examen  verwenden  lässt,  zu  bewältigen,  bei  welcher 
ausserdem  nicht  so  viel  Auffassungsvermögen  verbraucht 
wird,   um  nicht  nebenher  manche  anderen  Fächer  zu  be- 


336  II.  Allgeraeine  Literatur. 

treiben,  von  denen  Kenntniss  zu  nehmen  die  Erweiterung  der 
„Fakultäten"  wünschenswerth  macht.  Jener  andere  oben 
angedeutete  Weg  dagegen  verlangt  eine  starke  Anspannung 
der  Geisteskräfte,  und  ein  Aufgehen  in  dem  einen  Stoff; 
und  der  Nutzen,  den  er  gewährt,  ist  ein  idealer:  die  An- 
regung zu  eigenem  Forschen. 

Unter  diesen  Umständen  mlissen  wir  im  Sinne  des 
wissenschaftlichen  Strebens  besonderen  Dank  einem  Unter 
nehmen  entgegenbringen,  das  wie  kein  anderes  berufen  ist, 
das  Studium  der  guten  wissenschaftlichen  Literatur  zu 
heben.  Ostwald's  Klassiker  der  exakten  Wissen- 
schaften bezwecken,  —  wie  in  der  Ankündigung  hervor- 
gehoben wird  —  dem  bei  den  Jüngern  gerade  dieser 
Wissenschaften  oft  bemerkten  „Fehlen  des  historischen 
Sinnes,  und  dem  Mangel  an  Kenntniss  jener  grossen  Ar- 
beiten, auf  welchen  das  Gebäude  der  Wissenschaft  steht", 
entgegenzutreten. 

Das  Unternehmen  erstrebt  dies  durch  Herausgabe 
solcher  dem  Gebiet  der  Mathematik,  Astronomie,  Physik, 
Chemie  (einschliesslich  Krystallkunde)  und  Physiologie  an- 
gehörenden Arbeiten  in  einzelnen,  zu  billigem  Preise  er- 
haltbaren Heftchen,  und  sucht  dadurch  nicht  nur  ein  Unter- 
richtsmittel, sondern  auch  ein  Mittel  zur  Forschung  zu 
schaffen.  In  welcher  Weise  dieser  Zweck  erreicht  wird, 
sei  mir  gestattet,  an  der  Hand  der  mir  vorliegenden  mathe- 
matischen bezw.  mathematisch-physikalischen  Abhandlungen 
im  einzelnen  zu  zeigen. 

Sicherlich  nicht  ohne  Bedeutung  ist  die  Reihe  der  Heft- 
chen eröffnet  durch  H.  Helmholtz'  Abhandlung  „üeber 
die  Erhaltung  der  Kraft"  (1847).  Denn  wenn  irgend 
eine  Arbeit  auf  die  Entwickelung  unseres  modernen  physi- 
kalischen Denkens  einen  Einfluss  gehabt  hat,  so  ist  es 
diese.  Während  der  Begründer  der  Theorie  des  mechanischen 
Wärmeäquivalents,  Kobert  Mayer,  seine  Ansicht  durch 
Gründe  philosophischer  Natur  zu  stützen  sucht,  geht  Helm- 
holtz den  Weg,  der  in  der  Naturwissenschaft  jetzt  allent- 
halben durchdringt:  Er  stellt  an  die  Spitze  einen  Satz 
von  grösster  Allgemeinheit,  den  er  der  Erfahrung  ent- 
nimmt  —    populär   ausgedrückt    heisst  derselbe:   Es  giebt 


II.  Allgemeine  Literatur.  337 

kein  perpetuum  mobile  —  und  folgert  aus  ihm  durch  rein 
mathematische  Entwickelung  den  wichtigen  Satz  von 
der  Erhaltung  der  Kraft:  Die  Summe  der  vorhandenen 
lebendigen  Kräfte  und  der  Spannkräfte  bleibt  stets 
koDstant.  Ihn  verfolgt  er  dann  in  die  verschiedensten 
Gebiete  der  Natur,  in  denen  sein  Walten  zu  Tage  tritt. 
Jetzt,  wo  dieser  Satz  als  erster  Grundsatz  der  Physik  an- 
erkannt ist,  berührt  es  uns  merkwürdig,  wenn  wir  (in  den 
von  Helmholtz  im  Jahre  1881  beigegebenen  Zusätzen)  von 
dem  Widerstand  lesen,  auf  den  die  Arbeit  Anfangs  ge- 
stossen  ist. 

Ein  weiteres  Heftchen  enthält:  F.  W.  Bessel's 
,,Untersuchungen  über  die  Länge  des  einfachen 
Sekundenpendels''  (1826),  welche  als  allgemein  giltiges 
Vorbild  experimenteller  physikalischer  Leistungen  ange- 
sehen werden  darf.  Wir  bewundern  eben  so  sehr  die 
Beschreibung  des  Apparates,  bei  welcher  der  Zweck 
eines  jeden  beschriebenen  Theilchens  anschaulich 
hervortritt,  wie  die  geniale  Anordnung  des  Versuches,  die 
so  getroffen  ist,  „dass  die  Genauigkeit  des  Resultats  nicht 
von  dem  Apparate,  sondern  allein  von  dem  Fleisse,  welchen 
man  auf  die  Beobachtungen  und  ihre  Wiederholung  ver- 
wendet, begrenzt  wird'';  und  nicht  minder  die  peinliche 
Inachtnahme  eines  jeden  störenden  Einflusses,  dessen  Vor- 
handensein als  möglich  gedacht  werden  könnte,  und  seine 
strenge  mathematische  Erledigung.  So  lässt  sich  das- 
jenige Lob  auf  Bessel's  Abhandlung  genau  anwenden, 
welches  dieser  dem  Verfertiger  seines  Apparates  zollt: 
dass  gleichmässig  alle  Theile  der  Arbeit  eine  solche 
Vollendung  besitzen,  dass  sie  einem  jeden  die  Bewunderung 
abnöthigen,  die  wahrer  Vollendung  gebührt.  —  Um  die 
Stellung,  die  Bessel's  Arbeit  in  der  physikalischen  Literatur 
einnimmt,  zu  bezeichnen,  seien  die  Worte  des  Heraus- 
gebers des  Heftchens  (H.  Bruns)  wiedergegeben:  „Was 
Bessel  an  konkreten,  für  die  Folgezeit  vorbildlich  ge- 
wordenen Methoden  und  Regeln  geschaffen  hat,  ist  heute 
so  sehr  Gemeingut  geworden,  dass  wir  uns  nur  sehr  schwer 
den   Abstand   vergegenwärtigen   können,    welcher  Bessel's 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bi.  LXIII.  1890.  22 


338  II.  Allgemeine  Literatur. 

Arbeiten     von    zahlreichen     anderen    seiner    Zeitgenossen 
trennt." 

C.  F.  Gauss  ist  bis  jetzt  mit  zwei  Abhandlungen  ver- 
treten: Allgemeine  Flächentheorie  —  Disquisitiones 
generales  circa  superficies  curvas  —  (1827)  und:  Allge- 
meine Lehrsätze  in  Beziehung  auf  die  im  ver- 
kehrten Verhältnisse  des  Quadrats  der  Entfer- 
nung v^irkenden  Anziehungs-  und  Abstossungs- 
kräfte.  Gauss  kann  als  der  eigentlichste  Klassiker  unter 
den  deutschen  Mathematikern  gelten,  und  zwar  nicht  allein 
wegen  der  Bedeutung  seiner  Arbeiten,  sondern  hauptsäch- 
lich, weil  es  seine  eigene  Absicht  ist,  auch  in  der  Form 
möglichst  klassisch  zu  sein. 

Freilich  verwischt  die  Eleganz  der  Darstellung  den 
Weg,  der  ihn  zu  seinen  Resultaten  geführt  hat;  der  Leser 
der  Gauss'schen  Schriften  geräth  in  Staunen  vor  dem  ge- 
waltigen Geiste,  und  kommt  schwerlich  auf  den  Gedanken, 
dass  man  selbst  ähnliches  hätte  finden  können  —  was 
sonst  beim  Studium  gleich  fundamentaler  Arbeiten,  welche 
Einfachheit  höher  stellen  als  Eleganz,  ermuthigt  und  zum 
Weiterforschen  anregt.  Bei  Gauss  liegt  diese  Anregung  in 
der  Gewalt  des  Stoffes,  welche  gerade  die  grössten  Denker 
unter  den  nachfolgenden  Mathematikern  zum  Weiterbauen 
angespornt  hat.  Dafür,  dass  diese  Stoffe  auch  mehr  All- 
gemeingut werden,  schlägt  nun  die  vorliegende  Ausgabe 
den  richtigen  Weg  ein,  indem  sie  in  den  beigefügten  An- 
merkungen einerseits  die  historische  Entwickelung  vor 
Gauss  —  die  bei  ihm  wenig  betont  wird  —  andrerseits 
den  Fortschritt  der  Theorien  bis  zur  jüngsten  Zeit  genau 
verfolgt.  Ausserdem  ist  die  lateinische  Abhandlung  in 
einer  Form  in's  Deutsche  übertragen,  welche  nirgends  die 
Uebersetzung  verräth. 

Aus  dem  Gesagten  wird  zu  erkennen  sein,  in  welcher 
Weise  Ostwald's  „Klassiker''  der  gestellten  schönen  Aufgabe 
gerecht  werden.  Dieselbe  wird  dann  ganz  erfüllt  sein, 
wenn  der  Studirende  seine  Klassiker  als  treue  Freunde 
zu  betrachten  gelernt  hat,  die  man  um  so  lieber  gewinnt, 
je  näher  man  sie  kennt. 

Halle  a.  S.  H.  Wiener. 


II.  Allgemeine  Literatur,  339 

Sprockhoff^    A.,    Grundzüge   der  Physik,    430  Seiten,  442 
Ahhildungen.     Hamiocer  1890.     Carl  Meyer  (G.  FriorJ. 
Das  mit  grossem  Geschicke    zusammengestellte   Werk 
bespricht  in    knapper    aber    im    Allgemeinen    klarer    Dar- 
stellung den  grössten  Theil  der  physikalischen  Erscheinungen. 
Der  Text  wird  durch  eine  grosse  Zahl  guter   Abbildungen 
auf  das    Vortheilhafteste   erläutert.     Durch    grösseren    und 
kleineren  Druck  wird  das  Hauptsächliche   von  dem  Detail 
in  übersichtlicher  Weise  geschieden.     Der  erste  Theil  ent- 
hält   Einzelbilder,    in    denen    der   Verfasser    mit    den    Er- 
scheinungen   und  Versuchen   bekannt  macht.     Der  zweite 
Theil  giebt  eine  systematische  Anordnung  des  ganzen  Stoffes. 
Manchem  Leser  wird  diese  Eintheilung   sehr  willkom- 
men sein. 

Der  Werth  des  sehr  empfehlenswerthen  Werkes  würde 
sich  noch  heben,  wenn  an  mancher  Stelle  die  Ausdrucks- 
weise und  die  Definition  neu  einzuführender  Begriffe  noch 
schärfer  und  präciser  würde.  Es  Hesse  sich  dieses  für 
eine  spätere  Auflage  in  Aussicht  nehmen. 

In  gleicher  Weise  müssen  einige  Irrthümer  nothwendig 
abgestellt  werden.  Ein  Werk,  das  für  einen  Leserkreis 
bestimmt  ist,  der  sich  vielleicht  nur  aus  ihm  belehren  kann, 
•darf  am  allerwenigsten  Fehler  in  sich  aufnehmen. 

Als  Unklarheiten  möchte  ich  z.  B.  bezeichnen: 
p.  9.     An  jedem  festen  Körper  findet  sich  eine  Stelle,   um 

welche   herum  alle  Theile  gleiches  Gewicht 

besitzen. 
p.  93.  Man  muss  sich   die    Sache    so    vorstellen,    dass    die 

leuchtende  Fläche  desKörpers  alsLicht  an 

den  Spiegel  tritt  etc. 
p.  382.  Die  Wheastonesche  Brücke  hätte  durch   eine  Skizze 

der  Verbindungsdrähte   eine  klarere  Darstellung  ge- 
funden. 
p.382.  Die  elektrischen  Maasseinheiten  können  leicht  präciser 

und  klarer  auseinandergesetzt  werden. 
Als  Fehler  wären  u.  A.  hervorzuheben: 
p.32L  Durch  den  Spectralapparat  erhält  man  von  jedem 

leuchtenden  Körper  ein  reines  Spec tum  mit 

Fraunho ferschen  Linien. 

22* 


340  IL  Allgemeine  Literatur. 

p.321.  Ein  reines  Sonnenspectrum  ohne  Fraunhofe r- 

sche  Linien. 
p.409.  Ohne  Vergrösserung  der  mechanischen  Arbeit  kann 
der  electrische  Strom  verstärkt  werden. 
In  den  Figuren : 
Spectraltafel  No.  1  ist  als  Spectrum  eines  weissglühenden 

Körpers  zu  bezeichnen, 
p.  7  Fig.  9.    Das  Glas  der  Wasserwage  ist  nach  oben  ge- 
krümmt zu  zeichnen  (es  geht  dieser  wichtige  Punkt 
weder  aus  der  Figur  noch  dem  Text  hervor). 
p.323.  Die  Anordnung  der  Apparate  ist  beim  Versuch  eine 
ganz  andere  als  in  der   Fig.  352  angegeben   ist   etc. 
Noch    nicht    klargestellte    Thatsachen,    z.    B.    die    Er- 
klärung  der  Entstehung    der    Gewitter,    können    in    einem 
solchen   Werke    nicht    besprochen    werden.     Nach    Ansicht 
des  Ref.  ist  dem  Leser  am  besten  gedient,   indem  man  sie 
kurz  erwähnt  und  hervorhebt,   dass   eine  befriedigende  Er- 
klärung noch  nicht  gegeben  sei. 

Eine  genauere  Durchsicht  des  Verfassers  wird  genügen,, 
derartige  Mängel  zu  beseitigen;  wir  dürfen  das  Werk  zu 
den  brauchbaren  Lehrbüchern  der  Physik  zählen  und  können 
es  namentlich  auch  zu  repetitorischen  Studien  sehr  em- 
pfehlen. 

Halle  a.  S.  Dr.  Schmidt. 

JKayseVj  S.,  Lehrbuch  der  Physik  für  Studirende.  464 
Seite?i^  334  Ahhildungen.  Stuttgart  1890.  Ferd{?ia7id EncJce. 

Obgleich  wir  an  Lehrbüchern  über  die  physikalische 
Disciplin  eine  recht  reichliche  Menge  besitzen,  fehlt  es 
bisher  an  einem  solchen,  das  man  mit  voller  Zufriedenheit 
einem  Studirenden  empfehlen  könnte. 

Dieser  Umstand  hat  den  Verfasser  veranlasst,  das  vor- 
liegende Buch  zu  schreiben.  Dasselbe  wird  für  den  Studiren- 
den eine  willkommene  Ergänzung  zu  einem  Colleg  sein 
und  für  Repetition  ausserordentlich  geeignet  erscheinen. 

Die  Anordnung  des  Stoffes  ist  wohlangelegt  und  trotz, 
des  compendiösen  Umfanges  finden  sich  in  dem  Werke 
sämmtliche  Fragen  behandelt,  die  in  der  Experimental- 
physik von  Bedeutung  sind. 


II.  Allgemeine  Literatur.  341 

Ein  gutes  Inhaltsverzeichniss  im  Anfang  des  Buches, 
nach  der  Materie  am  Ende  alphabetisch  geordnet,  ermöglicht 
ein  leichtes  Auffinden  eines  nachzuschlagenden  Gegen- 
standes. Auch  sind  die  neuesten  Forschungen  berück- 
sichtigt, besprochen  und  dem  Althergebrachten  eingereiht. 

Die  Darstellung  ist  bündig  und  klar,  die  meist  sche- 
matisch  gezeichneten  Apparate  und  Versuchs-Anordnungen 
sind  übersichtlich  und  erleichtern  das  Verständniss  des 
Behandelten  in  vortheilhaftester  Weise. 

Hin  und  wieder  hätte  der  Ausdruck  präciser  und 
schärfer  sein  können.  Ref.  wünscht  auch  die  Rechnung, 
wo  es  irgend  angeht,  durch  geometrische  Construction  er- 
setzt; so  lassen  sich  z.  B.  die  Eigenschaften  der  Wage  in 
einfachster  Weise  aus  einer  Construction  ableiten. 

In  wichtigen,  bisher  noch  nicht  gelösten  Fragen,  wie 
z.  B.  die  Herstellung  von  Accumulatoren  etc.,  wäre  eine 
etwas  ausführlichere  Besprechung  des  Erreichten  und  noch 
zu  Erstrebenden  am  Platze. 

Auf  die  Literatur  zu  eingehenderem  Studium  einzelner 
Fragen  ist  theilweise  recht  gut  hingewiesen.  An  anderen 
Stellen  vermisst  Ref.  einen  solchen  Hinweis,  z.  B.  hätte 
V.  Helmholtz  Schrift  über  die  Erhaltung  der  Kraft  p.  57 
Erwähnung  finden  müssen. 

Für  eine  folgende  Auflage  nimmt  der  Verf.  vielleicht 
eine  Zusammenstellung  der  wichtigsten  Werke  am  Ende 
einer  jeden  Disciplin  —  wie  dies  z.  B.  am  Ende  der  Lehre 
von  der  Electricität  p.  330  schon  angedeutet  ist  —  in 
Aussicht. 

Schliesslich  möchte  ich  noch  erwähnen,  dass  die  An- 
ordnung des  Fresnelschen  Spiegelversuches  p.  387  Fig.  274 
verzeichnet  ist.  CO  bildet  beim  Experiment  niemals  einen 
so  grossen  Winkel  mit  der  Spiegelfläche  L^D  (resp.  L2D) 
wie  in  der  Figur  angegeben.  Bei  der  dort  gezeichneten  An- 
ordnung wird  man  keine  Interferenzen  beobachten.-  Ohne 
die  Deutlichkeit  der  Zeichnung  zu  beeinträchtigen,  kann 
man  dieselbe  ganz  der  Aufstellung  der  Apparate  gemäss 
ausführen. 

Fig.  303  p.  422  ist  perspectivisch  verzeichnet.  Die 
verkürzte  Ellipse  BDCE  darf  nicht  B  und  C  berühren.     Es 


342  II.  Allgeiüeine  Literatur. 

ist  dieses  ein  Fehler,  der  häufig  gerade  bei  dieser  Figur 
gemacht  wird,  weshalb  Ref.  bei  dieser  Gelegenheit  einmal 
darauf  aufmerksam  machen  möchte. 

Dr.  Schmidt. 


Webev,  H.^  Electrodynamik,  mit  Berücksichtigung  der  Thermo- 
electricität^  Electrolyse  und  Thermochemie.  Bramischiceig 
1889.      Vieiceg  und  Sohn. 

Obgleich  der  Verfasser  die  Anwendung  des  Titels 
„Electrodynamik"  in  der  Vorrede  zu  rechtfertigen  sucht, 
glaubt  Ref.,  dass  ein  anderer  Titel  dem  Inhalte  des  Werk- 
chens mehr  entsprochen  hätte,  da  nur  1/3  desselben  auf 
die  Behandlung  der  Electrodynamik  fällt. 

Verf.  lehnt  sich  in  diesem  Abschnitt  an  die  vonW.  Weber 
entwickelten  Anschauungen  und  leitet  das  von  W.  Weber 
aufgestellte  Grundgesetz  ab;  er  kommt  dann  von  diesen 
Entwickelungen  ausgehend  auf  die  wichtigen  Begriffe  der 
ponderomotorischen,  electromotorischen  und  inducirenden 
Kraft. 

Dass  sich  über  die  Gültigkeit  der  hier  vertretenen  An- 
schauungen berechtigte  Zweifel  erheben,  wird  nicht  er- 
wähnt. 

Ebenso  wenig  bespricht  der  Verfasser  die  neueren 
Anschauungen,  die  von  Faraday  zuerst  experimentell,  von 
Maxwell  und  von  Helmholtz  theoretisch  begründet  sind  und 
in  neuester  Zeit  durch  die  schönen  Versuche  von  Hertz 
beträchtlich  erweitert  und  befestigt  sind,  dass  die 
Dielectrica  einen  Einfluss  auf  die  Ausbreitung  electr. 
Kräfte  haben. 

Im  ersten  Abschnitt  bringt  Verf.  in  hergebrachter 
Weise  das  Ohm'sche  Gesetz  und  die  Kirchhoflf'schen  Sätze 
über  Electricitätsvertheilung.  Der  über  die  Einführung 
neuer  Maasseinheiten  handelnde  Paragraph  hätte  eine 
klarere  Darstellung  finden  können. 

Die  Recapitulation  mechanischer  Sätze  in  dem  folgen- 
den Abschnitt  ist  für  das  Werkchen  nach  Ansicht  des  Ref. 


IL  Allgemeine  Literatur.  343 

ZU  weitläufig  Gehandelt;   auch   entbehrt   die  Ableitung  der 
Gleichungen  theilweise  der  möglichen  Kürze. 

Eine  eingehende  Behandlung  haben  die  Thermo- 
electricität,  sowie  die  chemischen  Vorgänge  in  den  folgen- 
den Capiteln  gefunden. 

Halle  a.  S.  Dr.  K.  Schmidt. 


Hhotnsonf  J.  «7.,  Amcendung  der  Dynamik  auf  Physik 
und  Chemie.  Autorisirie  TJ eher  Setzung.  Leipzig.  1890, 
Gustav  Engel. 

Ueber  ein  Werk  von  so  ausserordentlich  reichem  In- 
halt, wie  das  vorliegende,  in  wenigen  Worten  referiren  zu 
wollen,  ist  ein  wenig  aussichtsvolles  Unternehmen,  zumal 
wenn  die  Methode  der  Hauptsache  nach  mathematischer 
Natur  ist;  wir  müssen  uns  begnügen,  die  leitenden  Ge- 
danken klar  zu  legen. 

Die  Leetüre  des  Buches  ist  durch  die  ausserordentlich 
abstracte  und  ganz  allgemeine  Behandlungsweise  der 
Gleichungen  nicht  sehr  leicht,  es  kostet  viel  Zeit,  sich  in 
die  in  Deutschland  nicht  geläufige  specifisch  englische 
Methode  einzulesen. 

Die  Probleme,  die  behandelt  werden,  sind  fast  ledig- 
lich thermodynamischer  Natur;  es  wird  untersucht,  der  Ein- 
fluss  der  Erwärmung  auf  die  Körper,  die  Entstehung 
electromotorischer  Kräfte  durch  Temperatur -Unterschiede. 
Es  werden  ferner  besprochen  die  Vorgänge  der  Ver- 
dampfung, Dissociation,  Eigenschaften  verdünnter  Lösungen, 
Uebergänge  aus  dem  festen  in  den  flüssigen  Aggregat- 
zustand. 

Das  Neue  in  dem  Buche  ist  die  Methode,  mit  Hülfe 
deren  der  Verfasser  die  Resultate  ableitet. 

Bisher  löste  man  thermodynamische  Probleme  mit  den 
2  Hauptsätzen  der  mechanischen  Wärmetheorie,  deren  erster 
ein  specieller  Fall  des  allgemeinsten  physikalischen 
Principes  der  Constanz  der  Energie  ist.  Der  zweite  sagt 
aus,     dass    Wärme    nicht    aus    einem    kälteren    in    einen 


344  II.  Allgemeine  Literatur. 

wärmeren  Körper  übergeht,  obue  dass  gleichzeitig  Arbeit 
geleistet  wird. 

An  Stelle  dieses  rein  empirischen  Satzes  setzt  der 
Verfasser  einen  dynamischen  Satz,  der  in  der  Mechanik 
unter  der  doppelten  Form  als  Hamiiton'sches  Princip  oder 
als  System  der  Differential-Gleichungen  von  Lagrange  be- 
kannt ist.  Beide  Formen  sind  auf  einander  zurück- 
führbar. 

Die  Vorzüge  der  neuen  Methode  (cf.  pag.  5)  bestehen 
in  Folgendem:  sie  hat  als  rein  dynamische  grössere  Allge- 
meinheit, sie  stützt  sich  auf  ein  Princip  (statt  auf  2)  und 
reicht  auch  für  den  Fall  aus,  wo  die  Umwandlung  der 
Energie  nicht  in  Wärme,  sondern  z.  B.  in  Electricität  ge- 
schieht. Für  solche  Processe  reicht  das  Princip  der  Energie 
nicht  in  allen  Fällen  aus. 

Der  Nachtheil  der  Methode  ist  dadurch  begründet, 
dass  dieselbe  auf  dynamische  Begriffe  führt,  die  nicht  ohne 
Kenntniss  anderer  Beziehungen  auf  die  direct  zu  messen- 
den Grössen  führt  —  es  ist  z.  B.  die  Intensität  eines 
electrischen  Stromes  nicht  ohne  Weiteres  als  eine  dynamische 
Grösse  gegeben. —  .       ., 

Diese  Beziehungen  sind  nicht  immer  bekannt.  In 
solchen  Fällen  führt  oft  die  ältere  Methode  zu  bestimmteren 
Kesultaten. 

Da  wir  keine  Kenntniss  der  inneren  Structur  der  Körper 
besitzen,  so  können  wir  nur  erwarten,  Beziehungen  zwischen 
bekannten  Eigenschaften  der  Körperwelt  und  Folgen 
daraus  festzustellen. 

Hierzu  ist  die  neue  Methode  sehr  geeignet.  Dieselbe 
ergiebt  Gleichungen,  in  denen  ein  jedes  Glied  einer  be- 
stimmten physikalischen  Eigenschaft  des  Systemes  ent- 
spricht. Aus  dem  Vorhandensein  eines  solchen  Gliedes 
lässt  sich  auf  neue  Eigenschaften  ein  Schluss  machen. 

Um  ein  Beispiel  zu  geben,  führe  ich  das  in  §  43  p. 
94  ff.  Besprochene  au.  Die  Methode  ergiebt,  dass  man 
durch  Licht  magnetische  Kräfte  erzeugen  kann.  Dieses  ist 
experimentell  nicht  erwiesen.  Die  Gleichung,  auf  die  der 
Verfasser  kommt,  zeigt  aber  gleichzeitig,  dass  die  Wirkung 
zu  klein  ist,  um  beobachtet  zu  werden. 


II.  Allgemeine  Literatur.  345 

Durch    vielfache    Anwendungen    auf  bekannte    That- 
sachen   giebt  der  Verfasser  einen  Beweis  von  der  grossen 
Fruchtbarkeit  der  neuen  Methode. 
Halle  a.  S.  Dr.  Karl  Schmidt. 


V.  Midier  Sann feld^  Albert  K.,  Richtigstellung  der  in 
hisheriger  Fassung  unrichtigen  mechanischen  Wärmetheorie 
und  GrundzUge  einer  allgemeine^i  Theorie  der  Aetherhe- 
wegungen.      Wien  1890. 

Die  Existenz  des  Aethers  als  Lichtvermittlers  zwischen 
Auge  und  leuchtendem  Object  wird  von  den  Physikern  als 
zweifellos  angenommen,  lieber  seine  nähere  Natur  und 
Beschaffenheit  sind  möglichst  wenig  Annahmen  gemacht 
und  der  Forscher  empfindet  wohl  die  Lücken,  die  sich  in 
derartigen  Untersuchungen  finden,  im  Allgemeinen  enthält 
er  sich  aber  des  Versuches,  dieselben  auszufüllen,  da 
unsere  Natur-Erkenntniss  noch  nicht  den  Stand  erreicht;  über 
die  letzten  Dinge  mit  Erfolg  zu  speculiren. 

In  dem  vorliegenden  Werke  wird  ein  Versuch  gewagt, 
mit  Hilfe  einer  neuen  Hypothese  —  nämlich  unter  der 
Annahme  eines  freien  molekularen  Aethers  —  sämmtliche 
Erscheinungen  und  Gesetze  der  Physik  zu  erklären. 

Die  Menge  der  in  dem  Buche  besprochenen  Fragen 
und  Probleme  ist  in  Folge  dessen  recht  beträchtlich. 

Der  Verfasser  verwirft  die  körperlichen  Moleküle  und 
setzt  an  Stelle  dessen  den  molekularen  Aether.  Diesen  be- 
gabt er  mit  Eigenschaften,  die  zum  Theil  von  den  Physikern 
den  Molekülen  beigelegt  werden.  Neu  ist  der  Versuch 
der  Erklärung  der  abstossenden  und  anziehenden  Kräfte, 
welche   den  letzten  Theilchen  allgemein  beigelegt  werden. 

Dass  mit  des  Verf.  Annahmen  viel  gewonnen  ist,  kann 
Referent  nicht  finden.  So  soll  z.  B.  die  neue  Theorie  eine 
bessere  Erklärung  der  Fluorescenz  ergeben  und  sich  die 
Ueberlegenheit  der  neuen  Theorie  nach  Angabe  des  Verf. 
pag.  160  recht  klar  erweisen.  Nach  Ansicht  des  Ref.  steht  in 
diesem  Abschnitt  nichts  Neues;  es  ist  lediglich  eine  andere 
Nomenclatur,  ohne  dass  Fortschritte  in  der  Erklärung  der 
Vorgänge  zu  verzeichnen  sind. 


346  n.  Allgemeine  Literatur. 

Im  Uebrigen  finden  sich  manche  Unrichtigkeiten  und 
Erklärungsversuche,  die  keinen  Vortheil  vor  den  früheren 
haben  und  nicht  geeignet  scheinen,  die  Meinung  von  der 
Ueberlegenheit  der  neuen  Anschauungen  wesentlich  zu 
kräftigen. 

Halle  a.  S.  Dr.  Karl  Schmidt. 


Siichner,    W.,  Zu-ei  Materien  mit  3  Fundamental- Gesetzefi 
nehst  einer   Theorie  der  Atome.     Stuttgart  1890. 

,,Ich  glaube,  dass  bei  den  meisten  chemischen  Ver- 
bindungen das  Gesammtgewicht  durch  Freiwerden  ge- 
bundener Wärme  kleiner  wird''  p.  60.  Mit  diesem  Satze 
kritisirt  sich  das  Werk  am  zweifellosesten  selbst. 

Halle  a.  S.  Dr.  Karl  Schmidt. 


Doliarius,  JE,  J.^  Dr.  pMl.^  Janus,  ein  immericahr ender 
Datumiveiser  für  alle  Jahrhunderte.  Leipzig.  Dyksche 
Buchhandlung. 

Die  vorliegende  hübseh  ausgestattete  Tafel  von  der 
Grösse  eines  Quartblattes  enthält  einen  stellbaren  Kalender 
für  die  Zeit  von  1 — 2099  nach  Chr.  (alten  und  neuen  Stils). 
Sie  besteht  aus  einem  festen  und  beweglichen  Blatte,  das 
feste  hat  einige  Ausschnitte,  durch  welche  man  einzelne 
Theile  des  beweglichen  erblickt;  diese  Theile  zeigen  ein 
nach  Wochen  geordnetes  Verzeichniss  aller  Tage  eines 
Jahres,  derartig,  dass  die  6  Tage  jeder  Woche  in  einer 
Zeile  nebeneinander,  die  Daten  aller  gleichnamigen  Wochen- 
tage iu  einer  Spalte  untereinander  stehen.  Die  Namen 
der  7  Wochentage  stehen  auf  dem  festen  Blatte  oben,  und 
das  bewegliche  Blatt  ist  derartig  zu  verschieben,  dass  der 
1.  Januar  unter  jeden  der  7  Wochentage  gebracht  werden 
kann:  dann  stehen  jedesmal  auch  alle  anderen  Tage  des 
Jahres  unter  dem  zugehörigen  Wochentage.  —  Die  Ein- 
stellungsvorrichtung ist  sehr  einfach,  es  stehen  nämlich  die 
beiden  Anfangsziffern  der  Jahre  auf  dem  beweglichen 
Blatte,    auf    dem    festen    aber    die    beiden    Endziffern    in 


II.  Allgemeine  Literatur.  347 

passender  OrdnuDg;;  behufs  der  Einstellung  des  Kalenders 
auf  ein  gegebenes  Jahr  schiebt  man  das  bewegliche  Blatt 
so,  dass  die  Anfangsziffern  der  Jahreszahl  gerade  über  den 
Endziffern  derselben  stehen. 

Die  Anfangsziflfern  sind  für  den  alten  und  neuen  Stil 
besonders  gedruckt;  die  Endziffern  für  die  Schaltjahre  sind 
doppelt  gedruckt,  roth  für  Januar  und  Februar,  schwarz 
für  März  bis  Dezember,  Während  also  der  Kalender  bei 
Gemeinjahren  mit  einem  Male  für  das  ganze  Jahr  einge- 
stellt wird,  muss  man  bei  Schaltjahren  am  1.  März  eine 
Umstellung  vornehmen.  Auf  der  Rückseite  des  Blattes  be- 
finden sich  ausser  der  Gebrauchsanweisung  verschiedene 
kalendarische  Notizen;  leider  fehlen  darunter  die  Angaben 
über  das  Osterfest.  Es  scheint,  als  ob  der  Verf.  die  auch 
anderweit  in  Leipzig  ausgesprochene  Hoffnung  theilt,  dass 
das  Osterfest  recht  bald  auf  einen  bestimmten  Tag  festge- 
legt werde  i) ;  da  man  aber  sowohl  für  die  Gegenwart,  wie 
auch  für  die  Vergangenheit  doch  noch  häufig  die  Be- 
stimmung des  Ostersonntags  gebraucht,  so  sprechen  wir 
den  Wunsch  aus,  dass  uns  Herr  Dr.  Doliarius  demnächst 
auch  mit  einer  recht  einfachen  stellbaren  Ostertafel  be- 
schenken möge.  Einstweilen  aber  wollen  wir  uns  des  in 
der  Janustafel  Gebotenen  freuen ;  sie  ist  in  der  That  sehr  über- 
sichtlich und  bequem,  bes.  ist  der  Vortheil  zu  rühmen,  dass 
eine  einzige  Einstellung  für  das  ganze  Jahr  genügt,  während 
die  älteren  stellbaren  Kalender  meist  nur  Monatskalender 
sind.  Wie  aber  jedes  Ding  zwei  Seiten  hat,  so  ist  es  auch 
hier;  die  Monatskalender  haben  auch  ihre  besonderen  Vor- 
züge; giebt  man  ihnen  kleine  Schrift,  so  kann  man  sie  so 
klein  herstellen,  dass  sie  sich  in  ein  Notizbuch  einlegen 
lassen,  wie  z.  B.  den  Kalender  von  Dr.  Goldstein 2)^  — 
macht  man  aber  die  Schrift,  namentlich  die  Datumzahlen, 
grösser,  so  kann  man  sie  als  Wandkalender  verwenden 
und    das   Datum   selbst  aus  einer  gewissen  Entfernung  ab- 


1)  In  der  gemeinnützigen  Gesellschaft  zu  Leipzig  hat  Herr 
Dr.  phil.  J.  E.  Böttcher  am  24.  März  1890  einen  sehr  eingehenden 
Vortrag  über  diesen  Gegenstand  gehalten. 

2)  Siehe  diese  Zeitschrift  Bd.  38  S.  421-422  und  Bd.  46 
S.  55-56. 


348  II,  Allj?eraeine  Literatur. 

lesen,  wie  bei  dem  drehbaren  Kalender  des  Referenten  i). 
Der  Jan  US  ist  für  den  ersten  Zweck  zu  gross,  für  den 
zweiten  ist  die  Schrift  zu  klein;  —  im  Uebrigen  aber  ist 
er,  wie  gesagt,  sehr  zweckmässig  eingerichtet;  man  hat 
keinerlei  Rechnung  nöthig;  die  Wochen  fangen  stets  mit 
dem  Sonntage  an;  jedes  Datum  u.  s.  w.  ist  immer  nur  ein- 
mal sichtbar,  das  Auge  hat  also  nicht  nöthig,  lange  un- 
sicher  herumzuirren ,  —  kurz,  der  Kalender  ist  in  jeder 
Beziehung  zu  empfehlen. 

Erfurt.  G.  Schub  ring. 


-4.  Ki7'chhoff,  Forschungen  zur  deutsclien  Latides-  und  Volks- 
kunde.    Stuttgart.     Engelhorn. 

IV.  Bd.  5.  Heft.  Otto  Zacharias,  Zur  Kenntniss 
der  niederen  Thierwelt  des  Riesengebirges. 

Der  um  die  Erforschung  der  Fauna  verdiente  Dr. 
Zacharias  schildert  in  diesem  Heftchen  die  Thierwelt  des 
grossen  und  kleinen  Teichs,  der  kleinen  Schneegrube,  der 
Kammregion  des  Riesengebirgs  und  des  Koppenkegels. 

V.  Bd.  1.  Heft.  Dr.  F.  Hoeck,  Die  Nährpflanzen 
Mittel-Europas. 

Nach  einer  kurzen  Einleitung,  in  welcher  die  Grenzen 
der  geographischen  Wissenschaft,  der  Begriff  der  Nähr- 
pflanzen und  der  Yon  Mittel -Europa  näher  definirt  wird, 
geht  der  Autor  auf  den  ersten  Haupttheil  seiner  Arbeit,  die 
Heimath  der  Nährpflanzeu  (Getreide,  Obst-  und  Gemüse- 
pflanzen) Mittel-Europas  und  die  Zeit  ihrer  Einführung  in 
das  Gebiet  näher  ein;  im  zweiten  Haupttheile  schildert  er 
die  Verbreitung  der  Nährpflanzen  mit  besonderer  Rücksicht 
auf  das  Klima.     Am  Schluss   folgt   eine  Zusammenfassung. 

Halle  a.  S.  Luedecke. 


1)  Siehe  diese  Zeitschrift  ßd.  38  S.  422  ff. 


II.  AUf^emeine  Literatur.  349 

^ieddivieditlH.  Julian,  Prof..  Beitrag  zur  Keimtniss  der 
Salzformation  von  Wieliczka  und  Bonhnia.  Lemberg  1S83/9. 
Selbstverlag  des   Verfassers. 

Eingangs  seiner  Arbeit  theilt  der  Verfasser  eine  grosse 
Eeihe  von  Aufnahmedaten  mit,  welche  ihn  zu  folgender 
Gliederung  veranlasst  haben : 

Zwei  Abtheilungen  der  Kreideformation  kann  man  im 
Rande  der  Karpathenbei  Bochnia  und  Swoszowice  unterschei- 
den. Die  dlinnplattigen Sandsteine  und  Mergelschiefer,  welche 
den  Wermsdorfer  Schichten  in  Schlesien  und  den  neocomen 
Strzolka-Sandstein  entsprechen,  bilden  den  unteren  Theil. 
Wenig  treten  breccienartige  Schichten  aus  Quarz  und  Kalk- 
stein und  noch  weniger  in  den  Mergelschiefern  GeröUe  aus 
lichtem  Jurakalk,  Gueiss-  und  Glimmerschiefer  hervor. 

Massige  Sandsteine,  welche  von  dünnen  Mergellagern 
abgelöst  werden,  bilden  den  oberen  Theil,  welcher  den 
Jamna-Schichten  Paul's  und  Tietze's,  sowie  dem  Goddula- 
sandstein  Hoheneggers  entspricht.  Auch  hier  sind  Quarz- 
gerölle  und  Couglomerat  untergeordnet.  Belemnites 
bipartitus ,  Aptychus  Didayi ,  sowie  Reste  von  Ammoniten- 
und  Inocerameu-  (concentricus  und  Conquandi  bei  Mictniow) 
schaalen  verweisen  diese  Schichten  zu  den  Kreide- 
bildungen. 

Hohenegger  und  Fallaux  legen  vor  den  Kreiderand 
auf  ihrer  Karte  einen  schmalen  Saum  von  Eocaen  (Sand- 
stein von  Mictniow),  was  nur  auf  Grund  petrographischen 
Befundes  geschehen  ist;  nach  den  Petrefactenfunden  des 
Autors  muss  dies  als  ein  Irrthum  bezeichnet  werden  und 
ist  also  der  Mictniower  Sandstein  vollkommen  ident  mit  dem 
übrigen  dickbankigen  Sandstein  des  Gesammtgebiets. 

Verfasser  geht  sodann  näher  auf  das  Gebiet  des 
durch  seine  Schwefel  vorkommen  bekannten  Swoszowice 
näher  ein. 

Die  Sande  von  Rajsko  überdecken  die  schwefel- 
führenden Lagen  in  einer  Mächtigkeit  von  70  Metern;  sie 
lehnen  sich  im  Süden  direct  an  die  Karpathen  an  und 
überlagern  deren  Schichten  discordant;  Ostrea  digitalina 
Dub.,  Pecten  elegans  und  Besseri  Andrz.  finden  sich  darin. 


350  II.  Allgemeine  Literatur. 

Unter  den  Rajsko'er  Sanden  erscheint  der  Swoazo- 
wicer  Thonmergel,  welcher  die  Schwefellager  birgt. 

Zu  Oberst  bestanden  diese  Hangendmergel  aus  dunklem 
Mergel  und  Thon  bis  zu  einer  Tiefe  von  30  Meter,  unten 
führen  sie  z.  Th.  Lignit;  darunter  folgt  ein  lichterer  Mergel 
mit  fasrigem  Gyps,  welcher  nach  unten  zu  immer  mehr 
Schwefel  führend  wird;  die  beiden  Schwefelflötze  waren 
0,5  m  mächtig  und  enthielten  12 "^/q  Schwefel;  die  geringe 
Mächtigkeit  veranlasste  das  Auflassen  der  Bergwerke. 
Darunter  folgt  der  Liegendmergel.  Mehr  als  2  Lager 
hat  es  nicht  gegeben  und  sind  auch  alle  Angaben, 
welche  sich  auf  Störungen  beziehen,  in  das  Reich  der 
Fabel  zu  verweisen.  Auf  einer  beigegebenen  Tafel 
stellt  der  Verfasser  die  Lagerungsverhältnisse  nach  den 
Aufnahmen  des  Bergverwalters  Ambross  dar.  Die  S. — 
Mergel  haben  von  Versteinerungen  Pecten-  und  Natica- 
schalen  sowie  Dikotyledonenblätter  geliefert.  Neuere 
Tiefbohrungen  nach  Angaben  von  N.  haben  am  Kreuzungs- 
punkte der  Strassen  von  Op'atkowice  und  Wro'blowice  in 
einer  Teufe  von  114  Meter  die  Salzthone  von  Wieliezka 
als  Liegendes  der  Schwefelmergel  von  S.  aufgefunden. 

Wieliezka.  Die  hangenden  Sande  „Bogucicer"  S.  sind 
ihrer  Stellung  nach  denen  von  Rajsko  an  die  Seite  zu  stellen; 
ihre  Lagerung  in  den  früher  gegebenen  Profilen  von 
W.  mit  starkem  Abfallen  nach  N.  sind  falsch,  sie  sind  nur 
5^  nach  N.  geneigt  und  50  Meter  mächtig;  sie  führen 
Cerithium  lignitarum  Echw,  Turritella  Archimedis  Hörn., 
Monodonta  angulata  Echw.,  Natica  helicina  Brocc;  Cor- 
bula  gibba  Olivi,  Pectunculus  pilosus  Linn.  Pecten  Besseri 
Andrz.,  P.  elegans  Andrz.,  Ostrea  digitalina  Dub.,  0.  Leo- 
poldina Niedzw. 

Unter  diesen  Sanden  wurde  bei  Kosocice  durch  Tief- 
bohrung, wie  bei  Swoszowice,  ein  Dikotyledonen  und 
Foraminenferen  führende  Lagunen-Bildung  aufgefunden, 
welche  den  S.  Schwefellagern  entspricht;  sie  besteht  petro- 
graphisch  aus  gyps  führen  den  Thonen. 


II.  Allgemeine  Literatur,  351 

Unter  derselben  folgen  dann  die  beiden  Salzlager. 

Das  obere  besteht  aus  geschichteten  Thon-  und  Mergel- 
massen, in  welchen  stock-  und  klotzförmige  Salzmassen 
lagern,  das  untere  aus  wohlgeschichteten  Thonen  und  Sand- 
steinen und  Salzflötzen.  Das  letztere  —  das  untere  —  ist 
3,4  Km.  lang  und  800  Meter  breit  und  150  Meter  mächtig. 
An  der  Zusammensetzung  betheiligen  sich  1.  Salzthon 
von  dunkel  aschgrauer  Farbe  mit  Beimengungen  von  Sand, 
Grlimmer,  Kalk  und  Steinsalz;   2.  Salz-Sandstein. 

Nach  den  Angaben  von  Pusch  und  Hradina  sollten 
Karpathensandstein  ähnliche  Gesteine  zwischen  den  Salz- 
lagern vorkommen;  N.  weist  dies  zurück;  es  findet  sich 
nur  ein  Sandstein  hier,  dessen  Bindemittel  Salz  ist; 
er  erscheint  grünlich  oder  bläulich  -  grau ,  fein-  bis 
grobkörnig  mit  Quarz  -  Thon  und  Kalkbröckchen.  Das 
Bindemittel  des  Steinsalzes  ist  sehr  deutlich  z.  Th.  in 
1  cm  2  grossen  Körnern  vorhanden;  an  einzelnen  Stellen 
bildet  es  Vs  der  Masse  des  Salzsandsteins.  3.  Thon- 
Anhy  drit-Gestein  ist  ein  vorwiegend  aus  bläulichweissen, 
dichten  bis  stenglig  blättrigen  Anhydrit  und  Thon  bestehen- 
des Gestein;  ähnlich  ist  4.  das  Thon-Gyps-Anhydrit- 
Gestein.  5.  Steinsalz,  a)  Szybiker  Salz  ist  grob- 
körnig von  graulicher  Färbung  mit  schwefelsaurem  Kalk ; 
b)  das  Spiza-Salz  zeigt  eine  mittel-  bis  kleinkörnige 
Textur  mit  abgerundeten  Quarzkörnern,  organische  Kalk- 
schalen und  rundliche  Scheibchen  eines  Thongesteines;  c) 
das  Grünsalz  hat  gross  krystallinische  Textur,  grünlich- 
graue Färbung,  Einschlüsse  von  Thon  und  Anhydrit. 

Nur  das  Szybiker  Salz  wird  als  Speisesalz,  das  Spiza- 
Salz  dagegen  nur  für  chemische  Zwecke  abgebaut. 

In  der  Art  der  Vertheilung  dieser  Schichtglieder  herrscht 
keine  Regelmässigkeit ;  die  Mächtigkeit  ist  beim  Spiza- 
Salze  20  Meter,  die  Szybikerlager  2—5  Meter;  einzelne 
mächtige  Salzlager  haben  eine  Ausdehnung  von  1  Km.; 
das  Steinsalz  dürfte  den  fünften,  der  Anhydrit  den  zwan- 
zigsten Theil  der  Lager  einnehmen.  Der  Salzsandstein  tritt 
nur  in  ellipsoidischen  Massen  auf.     Die  Schichten    sind  zu 


ö52  II,  Allgemeine  Literatur. 


einem    Sattel   aufgepresst,    dessen    Axe  h7    streicht,    das 
Fallen  ist  45  nach  Osten,  im  Westen  aber  viel  flacher. 

Die  Thierreste  sind  spärlich:  Planorbis,  Caryophyllia  sa- 
linaria  Kp.,  22  Bryozoen,  50  Mollusken  und  8  Crustaceen 
Arten;  fast  alle  erscheinen  in  abgeriebenen  Kalkschaalen- 
Bruchstücken ;  vom  Pflanzenreiche  fanden  sich  Carjanüsse, 
Föhrenzapfen,  Bachen-,  Birken-  und  Palmenholz. 

Die  obere  Abtheilung  besteht  nur  aus  ungeschichtetem 
Gebirge;  es  nehmen  am  Aufbau  Theil  1.  Salzthon, 
muschlig  brechend,  compakt,  mit  Salz  und  Kalkspath  im- 
prägnirt.  2.  Salzmergel  mit  20— 25o/o  Ca  CO  3  mit  Stein- 
salzkörnern und  Gyps  imprägnirt.  Steinsalzbrocken  und 
Änhydritkörner  verwandeln  ihn  in  Salz  brocke  n-Thon 
(=  Zuber).  Dazwischen  tritt  in  grossen  Klumpen  und  stock- 
förmigen  Massen  das  Steinsalz  auf  und  zwar  als  Grünsalz. 
Auch  Sandsteinblöcke  haben  sich  hie  und  da  gefunden, 
Dreissig  verschiedene  Versteinerungen  sind  hier  vorge- 
kommen, von  denen  der  Verfasser  Nucula  nucleus  L. 
Pecten  denudatus  Rs.,  Pecteu  c.  f.  Gloria  maris  du  Bois 
und  Ostrea  cochlear  Poli  allgemein  verbreitet  gefunden  hat. 

Das  obere  Salzlager  ist  nach  dem  Verfasser  durch  theil- 
weise  Zerstörung  des  primären  Salzlagers  in  einer  tiefen 
Meeresbucht  entstanden  ;  beide  Abtheilungen  scheinen 
discordant  aufeinander  zu  liegen,  auch  an  die  Karpathen 
legt  sich  das  Salzgebirge  discordant  an,  eine  Ueberschiebung 
der  Kreideschichten  über  das  Tertiär  ist  nicht  vorhanden. 
Der  Wassereinbrucb  von  1868  vom  Kloskischlage  erfolgte 
aus  einem  seitlich  liegenden  Schichtengestein.  Das  Alter 
der  Salzschichten  ist  nach  dem  Verfasser  Unter-Miocän: 
die  obere  Abtheilung  entspricht  den  Grunder-Schichten,  die 
untere  den  Schlier-  und  Horner-Schichten.  Unter  demselben 
folgen  die  Lednicer  Schichten ,  welche  aus  schwarz- 
blättrigem Thonschiefer  und  mit  demselben  wechsellagernd 
aus  dünnen  harten  Mergelschichten  bestehen;  dieselben  ent- 
sprechen ihrem  Alter  nach  den  Cyrenenschichten  in  Ober- 
Bayern    und    im    Allgemeinen  dem  Aquitanien   K.   Mayers, 

Nach  kurzer  Besprechung  der  Bucht  von  Gd'ow  folgt 
die  Schilderung  von  Bochnia. 


II.  Allgemeine  Literatur.  353 

Den  untersten  Horizont  nehmen  hier  wieder  Lednitzer 
Schichten  in  Gestalt  von  Schieferthonen,  Mergeln,  Thonen 
etc.  ein ;  z.  Th.  sind  es  Menilitschiefer;  darüber  folgt  das  Salz- 
lager, aus  Thon,  Anhydrit  und  Steinsalz  bestehend;  in  den 
Thonen  sind  hier  viele  Foraminiferen  aufgefunden  worden, 
von  denen  viele  auch  dem  norddeutschen  Septarienthon 
eignen;  die  Schichten  fallen  steil  nach  S.  ein,  darüber 
folgen  gjpsführende  Schichten  und  endlich  Thone  und 
Sande,  welche  den  Sauden  von  Rajsko  und  Bogucice  ent- 
sprechen und  Grabowitzer  Schichten  genannt  werden,  die- 
selben sind  recht  reich  an  Fossilien,  welche  der  jüngeren 
Mediterranstufe  des  Wiener  Beckens  angehören.  Auffallend 
ist,  dass  die  Salzformation  von  Bochnia  dem  Unter-Oligocaen 
angehört,  während  die  von  Wieliczka  höher  steht  und  dem 
Schlier  sich  anschliesst. 

Im  dritten  Theile  giebt  der  Verfasser  einen  Querschnitt 
durch  Wieliczka  durch  den  Franz  Joseph-Schacht  und 
wendet  sich  dann  gegen  die  Ansicht  von  Paul,  welcher 
das  Salzgebirge  von  Wieliczka  als  eine  U-förmige,  nach  N. 
überschobene  Mulde  darstellt. 

Im  vierten  Theile  giebt  er  einen  Querschnitt  durch 
den  westlichen  Theil  von  Wieliczka,  welcher  das  Frühere 
ergänzt  und  erfreulicherweise  bestätigt.  Auch  hier  bildet 
das  Salzgebirge  einen  Sattel,  dessen  nördlicher  Flügel 
aber  abgesunken  ist.  In  einem  zweiten  Theile  vertheidigt 
der  Verfasser  seine  Ansichten  gegen  die  Anfechtungen 
Tietze's  und  Paul's  mit  Geschick;  wie  überhaupt  die  ganze 
Arbeit  den  Eindruck  einer  gründlichen  und  gewissenhaften 
Untersuchung  macht.  Ein  Inhaltsverzeichniss  würde  die 
Uebersichtlichkeit  und  Brauchbarkeit  wesentlich  gefördert 
haben.     Die  Ausstattung  ist  lobenswerth. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


Zeitschrift  f.  Natur wiss.  Bfl.  LXIII.  1890.  23 


354  II.  Allgemeine  Literatur. 

V.  Sdfldbevgev  ß  F.^  Uehersicht  der  Versteinerungen  der 
Triasformation  Unterfrankens.  (Separat  aus  den  Ver- 
handlungen der  phys.-med.  Gesellschaft  zu  TVürzhurg. 
N.  Folge.  Bd.  'SJLII.)  Würzburg,  StdheVsche  Universitäts- 
Buchhandlung. 

In  den  Verhandlungen  der  Würzburger  phys.  und 
medicin.  Gesellschaft  hat  der  Autor  bereits  früher  eine 
Zusammenstellung  der  von  ihm  und  Andern  während  der 
letzten  26  Jahre  gesammelten  Petrefacten  der  Trias- 
formation Unterfrankens  gegeben;  die  vorliegende  Publi- 
cation  bezweckt  das  Gleiche  wie  die  frühere;  nur  sind 
hier  alle  Namen  weggelassen,  welche  sich  im  Laufe  der 
Zeit  als  irrig  oder  zweifelhaft  herausgestellt  haben;  alle 
übrigen  sind  sorgfältig  revidirt  worden  und  befinden  sich 
in  der  Sammlung  der  Universität  Würzburg  niedergelegt ; 
ihre  Zahl  hat  natürlich  bedeutend  zugenommen. 

Die  Aufzählung  geschieht  nach  den  Stufen  der 
einzelnen  Formationen:  1.  Buntsandstein  (Voltziensand- 
stein,  j  Chirotherium- Sandstein,  Roth),  2.  Wellenkalk- 
gruppe  (Wellendolomit,  unterer,  mittlerer  und  oberer 
Wellenkalk),  3.  Muschelkalkgruppe  (unterer,  mittlerer, 
oberer),  4.  Lettenkohlengruppe  (untere,  mittlere,  obere 
Abtheilung),  5.  Keuper  (unterer  Gypskeuper,  mittlerer 
Keuper,  Schilfsandstein  Semionotussandstein). 

Bei  der  grossen  Uebereinstimmung  der  Formationen 
in  Thüringen  und  Franken  wird  auch  den  Interessenten 
unserer  Zeitschrift  die  kleine  Schrift  manches  Neue  bieten. 
Halle  a.  S.  Lue  decke. 


JFraas,  Dr.  Fb.,  Geologie  in  kurzem  Atiszuge  für  Schulen 
und  zur  Selbsthelehrung  mit  16  Abhildunge7i.  Stuttgart 
1890.     Goeschen' sehe  Buchhandlung. 

Auf  etwa  100  Seiten  sehr  kleinen  Formats  hat  der 
Verfasser  versucht,  die  Thatsachen  der  Geologie  zusammen- 
zufassen. Nach  einer  kurzen  Einleitung  über  das  Wesen 
der  Geologie,  bespricht  er  das  Material  der  Erdkruste,  die 


IL  Allgemeine  Literatur.  355 

Entstehung  dieses  Materials,  die  Entstehung  der  Erdkruste 
aus  diesem  Material  und  bringt  endlich  die  Formations- 
lehre, welche  den  Haupttheil  des  Buches  einnimmt.  Die 
Beispiele  für  die  Formationen  nimmt  er  grösstentheils  aus 
Süd-Deutschland  und  den  Alpen. 

Natürlich  musste  der  Verfasser  bei  dem  knapp  be- 
messenen Räume  die  äusserte  Sparsamkeit  bei  der  Be- 
sprechung der  einzelnen  Formationen  walten  lassen;  den- 
noch ist  es  ihm  geglückt,  die  Hauptthatsachen  der  Geologie 
verständlich  darzustellen. 

Für  den  angegebenen  Zweck  ist  das  Büchlein  jeden- 
falls bei  mündlicher  Nachhülfe  der  Belehrung  durch  den 
Lehrer  ganz  brauchbar. 

Halle  a.  S.  Lue  decke. 


JRatJl,  OtO  von.  Ueher  die  Fortpflanzung  der  Chilopoden. 
Mit  1  Tafel.  Berichte  der  naturforschenden  Gesellschaft  zu, 
Freihurg  i.  B.    Fünfter  Band.    Erstes  Heft. 

Den  Lesern  dieser  Zeitschrift  sind  zwei  Arbeiten  er- 
innerlich, welche  die  Tausendfüsser  betreffen,  Bode's  Bear- 
beitung des  kleinen,  interessanten  Folyxenus  lagurus  (1877) 
und  von  Schlechtendal's  siebente  Bearbeitung  des  Nest- 
baues (1883).  Namentlich  an  letztere  wird  hier  angeknüpft, 
und  das,  was  dort  vereinzelt  gegeben  wird,  möglichst 
systematisch  durchgeführt;  und  wie  alle  biologischen  Ar- 
beiten durch  vielseitige  Fülle  zu  fesseln  pflegen,  so  schliesst 
sich  in  der  vorliegenden  Abhandlung  an  die  Schilderung  der 
Copula,  oder  Begattungswerkzeuge,  der  Sorge  für  die  Eier, 
des  Verhaltens  der  Larven  zugleich  das  Betragen  bei  der 
Häutung,  die  Lebensweise  in  Freiheit  und  Gefangenschaft 
an.  Für  mich  persönlich  ist  die  Ernährungsweise,  wie  sie 
von  Rath  beschreibt,  von  ganz  besonderem  Werth,  denn 
sie  stimmt  mit  den  Ansichten,  die  ich  von  der  ursprüng- 
lichen Nahrungsöconomie  der  Landthiere  überhaupt  mir 
gebildet  und  gelegentlich  vorgetragen  habe,  und  die  ich 
demnächst  in  einem  Buche  über  die  Entstehung  der  Land- 
thiere ausführlicher  zu  begründen  gedenke,  vortrefflich  über- 
ein, denn  diese  alterthümlichen,  terri-  und  humicolen  Thiere 


356  11.    Allgemeine  Literatur. 

sind  theils  Pilz,  theils  Moder-  (Bacterien-)  Fresser  und 
gehen  von  da  aus  zu  allerhand  anderen  Nahrun gssoffen, 
saftigen  Wurzeln  und  Früchten,  nur  gelegentlich  auch  grünen 
Blättern  über.  Die  Herstellung  des  Eiernestes  des  Poly- 
dermiden,  wie  sie  von  Schlechtendal  beschreibt,  wird  be- 
treffs eines  Punktes  in  Frage  gestellt.  Es  erscheint  noch 
zweifelhaft,  ob  die  zum  Schutze  ringförmig  aufgehäufte 
Erde  wirklich  vorher  den  Darmcanal  passirt  oder  nur  durch 
ein  besonderes  Secret  verklebt  wird.  Wer  die  genauere 
Schilderung  in  unserer  Zeitschrift  gelesen  hat,  möchte  docb 
wohl  auf  von  SchlechtendaFs  Seite  sich  schlagen.  Jeden- 
falls ist  hier  Anregung  gegeben  zu  ernster  Untersuchung.. 
Gohlis.  H.  Simroth. 

Klein,  JLlldlvig.  Vergleichende  Untersuchungen  über 
Morphologie  und  Biologie  der  Fortpflanzung  heider  Gattungen. 
Vohox  fVolvoxstudien  III.   TheilJ.   Mit  5   Tafehi. 

Als  erste  Theile  gelten  des  Verfassers  Abhandlungen,, 
die  in  Pringsheims  Jahrbüchern  Band  20  und  in  den  Be- 
richten der  deutschen  botanischen  Gesellschaft  Band  7  er- 
schienen sind.  Während  früher  Volvox  aureus,  die  kleinere 
Art,  in  den  Vordergrund  gestellt  wurde,  wird  jetzt  neben 
dieser  auf  Volvox  globator  das  Hauptgewicht  gelegt  und 
ein  sehr  reichhaltiges  biologisches  Untersuchungsmaterial  zu- 
sammengestellt nach  Localitäten,  Formen,  Jahreszeiten  etc. 
Beide  Arten  werden  in  allen  möglichen  Stadien  mit  einander 
verglichen,  um  als  Unterlage  für  allgemeine  Schlüsse  zu, 
dienen.  Manches,  was  nach  den  vorigen  Arbeiten  festzu- 
stehen schien,  ist  nach  den  erweiterten  Untersuchungen  zu 
modificiren.  Klein  kommt  zu  der  Ueberzeugung,  dasa  einer 
fruchtbringenden  experimentellen  Behandlung  in  den  Aqua- 
rien des  Laboratoriums  eine  möglichst  umfängliche  Be- 
obachtung der  verschiedenen  Bedingungen  in  der  freien  Natur 
voranzugehen  habe,  um  für  exacte  Fragestellung  der  Ver- 
suche gesicherte,  breite  Basis  zu  gewinnen,  ein  Grundsatz, 
der  nicht  blos  für  Volvox  zu  gelten  hat  Wenigstens  kam 
der  Unterzeichnete  bei  Untersuchungen  auf  ganz  anderem 
Gebiete  (Nacktschnecken)  zu  genau  demselben  Schlüsse, 
und  man  sollte  wohl   diese  Regel  allgemein   möglichst  be- 


IT.  Allgemeine  Literatur.  357 

herzigen.  Die  Probleme,  die  sich  an  Volvox  knüpfen,  sind 
naturgemäss  ausserordentlich  vielseitiger  und  weittragender 
Natur,  Auseinandersetzung  über  die  Bedeutung  der  Flagel- 
laten  als  nächstliegendes,  solche  über  die  geschlechtliche 
Fortpflanzung  im  Thier-  und  Pflanzenreiche  überhaupt  als 
allgemeinstes.  Und  wir  können  die  hohe  Bedeutung  des 
Volvox  als  eines  besonders  hervorragenden  Untersuchungs- 
objectes  nicht  besser  charakterisiren  als  durch  die  trefflichen 
Worte  des  Verfassers:  „Es  bildet  nunmehr  den  Grund- 
und  Eckstein  für  eine  biologische  oder,  wenn  man  will, 
physiologische  Frage  ersten  Ranges  die  Frage  nach  der 
Geschlechtsdifi'erenz,  und  in  Gesellschaft  von  Hydrodictyon 
auch  die  Frage  nach  der  sexuellen  Fortpflanzung  überhaupt 
im  Gegensatz  zur  ungeschlechtlichen  Vermehrung."  Für 
die  Einzelheiten  (reproductive  und  Arbeits-Individuen, 
Biologie  der  Arbeitsgenossenschaft,  Tod  bei  Volvox, 
Sphaerosiren ,  Parthenogonidien,  Androgonidien,  Gyro- 
gonidien  etc.)  muss  auf  den  reichen  Inhalt  der  Abhand- 
lung selbst  verwiesen  werden. 
Gohlis.  Simroth. 


Franko    Dr.^  A.  JB.,  Professor    an    der  Kgl.  Landwirth- 
schaftlicheji  Hochschule  zu  Berlin.    Lehrbuch  der  Pflanzen- 
physiologie   mit  besonderer    Berücksichtigung    der    Kultur- 
pßanze7i.     Mit  52    Textabbildungen.      Berlin.     Verlag  voti 
Paul  Parey.  1890. 
In   neuerer  Zeit    sind  in   der  Pflanzenphysiologie   und 
besonders  in  der  Ernährungslehre   der    Kulturpflanzen  be- 
deutende Fortschritte  zu  verzeichnen,    wozu  der  Verfasser 
des  vorliegenden  Werkes   wesentlich   beigetragen  hat.     Es 
ist  daher  auch  zeitgemäss,  die  Ergebnisse  zusammenzufassen 
und    den  gegenwärtigen    Zustand    der  Pflanzenphysiologie 
darzustellen.     Dies  ist  im    vorliegenden  Werke   geschehen 
und  zwar  in  einer  Form,  welche  viel  Anklang  finden  wird. 
Das  Buch  ist  nicht  zu  umfangreich  und  nicht  im  trockenen 
Gelehrtentone  geschrieben,  was    manche   Kreise  angenehm 
berühren  wird.     Es  kann  sowohl    vom  Anfänger    wie    von 
Studirenden  als  Lehrbuch  benutzt  werden. 


358  II.  Allgemeine   Literatur. 

Nach  einer  EinleituDg:  Die  Zellen  als  die  alleinigen 
Elementarorgane  der  Pflanze,  beginnt  der  erste  Theil  mit 
den  physikalischen  Eigenschaften  und  Erscheinungen  der 
Pflanze,  nämlich:  Licht  und  Wärme  in  der  Pflanze;  die 
Molecularstruktur  und  die  Imbibitionsfähigkeit  der  organi- 
sirten  Grebilde;  die  Diosmose  und  der  Turgor  der  Pflanzen- 
zellen-, die  Festigung  der  Pflanze ;  die  Gewebespannungen-, 
die  organbildenden  Kräfte.  Im  zweiten  Theile  wird  der 
Stoffwechsel  der  Pflanze  behandelt.  In  diesem  Theile  wer- 
den neben  den  Ausführungen  über  die  zur  Ernährung  der 
Pflanze  wichtigen  Stoffe  auch  die  Ergebnisse  der  neueren 
Forschungen  auf  diesem  Gebiete  erörtert.  Ausserdem  wer- 
den die  für  das  Pflanzenwachsthum  wichtigen  Momente  be- 
sprochen. —  Der  dritte  Theil  beschäftigt  sich  mit  den  ver- 
schiedenen Vermebrungsweisen  der  Pflanzen.  —  Das  Buch 
kann  besonders  Gärtnern,  Land-  und  Forstwirthen  empfohlen 
werden. 

Halle  a.  S.  Dr.  Hey  er. 


JSöldeke^  C»  Ober-AppeIlatio?israth  in  Celle,  Dr.  phil.  etc. 
Flora  des  Fürstenthums  Lüneburg,  des  Herzogthums  Lauen- 
hurg  und  der  freien  Stadt  Hamburg  fausschliesslich  des 
Amtes  RitzebüttelJ.  Celle.  Verlag  der  Capaun-Karlowa- 
schen  Buchhandlung.     E.  Spangenberg.  1S90. 

In  einer  Flora  pflegt  man  die  Beschreibungen  der  in 
einem  Gebiete  vorkommenden  Pflanzenarten  in  einer  syste- 
matischen Reihenfolge  aufzuführen,  so  dass  sich  der  Sach- 
kundige bald  zurechtfinden  kann.  Für  den  Anfänger  ist 
gewöhnlich  eine  Anleitung  zum  Bestimmen  der  Pflanzen 
und  ein  Schlüssel  beigegeben,  so  dass  die  Möglichkeit  ge- 
geben ist,  die  Namen  unbekannter  Pflanzen  zu  ermitteln. 
Im  vorliegenden  Werke  ist  etwas  anders  verfahren:  Vor 
dem  speziellen  Theile,  in  welchem  die  Beschreibungen  der 
im  Gebiete  vorkommenden  Arten  nach  dem  natürlichen 
Systeme  aufgeführt  werden,  ist  dem  Buche  ein  allgemeiner 
Theil  vorausgeschickt,  in  welchem  wichtige,  auf  die  Flora 
Bezug  habende  Gegenstände  erörtert  werden,  nämlich :  Die 
Begrenzung  des  Gebietes.     Allgemeine  Charakteristik  und 


II.  Allgemeine  Literatur.  359 

die  geognostischen  Verhältnisse  desselben.  Die  Gliederung 
des  Gebietes  nach  den  Vegetationsverhäitnissen.  Vegetation 
des  Heidegebietes,  der  Aecker,  des  Waldes,  des  Alluvial- 
bodens etc.  Die  Salzvegetation.  Eingeführte  fremde 
Pflanzen.  Vegetationsgrenzen  innerhalb  des  Gebietes.  Ver- 
breitung einzelner  Pflanzen  innerhalb  desselben.  Diese 
Themata  verleihen  der  Flora  etwas  anregenderes,  als  wenn 
nur  die  trockene  Beschreibung  der  Arten  erfolgt;  das  Buch 
bildet  daher  gewissermassen  eine  botanische  Heimathskunde, 
weil  es  in  vielerlei  Hinsicht  über  die  Vegetationsverhält- 
nisse des  Gebietes  Auskunft  giebt.  —  Ueberflüssig  wird  es 
wohl  Manchem  erscheinen,  dass  jetzt  in  einem  wissenschaft- 
lichen Werke  noch  zweierlei  Maasse,  Fuss  und  Meter,  ge- 
braucht werden.  Warum  bei  der  Aufzählung  merkwürdiger 
Bäume  die  Höhe,  die  Stammstärke  und  das  Alter  auch 
solcher  erwähnt  werden,  die  überhaupt  nicht  mehr  vor- 
handen, sondern  gefällt  etc.  sind,  ist  nicht  recht  einzusehen. 
Einige  Druckfehler  sind  stehen  geblieben,  so  steht  bei  Ur- 
tica dioica  ein  einjähriges  Zeichen,  bei  Chelidonium  majus 
und  Aconitum  Napellus  gar  keins.  —  Diese  redaktionellen 
Ausstellungen  setzen  aber  den  Werth  des  Buches  nicht 
herab.  Für  Botaniker,  Land-  und  Forstwirthe  etc.  ist  es 
entschieden  eine  werthvolle  Erscheinung. 

Dr.  Hey  er. 


OJlVtf  HeinvicJlf  Grossherzoglicher  Garten- Inspektor  in 
Oldenburg,  Die  Grossherzoglichen  Gärten  und  Parkan- 
lagen in  Oldenburg .  Dargestellt  in  Wort  und  Bild,  Mit 
vielen  Holzschnitten  und  landschaftlichen  Vollbildern  in 
Lichtdruck  von  Degode^  Müller  -  Kämpf  und  W. 
Otto.  Oldenhurg  und  Leipzig,  1890,  Schulze'' sehe  Hof- 
Buchhandlung  und  Hof- Buchdrucker  ei. 

Am  werthvollsten  ist  das  vorliegende  Werk  jedenfalls 
für  die  Besucher  der  in  ihm  beschriebenen  Garten-  und 
Parkanlagen,  weil  es  über  deren  Entstehung  Auskunft 
giebt.  Es  finden  sich  darin  aber  auch  Mittheilungen,  die 
für  weitere  Kreise  Interesse  haben,  da  der  Verfasser  33 
Jahre  Leiter    der    von   ihm    beschriebenen  Gärten   ist  und 


360  II.  Allgemeine  Literatur. 


ausserdem  noch  sieben  Jahre  mit  seinem  pensionirten  Vor- 
gänger verkehrt  hat,  so  dass  seine  Erinnerungen  weit 
zurückreichen.  Ferner  ist  auch  das  darauf  bezügliche 
Aktenmaterial  benutzt  worden.  Ausser  geschichtlichen  Mit- 
theilungen enthält  das  Werk  gärtnerische  und  ab  und  zu 
auch  poetische.  Es  wird  besonders  hervorgehoben,  dass 
die  Vogelwelt  in  den  dortigen  Gartenanlagen  eine  sehr 
reiche  ist.  Es  wird  aber  auch  hinzugefügt,  dass  man  die 
Vögel  möglichst  schützt.  Das  Buch  ist  dem  Obst-  und 
Gartenbau-Vereine  zu  Oldenburg  gewidmet 

Dr.  Heyer. 


Mümpler,  Th.,    Generalsekretär  des  Gartenbati- Vereins  in 
Erfurt.      Illustrirtes   Gartenbau-Lexikon.     Zweite. 
neuhearbeitete  Auflage.     Herausgegeben    unter   Mitwirkung 
von  Gelehrten  und  bewährten  Fachleuteti.     Mit  etwa  1000 
Abbildimgen  im  Text.  Berlin.   Verlag  von  Paul  Parey,  1890. 
Von    dem    lieferungsweise    erscheinenden  Werke  sind 
weiter  No.  2 — 6  erschienen,  welche  bis  zu  dem  Buchstaben 
G  reichen  und  am  Ende  den  Artikel  „Gladiolus"  behandeln. 
Ihr  Inhalt  ist  sehr  vielseitig  und  möglichst  erschöpfend  be- 
handelt, so  dass  jeder,    der  mit   dem  Gartenbaue  zu  thun 
hat  oder  demselben  nahe  steht,    über  irgend  einen  darauf 
bezüglichen  Gegenstand  schnell  Auskunft  erhalten  kann. 

Dr.  F.  Hey  er. 


Neu  erschienene  Werke. 

Allgemeines. 
Mathematik,  Physik,  Astronomie  etc. 

Ast  ran  d,  J.  J.  Hülfstafeln  zur  leichten  und  genauen  Auflösung 
des  Kepler'schen  Problems.  Mit  einer  Einleitung  von  H.  Bruns. 
80.    X,  110  S.    Leipzig,  1890. 

Battaglini,  G.  Elementi  di  calcolo  infinitesimale.  8^.  260 pp. 
Napoli,  1890. 

Bloch  mann,  Eht.  Erste  Anleitung  zur  qualitativen  chemischen 
Analyse.  8o.  VI,  V,  116  S.  Nebst  3  Tab.  Härtung,  Königsberg 
i/Pr.,  1890. 

Busch,  F.  Beobachtungen  über  die  atmosphärische  Polarisation. 
40.  IIL.  pp.  Mit  11  Fig.  im  Text  u.  1  Kurventaf.  Ritter.  Arns- 
berg, 1890. 

DöUen,  W.  Stern-Ephemeriden  auf  das  Jahr  1890  zur  Bestimmung 
von  Zeit  und  Azimut  mittelst  des  tragbaren  Durchgangsinstruments 
im  Verticale  des  Polarsterns.  8°.  XL IV,  53  S.  [Leipzig,  Voss' 
Sort.]    St.  Petersburg,  1890. 

Fernandez  Dura,  C.  Nebulosa  de  Colon,  segun  observaciones 
hechas  en  ambos  mundos.    8".    284  pp.    Madrid  1890. 

Encyklopädie  der  Naturwissenschaften,  herausgegeben  von  W.  Förster, 
A.  Kenngott,  A.  Ladenburg  etc.  I.  Abth.  63.  u.  64.  Lfg.  II.  Abth. 
56.  und  57.  Lfg.  III.  Abth.  3.  u.  4.  Lfg.  80.  Mit  Testfig.  Trewendt. 
Breslau  1890. 

Inhalt:  63.  Handwörterbuch  der  Zoologie,  Anthropologie 
und  Ethnologie.  26.  Lfg.  VI.  Bd.  S.  257—384—64.  Handbuch  der 
Botanik.  26.  Lfg.  IV.  Bd.  S.  533—646.  —  II.  56  u.  57.  Handwörterb. 
der  Chemie.  36.  u.  37.  Lfg.  VIII.  Bd.  S.  1—272.  —  Handbuch  der 
Physik.  Herausgegeben  von  A.  Winkelmann.  3.  u.  4.  Lfg.  I.  Bd. 
S.  241—496. 

Eschenhagen,  M.  Bestimmung  der  erdmagnetischen  Elemente,  an 
40  Stationen  im  nordwestlichen  Deutschland  ausgeführt  im  Auf- 
trage der  kaiserl.  Admiralität  in  den  Jahren  1887  und  1888.  4°. 
III,  103  S.    Mit  3  Karten.    Mittler  &  Sohn.    Berlin,  1890. 


362  Neu  erschienene  Werke. 

Gerard,    E.     Legons    sur  l'electricite.     8o.     IX,  558  pp.     Tome  T. 

Paris,  1890. 
V.  Grumppenb  erg,  C.     System.a  Geometrarum  zonae  temperatioris 
septentrionalis.  III.  Tbl.   [Aus:  „Nova  Acta  der  kaiserl.  Leopoldinisch- 
Carolinischen  deutschen  Akademie  der  Naturforscher."]    40.   163  pp. 
[S.  1888  Nr.  3219].     [Leipzig,  Engelmann.]    Halle,  1890. 
Ha  liier,  E.    Aesthetik  der  Natur.    8«.    XII,  400  S.    Mit  Abbildgn. 

u,  5  Taf.    Enke.     Stuttgart  1890. 
Jagnaux.    Aide-Memoire   du   chimiste.     18^.    985 pp.    Paris,  1890. 
Jurisch,  Kr.  W.     Die   Verunreinigung   der   Gewässer.     4o     VIII, 

117  S.     Gaertner.    Berlin  1890. 

Kerz,  Fd.    Weitere  Ausbildung  der  Laplace'schen  Nebularhypothese. 

2.  Nachtrag.  [S.  1888  Nr.  4388.]  8«.  V,  66  S.  Spamer.  Leipzig,  1890. 

V.  Konkoly,  Nie.    Handbuch  für  Spectroscopiker   im   Cabinet   und 

am  Fernrohr.  80.  XVII,  568  S,  Mit  385  Holzschn.  Knapp.  Halle,  1890. 

van   Laar,   J.  J.    Leerboek   der   algebra.     Deel  I.     8o.    14,  216  S. 

Leiden,  1890. 
Lankester,  E.   E.     The   Advancement   of  Science.     80,     390pp. 

London  1890. 
Lock,  J.  R.    Elementary  Statics.     12°.    294  S.    London  1890. 
Lozano  y  Ponce   de   Leon,  E.    Elementos   de   fisica.    40.    XVI. 

816  pp.    Barcelona,  1890. 
Mills,  J.    Advanced  Physiography.    80,    300 pp.    London,  1890. 
Untersuchungen  zur  Naturlehre  des  Menschen  und  der  Thiere.    Her- 
ausgegeben von  Jac.  Moleschott,   80.    XIV.  Bd.  3.  Heft.  S.  231— 357. 
Mit  2  Taf.    Roth.    Giessen,  1890. 
Plassmann,  J.  Beobachtungen  veränderlicher  Sterne.    I.  u.  II.  Thl . 

80.    Bachem.    Köln  1890. 
Preston,  T.    The  Theory  of  Light.    8«.    466  pp.    London,  1890. 
van  Rijckevorsel,  E,,  and  E.  Engelenburg,    Magnetic    Survey 
of  the  Eastern  Part   of  Brazil.    40.    4,  166  pp.    Amsterdam,  1890. 
Schenck,  E.    Orologia  solare  universale  a  tempo  medio.    8°.    65 pp. 

Con  5  tav.     Milano,  1890. 
Schröder,  E.    Vorlesungen  über   die    Algebra   der   Logik   [exakte 
Logik].    L  Bd.    8»,    XII,  717  S.    Mit  Fig.    Teubner.    Leipzig,  1890. 
Schwarz,   H.   A.     Gesammelte   mathematische    Abhandlungen.     80. 
2  Bde.    XI,  338  S.    Mit  67  Textfig.  u.  4  Taf.  und  VIII,  370  S.  Mit 
26  Textfig.    Springer.    Berlin,  1890. 
Observations  de  Poulkova,  publies   par  0.  Struve.    Vol.  VIII.    Cata- 
logues  d'etoiles,  detuits  des  observations  publiees  dans  les  volumes 
VI  et  VII.    4«,    III,  52  u.  389  pp.    [Leipzig,  Voss'  Sort.]     St.  Peters- 
bourg,  1889. 
Thomson,  W.     Mathematical  and   physical   Papers.     8".     Vol.  III. 

516  pp.    Cambridge,  1890. 
Thoulet,  I.    Oceanographie  (Statique),    80.    X,  492  pp.    Avec  103 
figures.   Paris  1890. 


Neu  erschienene  Werke.  363 

Tondini  de  Quarenghi.    Examen  critique   du    choix    du   meridien 

initial  de  Jerusalem.     4°.    40  pp,     Rouen,  1890. 

Cadran  de  l'heure  universelle.     80.    32  pp.    Paris  1890. 

Vodusek,  M.    Grundzüge  der  theoretischen  Astronomie.    8°.    VIII, 

377  S.    Mit  Fig.    v.  Kleinmayr  &  Bamberg.     Laibach,  1890. 
Voss,  A.    Ueber  die  cogredienten  Transformationen  einer  bilinearen 

Form  in  sich  selbst.     [Aus:  „Abhandlungen  der  königl.  bayerischen 

Akademie  der  Wissenschaften."]  4».  122S.  Franz  Verl.  München,  1890. 
Watson,  J.    Nature  and  Woodcraft.    8».     VI,  302  pp.    With  Illustr. 

London,  1890. 
Wolf,  Rdf.    Handbuch  der  Astronomie,   ihrer   Geschichte    und  Lit- 

teratur.    80.    I.  Halbbd.     (Soll  in  2  Bdn.  erscheinen.)    XVI,  384  S. 

Mit  Holzst.    Schulthess.    Zürich,  1890. 

Cliemie. 

Handwörterbuch,  neues,  der  Chemie.  Auf  Grundlage  des  von  Liebig, 
Poggendorf  und  Wohl  er,  Kolbe  und  Fehling  herausgegebenen  Hand- 
wörterbuchs der  reinen  und  angewandten  Chemie  und  unter  Mit- 
wirkung von  Baumann,  Bunsen,  Fittig  etc.  bearbeitet  und  redigirt 
von  Hm.  v.  Fehling.  Fortgesetzt  von  C.  Hell.  65.-67.  Lfg.  80. 
V.  ßd.  S.  1081—1352.  Mit  eingedr.  Holzst.  Vieweg  &  Sohn.  Braun- 
schweig, 1890. 

Bonnet,  V.  Precis  d'analyse  microscopique  des  denrees  alimentaires. 
180.    VIII,  200  pp.    Paris  1890. 

Church,  A.  H.  The  Chemistry  of  Paints  and  Painting.  8°.  330  pp. 
London,  1890. 

Mineralogie,  Geologie  etc. 

Blanckenhorn,  Max.  Beiträge  zur  Geologie  Syriens:  Die  Ent- 
wickelung  des  Kreidesystems  in  Mittel-  und  Nord-Syrien  mit  be- 
sonderer Berücksichtigung  der  paläontologischen  Verhältnisse,  nebst 
einem  Anhang  über  den  jurassischen  Glandarienkalk.  40.  IV, 
135  S.  Mit  2  Textabbildgn..  3  Tab.  und  11  Lichtdr.-Taf.  [Berlin, 
Friedländer  &  Sohn.]     Cassel,  1890. 

Böhm,  Alex  und  Alb.  Oppel.  Taschenbuch  der  mikroskopischen 
Technik.    80.    IV,  155  S.     Oldenbourg.    München,  1890. 

de  Boury,  E.  Revision  des  scalidae  miocenes  et  pliocenes  de  ITtalie. 
80.     184  pp.    Con  tav.    Pisa,  1890 

Dona,  J.  D.  Characteristics  of  Volcanas,  with  Contributions  and 
principles  from  the   Hawaiian  Islands  XVI,  400  pp.    London  1890. 

V.  Ettingshausen,  Cst.  Die  fossile  Flora  von  Schoenegg  bei  Wies 
in  Steiermark.  [Aus:  .,Denkschriften  der  königl.  Akademie  der 
Wissenschaften."]  4».  I.  Thl.  52  S.  Mit  4  Taf.  Tempsky.  Wien  1890. 

Gold  Schmidt,  Vct.  Index  der  Krystallformen  der  Mineralien.  8°. 
II.  Bd.    6.  u.  7.  Heft.     S.  335-542.     Springer.    Berlin,  1890. 

Hintze,  C.  Handbuch  der  Mineralogie.  IL  Bd.  2.  Lfg.  S.  161— 320. 
Veit  u.  Co.    Leipzig,  1890. 


364  Neu  erschienene  Werke. 

Hoernes,  R.  und  M.  Auinger.  Die  Gasteropoden  der  Meeres-Ab- 
lagerungen  der  1.  u.  2.  miocänen  Mediterran-Stufe  in  der  Oester- 
reich  -  Ungarischen  Monarchie.  Fol.  6.  Lfg.  S.  233—282.  Mit  6 
Steintaf.  u.  6  Bl.  Erklärgn.    Holder.    Wien  1890. 

Sammlungen  des  geologischen  Reichsmuseums  in  Leiden.  Heraus- 
gegeben von  K.  Martin  und  A.  Wichmann.  II.  Serie.  Beiträge  zur 
Geologie  von  niederländisch  West-Indien  und  angrenzende  Gebiete, 
80.  3  Hefte.  I.  Bd.  Bearbeitet  von  J.  H.  Kloos,  J.  Loire  und 
M.  M.  Schepmann.    V,  206  S.    Mit  5  Taf.    Leiden,  1877—89. 

Nathorst,  A.  G.  Beiträge  zur  mesozoischen  Flora  Japan's.  [Aus: 
„Denkschriften  der  königl.  Akademie  der  Wissenschaften."]  4^. 
20  S.    Mit  6  Taf.  und  1  Karte.     Tempsky.    Wien,  1890. 

Oppenheim,  P.  Die  Land-  und  Süsswasserschnecken  der  Vicen- 
tiner  Eocänbildnngen.  Eine  paläontologisch-zoographische  Studie. 
[Aus:  „Denkschriften  der  königl.  Akademie  der  Wissenschaften."] 
40.    38  S.    Mit  5  Taf.    Tempsky,    Wien  1890. 

Zoologie. 

Altmann,  Reh.  Die  Elementarorganismen  und  ihre  Beziehung  zu 
den  Zellen.  8°.  VII,  145  S.  Mit  2  Äbbildgn.  im  Text  u.  21  Taf. 
Veit  &  Co.    Leipzig,  1890. 

Backhouse,  J.  A  Handbook  of  European  Birds  for  the  Use  ofField 
Naturalists  and  Collectors.    80.    340  pp.     London,  1890. 

Bronn 's,  H.  G.  Klassen  und  Ordnungen  des  Thierreichs,  wissen- 
schaftlich dargestellt  in  Wort  und  Bild.  Mit  auf  Stein  gezeichneten 
Abbildungen,  80.  II.  Bd.  3  Abth.  Echinodermen  [Stachelhäuter]. 
Bearbeitet  von  H.  Ludwig.  2.-6.  Lfg.  S.  49—176.  Mit  8.  Bl.  Er- 
klärgn. —  V.  Bd.  2.  Abth.  Gliederfijssler:  Arthropoda.  Fortgesetzt 
von  A.  Gerstaecker.  25.-27.  Lfg.  S.  689—752.  Mit  6  Bl.  Er- 
klärgn. —  VI.  Bd.  3.  Abth.  Reptilien.  Fortgesetzt  von  C.  K. 
Hoft'mann.  67.  u.  68.  Lfg.  S.  2017—2064.  Mit  4  Bl.  Erklärgn.  — 
VI.  Bd.  4.  Abth.  Vögel:  Aves.  Fortgesetzt  von  Hs.  Gadow.  28. 
bis  34.  Lfg.  S.  705-832.  Mit  8  Bl.  Erklärgn.  C.  F.  Winter.  Leip- 
zig 1890. 

Corsetti,  A.  La  intelligenza  degli  animali  bruti.  16°.  598  pp. 
Roma,  1890. 

Dixon,  C.    Annais  of  Birds  Life.    80.    340  pp.    London,  1890. 

Dur  an  y  Loriga,  J.  J,  Teori'a  elemental  de  las  formas  algebraicas. 
40.    137  pp.    Sevilla  1889. 

Fritsch,  Gst.  Die  electrischen  Fische.  IL  Abth.  Die  Torpedineen. 
Fol.  VI,  146  S.  Mit  30  Holzschn.  im  Text  u.  20  Taf.  Veit  &  Co. 
Leipzig,  1890. 

Heller,  K.  M.  Der  Urbüffel  von  Celebes:  Anoa  depressicornis. 
[H.  Smith.]  [Abhandlungen  und  Berichte  des  königl.  zoologischen 
und  anthropologisch-ethnographischen  Museums  zu  Dresden  1890/91. 
Nr.  2.]  40.  40  S.  Mit  3  Lichtdr.-Taf.  Friedländer  &  Sohn.  Berlin,  1890 


Neu  erschienene  Werke.  365 

Klaussner,  E.  Mehrfachbildungen  bei  Wirbelthieren.  40.  III^ 
71  S.    Mit  12  Taf.    Rieger.    München,  1890. 

Kirsch,  Thdr.  Coleopteren,  gesammelt  in  den  Jahren  1868 — 1877 
auf  einer  Reise  durch  Süd- Amerika  von  Alph.  Stübel,  bearbeitet 
von  Th.  K.  Nebst  Nekrolog  auf  Thdr.  Kirsch  von  A.  B.  Meyer. 
[Abhandlungen  und  Berichte  des  königl.  zoologischen  und  anthro- 
pologisch-ethnographischen Museums  zu  Dresden  1888/89.  Nr.  4  u.  5.] 
40.  58  u.  7  S.  Mit  4  Farbendr.-Taf.  u.  1  Portr.  in  Llchtdr.  Fried- 
länder &  Sohn.    Berlin,  1890, 

K  0 b  el  t ,  W.  Iconographie  der  schalentragenden  europäischen  Meeres- 
conchylien.  9.  u.  10.  Heft.  40.  II.  Bd.  S.  17—40.  Mit  4  Taf.  u. 
2  Doppeltaf.    Fischer.    Cassel,  1890. 

Lindemann,  Ed.  Photometrische  Bestimmung  der  Grössenklassen 
der  Bonner  Durchmusterung.  [Supplement  IL  aus:  „Observations- 
de  Poulkova."]  4«.  III,  162  S.  [Leipzig,  Voss'  Sort.]  St.  Peters- 
burg, 1889. 

Maineri,  B.  E.  Le  conchiglie  del  Tosero  e  i  Turchi  al  Ceriale. 
80.     185  pp.     Roma,  1890. 

Michaelsen,  W.  Beschreibung  der  von  Fr.  Stuhlmann  im  Mündungs- 
gebiet des  Sambesi  gesammelten  Terricolen.  Anhang:  1.  Diag- 
nosticierung  einiger  Terricolen  aus  Sansibar  und  dem  gegenüber- 
liegenden Festlande.  2.  Chylustaschen  bei  Eudriliden.  [Aus: 
„Jahrbuch  der  hamburgischen  wissenschaftlichen  Anstalten."]  80. 
30  S.    Mit  4  Taf     Graefe.    Hamburg,  1890. 

Oligochaeten  des  naturhistorischen  Museums  in  Hamburg.  [Aus  t 

„Jahrbuch  der  hamburgischen  wissenschaftlichen  Anstalten."]  8". 
III,  12  S.     Gräfe.     Hamburg,  1890. 

Die  Lumbriciden  Norddeutschlands.  [Aus:  „Jahrbuch  der  ham- 
burgischen wissen schaftl.  Anstalten."]  8°.  19  S.  Gräfe.  Ham- 
burg, 1890. 

Martini  und  Chemnitz.  Systematisches  Conchilien-Cabinet.  In 
Verbindung  mit  Philippi,  Pfeiffer,  Dunker  etc.  neu  herausgegeben 
und  vervollständigt  von  H.  C.  Küster,  nach  dessen  Tode  fortgesetzt 
von  W.  Kobelt.  40.  Sect.  121—123.  56  S.  S.  65—136  u.  S.  61 
bis  170.  Mit  20,  17  und  18  color.  Steintaf.  Bauer  &  Raspe.  Nürn- 
berg, 1890. 

Systematisches    Conehylien-Cabinet.      In   Verbindung    mit 

Philippi,  Pfeiffer,  Dunker  etc.  neu  herausgegeben  und  vervoll- 
ständigt von  H.  C.  Küster,  nach  dessen  Tode  fortgesetzt  von  W. 
Kobelt.  372.-376.  Lfg.  4  0.  154  S.  Mit  20  color.  Steintaf.  Bauer 
&  Raspe.    Nürnberg,  1890. 

Mittheilungen  aus  der  zoologischen  Station  zu  Neapel,  zugleich  ein 
Repertorium  für  Mittelmeerkunde.  8«.  IX.  Bd.  3.  Heft.  S.  306- 
bis  482.    Mit  4  Taf.     Friedländer  &  Sohn.    Berlin  1890. 

Nehrling,  H.  Die  nordamerikanische  Vogelwelt.  Unter  künst- 
lerischer Mitwirkung  von  Rbt.  Ridgway,  A.  Goering  und  Gst.  MützeL 


366  Neu  erschienene  Werke. 

40.  4.-6.  Heft.  S.  145-288.  Mit  je  3  färb.  Taf.  [Leipzig,  Brock- 
haus.]   Milwaukee,  1890. 

Poulton.    Colours  et  animals.    London,  1890. 

Rossma essler,  E.  A.  Die  Land-  und  Süsswasser- Mollusken  von 
W.  Kobelt.  n.  Folge.  IV.  Bd.  5.  u.  6.  Lfg.  Kneidel.  Wies- 
baden 1890. 

Thiele,  Js.  Die  abdominalen  Sinnesorgane  der  Lamellibranchier. 
[Aus:  „Zeitschrift  für  wissenschaftliche  Zoologie."]  80.  S.  47— 59. 
Mit  1  Taf.    [Berlin,  Dames.]    Leipzig,  1890. 

Trounsart,  E.  L.  La  Geographie  zoologique.  I80.  338 pp.  Avec 
63  figures  dans  le  texte  et  2  cartes.    Paris  1890. 

Weber,  Max.  Zoologische  Ergebnisse  einer  Eeise  in  Niederländisch- 
Ost-Indien.  80.  1.  Heft.  XII,  158  S.  Mit  3  Karten,  13  Taf.  und 
4  Zinkogr.    Brill.    Leiden,  1890. 


Botanik. 

Bibliotheca  botanica.  Abhandlungen  aus  dem  Gesammtgebiete  der 
Botanik.  Herausgegeben  von  Chr.  Luerssen  und  F.  H.  Haenlein. 
19.  Heft.  1.  Hälfte:  G.  Beck  v.  Mannagetta.  Monographie  der 
Gattung  Orobranche.    4«.    S.  1—160.    Fischer.    Cassel,  1890. 

Cooke,  M.  C.  Introduction  to  fresh  Water  Algae.  8".  3l6  pp. 
London,  1890. 

Engler,  A,  und  K.  Prantl.  Die  natürlichen  Pflanzenfamilien,  nebst 
ihren  Gattungen  und  wichtigeren  Arten,  insbesondere  den  Nutz- 
pflanzen, bearbeitet  unter  Mitwirkung  zahlreicher  hervorragender 
Fachgelehrten.  80.  38.-43.  Lfg.  Mit  Illustr.  Subscr.-Pr.  ä  1  ^ 
50  4).    Engelmann.    Leipzig,  1890. 

Johan-Olsen,  0.  Gjaering  og  gjaerings  organismer.  8".  VIII, 
196  pp.    Christiania,  1890. 

V.  Lendenfeld,  R.  Gattung  Stelleta.  40.  75  S.  Reimer.  Berlin,  1890. 

Leuba,  F.  Die  essbaren  Schwämme  und  die  giftigen  Arten,  mit 
welchen  dieselben  verwechselt  werden  können.  Fol.  4.-7.  Lfg, 
S.  21—52.    Mit  10  Chromolith.    Georg.    Basel,  1890. 

V.  Mannagetta,  G.  Beck.  Monographia  der  Gattung  Orobranche 
I.Hälfte.    [Aus:  „Bibliotheca  botanica."!   4".  Fischer.  Cassel,  1890. 

Nymann,  C.  F.  Conspectus  florae  europaeae.  Supplementum  II. 
Pars.  2.  Additamenta.  Emendationea.  Observationes.  Commen- 
tarius.  Index.  8°.  IV  u.  S.  225— 404.  [Berlin,  Friedländer  &  Sohn]. 
Örebo,  1890. 

Oborny.  Flora  von  Mähren  und  Oesterreich-Schlesien  (Gefässpflan- 
zen).    80.    2.  Bde.    1258  u.  u.  XXXIX  S.    Winiker.    Brunn,  1890 

Pax,  Fd.  Allgemeine  Morphologie  der  Pflanzen,  mit  besonderer  Be- 
rücksichtigung der  Blüthenmorphologie.  8".  X,  404  S.  Mit  126 
in  den  Text  gedr.  Abbildgn.    Enke.    Stuttgart,  1890. 


Neu  erschienene  Werke.  367 

Praht,  P.  Kritische  Flora  von  Schleswig-Holstein,  Hamburg,  Lübeck, 
Bremen.  80.  II.  Thl.  2.  Heft.  IX,  64  S.  129—345.  Kiel.  Uni- 
versitäts-Buchhdlg.,  1890. 

Rauwenhoff,  N.  W.  P.  De  geslachtsgeneratie  der  Gleicheniaceeen. 
40,    2,  54  S.    Met  7  platen.    Amsterdam,  1890. 

Handbuch  der  Botanik.  Herausgegeben  von  A.  Schenk.  Unter  Mit- 
wirkung von  Detmer,  Drude,  Falkenberg  etc.  8^.  IV.  Bd.  VIII, 
781  S.    Mit  217  eingedr.  Holzsch.  u.  1  Taf,  Trewendt.  Breslau,  1890. 

Stizenberger,  E.  Lichenaea  Africana.  Fase.  1.  8".  144 pp.  A. 
&  J.  Koppel.    St.  Gallen,  1890. 

Sorauer,  P.  Atlas  der  Pflanzenkrankheiten.  80.  4.  Folge.  Taf. 
XXV— XXXII.  S.  19—26  Chromolith.  in  Fol.  mit  Text.  Parey. 
Berlin,  1890. 

Watson,  W.,  and  W,  Bean.  Orchids.  Their  Culture  and  Manage- 
ment.   80.    560  pp.    Illustrated.    London,  1890. 

Zopf,  W.    Die  Pilze.     8».     XII,  500  S.     Trewendt.     Breslau,    1890. 


Verlag  von  C.  E.  !VI.  Pfeffer  (R.  Stricker)  in  Halle-Saale. 

Areiaeus,  Des  Kappadocier,  auf  uns  gekommene  Schriften.  Aus  dem 
Griechischen  übersetzt  von  Prof.  Dr.  Mann.  ^M,  4. — 

Bischof,  F.,  Bergrath,  Die  Steinsalzwerke  bei  Stassfurt.  2.  umge- 
arbeitete Auflage.    Mit  Abbildungen  und  1  Karte.  Ji  3.60 

Dreher,  Dr.  Eugen,  Der  Darwinismus  und  seine  Consequenzen  in 
wissenschaftlicher  und  sozialer  Beziehung.  Ji  2.25 

—  Beiträge  zu  unserer  modernen  Atom-  und  Molekular -Theorie 
auf  kritischer  Grundlage.  1.  Die  philosophische  Grundlage  der 
Chemie.  2.  Die  Spektralanalyse.  3.  Die  Ursache  der  Phosphor- 
escenz  der  „leuchtenden  Materie"  nebst  Erörterung  der  drei 
Spektren  im  Lichte.  (Das  eigentliche  Lichtspektrum,  das 
Wärmespektrum  und  das  chemische  Spektrum.)  JI  2.25 

—  Beiträge  zu  einer  exakten  Psycho -Physiologie.  1.  Ueber  das 
Wesen  der  Sinneswahrnehmungen.  2.  Die  vierte  Dimension 
des  Raumes.  3.  Nervenfunktion  und  psychische  Thätigkeit. 
4.  Studien  am  „Lebensrad"  behufs  eines  richtigen  Verständ- 
nisses der  Sinneswahrnehmungen.  5.  Beiträge  zur  Theorie  der 
Farbenwahrnehmung.  Ji  2. — 

—  Ueber  den  Zusammenhang  der  Naturkräfte.  .//  1.20 

Drossbach,  M.,  Ueber  Kraft  und  Bewegung  im  Hinblick  auf  die  Licht- 
wellenlehre und  die  mechanische  Wärmetheorie.  Ji  2.40 

—  Ueber  die  scheinbaren  und  die  wirklichen  Ursachen  des  Ge- 
schehens in  der  Welt.  Ji  1.80 

Durdik,  J.,  Leibnitz  und  Newton.  Ein  Versuch  über  die  Ursachen  der 
Welt  auf  Grundlage  der  positiven  Ergebnisse  der  Philosophie 
und  der  Naturforschung.  Ji  1. — 

Giebelhäuser!,  San.-R.  Dr.,  Der  Berggeist.  Ernste  und  heitere  Mittheil- 
iingen  aus  Manfelds  Vor-  und  Neuzeit  in  Volksmundart.    120  .S. 

Ji  1,50 

—  Die  Trichinen- Gefahr.  Ein  frisches,  ehrliches  Wort  in  altmansf 
Weise.    8  S.  Ji  —,10 

—  Eine  mansfeldsche  Stimme.  JI  — ,10 

Girard,  Prof.  Dr.,  Geologische  Wanderungen.  I.  Wallis,  Vivarais, 
Velay.     2.  Auflage.    Nebst  Karten,  Profilen  und  Ansichten. 

Ji  3.— 

Groüvei),  Dr.,  Meteorologische  Beobachtungen  nebst  Beobachtungen 
über  die  freiwillige  Wasserverdunstung  und  über  die  Wärme 
des  Bodens  in  verschiedenen  Tiefen,  angestellt  im  Jahre  1863 
zu  Salzmünde  auf  der  Versuchs -Station  des  landwirthschaftl. 
Central- Vereins  der  Provinz  Sachsen.    Mit  4  Tafeln.     Ji  1. — 

Köhler,  Prof.  Dr.,  Die  lokale  Anaesthesirung  durch  Saponin.  Experi- 
mental.-pharmakolog.  Studien.    Mit  2  Tafeln  (in  qu.  u.  gr.  fol.) 

,//  3.75 

—  Chemische  Untersuchung  über  die  fälschlich  Hirnfette  genannten 
Substanzen  und  ihre  Zersetzungsproducte.     Mit  Abbildungen. 

Ji  2.40 

—  Ueber  Werth  und  Bedeutung  des  sauerstoffhaltigen  Terpentin- 
öls für  die  Therapie  der  acuten  Phosphorvergiftung.  Nach 
klin.  Beobacht.  und  physiolog.-chem.  Experimenten.         Ji  1.60 


Seite 
Prof.  Dr.  Siegmund  Güntlier,   Handbuch   der  mathematischen 

Geographie 334 

Prof.  Dr.  Helmholtz,  Ueber  Erhaltung  der  Kraft    ....     .336 

F.  Ho  eck,  Die  iS'ährpflanzen  Mittel-Europas 348 

H,  Kayser,  Lehrbuch  der  Physik  für  Studirende  .  ...  340 
Prof.  Kirchhoff,  Forschungen  zur  deutschen  Landeskunde  .  .  348 
Ludwig  Klein,  Vergleichende  Untersuchungen  über  Morphologie 

urid  Biologie  der  Fortpflanzung  beider  Gattungen  Volvos  356 
Curd  Lasswitz,  Geschichte  der  Atomistik  vom  Mittelalter  bis 

Newton.    2  Bände ...    330 

Albert  K.v.  Mülle  r-Hannfeld,  Richtigstellung  der  in  bisheriger 

Fassung    unrichtigen    mechanischen    Wärmetheorie    und 

Grundzüge  einer  allgemeinen  Theorie  der  Aetherbewegungen  345 
Prof.    Julian   Niedzwiedzki,    Beitrag   zur   Salzformation   von 

Wieliczka  und  Bochnia 349 

Ober-Appellations-Rath  Dr.  phil.  C.  Nöldecke  in  Celle,  Flora 

des  Fürstenthums  Lüneburg 358 

Heinrich  Ohrt,  Die  grossherzoglichen  Gärten  und  Parkanlagen 

in  Oldenburg 359 

Prof.  Ostwald,  Classiker  der  exacten  Wissenschaften      .     .    .    335 
Otto  von  Rath,  Ueber  Fortpflanzung  der  Chilopoden  .     .    .    .    355 

Th.  Rümpler,  Hlustrirtes  Gartenbaulexikon     .......     360 

Prof.    V.    Sandberger,    Uebersicht   der   Versteinerungen   der 

Triasformation  Unterfrankens    ..........    354 

A.  Sprockhoff,  Grundzüge  der  Physik '    .    339 

J.    J.    Thomson,    Anwendung   der   Dynamik  auf  Physik  und 

Chemie 243 

H.  Weber,  Electrodynamik 342 

Dr.    Otto   Zacharias,    Zur  Kenntniss  der  niederen  Thierwelt 

des  Riesengebirges 348 

Neu  erschienene  Werke .....    361 


Verlag  von  C.  E.  M.  Pfeffer  (R.  Stricker)  in  Halle-Saale. 

Liederbuch  für  Berg-  uucl  Hüttenleute.  Herausge.2;eben  vom  Berg-  und 
Hüttenmännischen  Verein  zu  Berlin.    5.  Auflage,    cart.  .//  1.20 

Luftblasen.  Von  Veratrinus  Leuchtkäfer,  der  Arzneigelahrtlieit  Doctor. 
(Geh.  Rath  Dr.  Flemming.)  1.  Naturwissenschaft  vor  dem 
Richterstuhle  der  Ethik.  2.  Ideen  zur  Diagnostik  der  Charla- 
tanerie  und  Kryi^tiatrik.     3.  Homöopathische  Studien.     .//  1.50 

Ochsenius,  Bergingenieur  C,  Die  Bildung  der  Steinsalzlager  und  ihrer 
Mutterlaugensalze  unter  specieller  Berücksichtigung  der  Flütze 
von  Douglnshall  in  der  Egeln'schen  Mulde.  .Mit  Abbildungen 
und  Knrten.  ^U  6. — 

Pressense,  Edm. ,  Die  Ursprünge.  Zur  Geschichte  und  Lösung  des 
Problems  der  Erkenntniss,  der  Kosmoloüie,  der  Anthropologie 
und  tles  Ursprungs  der  Moral  und  der  Religion.  Deutsch  von 
E,  Fabarius.    2.  Auflage.  .//  4.50 

Schellwien,  Robert,  Optische  Häresien.  ..II  2.50 

—     Optische  Häiesien   erste  Folge  und  das   Gesetz  der  Polarität. 

..//  2.G0 

Schröter,  Dr.,  Die   Gemüthsleiden,  ihre   rechtzeitige  Erkennung  und 

Behandlung.  Jl  2.50 

Votiert,  Bergassessor,  IVI.,  Der  Braunkohlenbergbau  im  Oberbergamts- 
bezirk Halle  und  in  dsn  angrenzenden  Staaten.  Nebst  einer 
Uebersichtskarte  von  den  Braunkohlen -Ablagerungen  im  Ober- 
bergamtsbezirk Halle.  .//  7. — 

Waidmann,  Oberstabsarzt  Dr.,  Die  Behandlung  der  Tabes-Krankheiten, 
als  Anhalt  für  Aerzte  und  Kranke.  Jl  3. — 


t  üv  ^utdttif  ev  nnJi  alle  3'vcttutie  tiev  ^utaiiif* 

^Ipl^abetifcf)c§  ii3erjcidnti§  aller  lüidjtiflerm  (über  5O0O)  ^flangcn 
neb[t  iBejd)reibunfl  imb  9lamen§erflärung  (gried).,  lateinifd),  bcutfö)). 

500  ^Jette^t  Jlark,  Ijittrfjtij  0^buni»jen  5  ^rtt*k, 
^erfag  uon  T.  O.  Weigel  ]*[achf.,  clcipätg. 


Besondere  Beilagen:  ,,Taschenwörterbuch  für  Botaniker 
und  alle  Freunde  der  Botanik",  Verlag  von  T.  0.  Weigel 
Nachf.  (Ohr.  Herrn.  Tauclmitz)  in  Leipzig-,  sowie  „Brehms 
Tierleben"    in    neuer  Auflage.     (Bibliographisches   Institut 

in  Leipzig.) 


Gebauer-Schwetschke'sche  Buchdruckerei  in  HaUe  (Saale). 


^bip^ 


ZeitscliLrift 

für 


NaturwissensMeni 


Im  Auftrage  des  naturwissenschaftlichen.  Vereins  für  Sachsen 
und  Thüringen  und  unter  Mitwirliung  von 

Geh.  Bergrath  Dunker,  Prof.  Dr.  Freih.  Ton  Fritscli,  Prof.  Dr.  Garcke, 

Geh.  Rath   Prof.   Dr.   Kuoblaucli,    Geh.  Rath  Prof.  Dr.  Leuckart, 

Prof.  Dr.  E.  Schmidt  und  Prof.  Dr.  Zopf 


Dr.  O.  Luedecke, 

Professor  an  der  Universität  Halle. 


63.    Bau  d. 

(Fünfte  Folge.    Erster  Band.) 

Sechstes  Heft. 


>     Ausgabe  für  Vereinsmitgiieder. 


-<-»^ — *■ — «■>- 


Halle  -  Saale. 

C.  E.  M.  Pfeffer  (Robert  Stricker). 

1890. 


I  n  h.  a  1 1. 


I.  Abhandlungen.  Seite 

Dr.  G.  Koeni^-  in  Adorf,  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide 
aus  den  Wurzeln  von  Sanguinaria  canadensis  und  Clieli- 
donium  majus 369 

II.  Sächsisch -Thüringische  Literatur. 

Dam  es,  W.,  Cervus  euryceros  von  Eixdorf 435 

Lieb  etrau,  E.,  Beiträge  zurKenntniss  dos  unteren  Muschelkalkes 

von  Jena 429 

Loretz,  Der  Zechstein  in  der  Gegend  von  Blankenburg  und 

Königsee 435 

Mü'gge  und  Müller,  üeber  einen  Orthoklas-Zwilling  aus  dem 

Fichtelgebirge 427 

Sauer  und  Tis  sing,  Einfacher  Mikroklin  von  Meissen  .  .  .  427 
Schillb  ach,  H.,  Mikroskopische  Untersuchung  des  Wellenkalkes 

von  Jena 431 

III.  Allgemeine  Literatur. 

Hautschel,  F.,  Botanischer  Wegweiser  im  Gebiete  des  nord- 
böhmischen Excursions-Clubs 447 

Kolbe,  Einführung  in  die  Kenntniss  der  Insecten 446 

LevyJ  S.,  Anleitung  zur  Darstellung  organischer  Präparate  .     .  441 
Marktanner-Turneretscher,  Die  Hydroiden  des  k.  k.  Hof- 
museums    447 

Derselbe,  Die  Mikropholographie  als  Hilfsmittel  naturwissen- 
schaftlicher Forschung      .     , 444 

Meyer,  A.  B.,  Der  Knochen-Entfettungs-Apparat  des  Kgl.  zool, 

Museums  zu  Dresden 446 

Pluss,  B.,  Leitfaden  der  Naturgeschichte 440 

Vogel,  Handbuch  der  Photographie.   1 443 

Wildermann,  Jahrbuch  der  Naturwissenschaften 440 


Beiträge  zur  Kenntniss 

der  Alkaloide  aus  den  Wurzeln  von  Sanguinaria 

Canadensis  und  Ohelidonium  Majus. 

Von 

Georg  Koenig 

aus  Adorf  in  Waldeck. 


Vorliegende  Arbeit,  die  auszuführen  ich  durch 
meinen  hochverehrten  Lehrer,  Herrn  Professor  Dr. 
E.  Schmidt  veranlasst  wurde,  verfolgt  zunächst  zwei  Ziele. 
Einmal  soll  sie  einen  Beitrag  liefern  zur  Kenntniss  der 
Alkaloide,  welche  überhaupt  in  den  Wurzeln  der  beiden 
zur  Gruppe  der  Papaveraceen  gehörenden  Pflanzen,  des 
einheimischen  Chelidonium  Majus  und  der  in  Nordamerika 
wachsenden  Sanguinaria  Canadensis  vorkommen;  zum 
andern  soll  versucht  werden ,  speciell  weitere  Daten  über 
die  Eigenschaften  und  das  chemische  Verhalten  der  schon 
mehrfach  untersuchten  Basen,  das  Sanguinarin  und  das 
Chelerythrin,  aufzufinden,  um  hierdurch  die  widersprechen- 
den Angaben,  welche  gerade  über  diese  Alkaloide  in  der 
Literatur  vorliegen,  zu  erklären. 

Die  jüngsten,  das  Sanguinarin  und  das  Chelerj'thrin 
betreffenden,  von  Henschke^)  ausgeführten  vergleichenden 
Untersuchungen    führten    im  Gegensatz   zu  der   bis    dahin 


1)   A.  Henschke,    Inaug.-Dissert.  Erlangen,   und  Zeitschrift  für 
Naturwissenschaft.    Bd.  60,  S.  102. 

Zeitschrift  f.  Katurwiss.  Bd.  LXIII.  1S90.  24 


370  Georg  Koenig; 


herrschenden  Ansicht  zu  der  Annahme,  dass  die  genannten 
Alkaloide  nicht  identisch  seien.  Jedoch  konnten  diese 
Untersuchungen,  wegen  Mangel  an  Material,  nicht  zu  einem 
entscheidenden  Abschlüsse  gebracht  werden. 

Aeltere  Untersuchungen  über  das  Sanguinarin  liegen 
von  Dana^),  Schiel 2)  und  Naschold^)  vor,  wogegen  ältere 
Angaben  über  das  Chelerythrin  sich  in  der  Literatur  be- 
sonders von  Probst  4)  und  Polex°),  Dana^),  SchieP)  und 
Wayne^)  finden. 

Endlich  werde  ich  in  Folgendem  Gelegenheit  haben, 
eine  im  verflossenen  Jahre  erschienene  Arbeit  von 
Fr.  Seile  ^)  über  Papaveraceen- Alkaloide  mehrfach  zu 
erwähnen. 

Wie  ich  im  Verlaufe  dieser  Arbeit  zu  zeigen  hoffe, 
sind  mit  den  Namen  Sanguinarin  und  Chelerythrin  bisher 
nur  scheinbar  bestimmte,  in  ihrer  Eigenart  charakterisirte 
Alkaloide  belegt.  In  Wirklichkeit  ist  vielmehr  die  Be- 
zeichnung Sanguinarin  bis  zu  dieser  Zeit  nur  als  ein 
Sammelname  anzusehen  für  eine  grössere  Anzahl  unter 
sich  verschiedener  Alkaloide,  welche  nebeneinander  in 
der  Sanguinariawurzel  vorkommen.  Dasselbe  dürfte  auch 
für  das  Chelerythrin  der  Chelidoniurawurzel  gelten,  da  die 
bisher  mit  diesem  Namen  in  der  Literatur  bezeichneten 
und  als  solches  untersuchten  Präparate  ebenfalls  nicht  ein- 
heitlicher Natur  gewesen  zu  sein,  sondern  aus  Gemengen 
verschiedener  Chelidonium  -  Basen  bestanden  zu  haben 
scheinen. 


1)  Magazin  für  Pharmacie  1828.  23.  125. 

2)  Annal.  d,  Chem.  und  Pharmacie  43.  233. 

3)  Journal  für  pract.  Chem.  106.  385,     Zeitschrift  für  Chemie 
1870.  19. 

4)  Annal.  d.  Chemie  u.  Pharmacie  29.  123.  und  31.  250. 

5)  Archiv  der  Pharmacie  16.  77. 

6)  Magazin  für  Pharmacie  1828.  23.  125. 

7)  Journal  f.  pract.  Chemie  67.  61. 

8)  Vierteljahrsschrift  f.  pract.  Chemie  6.  254. 

9)  Fr.  Seile.     Inaug.  -  Dissert.    Erlangen  1889  und  Zeitschrift 
für  Naturwissenschaften.     Bd.  69  S.  269. 


Beiträgre  zur  Kenntniss  der  Alkaloicle  etc.  371 

Die  Alkaloide  aus  der  Wurzel  der  Sanguinaria 
Canadensis. 

A.  Aus  käuflichem  Sanguinarin. 

Als  erstes  Ausgangsraaterial  für  meine  Untersuchungen 
'diente  mir  ein  unter  dem  Namen  „Sanguinarin"  von  der 
Firma  E.  Merck  in  Darmstadt  bezogenes  Präparat,  welches 
ein  grau-weisses,  amorphes  Pulver  darstellte.  Letzteres  er- 
weichte im  Schmelzröhrchen  bei  95  ^,  um  bei  150  ^  voll- 
ständig zu  schmelzen;  von  salzsäurehaltigem  Wasser  wurde 
•dasselbe  nur  theilweise  und  zwar  mit  gelbbrauner  Farbe 
gelöst. 

Um  aus  diesem  Pulver  die  reine  Base  zu  gewinnen, 
kochte  ich  dasselbe  mit  vorher  entwässertem  Aether  aus, 
wobei  ein  erdiggrauer  Antheii  zurückblieb.  Die  hierdurch 
erzielte  ätherische  Lösung  sättigte  ich  hierauf  mit  trocknem 
Salzsäuregas,  wodurch  ein  voluminöser,  grauer  Niederschlag 
entstand,  der  sich  nach  einiger  Zeit  gelb  färbte,  um 
schliesslich,  wahrscheinlich  durch  Wasseraufnahme  aus  der 
Luft,  zu  einer  hochgelben  Masse  zusammenzufliessen.  Nach 
dem  Abgiessen  des  Aethers,  dessen  gelöste  Antheile  ich 
durch  Abdestillation  des  Lösungsmittels  wieder  gewann, 
nahm  ich  das  gebildete  salzsaure  Salz,  behufs  Trennung 
meiner  Einzelbestandtheile,  mit  Alkohol  auf  und  fügte  starke 
Salzsäure  im  Ueberschuss  zu.  Letztere  Lösung  schied  hier- 
durch ein  nahezu  weisses  Salz  aus.  Durch  gelindes  Er- 
wärmen löste  sich  die  mit  auskrystallisirte,  sehr  unbe- 
deutende Menge  gelbrother  Nadeln  leicht  wieder  auf,  so 
dass  ich  jenes  weisse  Salz  von  dem  Uebrigen  leicht  trennen, 
auf  einem  kleinen  Filter  sammeln ,  und  mit  Alkohol  bis 
zur  Entfärbung  nachwaschen  konnte.  Von  diesem  weissen 
Salze  schieden  sich  beim  Stehen  jener  Lösung  noch  mehr- 
mals geringe  Quantitäten  aus,  welche  auf  die  gleiche 
Weise  von  der  salzsauren  Lösung  der  später  etwas  reich- 
licher auskrystallisirenden  gelbrothen  Nadeln  getrennt 
v^urden. 

Der  vom  Aether  nicht  aufgenommene  Theil  des  Merck'- 
schen  Rohalkaloids  löste  sich  bis  auf  einen  braunen,  ge- 
trocknet   sich    erdig   anfühlenden    Rückstand    (indifferente 

24* 


)72  G-eorg  Koenig: 


Verunreinigung)  in  Chloroform  auf,  und  zwar  zu  einer 
tiefbraunen  Flüssigkeit,  aus  der  ich  nach  einiger  Zeit  graue, 
anscheinend  durch  Farbstoff  verunreinigte  Warzen  erhielt. 
In  Alkohol  gelöst,  schieden  sich  letztere  grösstentheils  in 
bräunlich  gefärbten  Nadeln  aus.  Sowohl  die  aus  dem 
Chloroform  ausgeschiedenen  Warzen,  als  auch  die  Base, 
welche  ich  aus  den,  aus  der  im  Vorstehenden  erwähnten 
alkoholischen  Lösung  erhaltenen,  Krystallen  abschied^ 
schmolzen  bei  204  ^,  und  stimmten  dieselben  auch  in  ihren 
sonstigen  Eigenschaften  mit  dem  von  Seile  ')  als  Alkaloid  V. 
bezeichneten,  mit  dem  Protopin  und  Macleyin  identischen 
Alkaloide  tiberein.  Als  ich  daher  aus  der  wässrigen  Lösung" 
jenes  Salzes,  welches  ich  zuvor  durch  mehrfache  üm- 
krystallisation  aus  salzsäurehaltigem  Wasser  reinigte,  durch 
Ammoniak  die  freie  Base  als  käsig-weisse  Fällung  abschied, 
diese  nach  dem  Trocknen  in  Chloroform  löste  und  letztere 
Lösung  nach  Zusatz  von  Alkohol  der  Krystallisation  über- 
liess,  erzielte  ich  ebenfalls  jene  von  Seile  beschriebenen 
bei  2040  schmelzenden  Krjstalle,  gemengt  mit  Warzen  von 
demselben  Schmelzpunkte. 

Bemerkenswerth  ist  vielleicht  noch,  dass  die  amorphe, 
durch  Ammoniak  bewirkte  Fällung,  wenn  sie  etwas  länger 
stehen  bleibt,  ehe  sie  von  der  darüberstehenden  Flüssig- 
keit getrennt  wird,  allmälig  krystallinische  Beschaffenheit 
annimmt. 

Die  Menge  des  salzsauren  Sanguinarius,  welche  sich 
selbst  bei  stärkerer  Concentration  der  von  dem  Protopin 
getrennten  Mutterlaugen  abschied,  war  eine  so  geringe, 
dass  ich  hieraus  nicht  die  für  eine  eingehendere  Unter- 
suchung genügende  Menge  an  freier  Base  erhalten  konnte. 
Da  das  käufliche  Sanguinarin  einen  sehr  hohen  Preis 
hat,  so  beschloss  ich,  mich  auf  dem  allerdings  mühsamen 
und  umständlichen  Wege  der  Selbstgewinnung  in  den  Be- 
sitz eines  hinreichenden  Quantums  dieser  Base  zu  setzen. 
Der  Grehalt  des  käuflichen  Sanguinarius,  welches  also 
als  ein  stark  verunreinigtes  Gemisch  vielleicht  sämmtlicher, 
in  der  Wurzel  von  Sanguinaria  Canadensis  vorkommender 
Alkaloide    anzusehen  ist,    an   Protopin    betrug    etwa  13  o/q. 


1)  Seile.    Inaugural-Dissert.  pag.  41. 


Beitrüge  zur  Kenntnisa  der  Alkaloide  etc.  373 

B.  Alkaloidgewinnuüg  aus  der 
Wurzel  und  Charakterisiruug  der  Iiierbei  isolirteu 

Baseu. 

Zehn  Kilo  Sanguinariawurzel,  die  g-rösstentlieils  aus 
den  harten,  kurz  brechenden  Kbizomen  und  nur  zum  sehr 
geringen  Theile  aus  deren  dünnen  Nebenwurzeln  bestanden, 
wurden  nach  dem  Trocknen  in  ein  grobes  Pulver  ver- 
wandelt und  fünfmal  nach  einander  mit  essigsäurehaltigem 
i^GOoiöCn  Alkohol  auf  dem  Dampfbade  ausgekocht. 

Naschold,  der  nach  der  combinirten  Methode  von 
Dana  und  Probst  arbeitete,  benutzte  zum  Ausziehen  der 
Wurzel  säurefreien  Alkohol;  im  Uebrigen  habe  ich  mich 
bei  der  Darstellung  des  Rohalkaloids  im  Wesentlichen  an 
die  Angaben  dieses  Chemikej'S  gehalten. 

Nach  längerem  Sieden  des  Alkohols  und  öfterem  Um- 
schwenken des  Kolbeninhaltes  wurden  die  anfänglich  tief- 
braunroth,  später  mehr  gelb  gefärbten  Flüssigkeiten  durch 
Abgiessen  und  Abpressen  vom  ausgezogenen  Wurzelpulver 
getrennt.  Die  filtrirten  Auszüge  wurden  hierauf  durch 
Abdestilliren  des  Alkohols,  sowie  durch  Eindampfen  auf 
dem  Dampf  bade  eingeengt  und  alsdann,  zur  Abscheidung 
des  vom  Alkohol  mit  aufgelösten  Harzes,  in  heisses  Wasser 
eingegossen,  wodurch  eine  starke  flockige  Trübung  ent- 
stand. Letztere  verschwand  nach  eintägigem  Stehen,  in- 
dem sich  dunkelrothbraune,  zusammengeballte  Harzmassen 
ausschieden.  Das  Gewicht  dieses  Ausscheidungsproduktes 
betrug  etwa  500  Gramm  =  5  %  der  Wurzel. 

Die  von  dem  ausgeschiedenen  HarzQ  abfiltrirte  Flüssig- 
keit wurde  hierauf  mit  Ammoniakflüssigkeit  bis  zur  schwach 
alkalischen  Reaction  versetzt,  wodurch  sich  allmälig  eine 
dunkel-fieischrothe  Fällung  A  von  einem  rothbraunen 
Liquor  trennte.  Der  hierdurch  gebildete  gallertartige 
voluminöse  Niederschlag  wurde  alsdann  auf  Filtern  ge- 
sammelt und  nach  genügendem  Abtropfen  zwischen  Leinen 
stark  gepresst. 

Nachdem  ich  die  ammoniakalischen  Flüssigkeiten  durch 
Eindampfen  auf  ein  kleines  Volumen  gebracht,  schüttelte  ich 
dieselben,  behufs  Gewinnung  von  gelöst  gebliebenen  Basen, 


374  Georg  Koenig: 


im  Scheidetrichter  zu  wiederholten  Malen  mit  Chloroform 
aus,  welches  hierbei  zuerst  eine  dunkel-,  später  hellrothe 
Farbe  annahm.  Beim  Abdestilliren  des  Chloroforms  blieb 
ein  braunrothes  Harz  zurück,  welches  auch  nach  dem 
Lösen  in  wenig  Chloroform  und  freiwilligem  Verdunsten - 
lassen  des  Lösungsmittels,  gleichgültig  ob  letzteres  ohne 
oder  mit  Zusatz  von  Alkohol  geschah,  sich  wieder  als 
solches  abschied.  Ein  besseres  Resultat  lieferte  Essig- 
äther, welcher  jenen  Chloroformrückstand  ebenfalls  leicht 
löste.  Durch  freiwilliges  Verdunstenlassen  dieser  Lösung 
und  durch  Weiterbehandlung  derselben  auf  dem  in  Nach- 
stehendem angegebenen  Wege  erhielt  ich  zwei  Alkaloide, 
welche  mit  Salzsäure  weisse  Salze  lieferten,  von  denen 
das  eine  mit  dem  Alkaloid  III  Seile's,  das  andere  mit  dem. 
Protopin  Aehnlichkeit  zeigte. 

Der  gepresste  Rohalkaloidniederschlag  A  wurde  zu- 
nächst an  der  Luft  von  der  Hauptmenge  der  anhaftenden: 
Feuchtigkeit  befreit  und  dann  im  Trockenschranke  bei 
niederer  Temperatur  noch  soweit  getrocknet,  dass  er  sich 
zerreiben  Hess.  Zerrieben  stellte  das  so  gewonnene 
Rohalkaloid  ein  chokoladenbraunes  Pulver  dar,  das  beim 
Zerstäuben  die  Schleimhäute  der  Nase  und  des  Schlünde* 
äusserst  stark  reizte.  Sein  Gewicht  betrug  300  Gramm  =r 
3  %  der  in  Arbeit  genommenen  VVurzel. 

Dieses  Rohalkaloid  wurde  behufs  weiterer  Reinigung 
nunmehr  im  Extraktionsapparate  bis  zur  völligen  Erschöpf- 
ung mit  Aether  ausgezogen,  nachdem  zuvor  eine  directe 
Lösung  desselben  in  Alkohol,  Chloroform,  Essigäther  und 
Aether  vergeblich  versucht  worden  war.  Nur  durch  Chloro- 
form erzielte  ich  hierbei  eine  fast  vollständige  Lösung, 
aus  der  jedoch  keine  Krystalle  zu  erhalten  waren.  Bei 
der  durch  Aether  bewirkten  Extraktion  verblieb  ein 
brauner,  leicht  zerreiblicher  Rückstand  (B),  über  dessen 
Weiterbehandlung  ich  weiter  unten  berichten  werde.  Nach 
dem  Verdunsten  des  Aethers  blieb  eine  weisslich  graue, 
sich  pulverig  und  in  Krusten  abscheidende  Masse  (C)  zu- 
rück. Letztere  war  fast  unlöslich  in  Alkohol;  derselbe 
nahm  nur  einen  grossen  Theil  der  färbenden ,  harzigen 
Beimengungen  auf.     Aus  dieser  alkoholischen,  tiefrothbraun 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  etc.  37o 

gefärbten  Flüssigkeit,  die  ich  später  mit  den  Mutterlaugen 
vereinigte,  welche  sich  bei  der  Umkrystallisation  des  in 
Alkohol  unlöslichen  Theiles  (C)  des  Alkaloidgemenges  an- 
sammelten, war  zunächst  keine  Krystallisation  zu  erzielen. 
Daher  verjagte  ich  den  Alkohol,  nahm  das  Zurück- 
bleibende mit  essigsäurehaltigem  Wasser  auf  und  fällte 
die  Lösung  von  Neuem  mit  x\mmoniak.  Die  hierdurch  be- 
wirkte hell- fleischfarben,  getrocknet  grau  gefärbte  Fällung 
(D^  nahm  ich  schliesslich,  behufs  weiterer  Reinigung,  mit 
Chloroform  auf  und  überliess  die  erzielte  Lösung,  nach 
Zusatz  von  ungefähr  der  gleichen  Menge  Alkohol,  der 
Krystallisation.  Es  resultirten  hierbei  die  für  das  Protopin 
charakteristischen,  wohl  ausgebildeten  kleinen  Krystalle, 
eingestreut  in  eine,  den  Boden  des  Krystallisationsgefässes 
bedeckende  Schicht  eines  grauen  Krystallmehles.  Der 
Schmelzpunkt  dieses  Krystallmehles  lag  ebenso,  wie  der  der 
eingestreuten  Kryställchen,  bei  ungefähr  203  ^;  beide  Theile 
wurden  von  salzsäurehaltigem  Wasser  ohne  Färbung  gelöst. 
Aus  der  Mutterlauge  erzielte  ich  keine  derartigen  Aus- 
scheidungen mehr;  sondern  es  resultirten  nur  harzartige 
Massen,  welche  sich  aus  den  verschiedenen  gebräuchlichen 
Lösungsmitteln  nur  als  unreine,  von  klebrigem  Farbstoffe 
durchsetzte  Warzen  oder  Krusten  abschieden,  von  deren 
weiterer  Verarbeitung  ich  daher  vorläufig  Abstand  nahm. 
Das,  anscheinend  aus  Protopin  bestehende,  graue  Krystall- 
mehl  wurde  zur  Reinigung  nach  der  Angabe  Seile's  in 
schwefelsäurehaltigem  Wasser  gelöst  und  die  erzielte 
dunkelbraun  gefärbte  Lösung  mit  etwas  concentrirter 
Schwefelsäure  versetzt.  Nach  längerem  Stehenlassen  schied 
sich  in  der  That  schwefelsaures  Protopin  in  charakte- 
ristischen Warzen  und  Krystallen  ab,  welche  ich  zunächst 
aus  schwefelsäurehaltigem  Wasser,  schliesslich  aus  ver- 
dünntem Alkohol  umkrystallisirte. 

Das  durch  Extraktion  mit  Aether  gewonnene,  durch 
Alkohol  von  färbenden  Beimengungen  befreite,  Alkaloid 
(C)  versuchte  ich  zunächst  aus  Chloroform  umzukrystallisiren, 
worin  es  sich  als  leicht  löslich  erwies.  Nach  Zusatz  von 
Alkohol  erhielt  ich  hieraus  zwar  zusammenhängende,  dicht- 
gedrängte Warzen,  welche  jedoch  zu  harten  Krystallkrusten 


376  Georg  Koenig: 


von  brauner  und  weisser  Farbe  vereinigt  waren.  Ein 
mechanisches  Trennen  der  verschiedenfarbigen,  aus 
verschiedenen  Alkaloiden  bestehenden  Antheile  dieser 
Masse  erwies  sich  als  unausführbar.  Da  jedoch 
eine  Probe  dieser  Krystallmassen,  nach  dem  Lösen 
derselben  in  Essigäther,  bei  der  freiwilligen  Verdunstung 
mehr  Neigung  zur  Krjstallisation  zeigte,  so  versuchte  ich 
hierdurch  eine  weitere  Reinigung  und  Trennung  der  Einzel- 
bestandtheile  herbeizuführen.  Leztere  gelang  hierdurch  je- 
doch nur  zum  Theil,  da  es  sich  nicht  ermöglichen  liess, 
eine  vollständige  Trennung  der  weiss-  und  rothbraun- 
gefärbten  Krystallkrusten ,  die  sich  stets  nebeneinander 
ausschieden,  zu  erreichen.  So  gut  es  ging,  suchte  ich  da- 
her diese  Scheidung  zunächst  auf  mechanischem  Wege  zu 
bewirken.  Dass  ich  es  hierbei  wirklich  mit  zwei  ver- 
schiedenen Körpern  zu  thun  hatte,  zeigte  sich  sowohl  durch 
die  verschiedene  Gestalt  der  Krystalle,  als  durch  die  ver- 
schiedenen Schmelzpunkte  derselben.  Die  rothen  Krystalle 
schmolzen  bei  etwa  180*',  die  weissen  dagegen  erst  bei 
ungefähr  200  ^. 

Die  bei  der  Extraktion  mit  Aether  zurückgebliebene 
braune  Masse  (B)  wurde,  behufs  Gewinnung  weiterer  Basen, 
nach  dem  Zerreiben  wiederum  mit  Aether  ausgezogen  und 
hierdurch  neben  den,  bei  dem  ersten  Ausziehen  erhaltenen, 
rothbraunen  Warzen  noch  grössere  Mengen  eines  in  Essig- 
äther sehr  leicht  löslichen  harzartigen  Körpers  (E)  erhalten, 
in  welchem  ziemlich  viel  braune  Krystalle,  die  bei  etwa 
125°  schmolzen,  eingebettet  waren.  Bei  der  weiteren 
Keinigung  dieser  Ausscheidungen  erzielte  ich  zunächst  nur 
graue,  pulverige,  bei  etwa  165°  schmelzende,  amorphe 
Massen,  die  nicht  ganz  von  anhaftenden,  harzartigen  Be- 
standtheilen  zu  befreien  waren.  Auch  bei  der  zweiten 
Extraktion  mit  Aether  blieb  ein  dunkelbraun  gefärbter 
Rückstand  (F).  Es  gewinnt  den  Anschein,  als  ob  in  den 
aus  Antheil  (E)  erhaltenen  Produkten,  neben  verunreinigen- 
dem Farbstoff  und  Harz,  noch  eine,  von  den  bisher  aufge- 
fundenen verschiedene,  Base  enthalten  ist,  umsomehr,  als 
sich  diese,  vorläufig  nicht  näher  zu  charakterisirenden 
Massen,  in  säurehaltigem  Wasser  mit  rother  Farbe  lösten. 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  etc.  377 

Immerhin  ist  jedoch  auch  die  Möglichkeit  nicht  ausge- 
schlossen, dass  es  sich  hierbei  auch  nur  um  die  im  Nach- 
stehenden beschriebenen  Basen  handelt,  deren  abweichen- 
■des  Verhalten  vielleicht  nur  durch  beigemengte  Verun- 
reinigungen bedingt  wird. 

Weitere  Versuche  habe  ich  mit  diesen  Materialien  zu- 
nächst nicht  angestellt.  — 

Zur  vollständigen  Trennung  der  zunächst  nur  durch 
Auslesen  geschiedenen,  aus  Antheil  (C)  durch  Extraktion 
mit  Essigäther  erhaltenen  Alkaloide  bediente  ich  mich  der 
Umkrystallisation  aus  heissem  Alkohol,  in  welchem  beide 
Basen  sich  schwer  lösten.  Als  erste  Ausscheidung  erhielt 
ich  hierbei,  nach  dem  Erkalten  der  Lösung,  hellrothbraune 
Krystalle,  die  nur  wenig  von  sehr  lockeren,  weissen,  aus 
büschelig  angeordneten  Nadeln  bestehenden  Krystalldrusen 
durchsetzt  waren.  Dieser  weisse  Körper  schied  sich,  da  er 
leichter  in  Alkohol  löslich  ist,  aus  den  Mutterlaugen  in 
weissen,  zu  Schnüren  gereihten,  bisweilen  auch  in  einzelnen 
Warzen  aus. 

Durch  häufig  wiederholtes  Um.krystallisiren  vermochte 
ich  diese  beiden  Körper  im  Wesentlichen  zu  trennen,  ob- 
schon  jedoch  auch  auf  diesem  Wege  die  Scheidung  nicht 
<][uantitativ  gelang.  Die  letzten  Laugen  enthielten  daher 
schwer  zu  trennende  Gemenge  beider  Alkaloide.  Eine 
weitere  Reinigung  und  zugleich  vollständigere  Trennung 
derselben  erzielte  ich  durch  sehliessliche  Umkrystallisation 
dieser  Alkaloide  aus  Methylalkohol.  Die  Verschiedenheit 
dieser  Basen  trat  hierbei  immer  mehr  zu  Tage.  Es  resul- 
tirte  hierbei  das  zunächst  braun,  dann  hellrosa  gefärbte 
Alkaloid  in  Form  eines  aus  feinen  Nadeln  bestehenden 
Krystallmehls,  während  das  weisse  Alkaloid  bei  dieser  Be- 
handlung in  weissen,  einen  Stich  ins  Gelbliche  zeigenden 
Krystallen  zur  Abscheidung  gelangte. 

Die  Menge  des  specifisch  schwereren,  röthlichen 
Alkaloids  betrug  an  Gewicht  etwa  das  Doppelte  von  dem 
der  specifisch  leichteren,  weissen,  dem  Gewichte  nach  etwa 
28  Gramm  betragenden  Base. 

Vollständig  rein  erhielt  ich  jedoch  diese  beiden 
Alkaloide  erst  durch  mehrfache  Umkrystallisation  derselben 


378  Georg  Koenig; 


aus  Essigäther.  Hierbei  zeigten  sieh  die  ersten  Lösungen 
des  sich  bis  dahin  rosafarben  ausscheidenden  Alkaloids^ 
stark  roth  gefärbt;  dagegen  braun  gefärbt  bei  der  sich 
zuvor  weiss  abscheidenden  Base.  Schliesslich  resultirten 
jedoch  in  beiden  Fällen  schön  blau  fluorescirende,  völlig 
farblose  Lösungen. 

Diese  Fluorescenzerscheinungen  traten  intensiver  auf 
bei  dem  ersteren  Alkaloid,  welches  sich  schliesslich  in 
Krjstallkrusten,  die  aus  derben  Einzelkrystallen  bestanden, 
abschied;  weniger  hervortretend  waren  dieselben  dagegert 
bei  der  zweiten  weissen,  in  farblosen  kleinen  Nadeln  aus- 
krystallisirenden  Base. 

Die  letzten,  stark  gefärbten  Mutterlaugen  enthielten 
auch  jetzt  noch  Gemenge  beider  Basen. 

Sowohl  das  von  Dana  entdeckte  und  von  ihm.  Probst^ 
Schiel  und  Naschold  aus  Radix  Sanguinariae  Canadensis 
dargestellte  Alkaloid ,  als  endlich  auch  die  im  Handel 
unter  dem  Namen  Sanguinarin  vorkommende,  von  Henschke 
analysirte  Base  dürfte  im  Wesentlichen  nur  ein  Gemenge 
dieser  beiden  von  mir  getrennten  Basen  sein,  vielleicht 
noch  verunreinigt  durch  färbende  Bestandtheile,  Protopin 
und  andere  Alkaloide.  Der  niedrige  Schmelzpunkt,  die 
Farbe,  die  Eigenschaften,  sowie  die  dunkelrothe  Farbe  der 
salz-  und  schwefelsauren  Salze  der  bisher  analysirten 
Präparate  scheinen  wenigstens  entschieden  für  diese  An- 
nahme zu  sprechen. 

Der  nach  dem  abermaligen  Ausziehen  mit  Aether  ver- 
bliebene Rückstand  (F)  des  Rohalkaloids  konnte  direkt 
weder  aus  Chloroform,  noch  aus  Alkohol  und  Essigäther 
zur  Krystallisation  gebracht  werden.  Diese  drei  Lösungs- 
mittel lösten  zwar  die  braune  Masse  zum  Theil  auf, 
schieden  dieselbe  aber  beim  Verdunsten  nur  harzig  oder 
pulverig  wieder  ab.  Am  reichlichsten  löste  sich  dieselbe 
in  Chloroform.  Versuchsweise  leitete  ich  in  letztere 
Lösung  trocknes  Salzsäuregas  ein  und  erhielt  hierdurch 
rothgelbe  Nadeln,  die  nach  dem  Lösen  mit  Ammoniak  eine 
fleischfarbene  Fällung  gaben.  Letztere  schied  sich  jedoch 
sowohl  aus  Chloroform,  als  auch  aus  Essigäther  nur  wieder 
im  amorphen    Zustande    ab.      Ich  nahm    desshalb   den   ge 


Beiträge  zur  Kenntniss   der  Alkaloide  etc.  379 

sammten  Rückstand  noch  einmal  mit  essigsäurelialtigem 
Wasser  auf,  behandelte  die  durch  Ammoniak  entstandene 
röthliche  Fällung  in  der  früheren  Weise  mit  Aether  und 
erhielt  hierbei  eine  nicht  unerhebliche  Menge  eines 
Alkaloids,  welches  dem  bei  der  ersten  Extraktion  ge- 
wonnenen Rohalkaloide  (C)  im  Aussehen  und  in  den 
Eigenschaften  sehr  ähnlich  war.  Letzteres  wurde  daher 
in  derselben  Weise,  wie  jenes,  weiter  verarbeitet.  Der 
Rückstand  Gr,  welcher  bei  dieser  letzten  Behandlung  mit 
Aether  verblieb,  wurde  später  auf  Chelidonin  untersucht. 
In  der  Arbeit  von  Henschke  ')  findet  sich  eine  Notiz  über 
eine  Vermuthung  Weppens,  dass  in  der  Sanguinariawurzel 
Chelidonin  enthalten  sei.  Veranlasst  durch  diese  Angabe, 
die  in  Rücksicht  auf  das  gleichzeitige  Vorkommen  ver- 
schiedener, sich  sehr  nahestehender  Basen  in  Chelidonium 
Majus  und  in  Sanguinaria  canadensis  eine  gewisse  Wahr- 
scheinlichkeit besass,  nahm  ich  bei  der  ganzen  Arbeit  be- 
sondere Rücksicht  auf  das  eventuelle  Vorhandensein 
jener  Base. 

Da  Chelidonin  in  dem  ätherischen  Auszuge  der  Roh- 
alkaloide nicht  zu  finden  war,  so  konnte,  wenn  es  überhaupt 
vorhanden  war,  es  nur  noch  in  dem  vom  Aether  nicht  ge- 
lösten Antheile  G  oder  in  dem,  beim  Eingiessen  der  essig- 
säurehaltigen alkoholischen  Auszüge  in  Wasser  abgesonderten 
Harze  enthalten  sein. 

Den  nach  dem  Ausziehen  mit  Aether  verbliebenen  Rück- 
stand G  kochte  ich,  entsprechend  der  von  Henschke  ange- 
gebenen Darstellungsweise  des  Chelidonius,  mit  schwefel- 
säurehaltigem 9ß  %igen  Alkohol  aus,  wodurch  er  fast  voll- 
ständig zu  einer  tief-braunrothen  Flüssigkeit  gelöst  wurde. 

Von  der  filtrirten  Lösung  destillirte  ich  den  Alkohol, 
nach  dem  Zusatz  von  etwas  Wasser,  ab,  nahm  das  Zurück- 
bleibende mit  scliwefelsäurehaltigem  Wasser  auf,  filtrirte 
von  den  ausgeschiedenen  Harzmassen  ab  und  versetzte  die 
Flüssigkeit  mit  rauchender  Salzsäure.  Es  entstand  hier- 
durch ein  dunkelrother  Niederschlag,  der  auf  einem  Filter 


1)  Inaugural-Disseit.  png.  5. 


380  Georg  Koenig: 


gesammelt,    hierauf   in   Wasser   gelöst    und    diese  Lösung 
durch  Ammoniak  gefällt  wurde. 

Die  violettroth  gefärbte  Fällung  schüttelte  ich  zur 
Entfernung  des  noch  vorhandenen  Sanguinarins  zu  wieder- 
holten Malen  mit  Aether  aus.  Letzterer  löste,  ausser  einem 
grün-blau  fluorescirenden  Harze,  nur  geringe  Mengen  eines 
aus  Essigäther  in  farblosen  Nadeln  krystallisirenden ,  mit 
Salzsäure  sich  roth  färbenden ,  bei  208  "^  schmelzenden 
Alkaloides. 

Das  vom  Aether  nicht  Aufgenommene  schüttelte  ich, 
um  eventuell  vorhandenes  Chelidonin  zu  lösen,  mit  Chloro- 
form aus. 

Den  beim  Verdunsten  des  Chloroforms  bleibenden 
geringen  harzigen  Rückstand  nahm  ich  alsdann  mit 
schwefelsäurehaltigem  Wasser  auf  und  versetzte  die  von 
dem  ausgeschiedenen  Harze  abfiltrirte  Lösung  mit  rauchen- 
der Salzsäure. 

Hierdurch  schieden  sich  nur  rothe  Nadeln  eines  in 
säurefreiem  Wasser  sehr  leicht  löslichen  Salzes  aus;  da- 
gegen resultirte  kein  farbloses,  schwer  lösliches,  salzsaures 
Chelidonin.  In  gleicher  Weise  verfuhr  ich  mit  einer 
kleineu  Menge  der  harzartigen  Massen.  Auch  hierin  fand 
ich  jedoch  kein  Chelidonin.  Aether  nahm  beim  Aus- 
schütteln der  durch  Ammoniak  bewirkten  Fällung  nur 
ziemlich  beträchtliche  Mengen  des  bei  etwa  200  "  schmelzen- 
den, gelbe  Salze  gebenden  Alkaloids  auf.  Da  das  Cheli- 
donin, wenn  es  überhaupt  in  der  verarbeiteten  Sanguinaria- 
vyrurzel  vorhanden  war,  es  jedenfalls,  wegen  der  leichten 
Löslichkeit  seines  essigsauren  Salzes  in  Alkohol,  in  den 
aus  der  Wurzel  bewirkten  Auszügen  hätte  angetroffen 
werden  müssen,  muss  ich  nach  obigen  negativen  Resul- 
taten annehmen,  dass  in  der  Wurzel  von  Sanguinaria 
Canadensis  kein  Chelidonin  vorkommt. 

Zur  besseren  Uebersicht  und  zum  leichteren  Verständ- 
niss   des   Nachfolgenden   möchte   ich  hier   zunächst  die  für 
die   in    der    Sanguinariawurzel    aufgefundenen    Basen    ge- 
wählten Bezeichnungen  vorausschicken: 
L     Chelerjthrin,  für  das  röthliche,  in  derben  Kry stallen 
krystallisireude ,    mit    Säuren    gelbe    Salze    liefernde 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  etc.  381 

Alkaloid;  und  zwar  werde  ich  diese  Base  mit 
S.-Chelerytbrin  bezeichnen  zum  ünterscliiede  von  der 
mit  ihr  identischen,  später  zu  beschreibenden  Chelido- 
niumbase,  die  ich  als  Ch.-Chelerythrin  kennzeichnen 
werde. 
II.  Sanguinarin,  für  die  Base,  welche  sich  aus  der 
Essigätherlösung'  in  weissen  Krystallen  ausscheidet 
und  mit  Säuern  rothe  Salze  liefert. 

III.  Homocheli donin,  für  das  aus  den  ammoniakalischen 
Alkaloidmutterlaugen  gewonnene,  mit  Säuren  leicht 
lösliche,  farblose  Salze  gebende  Alkaloid. 

IV.  Protopin,  für  das  mehrfach  untersuchte  Alkaloid  ver- 
schiedener Provenienz,  welches  sich  bald  in  Warzen, 
bald  in  farblosen  Krystallen  vom  Sp.  207  ^  ausscheidet. 

S.-Chelerytlirin. 

Das  wiederholt  aus  Essigäther  umkrystallisirte  Alkaloid 
bestand  aus  kleinen,  zu  Krusten  vereinigten,  rhomboedrischen 
Krystallen,  die  eine  blass-röthliche  Farbe  zeigten.  Zerrieben 
stellten  sie  ein  weisses,  bei  203  *^  schmelzendes  Pulver  dar. 
Dieses  Alkaloid  erlitt  bei  100  bis  105  o  keinen  Gewichts- 
Verlust,  ja  sogar  bei  einer  Temperatur  von  150  ^  trat  keine 
Gewichtsabnahme  ein.  Die  zerriebene  Substanz  bedeckte 
sich  hierbei  jedoch  mit  einer  gelben  Schicht,  eine  Ver- 
änderung, die  auch  eintritt,  wenn  das  Alkaloid  längere 
Zeit  in  offenen  Gefässen  mit  der  Luft  in  Berührung  bleibt. 

Diese  Gelbfärbung  beruht  vermuthlich  auf  der  Bildung 
von  Salzen  des  S.-Chelerythrins,  da  die  Base  von  Säuren 
mit  hocbgelber  Farbe  gelöst  wird.  Aus  letzteren  Lösungen 
krystallisiren  die  entsprechenden  Salze  bei  Säureüberschuss 
und  massiger  Concentration  in  leuchtend  gelben,  feinen 
Nadeln  aus,  welche  leicht  löslich  in  säure-freiem  Wasser 
und  Alkohol,  unlöslich  dagegen  in  Aether  sind.  Aus  diesen 
Salzlösungen  wird  die  Base  durch  Ammoniak  käsig  weiss 
gefällt.  Das  freie  Alkaloid  ist  löslich  in  Chloroform, 
Alkohol,  Aether,  Essigäther,  Aceton  und  Methylalkohol. 
Diese  Lösungen  zeigen  sämmtlich  blaue  Fluorescenz. 

Da  man  bisher  mit  dem  Namen  Chelerythrin,  wie  ich 
bereits  zu  bemerken  Gelegenheit   hatte,   nur  ein  Gemenge 


382  Georg  Koeni^: 


von  zwei  oder  mehreren  Alkaloiden  bezeichnete,  die  von 
mir  mit  dem  Namen  S.-Chelerythrin  bezeichnete  Base  jedoch 
als  ein  einheitlicher  Körper  angesehen  werden  muss,  so 
scheint  es  mir  überflüssig  zu  sein,  die  bisher  in  der 
Literatur  zu  findenden,  das  Chelerjthrin  betreffenden  Daten 
den  Eigenschaften  gegenüber  zu  stellen,  welche  ich  bei  der 
von  mir  in  der  Sanguinariawurzel  gefundenen  Base  beob- 
achtete. Bemerkenswerth  scheint  mir  nur,  dass  die  von 
Schiel  für  die  freie  Base  gefundenen  Analysenwerthe  mit 
den  von  mir  ermittelten  nicht  im  Widerspruche  stehen; 
jedoch  entspricht  die  von  Schiel  für  das  Chelerjthrin  auf- 
gestellte, von  Limpricht^)  nach  den  neuen  Atomzahleu  auf 
Ci9  Hi7  NO 4  umgerechnete  Formel,  welche  auch  durch 
Henschke  eine  vorläufige  Bestätigung  fand,  nicht  den  von 
mir  für  die  Salze  dieser  Base  gefundenen  Werthen. 

Schiel  fand  bei  der  Analyse  des  bei  105  ^  getrockneten 
Chelerythrins 

C  =  70,34  0/^ 

H  =     5,21  % 

N  =     5,07  0/,.^ 
Die  vom  Verfasser  von  der  zerriebenen,  bei  150^  ge- 
trockneten  Base   ausgeführten   Elementaranalysen   lieferten 
folgende  Resultate: 

I.  0,1933  Gramm  der  Base  gaben  bei  der  Verbrennung 
mit  Kupferoxyd  und  vorgelegter  reducirter  Kupfer- 
spirale 0,4982  Gramm  CO2  =  70,28  %  C  und  0,0976 
Gramm  HjO  =  5,61%  H. 

II.  0,1860  Gramm  gaben  unter  den  gleichen  Bedingungen 
0,481  Gramm  CO2  =  70,52  %  C  und  0,0976  Gramm 
H  2  0  =  5,82  %  H. 

m,     0,1890  Gramm   lieferten  0,488   Gramm   CO  2  =  70,41 

0/0  C  und  0,0979  Gramm  H  2  0  =  5,74  %  H. 
IV.     0,2070  Gramm  gaben  0,5334  Gramm  CO  2  =  70,27  7o 

C  und  0,1034  Gramm  Ha  0  =  5,55%  H. 
V.     0,2580   Gramm  gaben  nach  Kjeldahl    0,0105   Gramm 

Stickstoff   (7,5    ccm    ^j^q    Normal -Salzsäure,   Lacmoid 

als  Indicator)  —  4,07  %  N. 


1)  Limp rieht.    Lehrb.  der  org.  Chemie.    S.  1197. 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  etc.  383 


Gefunden : 

I. 

II. 

ni. 

IV. 

V. 

C  70,28. 

70,52. 

70,41. 

70,27. 

— 

H    5,61. 

5,82. 

5,74. 

5,55. 

— 

N     — 

— 

— 

— 

4,07. 

Während 

diese    Werthe    nicht 

auf    die 

Formel    C  21- 

H 17  NO  4  stimmen ,  von  welcher  sich  die  Salze  des 
Alkaloids  ableiten  lassen,  stehen  dieselben  im  Einklänge 
mit  dieser  Formel,  wenn  derselben  ein  Molekül  Aetbjl- 
alkohol  zugerechnet  wird. 

Berechnet  für: 

C21  Hi7  NO4  C21  H,7  NO4   +  C2   H5   OH 
C  =  72,62  0/,  C  =  70,230/, 

H  =    4,89  0/,  H  =     5,850/, 

N  =     4,03  0/,  N  ^     3^56  0/^. 

Dass  die  Chelerythrinkrjstalle  in  der  That  Aethyl- 
alkohol  enthalten,  ergab  sich  auf  folgende  Weise:  Nach 
dem  Lösen  des  Alkaloids  in  salzsäurehaltigem  Wasser 
•wurde  die  Lösung  der  Destillation  unterworfen  und  in  dem 
spirituös  riechenden  Destillate  das  Vorhandensein  des 
Aethylalkohols  durch  die  Jodoformreaction  erkannt.  Zur 
Ausführung  derselben  wurde  das  Destillat  mit  etwas  Natron- 
lauge versetzt  und  nach  dem  Zusatz  von  Jodjodkalium- 
lösung bis  zur  Gelbfärbung  erwärmt.  Die  Bildung  von 
Jodoform  Hess  sich  alsbald  durch  den  Geruch  erkennen; 
nach  mehrstündigem  Stehenlassen  setzte  sich  auch  Jodo- 
form in  gelben  Krystallflitterchen  ab. 

Es  scheint  der  Alkohol  sehr  fest  an  das  Alkaloid  ge- 
bunden zu  sein,  da  bei  150  °  noch  keine  Verflüchtigung  zu 
«onstatiren  war.  Im  Verbrennungsrohr  konnte  ich  erst  bei 
I)eginnendem  Schmelzen  des  Körpers  als  Verbrennungs- 
produkt Wasser  wahrnehmen. 

Das  Verhalten  der  Base  gegen  allgemeine  Alkaloid- 
ileagentien  war  folgendes: 

Concentrirte  Schwefelsäure:  färbt  gelb  mit  einem  Stich 
ins  Grüne,  später  schmutzig  gelb. 

Conc.  Salpetersäure:  Bei  der  ersten  Berührung  hoch- 
.^clb,  schnell  in  ein  dunkles  Gelbbraun  übergehend. 


384  Georg  Koenig: 

Erdmanns  Reagens:  färbt  gelb,  ohne  dass  Lösung 
eintritt. 

Fröhdes  Reagens:  färbt  zunächst  gelb,  eine  Färbung, 
die  bald  über  dunkelolivengrün  in  chlorophyllgrün  über- 
geht, um  schliesslich  schmutzig  dunkelgelb  zu  werden. 

Vanadinschwefelsäure:  färbt  violettroth,  welches  all- 
mälig  über  dunkelbordeauxroth  in  braunroth  übergeht. 

Bei  diesen  Reactionen,  wie  auch  bei  den  folgenden^. 
wurde  die  Substanz  in  sehr  geringer  Menge  mit  einem 
Tropfen  des  betreffenden  Reagens'  über  einem  weissen 
Untergrunde  auf  einem  Uhrglase  verrieben. 

Das  zu  gleicher  Zeit,  neben  dem  S.-Chelerythrin,  den- 
selben Reactionen  unterworfene  Ch.-Chelerythrin  zeigte  ge- 
nau dasselbe  Verhalten. 

Zur  weiteren  Charakterisiriing  des  S.-Chelerythrins 
stellte  ich  von  demselben  das  Platin-  und  das  Golddoppel- 
salz dar,  sowie  das  Hydrochlorid. 

S .  -  Cheler  y  thrin-Goldchlorid. 

C21   Hi7   NO4.     H  Cl.     Au  CI3. 

Das  S.-Chelerythrin -Goldchlorid  stellte  ich  dar  durch 
Fällen  der  wässrigen  Lösung  der  salzsauren  Base  mit 
überschüssigem  Goldchlorid,  wodurch  sich  die  Verbindung 
in  amorphen,  braungefärbten  Flocken  abschied.  Dieselbe 
wurde  auf  einem  Filterplättchen  abgesogen,  ausgewaschen 
und  nach  dem  Trocknen  aus  Alkohol  umkrystallisirt ,  dem 
noch  einige  Tropfen  Goldchloridlösung  und  Salzsäure  zu- 
gesetzt waren.  Das  Salz  löste  sich  nur  schwer  in  Alkohol 
und  krystallisirte  beim  Erkalten  der  heiss  gesättigten 
Lösung  in  langen,  glänzend  braunen,  in  Wasser  unlös- 
lichen Nadeln  aus. 

Dieses  Salz  enthielt  kein  Krystallwasser,  gab  daher 
beim  Trocknen  bei  100°  nur  unbedeutende  Mengen 
hygroscopischer  Feuchtigkeit  ab.  Im  Schmelzröhrchen 
schmolz  das  Salz  bei  233 "  (uncorr.),  unter  Vergrösserung 
seines  Volumens  und  Aufschäumen. 

Die  von  dem  bei  100*^  getrockneten  Salze  ausge- 
führten Elementaranalysen  ergaben  Folgendes: 


Beiträge  zur  Keimtniss  der  Alkaloide  etc.  385 

I.  0,1060  Gramm  hinterliessen  beim  direkten  Glühen  im 
Tiegel  bis  zum  constanten  Gewicht  0,0304  Gramm 
Gold  =  28,67  %  Au. 
n.  0,1632  Gramm  des  Golddoppelsalzes  lieferten  bei  der 
VerbrennuDg-  mit  Bleichromat  und  vorgelegter  redu- 
cirter  Ku])fer8pirale  0,2234  Gramm  CO  2  =  37,33%  C 
und  0,035  Gramm  HjO  =  2,38  «/o  H;  das  im  Schiff- 
chen zurückgebliebene  Gold  wog  0,0466  Gramm  = 
28,55  %. 
ni.  0,1644  Gramm  des  Salzes  gaben  bei  der  in  gleicher 
Weise  ausgeführten  Elementaranalyse  0,225  Gramm 
CO,  =  37,320/0  C  und  0,036  Gramm  H2O  = 
2,43%  H. 

Gefunden : 
I.  IL  III. 

C       —  37,33  37,32 

H       —  2,38  2,43 

Au  28,67  28,55  — 

Berechnet  für: 
C21  Hi7  NO,.  H  Cl.  Au  CI3. 
C     =  36,72 
H     ==     2,62 
Au  =  28,59 
Sonderbarer  Weise  stimmt  der  von  Naschold  gefundene 
Goldgehalt    seines    Sanguiuarin- Golddoppelsalzes    gut    mit 
den   von    mir    gefundenen    Werthen    überein ,    obschon    er 
seine  Analysen    von   einem    jedenfalls  nicht    einheitlichen 
Präparate  ausführte. 

Naschold  fand: 

IV.  V. 


Naschold  fand 

I. 

U. 

III. 

C     36,234 

7,26 

— 

H      2,96 

2,77 

— 

Au  28,69 

28,33 

28,62 

28,64  28,54. 

S.-Chelerythriii  Platinchlorid 

(C21  Hi7  NO4  H  Cl)2  Pt  CI4. 
Zur     Darstellung      des     Platindoppelsalzes     des     S.- 
Chelerythrins  ging  ich  aus  von   dem  salzsauren  Salze  der 
Base.     Die  wässrige,   schwach   mit   Salzsäure  angesäuerte 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXill.  1S90.  25 


386  Georg  Koenig: 


Lösung   desselben   versetzte  ich  mit  Platinchloridlösung  bis 
zur  vollkommenen  Ausfällung. 

Auf  einem  Filter  gesammelt,  und  nach  dem  Aus- 
waschen zwischen  Filtrirpapier  lufttrocken  gemacht,  zeigte 
sich  das  Salz  bestehend  aus  feinen,  leuchtend  goldgelben, 
aneinanderhaftenden  Nädelchen,  die  bei  100°  nichts  an 
Gewicht  verloren,  also  wasserfrei  waren. 

Die  von   dem  Salze  ausgeführten  Analysen  führten  zu 
folgenden  Resultaten: 
I.    0,1692  Gramm  hinterliessen  beim  directen  Glühen  im 
Porzellantiegel    bis    zum    constanten    Gewicht    0,030 
Gramm  Platinmetall  =  17,73  o/^  Pt. 
II.    0,1456  Gramm  lieferten  bei  einer  in   gleicher  Weise 
ausgeführten    Bestimmung    0,0256    Gramm    Platin  = 
17,58  o/o  Pt. 
III.     0,1884  Gramm,  mit  Bleichromat  und  vorgelegter  redu- 
cirter  Kupferspirale  verbrannt,   gaben  0,3170  Gramm 
COo  =  45,88  7o  C  und  0,0458  Gramm  H2O  =  2,70  %  H- 
Gefunden: 
I.  II.  IIL 

C      —  —  45,88 

H     —  —  2,70 

Pt  17,73         17,58  _ 

Berechnet  für: 
(C,i  Hn  NO4  H  Cl)2  Pt  CI4 
C    =45,67  0/, 
H   =    3,26  0/0 
Pt  =  17,62  o/p. 
Auch    Schiel,    iNaschold    und    Henschke    stellten    die 
Platindoppelsalze  der  von   ihnen  untersuchten  Sanguinaria- 
Alkaloide    dar.      Die    von    diesen    Chemikern    gefundenen 
Analysenresultate   weichen  jedoch   wesentlich  von  den  von 
mir  ermittelten   ab,    und  zwar   sowohl  von  denen  des    S.- 
Chelerythrins,  als  auch  des  Sanguinarins. 

Salzsaures  S.-Chelerytlirin. 

Co,  Hi7  NO 4.  H  Gl. 
Das  salzsaure   S.-Chelerythrin    darzustellen,    löste  ich 
das  zerriebene  AI  kaloid  in  der  Wärme  in  salzsäurehaltigem 


Beiträge  zur  Kenntniss  clor  Alkaloide  etc.  387 

Wasser.  Aus  der  filtrirten,  gelben,  mit  etwas  coneentrirter 
Salzsäure  versetzten  Lösung  schied  sich  das  Salz  in  dünnen, 
glänzenden,  citronengelben  Nadeln  aus,  die,  vereinigt  zu 
einer  schwammig  lockeren  Krystallmasse,  die  ganze  Flüssig- 
keit erfüllten. 

Das  auf  einem  Filter  gesammelte  und  durch  Absaugen 
von  der  Flüssigkeit  getrennte  Salz  wurde  zwecks  Um- 
krystallisation  wieder  in  wenig  Wasser  gelöst. 

Die  aus  dieser  Lösung  erhaltenen  Krystalle  wurden, 
um  alle  Mutterlauge  zu  entfernen,  auf  dem  Filter  erst  mit 
Alkohol,  dann  mit  Aether  bis  zum  farblosen  Ablaufen  des- 
selben nachgewaschen  und  schliesslich  zwischen  Filtrirpapier 
getrocknet. 

Das  Salz  löst  sich  leicht  in  säurefreiem  Alkohol  und 
Wasser,  nicht  in  Aether,  schwer  in  säurehaltigem  Alkohol 
und  Wasser.  Der  Staub  des  zerriebenen  Salzes  wirkt 
heftig  reizend  auf  die  Schleimhäute  der  Nase  und  des 
Rachens. 

Ich  habe  sowohl  das  aus  wässriger  Lösung  erhaltene, 
■iüs  das  aus  Alkohol  umkrystallisirte  Salz  analysirt;  beide 
Salze  zeigen  dasselbe  Aussehen  und  Verhalten;  sie  unter- 
scheiden sich  jedoch  durch  den  verschiedenen  Krystall- 
"wass^ergehalt.  Beide  Salze  verlieren  ihren  Wassergebalt 
über  Schwefelsäure  sehr  langsam.  Leicht  findet  die  Ab- 
gabe desselben  statt  im  Luftbade  bei  100 O;  jedoch  ent- 
weicht hierbei  gleichzeitig  Salzsäure.  Diese  Zersetzung 
des  Salzes,  verbunden  mit  einem  Gewichtsverlust  bis  zu 
23,20  "/o  ?  bei  dem  aus  Wasser  erhaltenen,  bis  zu  16,5  % 
bei  dem  aus  Alkohol  umkrystallisirteu ,  macht  sich  auch 
dadurch  bemerkbar,  dass  die  Farbe  des  Salzes,  welche 
bei  dem  Krystallwasserverlust  heller  und  matter  wird, 
schliesslich  in  ein  schmutziges  Grau  übergeht.  Die  so  ver- 
änderte Verbindung  löst  sich  dann  nicht  mehr  in  Wasser, 
selbst  auf  Zusatz  von  Säure,  vollständig  auf. 

a)  Aus  wässriger  Lösung  krystallisirtes  Salz. 

C21  Hi;  NO4.  H  Gl  +  5  H2  0. 
Zur  Ausführung  der  Analysen   trocknete   ich  das  Salz 
:7Ainächst    über    Schwefelsäure    und    brachte    es    dann    im 

25* 


388  Geor^  Koenigr: 


Trockenschranke     bei     einer    90 '^     nicht    tibersteigenden 
Temperatur  zum  constanten  Gewicht. 
I.     0,3732  Gramm   des  zerriebenen  Salzes  verloren  unter 

diesen  Bedingungen  0,07464  Gramm  =  20,00  "/q. 
IL     0,2168  Gramm   verloren   unter  gleichen   Bedingungen 
0,0438  Gramm  =  20,20  %. 
in.     Eine   von  dem  nicht  getrockneten  Salze,   in  gewöhn- 
licher Weise  durch  Fällen  mit  Silbernitrat  in  salpeter- 
saurer  Lösung,    ausgeführte    Chlorbestimmung    ergab 
Folgendes:  0,1402  Gramm  des  Salzes  lieferten  0,0416 
Gramm  AgCl  =  0,01029  Gramm  Gl  =  7,33  «/o  Cl. 
Die  Fällung  geschah,   der  Schwerlöslichkeit  des  eben- 
falls gelbgefärbten  salpetersauren  Salzes  halber,  in  heisser 
Lösung.      Hierbei    gelang    es    nur    durch    langanhaltendes 
Auswaschen  mit  heissem   Wasser,    das   salpetersaure   Salz 
völlig  zu  entfernen. 

Gefunden: 
I.  II.  IIL 

H2  0  20,00        20,20  - 

Gl         —  —  7,33. 

Berechnet  für: 
G21  Hj,  NO,  H  Gl  +  5  H2  0. 
H2  0  =  19      % 
Gl        =    7,49  «/o- 
Eine  von  dem ,  unter  den  angegebenen  Vorsichtsmass- 
regeln   getrockneten,  Salze     ausgeführte    Verbrennung    mit 
Bleichromat  und  vorgelegter  reducirter  Kupferspirale  ergab 
Folgendes: 

0,1894  Gramm  des  Salzes  lieferten  0,4572  Gramm  G02^ 
=  65,83  7o  G  und  0,0818  Gramm  H2  0  =  4,79  %  H. 

b)  Aus  Alkoliol  umkrystallisirtes  Salz. 

G21  Hi7  NO4  H  Gl  +  4  H2O. 
Zur    Wasserbestimmung  wurde   auch   dieses   Salz    erst 
über  Schwefelsäure  getrocknet  und  dann  bis  zum  constant- 
bleibenden  Gewicht   im   Trockenschrank   einer  90%  nicht 
überschreitenden  Temperatur  ausgesetzt. 
L     0,259  Gramm  des  Salzes  verloren  hierbei  an  Gewicht 
0,0417  Gramm  =  16,10  7o- 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  etc.  389 

IL     Eine  von   dem  nicht   getrockneten   Salze   ausgeführte 
Chlorbestimmung  ergab  folgendes  Resultat: 
0,4082  Gramm   gaben  0,126   Gramm  Ag  Gl  =  0,03117 
Gramm  Cl  =  7,63  %  Gl. 

Diese  Bestimmung  führte  ich  in  der  Weise  aus,  dass 
ich  das  Salz  mit  einer  hinreichenden  Menge  zerriebenen 
Silbernitrats  in  einem  Becherglase  der  Einwirkung  von 
etwa  15  ccm  chlorfreier,  rauchender  Salpetersäure  aussetzte. 
Die  zuerst  dunkelrothbraune  Flüssigkeit  wurde  nach  mehr- 
stündigem Erhitzen  unter  Bildung  von  Chlorsilber  blassgelb. 
Nach  dem  Verdünnen  mit  destillirtem  Wasser  und  Absetzen- 
lassen des  gebildeten  Chlorsilbers  wurde  letzteres  in  üb- 
licher Weise  zur  Wägung  gebracht. 

Gefunden : 
I.  II. 

H.O  16,10  - 

C\  —  7,63. 

Berechnet  für: 
CI21  Hn  NO,  HCl  +   4  H2O 

H,  0  =  15,80  «/o 
Cl       =    7,79%. 
Eine  von  dem  getrockneten  Salze  ausgeführte  Elementar- 
analyse ergab  folgende  Werthe: 

0,233  Gramm  des  Salzes  lieferten  mit  Bleichromat  und 
vorgelegter  reducirter  Spirale  verbrannt  0,5618  Gramm 
CO^  =  65,75  %  C  und  0,102  Gramm  H,  0  =  4,86%  H. 

Gefunden: 

a)  Salz  aus  wässr.  Lsg.      b)  aus  Alkohol  kryst. 

C   65,83  65,75 

H    4,79  4,86. 

Berechnet  für: 

Coi  H,-  NO4  H  Cl 

C  =  65,71  % 

H=    4,63%. 

Chelidomum  Chelerythrin. 

Das  Chelerythrin  kommt  in  dem  Schöllkraut  in  so  ge- 
ringer Menge  vor,  dass  bisher  eine  Reingewinnung  dieses 
Alkaloides    aus    der    leichtzugänglichen    Pflanze,     obwohl 


390  Georg  Koenig; 


solche  mehrfach,  z.  B.  von  Probst  und  später  von  Henschke, 
versucht  wurde,  nicht  gelang.  Die  von  diesen  Forschern 
erhaltenen  amorphen  Basen  entbehrten  daher  des  einheit- 
lichen, für  eine  exaete  Untersuchung  sichere  Anhaltspunkte 
bietenden  Charakters. 

Als  ein  dankbareres  Ausgangsmaterial  stand  mir  durch 
die  gütige  Vermittelung  des  Herrn  Professor  Dr.  E.  Schmidt 
ein  von  E.  Merck  in  Darmstadt  stammendes,  grau-gelbes 
Pulver  zur  Verfügung,  das  sich  als  Rückstand  bei  der  Dar- 
stellung von  Chelidonium-Basen  angesammelt  hatte. 

Das  m.it  kleinen  Stückchen  und  Krusten,  sowie  Filtrir- 
papierresten  untermischte  Pulver  war  von  bitterem  Ge- 
schmack, und  es  erregte  seiu  Staub  beim  Zerreiben  Niesen 
und  heftiges  Kratzen  im  Schlünde. 

Das  gleichmässig  gemischte  Rohalkaloid  erwies  sich 
unvollständig  löslich  in  Alkohol,  Chloroform,  Essigäther, 
Aether,  sowie  in  mit  Schwefelsäure  und  mit  Salzsäure  an- 
gesäuertem Wasser  und  ebensolchem  Alkohol. 

Ich  kochte  desshalb  die  zerriebene  Masse  zunächst  mit 
96  %igem  Alkohol  zu  wiederholten  Malen  aus,  bis  sich 
derselbe  nicht  mehr  gelb  färbte.  Dabei  blieb  ein  erdiger, 
grau  gefärbter  Rückstand  (B).  Da  beim  Verdunsten  des 
alkoholischen  Auszuges  (A)  nur  krystallinische,  graue 
Krusten  zurück  blieben,  versetzte  ich  denselben  mit  Salz- 
säure, wodurch  ich  ein  die  ganze  Flüssigkeit  durchsetzen- 
des Haufwerk  zarter,  glänzeudgelber  Krystalle,  durchsetzt 
von  kleinen  dunkelgelben  Knötchen  und  kurzen  roth- 
braunen Nadeln,  erhielt. 

Den  Rückstand  (B)  löste  ich  direct  in  salzsäure- 
haltigem Alkohol,  welcher  sich  hierbei  dunkel  rothgelb 
färbte  unter  ZurUcklassung  kleiner  Mengen  von  Verun- 
reinigungen. Nach  dem  Erkalten  dieser  heiss  bewerk- 
stelligten Lösung  schieden  sich  ebenfalls  gelbe,  die  ganze 
Flüssigkeit  schwammig  erfüllende  Krystallmassen  aus,  die 
durch  Absaugen  von  der  Mutterlauge  getrennt  wurden  und 
alsdann  dasselbe  Aussehen,  wie  die  aus  Antheil  (A)  ge- 
wonnenen, zeigten.  Aus  den  concentrirten  Mutterlaugen, 
sowohl  von  den  aus  Antheil  (A)  als  auch  den  aus  Lösung 
(B)     gewonnenen     Krystallen,     erhielt    ich     noch    weitere 


Beiträge  zur  Kenntniss   der  Alkalokle  etc.  391 

Mengen  jener  Salzsäuren  Salze.  Schliesslich  schieden  sich 
aus  den  rothbraun  gefärbten  Laugen  dunkle  Harzmassen 
aus,  die  sich  wohl  in  salzsäurehaltigem  Alkohol  lösten, 
daraus  aber  nicht  krystallisirt  zu  erhalten  waren.  Die 
Behandlung  der  aus  den  beiden  Lösungen  (A  und  B)  er- 
haltenen, in  ihrem  Aussehen  gleichen  Krystallisationen 
blieb  in  der  Folge  dieselbe.  Zunächst  versuchte  ich 
mechanisch,  namentlich  durch  Anwendung  gelinder  Wärme, 
wodurch  die,  die  Hauptmenge  ausmachenden,  gelben 
Nadeln  leichter  gelöst  wurden,  eine  Trennung  der  drei 
verschieden  aussehenden  Krystallisationen  herbeizuführen. 
Es  gelang  dies  jedoch  nur  unvollkommen.  Hierbei  gewann 
es  zudem  den  Anschein,  als  ob  jene  gelben,  knötchen- 
förmigen Abscheidungen  nur  eine  Modification  der  gelben 
meist  strahlig  angeordneten,  gleich  den  Hyphen  eines 
Pilzgewebes  die  ganze  Flüssigkeit  gallertig  erfüllenden 
Nadeln  seien. 

Schliesslich  erhielt  ich  einen  sehr  kleinen  Theil  der 
kurzen,  braunen  Nadeln  ziemlich  frei  von  den  gelbgefärbten 
Salzen,  während  als  Hauptmenge  die  gelben  nadeligen 
Krystalle  frei  von  jenen  erbalten  wurden. 

Aus  den  Salzen  stellte  ich  die  Basen  dar  durch  Lösen 
derselben  in  wenig  salzsäurehaltigera  Wasser  und  Versetzen 
dieser  Lösungen  mit  Ammoniak.  Während  die  aus  den 
gelben  Nadeln  erhaltene  Fällung  weisslich  grau  gefärbt 
war,  zeigten  die  aus  den  beiden  anderen  Salzen  resul- 
tirenden  geringen  Niederschläge  in  der  Färbung  einen 
violetten  Schein.  Diese  Fällungen  wurden  auf  Filtern  ge- 
sammelt, mit  Wasser  ausgewaschen  und  gut  bedeckt  bei 
niedriger  Temperatur  getrocknet.  Ein  sorgfältiges  Bedecken 
war  nöthig,  da  andernfalls  an  der  Luft  durch  Salzbildung 
eine  Gelbfärbung  eintrat. 

Die  getrockneten  Basen  wurden  alsdann  in  Chloroform 
gelöst  (was  sehr  leicht  mit  dunkelbrauner  Farbe  von 
Statten  ging),  diese  Lösung  mit  etwa  der  gleichen  Menge 
Alkohol  versetzt  und  zur  Krystallisation  bei  Seite  gestellt. 

Durch  den  Alkoholzusatz  nahmen  die  Lösungen  eine 
bedeutend  hellere,  schön  rothe  Färbung  an;  zugleich  trat 
eine  lebhafte    blaue  Fluorescenz  auf   und    zwar   besonders 


392  Georg  Koenig: 


dann,  wenn  sich  der  Alkohol  nur  erst  mit  einem  kleinen 
Theile  der  Chloroformlösung  gemischt  hatte  und  zum 
grössten  Theil  über  letzterer  geschichtet  war.  Nachdem 
die  Hauptmenge  des  Chloroforms  durch  freiwilliges  Ver- 
dunsten aus  der  Flüssigkeit  entfernt  war,  schieden  sich 
dünnblättrige,  braune  Rhomboeder  aus,  und  zwar  aus  allen 
drei  Lösungen  von  demselben  Aussehen  und  demselben 
hei  ungefähr  192°  liegenden  Schmelzpunkte.  Ich  ver- 
muthete  daher,  dass  in  den  drei  Salzen  verschiedenen 
Aussehens  nur  verschiedene  Formen  desselben  Körpers 
vorlagen,  vereinigte  desshalb  die  Krystallisationen  und 
versuchte  durch  häufige  Umkrystallisation  aus  verschiedenen 
Lösungsmitteln  ihre  weitere  Reinigung.  Auf  diesem  Wege, 
der  mit  grossen  Materialverlusten  verbunden  war,  gelangte 
ich  jedoch  nicht  zu  dem  gewünschten  Ziele.  Aus  diesem 
Grunde  löste  ich  die  nur  noch  hellbraun  gefärbten 
Krystalle  in  salzsäurehaltigem  Wasser  und  fällte  das 
Alkaloid  von  Neuem  mit  Ammoniak.  Der  voluminöse 
Niederschlag  wurde  nach  dem  Trocknen  wieder  in  Chloro- 
form gelöst  und  nach  dem  Zusatz  von  Alkohol  der 
Krystallisation  überlassen.  Bei  dieser  Krystallisation, 
welche  in  Folge  von  etwas  zu  starker  Concentration, 
unter  Zurücklassung  von  nur  sehr  wenig  Mutterlauge, 
durch  die  ganze  Masse  stattfand,  bemerkte  ich  neben  den 
nun  rosa  gefärbten  Rhomboedern  eine  sehr  geringe  Menge 
weisser,  seidenglänzender,  dicht  zusammenhängender  feiner 
Nadeln. 

Durch  Abspülen  trennte  ich  diese  Nadeln,  so  gut  es 
ging,  von  der  Mutterlauge  und  von  den  derben  Krystallen, 
welche  nach  nochmaliger  Umkrystallisation  gut  ausgebildet, 
achön  rosa  gefärbt,  hervorgingen  und  bei  196  bis  200  ^ 
schmolzen.  Diese  Nadeln  waren  nicht  luftbeständig,  viel- 
mehr wurden  sie,  selbst  in  verschlossenen  Gefässen,  un- 
durchsichtig und  bedeckten  sich  mit  einer  weissen,  all- 
mälig  schwach  gelb  werdenden  Schicht. 

Leider  glückte  es  mir  nicht,  jene  weissen  Nadeln  aus 
der  abgegossenen  Mutterlauge,  in  der  ich  sie,  nach  der 
Bestimmung  des  bei  etwa  200''  liegenden  Schmelzpunktes, 
behufs   Umkrystallisation    wieder   gelöst,    noch   einmal  zu 


Beiträge  zur  Kenntnisa  der  Alkaloide  etc.  393 

erhalten,  um  weitere  Reactionen  damit  zu  machen. 
Den  gefundenen  Schmelzpunkt  kann  ich  nicht  als 
massgebend  ansehen,  da  die  Krystalle  nicht  ganz  frei  von 
braunfärbender  Substanz  waren;  derselbe  liegt  für  den 
reinen  Körper  jedenfalls  höher,  so  dass  eine  Identität 
dieses  in  weissen  Nadeln  krystallisirenden  Alkaloids  mit 
dem  aus  der  Sanguinariawurzel  erhaltenen  bei  211*^ 
schmelzenden  Sanguinarin  nicht  ausgeschlossen  scheint. 

Dass  auch  in  dem  Schöllkraut  neben  dem,  gelbe  Salze 
gebenden,  Chelidonium-Chelerythrin  noch  ein  zweites,  der 
^us  der  Sanguinariawurzel  isolirten  Base,  dem  Sanguinarin, 
ähnliches  Alkaloid  vorkommt,  geht  daraus  hervor,  dass 
ich,  wie  bereits  erwähnt,  ein  rothbraunes,  in  kurzen  Nadeln 
krystallisirendes  Salz  neben  den  gelben  Krjstallen  des 
€helerythrinhydrochlorids  zu  beobachten  Gelegenheit 
hatte.  Allerdings  gelang  es  mir  nicht,  dieses  Salz  in  ge- 
nügender Reinheit  und  in  hinreichender  Menge  zu  isoliren, 
um  daraus  jene  Base  gewinnen  und  dieselbe  charakteri- 
siren  zu  können. 

Seile  1)  erwähnt  ebenfalls  das  Vorkommen  eines 
rothen  Salzes  neben  einem  gelben  in  den  salzsauren 
Alkaloidlösungen  der  Wurzel  von  Stylophoron  diphyllum, 
vermuthet  jedoch  darin  nur  verschiedene  Modificationen 
eines  und  desselben  Salzes.  Nach  meinen  Beobachtungen 
■erscheint  es  als  wahrscheinlich,  dass  diese  Verbindungen 
Salze  zweier  verschiedener  Basen,  vielleicht  des  Chelery- 
thrins  und  Sanguinarins  sind,  die  nebeneinander  auch  in 
der  Wurzel  von  Sanguinaria  Canadensis  vorkommen. 

Die  noch  gefärbten  Chelerythrin-Krystalle  wurden,  be- 
hufs weiterer  Reinigung,  einer  Umkrystallisation  aus  Essig- 
äther unterworfen,  der  dieselben  mit  kirschrother  Farbe 
und  mit  starker  blauer  Fluorescenzerscheinung  löste. 
Nach  mehrmaliger  Umkrystallisation  war  die  Farbe  der 
Xrystalle  nur  noch  blass  rosa;  ihr  Schmelzpunkt  lag  bei 
203"^.  Die  röthliche  Farbe  ist  vermuthlich  dem  Alkaloid 
nicht  eigenthüralich,  sondern  rührt  wahrscheinlich  von  sehr 
geringen  Spuren  schwer  zu  beseitigender  Verunreinigungen 


1)  Inaug.-Diss'irt.,  Erlangen,  pag.  11. 


394  Georg  Koenig: 


her;  da  ich  jedoch  weiteren  Materialverlust  thunlichst  ver- 
meiden musste,  um  zur  näheren  Charakterisirung  der  Base 
hinreichendes  Material  zu  behalten,  nahm  ich  von  weiteren 
Versuchen,  das  Alkaloid  vollständig  farblos  zu  erhalten, 
Abstand. 

Die  aus  Essigäther  erhaltenen  rhomboedrischen  Krystalle 
waren  luftbeständig  und  im  Aussehen  völlig  gleich  denen 
des  S.-Chelerythrins.  Mit  Säuern  giebt  das  Alkaloid  eigelbe 
Salze.  Dieses  Verhalten  allein  zeigt  schon,  dass  ich  es 
mit  einem  andern  Körper  zu  thun  hatte,  als  dem  bisher 
für  Chelerythrin  gehalteneu,  der  von  Säuern  mit  orange- 
rother  Farbe  aufgenommen  wurde. 

Gleich  dem  S. -Chelerythrin  löst  sich  das  Alkaloid  mit 
blauer  Fluorescenz  in  Aether,  Alkohol,  Chloroform,  Aceton 
und  Essigäther;  ebenso  wie  jenes  Alkaloid  wird  das  Ch.- 
Chelerythrin  durch  Alkalien  und  Ammoniak  aus  der  inten- 
siv gelben  Lösung  seiner  Salze  flockig  weiss  gefällt. 

Die  Uebereinstimmung  des  Ch.-Chelerytbrins  mit  dem 
S.-Chelerythrin  geht  ferner,  ausser  aus  den  durch  die 
Analysen  ermittelten  Daten ,  aus  dem  ganz  gleichen  Ver- 
halten der  beiden  Basen  gegen  Alkaloidreagentien  hervor. 
Das  S.-  und  das  Ch. -Chelerythrin  zeigten,  neben  einander 
beobachtet,  übereinstimmend  die  unter  Sang. -Chelerythrin 
angegebenen  Reactionen. 

Bei  100^  verlor  das  Alkaloid  nichts  an  Gewicht. 
Die    von    der     freien    Base    ausgeführten    Elementar- 
analysen   ergaben     folgende     mit    den    Analysenresultaten 
des  S.-Chelerythrins  übereinstimmende  Werthe. 
I.     0,2564  Gramm  gaben  bei  der  Verbrennung  mit  Kupfer- 
oxyd und  vorgelegter  reducirter  Spirale  0,660  Gramm 
C02  =  70,20%     C     und     0,1354     Gramm     H2  0  = 
5,86%  H. 
IL     0,1738  Gramm  lieferten  unter  denselben  Bedingungen 
0,4483  Gramm  CO2  =  70,33  %  C  und  0,0892  Gramm 
H2  0  =  5,70%  H. 


1)  Probst,  Annal.  cl.  Chem.  u.  Pharm.  29.221  u.  31.252. 
Henschke,  Inaug.-Dissert.  pag.  31. 


Beiträge  zui*  Kenntniss  der  Alkaloide   etc.  395 

IIL     0,2254  Gramm    der  Base    gaben    nach    der    Methode 
von  Kjeldahl  0,009282  Gramm  Stickstoff  (6,6  com  Vio 
Normal-Salzsäure,  Laemoid  als  Indicator)  =  4,11  %  N. 
Gefunden: 

IIL 


4,11. 
.  OH. 


I. 

II. 

c 

70,20 

70,33 

H 

5,86 

5,70 

N 

— 

— 

Berechnet  für: 

C 

21  H,,  NO 

4  +   C2  H 

C  = 

70,23  0/^ 

H  = 

5,85  % 

N  = 

3,56  0/,. 

Ch.-Chelerythrin  GoldcMorid. 

C21  Hj,  NO4  HCl.  Au  CI3. 

Zur  Herstellung  dieses  Golddoppelsalzes  versetzte  ich 
die  filtrirte,  schwach  saure  Lösung  des  salzsauren  Ch.- 
Chelerythrins  so  lange  mit  einer  Lösung  von  Goldchlorid, 
als  eine  Vermehrung  des  voluminösen  gelbbraunen  Nieder- 
schlages zu  bemerken  war.  Dieser  wurde  nach  dem  Ab- 
setzen durch  Absaugen  von  der  Flüssigkeit  getrennt,  nach 
dem  Auswaschen  mit  Wasser  zwischen  Filtrirpapier  ge- 
trocknet und  behufs  ümkrystallisation  in  Alkohol  gelöst. 
Aus  der  filtrirten  Lösung,  die  sich,  gleich  der  des 
S.  -  Chelerythringoldsalzes,  nur  schwer  bewerkstelligen 
liess,  schieden  sich,  nach  dem  Hinzufügen  je  einer  geringen 
Menge  von  Goldchlorid  und  Salzsäure,  bald  feine  braune 
Nadeln  aus. 

Das  Salz  stellte  sich  beim  Trocknen  bei  100 ^^  als 
wasserfrei  heraus  und  verhielt  sich  im  Schmelzröhrchen 
völlig  gleich  dem  aus  S.-Chelerythrin  dargestellten  Gold- 
salze, mit  welcher  Verbindung  es  überhaupt  in  allen  Eigen- 
schaften übereinstimmte. 

Durch  die  Analysen  des  Doppelsalzes  erhielt  ich 
folgende  Daten: 

I.  0,1648  Gramm  der  bei  100**  getrockneten  Verbindung 
lieferten  beim  direkten  Glühen  im  Porzellantiegel 
0,0470  Gramm  Gold  =  28,51  %  Au. 


396  Georg  Koenig: 


IL     0,1542    Gramm    gaben    bei     derselben     Behandlung 
0,0441  Gramm  Gold  =  28,60  %  Au. 

III.  0,1466  Gramm  gaben  bei  der  in  gleicher  Weise  aus- 
geführten Bestimmung  0,0418  Gold  =  28,52  "/o  Au. 

IV.  0,1794  Gramm  lieferten  bei  der  Verbrennung  mit 
Bleicbromat  und  vorgelegter  reducirter  Kupferspirale 
0,2442  Gramm  CO2  =  37,12  0/0  C  und  0,0416  Gramm 
H2  0  =  2,57  0/0  H. 

Gefunden: 


I. 

II. 

III.              IV. 

c      — 

— 

—             37,12 

H      — 

— 

—               2,57 

Au  28,51 

28,60 

28,52             — 

Berechnet  für: 

Co] 

H„  NO4 

.  H  Gl.  Au.  CI3. 

C    = 

36,72  «/o 

H    = 

2,62  7o 

Au  = 

58,59  «/o. 

Ch.-Chelerythrin  Platinclilorid. 

(C21  Hi7  NO4  H  Cl)2  Pt  CI4. 

Zur  Darstellung  dieses  Salzes  löste  ich  eine  ent- 
ßprechende  Menge  des  zerriebenen  Alkaloids  in  salzsäure- 
baltigem  Wasser  und  versetzte  die  filtrirte  dunkelgelbe 
Lösung  bis  zur  gänzlichen  Fällung  mit  Platinchloridlösung. 
Der  sich  langsam  absetzende,  voluminöse  Niederschlag  war 
von  schön  citronengelber  Farbe.  Abgesogen,  mit  wenig 
salzsäurehaltigem,  darauf  mit  reinem  Wasser  nachgewaschen, 
zeigte  sich  das  zwischen  Fliesspapier  lufttrocken  erhaltene 
Salz  aus  feinen,  gelben,  leicht  anhaftenden  Nädelchen  be- 
stehend. Im  Luftbade  war  bei  100  ^  keine  Gewichtsab- 
nahme zu  constatiren;  das  Salz  war  also  wasserfrei.  Auch 
diese  Verbindung  stimmte  in  ihrem  sonstigen  Verhalten 
mit  dem  S.-Chelerythrin-Platinchlorid  vollkommen  überein. 
Die  Analysen  ergaben  Folgendes: 
I.     0,1586  Gramm   des  Salzes  hinterliessen  beim  Glühen 

im  Porzellantiegel  bis  zum  constanten  Gewicht  0,0282 

Gramm  Platin  =  17,78  "/o  Pt. 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  etc.  397 

IT.    0,1236  Gramm,  in  derselben  Weise  behandelt,   Hessen 
zurück      0,0218      Gramm      metallisches      Platin    = 

17,63  o/o  Pt. 

III.  0,1572  Gramm,  mit  Bleichromat  und  vorgelegter 
reducirter  Kupferspirale  verbrannt,  gaben  0,2650 
Gramm  CO.,  =  45,97  %  C  und  0,0456  Gramm  H2  0  = 
3,22  0/,  H.  ' 

Das    im     Schiffchen     verbleibende    Platin     wog 
0,0282  Gramm  =  17,93  0/0  Pt. 

IV.  Das  Resultat  einer  ebenso  ausgeführten  Verbrennung 
war  folgendes:  0,2402  Gramm  gaben  0,4042  Gramm 
C02  =  45,89  0/0  C;  0,0688  Gramm  H2  0  =  3,18«/o  H 
und  0,0424  Gramm  Platin  =  17,65  «/o  Pt. 

Gefunden: 


I. 

11. 

III. 

IV. 

c     — 

— 

45,97 

45,89 

H      — 

— 

3,22 

3,18 

Pt  17,78 

17,63 

17,93 

17,65. 

Berechnet  für: 
(C21  Hl,  NO,  HC1)2  Pt  CI4. 

c  =45,670/0 

H  =    3,26  0/0 
Pt  =  17,62  0/0. 

Die  im  Vorstehenden  niedergelegten  Analysenresultate 
des  Chelerythrins  und  seiner  Verbindungen  rechtfertigen 
die  Annahme  der  Identität  des  in  der  Sanguinaria  vor- 
kommenden Alkaloides  mit  dem  aus  Chelidonium  isolirten. 

Das  physikalische  Verhalten  der  freien  Base,  die 
Uebereinstimmung  der  besonders  charakteristischen  Gold- 
und  Platindoppelverbiudungen,  sowie  der  salzsauren  Salze 
sprechen  für  die  bisher  höchst  zweifelhafte  Identität  beider 
Basen : 

Es  liegen  die  Schmelzpunkte  sowohl  der  freien  Basen 
als  auch  die  ihrer  Golddoppelsalze  vollkommen  bei  der 
gleichen  Temperatur;  es  zeigt  sich  völlig  gleiches  Ver- 
halten gegen  Lösungsmittel. 

Endlich  findet  die  Identität  beider  Basen  ihren  Aus- 
druck in  denselben  Veränderungen,  welche  beide  durch  die 
allgemeinen  Alkaloidreagentien  erleiden. 


398  Georg  Koenig: 


Sanguinarin. 

Während  man  bisher,  wie  bereits  erwähnt,  unter 
Sanguinarin  ein  Gemenge  von  sämmtlichen  Basen,  welche 
in  der  Sanguinariawurzel  vorkommen,  verstand,  ist  die 
unter  diesem  Namen  im  Nachstehenden  beschriebene  Base 
von  einheitlicher  Natur.  Es  dürfte  gerade  diesem  Alkaloid 
der  Name  Sanguinarin  zuzusprechen  sein,  da  die  Eigen- 
schaft desselben,  mit  Säuern  rothe  Salze  zu  bilden,  die 
dunkelrothe  Farbe  der  Sanguinariawurzel  bedingt  und 
somit  auch  wohl  Veranlassung  zu  dem  Namen  „Blutwurz" 
gewesen  ist. 

Das  Sanguinarin,  welches  in  geringerer  Menge  in  der 
Sanguinariawurzel  vorkommt,  als  das  S.  -  Chelerythrin, 
krystallisirt  aus  Essigäther  in  weissen ,  meist  büschelig 
gruppirten  Nadeln,  deren  Schmelzpunkt  bei  211°  liegt. 
Aus  Chloroform  und  aus  Alkohol  scheidet  sich  das 
Sanguinarin  in  weissen  Warzen  aus;  es  ist  ferner  ebenso 
wie  das  S.-Chelerythrin  löslich  in  Methylalkohol,  Aceton 
und  Aether,  ein  Umstand,  der  die  Trennung  dieser  neben 
einander  vorkommenden  Alkaloide  ausserordentlich  er- 
schwert. An  der  Luft  ist  das  Sanguinarin  wenig  be- 
ständig, indem  es  sich  bei  Berührung  mit  derselben  unter 
Salzbildung  schnell  mit  einer  rothen  Schicht  überzieht. 
Bei  100''  bleibt  es  in  seinem  Gewicht  constant,  trotzdem 
auch  in  diesen  Krystallen  eine  Verbindung  der  Base  mit 
Alkohol  vorzuliegen  scheint. 

Durch  Behandeln  mit  salpetersäurehaltigem  Wasser 
in  die  Lösung  des  entsprechenden  Salzes  übergeführt, 
gingen  bei  der  Destillation  dieser  Salzlösung  deutlich 
durch  die  Jodoformreaction  erkennbare  Mengen  von 
Aethylalkohol  über. 

Die  für  die  freie  Base  gefundenen  Werthe  stimmen 
daher  auch  nur  mit  der  aus  den  Analysenresultaten  der 
Verbindungen  des  Sanguinarins  abgeleiteten  Formel,  unter 
Zurechnung  eines  halben  Moleküls  Aethylalkohol,  Uberein, 
während  dieselben  mit  der  direkt  aus  der  Zusammen- 
setzung der  Verbindungen  sich  ergebenden  Form.el,  C20 
H|5  NO4,  nicht  im  Einklänge  stehen.    Diese  Formel  unter- 


Beiträge  zur  Kenntnisa  der  Alkaloide  etc.  399 

scheidet  sich  von  der  des  Cheleiythrins  durch  einen  Minder- 
gehalt von  CH2,  ein  Umstand,  der  beide  Körper  in  Er- 
wägung ihrer  Aehnlichkeit  in  dem  Gesammtverhalten  als 
Glieder  einer  homologen  Reihe  ansehen  lässt. 

Die    Analysen     der     freien     Base     ergaben     folgende 
Resultate : 
I.     0,2086    Gramm     der     Base     lieferten     bei     der    Ver- 
brennung mit  Kupferoxyd  und   vorgelegter  reducirter 
Kupferspirale  0,538  Gramm  CO2  =  70,33  0/0  und  0,0914 
Gramm  H2  0  =  4,86o/o  H. 
H.     0,1678  Gramm   gaben    bei  der  in  gleicher  Weise  aus- 
geführten Analyse   0,4318    Gramm    CO2  =  70,18  ^'/o   C 
und  0,0712  Gramm  H2  0  =  4,71  "/o  H. 
III.     0,3678  Gramm  gaben  nach  der  Methode  von  Kjeldahl 
0,01456  Gramm  Stickstoff,  (verbraucht  10,40  ccm  i/^^ 
Normal-Salzsäure,  Lacmoid  als  ludicator)  =  3,96  %  N. 
Gefunden : 

III. 


3,96 
Con  H..  NO,  +  Vo  C.  H,  OH. 


N=    3,93  7o 

Das  Verhalten  desSanguinarins  gegen  Alkaloidreagentien 
ist  Folgendes: 

Conc.  Schwefelsäure:  Löst  dunkelrothgelb. 

Conc.  Salpetersäure:  Löst  mit  braungelber  Farbe. 

Erdmanns  Reagens:  Färbt  schön  orangeroth,  eine 
Farbe,  die  ziemlich  lange  beständig  ist,  später  jedoch 
unter  Trübwerden   der  Lösung   in  scharlachroth    tibergeht. 

Fröhdes  Reagens:  Färbt  dunkelbraungelb,  dann  roth- 
gelb, schliesslich  in  eine  schmutzig  braune  Färbung  über- 
gehend. 

Vanadinschwefelsäure:  Färbt  zunächst  schön  dunkel- 
grün, welche  Farbe  über  violett  schnell  in  bordeauxroth 
übergeht  und  schliesslich  braun  wird. 


I. 

IL 

C   70,33 

70,18 

H    4,86 

4,71 

N    — 

— 

Berechnet  für: 

20  H,5  NO4 

+   V2  C2 

C  = 

■  70,78  ^/o 

H  = 

:    5,050/0 

400  Georg  Koenig: 


Sanguinarin  Goldchlorid. 

C20  Hi5  NO4.  H  Cl.  Au  CI3. 
Um  dieses  Doppelsalz  darzustellen,  löste  ich  daa 
Alkaloid  iü  salzsäurehaltigem  Wasser  und  versetzte  diese 
Lösung  bis  zur  vollständigen  Ausfällung  mit  Goldchlorid- 
chlorwasserstoflTlösung.  Sofort  entstand  ein  braunrother,. 
flockiger,  schwerer  Niederschlag,  der  sieh  schnell  zu  Boden, 
setzte.  Nach  dem  Absaugen  desselben  auf  einem  Filter- 
plättchen  und  dem  Nachwaschen  mit  wenig  Salzsäure  und 
goldchloridhaltigem ,  darauf  mit  reinem  Wasser,  trocknete 
ich  das  Salz  zwischen  Fliesspapier.  Im  lufttrocknen  Zu- 
stande war  die  Farbe  des  Salzes  dunkelzinnoberroth. 

Eine  Umkrystallisation  des  Doppelsalzes  aus  Alkohol 
oder  Wasser  erwies  sich  als  unausführbar,  da  dasselbe  von 
Wasser  überhaupt  nicht,  von  Alkohol  nur  in  sehr  geringer 
Menge  gelöst  wurde. 

Aus  der  alkoholischen  Lösung  schied  sich  die  Ver- 
bindung wieder  amorph  ab,  und  zwar  von  gleichem  Aus- 
sehen, wie  das  direkt  gefällte  Salz;  beide  Salze  erwiesen 
sich  als  wasserfrei,  da  beim  Trocknen  bei  100''  in  beiden 
Fällen  keine  Gewichtsabnahme  zu  constatiren  war.  Auch 
im  Goldgehalt  stimmte  das  direkt  gefällte  Sanguinaringold- 
doppelsalz  mit  dem  aus  alkoholischer  Lösung  erhalteneu 
im  Wesentlichen  überein. 

Die  Analysen   der  bei   IOC  getrockneten  Verbindung^ 

führten  zu  folgenden  Daten: 

I.     0,1674  Gramm  des  aus  alkoholischer  Lösung  erhaltenen 

Salzes    hinterliesseu    beim   Glühen   im   Porzellantiegel 

bis  zum  Constanten  Gewicht  0,0494  Gold  =  29,51  %  Au. 

Die  übrigen  Bestimmungen  wurden  von  dem  aus 

wässriger  salzsaurer  Lösung  der  Base  gefällten   Salze 

ausgeführt. 

IL    0,2446    Gramm    gaben    beim    direkten    Glühen   0,072. 

Gramm  Gold  29,43  %  Au. 
III.    0,1484  Gramm   des  Doppelsalzes  gaben  bei  der  Ver- 
brennung    mit    Bleichromat     und     vorgelegter    redu- 
cirter  Kupferspirale  0,1988  Gramm  CO2  =  36,53  7o  C 
und  0,028  Gramm  H2  0  =  2,09  0/0  H. 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloicle  etc.  40i 

IV.     0,1778  Gramm  des  Salzes  lieferten  bei  der  Elementar- 
analyse 0,2368  Gramm  CO.,  =  36,32  «/o  C   und  0,0304 
Gramm  HoO  =  1,89  o/o  H. 
Das  im  Schiffchen  verbliebene  Gold  wog-  0,0526  Gramm 

=  29,58  "/o  An. 

Gefunden: 

I.  II.  IIL  IV. 

C       —  —  36,53  36,32 

H      —  —  2,09  1,89 

Au  29,51  29,43  —  29,58. 

Berechnet  für: 

C20  Hi5  NO,.  HCl  Au  CI3. 

C    =35,70 

H    =    2,38 

Au  =  29,18. 

Sanguinarin  Platinchlorid. 

(C20  Hi5  NO4.  HC1)2  Pt  CI4. 

Zur  Gewinnung  des  Platindoppelsalzes  setzte  ich  zu  der 
erwärmten  salzsauren  Lösung  der  Base  so  lange  von  einer 
Platinchloridchlorwasserstofflösung,  als  noch  eine  Ver- 
mehrung des  dadurch  bewirkten  Niederschlages  zu  be- 
merken war.  Die  sich  nach  völliger  Ausfällung  in  amor- 
phen, dunkelgelben  Flocken  schnell  zu  Boden  setzende 
Verbindung  wurde  auf  einem  Filter  gesammelt,  mit  Salz- 
säure- und  platinchloridhaltigem,  dann  mit  reinem  Wasser 
nachgewaschen  und  schliesslich  zwischen  Fliesspapier  ge- 
trocknet. 

Im  lufttrocknen  Zustande  war  das  Salz,  welches  sich 
unter  der  Loupe  als  amorph  herausstellte,  von  dunkel- 
gelber Farbe. 

Bei  100 0  getrocknet  betrug  die  Gewichtsabnahme: 
I.     Von    0,1796    Gramm    des    Salzes    0,0018    Gramm  = 
J, 000/0. 

II.     Von    0,2116    Gramm    des    Salzes    0,0010    Gramm  = 
0,47  0/,. 

IIL     Von    0,222    Gramm     des     Salzes    0,0010    Gramm  = 
0,450/0. 

Zeitschrift  f.  Naturwiss.  Bd.  LXHI.  1890.  26 


402  Georg  Koenig: 


Es  war  hierbei  keine  äussere  Veränderung  des  Salzes 
wahrzunehmen,  und  ist  diese  Gewichtsabnahme  wohl  nur 
auf  anhaftende  hygroscopische  Feuchtigkeit  zurückzu- 
führen : 

Eine  Platinbestimmung  ergab  Folgendes: 
I.     0,1778  Gramm   des  bei   100^  bis  zum  constanten  Ge- 
wicht getrockneten  Salzes  hinterliessen  beim  direkten 
Glühen  bis  zum  constanten  Gewicht  0,0327  Gramm  = 
18,39  7o  Pt. 

Zwei     mit    Bleichromat    und    vorgelegter     reducirter 
Kupferspirale  ausgeführte  Verbrennungen  lieferten  von  dem 
bei  100°  getrockneten  Doppelsalze  folgende  Resultate: 
II.     0,2106  Gramm   gaben  0,3468   Gramm  CO.^  =  44,91  % 
C  und  0,0504  Gramm  H2  0  =  2,65  7o  H;   das  zurück- 
gebliebene Platin  wog  0,0388  Gramm  =  18,42  %. 
III.     0,221   Gramm  gaben  0,3646  Gramm   CO2  =  44,99  % 
C  und  0,051  Gramm  H2  0  =  2,56  %  H,  sowie  0,0414 
Gramm  Platin  =  18,73  %  Pt. 
Gefunden: 

I.  n.        III. 

C      —  44,91        44,99 

H      —  2,65  2,56 

Pt  18,39        18,42        18,73. 

Berechnet  für: 
(C20  Hl,  NO,  HC1)2  Pt  CI4. 

C  =44,63% 

H=    2,970/, 

Pt=  18,08%. 

Salzsaures  Sanguinarin. 
C20  Hi5  NO4.  HCl. 

Um  das  salzsaure  Sanguinarin  darzustellen,  erwärmte 
ich  die  freie  Base  bis  zur  vollkommenen  Lösung  derselben 
mit  salzsäurehaltigem  Wasser.  Aus  der  blutrothen,  mit 
<;oncentrirter  Salzsäure  versetzten  Lösung  schied  sich  das 
Salz  in  prächtig  rothen,  etwa  1  ccm  langen,  dünnen 
Nadeln  aus,  die,  durch  Absaugen  von  der  Mutterlauge  ge- 
trennt und  zwischen  Fliesspapier  getrocknet,  einen  seiden- 


Beiträge  zur  Kenntniss  der  Alkaloide  etc.  403 

artigen  Glanz  zeigten.     Beim  Trocknen  bei   100 o  verloren 
diese  Nadeln  bis  zu  23  %  ihres  Gewichts. 
Berechnet  für: 
C20  Hi5  NO4.  HCl  +  5  H2O. 
H2  0  =  19,58  %. 
Wenn  dieser,   der  wahricheinlichen  Zusammensetzung 
des  Salzes  entsprechende  Werth  so  erheblich  bei  den  aus- 
geführten Wasserbestimmungen  überschritten  wurde,  so  liegt 
der  Grund  in    einem    gleichzeitigen  Verlust    an  Salzsäure 
und  der  dadurch  bedingten  Zersetzung  des  Salzes.    Letztere 
machte  sich  sowohl  durch   den  Uebergang  der   leuchtend 
rothen    Farbe    in   eine  mattbraune,   als  auch  dadurch  be- 
merkbar,   dass   sich   das  Salz   nach  dem  Trocknen,   gleich 
dem   S.-ChelerythrinhydrochlorJd,    nicht    mehr    in    Wasser 
oder  Alkohol  löste,  was  vorher  mit  Leichtigkeit   der   Fall 
war.     Ferner  spricht   für  die  Annahme  eines  Verlustes  au 
Salzsäure  bei  100**   der  Umstand,    dass  die  von  dem  jener 
Temperatur     ausgesetzten     Salze     ausgeführten     Chlorbe- 
stimmungen  bedeutend  zu  niedrig  ausfielen. 

Zur  Analyse    verwendete  ich   daher  das  aus   Alkohol 
umkrystallisirte ,   sich  aus  diesem  Lösungsmittel  mehr  derb 
und  ziegelroth  ausscheidende  Salz,  im  lufttrockenen,  eben- 
falls  Krystall Wasser   enthaltenden   Zustande.      Denn    auch 
•das  aus  Alkohol  umkrystallisirte  salzsaure  Sanguinarin  zer- 
setzt sich  beim  Trocknen  (Verlust  9,60,  bezüglich  10,33  7o)) 
unter  Veränderung  der  Farbe  und    Chlorwasserstoffverlust, 
Eine   durch  Zersetzen  des  mit  zerriebenem  Silbernitrat 
vermischten   Salzes  durch   rauchende  Salpetersäure  ausge- 
führte Chlorbestimmung  gab  folgendes  Resultat: 
L     0,1210  Gramm  des  Salzes  gaben  0,0422  Gramm  Chlor- 
silber,  entsprechend   einen  Gehalt  von  8,62%  Chlor. 
EineVerbrennung  des  Salzes  führte  zu  folgenden  Werthen. 
IL     0,1616  Gramm  gaben  0,3512   Gramm  00^  =  59,27  »/o 
C  und  0,0696  Gramm  H2  0  =  4,78  %  H- 
Gefunden: 


I. 

IL 

c    — 

59,27 

H    — 

4,78 

Cl  8,62 

— 

26* 


404  Georg  Koenig: 


Berechnet  für: 

C20  Hi5  NO,.  HCl  +  2  H2O. 

C       =59,18% 
H       =    4,930/, 

Cl      =    8,75% 
E^0=    8,87  o;„. 

Bei  der  Verbrennung  wurde  die  rothe  Farbe  des 
Salzes  zunächst  heller  und  ging  über  grau  fast  in  weiss 
über;  erst  dann  trat  Schmelzen  und  schliesslich  Verkohlen 
der  Substanz  ein.  Es  scheint  also  beim  Erhitzen  eine 
vollkommene  Regeneration  des  freien  Alkaloides  unter  Ab- 
gabe der  Säure  stattzufinden. 

Durch  Ammoniak  wird  die  wässrige  Lösung  des  salz- 
sauren Sanguinarins  farblos  unter  Abscheidung  weisser 
Flocken  der  freien  Base. 

Salpeter  säur  es  Sanguinarins 
C20  H,5  NO,  HNO3. 
Zur  Darstellung   des  salpetersauren  Sanguinarins  ver- 
theilte    ich    die    zerriebene  Base   in   heissem  Wasser   und 
setzte  der  Flüssigkeit  unter  Erwärmen  so  viel  Salpetersäure 
zu,    als    zur   Neutralisation    nöthig   war.     Aus    der   heiss- 
filtrirten  und  hierauf  mit  überschüssiger  Salpetersäure  ver- 
setzten,   tiefrothen    Lösung  schieden    sich   nach    dem    Er- 
kalten   derselben  rothe  Nadeln   aus,   die,  von  der  Mutter- 
lauge getrennt,  behufs  Umkrjstallisation  in  heissem  Alkohol 
gelöst  wurden.     Aus